Halb Begleiter, halb Prellbock: Wie Eltern ihre Teenager bei der Berufswahl unterstützen
Die Pubertät fordert Eltern schon genug heraus. Und dann sollen sie noch bei der Berufswahl unterstützen? Ein Vater berichtet.
Durchlässigkeit – dieser Begriff ist mit dem Bildungssystem in Deutschland und der Schweiz so untrennbar verbunden wie das Amen mit der Kirche. Dieser Begriff steht für Chancengleichheit und Flexibilität. Bis man begreift, dass diese Flexibilität uns Eltern und unsere Kinder in permanente Entscheidungs- und Anpassungssituationen wirft. Durchlässigkeit in der Bildung ist essenziell, aber auch anspruchsvoll. Vor allem in der Schweiz müssen Jugendliche bei der Berufswahl sehr früh wegweisende Entscheidungen zu ihrer Zukunft treffen. Zum ersten Mal bewusst wurde meiner Frau und mir dies mit dem Eintritt unseres ersten Sohns in die Oberstufe, als er gerade 12,5 Jahre alt war. Heute ist er 17.
Marathon im Sprinttempo
Mittlerweile ist auch unser jüngerer Sohn an diesem Scheideweg angekommen. Das zweite Oberstufenjahr (die 8. Klasse) stand ganz im Zeichen der Berufswahl: Betriebssuche, Eignungs- und Stellwerktests, in denen der Lernstand abgefragt wird, Vorstellungsgespräche und Schnupperlehren (Kurzpraktika), alles formal straff organisiert. Heute reicht selbst für Schnupperlehren kein schnelles Anfragen mehr: Motivationsschreiben und Lebenslauf müssen eingereicht werden und das oft Monate im Voraus, weil Plätze rar sind.
Egal, ob man ins Kurzzeitgymi (die gymnasiale Oberstufe in der Schweiz nach der 8. bzw. 9. Klasse) will oder plant, eine Lehre zu machen: Alle sollen schnuppern. Die Erwartung: Jugendliche sollen Initiative zeigen, Selbstverantwortung übernehmen, sich reflektieren, Feedback verarbeiten und realistische Ziele setzen. Sie sollen wissen, was sie wollen – in einem Alter, in dem sie kaum wissen, wie man den Geschirrspüler einräumt.
Auch wir Eltern sind gefordert und helfen, weil das System es verlangt. Wir investieren gemeinsam mit den Kindern Wochenenden in Lebensläufe, feilen an Motivationsbriefen und klicken uns durch Webseiten mit Lehrbetrieben. Und dazu diese Fragen, immer wieder dieselben, stets präsent: Ist er schon reif für die Arbeit? Oder wäre Schule besser, wenn die Noten reichen? Wo liegen seine Interessen und passen sie zu seinen Stärken? Ist das eine gute Ausbildung oder nur die erstbeste? Würde er glücklich sein in dem, was er tut? Wenigstens für die Zeit der Lehre. Wenigstens bis zum Abschluss.
Wenn das Hirn umgebaut wird
Diese anspruchsvolle Phase für Kinder und Eltern fällt ausgerechnet in die Zeit der Pubertät, in der die Hormone den Takt angeben. Türen werden dramatisch zugeschlagen, Beine wachsen schneller als die Jeansindustrie, Stimmen brechen, Zimmer verwandeln sich in textile Lagerstätten und der Kinderzimmerboden ist Lava. Hinzu kommen die gelegentlichen Wutausbrüche, wenn sich wieder einmal die ganze Gaming-Welt gegen einen verschworen hat. Seit dem letzten Ausbruch hat der Kleiderschrank keine Türen mehr. Wir versuchen, es locker zu sehen. Offene Schränke als Kontrast zu geschlossenen Zimmertüren. Denn einen neuen Schrank gibt’s nicht.
Die Pubertät ist ein biologisches Großprojekt: Das Gehirn wird umstrukturiert, das Selbstbild mutiert. Wer heute lacht, brüllt morgen. Und wer sich gestern noch an zeitliche Abmachungen hielt, lotet jetzt Grenzen aus oder überschreitet sie. Wir Eltern versuchen, uns dies immer wieder vor Augen zu halten, ohne dabei unsere eigenen Werte zu sabotieren. Dies ist einfacher gesagt als getan. Vor allem dann, wenn das Kind plötzlich Ansichten vertritt, die den eigenen diametral entgegengesetzt sind. In solchen Momenten fragt man sich, wie viel davon Provokation ist, was auf den Einfluss von Freunden und sozialen Medien zurückgeht und was einfach Charakter ist.
Ausbildungsstart mit Hindernissen
Dabei haben wir das alles schon einmal durchgemacht: Vor knapp zwei Jahren durfte unser älterer Sohn seinen Lehrvertrag in der Hotellerie unterzeichnen. Fast ein ganzes Jahr vor dem Start. Das ist heute nicht unüblich, aber auch ein zweischneidiges Schwert. Sicherheit und Erleichterung auf der einen und ein unübersehbarer Schlendrian im letzten Schuljahr auf der anderen Seite. Die Umstellung des Lebensrhythmus bei Ausbildungsstart war brutal: Arbeitszeiten ab 5:30 Uhr, Wochenenddienste, wenn die Freunde frei haben und anspruchsvolle Gäste in Hochstimmung, während man selbst regelmäßig im Tal der Tränen ist. Die Realität frisst jede Romantik.
Dazu kommen die Erwartungen in einer Erwachsenenwelt. Der raue Ton, der teilweise herrscht – was keine Kritik am Betrieb sein soll, sondern einfach der Schnelllebigkeit und dem On-Demand-Anspruch des Geschäfts geschuldet ist. Nach wenigen Monaten war klar: Diese Lehre wird kein Spaziergang.
Wecken oder verschlafen lassen?
Unweigerlich stellt sich einem die Frage, wie weit die elterliche Unterstützung gehen soll und wo die Eigenverantwortung beginnt, ohne dadurch die Ausbildung zu gefährden. Wann helfen wir zu viel, wann zu wenig? Soll man den Sohn morgens wecken, damit er nicht zu spät kommt? Oder lassen wir ihn verschlafen, um ihm die Konsequenzen zu zeigen?
Elternsein in dieser Phase bedeutet oft, die Kontrolle zu verlieren, ohne die Verantwortung abzugeben. Wir stehen im Dazwischen, sowohl moralisch als auch emotional. Unsere Kinder sind halb Kind, halb Erwachsene. Und wir selbst sind halb Begleiter, halb Prellbock. Das führt auch bei uns zu Konflikten. Mit der Partnerin, mit sich selbst. Denn wer hält wem den Rücken frei? Wer ist zu weich, wer zu hart? Wer zieht die Grenzen und verteidigt sie, wenn sie überschritten werden? Wir jonglieren Jobs, Haushalt, Elternabende und außerschulische Aktivitäten. Unser Respekt gilt denen, die das allein bewältigen. Meine Frau und ich sind dankbar, dass wir uns stützen können und zugleich demütig angesichts unseres Privilegs.
Ein gutes Jahr ist vergangen, seit unser Sohn seine Lehre begonnen hat. Ein Jahr gespickt mit kleinen Dramen, Zweifeln und Auseinandersetzungen. Mal laut, mal leise, mal völlig sinnlos, mal überfällig. Dazwischen das eine oder andere Gespräch mit dem Lehrbetrieb und einige schlaflose Nächte. Auch psychologische Unterstützung war ein Thema. Aber Kinderpsychologen sind derzeit auf Monate hinaus ausgebucht. Hilfe ist genau dann nicht erreichbar, wenn man sie bräuchte. Unterstützung kann sich aber auch anders zeigen. Wenn wir andere Eltern treffen, sei es bei Schulanlässen, im Quartier oder zufällig im Zug, hören wir oft: „Bei uns ist es gerade auch streng.“ Man lacht, man nickt, man schweigt. Aber man weiß: Wir sind nicht allein.
Überraschende Begegnungen
Und dann geschieht Erstaunliches: Unsere Kinder treten wieder häufiger aus eigenem Antrieb in Beziehung. Sie fragen vor dem Schlafengehen: „Legst du dich noch kurz zu mir rein?“, um sich dann zusammen an schöne gemeinsame Erlebnisse zurückzuerinnern. Sie bleiben nach dem Essen länger am Tisch als früher und reden mit. Ein andermal kommen sie aus ihren Zimmern und fangen von sich aus an, über ihren Alltag zu erzählen. Wir führen Gespräche, die Tiefe haben: über Stress, über Sinn und darüber, was sie gerade beschäftigt. Tags darauf sagt eine Nachbarin im Treppenhaus, was für „flotte und zuvorkommende Buben“ man doch habe. Und wir merken: Unsere Bemühungen wirken. Zwar nicht alle und nicht immer. Aber etwas. Genug. Das ist kein plötzlicher Entwicklungssprung, sondern das Ergebnis unzähliger kleiner Prozesse. Jene stille Emanzipation, die im Alltag kaum auffällt, aber rückblickend fundamental ist.
Unsere Rolle verändert sich. Wir stellen Fragen, statt Antworten zu geben. Wir begleiten, statt zu führen. Ja, Sorge und Frust gehören dazu. Aber ebenso Freude, Mitgefühl und Akzeptanz. Es ist eine Zeit des Umbruchs, in der wir Eltern uns an die neuen Rollen und Beziehungen gewöhnen müssen, während unsere Kinder sich von uns lösen und eine eigene Identität entwickeln.
Zuversichtlich
Wir können nicht alles verhindern. Wir können nicht vorwegnehmen, wie es weitergeht. Aber wir können Vorbilder sein und vorleben, was wir uns von unseren Kindern wünschen: Dass sie achtsam durchs Leben gehen. Dass sie ihre Mitmenschen respektieren und rücksichtsvoll mit den Ressourcen auf unserer Erde umgehen. Wir können hoffen, dass sie lernen, Verantwortung zu tragen. Für sich selbst. Für die, die sie lieben. Dass sie ein Umfeld haben, das hält, wenn es schwierig wird. Aber vor allem, dass sie glücklich sind. Egal womit.
Wir sehen uns als Wegbegleiter für unsere Kinder und wollen keine Mini-Mes, sondern Kinder, die zu eigenständigen jungen Erwachsenen heranreifen. Der Jüngere will jetzt doch weiter zur Schule und auf die Aufnahme ans Kurzzeitgymnasium hinarbeiten. Beim Älteren haben die Schlaglöcher auf seinem Ausbildungsweg seit dem Start ins zweite Lehrjahr abgenommen. Manchmal spricht er sogar davon, nach der Lehre noch eine Weiterbildung zu machen. Und das lässt uns mit Zuversicht in die Zukunft blicken.
Der Autor möchte anonym bleiben. Er ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Er lebt mit seiner Familie in Luzern.








