Eine junge Frau schaut fragend in die Kamera.

Berufswahl: So können Eltern unsichere Jugendliche unterstützen

Elternfrage: „Meine Tochter (18) beendet bald die Schule. Ihr fällt es schwer, eine Berufswahl zu treffen. In der Schule war sie bisher sehr zielstrebig, nun erlebe ich sie unsicher und orientierungslos. Was kann ihr helfen?“

Zuerst einmal ist es mir wichtig zu sagen, dass ich die Orientierungslosigkeit bei Schülerinnen und Schülern vor dem Abschluss für normal halte. Das Schulsystem orientiert sich zu wenig an der Realität. Wer nach dem Abitur die Schule verlässt, weiß zwar, wie sich Integrale berechnen lassen, hat aber zum Beispiel wenig Ahnung von Finanzen und Steuern – das verunsichert.

Welche Gründe gibt es noch, dass Jugendliche verunsichert in ihre Zukunft blicken?

Die 18-Jährigen, die jetzt in die Berufswelt starten, sind die Kerngruppe der Generation Z. Sie sind mit Krisen, wie der Finanzkrise, Klimakrise, einer Pandemie und Krieg in Europa aufgewachsen. Diese Generation hat bis zu zwei Jahre Schul-Lockdown erlebt. Jede Generation hat ihre Herausforderungen, aber ich nehme bei dieser eine deutliche Mehrfachbelastung wahr. In einer Zeit zunehmender Unsicherheit ist das Sicherheitsbedürfnis der Generation Z stärker ausgeprägt als das früherer Generationen. Jetzt kommt auch noch die Künstliche Intelligenz hinzu. Da höre ich immer wieder Sätze wie „Eigentlich wollte ich Grafikdesignerin werden, aber jetzt übernimmt das ja die KI …“

Was antworten Sie dann?

Ich sage ehrlich, dass ich nicht weiß, inwiefern KI wirklich den Beruf ersetzen wird. Wir wissen noch nicht genau, wohin sich die Arbeitswelt in den nächsten fünf Jahren entwickelt und ob die Jobs ersetzt oder nur bestimmte Tätigkeiten ausgelagert werden. Wenn die Person aber Gestaltung liebt und es ihre Stärke ist, wird sie damit einen Weg zum Arbeiten finden. Ich würde mit ihr aber auch weitere Stärken herausfinden wollen. Denn vermutlich ist das auch die Generation, die verschiedene Jobs ausüben und deren Flexibilität noch notwendiger werden wird. In meiner Berufsberatung beschäftigen wir uns mit Talenten und Begabungen, aber auch mit Werten. Wir schauen nicht, was es für Jobs gibt und wie dort die Person hineinpassen könnte. Sondern wir fokussieren uns auf das, was die Persönlichkeit ausmacht und finden heraus, wie damit Sinn und Zufriedenheit in einer Arbeit gefunden werden kann.

Was hilft Schülern und Schülerinnen dabei, ihre Stärken zu erkennen?

Dafür braucht es nicht zwingend eine Persönlichkeitsanalyse. Schon ein Blick in die eigene Biografie kann helfen, die eigenen Begabungen wahrzunehmen. Wovon war ich in der Vergangenheit begeistert? Wann war ich im Flow? Wobei bin ich aufgeblüht? Hierbei können Eltern helfen, indem sie ihre Kinder spiegeln: „Darin warst du immer sehr vertieft.“ Außerdem lohnt es sich, Jugendliche zum Ausprobieren in Ehrenämtern, Hobbys oder Praktika zu motivieren. Das geht manchmal in der vollen Schulzeit unter.

Wie können Eltern ihre Kinder dabei unterstützen, eine Berufswahl zu treffen?

Ein gutes Selbstwertgefühl ist die Basis für alles, auch für die Zukunftsplanung. Wenn sich das Kind geliebt weiß, ist das Wichtigste bereits getan. Übrigens entsteht ein gesunder Selbstwert nicht dadurch, dass man jemanden ständig lobt. Lob ist auch nicht unbedingt das beste Mittel, um jemanden auf seine Stärke aufmerksam zu machen. Denn Lob kann von den eigenen Kindern schnell in Richtung Leistung interpretiert werden. Statt „Das hast du gut gemacht“ ist es besser „Mir fällt auf, du hast da eine Stärke“ zu sagen. Dann entsteht weniger der Eindruck bei dem Kind, dass es von einer Sache mehr machen sollte, sondern dass da etwas Besonderes in ihm ist.

Annette Penno lebt in Lübeck und bietet LernCoaching sowie professionelle Berufsberatung an. Interview: Annabel Breitkreuz