Quarter Life Crisis

Als Tim Allgaier sein Studium abgeschlossen hatte, stellte er fest: Dieser Beruf ist nicht sein Ding. Eine Erfahrung, die auch andere junge Erwachsene teilen.

 

Meine Eltern hatten gutes Geld in meine gute Ausbildung gesteckt – und trotzdem warf ich hin. Dabei war ich gerade in den Gehaltsregionen angekommen, in denen meine Eltern ihre Sorgen um mein Auskommen getrost vergessen konnten. Schöne Bescherung! Immer mehr jungen Menschen geht es wie mir: Wir sind fertig mit dem Studium oder der Ausbildung und fragen uns, ob das überhaupt das Richtige war. In meinem Fall fühlte ich mich wie ein Pinguin, der auf einmal merkt, dass er an Land ist. Dort kann sich der Pinguin zwar auch passabel bewegen und überleben – die Stärken des Pinguins zeigen sich jedoch im Wasser. Im Wasser wirkt der Pinguin wie ein komplett anderes Tier. Und das ist auch der Grund, weshalb meine Eltern damit leben können, viel eckiges Geld in eine Berufsausbildung investiert zu haben, deren Berufsabschluss nun völlig unnütz für mich ist. Ich habe gelernt: Eltern geht es um viel mehr als nur die materielle Sicherheit des Kindes. Beruf ist nur eine Seite des Erwachsenwerdens.

BETAVERSION
In den Wissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen und wie er das wird, was er ist, wird „erwachsen“ sowieso anders definiert als vom Gesetzgeber. Dort wird eine Grenze bei 25 bis 27 Jahren gezogen, alles vorher ist „Erwachsen sein – Betaversion“ (also eine Testversion). Mittlerweile kann ich das aus persönlicher Erfahrung unterstreichen, auch wenn es dazu gehört, beim Übergang von der Betaversion in das „richtige“ Erwachsenenalter vielleicht Wachstumsschmerzen zu spüren. Oder bei der Test-Version festzustellen, dass man das gewählte Produkt gar nicht haben möchte. Dafür hat sich ein Begriff eingebürgert: Quarter Life Crisis. Er bedeutet, sich nach einem Viertel des Lebens die Sinnfrage zu stellen. Weil die Entscheidungen mit 19, 20 vielleicht doch nicht das waren, was man damals glaubte, das sie sind: optimal.

WATSCHELN UND SCHWIMMEN
Immer mehr Menschen meiner Generation scheinen sich mit Mitte zwanzig diese Frage zu stellen – und den Mut zu haben, aus der Antwort Konsequenzen abzuleiten. Für mich persönlich bedeutete dies, mich als Pinguin gewissermaßen vom Land an das Wasser vorzukämpfen. Ich trat also auf einmal in Konkurrenz mit jüngeren Menschen, die zwar scheinbar früher den richtigen Job gefunden hatten, aber auch bereit waren, monatelang für ein Taschengeld zu arbeiten. Und plötzlich merkt man, wie man selbst bei einer Art elterlicher Sicht angekommen ist und lehnt solche Jobs ab. Manchmal brauchen Kinder einfach Zeit, bis sie Entscheidungen treffen, die die besten für sie sind. Würde ich mich heute anders entscheiden, wenn ich wieder Anfang 20 wäre? Nein! Denn meine Entscheidung war damals gut und richtig, ich brauchte nur etwas Zeit, um zu erkennen, was noch „richtiger“ für mich ist. Auf dem Weg dorthin habe ich zudem viele wichtige und schöne Sachen mitgenommen, die ich heute nicht missen möchte. Und nur das Watscheln an Land macht dem Pinguin klar, wie schön Schwimmen ist.

tim-allgaierTim Allgaier (30),war mal Pädagoge & Theologe und hat nun sein Glück darin gefunden, Gutes besser zu kommunizieren.

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