Andere meinen, wir seien eine richtige „Vorzeigefamilie“: Wir haben ein schönes, selbst renoviertes Haus mit Garten, Hund und Kater. Eine gute Ehe und zwei Töchter (17 und 19), die fleißig lernen. Alle vier sind wir in eine lebendige Kirchengemeinde integriert und übernehmen jeweils kleinere Ehrenämter. Doch dieses Bilderbuchidyll bekam einen Riss, als unsere Jüngste vor vier Jahren nach einer ärztlichen Untersuchung ihr Gewicht zu hoch fand und eine Diät begann …
ZURÜCKGEZOGEN
Nach einem halben Jahr sprach eine Freundin mich an, dass Anneli (Name geändert) so abgenommen habe. Sie sagte, ich solle mal genauer hinschauen. Nicht dass sie noch eine Essstörung bekommt. Anneli verzichtete zu dieser Zeit total auf Süßes und joggte regelmäßig. Ich fand es gut, dass sie plötzlich Sport machte. Doch ich merkte, dass sie immer schmaler und stiller und unglücklicher wurde. Ich sprach sie auf ihr Essverhalten an. Sie meinte, dass sie gewisse Dinge nicht mehr essen könne. Nach und nach verweigerte sie immer mehr. Sie aß nun weder Eis noch Kuchen, mochte keine Schokolade oder Limo mehr! Dazu kam, dass sie sich immer mehr zurückzog. Sie bekam keine Besuche von Freundinnen mehr, wollte sich mit niemandem verabreden. Ein paar Monate zuvor war sie die Lebhafteste in unserer Familie gewesen. Unser Haus war oft voll mit ihren Freunden. Doch nun wirkte sie traurig, war in sich gekehrt und bekam keine Besuche mehr. Nach einigen Gesprächen willigte sie schließlich ein, mit mir zu einer Ernährungsberatung zu gehen. Sie hörte aufmerksam zu und nickte, konnte aber keinen der gut gemeinten Tipps umsetzen. Stattdessen aß sie immer weniger und nahm ständig ab. Wir gingen zum Arzt, informierten uns im Internet und hatten schließlich die Diagnose: Anorexia nervosa – Magersucht!
TRAURIGER GEBURTSTAG
Anneli begann eine ambulante Therapie. Wir wussten, dass es auch Kliniken gibt, die diese Krankheit stationär behandeln. Doch in meinem Kopf sperrte sich alles gegen einen Klinikaufenthalt. Dort konnte man frühestens mit 14 Jahren hin. „Davon sind wir weit entfernt“, dachte ich. Annelis 14. Geburtstag war ein trauriger Tag: Sie war freudlos und depressiv und wog nur noch 34 Kilo. Der Arzt wollte sie in eine Klinik einweisen. Ich heulte, denn das wollte ich auf keinen Fall. Wir versuchten immer wieder, Anneli zum Essen zu bringen: mit Liebe und Zuneigung, mit Gesprächen und Gebeten, mit Strenge … Nichts half! Als sie nur noch 31 Kilo wog, musste sie ins Krankenhaus. Sie kam auf die Kinderonkologie. Ich konnte es kaum ertragen: Da sind kleine Kinder ohne Haare, die kämpfen tapfer ums Überleben, und meine Tochter isst nichts mehr! Ich weinte verzweifelt wie noch nie in meinem Leben. Ich verstand diese Krankheit nicht. „Iss doch endlich!“, dachte ich nur.
LANGE WOCHEN
Vom Krankenhaus kam Anneli direkt in eine Spezialklinik für Essgestörte. Dort konnte man sie etwas aufpäppeln und stabilisieren. Es war eine anstrengende Zeit für uns alle: Zu Hause kamen wir zu dritt zwar zurecht, aber Anneli fehlte uns sehr. An den Wochenenden mussten wir weit fahren, um sie zu besuchen. Und wir lebten mit der Angst, dass Anneli noch viele Jahre so leiden muss und vielleicht nie geheilt wird. Umso glücklicher waren wir, als sie nach 13 Wochen endlich nach Hause kam. Doch damit war die Geschichte nicht zu Ende. Wir bemühten uns sehr, alles zu tun, damit sie zu Hause wieder zurechtkam. Aber irgendetwas machten wir falsch: Innerhalb von sechs Wochen nahm sie fünf Kilo ab. Wir mussten sie wieder in eine Klinik bringen. Dort blieb sie für 16 lange Wochen. Die Magersucht ist wie leises Gift in unsere harmonische Familie getröpfelt und hat uns alle bis zur Erschöpfung gefordert. Unsere Ehe wurde stark geprüft. Wir hatten nur noch Vorwürfe und böse Worte füreinander. Unsere ältere Tochter hat sich in dieser Zeit zurückgezogen, sie war oft bei ihrem Freund und hielt sich – wie wir damals meinten – aus allem raus. Immer lebten wir zwischen Hoffen und Verzweifeln. Ständige Überlegungen quälten mich: Was mache ich falsch? Wieso trifft es uns? Es gab kein einschneidendes Erlebnis wie einen Umzug oder eine Trennung oder andere Auslöser. Deshalb klagte ich mich selbst an: Bin ich als Mutter an ihrer Erkrankung schuld?
GEMEINSAM HELFEN
Damit unsere Ehe nicht weiter leidet, sind wir irgendwann zur Eheberatung gegangen. Dort konnte man uns mit Paargesprächen nachhaltig helfen. Zusätzlich verbrachten wir eine Woche mit drei Paaren und den beiden Ehe-Therapeuten an der Ostsee. Diese intensive Ehe-Zeit hat uns gezeigt, dass wir zusammengehören und unserem Kind nur gemeinsam helfen können.Ein wichtiger Anker für mich waren Freundinnen, mit denen ich beten kann. Oft hatte ich keine Worte für Gott, nur pure Verzweiflung! Wenn ich aber wusste, die anderen beten für uns, hat mich das sehr getröstet. Auch meine Schwester ist mir in dieser harten Zeit zu einem Anker geworden. Während eines Gebets sah ich ein inneres Bild: Anneli lag fast tot auf einer Bahre. Doch dann kam Gott und hauchte ihr wieder seinen Odem, seinen göttlichen Atem ein, und Anneli öffnete ihre Augen. Ich habe mich an diesem Bild festgeklammert. Das war eine eindrückliche und intensive Verheißung. Ich vertraue darauf, dass dieses Bild von Gott kam und er mir damit versprochen hat, Anneli zu helfen.
KEIN ENDE DES TALS IN SICHT
In unserer Gemeinde behandelten wir einige Wochen lang den Psalm 23. Wir lasen dazu das gleichnamige Buch von Jörg Ahlbrecht. Als ich das Kapitel um den 4. Vers las – „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, so fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir“ – habe ich bitterlich geweint. Es war noch lange kein Ende des dunklen Tals in Sicht. Doch zu wissen und manchmal auch zu spüren, dass Gott neben mir geht und mich stützt, ist eine so tröstende Hoffnung, dass ich mich auch an diesem Bild festklammere. Außerdem habe ich mich über die Erkrankung informiert, habe Sachbücher und Erfahrungsberichte gelesen. Der Feind ist nicht so gefährlich, wenn man ihn kennt. Das hilft mir, zwischen Anneli und der Essstörung zu unterscheiden. Wenn sie uns wieder einmal belügt oder austrickst, weiß ich: Das ist nicht Anneli, sondern die Essstörung in ihr.
OFFENHEIT UND KLARHEIT
Ich musste lernen, alle Kontrolle über Anneli loszulassen. Ich muss vertrauen, dass die Therapeutin den richtigen Weg mit ihr geht, dass die Kliniken das Richtige tun, dass Anneli lernt, sich wieder „normal“ zu ernähren, dass sie von Gott gehalten und geliebt ist, dass ich als Mutter kaum noch Einfluss habe. Außerdem muss unsere Familie jetzt lernen, unangenehme Dinge anzusprechen und auszudiskutieren. Unser obers-tes Familiengebot ist nicht mehr Harmonie, sondern Offenheit und Klarheit. Seit ich weiß, dass diese Art der Essstörung hauptsächlich in konfliktscheuen, harmoniesüchtigen Familien vorkommt, hat das Wort Harmonie bei mir einen negativen Beigeschmack bekommen. Und eine weitere Erkenntnis möchte ich teilen: Es ist absolut sinnlos, nach dem Warum zu fragen. Diese Frage hat mich immer nur in Sackgassen und dunkle Räume geführt. Sie bringt überhaupt nichts, sie hilft nicht, sondern verbittert nur. Ich schaue lieber nach Veränderungen und stelle fest, dass ich weicher geworden bin, gnädiger und verständnisvoller für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Unser Miteinander in der Ehe ist aufmerksamer geworden, wir können wieder lachen und lassen uns nicht zu sehr von Annelis Launen anstecken. Und wir besprechen unsere Kritik aneinander nicht im Affekt, sondern in Ehegesprächen, im geschützten Rahmen, wenn der „Dampf“ abgelassen ist. Unser Blick ist nicht mehr nur noch auf Anneli gerichtet, sondern auch auf uns und unsere große Tochter. Inzwischen wissen wir, dass sie unglaublich unter der Situation gelitten und ihre Traurigkeit vor uns verborgen hat, um uns Eltern nicht noch mehr Sorgen zu machen. Jetzt ist Anneli 17 und seit vier Jahren erkrankt. Im Schnitt dauert diese Krankheit sechs bis sieben Jahre! Wir sind noch lange nicht durch, haben aber einen Weg gefunden, uns damit zu arrangieren. Wir lernen täglich weiter: Gott zu vertrauen, Anneli das Essen zuzutrauen, wieder Pläne zu machen, das Leben zu genießen.
Die Autorin möchte anonym bleiben.
Wenn gut nicht gut genug ist
Die Perfektionismus-Falle schnappt immer häufiger zu. Warum ist das so? Und wie kann man sich daraus befreien?
Unser Garten macht mich nervös, weil er „wilder“ aussieht als die gepflegten Gärten unserer Nachbarn. Die Staubmäuse unter dem Sofa muss ich noch wegsaugen, bevor meine Schwiegereltern da sind. Die Muffins für das Schulfest backe ich heute Abend selbst, weil niemand mit gekauften Sachen aufkreuzt. Viel zu oft überkommt es mich: Alles muss perfekt sein. Und das stresst mich. Ich habe dann keine Zeit, eine Pause einzulegen, mich entspannt mit meinen Kindern zu beschäftigen oder andere, schönere Dinge zu tun, weil ich so hohe Ansprüche an mich selbst stelle. Vor allem möchte ich vor anderen den Eindruck vermitteln, dass bei mir alles perfekt läuft. Und ich entdecke den zwanghaften Wunsch, alles perfekt machen zu wollen bei vielen Menschen meiner Generation: Wohnung, Job, Ehe, Kinder. Alles perfekt durchgestylt.
Ist Mittelmaß besser?
Zwei Drittel der Menschen haben – in unterschiedlichen Ausprägungen – perfektionistische Tendenzen. Ungefähr die Hälfte davon lässt sich als „funktionale Perfektionisten“ bezeichnen. Der funktionale Perfektionismus ist die gesunde Variante. Ich würde mich in diese Kategorie einordnen. Mittlerweile müssen die Staubmäuse nicht mehr ausziehen, wenn sich die Mutter meines Mannes ankündigt. Nur die Muffins backe ich noch selbst. Ich will zwar richtig gut sein in dem, was ich tue, habe aber keine Angst, auch mal einen Fehler zu machen. Passiert mir ein solcher, stelle ich mich und meine Fähigkeiten nicht in Frage. Meistens merke ich rechtzeitig, wenn ich übertreibe und eine Erholungspause brauche. Perfektionismus ist nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Ich möchte nicht von einem Chirurgen operiert werden, der in seinem Beruf das Mittelmaß okay findet. Es gibt aber auch den „dysfunktionalen Perfektionismus“. Menschen, die an diesem ungesunden Perfektionismus leiden, setzen sich unerreichbare Standards für alles, was sie tun. Für dysfunktionale Perfektionisten ist es nicht vorstellbar, dass man geliebt wird, wenn man keine perfekte Leistung bringt. Wenn sie einen Fehler machen, geben sie sich selbst die Schuld. Sie zweifeln an sich und ihrer Leistungsfähigkeit. Folglich geben sie immer mehr, und am Ende sind sie ausgebrannt.
Höhere Anforderungen
Warum wird der Perfektionismus zusehends zum Problem für viele Menschen? Wir sind nicht unbedingt perfektionistischer als unsere Eltern und Großeltern, aber die Anforderungen haben sich gewandelt. „Früher hatte ein Mann perfekt im Beruf zu sein und eine Frau perfekt im Haushalt. Er draußen, sie drinnen. Heute müssen alle überall perfekt sein“, schreibt Florentine Fritzen in ihrem Buch „Plus minus 30. Oder die Suche nach dem perfekten Leben“. Wir befinden uns auf Rollensuche und im Rollenstress: fürsorgliche Mutter, gut ausgebildete Karrierefrau, gleichberechtigte und gleichzeitig aufregende Ehefrau, aufmerksame Freundin und ordentliche Haushälterin. Für die Männer ist es nicht einfacher: Versorger und Ernährer der Familie, engagierter Vater, unterstützender Ehemann. In allen Rollen haben wir den Anspruch an uns, perfekt zu sein. Es mangelt aber an Rollenvorbildern, die uns zeigen, wie wir das gemanagt bekommen. Wo klar definierte Standards fehlen und gleichzeitig viele verschiedene Erwartungen an uns gestellt werden, kommt schnell Unsicherheit und Angst auf, etwas falsch zu machen. Man will einfach alle Erwartungen erfüllen und perfekt sein. Und das kann fast nur scheitern.
Oasen des Perfektionismus
Doch was mache ich, damit mir mein Streben nach Perfektion nicht zu viel wird? Ich habe mir bewusst einige Wege aus dem Streben nach Perfektion gesucht: Ich nehme mir Auszeiten zum Durchatmen. Unser Körper und unser Geist brauchen Pausen, um Kraft zu tanken. Im Kleinen reichen da verschiedene Entspannungstechniken „für zwischendurch“: zurücklehnen, kurz die Augen schließen, vielleicht etwas Lieblingsmusik hören. Für längere Pausen kann man sich ein Hobby suchen, das entspannt. Aber Vorsicht! Das Hobby soll der Entspannung dienen und nicht zusätzlich Druck aufbauen, perfekt zu sein. Deshalb habe ich mir „Oasen des Perfektionismus“ geschaffen. Ich habe mir regelrecht antrainiert, nicht überall perfekt zu sein: Meinen Unterricht bereite ich perfekt und detailliert vor – für meine Steuererklärung suche ich jedes Jahr die Unterlagen wieder mühsam zusammen. In meinem Bücherregal herrscht Ordnung – in meinen Kleiderschrank nicht. Ich höre auf mein Bauchgefühl, vor allem da, wo Standards fehlen, zum Beispiel bei der Erziehung meiner K inder. Ich versuche, m ich n icht mehr von dem, was man hört oder liest, verunsichern zu lassen, sondern vertraue vor allem auf meinen Instinkt.
Mehr Ehrlichkeit
Außerdem versuche ich, ehrlich zu sein. Eine Freundin hat mir erzählt, dass sie nicht zu Krabbelgruppen geht. Sie fühle sich dort schlecht, weil alle anderen Mütter ihren Alltag problemlos zu meistern scheinen. Aber wenn nicht in so einer Gruppe, wo sonst könnte man ehrlich sagen: „Ich gehe gerade auf dem Zahnfleisch! Mein Kind schläft schlecht und ich bin total übermüdet!“ Ich wette, wenn eine der Mamas damit anfängt, platzt es auch aus den anderen heraus. Das gilt auch, wenn die Kinder schon groß sind: „Mein Sohn hat die Ausbildung abgebrochen.“ – „Ach tatsächlich? Meiner hat das Studium geschmissen …“ Mein bester Weg aus der Perfektionismus-Falle ist allerdings mein Vertrauen auf Gott. Denn er liebt mich genau so wie ich bin, mit all meinen Fehlern. Wenn ich mir bewusst mache, dass ich vor Gott Fehler machen darf, dass es ihm egal ist, was andere von mir denken, nimmt mir das den Druck. Da darf das Unkraut im Vorgarten auch mal etwas mehr sprießen.
Tanja H. ist in der Erwachsenenbildung tätig und lebt mit ihrer Familie in Norddeutschland.
Respekt!
Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder anderen Menschen mit Respekt begegnen. Aber wie kann man Kindern und Jugendlichen vermitteln, dass sie andere respektvoll behandeln? Fünf Tipps von Thomas Eberle, Professor für Erziehungswissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg:
Tipp 1: Behandeln Sie Heranwachsende respektvoll und leben Sie vor, was Sie von anderen erwarten. Nehmen Sie ihre Anliegen, Wünsche und Gefühle ernst.
Tipp 2: Manchmal sind Formulierungen, die in der Gleichaltrigengruppe (Peergroup) verwendet werden, abwertend. Manchmal drücken sich Kinder und Jugendliche ungeschickt und somit verletzend aus. Besprechen Sie die Bedeutung des Gesagten und berücksichtigen Sie bitte, dass Heranwachsende auch Schwierigkeiten haben können, sich gut auszudrücken. Zeigen Sie, auch wenn Sie sich über eine Formulierung ärgern, einen respektvollen Umgang.
Tipp 3: Aktuell gibt es verschiedene Lebensentwürfe, Vorlieben, Werte, Normen und Vorstellungen über adäquates Verhalten. Es wird viel ausgehandelt. Besprechen Sie Erwartungen, Vorstellungen und alternative Lebensformen mit den Kindern und Jugendlichen. Besprechen Sie Wünsche für ein gutes Zusammenleben und stellen Sie Regeln gemeinsam auf. Berücksichtigen Sie dabei die Anliegen aller Beteiligten, also sowohl die der Kinder als auch Ihre eigenen.
Tipp 4: Rassistische, nationalistische, populistische und sonstige verzerrende Aussagen und Propaganda verkürzen Personen auf ein einzelnes Merkmal (beispielsweise Nationalität, Religion, Herkunft, Hautfarbe, sexuelle Orientierung). Sie bewerten dieses Merkmal extrem negativ und werten die Person als Ganzes damit ab. Wer dieses beliebige Merkmal besitzt, hat der Propaganda zufolge keine gleichen Rechte, ist minderwertig, darf schlecht behandelt oder misshandelt werden. Zeigen Sie Ihren Kindern diese Mechanismen auf und leben Sie vor, dass alle Menschen würdevoll behandelt werden müssen.
Tipp 5: Unterstützen Sie Ihre Kinder darin, sich wertvoll zu fühlen, auch bei negativen Erfahrungen. Das ist eine gute Basis, um sich nicht über andere erheben zu wollen, weil das eigene Selbstwertgefühl gering ist.
Wie vielfältig das Zusammenleben in Deutschland aussehen kann, zeigt der Kinderkanal von ARD und ZDF in seinem Themenschwerpunkt „Respekt für meine Rechte! – Gemeinsam Leben“ vom 6. bis 26. November. Für die Sendung: „ERDE AN ZUKUNFT“ hat Professor Thomas Eberle Schülerinnen und Schüler bei dem Prozess begleitet, ein Planspiel zu entwickeln für ein gelingendes Zusammenleben. Die Sendung „ERDE AN ZUKUNFT: Gemeinsam in die Zukunft“ ist am Donnerstag, 23. November um 19:25 Uhr im KiKA zu sehen.
Weitere Informationen zum Themenschwerpunkt: www.kika.de
Zeterzank
„Meine Kinder (5 und 3) streiten sehr oft. Mehrmals am Tag gehe ich dazwischen, damit sie sich nicht gegenseitig verletzen. Aber sollte ich eigentlich eingreifen?“
Kinder erleben das Streiten und Rangeln als Teil ihres Alltags und lernen dabei sehr viel. Sie lernen, wie es ist, mit einer Idee nicht durchzukommen. Im Kräftemessen werden sie erfinderisch und entwickeln Strategien, mit Erfolgen und Niederlagen umzugehen. Greifen Eltern zu oft ein, werden Kinder der Möglichkeit beraubt, eine Idee zur Lösung zu finden. Mischen Eltern sich häufig ein, kann beim Kind sogar das Gefühl entstehen, Streitereien nicht selbst regeln zu können und immer einen Fürsprecher zu benötigen. Das Eingreifen der Eltern hat aber auch noch eine andere Dimension: Der Streit besteht nicht erst ab Heulen und Schreien, sondern entwickelt sich aus Missverständnissen, Egoismus, Wut, der persönlichen Tagesform oder kleinen Gesten und Situationen. Tritt ein Elternteil in dieses Geschehen ein, ist es schwierig zu erfassen, wer Trost und wer eine Ermahnung braucht – ein ungerechtes Urteil kann die Folge sein.
BEOBACHTEN
Eltern sind gut damit beraten, sich ihre Kinder im Streit bewusst anzusehen und wahrzunehmen, ob wiederkehrende Muster auftreten. Ist zum Beispiel ein Kind wütend und empört, weil ein anderes mitspielen wollte und verleiht seiner Empörung lautstark Ausdruck, könnte es gut sein, den Mitspieler zur Seite zu nehmen und zu erklären: „Er wollte so gern allein spielen!“ Sollte dies zur Regel werden, ist es notwendig, sich mit dem Einzelspieler auseinanderzusetzen, um ihm zu helfen, sich auf andere einzustellen. Sind in einer Geschwister- oder Freundeskonstellation beide Kinder mal die Nachgebenden und die Durchsetzungsstarken, dürfen Eltern sich aus den ungemütlichen Situationen heraushalten – egal, wie lautstark es wird.
EINGREIFEN?
Eingreifen wird dann nötig, wenn ein Kind in Gefahr steht, verletzt zu werden. Eine Rangelei um ein Haargummi oben auf einer hohen Rutsche ist keine entwicklungsfördernde, sondern eine gefährliche Situation. Kneifen, kratzen, schubsen kann nach einem Konflikt als unpassend erklärt werden, wenn Kinder beißen oder würgen, müssen Eltern deutliche Zeichen setzen. Je jünger die Kinder sind, umso mehr dürfen die Streitereien mit Ritualen eingeübt werden: das Auto, um das man sich „kloppt“, kommt auf den Schrank. Beide suchen sich etwas Neues. Wichtig – auch für spätere Zusammenstöße aller Art: Es ist nicht immer der Gleiche „schuld“ und damit auch auf keinen Fall der Mensch „doof“. Eltern dürfen Vorbild sein, indem sie bei beiden Kindern nachfragen: „Alles ok?“ „Habe ich dich richtig verstanden? Du möchtest, so gern mit dem Bagger spielen?“ Dabei ist es erlaubt, zornig und ärgerlich zu werden und sich zu streiten. Eingreifen bei Streit: so wenig wie möglich. Bei jüngeren ganz konkret, um Verletzungen zu vermeiden. Bei älteren Kindern besonders, um Streit mit allen wiederstreitenden Gefühlen zu verstehen.
Stefanie Diekmann ist Diplom-Pädagogin und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ingelheim am Rhein.
„Wie leises Gift…“
Andere meinen, wir seien eine richtige „Vorzeigefamilie“: Wir haben ein schönes, selbst renoviertes Haus mit Garten, Hund und Kater. Eine gute Ehe und zwei Töchter (17 und 19), die fleißig lernen. Alle vier sind wir in eine lebendige Kirchengemeinde integriert und übernehmen jeweils kleinere Ehrenämter. Doch dieses Bilderbuchidyll bekam einen Riss, als unsere Jüngste vor vier Jahren nach einer ärztlichen Untersuchung ihr Gewicht zu hoch fand und eine Diät begann …
ZURÜCKGEZOGEN
Nach einem halben Jahr sprach eine Freundin mich an, dass Anneli (Name geändert) so abgenommen habe. Sie sagte, ich solle mal genauer hinschauen. Nicht dass sie noch eine Essstörung bekommt. Anneli verzichtete zu dieser Zeit total auf Süßes und joggte regelmäßig. Ich fand es gut, dass sie plötzlich Sport machte. Doch ich merkte, dass sie immer schmaler und stiller und unglücklicher wurde. Ich sprach sie auf ihr Essverhalten an. Sie meinte, dass sie gewisse Dinge nicht mehr essen könne. Nach und nach verweigerte sie immer mehr. Sie aß nun weder Eis noch Kuchen, mochte keine Schokolade oder Limo mehr! Dazu kam, dass sie sich immer mehr zurückzog. Sie bekam keine Besuche von Freundinnen mehr, wollte sich mit niemandem verabreden. Ein paar Monate zuvor war sie die Lebhafteste in unserer Familie gewesen. Unser Haus war oft voll mit ihren Freunden. Doch nun wirkte sie traurig, war in sich gekehrt und bekam keine Besuche mehr. Nach einigen Gesprächen willigte sie schließlich ein, mit mir zu einer Ernährungsberatung zu gehen. Sie hörte aufmerksam zu und nickte, konnte aber keinen der gut gemeinten Tipps umsetzen. Stattdessen aß sie immer weniger und nahm ständig ab. Wir gingen zum Arzt, informierten uns im Internet und hatten schließlich die Diagnose: Anorexia nervosa – Magersucht!
TRAURIGER GEBURTSTAG
Anneli begann eine ambulante Therapie. Wir wussten, dass es auch Kliniken gibt, die diese Krankheit stationär behandeln. Doch in meinem Kopf sperrte sich alles gegen einen Klinikaufenthalt. Dort konnte man frühestens mit 14 Jahren hin. „Davon sind wir weit entfernt“, dachte ich. Annelis 14. Geburtstag war ein trauriger Tag: Sie war freudlos und depressiv und wog nur noch 34 Kilo. Der Arzt wollte sie in eine Klinik einweisen. Ich heulte, denn das wollte ich auf keinen Fall. Wir versuchten immer wieder, Anneli zum Essen zu bringen: mit Liebe und Zuneigung, mit Gesprächen und Gebeten, mit Strenge … Nichts half! Als sie nur noch 31 Kilo wog, musste sie ins Krankenhaus. Sie kam auf die Kinderonkologie. Ich konnte es kaum ertragen: Da sind kleine Kinder ohne Haare, die kämpfen tapfer ums Überleben, und meine Tochter isst nichts mehr! Ich weinte verzweifelt wie noch nie in meinem Leben. Ich verstand diese Krankheit nicht. „Iss doch endlich!“, dachte ich nur.
LANGE WOCHEN
Vom Krankenhaus kam Anneli direkt in eine Spezialklinik für Essgestörte. Dort konnte man sie etwas aufpäppeln und stabilisieren. Es war eine anstrengende Zeit für uns alle: Zu Hause kamen wir zu dritt zwar zurecht, aber Anneli fehlte uns sehr. An den Wochenenden mussten wir weit fahren, um sie zu besuchen. Und wir lebten mit der Angst, dass Anneli noch viele Jahre so leiden muss und vielleicht nie geheilt wird. Umso glücklicher waren wir, als sie nach 13 Wochen endlich nach Hause kam. Doch damit war die Geschichte nicht zu Ende. Wir bemühten uns sehr, alles zu tun, damit sie zu Hause wieder zurechtkam. Aber irgendetwas machten wir falsch: Innerhalb von sechs Wochen nahm sie fünf Kilo ab. Wir mussten sie wieder in eine Klinik bringen. Dort blieb sie für 16 lange Wochen. Die Magersucht ist wie leises Gift in unsere harmonische Familie getröpfelt und hat uns alle bis zur Erschöpfung gefordert. Unsere Ehe wurde stark geprüft. Wir hatten nur noch Vorwürfe und böse Worte füreinander. Unsere ältere Tochter hat sich in dieser Zeit zurückgezogen, sie war oft bei ihrem Freund und hielt sich – wie wir damals meinten – aus allem raus. Immer lebten wir zwischen Hoffen und Verzweifeln. Ständige Überlegungen quälten mich: Was mache ich falsch? Wieso trifft es uns? Es gab kein einschneidendes Erlebnis wie einen Umzug oder eine Trennung oder andere Auslöser. Deshalb klagte ich mich selbst an: Bin ich als Mutter an ihrer Erkrankung schuld?
GEMEINSAM HELFEN
Damit unsere Ehe nicht weiter leidet, sind wir irgendwann zur Eheberatung gegangen. Dort konnte man uns mit Paargesprächen nachhaltig helfen. Zusätzlich verbrachten wir eine Woche mit drei Paaren und den beiden Ehe-Therapeuten an der Ostsee. Diese intensive Ehe-Zeit hat uns gezeigt, dass wir zusammengehören und unserem Kind nur gemeinsam helfen können.Ein wichtiger Anker für mich waren Freundinnen, mit denen ich beten kann. Oft hatte ich keine Worte für Gott, nur pure Verzweiflung! Wenn ich aber wusste, die anderen beten für uns, hat mich das sehr getröstet. Auch meine Schwester ist mir in dieser harten Zeit zu einem Anker geworden. Während eines Gebets sah ich ein inneres Bild: Anneli lag fast tot auf einer Bahre. Doch dann kam Gott und hauchte ihr wieder seinen Odem, seinen göttlichen Atem ein, und Anneli öffnete ihre Augen. Ich habe mich an diesem Bild festgeklammert. Das war eine eindrückliche und intensive Verheißung. Ich vertraue darauf, dass dieses Bild von Gott kam und er mir damit versprochen hat, Anneli zu helfen.
KEIN ENDE DES TALS IN SICHT
In unserer Gemeinde behandelten wir einige Wochen lang den Psalm 23. Wir lasen dazu das gleichnamige Buch von Jörg Ahlbrecht. Als ich das Kapitel um den 4. Vers las – „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, so fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir“ – habe ich bitterlich geweint. Es war noch lange kein Ende des dunklen Tals in Sicht. Doch zu wissen und manchmal auch zu spüren, dass Gott neben mir geht und mich stützt, ist eine so tröstende Hoffnung, dass ich mich auch an diesem Bild festklammere. Außerdem habe ich mich über die Erkrankung informiert, habe Sachbücher und Erfahrungsberichte gelesen. Der Feind ist nicht so gefährlich, wenn man ihn kennt. Das hilft mir, zwischen Anneli und der Essstörung zu unterscheiden. Wenn sie uns wieder einmal belügt oder austrickst, weiß ich: Das ist nicht Anneli, sondern die Essstörung in ihr.
OFFENHEIT UND KLARHEIT
Ich musste lernen, alle Kontrolle über Anneli loszulassen. Ich muss vertrauen, dass die Therapeutin den richtigen Weg mit ihr geht, dass die Kliniken das Richtige tun, dass Anneli lernt, sich wieder „normal“ zu ernähren, dass sie von Gott gehalten und geliebt ist, dass ich als Mutter kaum noch Einfluss habe. Außerdem muss unsere Familie jetzt lernen, unangenehme Dinge anzusprechen und auszudiskutieren. Unser obers-tes Familiengebot ist nicht mehr Harmonie, sondern Offenheit und Klarheit. Seit ich weiß, dass diese Art der Essstörung hauptsächlich in konfliktscheuen, harmoniesüchtigen Familien vorkommt, hat das Wort Harmonie bei mir einen negativen Beigeschmack bekommen. Und eine weitere Erkenntnis möchte ich teilen: Es ist absolut sinnlos, nach dem Warum zu fragen. Diese Frage hat mich immer nur in Sackgassen und dunkle Räume geführt. Sie bringt überhaupt nichts, sie hilft nicht, sondern verbittert nur. Ich schaue lieber nach Veränderungen und stelle fest, dass ich weicher geworden bin, gnädiger und verständnisvoller für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Unser Miteinander in der Ehe ist aufmerksamer geworden, wir können wieder lachen und lassen uns nicht zu sehr von Annelis Launen anstecken. Und wir besprechen unsere Kritik aneinander nicht im Affekt, sondern in Ehegesprächen, im geschützten Rahmen, wenn der „Dampf“ abgelassen ist. Unser Blick ist nicht mehr nur noch auf Anneli gerichtet, sondern auch auf uns und unsere große Tochter. Inzwischen wissen wir, dass sie unglaublich unter der Situation gelitten und ihre Traurigkeit vor uns verborgen hat, um uns Eltern nicht noch mehr Sorgen zu machen. Jetzt ist Anneli 17 und seit vier Jahren erkrankt. Im Schnitt dauert diese Krankheit sechs bis sieben Jahre! Wir sind noch lange nicht durch, haben aber einen Weg gefunden, uns damit zu arrangieren. Wir lernen täglich weiter: Gott zu vertrauen, Anneli das Essen zuzutrauen, wieder Pläne zu machen, das Leben zu genießen.
Die Autorin möchte anonym bleiben.
„Alles gut?“
Christof Klenk mag keine Emojis in der mündlichen Sprache.
Die Frage „Wie geht es dir?“ ist ein bisschen aus der Mode gekommen. Sie wird von einem lapidaren „Alles gut?“ abgelöst. Das ist prägnanter, hipper und klingt irgendwie nach Facebook oder WhatsApp. Man kann darauf nur mit dem mündlichen Gegenüber eines Emojis antworten: Alles super! Daumen hoch! Smiley!
Das ist glatt gelogen. Bei mir ist nie alles gut. Irgendwo zwickt’s immer, läuft etwas schief, wäre Luft nach oben. Ganz abgesehen davon, dass die Weltlage mit „Smiley, Smiley, Smiley“ wohl kaum umschrieben ist. Aber niemand will auf „Alles gut?“ eine differenzierte Antwort hören. In den meisten Fällen würde ein „Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden“ meine Gefühlslage ganz gut auf den Punkt bringen. Das klingt aber irgendwie altklug, nach Spaßbremse oder Besserwisser.
Zugegeben: Auf die Frage „Wie geht’s dir?“ antworte ich in den allermeisten Fällen auch nur mit „gut“. Das hat keinen hohen Informationswert, aber es kommt der Wahrheit trotzdem näher als „Daumen hoch! Alles bestens! Rundum glücklich!“ Da ist viel Schönes dabei, aber dass alles gut ist, kann ich eben nicht behaupten.
„Christof, halt mal den Ball flach. Hier geht’s doch nur um Smalltalk!“, mag mancher hier einwenden. Letztlich geht es, wende ich ein, um das Wertvollste, was wir haben, nämlich um Beziehungen. Ich will bei einem zufälligen Treffen auf der Straße sicherlich kein Therapiegespräch, aber ein klein wenig die Chance eröffnen, dass Begegnung stattfindet und dass wir einander wahrnehmen, das wäre schon schön. Dann wäre schon eine Menge gut.
Christof Klenk ist Redakteur bei Family und FamilyNEXT und lebt mit seiner Familie in Witten.
Brei war gestern
„In unserem Freundeskreis werden kaum noch Kinder mit Brei gefüttert, stattdessen liegt Fingerfood im Trend. Was ist dran an der neuen Methode?“
Generationen von Eltern und Großeltern machten dem Nachwuchs das Essen vom Löffel mit einem Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei oder einem Obst- Getreide-Brei schmackhaft. Nun soll der Löffel weg und das Baby selbst entscheiden, was und wie viel es essen möchte. – Geht das denn? Ja, behauptet die Gesundheitsberaterin Gil Rapley aus Großbritannien. Ihre These lautet: „Macht euch keinen Stress und lasst das Baby selbst entscheiden.“ Allmählich schwappt die Welle aus Großbritannien auch zu uns herüber: Eltern können austesten, wann ihr Baby Lust auf Fingerfood hat. Der Zeitpunkt richtet sich dabei nicht nach der als sinnvoll angesehenen Nährstoffergänzung, sondern allein nach dem Kind. Zum Beispiel bieten Eltern ihren Kindern ein Stück Melone (vorher die Kerne entfernen), einen gegarten Broccoli oder auch ein Stück Fleisch zum Rumknabbern an. Rapley meint, dass die Babys ein sehr gutes Gespür dafür haben, was sie wann brauchen. „Baby led weaning“ heißt diese vom Kind gesteuerte Methode.
DIE MISCHUNG MACHT’S
Doch Fingerfood und Babybrei müssen nicht zwangsläufig gegeneinander stehen. Beides zu kombinieren ist sicherlich eine gute Lösung. Beim traditionellen Brei können Eltern sicher sein, dass ihr Kind genau die Nährstoffe bekommt, die es zu diesem Zeitpunkt braucht. Zum Beispiel sollte Eisen, wichtig für Wachstum und Blutbildung, nach vier Lebensmonaten über die Nahrung zugeführt werden. Fleisch ist ein guter Eisenlieferant, aber auch Vollkorngetreide und verschiedene Gemüsesorten. Wie viel Eisen bekommt das Baby aber, wenn es an einem Fleischstück lutscht? Denn abbeißen und zerkauen kann es das mit fünf oder sieben Monaten sicher noch nicht. Kombiniert man beide Methoden, so gibt der Brei die Sicherheit einer ausgewogenen Nährstoffzusammensetzung und das Fingerfood dem Baby die Möglichkeit, sein Essen mit allen Sinnen zu genießen: Das Kind kann die Nahrung in ihrer natürlichen Form sehen, riechen, schmecken und fühlen und somit ganzheitlich erleben. Das kann eine echte Bereicherung in der Erfahrungswelt des Kindes sein. Allerdings gilt auch hier, genauso wie bei der guten alten Brotkruste, auf der schon unsere Großeltern ihre Sprösslinge herumkauen ließen: Nie das Kind damit allein lassen! Manchmal schafft das Baby es doch, selbst ohne Zähne, ein großes Stück davon abzureißen und dann kann es gefährlich werden, wenn es versucht, dieses hinunterzuschlucken.
WAS ANBIETEN?
Sticks aus gegarten Karotten, Äpfel- oder Birnenstücke, Salatgurkensticks oder Melonen-, Mango- oder Papaya- Streifen sind Köstlichkeiten für kleine Finger. Nussstücke, ganze Nüsse, Sardellen, Chips, also Scharfes, Salziges, Süßigkeiten oder Lebensmittel, die leicht verschluckt werden können, sind für Kleinkinder ungeeignet. Bei den Kleinsten gilt also genauso wie bei uns Erwachsenen: Fingerfood ist toll, aber das Essen mit Besteck hat ebenso einen Stellenwert im Rahmen der Ernährungserziehung, es gehört zur Tischkultur.
Elke Decher ist Diplom-Oecotrophologin (Ernährungswissenschaftlerin) und unterrichtet Ernährung und Hauswirtschaft, hauswirtschaftliche Versorgung und Naturwissenschaften an einem Berufskolleg.
Stressfrei unterwegs
5 Tipps für Bahnreisen mit Kind
Mit Mama die Großeltern besuchen oder zum Wanderwochenende mit Papa? In den Herbstferien ist für Familien wieder Ausflugszeit angesagt. Vor allem für Alleinreisende mit Kind kann die Tour jedoch ganz schön fordernd sein: Als größte Herausforderungen empfinden sie, das Gepäck zu befördern (39 Prozent), eigenen Anliegen nachzukommen (38 Prozent), etwa selbst zur Toilette zu gehen oder zu essen, sowie ihre Kinder zu unterhalten (37 Prozent). Das ergab eine aktuelle forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Bahn (DB). Fünf Tipps, wie der Familienausflug auch im elterlichen Alleingang zum Kinderspiel wird:
1. Persönliche Junior-Reise-Assistenten
Die Nörgerlei geht schon los, bevor die Reise überhaupt begonnen hat? Das lässt sich vermeiden, indem Eltern ihre Kleinen von Anfang an mit in die Reiseplanung einbeziehen und sie zu Junior-Reise-Managern ernennen. Mit festen Aufgaben wie der Gleissuche oder Proviantverwaltung ist der Nachwuchs voll ins Reisegeschehen eingespannt, langweilt sich nicht und kann Mama oder Papa sogar noch unterstützen.
2. Kinderkleidung in Signalfarben
Bereit zum Einstieg, doch plötzlich fehlt jede Spur der Tocher oder des Sohns? Wenn die Kids am Reisetag in besonders leuchtenden Farben gekleidet sind, kann das die Suche im Gewimmel enorm erleichtern. So erkennen Alleinreisende ihre Sprösslinge garantiert auch aus größerer Entfernung und an Orten, wo sich viele Menschen tummeln.
3. Bahnreisen mit professioneller Kinderbetreuung
Trotz des Kindes im Schlepptau einfach mal für ein Stündchen die Augen zu machen? Als einzige Verantwortliche kommen alleinreisende Eltern nur selten zur Ruhe. Damit sich Mütter und Väter auf Reisen zurücklehnen und Kids sich kreativ betätigen können, kommen seit fünf Jahren regelmäßig professionelle Kinderbetreuer an Bord der Bahn. 75.000 Kids haben sie die Zugfahrt schon mit Spiel- und Bastelunterhaltung versüßt.
4. Nicht ohne Schlafkissen und Schmusetuch
Sollten mal keine Kinderbetreuer an Bord sein, gibt es noch einen sehr verlässlichen Alleinunterhalter für kleine Reisende: Schlaf. Damit es die Kids dabei besonders komfortabel haben und sich auch in fremden Sitzen gleich wie zu Hause fühlen: Lieblings-Schlafkissen und Schmusetuch nicht vergessen!
5. Kleidung waschen statt schleppen
Das Kind im Blick behalten, die Uhrzeit checken, das richtige Gleis finden: Als wären das noch nicht genügend Herausforderungen, müssen natürlich auch Tasche, Koffer und Co. mittransportiert werden. Profi-Tipp: Viele Familien steuern in den Herbstferien Freunde und Familie an. Und die stellen sicher gern ihre Waschmaschine zur Verfügung. So kann das Gepäck ganz einfach halbiert werden – und mit ihm der Trageaufwand. Wer ganz auf die Schlepperei verzichten möchte, lässt schwere Koffer vor Reiseantritt vom Gepäckservice der Bahn abholen und bequem bis ans Urlaubsdomizil liefern.
„Unser Sohn macht in die Hose“
„Unser Sohn ist schon sieben, macht aber immer noch regelmäßig in die Hose. Meistens passiert es, wenn er sehr konzentriert spielt. Was können wir tun?“
Zuerst ist es wichtig, biologische Vorgänge mit dem Arzt zu klären und zu prüfen, ob auch auf geis-tig-emotionaler Ebene alles in Ordnung ist. Ist dies der Fall, ist es vielleicht möglich, dass bestimmte Spielsituationen Stress bei ihm auslösen. Vielleicht versucht er etwas zu verarbeiten. Beobachten Sie die Spielsituationen genau; haben sie dasselbe Thema? Wann genau macht er in die Hose? Gibt es Anzeichen dafür, dass er den Harndrang spürt? Wann merkt er es selbst? Wie reagiert er darauf? Passiert es nur zu Hause?
GEWOHNHEITSSACHE
Möglicherweise hat sich der Ablauf für ihn bereits eingespielt. In seinem Kopf ist vielleicht gespeichert: spielen, Pipi machen, beim Umziehen mit Mama und Papa Zeit verbringen. In diesem Fall muss sich der Ablauf neu formen. Das heißt zum einen, wenn er in die Hose macht, sollte er sich alleine versorgen und eventuelle Pfützen selbst beseitigen. Er ist alt genug, um das leisten zu können! Diese Konsequenz ist auch zu empfehlen, wenn er durch das „Indie- Hose-Machen“ ihre Aufmerksamkeit will. In dem Fall müssen Sie sich als Eltern Gedanken darüber machen, wann und wie Sie Ihrem Kind Aufmerksamkeit schenken und ihr Verhalten dementsprechend ändern. Darüber hinaus empfehle ich, ihn alle 15 bis 20 Minuten zur Toilette zu schicken, besonders, wenn er gerade so schön spielt! Begründen können Sie das damit, dass Sie das so lange machen müssen, bis er es schafft, rechtzeitig auf die Toilette zugehen. Nach gelungenen zwei bis drei Tagen erhöhen Sie auf 30 Minuten usw. Bei Rückschlägen wird die Zeit wieder verkürzt. Allein, dass er sich selbst versorgen muss und dadurch im Spiel unterbrochen wird, kann schon dazu führen, dass er innerhalb kurzer Zeit trokken wird.
VIELE KLEINE SCHRITTE
Unterstützen könnte man den Prozess mit einem Belohnungssystem. Dies würde ich aber erst einsetzen, wenn nach einer Zeit der konsequenten Umsetzung kaum Verbesserung eintritt. Bei dem Belohnungssystem wird er für erwünschtes Verhalten belohnt, also für das „Auf-die-Toilette-Gehen“. Jedes Mal, wenn er auf die Toilette geht, wird zum Beispiel in einer Liste ein Kreuz gemacht. Wenn er es drei bis vier Mal hintereinander schafft, bekommt er ein „Klebetattoo“ auf den Arm. Wenn er es den ganzen Tag schafft, darf er sich beim Abendessen einen extra Nachtisch aussuchen. Schafft er es drei Tage hintereinander, darf er sich beim nächsten Einkauf eine Kleinigkeit aussuchen usw. Beachten Sie, dass die einzelnen Etappen für ihn erreichbar sind und dass es für Sie nicht zu teuer wird! Wenn er in die Hose macht, gibt es kein Kreuz in der Liste. Natürlich könnten auch gemeinsame Aktivitäten wie spielen, puzzeln oder einen besonderen Film schauen eine Belohnung sein. Diese Belohnungen eignen sich dann, wenn Sie merken, dass er seinen Harndrang kontrollieren kann. Das Risiko ist zu groß, dass er innerhalb seiner Belohnungszeit wieder in die Hose macht und dann wiederum die nächste Etappe nicht schafft, was für ihn einer Strafe ähnelt. Lieber viele kleine Schritte als große Schritte, die einen zu oft zurückwerfen.
Anika Sohn ist Erzieherin und bietet Bewegungs-Kurse für Eltern und Kinder an: familie-bewegt.de. Sie lebt in Neuhofen (Pfalz).
Umgang mit Enttäuschungen
„Unser Sohn (3) gerät schnell aus der Fassung, wenn etwas nicht so läuft, wie er es sich vorstellt. Wie können wir ihn darin unterstützen, den Umgang mit Enttäuschungen zu lernen?“
Kindern fällt es noch deutlich schwerer als uns Erwachsenen, mit Frust umzugehen. Das liegt daran, dass sie ihre Gefühle noch nicht so gut regulieren können. Der Bereich des Gehirns, welcher für die Vernunft zuständig ist, entwickelt sich erst nach und nach und ist erst mit ca. zwanzig Jahren voll funktionstüchtig. Der Gehirnbereich der Gefühle hingegen ist schon von Geburt an voll ausgebildet. Das bedeutet, dass Kinder und Jugendliche viel öfter von ihren Gefühlen überflutet werden. In solchen Situationen an ihre Vernunft zu appellieren („Jetzt reiß‘ dich mal zusammen!“), hilft überhaupt nicht.
EMOTIONEN ZULASSEN
Stattdessen sollten Sie als Eltern Ihrem Kind auf der emotionalen Ebene begegnen, also durch Berührungen, Umarmungen und beruhigendes Zusprechen. Wählen Sie Worte, die die Gefühle ernst nehmen, aber gleichzeitig Sicherheit vermitteln. Also nicht „So schlimm ist das doch nicht“, denn das führt nur dazu, dass Ihr Kind sich unverstanden fühlt. Besser sind Aussagen wie: „Ich verstehe, dass das jetzt ganz blöd für dich ist! Das ist normal, dass man sich ärgert, wenn so etwas passiert!“ Wichtig ist, nicht gleich ein „Aber …“ hinterherzuschieben, sondern das erst einmal so stehen zu lassen. Hilfreich ist es ebenfalls, das Weinen oder Toben zuzulassen, solange niemand gefährdet wird. Babys und auch Kinder brauchen diese Ausdrucksformen immer wieder, um Stress abzubauen und das Erlebte zu verarbeiten. Sagen Sie also nicht: „Du musst doch nicht weinen!“, sondern lieber: „Es ist okay, wenn man weint. Das tut manchmal ganz gut.“
LÖSUNGSVORSCHLÄGE ANBIETEN
Wenn Ihr Kind ein wenig ruhiger wird, können Sie mögliche Lösungsvorschläge anbieten, zum Beispiel: „Sollen wir es nochmal zusammen versuchen?“ Oder den Konflikt nachbesprechen, beispielsweise: „Ich weiß, dass du gern zum Spielplatz wolltest und sauer warst, dass es nicht ging. Das lag daran, dass wir einen Arzttermin hatten und sonst wären wir zu spät gekommen. Manchmal geht nicht alles, was man gern möchte und das ist dann ärgerlich. Aber wenn du möchtest, können wir heute Nachmittag zum Spielplatz gehen.“
UMGANG MIT MISSERFOLG
Es gilt, die Gefühle immer erst ernst zu nehmen und wenn der erste Gefühlssturm nachlässt, sanft das Denken in eine positive Richtung zu lenken. So könnten Eltern sagen: „Ich verstehe, dass du dich darüber ärgerst, dass das nicht geklappt hat. Manches braucht einfach noch Zeit und man muss lange üben. Aber du kannst schon so viel anderes: Laufrad fahren, auf die Toilette gehen und ganz schnell rennen …“ Wichtig ist auch der eigene Umgang mit Misserfolgen. Wir können unseren Kindern vorleben, dass es nicht schlimm ist, Fehler zu machen. Es hilft Kindern, wenn Eltern ehrlich zugeben: „Das kann ich leider nicht, da müssen wir mal schauen, ob uns jemand helfen kann.“ Oder: „Schade, das hat nicht geklappt. Aber nicht so schlimm, ich versuche es noch einmal.“ Damit hängt auch die Botschaft zusammen, dass der Wert eines Menschen nicht von seinen Leistungen oder Erfolgen abhängt.
Melanie Schüer ist Erziehungswissenschaftlerin und Gesundheitsberaterin für Schwangere. Sie bietet Onlineberatung für Eltern von Babys und Kleinkindern mit Schrei- und Schlafproblemen sowie für Schwangere (www.neuewege.me).
„Mein Kind spricht nicht“
„Mein Sohn ist gerade zwei Jahre alt geworden. Mit einem Jahr hat er schon ‚Mama‘ und ‚Papa‘ gesagt. Seitdem macht er aber wenig Versuche, mehr zu sprechen. Was kann ich tun?“
Zunächst einmal sollten Sie sich keine Sorgen machen. Der Verlauf des Spracherwerbs ist sehr unterschiedlich. Mit einigen Hilfen können Sie jedoch die sprachliche Entwicklung Ihres Kindes unterstützen. Viele Dinge werden Sie aber schon automatisch und intuitiv richtig machen, ohne darüber nachzudenken.
DAS EIGENE SPRACHVERHALTEN
So ist es hilfreich, Ihr Handeln und das Ihres Kindes sprachlich zu begleiten. Auch wenn Ihr Kind im Moment wenig oder gar nicht spricht, profitiert es doch sehr von diesem Verhalten. Es versteht, dass Sprechen ganz normal und notwendig ist. Wenn Sie im Alltag zusammen spielen oder etwas unternehmen, beschreiben Sie, was Ihr Kind tut. Suchen Sie im Gespräch den Blickkontakt. Wenn Sie über einen Gegenstand sprechen, zeigen sie auf diesen und achten Sie darauf, dass Ihr Kind ihn auch fokussiert. Generell ist es sinnvoll, normale, kurze und einfache Sätze zu verwenden. Bauen Sie bestimmte Wörter in Sätze ein und benennen sie nicht, wie bei einer Fremdsprache, nur das einzelne Wort. Vermeiden sie es in der „Baby-“ oder „Robotersprache“ mit ihrem Kind zu sprechen. Zum Erlernen von Wörtern ist es wichtig, diese oft zu wiederholen und in unterschiedliche Sätze einzubauen, auch wenn dies anfangs ungewöhnlich erscheinen mag. „Welchen Pullover möchtest du anziehen, den grünen Pullover oder den blauen Pullover? Schau mal, der Pullover ist ganz weich.“ Achten Sie auf die Art der „Korrektur“, wenn Ihr Kind ein falsches Wort verwendet. Es muss viele Wörter erst verknüpfen und Netzwerke aufbauen, damit es die Worte korrekt verwenden kann.
WERTVOLLE GEMEINSAME ZEIT
Manchmal kann Druck entstehen, wenn das eigene Kind noch nicht viel spricht. Vermeiden Sie es jedoch, Wörter wie Vokabeln abzufragen. Kinder merken das und haben dann wenig Lust zu sprechen. Auf der anderen Seite ist es auch wichtig, dass die Notwendigkeit zum Sprechen besteht. Nehmen Sie Ihrem Kind daher nichts vorweg, unterbrechen Sie es nicht oder sprechen für es. Dann ist es viel wahrscheinlicher, dass sich das Kind der Sprache bedient. Der Alltag ist oft sehr hektisch und voll von Terminen. Dennoch ist es wichtig, sich jeden Tag bewusst Zeit für Ihr Kind zu nehmen. Dabei ist nicht immer die Dauer entscheidend, auch kurze gemeinsame Zeiten sind wertvoll. Bilderbücher anschauen ist ebenfalls gut, um das Sprechen anzuregen. Auch wenn manches ohne das Beisein Ihres Kindes schneller geht, sollten Sie es in den Alltag einbinden. Gehen Sie zusammen einkaufen, lassen Sie es, je nach Möglichkeit, beim Kochen, Backen und Putzen dabei sein. Sollten Sie unsicher sein, ob Ihr Sohn in seiner sprachlichen Entwicklung verzögert ist, sprechen Sie einfach beim nächsten Besuch mit Ihrem Kinderarzt.
Luisa Kaminski ist Logopädin und lebt in Siegen.