Einfach da

Ein Gastbeitrag von Annette Fabinski

 

Da saß er.

Ganz links am Fenster. Neben ihm drei Stühle frei.

Sein schlanker Körper mit dem feinen Profil erinnerte an einen ägyptischen Prinzen.

In seinen Händen das Gesangbuch. Konzentriert blickte er mit leicht gesenktem Kopf hinein, seine Lippen bewegten sich zur Klaviermusik, die von einer alten Dame bedächtig gespielt wurde. Die Musik durchzog den Raum, sanft und warm. Durch das Milchglasfenster fielen Sonnenstrahlen gebrochen herein.

Und da saß er.

Er, der Schulschwänzer, er, der immer unterwegs war. Nie wusste seine Mutter, wo sie ihn finden konnte. Heimatlos – ja, das Wort passte auf ihn.

Vor unserer Tür stand er oft. Manchmal kam er einfach hereinspaziert, aß mit uns, spielte mit uns und blieb und blieb. Dann verschwand er und tauchte tagelang nicht auf.

An einem Wochenende schlief er bei uns.

Das Haus war von Lachen durchzogen, Fußgetrappel auf der Treppe. Es wurde gespielt, gemeinsam gegessen, geredet und irgendwann auch, später und später, erschöpft geschlafen. Dann kam der Sonntag. Unser Sonntag mit unserem Gang zum Gottesdienst.

Vorsichtig fragte ich ihn, ob er mitkommen wolle.

Er wollte.

Er tauchte ein in eine für ihn vollkommen fremde Welt. Noch nie zuvor hatte er einen Gottesdienst besucht. Noch nie zuvor hatten ihn Menschen auf eine solch freundlich zugewandte Art begrüßt. Wie im Traum lauschte er der Predigt, sang er zum ersten Mal ein Kirchenlied, betete er. Danach gab es Wasser, Saft und Kuchen. Alle standen fröhlich zusammen und er mitten unter ihnen. Er strahlte, aß ein zweites Stück Kuchen, redete, lachte, war einfach da, mitten unter ihnen.

Dann kam die Woche.

Es regnete.

Er schwänzte die Schule.

War unterwegs.

Blieb irgendwo.

Alltag.

Am nächsten Wochenende schlief er nicht bei uns.

War zu Hause, weit draußen auf dem Land.

Es war kalt und wir waren müde. Etwas zu spät setzten wir uns während des Eingangsliedes auf Plätze nahe der Tür.

Griffen das Gesangbuch.

Die Musik wärmte.

Langsam wurde ich wacher.

Mein Blick wanderte nach links.

Ich traute meinen Augen nicht.

Da saß er.

Neben ihm unsere drei freien Plätze.

Und war einfach da.

 

2 Kommentare
  1. Simone
    Simone says:

    Eine tolle, tiefsinnige Geschichte! Bei allen Irrungen und Extremen, durch die sich die Menschheit gerade bewegt, zeigt sie, dass es in uns doch immer eine Möglichkeit zur Erdung gibt.

    Antworten

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