Familie Koslowski, Foto: privat

Nicht auf Kosten der Kinder

Wie finden wir ein partnerschaftliches Familienmodell, das allen Beteiligten gerecht wird? Und das auch so etwas wie ein „christliches“ Familienmodell ist? Von Jutta Koslowski

„Meine Rolle, deine Rolle. Gibt es ein ‚christliches‘ Familienmodell?“ – So titelte Family im Herbst 2018. Dazu erschien ein Artikel, der aufräumt mit überkommenen Rollen-Klischees – und das ist gut so. Wir Christen neigen ja manchmal dazu, den gesellschaftlichen Entwicklungen etwas hinterherzuhinken, anstatt für andere wegweisend zu sein. Und so ist es höchste Zeit, Abschied zu nehmen von der Vorstellung, dass die traditionelle Rollenverteilung mit einer göttlichen Ordnung gleichzusetzen ist. „Kinder – Küche – Kirche“: Für viele Frauen ist das nicht mehr ausreichend, auch in christlichen Kreisen. „Kinder – Krippe – Karriere“ heißt dann der neue Lebensentwurf. Bleibt nur die Frage, wie die Aufgaben zwischen den Ehepartnern konkret verteilt werden – allen voran die Aufgabe der Kinderbetreuung.

DIE BESTEN STUNDEN DES TAGES

Mir war schon vor unserer Hochzeit vor 25 Jahren klar, dass es mir viel bedeutet, in meinem Beruf zu arbeiten. Ich wollte Theologie studieren und Pfarrerin werden. Und ich wollte Kinder haben – mindestens vier. Dabei bin ich der Meinung, dass Kinder am besten in ihrer Familie aufgehoben sind, also von Mutter und Vater und allenfalls noch den Großeltern betreut werden sollten. Zwar habe auch ich mit einer Tagesmutter experimentiert. Manche Eltern machen damit ja gute Erfahrungen, aber für mich war es eher schwierig.

Jeden Tag habe ich auf den Moment ihrer Ankunft hingelebt und mich bemüht, dass alles dafür bereit war: die Kinder satt, frisch gewickelt und ausgeschlafen, die Küche aufgeräumt. Dann hat die Tagesmutter die besten zwei Stunden des Tages mit meinen Kindern verbracht; und wenn ich abends zurückkam, habe ich wehmütig die Duplo-Bauwerke und Sandkuchen bewundert, die während meiner Abwesenheit entstanden waren – bevor ich mich dann ans Abendessen und Zubettbringen gemacht habe. Und es gab noch ein Problem: Entweder bauen meine Kinder eine intensive Beziehung zu einer vorübergehenden Bezugsperson auf – dann ist es ein Verlust für sie, wenn diese die Familie wieder verlässt; oder sie bauen keine intensive Beziehung auf – das ist mir ebenfalls nicht recht.

NASEN UND KLOS PUTZEN

Schließlich wurde mir klar: Was ich wirklich brauche, ist jemand, der bei meinen Kindern bleibt, auch wenn sie krank und ungezogen sind. Der sich nicht nur um die Betreuung kümmert, sondern zugleich um den Haushalt. Der Nasen und Klos putzt, den Rasen mäht und Verabredungen mit Freunden organisiert. Wer kann so etwas schaffen? Niemand anders als der Papa! Und wie ist das möglich? Nur durch Teilzeitarbeit. Deshalb habe ich so lange auf meinen Mann eingeredet, bis er sich dazu bereit erklärt hat, seine Arbeitszeit zu reduzieren. Wir einigten uns, in Zukunft beide nur noch „halbtags“ zu arbeiten. Das musste mein Mann seinem Chef klarmachen. „Geht nicht“, konterte der, „ich will Sie zu meinem Nachfolger aufbauen, da müssen Sie ganz zur Verfügung stehen.“ Das ging so lange, bis mein Mann ihm eines Morgens das Kündigungsschreiben auf den Schreibtisch legte (ohne eine neue Arbeitsstelle in Aussicht zu haben). An diesem Tag kam er mit dem Vertrag für eine Teilzeittätigkeit nach Hause. Das hat der Arbeitgeber nie bereut, denn nun ging mein Mann jeden Morgen hochmotiviert aus dem Haus, war fast nie krank und hatte seine Work-Life-Balance gefunden.

ALLES, WAS MAN BRAUCHT

Und wie sah es mit unserem Geld aus? Während meiner Promotion habe ich nichts verdient. Konnten wir als fünf-, später sechsköpfige Familie von einem halben Gehalt leben? Ja, wir konnten! Das liegt zum einen daran, dass wir einen qualifizierten und gut bezahlten Beruf haben. Andererseits lagen wir mit einem halben Gehalt unterhalb der offiziellen „Armutsgrenze“ und hatten Anspruch auf Sozialleistungen. Dabei würde ich noch nicht einmal sagen, dass wir besonders gelitten haben. Wir sind zum Beispiel mehrmals im Jahr in den Urlaub gefahren. Diese gemeinsamen Zeiten waren uns immer sehr wichtig; allerdings haben wir sie unkonventionell und preiswert gestaltet. Einmal, als die Familienkasse leer war, haben wir unseren Kindern gesagt: „Wir fahren in den Sommerferien nach Italien – dann eben ohne Geld.“ Ein paar Nächte haben wir am Strand unter dem Sternenzelt verbracht, bis unsere Kinder protestierten, dass wir wie Obdachlose hausten und auf eigene Faust einen günstigen Campingplatz ausfindig machten.

Wir haben ein alternatives Familienmodell gelebt, für das wir uns niemanden zum Vorbild nehmen konnten: Seit vielen Jahren arbeiten wir beide halbtags und kümmern uns partnerschaftlich um Haushalt, Kinder und alle anderen Aufgaben. Zwischendurch gab es auch Phasen, wo mein Mann wieder in Vollzeit arbeitete. In dieser Zeit haben wir gut verdient – dennoch war am Ende des Monats nicht mehr Geld übrig als zuvor. Im Lauf der Jahre haben wir etliche Male die Situation erlebt, dass sich unser Brutto-Einkommen von einem Tag auf den anderen um mehr als tausend Euro erhöht oder erniedrigt hat, ohne dass sich das nennenswert auf unser Netto-Einkommen ausgewirkt hätte. Daraus habe ich meine persönliche Wirtschafts-Theorie entwickelt: nämlich, dass man eigentlich immer so viel Geld zur Verfügung hat, wie man braucht. Zugegeben, das passt in kein Lehrbuch der Betriebswirtschaftslehre – aber dafür zur Erfahrung des Apostels Paulus: „Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie’s mir auch geht. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht“ (Philipper 4, 11–13).

ROLLENTAUSCH

Als unser viertes Kind geboren wurde, haben wir unsere Rollen für eine Weile ganz getauscht: Drei Jahre ist mein Mann in Elternzeit gewesen, weil ich in dieser Zeit mein Vikariat als Pfarrerin absolviert habe – eine Aufgabe, die nur in Vollzeit möglich war. Inzwischen sind wir wieder beide bei unserer 50-50-Rollenverteilung angekommen. Seit alle unsere Kinder am Vormittag im Kindergarten oder in der Schule sind, ist unser Leben einfacher geworden: Wir arbeiten täglich zwischen 8 und 13 Uhr, und am Nachmittag sind wir beide zu Hause und können uns um unsere Kinder kümmern – wobei wir einen traumhaften „Betreuungsschlüssel“ von 2:1 haben und fast jeden Nachmittag auch noch Zeit finden, gemeinsam in der Sonne zu sitzen und einen Kaffee zu trinken …

Mein Mann ist in unserer Familie eher der „Außenminister“, der viele der täglich anfallenden Fahrten übernimmt, während ich die „Innenministerin“ bin, die sich um Dinge wie Haushalt, Schulaufgaben, Musikinstrumente üben kümmert. Andererseits gibt es ein paar Bereiche, wo die klassische Rollenverteilung bei uns eher umgekehrt ist, weil dies unseren Fähigkeiten und unserer Persönlichkeit mehr entspricht. So kocht mein Mann das Essen; dafür greife ich fast täglich zum Werkzeugkasten.

Wichtiger als das Urteil anderer ist die Frage, wie wir innerhalb unserer Familie mit unserer Aufgabenteilung zurechtkommen. Um ehrlich zu sein: Das ist nicht einfach. Sicherlich hat unser Modell manche Vorteile. Allen voran, dass wir nicht in getrennten Lebenswelten leben, sondern dass mein Mann die Telefonnummer unseres Kinderarztes ebenso kennt wie ich. Der größte Nachteil besteht für mich im Verlust von Autonomie im Umgang mit unseren Kindern. Denn natürlich ist mein Mann nicht einfach nur da, sondern er bestimmt mit. Mir scheint, dass ich die einzige Mutter weit und breit bin, die nicht darüber entscheiden kann, ob ihr Kind an einem nasskalten Herbsttag ein Unterhemd anziehen soll …

KINDERTRÄNEN VERMEIDEN

Eins aber steht für mich fest: Der Lebensentwurf, den wir wählen, darf nicht auf Kosten unserer Kinder gehen! Denn für unsere Kinder haben wir uns entschieden, und sie sind besonders schutzbedürftig. Das Kindeswohl muss an oberster Stelle bei allen Entscheidungen stehen.

Einige Kinder fühlen sich tatsächlich wohl bei der Tagesmutter oder in der Kinderkrippe. Aber andere nicht. Ich habe etliche Jahre in einem Kindergarten als Erzieherin gearbeitet. Da konnte ich beobachten, wie manche Kinder auch noch nach Monaten vor allem eine Frage auf dem Herzen hatten: „Wann kommt meine Mama? Wann werde ich abgeholt?“ Natürlich hören die meisten Kinder mehr oder weniger schnell auf zu weinen, wenn man sie mit festem Entschluss abgegeben hat. Aber warum? Weil es in Wirklichkeit doch gar nicht so schlimm ist, wenn Mama und Papa fort sind? Vielleicht versiegen ihre Tränen ja auch, weil sie ihre Ohnmacht erkennen: Meine Eltern sind fort und kommen nicht wieder – auch mit herzzerreißendem Weinen kann ich daran nichts ändern. Aber will ich tatsächlich, dass mein Kind eine solche Lektion der Hilflosigkeit oder gar Verzweiflung lernt?

Ich jedenfalls habe meinen Kindern, als sie jeweils mit drei Jahren in den Kindergarten kamen, gesagt: „Ich möchte, dass es euch hier gut gefällt und ihr glücklich seid. Wenn ihr nicht im Kindergarten bleiben wollt, dann braucht ihr nicht zu weinen; ihr braucht es mir nur zu sagen, und ich nehme euch wieder mit nach Hause oder melde euch ab.“ Zwei unserer vier Kinder haben wir tatsächlich vorübergehend wieder vom Kindergarten abgemeldet. Aber keines von ihnen hat eine einzige Träne dort vergossen. Das war es mir wert. Denn ich bin überzeugt: Tränen von Babys und Kindern bedeuten nichts anderes als bei uns Erwachsenen – sie sind Ausdruck von tiefem seelischen Schmerz. Und Kindertränen sollten wir vermeiden, wenn das Wohl des Kindes im Mittelpunkt unseres Handelns steht.

REICHLICH BELOHNT

Gibt es ein christliches Familienmodell? Es sollte sich nicht in der Zuweisung traditioneller Rollenmodelle zwischen Mann und Frau erschöpfen. Wenn überhaupt, dann wäre es vielleicht dies: In einem christlichen Familienmodell stehen diejenigen im Mittelpunkt, die Jesus seliggepriesen hat, die Schwachen – also vor allem die Kinder (Matthäus 18, 1-5). Und nicht das Geld. Erst recht, wenn es nicht um Alleinerziehende geht, sondern um ein verheiratetes Ehepaar, stellt sich die Frage, ob es wirklich keine andere Option gibt, als ein Kind in Fremdbetreuung zu geben. Ich meine, dass wir es uns in einer Überflussgesellschaft wie der unseren in aller Regel leisten können, auf einen Doppelverdienst zu verzichten, wenn wir bereit sind, unseren Lebensstandard entsprechend zu senken.

In meiner Familie hat unser Familienmodell dazu geführt, dass wir über Jahre hinweg „arm“ waren. Wir waren auf Sozialleistungen wie Wohngeld angewiesen. Das hat manche Nachteile mit sich gebracht; andererseits haben wir erfahren, dass man auch ohne Einkommen sein Auskommen haben kann. Noch gravierender war die Tatsache, dass sowohl mein Mann als auch ich auf viele Karrieremöglichkeiten verzichten mussten, die im Rahmen einer Teilzeittätigkeit nicht zur Verfügung standen. Aber dafür wurden wir reichlich belohnt, indem wir das Gefühl haben, im Leben unserer Kinder nichts verpasst zu haben. Und wenn ich höre: „Ach ja, schon wieder ein Jahr vorbei; wie schnell die Zeit vergeht!“, dann denke ich manchmal im Stillen: Für mich fühlt sich ein Jahr eigentlich wie eine kleine Ewigkeit an, so viel habe ich in dieser Zeit erleben dürfen …

Dr. Jutta Koslowski ist Sozialpädagogin und evangelische Pfarrerin, Autorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Mainz. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder. Mit ihrer Familie lebt sie im Kloster Gnadenthal im Taunus.