Wenn die Kinder an einem vorbeiziehen

Papa fährt voran – so geht es lange Jahre. Doch plötzlich werden die Söhne immer schneller … Von Joachim Bosch

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Söhne kleine Babys waren und ich der große Papa. Und das änderte sich auch lange, lange Zeit nicht. Sie schauten zu mir auf, versuchten nachzumachen, was ich so trieb, wollten auch groß sein und das können, was ich kann. Mann, tat das gut! Dann wurden die Jungs größer und wollten auch mit dem Fahrrad unterwegs sein. Sie wollten auch mit Werkzeug hantieren, auch einen Computer haben und natürlich auch an ihm herumschrauben – eben alles das, was ich so mache. Und wieder fühlte ich mich als das große Vorbild, als derjenige, an dem sie sich orientieren. Und das tat immer noch sooo gut!

GUTES GEFÜHL
Es kam die Schulzeit. Meine Söhne waren nun immer mehr davon überzeugt, dass sie auch etwas können, das ich nicht kann. Es kam zu ersten Diskussionen über Dinge, über die wir Erwachsenen schmunzeln konnten. Aus diesen Diskussionen ging ich mit wenigen Argumenten als Sieger hervor. Und ich merkte, dass sie immer noch zu mir aufschauten. Jetzt war ich nicht nur der Große und Starke, jetzt war ich auch noch der Schlaue, der so viel weiß. Und ich fühlte mich immer noch sehr gut! Der Wechsel von der Grundschule auf das Gymnasium stand an. Und natürlich war der Wunsch groß, auch mit dem Fahrrad die vier Kilometer in die Schule fahren zu dürfen – so wie es eben Papa seit Jahren vormachte. Nach langem Überlegen entschlossen wir uns, es zu wagen. Aber ich musste dabei sein. Es ging immerhin über zwei Kreuzungen, die nicht ganz ohne sind. Der erste Schultag kam und ich „durfte“ dem Großen zeigen, an welchen Stellen er aufpassen musste, wo es ungefährlich war und wo man die Fahrt so richtig genießen konnte. Das war super, das war cool und ich war der Größte. Ich fühlte mich gut! Zwei Jahre später wechselte unser zweiter Sohn ebenfalls auf die weiterführende Schule, wollte auch mit dem Fahrrad fahren, gleiche Prozedur, gleiches Gefühl!

DAVONGEFAHREN
Die Jahre gingen ins Land. Ab und zu fuhr ich noch mit den Jungs morgens in die Schule. Aber es hatte sich etwas geändert: Hatte ich am Anfang immer wieder auf sie warten müssen, musste ich jetzt immer häufiger schauen, dass ich Schritt halten konnte. Konnte das sein? Wahrscheinlich hatte ich einen schlechten Tag oder meine Tasche war schwerer als ihre – Ausreden waren schnell zur Hand. Aber ich fühlte ich mich an diesen Tagen nicht mehr so gut. Und es wurde langsam zur Regel, dass zumindest unser Ältester mir mit dem Fahrrad davonfuhr. Das tat weh. Das kratzte gewaltig an meinem Selbstbewusstsein und an meinem Ehrgeiz, besser zu sein als die Jungen – schließlich war ich ja sportlich und trainiert (aber eben auch schon über 40). Ich wurde unsicher, frustriert, fühlte mich gedemütigt und alt und nicht mehr gut. Es dauerte sehr lange, bis ich damit klarkam. Und es gab so manchen Rückschlag auf dem Weg zur Gelassenheit und Dankbarkeit. Immer wieder kam es zu Rückschlägen, die gewaltig schmerzten. Es blieb auch nicht aus, dass die absurdesten Entschuldigungen sich in meinem Gehirn breitmachten: „Die Reifen sind nicht richtig aufgepumpt …“ Das Verdrängen – eine Spezialität von uns Männern – drohte zu verhindern, dass ich mich mit den Veränderungen des Älterwerdens auseinandersetzte. So blieb letztendlich das Gefühl, wirklich alt geworden zu sein, nicht mehr leistungsfähig und damit minderwertig zu sein.

MEIN TEMPO
Zum Glück gibt es Freunde im gleichen Alter. Auch sie mussten sich mit diesem Problem auseinandersetzen. Irgendwann kam es zur Sprache. Und jeder von uns merkte, dass wir alt werden. Es tat mir gut zu hören, dass ich nicht allein bin mit meinem Problem. Parallel dazu kamen in den Gesprächen mit meiner Frau meine Minderwertigkeitsgefühle zur Sprache. Sie „wusch“ mir den Kopf. Das Ganze gipfelte in dem Satz: „Wie ich bin, bin ich genug.“ Bei dem Versuch, es mit dem Fahrrad auch mal gemütlich anzugehen, gab es allerdings immer wieder Momente, die wehtaten: Da wurden die Überholer immer jünger. Und die zum Scheitern verurteilten Versuche mitzuhalten wieder häufiger. Schließlich kam ein älterer Schüler unserer Schule, den ich Jahre zuvor noch locker überholen konnte. Er ließ mich einfach stehen. Das war der entscheidende Moment! Die deutliche Niederlage rüttelte mich wach und machte mir spürbar klar, dass es einfach eine Entwicklung der Alterung gibt – und zwar bei allen. Seitdem fahre ich jeden Tag mein Tempo: mal langsam, mal schneller, mal auf der Jagd nach Traktoren oder E-Bikes, mal gemütlich hinter anderen her. Und seitdem fühlt sich das wieder gut an.

Joachim Bosch ist Realschullehrer, seit 25 Jahren verheiratet mit Susanne und hat zwei erwachsene Söhne. Er wohnt in Satteldorf, Kreis Schwäbisch Hall und fährt jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule.

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