Jetzt komm ich!

„Unser Sohn (3) fordert oft ungeteilte Aufmerksamkeit von uns ein. Jetzt bekommen wir ein zweites Kind. Wie bereite ich mein Kind auf das neue Geschwisterchen vor?“

Wenn ein Kind da ist, richtet sich bewusst und unbewusst die gesamte Aufmerksamkeit auf das Kind aus. Oft können sich Eltern nicht vorstellen, wie in diese Lebenssituation ein weiteres Kind passen soll. Die entlastende Nachricht vorweg: Die Forderung nach ungeteilter Aufmerksamkeit kann beim Erstgeborenen ausgeprägter wahrgenommen werden als bei den Geschwisterkindern später. In der Vorbereitung können diese Gedanken dennoch helfen:

WARTEN LERNEN
Wir haben unserem Kleinkind in dieser Phase das Wort „Warte“ nähergebracht. Uns war klar, dass es durch das Stillen oder Anziehen eines Säuglings Momente geben wird, wo die dreijährige Schwester genau im selben Augenblick unsere Aufmerksamkeit einfordert. Wenn sie also während des Kochens mit einem Buch um die Ecke kam, haben wir nicht viele Worte verloren. Komplizierte Erwachsenen-Erklärungen erfassen Kinder sowieso nicht. Wir haben in unserem Hirn auf die Wiederholungstaste gedrückt und sehr ähnlich geantwortet wie: „Warte. Ich sehe, du möchtest mir ein Buch zeigen. Warte. Ich fülle die Nudeln ins heiße Wasser, dann schau ich mir den Hund an, den du mir zeigen möchtest.“ Dabei haben wir uns als Eltern ermahnt, dass das Wort „Warte“ nicht zu einem undefinierbaren, dehnbaren Wort wie „Gleich“ und „Später“ wird. Warten heißt: Ich richte meine Aufmerksamkeit im nächsten Moment auf dich.

REIFUNGSPROZESS
Irgendwann hörten wir aber unsere Tochter zum Säugling sagen: „Warte! Mama kommt. Sie muss noch kurz meine Schuhe binden.“ Uns war wichtig: Wir sind nah und zugewandt, aber nicht sofort abrufbar. Das Warten hilft dem Kind ab drei Jahren, zu reifen und seine Umwelt wahrzunehmen. Den eigenen Radius zu erweitern. Es ist keine seelische Verletzung des älteren Kindes, wenn es erlebt, dass es nicht als Einziger seine Bedürfnisse anmeldet. Zu warten, zu verzichten und sich in den anderen hineinzuversetzen, trainiert sogar sehr wichtige soziale Fähigkeiten, die ein Kind bis zur Schulfähigkeit benötigt. In chaotischen Situationen zwischen vollen Windeln, angebranntem Milchreis und Creme-Kunstwerken auf dem Sofa, mit Tränen bei mir und beiden Kindern, habe ich versucht, mir das vor Augen zu stellen: Es fühlt sich an wie eine Niederlage, ist aber Reifungsprozess. Ein weiteres Wort, das neu in unserer Familie Bedeutung bekam, ist „Schau!“. Wir haben gemeinsam mit dem Kleinkind geschaut, wie es dem Säugling geht. Sieht er zufrieden aus? Wie weint er? Wir haben das Baby zusammen entdeckt, Babyfotos vom älteren Kind angeschaut und sind als Team in die Kennlernphase von Baby Nummer zwei gestartet. Dabei war unsere ältere Tochter nur „die Große“, wenn sie es sein wollte. Sie durfte genauso kleines Kind bleiben und auch mal getragen oder verwöhnt werden. Das braucht schließlich jeder ab und zu.

Stefanie Diekmann ist Diplom-Pädagogin und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ingelheim am Rhein.