Ein Mann im Hemd, der sich ein Sakko über die Schulter wirft

Beruflicher Neustart: So gelingt der Bewerbungsprozess

Mit der Einladung zu einem Gespräch geht der Bewerbungsprozess erst richtig los. Carmen Gladhofer erklärt, wie man sich vorbereitet.

Was dich bei einem Bewerbungsgespräch erwartet, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Für Stellen, auf die es eine Vielzahl an Bewerbern gibt oder wenn mehrere Stellen vergeben werden, findet zu Beginn häufig ein Assessment Center (AC) statt. In einem größeren Unternehmen kann ein solches AC wie folgt ablaufen:

Es werden zeitgleich mehrere Bewerberinnen und Bewerber eingeladen, die auf mehrere Bewerter aus dem Unternehmen treffen. Vorgeschaltet erfolgt oft ein erstes Interview – gern auch online. Im AC sind unterschiedliche Bewerbungselemente zusammengefasst: In der Regel besteht die Möglichkeit zur kurzen Selbstpräsentation. Zudem muss man sich Einzel- und/oder Gruppenaufgaben stellen, die inhaltlich auf den ersten Blick nichts mit der eigentlichen Aufgabe zu tun haben müssen, sondern auf andere Kompetenzen abzielen, zum Beispiel die Fähigkeit zur Zusammenarbeit, die Problemlösungskompetenz, Umgang mit Stresssituationen … Abschließend erfolgt häufig ein individuelles Gespräch oder Interview zur Reflexion des Tages oder zur Klärung von offenen Fragen.

Vorgeschaltet, ergänzend oder integriert in das AC oder sonstige Bewerbungsrunden sind mitunter kognitive Leistungstests. Diese Tests werden, je nach Stelle und geforderten Kompetenzen, individuell zusammengestellt. Normalerweise kannst du diese online durchführen. Suche dir dafür einen ruhigen Ort und einen Zeitpunkt aus, an dem du dich gut konzentrieren kannst, denn sie enthalten oft zeitliche Restriktionen. Es gibt eine Vielzahl an kognitiven Kompetenzen, die getestet werden können: beispielsweise die Analyse deiner Wahrnehmung, logisches Schlussfolgern, Gedächtnisleistung, Bearbeitungsgeschwindigkeit …

Diese Leistungsdiagnostik findet Eingang in Bewerbungsprozesse, um die einstellenden Personen mit objektiven Daten im weiteren Auswahlprozess zu unterstützen. Das soll Einstellungen aufgrund des „Nasenfaktors“ verhindern. Idealerweise werden die Ergebnisse für eine Reflexion im gemeinsamen Bewerbungsprozess genutzt, und du erhältst die Resultate im Anschluss an die Bewerbungsrunde. Das Internet bietet eine Vielzahl von Beispielen dazu.

Gut vorbereitet ins Interview

In den meisten Fällen besteht allerdings die erste Runde im Bewerbungsprozess aus einem Interview – entweder online oder persönlich vor Ort. Für Online-Interviews setze dich vorab mit der Technik auseinander, sodass das Gespräch mit einer guten Bild- und Tonqualität sowie in einer ruhigen Atmosphäre stattfinden kann. Dies gibt dir, im Falle von technischen Schwierigkeiten, ein souveränes Gefühl. Ansonsten darfst du dich, so wie in einem Präsenzinterview auch, im Hinblick auf deine Getränke, Kleidung und Schreibmaterialien entsprechend vorbereiten. Wenn du sprichst, versuche, in die Kamera zu schauen und weniger stark auf deinen Gesprächspartner auf dem Bildschirm. Je nachdem, wo deine Kamera positioniert ist, kann der Interviewer dich so besser sehen.

Mit wem du es im Interview zu tun hast? Je kleiner das Unternehmen und je flacher die Hierarchien, desto eher wirst du schon in der ersten Runde direkt mit deinem potenziellen Vorgesetzten in Kontakt kommen. Es kann aber auch sein, dass du in der ersten Runde auf den Personaler des Unternehmens triffst. Oder auf ein Team aus Personal- und Fachabteilung. Welches Setting es auch ist: Lass dich davon nicht irritieren!

So kann ein Interview ablaufen

Auch wenn sich der Aufbau von Bewerbungsrunden bei Arbeitgebern unterscheidet, kann man anhand gewisser Aspekte erkennen, ob es sich um ein professionell vorbereitetes Interview handelt: Deine Gesprächspartner sind auf dich vorbereitet. Sie haben deine Unterlagen gelesen, sich mit dir auseinandergesetzt, und sie folgen einem strukturierten Ablauf. Das heißt, sie lassen dich nicht nur standardmäßig deinen Lebenslauf rezitieren, deine größten Stärken und Schwächen benennen, abschließend ein paar Fragen stellen und flankieren das Gespräch ansonsten mit eigenen Geschichten. Sondern sie stellen sich kurz selbst, das Unternehmen sowie die zu besetzende Stelle vor und verwenden anschließend den größten Teil der Zeit auf dich.

Sie führen dafür, nach einer kurzen (!) Selbstvorstellung deinerseits, ein zielgerichtetes Interview durch. Dabei prüfen sie fokussiert diejenigen Kompetenzen ab, die sie in der Ausschreibung für die Durchführung der beschriebenen Aufgaben gefordert haben. Beispielsweise durch:

  • Reflexionsfragen zu Kompetenzen: „Bei welcher Aufgabe konnten Sie Ihr Organisationstalent besonders gut unter Beweis stellen? Warum?“
  • Analogiefragen zu deinem Privatleben: „Sie werden bei uns kreative Lösungen finden müssen und attestieren sich dies im Anschreiben. Auf welche kreative Lösung aus der Vergangenheit sind Sie besonders stolz?“
  • Selbsteinschätzungen: „Auf einer Skala von 1-10 (10 = höchste Ausprägung): Wie schnell lassen Sie sich aus der Ruhe bringen? Wovon?“
  • Durchspielen von Fallbeispielen und möglichen Reaktionen: „Ein Kunde wird persönlich ausfallend, weil er mit der erbrachten Leistung des Unternehmens nicht zufrieden ist. Wie reagieren Sie? Wie fühlen Sie sich in solch einer Situation?“
  • Provokative Rückfragen zu Äußerungen deinerseits

Zudem kommen abschließend vermutlich Fragen zum Arbeitgeber: Beispielsweise:

  • „Warum möchten Sie gerade bei uns arbeiten?“
  • „Wie möchten Sie als Mitarbeiter/Mitarbeiterin geführt werden?“
  • „Was ist Ihnen in der Zusammenarbeit mit einem Team wichtig?

Dabei gilt: Lass dich nicht aus der Ruhe bringen. Frag nach, wenn du eine Frage nicht richtig verstanden hast. Sei ehrlich, wenn du keine wirkliche Antwort auf eine Frage findest. Und sei auch selbstkritisch, sofern es angebracht ist. Abschließend gibt es in der Regel die Möglichkeit für Fragen deinerseits. Diese können sich beispielsweise auf das Unternehmen, das Team oder die konkrete Aufgabe beziehen. Das Gespräch endet meist mit einem zeitlichen Ausblick auf mögliche Entscheidungen sowie eventuellen Inhalten von Folgerunden.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass du im Rahmen eines ersten Gespräches noch kein finales Jobangebot erhältst. Mittlerweile ist es eher üblich, eine Folgerunde stattfinden zu lassen. Dies können neben den zuvor beschriebenen Verfahren auch eine Präsentation, Probearbeiten oder Ähnliches sein. All dies ist stark abhängig vom Unternehmen und der ausgeschriebenen Stelle.

Mindset und Vorbereitung

Solltest du das Gefühl haben, dass es an einer Stelle nicht gut gelaufen ist: Mach dich deswegen nicht verrückt! Ein Unternehmen entscheidet sich immer aufgrund einer Vielzahl an Eindrücken. Sollte eine Absage dennoch mit spezifischen Situationen begründet werden, halte dir vor Augen: Es sind immer nur Momentaufnahmen in einem speziellen Setting, in dem es diesmal nicht so gut gelaufen ist. Es ist aber niemals eine Wertung über dich und deine Persönlichkeit!

Wenn du bemerkst, dass du vor oder nach einer Bewerbung mit den immer gleichen Gedanken konfrontiert wirst, kann es sein, dass dich ein negativer Glaubenssatz belastet. So etwas wie: „Die anderen sind alle viel besser als ich.“ Oder: „Ich werde nie einen neuen Job finden.“ Dies sind Aussagen, die du irgendwann als vermeintliche Wahrheit über dich verinnerlicht hast. Das Problem dabei: Sie sind nicht die Realität, und sie wirken sich auf dich, dein Selbstbewusstsein und möglicherweise auf dein Verhalten im Bewerbungsprozess aus.

Die Bearbeitung von negativen Glaubenssätzen ist ein wichtiger Aspekt. Ansonsten heißt es in der Vorbereitung, sich mit dem Arbeitgeber und der möglichen Aufgabe zu beschäftigen, eine aussagekräftige Selbstpräsentation zu üben, zu überlegen, welche Kompetenzen man wie gut und auf welche Art und Weise einbringen kann und angemessene Fragen vorzubereiten. Für den Fall, dass es sich um ein international tätiges Unternehmen handelt: Eigne dir das wichtigste Fachvokabular sowie deinen Lebenslauf in der englischen Sprache an.

Einen Moment innehalten

Irgendwann geht ein Bewerbungsprozess zu Ende, und du hast bestenfalls eine Zusage erhalten. Herzlichen Glückwunsch! Deine Aufregung ist sicherlich groß – du solltest dir dennoch einen kurzen Moment des Innehaltens gönnen. Gehe zurück zu den Inhalten aus Teil 1 und 2 dieser Serie. Reflektiere die Gefühle, die du während des gesamten Bewerbungsprozesses mit dem potenziellen Arbeitgeber hattest. Und nimm diese – trotz aller Euphorie – ernst.

Frag dich, ob du mit dem angebotenen Job eine berufliche Mission formulieren kannst, die auf die Vision von deinem Leben einzahlt. Die gut zu denjenigen Kompetenzen passt, die dir besondere Freude bereiten. Die deinen Werten für eine produktive Zusammenarbeit entspricht. Und die stimmig ist mit den wichtigsten Bedürfnissen in eurer Familienkonstellation.

Triff erst dann eine Entscheidung, ob du dich auf den Weg machen möchtest. Falls ja: Viel Erfolg bei deinem neuen Abenteuer! Falls nein: Hab den Mut, auch diese Entscheidung zu treffen, um dann deine wirklich passende berufliche Mission zu finden! Du schaffst das – ganz sicher!

Hier geht es zu Teil 1 der Serie von Carmen Gladhofer: Wie du entscheidest, ob eine berufliche Veränderung ansteht

Hier geht es zu Teil 2: Wie du eine gute berufliche Entscheidung triffst

Hier geht es zu Teil 3: Tipps für deine Bewerbung

Carmen Gladhofer ist Ökonomin, Trainerin und arbeitet in Dortmund als Systemischer (Online-)Coach. Sie bietet Businesscoachings mit dem Schwerpunkt „berufliche Zufriedenheit“ an.