NÄHE UND NEID IN DER NACHBARSCHAFT

Nachbarn – ein Begriff, der ganz unterschiedliche Emotionen in uns weckt. Zu jedem Buchstaben dieses Wortes hat Melanie Schüer einen Aspekt näher beleuchtet.

NÄHE

Ob es uns gefällt oder nicht – Nachbarn sind uns nah, zumindest räumlich. Da wir in unserem Neubau noch keine Gardinen haben, ist es schon vorgekommen, dass wir am Frühstückstisch saßen und eine Nachbarin uns von der Straße aus freundlich zuwinkte. Die intensiv gelebte Nachbarschaft meiner Eltern empfand ich früher manchmal als übertrieben: gegenseitige Einladungen zu Geburtstagen, ein Neujahrsrundgang, bei dem in jedem Haus gefeiert wurde, ein Grillen im Sommer und einige weitere Zusammenkünfte. Die Nachbarn meiner Eltern waren größtenteils nett, doch dieses Glück hat schließlich nicht jeder.

Meine Erfahrungen im Studium waren absolut gegensätzlich: Zuerst wohnten mein Mann und ich in einer großen Wohnanlage und kannten unsere Nachbarn überhaupt nicht. Uns machte das nichts aus, schließlich ergaben sich nette Kontakte an der Uni. In der zweiten Wohnung lief es etwas anders. Wir wohnten in der mittleren Etage eines Drei-Familien-Hauses. Auch hier gab es keine nachbarschaftlichen Traditionen, doch die Familie, die unter uns wohnte, war uns sehr sympathisch. Es ergaben sich öfter zwanglose, sehr nette Gespräche. Auch halfen wir einander hier und da durch Leihgaben.

Und nun, im Einfamilienhäuschen in der Neubausiedlung? Hier fühlte ich mich anfangs eher an die Gepflogenheiten meiner Eltern erinnert: Die Nachbarn brachten zum Einzug Brot und Salz, erzählten von gemeinsamen Aktivitäten und wirkten miteinander sehr vertraut. Zuerst löste das in mir ein wenig Unbehagen aus. Doch weil wir uns mit unseren Nachbarn bisher sehr gut verstehen, hat sich dieses Gefühl inzwischen verändert. Ich freue mich sogar auf gemeinsame Unternehmungen.

Die Nähe zu den Nachbarn kann eine große Chance sein – man kann sich gegenseitig besuchen, ohne Zeit und Aufwand durch Anfahrtwege. Man trifft sich, ohne dass man es immer planen muss. Und wenn ich meine Überzeugungen authentisch lebe, bekommen das auch meine Nachbarn mit.

ANONYMITÄT

Die Anonymität einer großen Wohnanlage habe ich im Studium nicht als negativ erlebt. Manchmal ist es schön, unbekannt und nur für mich zu sein. Wenn ich meine Nachbarn nicht kenne, fühle ich mich weniger beobachtet. Ich habe das Gefühl, tun und lassen zu können, was ich will. Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, wie ich aussehe, wenn ich den Müll rausbringe – es interessiert ja niemanden! Auf der anderen Seite kann sich diese Anonymität auch einsam anfühlen. Zum Beispiel, wenn man allein wohnt und keine vertrauten Menschen in der Nähe hat. Manchmal lohnt es sich, Anonymität aufzubrechen. Gehen wir mit offenen Augen durch den Tag, fällt uns vielleicht der alte Mann von gegenüber auf, der oft so einsam aussieht. Womöglich freut er sich über ein nettes Gespräch? Oder die Frau über uns, deren Kinder immer gelangweilt aus dem Fenster sehen. Vielleicht würden die gern mal mit meinen Kindern spielen?

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