Verloren: Wie Gott dir den Weg nach Hause zeigt
Wie findet man in Zeiten der Veränderung ein Zuhause bei Gott? Eine Spurensuche auf zwei unterschiedlichen Wegen.
„Zuhause ist, wo du den Bauch nicht einziehen musst“, stand auf dem Kühlschrankmagneten. Manchmal braucht die Wahrheit weder viele Buchstaben noch tiefe Weisheit. Manchmal reicht ihr eine Alltagsbeobachtung.
In diesem Fall fand ich sie in einem älteren kleinen Wohnwagen. Er stand fertig gepackt an der Straße vor unserem Haus. Die Nachbarn hatten zur Besichtigung eingeladen, sie hatten ihn erst vor ein paar Tagen gekauft. Gebraucht zwar, aber noch gut in Schuss und innen zum Wohlfühlen. „So haben wir immer alles dabei. Am Meer oder in den Bergen – egal, wo wir sind. Wir machen die Tür zu und sind zu Hause!“ Der Magnet stammte noch vom Vorbesitzer. Für den hatte der Wagen offenbar die gleiche Bedeutung.
Was wäre das für ein wunderbares Bild für Gott! Eine Art inneres Zuhause auf unserer Reise durch die Zeit. Egal, wie es draußen zugeht, egal, wo uns der Weg hinführt: Wir haben unser Zuhause immer dabei. Gott: ein Zuhause im Herzen. Diese Sehnsucht habe ich in mir. Aber meine Erfahrung ist eine andere: Wenn ich Heimat finden will bei Gott, muss ich mich auf den Weg machen.
Eine Geschichte. Zwei Wege.
Es gibt diese große Erzählung in der Bibel über das Nachhausekommen: „Der verlorene Sohn“ handelt eigentlich von zwei Söhnen und ihrem Vater. Der ältere Sohn tut seine Pflicht und bleibt auf dem elterlichen Hof, der jüngere verjubelt sein Erbe in der Fremde. Kurz vor dem Hungertod treibt es ihn zurück nach Hause, wo er keine Gnade erwartet. Er will nur als Knecht arbeiten. Als er sich dem Hof nähert, vergisst der Vater vor Freude das angemessene Verhalten eines antiken Familienvorstands und rennt ihm entgegen. Es gibt ein großes Fest, und der „Verlorene“ bekommt den Ring des Vaters angesteckt. Alle sollen sehen, dass er ohne Wenn und Aber wieder als Sohn angenommen ist.
Der andere Sohn fühlt sich – was weder unter Geschwistern noch sonst in der Welt selten ist – ungerecht behandelt. Der Vater lässt sich die Freude nicht verderben. Er lädt den Enttäuschten ein, sich über die Rückkehr des anderen zu freuen. Schließlich sei er ja jeden Tag mit dem Vater zusammen und würde alles mit ihm teilen. Welchen Grund gäbe es also, neidisch zu sein? Wie dieser, der zweite Sohn, reagiert, wissen wir nicht. Die Geschichte hat vor allem den Vater im Blick. Das Ende bleibt offen, weil wir, die wir die Geschichte hören, uns entscheiden müssen: Soll das unser Zuhause sein?
Dies ist eins von 40 Gleichnissen Jesu, die allesamt versuchen, bildhaft zu erklären, was schwer in Worte zu fassen ist: Wie ist Gott? Wie ist das Zuhause, in das er uns einlädt? Was ist wichtig im Leben? Allerdings: Es ist nicht irgendeine Geschichte. Für Martin Luther ist es das wichtigste Stück aus der Bibel. Wenn die Heilige Schrift verloren ginge und nur dieses Gleichnis gerettet würde – dann wäre das ganze Evangelium, die ganze Gute Nachricht von der Gnade Gottes ebenfalls für die Menschheit gerettet. So der Reformator. Und wichtig ist sie tatsächlich, weil sie zwei unterschiedliche Wege in das Zuhause bei Gott zeigt. Der eine äußerlich, der andere innerlich. Der eine lang, aus einer offensichtlich großen Entfremdung von Gott. Der andere kurz, aus einer scheinbaren Nähe. Zwei sehr menschliche Wege.
„Der Verlorene“
Welcher der beiden Söhne ist eigentlich „der Verlorene“? Derjenige, der weg war und Sehnsucht nach Hause hat? Oder der andere, der dageblieben ist? Denn zu Hause zu sein, ohne das als Wert zu empfinden, ist genauso schlimm, wie kein Zuhause zu haben.
Schauen wir uns den ersten Sohn an: Er muss sehr weit gehen, um bei sich selbst anzukommen. „Ich schaffe es nicht allein“ – das ist kein schönes Eingeständnis. Heute noch weniger als damals. Denn heute können wir uns weniger als früher als Opfer der Umstände verstehen. Wir haben mehr Möglichkeiten als alle Generationen vor uns. Was sich aber nicht geändert hat: Wir können unseren Weg nicht allein gehen. So ist der Weg zurück zu Gott vor allem ein Weg zurück in die Wahrheit über unser Leben. Und dazu gehört, dass wir vielleicht sogar noch mehr auf Gott angewiesen sind als die Menschen zur Zeit Jesu, weil wir mehr eigene Fehler machen können.
Ohne es zu merken, bin ich genau diesen Weg zurück in die Wahrheit schon oft selbst gegangen. Und zwar in einem Gebet, das ich seit etwa einem Jahr regelmäßig bete. Es ist dem Weg des jüngeren Sohns ähnlich, denn auch ich versuche, durch einen äußeren Weg innerlich bei Gott anzukommen. Dafür suche ich die absolute Stille im Haus, zünde eine Kerze an und beginne meinen Weg zurück zu Gott mit einem wenig bekannten Vers aus einem alten Pilgerlied. Es wurde während der tagelangen Anreise zum Tempel in Jerusalem gesungen: „Sende dein Licht und deine Wahrheit. Sie sollen mich sicher führen. Sie sollen mich zu dem Berg bringen, wo dein Heiligtum ist, deine Wohnung“ (Psalm 43,3). Das sprich mehrfach hintereinander.
Das Zuhause kann verloren gehen
Es geht mir wie dem ersten Sohn: Die Wahrheit, dass ich Gott brauche und den Weg nicht allein gehen kann, zeigt mir den Weg zurück. Richtig ist dann der Abzweig, der mich näher zu Gott bringt. Während sich der Puls beruhigt, finde ich inneren Frieden. Das ist der Moment, ab dem es möglich wird, Gott zu begegnen. Ob es passiert, ist seine Sache. Aber ich bin da und bereit.
Sich ganz auf die Gegenwart einzulassen, ist eine zentrale Fähigkeit im Leben wie im Glauben. Sie fällt uns immer schwerer. Ablenkungen gibt es massenhaft. Wenn sich in Bezug auf Gott ein „Zuhausegefühl“ einstellen soll, braucht es vor allem die eigene Anwesenheit. Und das ist erst einmal eine rein äußerliche Frage.
„Aber wieso?“, kann man einwenden. „Es gibt doch auch das Gefühl, das Gott einen irgendwie trägt, begleitet und hält. Das ist doch ein Stück Zuhause!“ Ja, das gibt es. Aber jede Beziehung ist nur so stark wie ihre tiefsten Berührungspunkte. Vertrauen passiert nicht einfach, es wächst in wenigen Augenblicken echter emotionaler Verbundenheit. Und ein Zuhause kann man verlieren, wenn man nur oberflächlich nebeneinanderher lebt. So wie der andere Sohn.
Ein Streit führt nach Hause
Der zweite Sohn geht einen anderen Weg, den des Konflikts. Es klingt vielleicht absurd, aber ein offener Konflikt kann helfen, Nähe herzustellen. So wie im Gleichnis der Unmut des Sohnes über die Ungerechtigkeit des Vaters ihn daran erinnert, dass der alltägliche Kontakt selbst schon großen Wert hat. „Du hast jeden Tag das, wonach andere ihr Leben lang suchen. Was mein ist, ist auch dein“, so die Botschaft. „Du bist nicht Gast in meinem Zuhause, das ist unser gemeinsames Heim. Und ich finde das wunderbar!“ Wie jede andere Beziehung kann auch diese den Tod der Langeweile sterben. Der Konflikt macht sichtbar, was der Alltag versteckt: Es steht viel auf dem Spiel. Entweder wir finden wieder zueinander und erkennen gemeinsam, was wir aneinander haben. Oder wir entdecken dies nicht. Dann geht das gemeinsame Heim verloren. Manchmal muss man bis an die Grenze gehen, um sich wieder auf das Zuhause einlassen zu können.
Und auch da finde ich mich wieder: Gemeinde, Gebet, Gottesdienst, Bibel, der christliche Lieblings-Influencer – das alles kann Alltag werden und anfangen, schal zu schmecken. Es besteht akute Verwechslungsgefahr: Die Mittel des Glaubens können mit dem Inhalt – Gott – gleichgesetzt werden. Und schon ist die Krise da. Was man von dem zweiten verlorenen Sohn lernen kann: Es muss ausgesprochen werden. Vielleicht nicht nur im Gebet bei Gott, sondern auch im Gespräch mit anderen Menschen. Und natürlich zuallererst bei mir selbst: Ich muss mir eingestehen, dass es nicht gut läuft, dass das „Zuhausegefühl“ eher eine Erinnerung ist, aber keine Gegenwart.
Und wenn es sich nicht anfühlt wie zu Hause?
In beiden Fällen sehen wir: Am Anfang steht ein Eingeständnis, dass es nicht allein geht. Dann folgt die Entscheidung, sich wieder auf den Weg zu machen, sei es auch durch Konflikte hindurch. Und dann?
Was dabei herauskommt, wissen wir nicht. Manchmal machen wir alles richtig, und trotzdem stellt sich das ersehnte Gefühl nicht ein. Aber mal ehrlich: Das ist vielleicht gar nicht so schlimm. Wenn wir noch einmal an den Wohnwagen vom Anfang denken, der ein Zuhause auf Rädern ist – er ist nur ein Zuhause auf Zeit. Die eigentliche Heimat ist eine andere. Wenn er ein „Zuhausegefühl“ erzeugt, ist es trotzdem nur ein Gefühl. Das echte Zuhause wartet noch.
So ist es auch im Glauben: Unser „Zuhausegefühl“ bei Gott ist nicht schon das Ziel. Es ist nur ein Gefühl. Gefühle kommen und gehen, sind veränderbar und von so vielen Faktoren abhängig, dass wir oft nicht wissen, warum wir uns gerade so fühlen, wie wir uns fühlen. Das echte Zuhause ist die Ewigkeit bei Gott. Das ist der eigentliche Ort der Sehnsucht. Und der Weg dahin ist nicht kompliziert. Er ist auch nicht verborgen, sondern zum Greifen nah. Denn der Weg in die Ewigkeit ist der, den diese Geschichte von den beiden Söhnen und ihrem Vater erzählt: Es ist Jesus. Wer den Weg in die Ewigkeit sucht, findet seine Antwort nur bei ihm.
Matthias Kleiböhmer ist Theologe, Autor und Communitypastor der Stiftung Creative Kirche in Witten. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.








