Der Film „Elternschule“ hat für heftige Diskussionen gesorgt. Bei Eltern und Fachleuten gibt es sehr viel Kritik – zum einen am Film selbst, zum anderen an der dort gezeigten Therapie in einer Gelsenkirchener Klinik. Der Versuch einer Einschätzung von Bettina Wendland
Es fängt schon mit dem Titel an: „Elternschule“ suggeriert, es gehe hier um Anregungen für Eltern, wie sie den Familienalltag und die Beziehung zu den Kindern gut auf die Reihe bekommen. Aber um den normalen Familienalltag geht es nicht in diesem Film. Hier werden Eltern gezeigt, die sich in einer Ausnahmesituation befinden. Die mit dem Rücken zur Wand stehen. Die das Kind in ein Heim geben wollen, „wenn es hier nicht klappt“. Es geht um Kinder, die 14 Stunden am Tag schreien. Die nichts oder fast nichts essen. Die äußerst aggressiv sind. Mit einer normalen, durchaus stressigen Familiensituation hat das kaum etwas gemein. Und Tipps für eine gute Erziehung sollte man lieber woanders suchen.
Momentaufnahmen
Das einzig Gute an dem Titel des Films ist, dass er klar macht, dass es in dieser Klinik wohl nicht darum geht, nur die Kinder zu therapieren. Aber was konkret an Interaktion mit den Eltern gezeigt wird, beschränkt sich auf Lehrstunden über pädagogische und psychologische Zusammenhänge (die durchaus gute Informationen bieten) und kurze Gespräche mit Psychologen. Wie vieles andere auch bleibt in diesem Film im Dunkeln, wie genau die Therapie für die Eltern aussieht. Der Film erweckt den Eindruck, dass vor allem die Kinder lernen müssen: essen, schlafen, sich von den Eltern trennen.
Dieses Lernen geschieht in Trainings, bei denen wohl alle im Kino an irgendeiner Stelle schlucken müssen. Zum Beispiel beim Schlaflernprogramm auf die harte Tour: Nicht mal die Eltern dürfen rein, um das Kind zu trösten, sondern nur die Schwester. Es mag vielleicht Gründe für diese Art des Trainings geben (siehe das Interview mit Prof. Dr. Silvia Schneider weiter unten), sie werden aber unzureichend erklärt.
Und das ist meine Hauptkritik an diesem Film. Er bietet zu wenig Hintergrundinfos. Er zeigt Momentaufnahmen, erklärt aber nicht, wie genau die Therapie denn nun abläuft. Ich vermute, dass die Therapie viel individueller und in deutlich mehr kleinen Schritten verläuft, als dies im Film deutlich wird. Dass die Eltern stärker im Fokus stehen. Dass die Bindung und die Nähe von Eltern und Kindern eine größere Rolle einnehmen. Zumindest hoffe ich das.
Wissenschaftlich vertretbar?
Die Frage bleibt, ob die Therapie, wie sie in dieser Klinik stattfindet, gut und angemessen ist. Ob hier nicht Gewalt ausgeübt wird gegen Kinder – sowohl die Staatsanwaltschaft als auch das NRW-Gesundheitsministerium prüfen das gerade. Ob die Therapie den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht. Hier scheiden sich die Experten. So distanziert sich die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie deutlich nicht nur von dem Film selbst, sondern auch von der angewandten Therapie: „Die in dem Film dargestellten Behandlungsmethoden zum Üben von Trennungssituationen und zur Schlafanbahnung (…) sind so hingegen weder wissenschaftlich evaluiert noch vertretbar.“ Dagegen stellt sich die Interessengruppe Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie hinter die Klinik und betont: „Das Behandlungskonzept der Klinik folgt den aktuellen wissenschaftlichen Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).“
Als Laie frage ich mich: Wer hat Recht? Deshalb habe ich zwei Fachleute um ihre Einschätzung gebeten. Auch diese Einschätzung fällt sehr unterschiedlich aus – nachzulesen in den beiden Interviews mit Daniela Albert und Silvia Schneider weiter unten.
Was den Film selbst angeht, ist für mich klar: Er wird dem Thema nicht gerecht. Nicht dem Thema „Erziehung“ und auch nicht dem Thema „Therapie“. Es ist für mich auch ein No-Go, die Kinder in diesen Therapiesituationen öffentlich zu zeigen. Sicher hat man die Eltern um Erlaubnis gefragt. Aber können Eltern, die in solch einer Ausnahmesituation stecken, das wirklich fundiert entscheiden? Sind sie sich bewusst, welche Folgen das für sie und ihre Kinder haben kann?
Sanftere Therapieformen
Was die Bewertung der Therapie angeht, bin ich unsicher. Ja, es sieht furchtbar aus. Aber ich kann es nicht abtun, wenn mir eine erfahrene Erziehungsberaterin erklärt, dass es nicht ohne eine solche oder ähnliche Therapie gehe, wenn die Situation so eskaliert ist. Bei körperlichen Erkrankungen gebe es ja auch Eingriffe, die man als Gewalt empfinden kann – man denke nur ans Blutabnehmen …
Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es keine anderen, besseren, sanfteren Therapieformen gibt. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk betont Karl Heinz Brisch, der eine Kinderklinik in München leitet: „Es gibt genügend bindungsorientierte, feinfühlige Methoden, Kinder mit solchen auch chronischen Störungen sehr erfolgreich zu behandeln.“
Eine Schlüsselszene in dem Film ist für mich, als eine Psychologin einer Mutter erklärt, sie habe ja wohl bisher den Grundsatz befolgt: „Wenn es dem Kind gut geht, geht es den Eltern gut.“ Nun müsse sie lernen, dass es genau umgekehrt ist: „Wenn es den Eltern gut geht, geht es dem Kind gut.“ Ich kenne diese beiden Sätze auch aus meinem Umfeld. Beide werden gern zitiert. Und beide sind wahr. Aber nur in einer gesunden Balance. Wenn ich nur einen dieser Grundsätze befolge, bin ich schnell in einer Falle. In der Falle der Überforderung. Oder in der Falle des Egoismus, der Vernachlässigung.
Ich bin davon überzeugt, dass es wichtig ist, die Bedürfnisse von Kindern und Eltern ernst zu nehmen und in eine Balance zu bekommen. Und sich Hilfe zu holen, wenn das nicht gelingt. Das ist es, was man Eltern zeigen sollte. Gern auch in einem gut gemachten Film.
Bettina Wendland ist Redakteurin bei Family und FamilyNEXT. Sie lebt mit ihrer Familie in Bochum.
„Den Kreislauf durchbrechen“
Prof. Dr. Silvia Schneider befürwortet die Therapie, die im Film „Elternschule“ dokumentiert wird.
Was finden Sie gut und hilfreich an dem Film?
Ich finde wichtig, dass das Thema der Regulationsstörungen – also frühes, starkes Schreien, Schlafprobleme, Fütterprobleme – in die Öffentlichkeit gerät. Es ist kaum bekannt, dass diese Störungen ein Schrittmacher für psychische Störungen im späteren Leben sind. Natürlich provoziert der Film im Hinblick auf Fragen wie: Was heißt Erziehung? Was heißt Grenzsetzung in der Erziehung? Aber wir merken im klinischen Alltag, dass sich Eltern mit diesem Thema sehr schwer tun: Wie viel Grenzen darf ich setzen? Da sind viele Eltern sehr verunsichert. Allerdings überfordert der Film hier auch die Eltern, weil nicht klar gemacht wird, wann wo welche Grenze zu setzen ist. Außerdem kommt in dem Film vermutlich zu kurz, dass Grenzen setzen nur die eine Seite einer guten Erziehung ist. Die andere Seite ist die emotionale Zuwendung, dass dem Kind Wertschätzung und Liebe gezeigt werden. Es wird nicht deutlich, dass es ein wichtiger Bestandteil des Behandlungskonzeptes ist, dafür zu sorgen, dass wieder positive Interaktionen zwischen Eltern und Kind stattfinden. Man hätte das Konzept und den Kontext mehr ausarbeiten und klarer machen können, um welche Störungsbilder es sich handelt, was typischerweise das Problem bei diesen Störungsbildern ist und warum man jetzt das tut, was getan werden muss.
Entspricht die Therapie, wie sie in Gelsenkirchen durchgeführt wird, den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen?
Was dort gezeigt wird, sind Therapien, die evidenzbasiert, also überprüft sind. Letztendlich geht es darum, den Kreislauf, der bisher etabliert war – bei dem Schreikind oder bei dem Kind, das sich nicht trennen kann – zu durchbrechen. Mutter und Kind haben über lange Zeit gelernt, dass der einzige Weg, mit Trennung umzugehen, der ist, sich nicht zu trennen. Das Kind ist zum Beispiel nicht in der Lage, den Kindergarten aufzusuchen oder abends allein einzuschlafen. Es wird eine Spirale in Gang gesetzt, wo die Mutter und auch das Kind nur noch Misserfolgserlebnisse haben. Sie gehen der Situation aus dem Weg, indem zum Beispiel in der Schlafsituation die Mutter oder der Vater beim Kind bleiben, bis es eingeschlafen ist. Hierdurch wird das Kind jedoch behindert, Selbstregulation zu erlernen, also von einem erregten Zustand sich alleine wieder herunter zu regulieren. In der Klinik wird versucht, diesen Teufelskreis aufzulösen, indem Mutter und Kind diesen Schritt erlernen. Es ist nicht nur das Kind, das lernt, sondern auch die Mutter, die lernen soll, dass es möglich ist, dass das Kind das allein macht.
Warum muss sich denn ein zweijähriges Kind unbedingt von der Mutter trennen? Warum muss es im eigenen Bett schlafen?
Von den Kompetenzen her ist ein Kind mit zwei Jahren in der Lage, allein zu schlafen. Das heißt nicht, dass es das auch tun muss. Das ist letztendlich eine Entscheidung der Eltern. Aber in Familien, in denen Schlafsituationen oder Füttersituationen so eskalieren und es zu Regulationsstörungen beim Kind kommt, müssen wir helfen. Wir wissen, dass es in diesen Familien auch zu Gewaltanwendungen kommen kann, weil alle im System völlig erschöpft sind und keinen Weg raus aus der Eskalation wissen. Da müssen wir eingreifen.
Aber muss das mit so einer „rabiaten“ Therapie geschehen?
Ja, kurzfristig ist die Behandlung für Eltern und Kind anstrengend und herausfordernd, mittelfristig und vor allem langfristig führt sie jedoch dazu, dass wieder Ruhe in das Familiensystem kommt und Eltern und Kind wieder positiv miteinander agieren. In der Regel versucht man zunächst ambulant, mit den Eltern Strategien zu entwickeln, wie sie das Kind schrittweise an eine Trennungssituation heranführen können. Das hat bei diesen Familien vermutlich nicht funktioniert, sonst wären sie nicht in dieser Station angekommen. Natürlich ist die hautnahe Beobachtung dieser Behandlungsschritte belastend – Babyschreien, Weinen von Kleinkindern ist ein enormer Stressor. Aber Selbstregulation zu erlernen, ist einer der wichtigen ersten Entwicklungsschritte für Kinder. Es ist auch ein erster Schritt in Richtung Autonomie. Manche Kinder lernen das relativ leicht. Aber andere Kinder tun sich da sehr schwer. Und wenn die Mutter selbst sehr unsicher ist und immer wieder die Schritte zurücknimmt, die sie vielleicht schon erreicht hat, entsteht eine ungünstige Konstellation für Mutter und Kind. Dann braucht es manchmal diese Trainings.
Besteht nicht die Gefahr, dass durch ein solches Training die Eltern-Kind-Bindung leidet? Oder dass das Kind „gebrochen“ wird?
Es gibt Langzeitstudien, die untersucht haben, ob diese Trainings zu einer unsicheren Bindung des Kindes führen. Das ist nicht der Fall. Und was heißt das, dass ein Kind gebrochen wird? Ist ein gebrochenes Kind ein Kind, das keinen Selbstwert und keine Autonomie entwickelt und daraufhin mehr psychische Störungen entwickelt? Das ist hier definitiv nicht der Fall. Im Gegenteil: Wenn diese Regulationsstörungen nicht behandelt werden, haben diese Kinder ein erhöhtes Risiko, schon früh ADHS oder Angststörungen zu entwickeln. Sich gesund zu entwickeln, heißt, dass Kinder auch durch Phasen von Frustration oder durch schwierige Situationen durchgehen müssen. Wenn ich als Elternteil zu viel Regulation übernehme, ist das zwar gut gemeint, aber wir wissen, dass das nicht nur gut ist. Das Ganze setzt aber immer voraus, dass neben der Seite der Grenzsetzung auch die Zuwendungsseite funktioniert: positive Spielzeiten, gemeinsam lachen, was Schönes tun, kuscheln.
Prof. Dr. Silvia Schneider leitet den Lehrstuhl Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum und ist Direktorin des Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit (FBZ). Interview: Bettina Wendland
„Alleinsein bedeutet Gefahr“
Die Erziehungswissenschaftlerin und Familienberaterin Daniela Albert kritisiert die „radikalen verhaltenstherapeutischen Methoden“ der Gelsenkirchener Klinik.
Was ist Ihre Hauptkritik an dem Film?
Ich ärgere mich besonders darüber, dass dieser Film am Anfang als Film über Erziehung vermarktet wurde. Dies geschah unter anderem durch ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung, der das Filmplakat ziert: „Für jeden, der selbst Kinder hat, ist der Film ein Muss.“ Auch die Filmemacher schreiben auf ihrer Seite, dass es ein Film über die Frage sei, wie man richtig mit Kindern umgehen könne. In Kombination mit dem eher negativen Bild von Kindern, das im Film immer wieder transportiert wird, finde ich es sehr besorgniserregend, so etwas zu suggerieren.
Sie sprechen in Ihrer Rezension des Films von „sehr radikalen verhaltenstherapeutischen Methoden“. Würden Sie Verhaltenstherapie in diesem Setting grundsätzlich ablehnen oder müsste nur die Umsetzung eine andere sein?
Nein, es geht nicht darum, die Verhaltenstherapie grundsätzlich zu kritisieren. Sie ist oft Teil von ambulanter und klinischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – wobei man bei verhaltenstherapeutischen Maßnahmen auch immer das Alter der Kinder im Blick haben muss. Gerade im Fall von Klein- und Kindergartenkindern muss es aber primär um die Eltern gehen, weniger um die Kinder selbst.
In einem Interview mit der ZEIT erklärt Dietmar Langer, leitender Therapeut der Gelsenkirchener Klinik, der Film zeige nicht „die therapeutische Arbeit mit den Eltern, die intensive psychologische Arbeit an den Ursachen und traumatischen Erfahrungen“. Wenn man das berücksichtigt, erscheint für Sie die im Film dargestellte Therapie dann in einem anderen Licht?
Nein! Schlaftraining, Trennungstraining und auch Essenstraining, wie es im Film gezeigt wurde, werden zu Recht stark kritisiert. Nehmen wir als Beispiel das Schlaftraining: Die Vorstellungen von kindlichem Schlaf und die Erwartung, dass ein Baby durchschläft, entsprechen nicht dem „normalen“ Babyschlaf. Auch wir Erwachsene schlafen nachts nicht durch, wir bemerken es nur meist gar nicht. Bei Babys oder Kleinkindern meldet sich jedoch dann ein inneres Alarmsystem. Für sie bedeutet das Alleinsein in einem dunklen Raum und die Trennung von ihrer primären Bindungsperson Gefahr. Deshalb senden sie beispielsweise durch Weinen ein Signal. Wenn sie das nach einem Schlaftraining nicht mehr tun, liegt es nicht daran, dass sie plötzlich verstanden haben, dass sie in Sicherheit sind. Viel mehr merken sie, dass ihre Hilfeschreie nicht beantwortet werden und äußern ihre Not nicht mehr.
Was wäre Ihrer Meinung nach eine bessere Therapie oder Hilfsmöglichkeit für die Familien, die in dem Film dargestellt werden?
Wichtiger als die theoretischen Ansätze finde ich die Haltung der im therapeutischen Setting tätigen Personen. Diese sollten einen liebevollen und wertschätzenden Blick auf die Familien und speziell auf die Kinder haben. Daneben sollte es immer um die Stärkung der Eltern-Kind-Bindung gehen. Gute Ansätze auch für bindungsorientierte Therapie im klinischen Bereich gibt es in Deutschland vor allem durch Karl Heinz Brisch in München. Für den ambulanten beratenden Sektor stehen unter anderem Katia Saalfrank mit ihrem Ausbildungsgang in bindungs- und beziehungsorientierter Eltern- und Familienberatung, aber mittlerweile auch viele andere Berater und Therapeuten.
Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel, Kontakt: familienberatung-albert.de. Ihre Film-Rezension findet man auf ihrem Blog www.eltern-familie.de. Interview: Bettina Wendland
Ich gucke einfach nur Löcher in die Luft
Ein Plädoyer für die Langeweile. Von Nicole Schweiger
Auf unserer Terrasse gibt es einen besonderen Platz. Bunt gestreift und mit den Jahren von der Sonne ausgeblichen baumelt von einem Balken des Dachüberstands mein Hängesessel. Vor einigen Jahren hatte ich ihn mir zum Geburtstag gewünscht. Seitdem wird er von allen Familienmitgliedern, von großen und kleinen Gästen geliebt.
Was macht diesen Platz so besonders? Nun, es scheint, als könne man dort in eine andere Welt eintauchen. Eingekuschelt in den Stoff des Sessels schließe ich manchmal die Augen. Sanft schaukelnd lausche ich den Geräuschen um mich herum: Vögel zwitschern, Blätter rauschen, das Klangspiel klirrt im Wind. Manchmal kann man sogar die Frösche von den weiter entfernten Teichen hören. Ich fühle Wind und Sonne auf der Haut, spüre, wie mein Körper sanft hin und her geschaukelt wird. Der Alltag ist ganz weit weg. Ich bin einfach nur da. Manchmal träume ich mit offenen Augen, blicke in das Grün des Gartens und ganz oft zum Himmel hinauf. Sehe den vorbeiziehenden Wolken nach.
Kindheitserinnerungen werden wach: Auf der Wiese liegen mit einem Grashalm im Mund und Figuren in den Wolkenformationen erkennen. Besonders schön ist es auch bei Regen. Dank des Dachüberstands lausche ich geschützt und doch draußen, wie die Regentropfen herunterprasseln, sehe zu, wie die Bäume im Nachbargarten sich im Wind biegen und höre das Grollen des heranziehenden Gewitters. Herrlich! Ich genieße ohne Plan und Verpflichtungen einfach so mein Sein und Gottes Schöpfung für eine kurze oder lange Weile.
OASE IM ALLTAG
Langeweile. Warum ist dieses Wort eigentlich so negativ besetzt? Zu Unrecht, wie ich finde. Ich möchte an dieser Stelle ein Plädoyer für die Langeweile halten, für diese Oase im Alltag: Gönn dir Langeweile! Genieße sie, tanke auf! Und schaffe dir Raum und Zeit dafür. Vielleicht ist das schwierig im Moment mit Kleinkindern, Job und Verpflichtungen. Es muss ja nicht immer eine lange Weile sein. Vielleicht gibt es einen Ort, an den du dich für einen Moment zurückziehen kannst. Auch Rituale im Alltag können hilfreich sein, gerade wenn die Zeiten stressig sind und das Leben um dich tobt.
Längst ist bekannt, dass nicht mehr leistet, wer ständig arbeitet. Oft kommen uns die kreativsten Ideen und Lösungsansätze für Probleme, während wir endlich mal abschalten, nichts tun und unsere Gedanken schweifen lassen. Es gibt etliche Studien, die dieses Phänomen bestätigen. Langeweile – im richtigen Maß genossen – ist konstruktiv.
UNVERPLANTE ZEIT
Kinder sind in ihrer Entwicklung geradezu darauf angewiesen, Zeit zum Nichtstun zu haben. All die Fördermöglichkeiten, die wir unseren Sprösslingen zukommen lassen, sind gut gemeint. Sobald sie auf der Welt sind, wollen wir ihnen das Beste geben und ermöglichen. Und viele unterliegen dabei dem Trugschluss, sie täten das mit der Buchung von Musik-, Sport- und Kreativkursen. Was in einem gesunden Maß nichts Schlechtes ist. Kinder brauchen aber mindestens genauso viel Zeit, die sie unverplant mit sich selbst verbringen dürfen. Nur so, ohne Ablenkung, lernen sie, sich selbst wahrzunehmen und zu verstehen.
Kinder sind gute Lehrer für uns Erwachsene, wenn es darum geht, bewusst im Hier und Jetzt zu leben. Der kurze Weg zum Kindergarten dauert gefühlte Stunden. Es gibt überall interessante Dinge zu entdecken. Die ersten Kastanien sind vom Baum gefallen, aus der Erde schlängelt sich ein Regenwurm, auf der Baustelle steht jetzt ein Kran, die Luft riecht heute so anders. Wann immer es möglich ist, nimm dir die Zeit und staune mit deinem Kind über all das. Es wird dein Leben bereichern, und der Tag beginnt mit einem Lächeln.
Entschleunigung tut gut. In unserer Gesellschaft geht es häufig um Optimierung, Effizienz, Wachstum. In letzter Zeit fällt mir zunehmend eine Gegenbewegung auf. „Kindergartenfrei“ statt „Krippe“, „Sabbatical“ statt „Karriere“, „der eigene Garten“ statt „Fernreisen“. Die Generation um die dreißig scheint umzudenken – „Work-Life-Balance“ wird großgeschrieben. Ich bin nicht in allem ihrer Meinung (bin ja auch vierzig+), verfolge diese Entwicklung aber positiv gespannt. Zeit für Langeweile wird wieder attraktiver.
VON GOTT ÜBERRASCHT
Zurück in meinem Hängesessel. Ich genieße es, hier die Seele baumeln zu lassen. Manchmal gucke ich einfach nur Löcher in die Luft und gehe danach erholt und gestärkt wieder in den Alltag zurück. Manchmal werde ich dabei aber auch von Gott überrascht. Vielleicht dringt er dann einfacher zu mir durch als mitten im Trubel. Jedenfalls haben sich in solchen Langeweile-Momenten schon so manche (Glaubens-)Erkenntnisse den Weg gebahnt, um die ich lange Zeit gerungen hatte. Und auch der Satz „Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe“ (Psalm 62,2) hat eine ganz neue Bedeutung gewonnen.
Nicole Schweiger ist Sozial- und Montessoripädagogin und unterrichtet an einer Berufsfachschule für Kinderpflege. Sie wohnt mit ihrer Familie in Lauf a.d. Pegnitz und bloggt unter milchundhonig.jimdo.com über Familie, Pädagogik und Glaubensleben.
Weitere Artikel zum Thema „Langeweile“ gibt es in der Family 6/2018.
Advents-Impulse
Adventskalender enthalten immer häufiger keine Schokolade, sondern Geschichten, Anregungen und Impulse. Schokolade oder selbstgebackene Kekse kann man ja dazu essen. Wir stellen euch hier Kalender vor, die uns sehr gut gefallen:
Für Kinder: Lukas, der Stern und die geheimnisvollen Fremden
Das lieben Kids: Bei diesem Adventskalenderbuch müssen die Seiten erst mal aufgetrennt werden. Dann geht es ans (Vor-)Lesen: Die durchgehende Geschichte in – natürlich – 24 Kapiteln handelt von Lukas. Er ist Diener am Hof von König Herodes, wo eines Tages drei Fremde auftauchen und von der Geburt eines Königs berichten. Lukas macht sich mit ihnen auf den Weg. Zu jedem Kapitel der Geschichte gibt es ein Rätsel oder ein Ausmalbild. Geeignet für Kinder ab 6.
https://www.scm-shop.de/lukas-der-stern-und-die-geheimnisvollen-fremden.html
Für Wortliebhaber: Sternstunden
Hanna Buiting ist eine Wortkünstlerin. Für diesen Buchkalender – originell gestaltet mit Seiten zum Aufklappen – hat sie 24 Geschichten und Gedanken formuliert, die zum Nachdenken und Nachsinnen einladen.
https://www.spiegelburg-shop.de/produkt/62944/sternstunden-24-impulse-im-advent-adventskalenderbuch/
Für Paare: Ehe-Adventskalender
Ein schöner und anregender Adventsbegleiter für Paare: Die edle Dose enthält 24 kreativ gestaltete Karten mit Aufgaben zum Reden, Beten und Tun, zum Beispiel: „Reden: Wenn wir alt sind …“ Oder: „Tun: Verabredet euch vor dem 24.12. mit jemandem, der euch als Paar segnet“.
Der Kalender kann für € 10,- hier bestellt werden: Pastor.Jackisch@kirche-in-buechen.de
Für Himmelssucher: 24 Sternstunden
Dieses Büchlein lädt zu einer Entdeckungsreise ein: In ihren 24 Texten möchte Claudia Stangl die Spuren Gottes sichtbar machen und dazu motivieren, neue Wege zu gehen.
https://www.neufeld-verlag.de/de/24-sternstunden-fuer-himmelssucher.html
Für Kreative: Dezembertage
Nicht 24, sondern gleich 31 Tage deckt dieses Buch ab. Für jeden Tag gibt es inspirierende Gedanken mit Bezug zu einem Bibeltext sowie kreative Ideen zum Umsetzen. Neben Rezepten zum Kochen und Backen findet man Anleitungen für Adventsdeko und Anregungen für die Gestaltung der Adventszeit.
https://www.scm-shop.de/dezembertage.html?sqid=846526
Für die Wand: Leuchttage
Dieser wunderschöne Kalender ist selbst schon Adventsdeko genug. Vom 1. Dezember bis zum 6. Januar bietet er aber nicht nur abwechlsungsreich gestaltete Kalenderseiten, sondern anregende Gedanken und Geschichten, Bastelideen, Ausmalbilder, originelle Rezepte, Gestaltungsideen für Familien … Ein echter Hingucker!
https://www.gerth.de/index.php?id=details&sku=835176
Zahlen und Buchstaben
„Mein Sohn ist nun ein Vorschulkind, zeigt jedoch keinerlei Interesse an Zahlen, Buchstaben und am Malen. Wie kann ich ihn begeistern?“
Am besten funktioniert es spielerisch, indem der „Lernstoff “ an die Interessen der Kinder angepasst wird. Vielleicht starten Sie mit den Helden aus dem TV? Oft gibt es im Merchandising der Serien und Filme einiges an Fördermaterial, wie Spiele, Bilder- oder Malbücher.
ENTSPANNTE STIFTHALTUNG
Besonders in der ersten Klasse und im Kindergarten wird noch viel gemalt. Wichtig hierbei ist die entspannte Stifthaltung. Das Kind soll sich nicht verkrampfen, denn dadurch verliert es zum einen die Kraft in den Fingern und zum anderen schnell die Lust, da der Arm oder sogar Kopf und Nacken schmerzen. Durch das Malen am Tisch wird eine von vielen Schulsituationen geübt und darüber hinaus die Fähigkeit zur Konzentration, Genauigkeit, Hand-Auge-Koordination und Ausdauer. Kinder, die nicht gern malen, lassen sich eher motivieren, wenn es um Ihre Helden geht: Suchen sie gemeinsam am PC nach Ausmalbildern. Zu Beginn sollten Sie sich mit Ihrem Kind an den Tisch setzen. Malen Sie beide zusammen das Bild an. Wenn es fertig ist, darf Ihr Kind es aufhängen. Bald schon hat Ihr Kind kein Problem damit, ruhig am Tisch zu sitzen und ein Bild allein auszumalen. Das Gleiche gilt für Arbeitsblätter. Je nach Thema findet man jedoch kaum Vorlagen im Internet – da ist Kreativität gefragt.
SPIEL-IDEEN:
Anika Sohn ist Erzieherin aus Eggenstein (bei Karlsruhe) und Autorin des Buches „Kleine Räume – großer Spaß“.
Ausnahmezustand
Der Film „Elternschule“ hat für heftige Diskussionen gesorgt. Bei Eltern und Fachleuten gibt es sehr viel Kritik – zum einen am Film selbst, zum anderen an der dort gezeigten Therapie in einer Gelsenkirchener Klinik. Der Versuch einer Einschätzung von Bettina Wendland
Es fängt schon mit dem Titel an: „Elternschule“ suggeriert, es gehe hier um Anregungen für Eltern, wie sie den Familienalltag und die Beziehung zu den Kindern gut auf die Reihe bekommen. Aber um den normalen Familienalltag geht es nicht in diesem Film. Hier werden Eltern gezeigt, die sich in einer Ausnahmesituation befinden. Die mit dem Rücken zur Wand stehen. Die das Kind in ein Heim geben wollen, „wenn es hier nicht klappt“. Es geht um Kinder, die 14 Stunden am Tag schreien. Die nichts oder fast nichts essen. Die äußerst aggressiv sind. Mit einer normalen, durchaus stressigen Familiensituation hat das kaum etwas gemein. Und Tipps für eine gute Erziehung sollte man lieber woanders suchen.
Momentaufnahmen
Das einzig Gute an dem Titel des Films ist, dass er klar macht, dass es in dieser Klinik wohl nicht darum geht, nur die Kinder zu therapieren. Aber was konkret an Interaktion mit den Eltern gezeigt wird, beschränkt sich auf Lehrstunden über pädagogische und psychologische Zusammenhänge (die durchaus gute Informationen bieten) und kurze Gespräche mit Psychologen. Wie vieles andere auch bleibt in diesem Film im Dunkeln, wie genau die Therapie für die Eltern aussieht. Der Film erweckt den Eindruck, dass vor allem die Kinder lernen müssen: essen, schlafen, sich von den Eltern trennen.
Dieses Lernen geschieht in Trainings, bei denen wohl alle im Kino an irgendeiner Stelle schlucken müssen. Zum Beispiel beim Schlaflernprogramm auf die harte Tour: Nicht mal die Eltern dürfen rein, um das Kind zu trösten, sondern nur die Schwester. Es mag vielleicht Gründe für diese Art des Trainings geben (siehe das Interview mit Prof. Dr. Silvia Schneider weiter unten), sie werden aber unzureichend erklärt.
Und das ist meine Hauptkritik an diesem Film. Er bietet zu wenig Hintergrundinfos. Er zeigt Momentaufnahmen, erklärt aber nicht, wie genau die Therapie denn nun abläuft. Ich vermute, dass die Therapie viel individueller und in deutlich mehr kleinen Schritten verläuft, als dies im Film deutlich wird. Dass die Eltern stärker im Fokus stehen. Dass die Bindung und die Nähe von Eltern und Kindern eine größere Rolle einnehmen. Zumindest hoffe ich das.
Wissenschaftlich vertretbar?
Die Frage bleibt, ob die Therapie, wie sie in dieser Klinik stattfindet, gut und angemessen ist. Ob hier nicht Gewalt ausgeübt wird gegen Kinder – sowohl die Staatsanwaltschaft als auch das NRW-Gesundheitsministerium prüfen das gerade. Ob die Therapie den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht. Hier scheiden sich die Experten. So distanziert sich die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie deutlich nicht nur von dem Film selbst, sondern auch von der angewandten Therapie: „Die in dem Film dargestellten Behandlungsmethoden zum Üben von Trennungssituationen und zur Schlafanbahnung (…) sind so hingegen weder wissenschaftlich evaluiert noch vertretbar.“ Dagegen stellt sich die Interessengruppe Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie hinter die Klinik und betont: „Das Behandlungskonzept der Klinik folgt den aktuellen wissenschaftlichen Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).“
Als Laie frage ich mich: Wer hat Recht? Deshalb habe ich zwei Fachleute um ihre Einschätzung gebeten. Auch diese Einschätzung fällt sehr unterschiedlich aus – nachzulesen in den beiden Interviews mit Daniela Albert und Silvia Schneider weiter unten.
Was den Film selbst angeht, ist für mich klar: Er wird dem Thema nicht gerecht. Nicht dem Thema „Erziehung“ und auch nicht dem Thema „Therapie“. Es ist für mich auch ein No-Go, die Kinder in diesen Therapiesituationen öffentlich zu zeigen. Sicher hat man die Eltern um Erlaubnis gefragt. Aber können Eltern, die in solch einer Ausnahmesituation stecken, das wirklich fundiert entscheiden? Sind sie sich bewusst, welche Folgen das für sie und ihre Kinder haben kann?
Sanftere Therapieformen
Was die Bewertung der Therapie angeht, bin ich unsicher. Ja, es sieht furchtbar aus. Aber ich kann es nicht abtun, wenn mir eine erfahrene Erziehungsberaterin erklärt, dass es nicht ohne eine solche oder ähnliche Therapie gehe, wenn die Situation so eskaliert ist. Bei körperlichen Erkrankungen gebe es ja auch Eingriffe, die man als Gewalt empfinden kann – man denke nur ans Blutabnehmen …
Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es keine anderen, besseren, sanfteren Therapieformen gibt. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk betont Karl Heinz Brisch, der eine Kinderklinik in München leitet: „Es gibt genügend bindungsorientierte, feinfühlige Methoden, Kinder mit solchen auch chronischen Störungen sehr erfolgreich zu behandeln.“
Eine Schlüsselszene in dem Film ist für mich, als eine Psychologin einer Mutter erklärt, sie habe ja wohl bisher den Grundsatz befolgt: „Wenn es dem Kind gut geht, geht es den Eltern gut.“ Nun müsse sie lernen, dass es genau umgekehrt ist: „Wenn es den Eltern gut geht, geht es dem Kind gut.“ Ich kenne diese beiden Sätze auch aus meinem Umfeld. Beide werden gern zitiert. Und beide sind wahr. Aber nur in einer gesunden Balance. Wenn ich nur einen dieser Grundsätze befolge, bin ich schnell in einer Falle. In der Falle der Überforderung. Oder in der Falle des Egoismus, der Vernachlässigung.
Ich bin davon überzeugt, dass es wichtig ist, die Bedürfnisse von Kindern und Eltern ernst zu nehmen und in eine Balance zu bekommen. Und sich Hilfe zu holen, wenn das nicht gelingt. Das ist es, was man Eltern zeigen sollte. Gern auch in einem gut gemachten Film.
Bettina Wendland ist Redakteurin bei Family und FamilyNEXT. Sie lebt mit ihrer Familie in Bochum.
„Den Kreislauf durchbrechen“
Prof. Dr. Silvia Schneider befürwortet die Therapie, die im Film „Elternschule“ dokumentiert wird.
Was finden Sie gut und hilfreich an dem Film?
Ich finde wichtig, dass das Thema der Regulationsstörungen – also frühes, starkes Schreien, Schlafprobleme, Fütterprobleme – in die Öffentlichkeit gerät. Es ist kaum bekannt, dass diese Störungen ein Schrittmacher für psychische Störungen im späteren Leben sind. Natürlich provoziert der Film im Hinblick auf Fragen wie: Was heißt Erziehung? Was heißt Grenzsetzung in der Erziehung? Aber wir merken im klinischen Alltag, dass sich Eltern mit diesem Thema sehr schwer tun: Wie viel Grenzen darf ich setzen? Da sind viele Eltern sehr verunsichert. Allerdings überfordert der Film hier auch die Eltern, weil nicht klar gemacht wird, wann wo welche Grenze zu setzen ist. Außerdem kommt in dem Film vermutlich zu kurz, dass Grenzen setzen nur die eine Seite einer guten Erziehung ist. Die andere Seite ist die emotionale Zuwendung, dass dem Kind Wertschätzung und Liebe gezeigt werden. Es wird nicht deutlich, dass es ein wichtiger Bestandteil des Behandlungskonzeptes ist, dafür zu sorgen, dass wieder positive Interaktionen zwischen Eltern und Kind stattfinden. Man hätte das Konzept und den Kontext mehr ausarbeiten und klarer machen können, um welche Störungsbilder es sich handelt, was typischerweise das Problem bei diesen Störungsbildern ist und warum man jetzt das tut, was getan werden muss.
Entspricht die Therapie, wie sie in Gelsenkirchen durchgeführt wird, den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen?
Was dort gezeigt wird, sind Therapien, die evidenzbasiert, also überprüft sind. Letztendlich geht es darum, den Kreislauf, der bisher etabliert war – bei dem Schreikind oder bei dem Kind, das sich nicht trennen kann – zu durchbrechen. Mutter und Kind haben über lange Zeit gelernt, dass der einzige Weg, mit Trennung umzugehen, der ist, sich nicht zu trennen. Das Kind ist zum Beispiel nicht in der Lage, den Kindergarten aufzusuchen oder abends allein einzuschlafen. Es wird eine Spirale in Gang gesetzt, wo die Mutter und auch das Kind nur noch Misserfolgserlebnisse haben. Sie gehen der Situation aus dem Weg, indem zum Beispiel in der Schlafsituation die Mutter oder der Vater beim Kind bleiben, bis es eingeschlafen ist. Hierdurch wird das Kind jedoch behindert, Selbstregulation zu erlernen, also von einem erregten Zustand sich alleine wieder herunter zu regulieren. In der Klinik wird versucht, diesen Teufelskreis aufzulösen, indem Mutter und Kind diesen Schritt erlernen. Es ist nicht nur das Kind, das lernt, sondern auch die Mutter, die lernen soll, dass es möglich ist, dass das Kind das allein macht.
Warum muss sich denn ein zweijähriges Kind unbedingt von der Mutter trennen? Warum muss es im eigenen Bett schlafen?
Von den Kompetenzen her ist ein Kind mit zwei Jahren in der Lage, allein zu schlafen. Das heißt nicht, dass es das auch tun muss. Das ist letztendlich eine Entscheidung der Eltern. Aber in Familien, in denen Schlafsituationen oder Füttersituationen so eskalieren und es zu Regulationsstörungen beim Kind kommt, müssen wir helfen. Wir wissen, dass es in diesen Familien auch zu Gewaltanwendungen kommen kann, weil alle im System völlig erschöpft sind und keinen Weg raus aus der Eskalation wissen. Da müssen wir eingreifen.
Aber muss das mit so einer „rabiaten“ Therapie geschehen?
Ja, kurzfristig ist die Behandlung für Eltern und Kind anstrengend und herausfordernd, mittelfristig und vor allem langfristig führt sie jedoch dazu, dass wieder Ruhe in das Familiensystem kommt und Eltern und Kind wieder positiv miteinander agieren. In der Regel versucht man zunächst ambulant, mit den Eltern Strategien zu entwickeln, wie sie das Kind schrittweise an eine Trennungssituation heranführen können. Das hat bei diesen Familien vermutlich nicht funktioniert, sonst wären sie nicht in dieser Station angekommen. Natürlich ist die hautnahe Beobachtung dieser Behandlungsschritte belastend – Babyschreien, Weinen von Kleinkindern ist ein enormer Stressor. Aber Selbstregulation zu erlernen, ist einer der wichtigen ersten Entwicklungsschritte für Kinder. Es ist auch ein erster Schritt in Richtung Autonomie. Manche Kinder lernen das relativ leicht. Aber andere Kinder tun sich da sehr schwer. Und wenn die Mutter selbst sehr unsicher ist und immer wieder die Schritte zurücknimmt, die sie vielleicht schon erreicht hat, entsteht eine ungünstige Konstellation für Mutter und Kind. Dann braucht es manchmal diese Trainings.
Besteht nicht die Gefahr, dass durch ein solches Training die Eltern-Kind-Bindung leidet? Oder dass das Kind „gebrochen“ wird?
Es gibt Langzeitstudien, die untersucht haben, ob diese Trainings zu einer unsicheren Bindung des Kindes führen. Das ist nicht der Fall. Und was heißt das, dass ein Kind gebrochen wird? Ist ein gebrochenes Kind ein Kind, das keinen Selbstwert und keine Autonomie entwickelt und daraufhin mehr psychische Störungen entwickelt? Das ist hier definitiv nicht der Fall. Im Gegenteil: Wenn diese Regulationsstörungen nicht behandelt werden, haben diese Kinder ein erhöhtes Risiko, schon früh ADHS oder Angststörungen zu entwickeln. Sich gesund zu entwickeln, heißt, dass Kinder auch durch Phasen von Frustration oder durch schwierige Situationen durchgehen müssen. Wenn ich als Elternteil zu viel Regulation übernehme, ist das zwar gut gemeint, aber wir wissen, dass das nicht nur gut ist. Das Ganze setzt aber immer voraus, dass neben der Seite der Grenzsetzung auch die Zuwendungsseite funktioniert: positive Spielzeiten, gemeinsam lachen, was Schönes tun, kuscheln.
Prof. Dr. Silvia Schneider leitet den Lehrstuhl Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum und ist Direktorin des Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit (FBZ). Interview: Bettina Wendland
„Alleinsein bedeutet Gefahr“
Die Erziehungswissenschaftlerin und Familienberaterin Daniela Albert kritisiert die „radikalen verhaltenstherapeutischen Methoden“ der Gelsenkirchener Klinik.
Was ist Ihre Hauptkritik an dem Film?
Ich ärgere mich besonders darüber, dass dieser Film am Anfang als Film über Erziehung vermarktet wurde. Dies geschah unter anderem durch ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung, der das Filmplakat ziert: „Für jeden, der selbst Kinder hat, ist der Film ein Muss.“ Auch die Filmemacher schreiben auf ihrer Seite, dass es ein Film über die Frage sei, wie man richtig mit Kindern umgehen könne. In Kombination mit dem eher negativen Bild von Kindern, das im Film immer wieder transportiert wird, finde ich es sehr besorgniserregend, so etwas zu suggerieren.
Sie sprechen in Ihrer Rezension des Films von „sehr radikalen verhaltenstherapeutischen Methoden“. Würden Sie Verhaltenstherapie in diesem Setting grundsätzlich ablehnen oder müsste nur die Umsetzung eine andere sein?
Nein, es geht nicht darum, die Verhaltenstherapie grundsätzlich zu kritisieren. Sie ist oft Teil von ambulanter und klinischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – wobei man bei verhaltenstherapeutischen Maßnahmen auch immer das Alter der Kinder im Blick haben muss. Gerade im Fall von Klein- und Kindergartenkindern muss es aber primär um die Eltern gehen, weniger um die Kinder selbst.
In einem Interview mit der ZEIT erklärt Dietmar Langer, leitender Therapeut der Gelsenkirchener Klinik, der Film zeige nicht „die therapeutische Arbeit mit den Eltern, die intensive psychologische Arbeit an den Ursachen und traumatischen Erfahrungen“. Wenn man das berücksichtigt, erscheint für Sie die im Film dargestellte Therapie dann in einem anderen Licht?
Nein! Schlaftraining, Trennungstraining und auch Essenstraining, wie es im Film gezeigt wurde, werden zu Recht stark kritisiert. Nehmen wir als Beispiel das Schlaftraining: Die Vorstellungen von kindlichem Schlaf und die Erwartung, dass ein Baby durchschläft, entsprechen nicht dem „normalen“ Babyschlaf. Auch wir Erwachsene schlafen nachts nicht durch, wir bemerken es nur meist gar nicht. Bei Babys oder Kleinkindern meldet sich jedoch dann ein inneres Alarmsystem. Für sie bedeutet das Alleinsein in einem dunklen Raum und die Trennung von ihrer primären Bindungsperson Gefahr. Deshalb senden sie beispielsweise durch Weinen ein Signal. Wenn sie das nach einem Schlaftraining nicht mehr tun, liegt es nicht daran, dass sie plötzlich verstanden haben, dass sie in Sicherheit sind. Viel mehr merken sie, dass ihre Hilfeschreie nicht beantwortet werden und äußern ihre Not nicht mehr.
Was wäre Ihrer Meinung nach eine bessere Therapie oder Hilfsmöglichkeit für die Familien, die in dem Film dargestellt werden?
Wichtiger als die theoretischen Ansätze finde ich die Haltung der im therapeutischen Setting tätigen Personen. Diese sollten einen liebevollen und wertschätzenden Blick auf die Familien und speziell auf die Kinder haben. Daneben sollte es immer um die Stärkung der Eltern-Kind-Bindung gehen. Gute Ansätze auch für bindungsorientierte Therapie im klinischen Bereich gibt es in Deutschland vor allem durch Karl Heinz Brisch in München. Für den ambulanten beratenden Sektor stehen unter anderem Katia Saalfrank mit ihrem Ausbildungsgang in bindungs- und beziehungsorientierter Eltern- und Familienberatung, aber mittlerweile auch viele andere Berater und Therapeuten.
Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel, Kontakt: familienberatung-albert.de. Ihre Film-Rezension findet man auf ihrem Blog www.eltern-familie.de. Interview: Bettina Wendland
Achtsam durch den Alltag
Achtsamkeit ist ziemlich im Trend. Doch was genau ist damit gemeint? Und welche Chance beinhaltet sie für Familien? Von Melanie Schüer
Wer achtsam ist, konzentriert sich ganz auf das Hier und Jetzt. Er schweift gedanklich nicht ständig ab in das, was gestern war, oder beschäftigt sich mit Sorgen um das, was morgen kommt. Er legt seinen Fokus ganz auf den gegenwärtigen Moment. Dieser wird sehr aufmerksam und intensiv, mit allen Sinnen wahrgenommen: Was sehe ich? Wie riecht es gerade? Wie fühlt sich mein Körper an? Was höre ich? Wie fließt mein Atem?
Diese verschiedenen Fragen werden nicht schnell „abgearbeitet“. Jeder Aspekt wird ruhig und langsam erkundet. Abschweifende Gedanken werden bewusst wahrgenommen, ohne sie zu bewerten – und wieder losgelassen, um sich erneut im Hier und Jetzt zu verankern.
In unserem hektischen Alltag ist uns diese Haltung häufig fremd. Bei der Menge an Aufgaben und Themen fühlen wir uns meist zu Multitasking gezwungen: Während wir putzen, denken wir darüber nach, wie wir das Seminar morgen gestalten. Während wir duschen, spüren wir weniger den angenehmen Wasserstrahl, sondern grübeln über das Gespräch mit dem Chef nach … Doch dieses ständige Multitasking fördert innere Unruhe und Stress – deshalb bergen Achtsamkeits- Übungen eine große Chance. Sie lassen sich einfach in den Alltag integrieren: Beim Zähneputzen bewusst den Kopf ausschalten und sich nur auf die Bewegungen der Zahnbürste konzentrieren. Beim Spazierengehen spüren, wie die Füße bei jedem einzelnen Schritt den Boden berühren.
ACHTSAMKEIT HILFT BEI WEHEN
Auch für Eltern ist Achtsamkeit ein wertvoller Ansatz – schon in der Schwangerschaft. Die Hebamme Nancy Bardacke hat mit ihrer Methode „Mindful Birthing“ das Konzept der Achtsamkeit auf Schwangerschaft und Geburt übertragen. Dabei geht es um die Fähigkeit, loszulassen und sich auf das, was geschieht, einzulassen – und daraus das Beste zu machen.
So dauert eine Wehe in der Regel 60 bis 90 Sekunden – das sind etwa sieben bis zehn Atemzüge. Wenn eine Wehe beginnt, kann die Frau sich bewusst machen: „Ich atme jetzt zehnmal ganz tief ein und aus, dann ist diese Wehe schon wieder geschafft“ als Gegenentwurf zu Gedanken wie: „Ich ertrage das nicht mehr!“ Eine gute Unterstützung ist es, Formulierungen wie „Loslassen“ oder „Zehn Atemzüge, dann ist es geschafft!“ auf Karteikarten zu schreiben und zur Geburt mitzunehmen.
Achtsamkeit bedeutet auch, nicht zu werten, und das, was ist, anzunehmen. Wenn uns etwas weh tut, neigen wir dazu, uns zu verspannen und gegen den Schmerz anzukämpfen. Dabei geht es viel besser, wenn wir tief in den Schmerz hineinatmen und ihn annehmen – als etwas, das jetzt eben sein muss, das aber vorübergeht.
DAS FAMILIENLEBEN ACHTSAM GESTALTEN
Der Ansatz von Nancy Bardacke bezieht auch die Zeit nach der Geburt mit ein, zum Beispiel wenn das Baby weint. Eltern können sich bewusst werden, welche Gefühle das Schreien in ihnen auslöst: Traurigkeit? Wut? Hilflosigkeit? Es gilt, diese Gefühle zuzulassen, ohne sie zu bewerten – sie einfach anzunehmen, zu fühlen und dann loszulassen und sich auf den eigenen Atem zu konzentrieren. Tief in den Bauch einatmen, als würde man ganz viel Frieden und Ruhe einatmen und lange wieder ausatmen, als würde man allen Stress und alle Anspannung hinausatmen. Bauchatmung reduziert die eigene Körperspannung. Das spürt auch das Baby und hilft ihm, sich sicherer zu fühlen.
Auch im Umgang mit älteren Kindern ist Achtsamkeit eine wertvolle Haltung. Sie beinhaltet, unsere Kinder so wertzuschätzen und anzunehmen, wie sie sind – und auch mit den eigenen Fehlern barmherzig umzugehen. Die Achtsamkeitslehrer Myla und Jon Kabat-Zinn erklären: „Wir sehen dies als einen Prozess, der nicht nur beinhaltet, dass wir unsere Kinder so annehmen, wie sie sind, sondern auch uns selbst –, dass wir nicht nur mitfühlend mit unseren Kindern umgehen, sondern auch mit uns selbst. Es ist sehr heilsam, wenn wir unsere Kinder und uns selbst nicht ständig beurteilen.“
Myla Kabat-Zinn versteht unter achtsamer Erziehung, „zu versuchen, die Dinge aus den Augen des Kindes zu sehen. Für mich ist damit ein Großteil dessen abgedeckt, was wirklich wichtig ist. Wenn Eltern anfangen, die konkrete Erfahrung ihres Kindes zu beachten, wenn sie versuchen, wirklich aus der Sicht des Kindes zu schauen, können sich die Dinge ändern.“ Das ist ein guter Rat – bewusst die Perspektive des Kindes einzunehmen, zu überlegen und zu erfragen: Wie erlebt er oder sie diese Situation?
AUFMERKSAM DURCH DEN TAG
Ganz konkret umfasst ein achtsamer Familienalltag auch das Einrichten von regelmäßigen Zeiten, in denen die Eltern sich ganz dem Kind zuwenden, ohne nebenher zu putzen, zu lesen oder aufs Handy zu schauen. Dazu gehört aufmerksames Zuhören und eine Form der Anerkennung, die eher ermutigt als lobt. Das bedeutet, dass man sein Kind nicht mit einem schnell dahergesagten Lob wie „Gut gemacht!“ abspeist, sondern dass man wirklich hinschaut und konkret sagt, warum man sich über etwas freut.
Eng verbunden mit Achtsamkeit ist eine dankbare Haltung: Die Überzeugung, dass nicht alles selbstverständlich ist, sondern dass der Alltag voller kleiner Wunder und Geschenke ist. Im Familienleben kann man Kindern wunderbar Achtsamkeit und Dankbarkeit vorleben, indem man selbst aufmerksam durch den Tag geht.
Auch die Beziehung zum Partner ist ein Bereich, der Achtsamkeit verdient: Wirklich hinhören, was meinen Partner beschäftigt und nicht gleich urteilen, sondern meinem Partner auch in Konflikten mit einem offenen Herzen begegnen. Den anderen nicht als selbstverständlich betrachten, neugierig aufeinander bleiben und regelmäßige Paarzeiten einplanen.
ALLES IM FLUSS
Achtsamkeit in der Familie kann auch helfen, schwere Zeiten besser zu bewältigen. Wer achtsam ist, fragt sich nicht ständig, wie das wohl weitergeht und wie lange man das noch aushalten kann. Stattdessen übt man, im Hier und Jetzt zu bleiben – mit dem Wissen, dass alles eine Phase ist, die vorbeigeht. Diese Herangehensweise ist auch in der Bibel zu finden:
„Alles hat seine Zeit, alles auf dieser Welt hat seine ihm gesetzte Frist: Geboren werden hat seine Zeit wie auch das Sterben. Pflanzen hat seine Zeit wie auch das Ausreißen des Gepflanzten. Töten hat seine Zeit wie auch das Heilen. Niederreißen hat seine Zeit wie auch das Aufbauen. Weinen hat seine Zeit wie auch das Lachen. Klagen hat seine Zeit wie auch das Tanzen. Steine zerstreuen hat seine Zeit wie auch das Sammeln von Steinen. Umarmen hat seine Zeit wie auch das Loslassen. Suchen hat seine Zeit wie auch das Verlieren. Behalten hat seine Zeit wie auch das Wegwerfen. Zerreißen hat seine Zeit wie auch das Flicken. Schweigen hat seine Zeit wie auch das Reden. Lieben hat seine Zeit wie auch das Hassen. Krieg hat seine Zeit wie auch der Frieden.“ (Prediger 3,1-8)
Die Erkenntnis, dass alles seine Zeit hat, hilft, sich auf das, was gerade ist, einzulassen – ohne innerlich noch am Gestern zu hängen oder erwartungs- oder sorgenvoll in die Zukunft zu blicken. Heute ist der einzige Tag, den wir gestalten können. Gestern ist unwiderruflich vorbei – und wer weiß schon, was das Morgen bringt? Jesus selbst lebt uns diese Fokussierung auf die Gegenwart vor, wenn er sagt: „Sorgt euch nicht um morgen, denn jeder Tag bringt seine eigenen Belastungen. Die Sorgen von heute sind für heute genug.“ (Matthäus 6, 34).
John Kabat-Zinn formuliert es so: „Ich würde sagen, dass man sich vergegenwärtigen sollte, wie schnell diese ganze Sache vorbeigeht. Wenn man Vater oder Mutter wird, hat man das Gefühl, eine unendliche Geschichte vor sich zu haben, aber bevor man sich versieht, sind die Kinder aus dem Haus und stehen auf eigenen Beinen.“
Dauernuckeln
„Unser vier Monate alter Sohn schreit die ganze Nacht und lässt sich durch nichts beruhigen. Eigentlich findet er nur beim Stillen in den Schlaf. Das führt dazu, dass ich die Nacht über dauerstille und selbst kaum schlafe. Was können wir tun?“
Die kleinen Dauernuckler können eine Mutter ganz schön an ihre Grenzen bringen. Was können Sie tun, wenn Ihr Baby zu dieser Spezies gehört? Zunächst einmal gilt es natürlich abzuklären, ob ein körperliches Problem dahintersteckt. Hat das Kind vielleicht Hunger und muss sich deswegen nachts vermehrt Nahrung holen? Nimmt es ausreichend zu? Hat es Schmerzen und braucht das Saugen als lindernde Maßnahme? Diese und ähnliche Fragen können Sie mit Ihrer Hebamme oder Ihrem Kinderarzt besprechen und sollten das auch tun, wenn Sie selbst unsicher sind, wo das Problem des kleinen Schreihalses liegt.
SCHLECHTE GEWOHNHEIT
In den meisten Fällen handelt es sich allerdings um eine Gewohnheit, die sich im Laufe der Zeit eingespielt hat. Das Kind hat sich an die Beruhigung an der Brust gewöhnt und fordert dies vehement ein. Es gilt also eine Gewohnheit liebevoll abzutrainieren und durch andere zu ersetzen.
Zunächst einmal würde ich einem Baby mit einem starken Saugbedürfnis einen Schnuller anbieten. Bei vielen dauert es eine ganze Zeit, bis sie diese Beruhigungshilfe wirklich verstehen und akzeptieren, bleiben Sie also dran!
Der zweite wesentliche Ansatz zur Verbesserung der Situation besteht darin, die Kleinen nicht mehr an der Brust einschlafen zu lassen, sondern kurz bevor sie einschlafen, ins Bett zu legen, sodass sie diesen Wechsel bewusst wahrnehmen. Ein Kind, das an der Brust einschläft, spürt in Leichtschlafphasen, dass es nun woanders liegt, und wird wach, um zu kontrollieren, ob Mama oder Papa noch da sind. Meist fordern sie in dieser Situation dann den Ausgangszustand wieder ein – sie wollen also wieder an die Brust.
SATT WERDEN
Im Alter von vier Monaten ist es normal, dass ein Säugling nachts noch Nahrung braucht. Achten Sie darauf, dass Ihr Kind wirklich eine vollständige Mahlzeit zu sich nimmt und nicht nur so lange an der Brust nuckelt, bis der erste Hunger gestillt ist. Dazu kann es nötig und hilfreich sein, sich hinzusetzen, auf die Uhr zu schauen (damit Sie bei der nächsten Beschwerde Ihres Nachwuchses wissen, wann er das letzte Mal etwas zu trinken bekommen hat) und wenn möglich beide Brüste anzubieten. Achten Sie auch tagsüber darauf, dass Ihr Kind sich wirklich satt trinkt. Ab einem Alter von drei bis vier Monaten lassen sich viele Kinder so leicht ablenken, dass sie am Tage nur wenig trinken und sich den Rest in der Nacht holen. Ziehen Sie sich mit einem solchen Kind zum Stillen in eine reizarme Umgebung zurück.
Manche Kinder wollen nach einigen Monaten auf dieser Welt allerdings auch schon etwas „Richtiges“ essen. Achten Sie auf Reifezeichen, die darauf hinweisen, dass der erste Brei fällig ist. Was diese kleinen Menschen brauchen, wenn sie weinen, ist auf jeden Fall die Nähe einer engen Bindungsperson! Ob Sie die Brust als Beruhigungshilfe einsetzen, oder ob die Brust einzig und alleine zur Nahrungsaufnahme dient, das ist eine der vielen Entscheidungen, die jede Mutter für sich treffen muss – besser: darf!
Martina Parrish ist Hebamme und Stillberaterin und arbeitet in der Hebammenpraxis Fokus Leben in Berlin.
Familienplanung
Eine Menge Wahlmöglichkeiten stehen Paaren zur Verfügung, wenn es um Familienplanung geht. Doch was wirkt wie? Die neue Family-Serie von Dr. med. Katrin Kämmerzell verhilft Paaren zu einer Entscheidungsgrundlage und geht auch auf ethische Fragen ein.
Es soll hier eigentlich nicht um Verhütung gehen. Familienplanungsmethoden ist der passendere Begriff, denn wir reden nicht von der Verhütung eines Unglücks, sondern vom Lenken eines Segens.
Dabei hat jede Methode ihre Vor- und Nachteile. Wenn man sich näher damit beschäftigt, merkt man schnell, dass es die perfekte gar nicht gibt. Eine ausführliche Beratung zu allen Varianten beim Frauenarzt wäre durchaus sinnvoll, denn es geht hier um eine ganz entscheidende Weichenstellung, welche die Zukunft, die Gesundheit und die Beziehung beeinflusst. Doch so viel Zeit im Sprechzimmer lässt unser Gesundheitssystem nicht zu. Eine einfache Lösung für alle gibt es allerdings auch nicht, denn dazu sind Paare und ihre Lebensumstände zu unterschiedlich. Diese Artikelserie soll und kann keine Beratung beim Frauenarzt ersetzen, sie liefert aber Grundlagen, um miteinander ins Gespräch zu kommen.
GEMEINSAME ENTSCHEIDUNG
Wie findet man die richtige Familienplanungsmethode? Die Frage sollte frau jedenfalls nicht mit sich selbst ausmachen, denn ein Paar ist gemeinsam fruchtbar und hat zusammen die Aufgabe, damit verantwortlich umzugehen. Eine geeignete Familienplanungsmethode sollte das Sicherheitsbedürfnis von beiden Partnern abdecken, keinem der beiden gesundheitlich oder psychisch schaden und eine erfüllende Sexualität ermöglichen. Wägt ein Paar hier nicht sorgfältig ab, können ernsthafte Probleme entstehen. Da erzählte zum Beispiel eine geschiedene Frau, dass ihr Ex-Mann gegen die Pille war. Sie konnten als Paar aber auch nicht über gute Alternativen sprechen. Ergebnis: Von zwei rasch aufeinander folgenden Schwangerschaften gleich nach der Hochzeit fühlte sich die Frau komplett überfordert und zutiefst verletzt. Eine andere Frau berichtete, wie sehr sie unter der Pille aufgrund sexueller Lustlosigkeit und ständigen Kopfschmerzen litt. Doch ihr Partner fand alle anderen Methoden inakzeptabel.
Ein Paar sollte sich intensiv über Wirkungsweisen, Sicherheit und Vor- und Nachteile der einzelnen Methoden informieren und dann eine gemeinsame Entscheidung treffen – und diese auch von Zeit zu Zeit wieder hinterfragen. Dabei gilt es zu bedenken, dass keine Methode 100 Prozent Sicherheit bietet und Sex niemals von der Verantwortung für ein Kind entkoppelt werden kann. Fruchtbarkeit ist ein Geschenk und keine Selbstverständlichkeit. Sie sollte deshalb auch gepflegt werden, bis der Wunsch zur Familiengründung da ist.
WIE WIRKEN VERHÜTUNGSMITTEL?
Unzählige Faktoren müssen perfekt aufeinander abgestimmt funktionieren, um das Wunder einer Schwangerschaft zu sehen. Damit sich ein kleines neues Leben in die Gebärmutter einnisten kann, muss ein Eisprung vorhanden sein, befruchtungsfähige Spermien müssen den Eileiter zur richtigen Zeit erreichen und in die Eizelle eindringen (diese ist nur etwa acht Stunden befruchtungsfähig!), die befruchtete Eizelle darf nicht zu früh und nicht zu spät die Gebärmutter erreichen und muss dort auch ein gut vorbereitetes „Nest“ vorfinden. Jedes Verhütungsmittel greift an einer oder mehreren Stellen in diesen sehr komplexen Vorgang ein. Dabei kann entweder verhindert werden, dass es zur Befruchtung kommt, oder die befruchtete Eizelle wird an der Einnistung in die Gebärmutter gehindert. Je nach Definition vom Beginn der Schwangerschaft hat man es also entweder mit der Verhütung einer Schwangerschaft oder mit einer Frühabtreibung zu tun und damit auch mit einem ethischen Konflikt, den gerade Christen in ihre Überlegungen für die Wahl einer Verhütungsmethode mit einbeziehen möchten.
Aufgrund eines Übertragungsfehlers ist die Tabelle in der Printversion nur unvollständig wiedergegeben worden. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen!
Ab wann ist ein Mensch ein Mensch? Medizinisch gesehen lässt sich nach der Befruchtung keine Grenze mehr ziehen, da der Mensch sich kontinuierlich und nicht stufenweise entwickelt. Alle weiteren Definitionen sind philosophischer, aber nicht medizinischer Art. In der befruchteten Eizelle ist bereits alles vorhanden und festgelegt, bis zum Tode im Alter verändert sich nur noch die Zellanzahl und die Differenzierung der Zellen. Das deutsche Embryonenschutzgesetz für die künstliche Befruchtung schützt den Embryo deshalb ab der Befruchtung. Der Paragraph 218 StGB zum Schwangerschaftsabbruch hingegen wurde 1976 insofern geändert, dass Entfernungen der Schwangerschaft vor der Einnistung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter nicht als Schwangerschaftsabbruch gelten. Das fiel in eine Zeit, in der Kupferspiralen neu auf den Markt drängten und sonst strafbar gewesen wären. Und diese Umdefinition vom Beginn einer Schwangerschaft hat bis heute zur Folge, dass in Beipackzetteln von Verhütungsmitteln Formulierungen wie „hat keinen Einfluss auf eine bestehende Schwangerschaft“ verwendet werden können. Für Anwenderinnen und ihre Ärzte wird es schwierig, die genaue Wirkungsweise zu ermitteln. Hinzu kommt, dass hormonelle und kupferhaltige Verhütungsmittel nicht eindeutig vor oder nach der Befruchtung ansetzen, da ihre Wirkung gleich auf mehreren Mechanismen beruht. Einen Überblick über die möglichen Wirkungsweisen verschiedener Familienplanungsmethoden bietet die Tabelle, weitere Details als Hilfe zur ethischen Beurteilung finden sich in den folgenden Beiträgen dieser Artikelserie zu jeder Methodengruppe.
BESTANDSAUFNAHME
Sprechen Sie einmal in Ruhe darüber, wie zufrieden Sie bisher mit Ihrer aktuell genutzten Familienplanungsmethode sind und beantworten Sie für sich die folgenden Fragen:
Eine Bestandsaufnahme als Paar lohnt sich! Wenn Sie alle Fragen mit „Ja“ beantworten können, haben Sie schon für sich die richtige Methode gefunden. Wenn nicht, wird die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema Familienplanung für Sie von großem Wert sein
Dr. med. Katrin Kämmerzell lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern bei Stuttgart und arbeitet in einer gynäkologischen Praxis.
Mein unsichtbarer Freund
„Unser Sohn (4) hat seit kurzem einen unsichtbaren Spielgefährten. Wenn wir ihm seinen unsichtbaren Freund ausreden wollen, wird er wütend. Müssen wir uns Sorgen machen?“
Internationale Studien sagen, dass 37 Prozent der Kinder zwischen drei und sieben Jahren eine Weile mit einem imaginären Freund zusammenleben. Ihre Freunde entstehen in der Fantasie, sie sind mal bärenstark und schlau, mal keck und klein, aber immer unsichtbar. Andere Kinder beseelen zusätzlich ihre Stofftiere oder Gegenstände, mit denen sie reden und streiten, die sie ständig begleiten und schützen. Ein Ball im Wasser kann ein Delfin sein, ein Stock ein Pferd. Kommt ein Erwachsener hinzu, ist es sofort wieder der Stoffhase, Stock oder Ball. Das Kind wechselt blitzschnell zwischen seiner Fantasiewelt und der Realität. Insgesamt leben, laut Studien, 67 Prozent der Vorschulkinder in ihrer eigenen Vorstellungswelt.
FANTASIEVOLL UND INTELLIGENT
Ihr Kind „spinnt“ also nicht, es ist vielmehr eine ganz normale Entwicklung, es zeugt sogar von Intelligenz in diesem Alter zwischen Vorstellung und realer Welt umdenken zu können. Ihr Kind erfindet einen Fantasiefreund, der nicht immer ein Mensch sein muss. Diese Figuren entstehen entweder ganz in der blühenden Einbildungskraft oder werden durch Geschichten angeregt.
Der eingebildete Freund begleitet Ihr Kind nun Tag und Nacht, er muss sich nicht an Regeln halten, tut Dinge, die man niemals mit Mama oder Papa machen kann (zum Beispiel mit einem Einhorn durch den Wald reiten), er schützt das Kind oder ermutigt es. Gerade Einzelkinder suchen sich häufig einen Freund, der immer bei ihnen ist.
NEHMEN SIE IHR KIND ERNST
Wir Erwachsene leben ständig in einer realen Welt, es fällt uns häufig schwer, uns auf die „verrückten“ Ideen unserer Kleinen einzulassen. Gehen Sie auf den unsichtbaren Freund ein und lassen Sie ihn erzählen. So können Sie erfahren, was Ihr Kind bewegt, wovor es Angst hat, was es sich nicht zutraut oder wie es gerne wäre. Eher schüchterne Kinder werden sich einen starken Freund aussuchen. Großstadtkinder mit wenig Platz zum Toben suchen manchmal in ihrer Vorstellungskraft ein freieres Leben. Dieses unsichtbare Wesen begleitet Ihr Kind durch dick und dünn und hilft ihm die Welt, außerhalb des Elternhauses, mit all den Gefahren, Verboten und Geboten zu bewältigen. Manche Kinder entwickeln sogar ihre eigene Fantasiestadt, mit einer eigenen Sprache oder eigenem Geld. In der Kindertherapie werden schüchternen, ängstlichen oder auch auffallend aggressiven Kindern diese Fantasiewesen manchmal auch als Helfer und Beschützer zur Seite gestellt.
Mit Eintritt in die Schule wird ihr Kind immer mehr reale Freunde finden. Meist brauchen Kinder dann keine unsichtbaren Freunde mehr. Die kognitive Weiterentwicklung führt bei Grundschulkindern zu kritischem Denken, sie lernen ihre Gefühle besser auszudrücken und sind motorisch geschickter. Diese erweiterten Fähigkeiten helfen Ihrem Kind, die reale Welt immer besser zu meistern.
Doris Heueck-Mauß ist Entwicklungspsychologin und Psychotherapeutin und lebt in München
Auftanken im Vaterhaus
Christof Matthias feiert mit seinen Freunden Gottesdienst.
Es ist über 15 Jahre her. Mit ein paar Freunden saßen wir in unserem Wohnzimmer. An dem Abend beschäftigte uns die Frage, in welcher Art und Weise wir Gott am besten begegnen können. Die Brainstorming-Runde brachte die unterschiedlichsten Gedanken hervor: Gemeinschaft, Singen, nachdenkliche Impulse, Zeit zu hören, überschaubarer Rahmen und Kaffee natürlich. Wir wagten einen ersten Versuch, trafen uns in einer kleinen evangelischen Kirche.
Es war freier, vertraulicher und überschaubarer als ein sonntäglicher Gottesdienst. Unter den Initiatoren waren erstklassiger Musiker, erfahrene Seelsorger, Theologen und alle mit einem weiten Herz.
Aus dieser damaligen Idee ist eine feste Gewohnheit geworden. Wir treffen uns bis heute immer am letzten Dienstag im Monat und nennen das Ganze „Vaterhaus“. Der Ort hat gewechselt, Menschen kamen und gingen, einige blieben über all die Jahre treu. Wir beginnen immer mit „Hallo und wie geht’s?“ bei Kaffee, Tee, Gebäck, Chips und Flips. Ganz entspannt, zwanglos. Mal schauen, wer heute dabei ist und was er mitbringt. Nach und nach trudeln die Leute ein, wie auch immer sie es schaffen. Eine Maxime gilt: Wir machen uns keinen Stress. Das passt für uns nicht zu dem Gedanken des Auftankens und der freien Begegnung.
Irgendwann geht das Musikteam an den Start. Klavier, Gitarre, Saxofon und schöne Stimmen helfen uns, innerlich runterzufahren und unser Herz für Gott zu öffnen. Wir singen nicht nur drei bis fünf Lieder, wir lassen es laufen und kommen zur Ruhe.
Einer von uns hat im Vorfeld Gedanken, die ihn gerade bewegen, vertieft und für alle vorbereitet. Es geht uns immer und ausschließlich um das Thema Beziehung und Begegnung; was hilft und trennt, was belastet und befreit. Wir laden zum Austausch und zur persönlichen Reflektion ein. Zum Abschluss singen wir wieder oder wenden uns den Snacks zu. Auf jeden Fall bleiben wir aber im Gespräch, bis die Müdigkeit und die Vernunft uns nach Hause und ins Bett zwingt.
Ich erlebe diese Abende als „Rundumauftankerlebnis“. Das herzliche „Schön, dass du da bist!“, verbunden mit dem Geruch und Geschmack des Kaffees und meinen Lieblingschips, zeigt mir, dass ich willkommen bin. Das Gefühl, angenommen zu sein, brauche ich wohl mein Leben lang. Meine Seele scheint da ein dauerhaftes Bedürfnis zu haben. Die lieben vertrauten Menschen, die zuhören und denen ich Aufmerksamkeit schenken darf, zeigen mir, dass ich nicht allein bin. Wir stehen zusammen und sind füreinander da. Der aus meiner Sicht hervorragende Lobpreis durchdringt durch seine einfühlsame und abholende Art meine Fassade und wärmt mein Herz. Für mich eröffnet sich dabei immer wieder eine jenseitige Lebenswelt, die meine Seele berührt. Selbst nach einer halben Stunde will ich noch mehr davon. Es tut so gut. Die Gesprächs-Impulse geben mir die Gelegenheit, meine Erkenntnis zu weiten. Gerade im Austausch mit anderen kann ich meine Sichtweise hinterfragen und lerne dazu.
Ach, war das wieder ein schöner Abend. Mehr davon!
Christof Matthias ist freiberuflicher Supervisor und im Leitungsteam von Team.F, Vater von drei leiblichen Söhnen, einem mehrfach behinderten Pflegesohn, zwei Schwiegertöchtern und Opa von zwei Enkeltöchtern.
Das Wirrwarr durchstehen
Wie das Linksabbiegen Stefanie Diekmann zum Nachdenken bringt.
Eigentlich ist Autofahren für mich zur Routine geworden. An einer Stelle auf meinem Weg durch Mainz bin ich aber jeden Tag neu angespannt. Hier ist ein richtiges Wirrwarr. Die Straßenbahn läuft parallel zur Straße und die Busspur kreuzt, gleich darf ich links abbiegen. Links – wie denn? An jedem Tag sagt mein Instinkt mir: „Nein, hier geht es nirgendwo über die Straßenbahntrasse. Keine Chance. Nun kommt auch noch ein Bus. Gleich knallt’s!“
In meinem Leben kenne ich diese Momente auch. Ich weiß um Gottes Begleitung, umbete meinen Alltag, und doch erscheint mir das Wirrwarr an Gefühlen, Gedanken, Forderungen und Wünschen ohne klare Zielführung. Manchmal sogar täglich neu. Als hätte ich noch nie eine brenzlige Situation umschifft oder einen Schiffbruch überlebt. Es ist ein mal fröhlich, mal verzweifelt gelebtes Chaos. Der Tag, an dem das Kind innerhalb von Sekunden krank wird und der ganze Tag neu geplant werden muss. Oder eine herausgebrochene Uralt-Zahnfüllung, die mehrere Arztbesuche erfordert. Ein Besuch bei Freunden, der sich als unerfreuliches Diskussionsforum entpuppt und noch Tage in meiner Seele hängt.
Lerne ich nichts aus den durchstandenen Situationen? Eine Frau sagte mal: „Ich habe mir diese schwere Nacht mit drei Magen- und Darm-Kindern bewusst eingeprägt, um mir später immer wieder sagen zu können: Das hast du überlebt – sogar gemeistert. Das wird jetzt nicht schlimmer sein.“
In meinem Wirrwarr verliere ich oft den Blick auf gute Erfahrungen und auf meine Stärken. Ich verliere auch den Bezug und die Verbindung zu Gott. Ich habe schon so oft erlebt, dass mir Liedtexte guttun, Gott sogar eingreift oder eine Idee schenkt. Wieso erinnere ich mich oft nicht daran, wie viel Kraft darin steckt?
Diese Kreuzung – jeden Morgen – ist meine Erinnerungshilfe. Jedes Mal, wenn ich denke: „Nein – hier geht es nicht weiter! Niemals kann ich hier links abbiegen!“, blinkt das Auto vor mir und zeigt mir die unscheinbare Stelle, wo die Trasse der Straßenbahn abgesenkt ist und ein abgenutzter Linksabbiegerpfeil ahnen lässt, wie die Spur zu nutzen ist.
Und wenn ich den Gegenverkehr lange genug in den Blick genommen habe und die Straße überquere, grinse ich über mich: „Klar! Hier kann man nicht abbiegen!“ Und ich murmle ein Leises „Danke, Jesus!“ Denn die Kreuzung ist wirklich ein echtes Wirrwarr!
Stefanie Diekmann ist Diplom-Pädagogin und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ingelheim am Rhein.