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Psychische Probleme bei Teenagern: Sind Eltern schuld daran?

Wenn Teenager psychische Probleme entwickeln, fragen sich Eltern oft, ob sie versagt haben. Psychotherapeut Jörg Berger verrät, was die Paardynamik damit zu tun hat.

Der Schreck sitzt tief, wenn das eigene Kind offenbart, dass es manchmal nicht mehr leben will, oder wenn es zum ersten Mal die Wunde am Unterarm zeigt, die es sich mit der Schere zugefügt hat. Andere Eltern entdecken, dass es kein Zufall mehr sein kann, dass ihre Tochter nach Mahlzeiten gleich aufs Klo geht und es dann trotz offenem Fenster nach Erbrochenem riecht. Ein Sohn, der aktiv war, zieht sich zurück und geht nur noch außer Haus, wenn er muss. Es gibt leider so viel, das sich ganz anders entwickeln kann, als es Eltern bei ihrem Kind erwarten: Ängste, Zwänge, Schulprobleme oder Suchtverhalten. Psychische Probleme treffen auch Teenager, die aus guten Verhältnissen kommen, die mit Liebe erzogen und gut gefördert wurden.

Eine Schuldentlastung, die nicht hilft

Eine 19-Jährige kommt aufgebracht ins Therapiegespräch. Sie ist wegen einer Borderline-Störung in Behandlung, von der Außenstehende vor allem die starken Stimmungsschwankungen bemerken und eine Wut, die gelegentlich explodiert, sich sonst aber gegen die eigene Person richtet: in Form von Selbstabwertungen, Selbstverletzungen oder Suizidgedanken. Ihre Eltern hätten einen Vortrag über Borderline-Störungen besucht.

Der Fachmann habe gesagt, die Erkrankung sei biologisch bedingt, eine Besonderheit im Gehirn. Meine Patientin hat sicher richtig gehört, was die Eltern damit ausdrücken wollten: „Damit hat sich doch erledigt, was du an uns kritisierst. Wir haben nichts damit zu tun, dass es dir so schlecht geht.“ Das emotionale Klima in der Familie meiner Patientin ist allerdings abweisend und vernachlässigend. Wenn sie versucht, sich gegenüber den Eltern verständlich zu machen, läuft es darauf hinaus, dass mit ihr etwas nicht stimme und dass sie undankbar sei.

Diese Erfahrung macht ein Dilemma sichtbar. Der Kollege hat seinen Vortrag für die Eltern betroffener Kinder gehalten. Er wollte offenbar entlasten und hat vermutlich die biologischen Faktoren betont. Was hilft es, wenn Eltern, die schon mit der Sorge um ihr Kind belastet sind, auch noch von Schuldgefühlen gequält werden? Andererseits ist das nicht die ganze Wahrheit. Nur wenige psychische Erkrankungen gehen in erster Linie auf Gehirnbesonderheiten zurück, AD(H)S zum Beispiel oder Autismus. Die meisten psychischen Probleme haben auch eine emotionale Ursache. Wenn sich Eltern auch dann von der Schuldfrage entlasten, übersehen sie, was sie verändern können.

Schuld annehmen lernen

Wo wir Verantwortung übernehmen, werden wir auch schuldig. Es gibt eine tragische Schuld, die wir auch dann auf uns laden, wenn wir unser Bestes geben. Wir werden sozusagen unschuldig schuldig. Wenn Eltern ihre Schuld gegenüber Kindern nicht tragen können, werden sie ihr Kind abweisen, wenn es einmal andeutet: „Da verhältst du dich so, dass es mir damit nicht gut geht.“

Doch abgewiesene Kinder fühlen sich falsch, schuldig und unzureichend. Wenn es nicht an den Eltern liegt, muss doch mit ihm, dem Kind, etwas nicht stimmen. Hilfreicher ist eine Haltung der Eltern, die Schuld annehmen kann: „Wir lieben dich und haben unser Bestes gegeben. Aber natürlich machen wir Fehler und du leidest unter unseren Schwächen. Wo wir das nicht sehen können, hilf uns, damit es uns klar wird und wir etwas verändern können.“

Mit der Entwicklung von Kindern wachsen

Je jünger Teenager sind, desto weniger können sie auf den Punkt bringen, warum sie etwas in der Familie belastet. Deshalb braucht es Geduld, ein aufmerksames Hinsehen und ein Ausprobieren von Veränderungen nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Für jedes Problemverhalten gibt es einen guten Grund. Wenn sich ein Kind verschließt, hat es Gründe, sich nicht zu öffnen, auch wenn es vielleicht ein Geschwisterkind gibt, das in der gleichen Familie sehr offen ist. Wenn ein Kind in so hohe Anspannung gerät, dass es diese mit Selbstverletzungen reguliert, hat auch das seinen Grund. Nie liegt es an den Eltern allein, aber es ist wahrscheinlich, dass sie unwissend dazu beigetragen haben.

„Welche meiner Reaktionen könnte für meinen Sohn vielleicht unangenehm sein, wenn er sich öffnet? Und was könnte ich stattdessen tun?“ – „Welche meiner Reaktionen und Sichtweisen könnte die innere Anspannung meiner Tochter verstärken? Und was wäre eine heilsame Alternative für mein bisheriges Verhalten?“ Eltern, die eine Weile mit solchen Fragen leben, schärfen ihre Wahrnehmung. Sie können probeweise ändern, was ein Kind vermutlich belastet. Wenn ich Eltern darin begleite, entspannt sich die Beziehung zu den Teenagern oft und Eltern können das tun, was sie ja wollen: mehr zur Lösung als zum Problem beitragen. Im Teenageralter sind Erfahrungen mit den Eltern bereits verinnerlicht und mit dem verwoben, was Teens mit Gleichaltrigen erleben. Probleme verschwinden daher nicht gleich, wenn sich im Elternhaus etwas ändert. Auch hier braucht es Geduld und ein Vertrauen in Teenager. Sie müssen ihren eigenen Weg mit dem Problem finden, der zu ihnen und ihren Möglichkeiten passt.

Ungute Elternbündnisse auflösen

„Wo belaste ich mein Kind, ohne dass mir das bewusst ist?“ Meist kennt der Ehepartner die Antwort, denn er leidet unter den gleichen Schwächen, die Kinder treffen. In den meisten Ehen entscheidet sich allerdings früh, über welche Schwächen seines Partners man reden darf und über welche besser nicht. Manche Schwächen liegen im toten Winkel eines Partners und vertragen sich so wenig mit dem Bild, das dieser von sich hat, dass ein Tabu entsteht. Man redet nicht mehr darüber, weil es nur zu Streit führt. Ehepartner können sich mit Schwächen zur Not arrangieren. Über die Jahre passen sie sich vielleicht sogar einer unguten Sichtweise des Partners an, einem Misstrauen zum Beispiel oder übertrieben strengen Maßstäben. Was ein Erfolgsgeheimnis für eine harmonische Ehe sein kann, nämlich ein Tabu unangetastet zu lassen, wirkt sich auf Kinder verhängnisvoll aus. Denn die stehen dann nicht nur einem Elternteil gegenüber, das eine Schwäche nicht zugeben will. Der andere Elternteil scheint auch noch zu bestätigen, dass es diese Schwäche nicht gibt.

In der Ehe beginnen

Wenn Teenager psychische Probleme haben, lohnt es sich, an den Punkt zurückzugehen, an dem man die Schwäche seines Ehepartners noch wahrgenommen hat. Doch soll man ausgerechnet jetzt den Partner mit einer Schwäche konfrontieren, wenn im Raum steht, dass diese zu Problemen des Kindes beigetragen hat? Wenn man vom Partner nicht dazu eingeladen wurde, würde ich eher raten: Nein. Doch wenn man als Ehepartner wieder spürt, wie es einem mit einer Schwäche geht, warum nicht das Tabu brechen und das Gespräch suchen? Dann muss man vielleicht einem Kampf standhalten, der sich darum dreht, dass das Tabu erhalten bleibt und damit das Gewohnheitsrecht des Partners auf eine unkorrigierte Schwäche.

Doch dem muss man nicht nachgeben: „So sehe ich es leider wirklich. Es ist nicht in Ordnung für mich und ich wünsche mir, dass du dich damit auseinandersetzt.“ Schon das verändert das emotionale Klima in der Familie und Kinder spüren es, auch wenn man mit ihnen nicht über den Ehekonflikt spricht. Die Chancen sind nicht schlecht, dass sich ein Partner schließlich doch einer Schwäche stellt und ihm dann selbst auffällt, dass vielleicht auch das Kind unter dem leidet, was der Ehepartner nicht mehr klaglos hinnimmt.

Eltern, die wussten, was sie tun

So schwer die unschuldige Schuld von Eltern zu tragen ist, die es nicht besser wussten, so erdrückend kann echte Schuld auf dem Gewissen lasten. Die Wutausbrüche zum Beispiel, die Kinder so erschrecken, hat sich eine Mutter nicht ausgesucht, doch wenn sie nichts für eine Veränderung tut, ist das eine Schuld wider besseren Wissens. Genauso wenn ein Vater über Jahre innerlich abwesend ist, weil ihn seine Affäre beschäftigt und die Komplikationen, die sie in sein Leben bringt.

Viele Menschen können wohl nur eine gute Form von Verdrängung suchen, die das wahrnimmt, was man heute eingestehen und ändern kann, und alles andere möglichst vergisst: Das Leben geht weiter, wenn man Altes hinter sich lässt, für Eltern und für Kinder. Als Christ glaube ich, dass Eltern einen Zugang zu Gottes Vergebung haben. Doch das nimmt die Last der Schuld nicht automatisch weg. Denn Eltern sehen bei ihren Kindern vielleicht weiterhin Probleme, zu denen ihr Verhalten beigetragen hat. Je nach biblisch-seelsorgerlicher Tradition, in der die eigene Kirchengemeinde steht, sehen die Wege etwas anders aus, auf denen gläubige Menschen von Schuld frei werden. Wer sehr belastet ist, profitiert vielleicht von einer Seelsorge oder geistlichen Begleitung.

Unsere Fähigkeit, Schuld zu bewältigen, und unsere Fähigkeit, Verantwortung für das zu übernehmen, was wir als Eltern tun und lassen, bedingen einander: Nur wer aushalten kann, was er hört, kann aufrichtig fragen, warum es seinem Teenager nicht gut geht. Doch warum sollte uns die Liebe zu unseren Kindern dazu nicht befähigen? Und gehört nicht auch das zu einer starken Ehe: einander bei der Bewältigung von Schuld unterstützen?

Jörg Berger ist Psychologe, Psychotherapeut und Autor, unter anderem von „Meine Stacheln. Wie Sie Ihre Schwächen entschärfen“.

 

Depression, Angststörung und Co.: Wohin kann ich gehen? Diese Adressen helfen konkret

Psychische Erkrankungen sind kein Sonderfall. Wenn die Belastung zu groß wird, gibt es viele Hilfen – sogar ohne lange Warteliste!

Wenn das Knie schmerz oder der Kopf brummt, wissen wir genau, an wen wir uns wenden müssen. Und zumindest beim Hausarzt müssen wir nicht lange auf einen Termin warten. Doch wenn die Psyche belastet ist, sieht das oft ganz anders aus.

Es ist längst kein Tabu mehr, eine Psychotherapie zu machen. Prominente reden offen darüber, es wird immer bekannter, dass niemand „verrückt“ ist, der eine Therapie braucht oder wünscht. Immerhin sind laut Aussagen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) jedes Jahr 27,8 Prozent der Menschen in Deutschland von einer psychischen Erkrankung betroffen und etwa die Hälfte aller Menschen erlebt im Laufe seines Lebens zumindest einmal eine Depression, Angststörung oder andere psychische Erkrankung. Somit zählen seelische Belastungen nicht zur Ausnahme, sondern sind ein normaler, häufiger Bestandteil des menschlichen Lebens.

Lebensberatungsstelle hilft gegen Wartezeiten

Und doch gibt es noch immer viel zu wenige Therapieplätze, weil zu wenige Kassensitze zur Abrechnung freigegeben werden. Deshalb sind die Wartezeiten oft lang, sie betragen laut Bundespsychotherapeutenkammer durchschnittlich vier bis fünf Monate. Zur Überbrückung sind häufig Termine in einer Lebensberatungsstelle oder, für Kinder und Jugendliche, in einer Erziehungsberatungsstelle hilfreich. Dort arbeiten ausgebildete psychosoziale Fachkräfte, die zwar noch keine Therapie anbieten können, aber stabilisierende und klärende Beratung im Angebot haben. Kostenlose Anlaufstellen in der Region (z. B. von der Diakonie, Caritas und AWO) sind beispielsweise über den Online-Beratungsführer dajeb.de zu finden.

Beratungsstellen sind generell die richtige Adresse, wenn es nicht unbedingt um eine psychische Störung (oder nur mit leichten Symptomen), sondern eher um die Klärung schwieriger Lebensfragen und -situationen geht. Hier kann auch eine Seelsorge gute Dienste leisten. Seelsorge ist eine geistliche Beratungsform, bei der neben bekannten Beratungstechniken zusätzlich Aspekte des Glaubens einbezogen werden. Die Beziehung zu Gott kann in den Prozess integriert werden, auch das Gebet kann zu einem seelsorgerlichen Gespräch dazugehören. In vielen Kirchengemeinden gibt es Seelsorgeangebote, zudem lassen sich Adressen in Verzeichnissen wie cstab.de oder acc-deutschland.org finden.

Bei Krankheit hilft Psychotherapie

Wenn hingegen die Belastung Krankheitswert bekommt, ist auf Dauer Psychotherapie zu bevorzugen. Krankheitswert bedeutet, dass die Symptome (z. B. Ängste, starke Niedergeschlagenheit, ausgeprägte Antriebslosigkeit) so stark sind, dass sie die Funktionsfähigkeit im Alltag deutlich einschränken oder drohen, dies bald zu tun.

Psychotherapeutinnen und -therapeuten sind unter therapie.de oder über die Psychotherapeutenkammer des Bundeslandes (z. B. „Psychotherapeutensuche Psychotherapeutenkammer NRW“ in eine Suchmaschine eingeben) zu finden. Hilfreich sind auch die sogenannten Terminservicestellen der Bundesländer. Dort können Betroffene sich melden und bekommen dann einen ersten Kontakt zu einer therapeutischen Praxis vermittelt. In den sogenannten Sprechstunden können sie überprüfen, ob die „Chemie“ zum Therapeuten stimmt – wenn nicht, dürfen sie selbstverständlich wechseln. Klientinnen und Klienten sollten hier nicht zögern – wie bei körperlichen Symptomen dürfen sie erst einige Ärzte „testen“, bis sie den richtigen gefunden haben.

Versichertenkarte reicht

Psychiaterinnen und Psychiater sind übrigens Ärztinnen und Ärzte, die auf die Behandlung psychischer Erkrankungen spezialisiert sind. Sie bieten jedoch keine ausführliche Therapie an, sondern meistens nur gelegentliche Gespräche und Medikation. Dies kann anfangs oder zur Überbrückung sinnvoll sein, ersetzt jedoch keine gründliche Therapie.

Übrigens, ein häufiger Irrtum: Für den Besuch bei einem Psychotherapeuten braucht man keine Überweisung – die Versichertenkarte reicht völlig aus.

Bei besonders schweren psychischen Belastungen kann es sein, dass eine ambulante Behandlung, beispielsweise einmal pro Woche, nicht ausreicht. Dann kann eine Behandlung in einer psychiatrischen Klinik sinnvoll sein. Auch das kann in einer ambulanten Therapie geplant werden.

Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Autorin (neuewege.me).

Gesunde Kinder

Die gute Nachricht zuerst: „Nach Einschätzung der Eltern weisen 94 Prozent der Kinder und Jugendlichen einen sehr guten oder guten allgemeinen Gesundheitszustand auf.“ Das ist ein wesentliches Ergebnis der „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS), die heute veröffentlicht wurde. Sie umfasst den Zeitraum von 2009 bis 2012. Im Vergleich zur KIGGS-Basisstudie, die zwischen 2003 und 2006 erstellt wurde, rauchen Heranwachsende weniger und trinken weniger Alkohol. Dreiviertel der Kinder und Jugendlichen treiben regelmäßig Sport.

Die schlechte Nachricht: Immer noch haben Kinder aus sozial schwachen Familien ein höheres Risiko für bestimmte Erkrankungen.

Zu den häufigsten Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter gehören Allergien, allein neun Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden an Heuschnupfen. Besonders häufig sind auch psychische Erkrankungen: Bei 20 Prozent der Befragten zwischen 3 und 17 Jahren wurden Hinweise auf psychische Störungen festgestellt.

Weitere Informationen: www.rki.de, www.kiggs-studie.de