Das Beste für mein Kind?

Wollen wir das nicht alle? Aber wie schaffen wir das? Und ist das Beste wirklich immer das Beste? Von Tamara von Abendroth

Spätestens ab dem Moment, in dem ich unser erstes Kind in den Armen hielt, war er da: der tiefe Wunsch, diesem kleinen Menschen das Beste von mir zu geben. Ihn zu beschützen, was auch immer mich das kosten würde. Dieser Wunsch ist ehrlich und kraftvoll. Er sollte gefeiert werden. Denn wenn jemand das Beste auf dieser Welt verdient hat, dann sind es Kinder. Sie bringen neben dem Chaos, den Geduldsproben und den schmerzlichen Gefühlen so viel Liebe, Tatkraft und Humor in einem zum Vorschein, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Kinder leben jeden Tag ganz natürlich die wichtigste Lektion des Lebens: dass zu einem erfüllten Leben sowohl Tränen und Scheitern als auch Lachen und Freude gehören. Doch eines Tages bringt der Wunsch, das Beste für sein Kind zu wollen, die Eltern ins Wanken. Denn „das Beste für das Kind“ steht nicht als All-inclusive-Paket vor unserer Tür, sondern ist versteckt im grauen Nebel der Entscheidungen, die Eltern täglich zu treffen haben. Die Auswahl der Lebenskonzepte, die anscheinend das Beste für das Kind sein sollen, ist unüberschaubar groß. Etliche Betreuungsmöglichkeiten und Freizeitangebote werben damit, das Kind bestmöglich zu fördern. Unterschiedliche Erziehungsstile und pädagogische Ansätze konkurrieren miteinander.

BLICK NACH NEBENAN

Da sind also zum einen die vielen Angebote und Meinungen von außen, die mir Entscheidungen abverlangen. Zum anderen bin da noch ich mit meiner Fehlbarkeit, Ungeduld und Unzulänglichkeit, die ich zum Besten für meine Kinder handeln soll. Plötzlich verwandelt sich der eigentlich gute Wunsch, das Beste für mein Kind zu wollen, in Sorge und Angst, die falsche Wahl zu treffen. Der Blick auf die Familie nebenan macht scheinbar deutlich, dass man etwas noch besser hätte machen können. Große und kleine Alltagsfragen durchbohren die Köpfe der Eltern und lassen dem spontanen Wunder des Lebens kaum noch Raum. Das Gefühl von Versagen oder Ratlosigkeit über vermeintlich schlechte Entscheidungen macht sich breit. Dieser schwache Moment ist die Chance der heilsamen Wendung: Wenn „das Beste“ ein Spiegel meiner Entscheidungen und meiner Person ist, dann ist das Beste unvollkommen. An dieser Stelle bekommt mein Glaube eine neue Relevanz: Auch in meinem Muttersein brauche ich jemanden, der vollkommen liebt. Nicht nur mich, sondern auch meine Kinder. Dieser Moment macht mir deutlich, dass ich das Abenteuerprojekt „Familie“ nicht allein stemmen muss. Dass ich es nicht perfekt machen muss. Jesus ist mit seiner Gnade, seiner Kraft und seinem Schutz für uns da.

ELTERN SPIELEN NUR EINE NEBENROLLE

Welche Themen Eltern besonders beschäftigen, ist ganz unterschiedlich. Meistens haben sie etwas mit der eigenen Familienbiografie zu tun: Was ich selbst in meiner Kindheit als schmerzhaft empfunden habe, soll bei meinem Kind nun richtig gut werden. In den Bereichen, wo ich selbst von Ängsten geplagt bin, möchte ich mein Kind besonders unterstützen. Soziale Verhaltensweisen, die mir wichtig sind, soll mein Kind auf jeden Fall erlernen. Dabei vergessen wir manchmal, dass unsere Ängste uns gehören und nicht unseren Kindern. Im Leben unserer Kinder spielen wir Eltern nur eine Nebenrolle. Sie besteht darin, ihnen zu helfen, in ihre eigene Hauptrolle im Leben zu finden. Wenn ich meine Motivation, warum ich das Beste für meine Kinder will, kritisch hinterfrage, ist die Antwort manchmal: Ich möchte mit dem wohligen Gefühl leben, eine gute Mutter zu sein. Ich möchte mir keine Vorwürfe und kein schlechtes Gewissen machen müssen. Ich möchte, dass unsere Kinder später auf eigenen Füßen stehen, damit sie nicht ein Leben lang in einem Abhängigkeitsverhältnis zu uns stehen. – Möchte ich mit dem vermeintlich Besten für mein Kind nicht manchmal das Beste für mich selbst?

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