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Artikel aus den Heften

„Grenzen werden akzeptiert!“

Katrin und Christian Rommert machen sich für den Kinderschutz stark. Im Interview erklären sie, was Eltern tun können, damit ihre Kinder weder Opfer noch Täter werden.

Wie kann ich mein Kind vor sexuellem Missbrauch schützen?

Christian Rommert: Das Wichtigste ist, eine Beziehung und echte Bindung zum Kind zu haben. Nur so gelingt offene Kommunikation. Und nur so wird sich das Kind im Fall des Falles öffnen und signalisieren: Da ist was komisch, da ist was, was ich nicht mag.
Katrin Rommert: Ich finde es wichtig, Kinder zu stärken und mit ihnen über ihre Gefühle zu reden – über gute und schlechte Gefühle.
CR: Wichtig ist uns auch der Umgang mit Grenzen. Kinder lernen in erster Linie durch das Vorbild der Eltern. Werden bei uns Grenzen geachtet? Darf ein Kind Grenzen setzen? Uns ist wichtig, dass Kinder lernen: Grenzen werden akzeptiert – auch von den Erwachsenen. Wir klopfen bei uns zum Beispiel alle in der Wohnung an die Tür und fragen: Kann ich reinkommen? Nur, wenn drinnen jemand Ja ruft, betreten wir das Kinderzimmer.
KR: Grenzen zu setzen bedeutet zum Beispiel auch, ernst zu nehmen, wenn Kinder das Küsschen von Oma oder Opa nicht mögen. Dann ist es wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass das okay ist. Und den Großeltern zu sagen: „Die Kinder wollen das nicht, können wir da einen anderen Umgang finden?“ Dadurch merken Kinder, dass sie ernst genommen werden.
CR: Und sie spüren: Auch ein Erwachsener darf nicht alles. Meine Meinung zählt etwas! Das ist entscheidend.

Muss ich mit meinem Kind vorbeugend über sexuellen Missbrauch sprechen?

KR: Wenn es sich natürlich ergibt, kann ich das machen. Manchmal gibt es einen Anlass. Kinder schnappen etwas auf oder es kommt ein Bericht im Fernsehen … Dann ist ein guter Zeitpunkt, darüber zu reden. Aber ich würde einem Kind nie sagen: Komm, jetzt setzen wir uns hin, ich will dir mal was erzählen. Ein Kind zeigt, wenn es Interesse an dem Thema hat.
CR: Ich glaube auch, dass die Initiative vom Kind ausgehen muss. Aber ich kann initiativ werden bei Themen wie Grenzen setzen, Nein sagen, gute und schlechte Geheimnisse.

Man weist Kinder darauf hin, dass sie nicht zu fremden Leuten ins Auto steigen sollen. Aber der meiste Missbrauch passiert ja mit vertrauten Personen. Wie kann ich das verhindern?

KR: Wenn das Verhältnis zwischen Eltern und Kind in Ordnung ist, wenn das Kind weiß, es kann zu Mama oder Papa gehen und über schlechte Gefühle reden, dann wird ein Kind auch sagen: Ich möchte nicht mehr zum Fußballtraining. Oder: Ich will nicht mehr zum Musiklehrer. Dann kann man als Elternteil nachfragen: Warum denn nicht? So findet man heraus, dass da vielleicht wirklich etwas schräg läuft.
CR: Wenn das Kind bei mir gelernt hat, dass Grenzen okay sind und es auch Nein sagen kann, wird es auch Nein sagen, wenn sich ihm ein anderer Mensch auf intime Art nähert. Die wenigsten Missbrauchsfälle passieren von Null auf Hundert sofort. Meist wird eine missbräuchliche Beziehung langsam aufgebaut. Es wird angetestet, wie das Kind und das Umfeld reagieren. Wenn ein Kind zu Hause einen gesunden Umgang mit Grenzen gelernt und eine gute Beziehung zu den Eltern hat, wird es irgendetwas signalisieren. Dann gilt es, dies wahrzunehmen.

Welche Anzeichen gibt es denn?

CR: Plötzliche, seltsame Verhaltensänderungen. Plötzliches Einnässen, plötzliches Verstummen. Das muss kein Hinweis auf Missbrauch sein, es gibt tausend andere Ursachen. Aber es kann ein Hinweis sein. Wenn es dann auch noch zum Beispiel einen neuen Nachhilfelehrer gibt, wäre ich alarmiert. Das Kind sagt vielleicht: „Ich will nicht mit dem nach oben, um meine Nachhilfe zu machen, ich will hier bleiben bei dir.“
KR: Bei älteren Kindern und Teenagern ist selbstverletzendes Verhalten oft ein Anzeichen.
CR: Oder Vernachlässigung des Körpers. Sich nicht zu waschen ist eine typische Reaktion, um den Täter von sich fern zu halten.

Kann man potenzielle Täter erkennen?

KR: Das eigene Bauchgefühl ist immer ganz gut. Manchmal hat man bei Leuten ja ein komisches Gefühl. Da muss man überlegen: Warum habe ich dieses Gefühl? Und sich Rückversicherung bei anderen holen.
CR: Täter gibt es in allen Bildungsschichten. Es sind zwar mehr Männer, aber auch Frauen. Mein Bauchgefühl springt bei diesen Machtgeschichten an: Wo nehme ich wahr, dass jemand Grenzen übertritt? Probiert, durch seine Worte zu verführen? Wenn ich in eine Gruppe komme und alle hängen einer Person an den Lippen und keiner sieht, dass die Person regelmäßig Grenzen überschreitet – körperlich oder verbal, dann werde ich misstrauisch. Wenn ich wahrnehme, dass Leute vor einem Mitarbeiter kuschen, dass sie sich nicht trauen, offen zu reden, weil er auch so etwas wie ein Heiliger, ein Unanfechtbarer ist. Dieser schräge Umgang mit Macht ist ein Kennzeichen von Tätern. Wobei das natürlich nicht heißt, dass jeder, der mit Macht komisch umgeht, auch ein Täter ist.

Was kann ich tun, damit mein Kind später nicht selbst irgendwann zum Täter wird?

KR: Auch hier geht es wieder um Grenzen: Wenn eigene Grenzen gewahrt werden und diese einem bewusst sind, dann weiß man auch, wo der andere ein Signal sendet, dass das eine Grenze für ihn ist. Wenn man das früh einübt, kann man das als Teenager und Erwachsener auch.
CR: Wir als Väter haben eine hohe Verantwortung. Ich bin immer mehr sensibilisiert worden, was wir unter Männern manchmal für einen Mist reden. Ich will weiter an mir arbeiten und Alltagssexismus aufdecken. Es gibt viele Sachen, bei denen ich mich frage: Bin ich grenzüberschreitend? Stärke ich ein System, das Frauen strukturell benachteiligt? Und lebe das auch meinem Sohn vor? Ich habe mir angewöhnt, geschlechtergerechter zu sprechen. Ich habe das lange Zeit für Blödsinn gehalten. Inzwischen bin ich da sensibel und versuche das zu ändern. Durch mein Rollenvorbild habe ich meinen Sohn hoffentlich zu einem besseren Mann gemacht, als ich gestartet bin.

 

Katrin Rommert arbeitet als Erzieherin in einem Kindergarten, Christian Rommert ist als Redner, Autor und Berater tätig. Sie leben mit ihren drei Kindern in Bochum. Das Interview führte Bettina Wendland.

 

Buchtipp
Christian Rommert: Trügerische Sicherheit. Wie wir Kinder vor sexueller Gewalt in Gemeinden schützen (SCM R. Brockhaus)
Hilfetelefon sexueller Missbrauch: 0800-2255 530
hilfeportal-missbrauch.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/02/Grenzen-1.jpg 662 641 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2018-02-28 15:00:352018-06-05 14:19:50„Grenzen werden akzeptiert!“

Trageliebe

„Sollte ich mein Baby tragen? Was spricht dafür, was dagegen? Wie lange ist das gut für mein Kind und auch für mich?“

Für kleine Kinder ist Getragenwerden ein großes Plus hinsichtlich Wahrnehmung und Vertrauen. Über die Haut wird dem Kind beim Tragen ein positives Körpergefühl vermittelt, die eigene Begrenzung als Geborgenheitsgefühl verankert. Auch der Gleichgewichtssinn wird durch diese Art der passiven Bewegung stimuliert, kleine Blähungen lösen sich. Ganz natürlich lieben Kinder es, getragen zu werden. Und so hilft es Kindern oft aus Unwohlsein heraus. Eltern lernen ihr Kind kennen, je näher sie ihm sind.

TRAGEN, NICHT ERTRAGEN
Tragen sollte dennoch niemals zum „Ertragen“ werden. Wenn mit Ihrem Kind auf dem Arm verschiedene Tätigkeiten und Bewegungen nicht verrichtet werden können oder Ihr Körper ein „Genug“ signalisiert, nehmen Sie Ihre Grenzen ernst. Haben Sie mal ein Tragetuch ausprobiert? Damit schaffen Sie nicht nur Erleichterung, damit liegen Sie voll im Trend. Tragetücher und Tragesysteme gibt es in allen Bequemlichkeitsstufen, unter variationsreichen Gebrauchsanleitungen und in munteren Farben. Wussten Sie, dass die Hüftgelenke Ihres Kindes beim Tragen im Tragetuch in eine optimale Position geschoben werden können? Eine Position, in der die Hüfte sehr natürlich nachreifen kann, erreichen Sie, wenn Sie das Kind im Tragetuch zu sich gerichtet auf dem Bauch tragen. Ganze Nationen bevorzugen Tragetücher, um das eigene Kind unkompliziert bei sich zu haben und zu transportieren.

MOTIVE HINTERFRAGEN
Wenn Sie dennoch einen innerlichen Konflikt in Bezug auf das Hochnehmen Ihres Kindes erleben, prüfen Sie, warum Sie Ihr Kind hochnehmen möchten: Wann handelt es sich beim Aufnehmen Ihres Kindes um den eigenen Wunsch, Ihr Kind zu tragen, wann um eine Gelegenheit für Sie beide, wann um reine Forderung Ihres Kindes, wann um Erwartungsdruck durch das Umfeld und wann um wahre Notwendigkeit? Verwechseln Sie „Tragen“ nicht mit „Aufmerksamkeit geben“. Für Nähe brauchen sie Ihr Kind nicht hochnehmen. Legen Sie sich doch einfach runter zu Ihrem Kind auf den Boden. Es gibt echte Alternativen zum Tragen. Auch Menschen, die ihr Kind rein körperlich nicht heben können, können dennoch fantastische Eltern sein. Machen Sie sich frei von Druck und Erwartungen. Genießen Sie die gesunde Bindung zu Ihrem Kind. Wann immer Sie Ihr Kind tragen möchten, tun Sie es. Wenn Sie es schaffen, Ihrem Kind zu vermitteln, dass eine reine Erwartung an das Tragen nichtig ist, werden Sie gewisse Schemata durchbrechen und schnell Ihren persönlichen Mittelweg finden. Ein Kind zu tragen oder nicht zu tragen hat nichts damit zu tun, eine gute Mutter oder ein guter Vater zu sein. Und trotzdem kann Tragen so wunderschön sein.

Irina Kostic ist Kinderkrankenschwester, Autorin und Mutter von vier Kindern. Sie lebt mit ihrer Familie in Nordfriesland. www.irinakostic.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/02/Family_2018_2.pdf-Adobe-Acrobat-Pro-DC.jpg 588 850 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2018-02-24 10:00:512018-06-05 14:19:50Trageliebe

Traut euch (was zu)!

„Mein Mann lässt mir zum Glück freie Hand.“ Dieser Satz einer Mutter in Bezug auf die Erziehung ihrer Kinder hat mich ziemlich geschockt. Da freut sich eine Mutter darüber, dass sie ihre Ideen unbehelligt von ihrem Mann umsetzen kann. Nur ein Einzelfall?

Eine andere Mutter schreibt in ihrem Blog darüber, dass sie ihre Tochter schon in der Kita angemeldet hatte, aber hin- und hergerissen war, ob das das Richtige sei. Sie schildert ihr Abwägen, Gespräche mit Freundinnen, schlaflose Nächte – ihr Mann (den sie offensichtlich hat) kommt bei diesen Überlegungen nicht vor. Kann natürlich sein, dass er im Blog nicht erwähnt werden möchte. Aber im Mama-Blog-Universum scheint auch nicht so wichtig zu sein, was der Papa meint …

Kürzlich haben wir auf Facebook einen Artikel geteilt, in dem sich ein Vater darüber beklagt, dass seine Tochter lieber von Mama im Kindergarten abgeholt wird. Daraufhin kam es zu einer Diskussion: Ist Mama deshalb bei Kindern die Nummer 1, weil Papa sich aus Unsicherheit oder Bequemlichkeit zurückhält? Oder liegt es an den Müttern, die den Vätern zu wenig zutrauen und meckern, wenn sie etwas anders machen?

Natürlich sind nicht alle Väter, Mütter und Kinder gleich. Aber ich habe den Eindruck, dass oft beides stimmt: Väter lassen sich schnell verunsichern, wenn das Baby oder Kind auf sie nicht genau so begeistert reagiert wie auf die Mama. Aber es ist nun mal so, dass Mama oft Bezugsperson Nr. 1 ist, Papa „nur“ Nr. 2. Sich dann aber zurückzuziehen und Mama machen zu lassen, ist genau die falsche Reaktion. „Jetzt erst recht!“ – das würde ich mir von Vätern wünschen: Jetzt erst recht kuscheln! Jetzt erst recht die Windel wechseln! Jetzt erst recht trösten! Jetzt erst recht vom Kindergarten abholen!

Und die Mütter? Die sollten den Vätern auch mal das Feld überlassen. Nicht erst, wenn sie nicht mehr können. Nicht nur dann, wenn Papa es genau so macht wie Mama. Vielleicht muss dann manches intensiver diskutiert werden. Aber auch Papas haben das Recht und die Pflicht, bei Erziehungsfragen mitzuentscheiden! Der Mama freie Hand zu lassen, klingt erst mal gut, ist meines Erachtens aber der falsche Weg!

Bettina Wendland ist Redakteurin bei Family und FamilyNEXT und lebt mit ihrer Familie in Bochum.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/02/altanaka_photocases2ipsjn964r12.jpg 2000 3000 Bettina Wendland https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Bettina Wendland2018-02-21 13:02:452018-06-05 14:19:50Traut euch (was zu)!

Den Schambereich schützen

„Wie gehen wir damit um, wenn unser Sohn mit seinem Penis spielt?“

Zunächst gilt es zu unterscheiden: Nicht jede Berührung der Genitalien ist mit Selbstbefriedigung gleichzusetzen. Die Geschlechtsorgane von Jungs sind dem Körper zentral und gut „begreifbar“ vorgelagert. Harn- und Geschlechtswege sind gleich. Jungs kommen nicht umhin, sich mit dem Penis zum Wasserlassen zu beschäftigen. Beim Mädchen sind Harn- und Geschlechtswege getrennt. Das Lustorgan Kitzler liegt bis auf die Spitze verborgen unter der Haut. Mädchen entdecken lustvolle Gefühle ihrer Geschlechtsorgane etwas weniger selbstverständlich als Jungs, teils beim Abtrocknen nach dem Bad oder wenn der Duschstrahl diese berührt. Berührungen von Kindern im eigenen Intimbereich können unterschiedliche Gründe haben, Selbstbefriedigung ist nur einer davon. Es hängt mit von der sexuellen Lerngeschichte der Eltern ab, wie entspannt oder besorgt sie solche Berührungen wahrnehmen und wie sie dies einordnen. Nicht nur aus diesem Grund ist es für Eltern lohnenswert, sich mit ihrer eigenen Lerngeschichte auseinandersetzen, um besser zu verstehen, wie diese in die Erziehung ihrer Kinder mit hineinwirkt.

VON ANFANG AN GUT
Selbstbefriedigung kommt bei manchen Kindern vor, bei anderen nicht. Es ist weder eine lebenswichtige Entwicklungsphase, ohne die man etwas verpassen würde, noch eine Krankheit oder per se schädigend, wie man früher Menschen glauben machen wollte. Bei manchen spielt sie vorübergehend eine Rolle, bei anderen wird sie zur Gewohnheit, manche Menschen erleben sie als suchtartig. Doch zunächst gilt: Die Geschlechtsorgane inklusive der möglichen Gefühle in diesem Bereich gehören als Grundausstattung des Menschen von Beginn seines Lebens an dazu und nicht erst ab der Pubertät. Sie sind damit Teil des schöpferischen „sehr gut“ am 6. Schöpfungstag. Die Bibel nimmt zum Thema Sexualität an vielen Punkten Stellung, zur Selbstbefriedigung jedoch schweigt sie. Der explizite Begriff kommt nicht vor.

INTIMSPHÄRE SCHÜTZEN
Eltern sollten ihre Kinder daher nicht beschämen. Ein abfälliger Umgang kann zur Selbstverurteilung und negativen Wahrnehmung von Sexualität an sich führen: „Wie schlimm bin ich, schon als unschuldiges Kind habe ich so etwas Schlechtes getan.“ Stattdessen sollten Sie Ihren Kindern helfen, ihren Schambereich zu schützen. Intimität ist etwas sehr Persönliches und gehört daher nicht in die Öffentlichkeit, sondern in die Privatsphäre des eigenen Zimmers. Es ist wichtig, dass Kinder dies im Kindergartenalter lernen, damit sie in der Schule nicht von anderen beschämt oder ausgeschlossen werden. Weiterhin ist es bedeutsam, ihre Gesamtentwicklung im Blick zu haben, etwa ob sich Selbstbefriedigung zum Tröster entwickelt. Im Rahmen der Aufklärung können Eltern Kindern deutlich machen, dass sie selbst immer mehr Verantwortung für ihre eigene sexuelle Lerngeschichte übernehmen können. Das gilt insbesondere für die Kombination von Selbstbefriedigung mit pornografischen Bildern, die Kinder heutzutage über Smartphones immer früher erreichen.

Dr. med. Ute Buth ist Frauenärztin und Fachberaterin für das Weiße Kreuz Deutschland e.V. Sie hat das Aufklärungskonzept „Sexualaufklärung – Aufgabe und Chance©“ entwickelt, das Eltern ermutigt, früh Verantwortung für die Aufklärung ihrer Kinder zu übernehmen: www.aufgabe-und-chance.de

 

Zum Weiterlesen:
Weiterführende Artikel zum Thema finden Sie in der Mediathek des Weißen Kreuzes: www.weisses-kreuz.de.
Die Ausgabe 45 aus dem Jahr 2011 befasst sich mit dem Thema Selbstbefriedigung.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2017/12/3-5.jpg 555 699 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2018-02-13 12:59:442018-06-05 14:19:50Den Schambereich schützen

Quelle oder Quartier?

Moor Jovanovski räumt seinen MP3-Player auf und landet bei ganz grundsätzlichen Lebensfragen.

Es wird wieder Zeit für eine neue Playlist. Mein kleiner Mp3-Player ist gerade an meinem PC angeschlossen und ich durchforste meine digitalen Musikalben. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, beim Joggen eine besondere Auswahl an geistlichen Liedern zu hören, die mein Herz erreichen. So fungiert meine Zeit des Sports auch zum Aufbau meiner geistlichen Fitness. Dass es mal wieder Zeit für eine neue Liste war, fiel mir daran auf, dass mich die Lieder anfingen zu langweilen. Das musste ich zugeben: Auch geistliche Aussagen können mich irgendwann langweilen. Aber halb so wild meine ich, denn Langeweile ist auch ein Hinweis darauf, dass es weitergehen darf. Denn was ich verinnerlicht habe, kann mir zur Quelle werden, aus der ich dann schöpfe. Es wird logischerweise Zeit für Neues, damit mein Herz nicht zu einem Quartier für fromme Binsenweisheiten wird. Denn das hätte dann weder etwas mit Fortschritt noch mit Fitness zu tun. Während ich also eine neue Auswahl von Liedern auf meinen Player verschiebe, kommen mir die Worte aus Sprüche 4,23 in den Sinn: „Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens.“ Das ist schon eine große Aufgabe. Ich pflege viele Dinge in meinem Leben und ich sehe meistens auch, wann es wieder an der Zeit ist, das zu tun. Ich stelle aber fest, dass ich mit meinem Herzen doch etwas zu nachlässig bin. Da kann es schon mal sein, dass sich hier „alte Listen“ wiederfinden, die ich nicht mehr hören will (oder die auch kein anderer hören sollte). Manchmal weiß ich genau, dass es wieder Zeit für etwas Neues wäre. Aber so unbrauchbar die alten Listen manches Mal sind, so sehr habe ich mich auch an sie gewöhnt. Und da liegt die Herausforderung: Zu erkennen, dass nicht alles Vertraute auch Fortschritt oder Fundament bedeutet. Mein Herz bedarf der Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Ich stelle mir die Frage, was sich im Laufe der letzten Wochen so alles in meinem Herzen aufgelistet hat. Welche Songs laufen gerade? Klagelieder? Trauerlieder? Freudenlieder? Welche „Alben“ habe ich kreiert? Ärger? Neid? Ängste? Verletzungen? Es wäre schön, wenn sich manches in meinem Herzen so einfach neu aufsetzen ließe wie eine Playlist. Aber ich bin sicher, dass es Gott möglich ist. Wenn ich mit ihm diese Listen und Alben durchgehe, dann kann er sicher das ein oder andere umgehend löschen. Mancher Song muss umbenannt oder behutsam umgeschrieben werden. Auch da bin ich sicher, dass Gott das kann. Ich will ihm die Listen meines Herzens nicht vorenthalten, damit mein Herz eine Quelle ist und bleibt und damit ich meine Fitness bewahre.

Moor Jovanovski hat zwei Kinder und ist verheiratet mit Monica. Er arbeitet als Pastor und Gemeindegründer in Frankfurt und Wiesbaden.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2017/12/Tankstelle.Er_-e1513087200572.jpg 408 640 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2018-02-09 15:57:462018-06-05 14:19:51Quelle oder Quartier?

Beten und arbeiten?

Elisabeth Vollmer reibt sich an einem bekannten Luther-Zitat.

Es gibt Sprüche, die begleiten mich durchs Leben. Einen davon fand ich lange gut und habe ihn dann und wann auch zitiert und weitergegeben. Jetzt habe ich mich von ihm verabschiedet und merke, wie entlastend und wohltuend das für mich ist. Ich rede von Martin Luthers Satz: „Bete, als ob alles Arbeiten nichts nützt, und arbeite, als ob alles Beten nichts nützt.“ Eigentlich soll dieser Satz ja motivieren – zu Gebet und Arbeit gleichermaßen. Aber für mich liest er sich, je länger desto mehr, wie das Lebenskonzept einer frommen schwäbischen Hausfrau auf dem direkten Weg in den Burnout. Er überfordert mich und ist ein Antreiber, dem ich gekündigt habe. Stattdessen möchte ich beten im Bewusstsein, dass ich als Christin in dieser Welt eine Aufgabe habe, die ich ausfüllen kann und darf. Dass ich ausgestattet bin mit Begabungen, die wichtig und es wert sind, gelebt zu werden. Und ich möchte arbeiten im Bewusstsein, dass ich das Meine, andere das Ihre und Gott das Seine tun kann und wird. So wie Paulus es im 1. Brief an die Korinther schreibt: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber ließ wachsen.“ Im Zusammenspiel mit Gott möchte ich meine Verantwortung in dieser Welt wahrnehmen. Arbeit und Gebet möchte ich nicht als getrennte Bereiche sehen oder gar gegeneinander aufrechnen. Stattdessen möchte ich leben (und das beinhaltet auch Arbeit und Gebet) in der Gelassenheit und Zuversicht, dass ich es nicht bin, die die Welt retten muss. Und das ist noch ein Punkt, weshalb ich mich an besagtem Zitat gerade so reibe: Es fordert mich doch quasi dazu auf, nicht zu leben, was ich glaube – nämlich, dass mein Gebet und/oder meine Arbeit fruchtbar sein kann. Neben dem Antreiber zur Höchstleistung, den ich dabei im Nacken spüre, ist es vor allem auch die innere Haltung, die mich verkrümmt, wenn ich sie einnehme. Wie schrecklich wäre es doch, wenn ich in der Überzeugung leben und beten müsste, als wäre all mein Arbeiten wirkungs- und wertlos? Und wie unfassbar anstrengend, wenn ich so arbeiten müsste, als hinge von meinem Einsatz alles ab? Ich bin wirklich froh, dass beides nicht der Fall ist! Stattdessen möchte ich im Vertrauen leben, was ich glaube und wovon ich überzeugt bin. Klingt ja so banal und gelingt mir doch immer wieder im Alltag so wenig … Ich bin davon überzeugt, dass der Sonntag ein Ruhetag ist, an dem es gut ist, nicht zu arbeiten, sondern aus der Ruhe heraus in die neue Woche zu starten. Aber dann war da neulich wieder einmal so viel los und ich habe mir überlegt, dass ein paar Stunden am Sonntagnachmittag den Arbeitsberg der Woche so weit abbauen könnten, dass ich dann eine ruhigere Woche habe. Und schon war sie dahin, meine Überzeugung, und ich drehte das Hamsterrad auch noch über den Sonntag hinaus. Keine gute Idee. Ich habe es direkt gespürt und meine Umgebung leider auch … Oder die Sache mit der Sorge um meine Kinder. Die buchstabiere ich seit Jahren durch. Immer wieder und wieder. Ich bin sozusagen Meisterin im Sorgenmachen. Denn: ja, ich glaube, dass Gott als guter Hirte meine Lämmchen im Blick hat und ihnen nachgeht. Aber dann lebe ich es so wenig. Wälze mich stattdessen in unruhigen Nächten hin und her und kreiere Horrorszenarien. Bis ich es dann wieder merke und mir eingestehe, dass ich ja nur das Mutterschaf und nicht der gute Hirte bin. Dass ich meines tun kann, aber nicht der Hirte sein kann und muss. Und das entlastet so ungemein. Irgendwie bin ich Luther doch dankbar für das Zitat, an dem ich mich die letzten Wochen so gerieben habe. Ich weiß jetzt besser, was ich glaube. Jetzt muss es mir nur noch gelingen, das zu leben.

 

Elisabeth Vollmer ist Religionspädagogin und lebt mit ihrer Familie in Merzhausen bei Freiburg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2017/12/Tankstelle.Sie_-e1513087002613.jpg 411 643 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2018-01-31 15:51:522018-06-05 14:19:51Beten und arbeiten?

„Zeigt euren Kindern, wie ihr euch versöhnt!“

Ein Gastbeitrag von Artur Wiebe:

„Wer von euch hat seine Eltern schon einmal streiten gesehen?“ Die meisten Schülerhände heben sich an einem Freitag in meinem Ethikunterricht zum Thema „Rache & Vergebung“. Dann frage ich weiter: „Und wer hat schon einmal gesehen, wie die Eltern sich wieder versöhnt haben?“ Ergebnis: Fast keiner hebt die Hand. Auf die Nachfrage, warum das so ist, bekomme ich von den Jugendlichen mit meist muslimischem Hintergrund nur eine vage Antwort: „Irgendwann war bei denen halt alles wieder okay.“

Streit in der Familie, der Gesellschaft und der christlichen Gemeinde geschieht „automatisch“: ein falsches Wort, eine ungünstige Situation oder einfach ein schlechter Tag. Versöhnung dagegen ist kein Selbstläufer. Eine Auseinandersetzung plant man eher selten. Aber im Unterschied dazu muss man bei Versöhnung bewusst Schritte aufeinander zugehen.

Menschen sehen und lernen am Vorbild. Kann es sein, dass es unseren Kindern an konkreten Beispielen fehlt, wie man sich nach einem Streit wieder versöhnt? Wenn sie unsere Auseinandersetzungen mitbekommen, lernen sie, dass und wie man sich streitet. Aber wenn sie unsere Schritte, wie man sich wieder versöhnt, nicht mitbekommen, lernen sie genau das nicht. Die Haltung „Schwamm drüber …“ oder „War doch gar nicht so schlimm …“ führt selten zu Frieden und Versöhnung. Wer seinen Streit unter den Teppich kehrt, versteckt dort gleichzeitig auch die Versöhnung. Nicht die Auseinandersetzung ist das Problem, sondern wie wir damit umgehen. Ich meine daher: Kinder, die ihre Eltern streiten sehen, haben auch ein Recht darauf, mitzubekommen, wie sie sich wieder vertragen. Denn dann sehen und lernen sie Versöhnung.

Artur Wiebe ist Redaktionsleiter der Zeitschrift CHRISTSEIN HEUTE.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/01/Wickelbär_photocase238573421571.jpg 1232 1840 Bettina Wendland https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Bettina Wendland2018-01-31 11:44:472018-06-05 14:19:52„Zeigt euren Kindern, wie ihr euch versöhnt!“

„Müssen wir das Studium finanzieren?“

„Unsere Tochter studiert und wohnt in einem Studentenwohnheim. Sie erwartet, dass wir ihre Miete übernehmen und den Lebensunterhalt finanzieren. Das bringt uns finanziell an unsere Grenzen. Ist es nicht normal, dass Studenten sich zum Teil selbst finanzieren durch entsprechende Jobs?“

Die Unterhaltspflicht der Eltern gegenüber Kindern in der Ausbildung hat der Gesetzgeber in Deutschland und der Schweiz sehr genau geregelt. Denn der Staat hat ein Interesse daran, dass junge Bürger eine qualifizierte Ausbildung erhalten. Deshalb sind Eltern auch für volljährige Kinder unterhaltspflichtig, bis eine erste Ausbildung abgeschlossen ist. Ab dann ist das Kind in der Lage, sich selbst zu ernähren, und die Unterhaltspflicht ist beendet. Ab dem 18. Lebensjahr sind Eltern in Deutschland sogar zum Barunterhalt verpflichtet. Das heißt: Studierenden, die einen eigenen Haushalt haben, stehen monatlich 735,- Euro zu, davon sind 300,- Euro für die Warmmiete einkalkuliert. Gebühren für die Krankenversicherung und Studiengebühren sind noch nicht eingeschlossen. Der Gesetzgeber gibt auch vor, wie viel Geld Eltern als Eigenbedarf verbleiben muss. Orientierung bietet hier die sogenannte Düsseldorfer Tabelle (siehe Infokasten).

ZÜGIG STUDIEREN
Im Gegenzug verlangt der Gesetzgeber von den Studierenden, dass sie zügig und zielorientiert studieren. Außerdem sind sie den Eltern gegenüber zu Informationen und Nachweisen über den Fortgang des Studiums verpflichtet. Sollte das Einkommen der Eltern nicht ausreichen, können Studierende staatliche Unterstützung (D: BaföG, CH: kantonale Stipendien) beantragen. Ebenfalls kann sich die Recherche zu Stipendien diverser Stiftungen oder Organisationen lohnen! Nicht immer entscheiden nur die Noten. Sich um diese Informationen zu kümmern, liegt allerdings in der Verantwortung der Studierenden, nicht der Eltern.

DAZUVERDIENEN?
Viele Studierende verdienen etwas Geld dazu. Aber je nach Studiengang sind die Belastungen unterschiedlich. Bei manchen Studiengängen ist es gut machbar, nebenher zu arbeiten. Bei anderen ist man mit den Veranstaltungen und dem Lernpensum komplett ausgelastet. Geld ist ein sensibles Thema. Und Unterstützung schafft eine – mehr oder weniger spürbare – Abhängigkeit in einer Lebensphase, in der es gleichzeitig der Wunsch ist, sich hin zu einer gleichberechtigten Beziehung auf Augenhöhe zu entwickeln. Wie bei vielen anderen Themen auch, wird hier ein offenes und ehrliches Gespräch die Beziehung stärken und Sie einer einvernehmlichen Lösung näher bringen.

Michaela Schnabel ist Mutter von drei erwachsenen Töchtern. Sie arbeitet als Sozialpädagogin und lebt in Witten.

 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2017/12/eigeneFüß.jpg 704 495 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2018-01-25 13:34:292018-06-05 14:19:52„Müssen wir das Studium finanzieren?“

Filmabend

MÖRDERISCHER FLASCHENÖFFNER

Katharina Hullen übersteht den gemeinsamen Kinoabend nur mit geschlossenen Augen.

Katharina: Kino – laufen da schon Filme in Farbe? Gefühlt so lange sind wir nicht mehr zu zweit dort gewesen. Doch wenn man schon mal zwei Kinofreikarten kriegt … Wir organisieren also kurzfristig den Babysitter. Während ich die Kinder zur Übergabe fertig mache, verschafft sich Hauke im Internet schnell einen Überblick über das aktuelle Programm. So können wir auf der Fahrt besprechen, was wir uns ansehen wollen. Drei Filme stehen zur Auswahl: eine Gauner-Komödie, ein Action-Roadmovie und ein Agentenfilm. Hauke gibt mir zu jedem der drei einige Stichworte zum Inhalt und meint, ihm persönlich hätte ja der Agentenfilm am meisten zugesagt, da nicht vorhersehbar und komplexere Geschichte und so … Ok, nehmen wir den. Ich nicke wie ein Wackeldackel, weil ich es hier ohnehin nicht besser weiß. So plumpsen wir in gemütliche Sessel und müssen uns erst wieder an die riesige Leinwand gewöhnen. Endlich – es geht los. Mit jeder Filmvorschau, die nun folgt, wird mir allerdings klarer, was für eine Art Film Hauke da ausgesucht hat. Superhelden zermalmen teuflische Riesenmonster, andere Helden verwandeln sich in ebensolche. Da wird geschossen, geflogen, gemetzelt und geschrieen, was die Monsterlunge hergibt. Ein kurzer verstörter Blick zu meinem Göttergatten – da sitzt er mit leuchtenden Augen und ist ganz fasziniert! Am liebsten würde er sich all diese Filme ansehen, besonders gern den mit dem grünen Riesenmonster, vielleicht weil es ihm in diesem Licht ein bisschen ähnlich sieht? Ich könnte eigentlich schon gehen, aber naja, ein Agentenfilm – vielleicht wird er ja doch gut. Nein, wird er nicht! Was folgt, sind 100 Minuten Mord und Totschlag, jede Menge Blut, eine verworrene Geschichte. Mord durch Schuhabsatz, Mord durch Flaschenöffner, Mord durch Gartenschlauch … Ich sitze den Großteil des Films mit geschlossenen Augen im Kino und warte ab, bis alle Leute dieser Szene wohl tot sind und es weiter gehen kann zum nächsten Tatort. Nach dem Film möchte Hauke gern noch was essen gehen. Echt jetzt? Appetit zählt gerade nicht zu meinen Neigungen. Ich möchte gern nach Hause – und duschen vielleicht. „Lass uns lieber mal der Oma die Kinder wieder abnehmen.“ Wir schlendern zum Auto und reflektieren, was wir gesehen haben. Also vor allem mein zufriedener Mann. Er analysiert ganz klar, was er richtig gut und was er nicht so gelungen fand. In meinem Kopf schreit es wie aus einem dieser Riesenmonster: DER FILM WAR SCH …! Aber das will ich lieber nicht laut sagen. Ich weiß auch nicht so richtig, was ich fühlen soll. Bin ich wütend, dass wir diese kostbaren Karten so vergeudet haben? Oder freue ich mich für meinen Mann, weil er einen tollen Abend hatte, und für mich, weil es Freikarten waren und wir immerhin nichts für dieses Blutbad bezahlen mussten? Eins weiß ich genau – dass ich Stoff habe für die Family-Kolumne!

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das
Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

ACTION FÜR DEN EHEABEND

Hauke Hullen freut sich über gut gemachte Unterhaltung.

Hauke: Heutzutage preisen die großen Schriftzüge auf der Oberbekleidung die finanziellen Möglichkeiten des Eigentümers an. Zu meiner Schulzeit ging es dagegen noch um wahre Liebe: Man(n) zeigte mit seinen T-Shirts der Umgebung demonstrativ, welcher Band man sein Ohr schenkte. Durch die (Schul-)Bank waren überall martialische Cover und verzerrte Schriftzüge zu sehen, selbstredend auf schwarzgefärbter Baumwolle. Es war die Hoch-Zeit des Heavy-Metals. Wir waren fasziniert von harten Gitarrenriffs und malträtierten Trommelfellen, die sowohl auf der Bühne als auch im Publikum schwer zu leiden hatten. Neben dem Musikgeschmack verkündete man mit seinem Shirt auch immer eine zweite Botschaft: Ich bin hart! Ein ganzer Kerl! Ein richtiger Mann! Kuschelrock- CDs hörte man nur heimlich; und für all die schmachtenden Boygroups hatten wir nur Verachtung übrig, erst recht weil es uns wurmte, dass die Mädchen der Klasse an diesen Retortenbands mehr Gefallen fanden als an ehrlicher Rockmusik und damit auch irgendwie an uns. Warum erzähl ich das? Nun, jüngst katapultierten uns zwei Freikarten spontan zu einem Eheabend ins Kino. Eheabende sind wie Joggen – eigentlich will man nach einem langen, anstrengendem Tag lieber auf der Couch versacken, aber wenn man sich dann aufraffen kann, tut es schließlich doch ganz gut. Da es dauerte, bis das letzte Kind („Ich will auch mit!“) im Bett verstaut war, blieben nur noch drei Filme zur Auswahl. Doch wir hatten Glück: Wir setzten uns in einen ehrlichen Actionfilm – durchaus hart und heftig, dafür aber realistisch (soweit dies einem Actionfilm möglich ist). Zu Jugendzeiten reichten noch Arnies Muskeln, Jean-Claudes Kampfkunst oder Explosionen in Zeitlupe, um von hohlen Dialogen und Logiklöchern abzulenken, doch inzwischen stelle ich höhere Ansprüche. Umso erfreuter war ich also, dass die Hauptfigur nach artistischen Kampfeinlagen erkennbar erschöpft ist und dass der Ausgang der Geschichte nicht schon nach den ersten 20 Minuten vorhersehbar war. Ebenso erfreut nahm ich zur Kenntnis, dass sich die beste Ehefrau von allen während des Films romantisch an mich kuschelte, meine Hand halten wollte und manchmal sogar ihren Kopf mit selig geschlossenen Augen an meine Schulter lehnte … Um den bis hierhin bereits gelungenen Abend perfekt zu machen, schlug ich nach dem Film noch ein Candle-Light-Dinner im Steakhouse vor. Es folgte: ein Fiasko. Hart und heftig, in seinem Ausgang für mich nicht vorhersehbar. Nach artistischen Argumentationseinlagen kam ich erkennbar erschöpft zu Hause an. Ich fürchte, die nächsten Kinokarten werden einer romantischen Komödie geopfert werden müssen, wo am Ende jeder jeden kriegt. Das wäre dann immerhin einem Eheabend angemessen!

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2017/12/filmabend.jpg 912 1287 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2018-01-22 14:45:292018-06-05 14:19:52Filmabend

Wenn die Kinder an einem vorbeiziehen

Papa fährt voran – so geht es lange Jahre. Doch plötzlich werden die Söhne immer schneller … Von Joachim Bosch

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Söhne kleine Babys waren und ich der große Papa. Und das änderte sich auch lange, lange Zeit nicht. Sie schauten zu mir auf, versuchten nachzumachen, was ich so trieb, wollten auch groß sein und das können, was ich kann. Mann, tat das gut! Dann wurden die Jungs größer und wollten auch mit dem Fahrrad unterwegs sein. Sie wollten auch mit Werkzeug hantieren, auch einen Computer haben und natürlich auch an ihm herumschrauben – eben alles das, was ich so mache. Und wieder fühlte ich mich als das große Vorbild, als derjenige, an dem sie sich orientieren. Und das tat immer noch sooo gut!

GUTES GEFÜHL
Es kam die Schulzeit. Meine Söhne waren nun immer mehr davon überzeugt, dass sie auch etwas können, das ich nicht kann. Es kam zu ersten Diskussionen über Dinge, über die wir Erwachsenen schmunzeln konnten. Aus diesen Diskussionen ging ich mit wenigen Argumenten als Sieger hervor. Und ich merkte, dass sie immer noch zu mir aufschauten. Jetzt war ich nicht nur der Große und Starke, jetzt war ich auch noch der Schlaue, der so viel weiß. Und ich fühlte mich immer noch sehr gut! Der Wechsel von der Grundschule auf das Gymnasium stand an. Und natürlich war der Wunsch groß, auch mit dem Fahrrad die vier Kilometer in die Schule fahren zu dürfen – so wie es eben Papa seit Jahren vormachte. Nach langem Überlegen entschlossen wir uns, es zu wagen. Aber ich musste dabei sein. Es ging immerhin über zwei Kreuzungen, die nicht ganz ohne sind. Der erste Schultag kam und ich „durfte“ dem Großen zeigen, an welchen Stellen er aufpassen musste, wo es ungefährlich war und wo man die Fahrt so richtig genießen konnte. Das war super, das war cool und ich war der Größte. Ich fühlte mich gut! Zwei Jahre später wechselte unser zweiter Sohn ebenfalls auf die weiterführende Schule, wollte auch mit dem Fahrrad fahren, gleiche Prozedur, gleiches Gefühl!

DAVONGEFAHREN
Die Jahre gingen ins Land. Ab und zu fuhr ich noch mit den Jungs morgens in die Schule. Aber es hatte sich etwas geändert: Hatte ich am Anfang immer wieder auf sie warten müssen, musste ich jetzt immer häufiger schauen, dass ich Schritt halten konnte. Konnte das sein? Wahrscheinlich hatte ich einen schlechten Tag oder meine Tasche war schwerer als ihre – Ausreden waren schnell zur Hand. Aber ich fühlte ich mich an diesen Tagen nicht mehr so gut. Und es wurde langsam zur Regel, dass zumindest unser Ältester mir mit dem Fahrrad davonfuhr. Das tat weh. Das kratzte gewaltig an meinem Selbstbewusstsein und an meinem Ehrgeiz, besser zu sein als die Jungen – schließlich war ich ja sportlich und trainiert (aber eben auch schon über 40). Ich wurde unsicher, frustriert, fühlte mich gedemütigt und alt und nicht mehr gut. Es dauerte sehr lange, bis ich damit klarkam. Und es gab so manchen Rückschlag auf dem Weg zur Gelassenheit und Dankbarkeit. Immer wieder kam es zu Rückschlägen, die gewaltig schmerzten. Es blieb auch nicht aus, dass die absurdesten Entschuldigungen sich in meinem Gehirn breitmachten: „Die Reifen sind nicht richtig aufgepumpt …“ Das Verdrängen – eine Spezialität von uns Männern – drohte zu verhindern, dass ich mich mit den Veränderungen des Älterwerdens auseinandersetzte. So blieb letztendlich das Gefühl, wirklich alt geworden zu sein, nicht mehr leistungsfähig und damit minderwertig zu sein.

MEIN TEMPO
Zum Glück gibt es Freunde im gleichen Alter. Auch sie mussten sich mit diesem Problem auseinandersetzen. Irgendwann kam es zur Sprache. Und jeder von uns merkte, dass wir alt werden. Es tat mir gut zu hören, dass ich nicht allein bin mit meinem Problem. Parallel dazu kamen in den Gesprächen mit meiner Frau meine Minderwertigkeitsgefühle zur Sprache. Sie „wusch“ mir den Kopf. Das Ganze gipfelte in dem Satz: „Wie ich bin, bin ich genug.“ Bei dem Versuch, es mit dem Fahrrad auch mal gemütlich anzugehen, gab es allerdings immer wieder Momente, die wehtaten: Da wurden die Überholer immer jünger. Und die zum Scheitern verurteilten Versuche mitzuhalten wieder häufiger. Schließlich kam ein älterer Schüler unserer Schule, den ich Jahre zuvor noch locker überholen konnte. Er ließ mich einfach stehen. Das war der entscheidende Moment! Die deutliche Niederlage rüttelte mich wach und machte mir spürbar klar, dass es einfach eine Entwicklung der Alterung gibt – und zwar bei allen. Seitdem fahre ich jeden Tag mein Tempo: mal langsam, mal schneller, mal auf der Jagd nach Traktoren oder E-Bikes, mal gemütlich hinter anderen her. Und seitdem fühlt sich das wieder gut an.

Joachim Bosch ist Realschullehrer, seit 25 Jahren verheiratet mit Susanne und hat zwei erwachsene Söhne. Er wohnt in Satteldorf, Kreis Schwäbisch Hall und fährt jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2017/12/bosch.jpg 896 634 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2018-01-18 14:39:302018-06-05 14:19:53Wenn die Kinder an einem vorbeiziehen
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