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„Care-Arbeit geschieht unbeobachtet“: Eltern berichten über Einsamkeit in der Kinderphase

Kontakte mit Freunden, Ermutigung und Zuwendung sind für Eltern mit kleinen Kindern oft Mangelware. Junge Väter und Mütter berichten über Einsamkeit im Familienalltag.

Das hatten die Fußballfans wohl nicht erwartet: In der Halbzeitpause des WM-Qualifikationsspiels Deutschland gegen Luxemburg vor einigen Monaten rückte die Komikerin Carolin Kebekus in einem achtminütigen eingängigen Clip das Thema Einsamkeit in den Fokus der Besucherinnen und Zuschauer. „In diesem Moment sind 30.000 Menschen hier im Stadion. 18.000 davon machen in ihrem Leben Erfahrungen mit Einsamkeit“, wies Kebekus darauf hin, wie sehr das Thema viele ältere, aber auch jüngere Menschen belastet. Die Videos, in denen Musiker wie Mark Forster und Jasmin Wagner („Blümchen“) sowie Fußballweltmeister Lukas Podolski zu Wort kamen, wurden auf verschiedenen Plattformen veröffentlicht und inzwischen millionenfach gesehen.

Anscheinend hat Kebekus damit einen Nerv getroffen. Nicht nur die vielen Klicks, auch die Zahlen sprechen dafür: Das „Einsamkeitsbarometer“, das jährlich vom Kompetenznetz Einsamkeit (KNE) am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. umgesetzt wird, ergab, dass 2024 fast ein Drittel der Erwachsenen Einsamkeit erlebt und als Belastung empfunden hat. Einsamkeit macht auch vor Eltern nicht Halt. Das zeigt zum Beispiel die aktuelle Studie „Love & Loneliness“, die im August 2025 durchgeführt wurde: Demnach fühlen sich rund zwei Drittel der Mütter in Deutschland nach der Geburt ihres Kindes einsam. Bei vielen von ihnen bleibt das Gefühl über Monate, teils Jahre präsent.

Eintöniger Alltag

Einsamkeit betrifft aber nicht nur Mütter, sondern auch Väter. „Mein Bett teile ich mir mit drei Menschen. Ständig kümmere ich mich um andere um mich herum. Ihre Bedürftigkeit und ihr Anspruch sind mein pausenloses Los. Am Tag bin ich nie allein. Und doch habe ich mich in meinem Leben noch nie so einsam gefühlt wie dieser Tage“, beschreibt ein Vater von zwei kleinen Kindern (1 und 5) seine Situation. Er fühle sich nicht nur von seinem Umfeld abgeschnitten. „Auch mein innerstes Selbst scheint mich verlassen zu haben und lässt mich mit dem, was noch als Letztes übrigbleibt, zurück: das täglich dauernde Beschäftigtsein und die nächtlich bewusst werdende Einsamkeit.“

Einsamkeit mitten im Leben

Solche Momente kennt auch Jonathan. „Einsamkeitsmomente“ nennt er sie: „Wenn du auf dem Spielplatz abhängst und minutenlang dein Kind auf der Schaukel anschubst, allein, weil alle anderen Kinder im Kindergarten oder in der Schule und ihre Eltern auf der Arbeit sind.“ Die Betreuung der Kinder teilt er sich mit seiner Frau. „Care-Arbeit geschieht unbeobachtet. Man bekommt dafür wenig Wertschätzung und Anerkennung“, ist seine Beobachtung. Auch das mache einsam. „Es gibt niemanden, der einem die Hand schüttelt oder auf die Schulter klopft und sagt: ‚Der Vormittag ist dir richtig gut gelungen. Du hast ein tolles Mittagessen gekocht und die Kinder sind zufrieden‘. Das muss man mit sich selbst ausmachen.“

Auch in Turn- und Krabbelgruppen, die er öfter mit den Kindern besuche, fühle er sich, als einer der wenigen Väter, häufig einsam. „In Stillcafés fühlt man sich als Mann allein wegen des Namens schon ausgeschlossen“, sagt er. In ihrer Siedlung wohnen nur wenige Familien. Auch im Dorf finden sie zunächst keinen Anschluss. „Ich bin vom Typ her kreativ und einfallsreich“, sagt der Grafikdesigner, der viel von zu Hause aus arbeitet. „Trotzdem kann so ein Alltag auch schnell mal eintönig werden, gerade, wenn man wenig Interaktion mit anderen Erwachsenen hat. Je länger so ein Tag dann geht, desto größer wird die Einsamkeit.“

Kaum aus dem Haus getraut

„Man ist gar nicht darauf vorbereitet, dass man sich als Mutter manchmal so einsam fühlt – und dass es okay ist, sich so zu fühlen“, findet Nika. Die ersten sieben Monate nach der Geburt ihres Sohnes verbringt sie fast nur zu Hause. Ihr Kind ist ein Schreibaby, das übermäßig und ohne erkennbaren Grund schreit, oft mehrere Stunden am Tag, an mehreren Tagen pro Woche. „Man führt ein ganz anderes Leben als der Rest der Welt. Ich habe mich kaum aus dem Haus getraut. Alles war auf das Kind abgestimmt. Ich hatte niemanden, mit dem ich mich austauschen konnte und war ganz auf mich allein gestellt“, beschreibt sie ihre damalige Situation.

Von Social Media fühlt sie sich unter Druck gesetzt. „Ich war nicht eine dieser Insta-Mamas, die ihre Babys in die Trage packen, in ein Café spazieren und sich mit Freundinnen treffen. Bei mir ging das nicht, und das hat das Gefühl der Einsamkeit noch verstärkt, weil ich mich gefragt habe, warum es bei allen anderen geht, aber bei mir nicht. Ich habe mir auch vorgeworfen, dass ich unglücklich war, obwohl das wundervollste Geschenk doch in meinem Arm lag.“

Dann, nach den sieben Monaten, kommt eine andere Einsamkeit hinzu. „Man kann in einer Partnerschaft sein und sich dennoch allein fühlen“, weiß sie heute und meint damit ihre damalige Beziehung. „Wir haben aufgehört, ein Paar zu sein, und haben uns nur noch darüber unterhalten, wer welche Aufgaben übernimmt. Tagsüber waren wir fürs Kind da und abends war jeder mit sich beschäftigt. Das hat sich sehr einsam angefühlt.“

Keine Zeit für Freundschaften

Sich in der Partnerschaft einsam fühlen, dieses Gefühl kennt Florian auch. „Als unsere Tochter noch kleiner war, hat meine Frau sie ins Bett begleitet – und ist dort oft mit ihr eingeschlafen. Das ging über mehrere Monate. Sie waren ab dem Abendessen quasi wie aus dem Leben raus“, erinnert er sich. „Am Anfang fand ich es schön, abends so viel Zeit für mich zu haben, aber irgendwann habe ich mich sehr einsam gefühlt.“ Er fühle sich auch dann einsam und „immer so ein bisschen zurückgesetzt“, wenn seine Tochter seine Frau bevorzugt. „Ich vermisse auch manche Freundschaften“, sagt er. Viele seiner Freunde seien entweder selbst Väter oder wohnen weiter weg. Gemeinsame Treffen fänden nur selten statt. „Deshalb fühle ich mich heute manchmal einsam, obwohl Leute um mich rum sind“, beschreibt Florian sein Dilemma.

Auch Ute bekam ihre Freundinnen selten zu sehen, als sie Mutter wurde. „Durch die Mehrfachbelastung Familie, Arbeit, Haushalt hatte ich einfach keine Zeit und Kraft für sie, geschweige denn für mich selbst“, erinnert sie sich an die Zeit zurück, als ihre drei inzwischen erwachsenen Töchter klein waren. Dabei hätte sie sie dringend gebraucht. Ihr Mann betrügt sie und lässt sie oft mit den Kindern allein. „Nach außen hin schien unsere Familie zu funktionieren, und es war nicht zu sehen“, sagt sie. Aber eigentlich hätte sie es gebraucht, „wenn meine Freundinnen mich angesprochen und Hilfe angeboten hätten.“

Ungesehen und unverstanden

Mareike wiederum ist von Freundinnen umgeben, fühlt sich aber dennoch manchmal ungesehen und unverstanden. Ihr Sohn ist mit der VACTERL-Assoziation, einer Kombination verschiedener Fehlbildungen, zur Welt gekommen. Er hatte im Alter von drei Jahren bereits über 15 OPs hinter sich und über 400 Nächte auf der Intensivstation verbracht. „Wenn andere Mamas sich über ‚normale‘ Kleinkindherausforderungen und -fragen ausgetauscht haben, die mir zu der Zeit oft banal erschienen, auch wenn sie natürlich völlig gerechtfertigt waren, habe ich mich oftmals einsam gefühlt“, berichtet sie. Ausgelöst wurde dieses Gefühl bei ihr auch „durch den Gedanken, dass ich mich nicht für diese Art zu leben selbst entscheiden konnte, sondern dass es mir gefühlt ‚übergestülpt‘ wurde. Anders, als grundsätzlich Mama zu werden, wofür ich mich ganz bewusst entschieden habe“, sagt die zweifache Mutter.

Immer mal wieder komme dieses Gefühl noch in ihr hoch, aber seltener. „Der Austausch mit anderen Eltern, die in einer ähnlichen Situation mit einem Kind mit starken Beeinträchtigungen sind, hilft mir“, sagt sie. „Viel Reden hilft“, weiß auch Florian inzwischen – auch, wenn es ihm schwerfalle. Inzwischen wechseln er und seine Frau sich gegenseitig bei der Einschlafbegleitung ab und gönnen sich mehr Zeit füreinander, was ihrer Beziehung sehr guttut.

Feste Verabredungen

Jonathan, der sich eigentlich als jemanden beschreibt, der gern allein ist und dem auch die vielen Stunden im Homeoffice nichts ausmachen, spürte: „Wenn ich intensivere und schöne Gemeinschaftsmomente hatte, habe ich gemerkt, dass mir das unheimlich guttut und ich das brauche. So ein, zwei Leute, mit denen man feste Verabredungen hat, die in der Woche verankert sind, die hätten mir rückblickend daher gutgetan“, weiß er heute. Inzwischen wohnt er in einer anderen Stadt in einem belebteren Wohngebiet und in der Nähe seiner Familie. Dort habe er schon viele neue Beziehungen aufgebaut, die sein Leben bereichern.

„Heute fühle ich mich weniger einsam, weil meine Freundinnen und ich wieder viel miteinander sprechen und uns gegenseitig unterstützen und beraten“, erzählt auch Ute. Von ihrem Mann habe sie sich scheiden lassen. Auch Nika hat eine Trennung und einen Umzug hinter sich. Mit ihrem Sohn besucht sie inzwischen viele Kurse und Gruppen – etwas, das ihr alter Wohnort nicht bieten konnte. „Das hätte ich mir aber sehr gewünscht, dann hätte ich gar nicht so viel Einsamkeit erleben müssen“, meint sie.

Ruth Korte ist Redakteurin in Gießen.

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