Die Meinung der anderen

Diese Woche hatte ich einen interessanten Mailwechsel mit einer unserer Autorinnen. In einem Artikel fürs übernächste Heft hatte sie ein Beispiel erzählt von einer Frau, die Angst hatte, ihr Kind in die Betreuung zu geben. Nicht weil sie sich Sorgen um das Kind machte. Sondern weil sie die Reaktionen aus ihrem Umfeld fürchtete, in dem Fremdbetreuung sehr kritisch gesehen wird.

Ich fragte zurück, ob dies ein realistisches Beispiel sei. Und die Autorin, die auch als Coach arbeitet, schrieb, dass ihr in der Beratungspraxis häufig Menschen begegnen, die sich sehr stark an der Meinung anderer orientieren. Die ihre Entscheidungen so treffen, dass sie möglichst wenig anecken.

Ja, natürlich kenne ich das auch. Und grundsätzlich ist es ja auch nicht verkehrt, sich die Meinungen und Ratschläge anderer Menschen anzuhören. Aber sich davon abhängig zu machen – das finde ich problematisch. Ganz freimachen davon können sich wahrscheinlich nur die wenigsten. Muss man ja auch nicht. Aber der erste Schritt wäre zu erkennen, wie sehr die Meinung anderer meine Entscheidung prägt.

Schicke ich meine Tochter aufs Gymnasium wie ihre Cousinen, um in der Großfamilie gut dazustehen? Suche ich mir einen Job nach dem ersten Lebensjahr meines Kindes, weil meine Freundinnen das auch so gemacht haben? Zwinge ich meinen Teenager, mit ihn den Gottesdienst zu kommen, weil ich sonst schlecht dastehe in der Gemeinde? Mache ich pünktlich Feierabend, um noch Zeit mit den Kindern zu haben, obwohl alle anderen länger arbeiten?

Ich wünsche uns allen mehr Selbstbewusstsein, zu unseren Überzeugungen und Entscheidungen zu stehen. Wir sollten uns durchaus Rat holen bei guten Freunden. Aber wir sollten uns vor allem unsere eigenen Gedanken machen und dann eine gute Entscheidung für uns und unsere Kinder treffen. Denn die Folgen dieser Entscheidungen betreffen ja schließlich zuerst uns und unsere Kinder – und nicht die anderen.

Bettina Wendland, Redakteurin Family/FamilyNEXT