Erster Job: Wenn junge Erwachsene (zu) hohe Ansprüche haben
Elternfrage: „Unsere Tochter (22) hat in unseren Augen zu hohe Ansprüche an ihren ersten Job, hinsichtlich des Gehalts, Work-Life Balance etc. Sollen wir was sagen oder uns lieber raushalten?“
Als ich vor 35 Jahren einen Ausbildungsplatz im Elektrobereich suchte, war ich froh, dass mich ein kleiner Handwerksbetrieb nahm – während Industriebetriebe mir eine Absage erteilten. Heute hat sich die Situation vollkommen gewandelt. Viele Firmen warten darauf, dass fitte Azubis oder Berufseinsteiger sich bei ihnen bewerben. Der Arbeitgeber kann nicht mehr frei wählen, wen er haben will – sondern der Berufseinsteiger oder Azubi hat oft die Möglichkeit, auszusuchen, in welchen Betrieb er geht. Von daher können junge Leute heute an ihren Betrieb andere Erwartungen stellen.
Mut, Wünsche auszusprechen
Die Diskussion um die Gen Z (zwischen 1995 und 2010 geboren) brandet in unseren Medien immer wieder auf. Sie seien zu faul, hätten zu hohe Ansprüche, suchten nur den eigenen Vorteil. In Einzelfällen mag das stimmen. Aber sprechen die jungen Leute nicht genau das aus, was wir damals nicht sagen konnten, uns aber heimlich gewünscht haben? Dass zum Beispiel der Arbeitgeber um unsere Gesundheit besorgt ist? Dass wir nicht ausgenutzt werden als „Arbeitskraft“? Dass auf die Atmosphäre unter den Mitarbeitenden geachtet wird? Von daher ist es durchaus sinnvoll, etwas entspannter an die Berufsfindung unserer Kinder heranzugehen und nicht die Maßstäbe von vor 30 Jahren an sie zu legen.
Eigene Wege gehen
Das Entscheidende ist doch, dass unsere Kinder einen Weg gehen, der ihnen entspricht. Dass sie eine Aufgabe finden, in der sie aufgehen, die Spaß macht. Von daher sollten wir ihre Wünsche und Erwartungen auf jeden Fall ernst nehmen. Ihnen bewusst zuhören, wenn sie von Gehaltswünschen oder Work-Life-Balance reden. Aber wir dürfen ihnen auch von unseren eigenen Erfahrungen mit Gehalts-Verhandlungen erzählen oder von der Urlaubs-Diskussion mit dem Chef. Fakt ist: Wir dürfen unsere Erwartungen haben und sie auch verfolgen – aber sie werden nicht immer alle erfüllt.
Ehrlich bleiben
Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einer unserer Teilnehmerinnen im Lebenstraum-Jahr. Es ging um ihre Ausbildung als Einzelhandelskauffrau. Und ich sagte ihr: Genial, dass du deinen Traumjob gefunden hast. Das ist eine echte Gebetserhörung. Allerdings wird es immer wieder Tage geben, an denen es keinen Spaß macht zu arbeiten. Und gerade in den ersten drei bis vier Monaten der Probezeit ist es notwendig, dranzubleiben. Wichtig ist aber auch, dass dir die Arbeit Spaß macht und mehr zurückgibt, als sie dich kostet – sonst kannst du diesen Job nicht mehrere Jahre machen.
Fazit: Zuhören und Bedürfnisse ernstnehmen ist ein Schlüssel, um Heranwachsende in ihrer Berufswahl zu begleiten. Aber wir dürfen auch ehrlich erzählen von den eigenen Herausforderungen zwischen Wunsch und Realität.
Stephan Münch lebt mit seiner Familie in Uffenheim/Mittelfranken und gründete vor 12 Jahren mit seiner Frau das Lebenstraum-Jahr mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsentwicklung, Bibelschule und Berufsfindung.








