Schimmer im Scherbenhaufen

Eine Mutter stirbt bei der Geburt. Solche Schicksale hinterlassen oft große Fragezeichen – auch im Umfeld der Betroffenen. Stefanie Diekmann erzählt vom Zerbrechen, Verarbeiten und einer neuen Hoffnung.

Zu meiner Arbeit als Pädagogin gehört auch die Gestaltung einer Eltern-Kind-Oase in unserer Gemeinde. Es ist ein wilder, fröhlicher Haufen von Kindern zwischen null und sechs Jahren, ihren Geschwistern und Eltern. Diese Nachmittage sind Zeiten, in denen die Eltern mit unserer Fürsorge und einem guten Kaffee verwöhnt werden, während die Kinder beim Toben, Singen und Basteln auf ihre Kosten kommen. In der letzten Zeit haben wir als Oase immer wieder Kinder und ihre Mütter in die nächste Lebensphase verabschiedet. Besonders aber haben wir neue Schwangerschaften gefeiert und mit den Eltern mitgefiebert. Ein Geburtstermin nach dem anderen stand an. Inzwischen schleppten sich nur noch zwei Mütter in die Oase. Eine davon war Anett*. An einem Nachmittag wirkte sie angeschlagen und ich überredete sie, mit mir an den Büchertisch der Gemeinde zu gehen. Zu Beginn ihrer Zeit in der Oase hatte Anett nicht viel mit dem „Religiösen“ anfangen können. Für ihren Sohn Tom hatte sie nach Abendgebeten gefragt, da ihr hierfür die Worte fehlten. Nun, zwei Jahre später, stöberte sie durch das Angebot des Büchertisches: „So wie ihr kann ich es nicht. So viele Worte um meinen Glauben finden. Das ist mehr etwas für mich persönlich.“ Mit dem Bauch voller Hoffnungen stand sie vor mir. Ich verabschiedete sie an diesem Tag mit einem Gebet.

VOM SCHICKSAL ÜBERRANNT
Dann hörten mein Team und ich nichts mehr von Anett. Gar nichts. Ich konnte die aufkeimenden Sorgen nicht wegscheuchen und wurde das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich versuchte, mich selbst zu ermutigen: Wie gut, dass sie als Heilerzieherin ein Profi ist! Sie wird sicher klarkommen. Doch meine Sorgen wollten sich nicht vertreiben lassen. Ist etwas mit dem Baby? Dann bekam ich einen Anruf von Anetts Mann: „Hallo … Ist da die Steffi von der Spiel-Oase? Ich wollte Bescheid sagen, dass Ida geboren ist.“ Wie aus der Pistole geschossen fragte ich: „Und … ihr habt Sorgen?“ „Ja. Ich muss dir sagen … Anett ist gestorben.“ Vor meinem inneren Auge erschien in diesem Moment ein schreiend großes „SIEHST DU!“ Mein Bauchgefühl hatte mich nicht betrogen. Es stimmte etwas nicht. Alles stimmte nicht. Obwohl mein Kreislauf wegzusacken drohte, schaffte ich es, dem Vater zuzuhören. Er beschrieb mir, dass Anett zu viel Blut verloren hatte und operiert werden musste. Nach einem Herzstillstand konnte sie nicht wiederbelebt werden. Trotzdem schaffte es der Vater, von seiner kleinen Ida zu schwärmen und begeisterte mich mit.

GEMEINSAM DEM SCHMERZ BEGEGNEN
In den nächsten Wochen rangen alle Mütter aus der Spiel- Oase darum, einen Weg des Trauerns zu finden. Nach der ersten Welle voller Fragen kamen wir in der bitteren Realität an. Einer Realität ohne Anett. Wenn der klassische Lebensverlauf unterbrochen wird und vor unseren Augen das Bild einer heilen Welt zerfällt, löst das in uns Schmerz und Trauer aus. Wir Mütter reagierten in dieser Situation sehr verschieden: Einige bezogen Anetts Schicksal auf das eigene Leben und wollten auf keinen Fall noch einmal schwanger werden. Andere suchten die Schuld beim Arzt. Die Mütter mit den Neugeborenen konnten es kaum aushalten, ihren Säugling zu wiegen und zu stillen, ohne an Ida zu denken und Anett zu vermissen. Wir versuchten gemeinsam, für die großen Geschwisterkinder der Gruppe, die zwischen fünf und elf Jahre alt sind, Worte zu finden. In einer der Familien war der Family- Kalender eine Hilfe. Im Monat Dezember ist dort ein Zitat von Friedrich von Bodelschwingh zu finden: „Advent und Weihnachten ist wie ein Schlüsselloch, durch das auf unsren dunklen Erdenweg ein Schein aus der Heimat fällt.“ Dieses Bild half dabei, der kleinen Frida zu erklären, dass Anett Heimat gefunden hat. Das Mädchen konnte das Bild gut aufnehmen, stellte viele Fragen und konnte trotz aller Trauer verstehen, dass es gut ist, bei Jesus zu sein. Ein anderes Mädchen wollte gerne mit zur Trauerfeier, um Anett zu verabschieden.

WO IST GOTT?
Und Gott? Wie gestaltet sich Nähe zu Gott in diesem Scherbenhaufen? Am Tag ihres Sterbens hatten wir unsere Oasen- Gruppenstunde gehabt, und ich hatte einen Impuls vorbereitet. Dabei ging es um das perfekte Bild, das wir so oft vom Leben haben. So rund und makellos wie eine schöne Glaskugel. Unsere Hoffnungen sind dann vielleicht: Mein Mann könnte und sollte … Ich wünsche mir von meinen Kindern mehr dies und das … Wenn es Sommer wird, dann renovieren wir erst hier, dann dort … Doch manchmal wird aus dem rundherum Perfekten ein Scherbenhaufen. Vorstellungen zerplatzen und ich erkenne, dass mein Mann als Vater doch nicht so entspannt ist, wie ich dachte. Mein Kind braucht vielleicht mehr Nähe, als ich geben kann. Oder mein Gehalt reicht nur zu einem Topf Farbe. Gott ist dabei kein Spaßverderber. Er will uns nicht innerlich zerbröseln. Er kann aus den Scherben meiner Vorstellungen Glimmer machen, indem er die Scherben so fein zerreibt, dass sie dem Leben einen neuen glitzernden Schimmer geben. Diese Gedanken gelten auch im Abschiednehmen von dieser fröhlichen jungen Frau: Gott bleibt gleich, auch wenn der Schmerz groß ist. Die Mütter in unserer Oase formulierten ihren Schmerz und kamen sich auf diese Weise näher. Sie forderten sich in einer WhatsApp-Gruppe gegenseitig auf zu beten, sich bewusst über den Tag zu freuen und den Glimmer Gottes wahrzunehmen. Wir alle sind gewiss und sehr neugierig darauf, wie dieser Segensglitter im Leben von Tom und Ida deutlich wird. Noch fällt es schwer, sich das auszumalen. Doch Gottes Geheimnisse sind sehr oft unvorstellbar für uns.

*Alle Namen wurden geändert.

family_16_6_ds-pdf-adobe-acrobat-pro-dcStefanie Diekmann ist Diplom-Pädagogin und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ingelheim am Rhein.

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