Paartherapeut erklärt: Warum glückliche Paare nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen
Manchmal gehen Dinge einfach schief. Muss man deswegen gleich die Beziehung in Frage stellen? Beziehungsexperte Jörg Berger verrät, was wirklich auf die Goldwaage gehört.
„Lege deine Worte auf die Goldwaage“, rät Jesus Sirach in seinem Weisheitsbuch (Sirach 28,25). Heute hören wir eher das Gegenteil: „Lege nicht jedes Wort auf die Goldwaage.“ Offenbar macht es einen Unterschied, ob Worte schon ausgesprochen sind oder nicht. Die Goldwaage ist ein Gegenstand, der nur hilfreich ist, wenn wir ihn richtig gebrauchen. Was gehört nun darauf und was nicht? Das möchte ich für unsere Paarbeziehungen untersuchen.
Keinen Mist auf die Goldwaage legen
Wenn Paare zu mir kommen, versuche ich bald Verständnis für etwas zu wecken, was im Englischen entspannt klingt: „shit happens“ (etwa: „Mist passiert eben.“). Paare brauchen eine Kategorie für Ereignisse, mit denen man sich nicht beschäftigen muss – Ereignisse, die man eben besser nicht auf die Goldwaage legt. Es sind Situationen wie die folgenden:
Moritz (alle Personen und Situationen verfremdet) hat nicht bedacht, dass sein Meeting am Nachmittag länger dauern könnte. Nun kommt er eine Stunde später heim und war auch nicht erreichbar. Auf seinem Smartphone sieht er Sabrinas Versuche, ihn zu erreichen. Oh, oh. Tatsächlich ist Sabrina wütend, als Moritz die Wohnung betritt. Sabrina hatte einen Termin und konnte wegen der Kinder nicht los. Normalerweise sprechen sich die beiden gut ab. Lohnt es sich nun zu klären, wer schuld ist? Sollte man Dinge jetzt grundsätzlich anders regeln oder klären, was in der Beziehung nicht stimmt? Nein, es ist einfach dumm gelaufen. Das passiert.
Beate ist noch aufgewühlt von dem Konflikt mit ihren Eltern. Sie macht sich beim Abendessen Luft, Felix hört aufmerksam zu. Danach zieht sich Beate zurück. Sie hört Musik, betet und nimmt ein Bad, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Als Felix sie in der Wanne sieht, schlägt er für den späteren Abend Sex vor. „Was?“, denkt Beate. „Wie kann Felix so unsensibel sein? Ausgerechnet heute? An einem so dunklen Tag? Denkt er immer nur an sich?“ – „Was?“, denkt Felix, als Beate ihre Empörung ausspricht. „Ich war doch so einfühlsam und unterstützend. Muss ich hellsehen können, um niemals etwas vorzuschlagen, was für Beate nicht passt? Warum bin ich nie gut genug für sie?“
Gehört das auf die Goldwaage? Nein, besser nicht. Felix kann es akzeptieren, wenn Beate heute nicht nach Sex ist. Für Beate ist es normalerweise kein Problem, dass Felix andere Strategien hat, um mit Belastungen umzugehen, und er erstmal von dem ausgeht, was ihm selbst guttun würde. Es ist heute einfach dumm gelaufen.
Vor dem Wiegen sieben
Hobby-Goldsucher versuchen es am besten in Flüssen. Dort muss man keine Stollen graben und nichts aus Erzen lösen. Stattdessen siebt man den Schlamm im Flussbett. Die kostbaren Körnchen sind schwerer und setzen sich schneller ab. So können wir auch mit dem umgehen, was im Fluss unseres gemeinsamen Alltags aufgewirbelt wird.
„Jetzt weiß ich, wie du wirklich über mich denkst!“ Sanjas Stimme klingt kalt, ihr Gesicht drückt Schmerz und Fassungslosigkeit aus. Roger ist nicht stolz auf das, was ihm da herausgerutscht ist: „Warum brauchst du immer jemanden, der dir sagt, wie du entscheiden sollst? Oder jemanden, der dich anschiebt, damit du unangenehme Sachen erledigst?“ Das war nicht gerade eine Ich-Botschaft oder gewaltfreie Kommunikation. Trotzdem erschrickt Roger darüber, wie sein Vorwurf bei Sanja ankommt. Denn für sie wird es grundsätzlich: Hat Roger sie immer schon für etwas verachtet, was sonst niemanden stört? Wie soll sie seiner Liebe je wieder vertrauen?
Gehört es auf die Goldwaage, was uns im Streit herausrutscht? Zeigen wir am Ende in solchen Momenten unser wahres Gesicht? Nein, im Gegenteil. Was wir im Streit sagen, ist zugespitzt und übertrieben. Roger sieht Sanja nicht so, wie es in diesem Moment klingt. Außerdem gibt es keinen Streit, in dem nicht auch Erfahrungen aufgewirbelt werden, die älter sind als unsere Liebe. Rogers Mutter war überfordert mit einer chronischen Erkrankung, ihren drei Kindern und einem Mann, der sich wenig in die Familie eingebracht hat. Sie hat ihre Kinder oft machen lassen und sogar ihren Rat angenommen. Als Ältester hat sich Roger oft um seine Mutter gekümmert, eine verhängnisvolle Rollenumkehr. Er hat genug davon, Verantwortung für überforderte Frauen zu übernehmen. Aber Sanja ist nicht Rogers Mutter. Sie hat ihr Leben gut im Griff. Das sieht Roger auch so, wenn sich seine Emotionen beruhigt haben.
Sieben wir also besser die emotionalen Übertreibungen heraus und auch die Übertragungen aus der Kindheit. Dann bleiben einige Körnchen Wahrheit: Sanja tut sich manchmal mit Entscheidungen schwer und prokrastiniert ein wenig – Roger fühlt sich schnell verantwortlich und reagiert dann übertrieben abwehrend. Das darf man auf die Goldwaage legen: Wie wollen die beiden damit umgehen? Wie viel Unterstützung erwartet Sanja wirklich? Mit welcher Rolle könnte sich Roger wohlfühlen in solchen Situationen? Das dürfte gut zu lösen sein.
Dabei schürfen Paare Gold: Wenn wir an den Knackpunkten unser Liebe weiterkommen, vertiefen sich unsere Einfühlung und unser Verständnis füreinander. Wir fühlen uns tiefer geliebt, wenn wir uns auch an unseren wunden Punkten angenommen und unterstützt fühlen.
Finden, was auf die Goldwaage gehört
Der Mist, der im Alltag passiert, gehört also nicht auf die Goldwaage und auch nicht alles, was im Flussbett unserer Beziehung aufgewirbelt wird. Gibt es nicht auch etwas, das immer auf die Goldwaage gehört? Unbedingt! Es sind die kleinen Worte und Taten der Liebe, die wir auch dann austauschen, wenn viel los ist: ein Mitdenken, eine Hilfestellung, eine tröstliche Berührung, eine humorvolle Bemerkung, der Blick für das Schöne und so vieles mehr. Besonders, wenn wir gestresst und genervt sind, übersehen wir manchmal, was wirklich zählt. Wo wir unseren Blick für das Liebevolle verlieren, ist unser Lebenstempo zu hoch. Wir sind zu vielen anderen Reizen ausgesetzt. Hätten wir Spielraum, um Tempo rauszunehmen und uns von weniger wichtigen Dingen abzuschirmen? Dann sollten wir das unbedingt tun, bis wir wieder all das Gute spüren, was wir einander sind und schenken.
Doch nicht immer liegt es in unserer Hand, wie hoch das Lebenstempo ist und was uns alles beschäftigt. Dann können wir auch in wenigen Minuten unsere Aufmerksamkeit schärfen, wie das Achtsamkeitsübungen für Gestresste und Ausgebrannte tun. Man nimmt sich ein paar Minuten und führt sich all das Gute, was in der Liebesbeziehung gerade ist, bewusst vor Augen.
Anfangs wird unsere Wahrnehmung das Grobe erfassen, was unser Partner oder unsere Partnerin für uns tut und welche positiven Eigenschaften uns positiv berühren. Doch mit der Zeit verfeinert sich unsere Wahrnehmung. Wir spüren, wieviel Annahme und Wertschätzung in einer Berührung, einem Lachen oder einem Moment der Geduld des anderen liegen. Wieder erfahren wir, wie sehr der Partner mit seinem ganzen Wesen eine Antwort auf unsre tiefe Bedürfnisse ist. Davon fühlen wir uns wieder beschenkt, dass sich der oder die andere auf das gemeinsame Leben einlässt, was immer auch einen Preis hat und mit Loslassen verbunden ist.
Manchmal müssen wir sogar nachhelfen, damit der andere unsere Liebe wahrnehmen kann.
„Sie müssen Ihre Liebe besser verkaufen“, sage ich manchmal einem zurückhaltenden Partner im Paargespräch. Denn ich ahne: Viele der liebevollen Gedanken, Absichten und Handlungen hat der andere im Alltag gar nicht wahrgenommen. Dann darf man das Gold der Liebe ruhig ein wenig herausputzen. Das hat schon manchen Paaren gutgetan:
- „Ich habe mir gedacht, so passt es besser für dich, stimmt das?“
- „Das kostet mich echt Mut. Aber ich möchte dir das trotzdem ermöglichen.“
- „Ich finde dich gerade richtig klasse!“
Sätze wie diese legen auf die Goldwaage, was wirklich darauf gehört: Wir legen eine liebevolle Absicht offen, die hinter unseren Handlungen steht. Wir sprechen aus, wenn uns die Liebe etwas kostet. Wir stellen sicher, dass unsere Gefühle beim anderen auch ankommen.
Jedes Paar wird seine Goldwaage etwas anders einsetzen. Manchmal ist sie auch ein umkämpfter Gegenstand:
- „Lass uns das mal ernst nehmen!“ – „Nein, bitte nicht. Lass uns lieber locker bleiben.“
- „Müssen wir daraus ein großes Thema machen?“ – „Wenn es nach dir ginge, würden wir überhaupt nicht reden.“
Beides hat Vorteile, Dinge ernst nehmen und Dinge leichtnehmen. Oft verlieben sich Menschen, die hier unterschiedlich sind. Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit ergänzen sich gut. Paare können diesen Unterschied wieder genießen, wenn sie einen Kompromiss finden: Den wenigen Dingen Gewicht geben, auf die es wirklich ankommt – und das übrige nicht auf die Goldwaage legen.
Jörg Berger ist Psychotherapeut in Heidelberg.








