Selbstgespräche am Frühstückstisch

Der Auszug seiner zweiten Tochter fiel Christian Rommert besonders schwer.

„Papa, ich zieh aus!“, höre ich unsere Tochter sagen. Ich frage mich, ob ich ein Déjà-vu habe und beiße erst einmal in meinen Apfel. Vielleicht geht es ja vorbei? Doch nach einigen Augenblicken der Stille höre ich: „Papa? Schläfst du?“ Diese Situation ist also echt … Vor mir steht unsere zweite Tochter. Die Kleine. „Du möchtest in eine eigene Wohnung ziehen?“, frage ich entgeistert und schaue zu der Frau, die ich liebe. „Warum das denn?“

Für mich kommt das sehr plötzlich. Was soll das? Es kommt mir doch so vor, als wäre sie gerade erst geboren. Ich erinnere mich noch, wie ich sie in nur einer Hand tragen konnte! Na gut, inzwischen ist unsere Tochter 20. Sie studiert. Sie arbeitet. Sie ist umsichtig und organisiert. Aber warum in aller Welt ausziehen? Irgendwie fühlte sich das bei unserer Großen anders an. Wie ein natürlicher Schritt. Wie ein bisschen mehr Freiheit. Und wie nach weniger Wäsche.

Doch hier klingt es ganz falsch! Es ist doch schön so, wie es ist. Abends sitzen wir zusammen und essen gemütlich. Manchmal kommen unsere Tochter und unser Jüngster zu uns runter. Auch die Große schaut oft noch vorbei. Alles ist perfekt so. Da muss man nichts ändern! Ich liebe es, unsere Kinder am Tisch zu haben. Ich möchte weiter mit ihnen das Essen für das Wochenende planen, spontan grillen oder einen Film schauen. Nur zu dritt – das ist doch doof. Der Wäschekorb ist leer. Die Wohnung ist leer und am Frühstückstisch bin ich der Einzige, der mir beim Reden zuhört! Ja, wirklich: Katrin und der Jüngste haben es um die Uhrzeit nicht so mit Gesprächen.

SIE MEINT ES ERNST!

„Also, Papa, ich habe im Internet nach Wohnungen geschaut. Eine klingt echt super!“, höre ich sie erzählen. Sie berichtet ganz begeistert von dem Viertel, das sie schon gut kennt, von dem Balkon und dem Zuschnitt. Unsicher frage ich, zu wann die Wohnung denn frei wäre. „Ich könnte in vier Wochen einziehen!“ „Das geht doch gar nicht“, starte ich einen kläglichen Versuch, sie davon abzuhalten: „Ich bin die nächsten Wochenenden verplant und kann dir gar nicht richtig helfen!“

Doch statt einzusehen, dass sie unmöglich ausziehen kann, sagt sie mit einer unfassbaren Leichtigkeit: „Ach, Papi, das schaffen wir schon! Streichen, Schränke aufbauen und Lampen anbringen kann ich doch selber. Oder Freunde helfen mir! Und ein paar Bohrlöcher setzt du vielleicht mal zwischendurch, okay?“ Sie meint es wirklich ernst. Wie ernst, wird mir wenig später klar. Alles geht plötzlich ganz schnell! Der Mietvertrag ist nach fünf Tagen unterschrieben. „Ich fahre zu Ikea!“, verabschiedet sie sich nun fast täglich. Schließlich sehe ich mich beim Möbelschleppen und Autopacken. Sie zieht das tatsächlich durch …

OB ER NOCH DA IST?

Während ich das hier schreibe, ist der Umzug schon zwei Wochen her. Am Frühstückstisch klapperte es die letzten Tage spürbar leiser. Nur ich plappere wie ein kleines Äffchen und rede mit mir selber. „Kleine werden groß und Große werden alt. So ist das nun einmal“, sage ich mir. Und kann es selber nicht glauben. Seltsam, wie die Dinge sich ändern. Noch vor ein paar Jahren liefen sie hinter dir her und baten: „Papa, hast du Zeit zum Spielen?“ Jetzt ist man selber derjenige, der hinter ihnen hergeht und fragt: „Wann kommt ihr mal wieder vorbei?“ Erwachsen werden ist irgendwie auch keine Lösung!

Naja, wir haben sie jetzt für nächsten Sonnabend eingeladen – alle: die Große, die Kleine und ihre Freunde. Bis dahin gehe ich immer mal wieder in der Etage unseres Sohnes vorbei. Einfach nur so … Und um zu schauen, ob er noch da ist.

Christian Rommert ist Autor, Redner und Berater und Fan des VfL Bochum. Er ist verheiratet mit Katrin und Vater von drei erwachsenen Kindern. Regelmäßig spricht er das Wort zum Sonntag in der ARD.
Foto: Wolfgang Wedel