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Schlagwortarchiv für: Autonomie

Beiträge

Liebevolle Grenzen setzen – Das sollten Eltern beachten

Im trubeligen Familienalltag bleiben angespannte Situationen nicht aus. Das kann Eltern extrem belasten. Erziehungsexpertin Dorothea Beier erklärt, wie liebevolle Grenzen helfen und Orientierung geben.

Max ist fünf Jahre alt und geht in den Kindergarten. Er hat eine zwei Jahre jüngere Schwester und einen siebenjährigen Bruder. Die Mutter erzählt mir, dass sie sich keinen Rat mehr weiß. Max haut, tritt und schubst im Kindergarten andere Kinder, und auch zu Hause gibt es ständig Streit und Geschrei. Sie sei mit den Nerven am Ende.

„Annalena wird morgens einfach nicht fertig, sie trödelt so sehr, dass uns irgendwann der Geduldsfaden reißt“, berichtet ein Vater.

„Jeden Abend gibt es Theater, wenn Ben sich umziehen und seine Zähne putzen soll“, beklagt ein weiteres Elternpaar. „Wir wissen nicht, was wir machen sollen!“

Solche und ähnliche Berichte höre ich immer wieder. Wie kann man am besten reagieren?

Sicherheit und Orientierung

Eine Familie mit kleinen Kindern ohne Konflikte gibt es nicht. Kinder haben Bedürfnisse, die sie mit ihrem Verhalten ausdrücken. Und sie sind Lernende. Sie probieren sich aus, testen, wie weit sie gehen können. Kinder wollen und müssen Selbstwirksamkeit erleben. Dazu gehört, dass sie ihren Besitz verteidigen, dass sie auch mal „Nein“ rufen. Sie sagen damit, dass sie ein eigenständiger Mensch sind und dass sie einen eigenen Willen haben. Auch Geschwisterstreit ist normal. Er kann helfen, Grenzen auszutesten und Kompromisse zu lernen. Hierzu brauchen Kinder ihre Eltern und Erzieher.

Eines der wichtigen Bedürfnisse von Kindern sind angemessene Grenzen. Um sich gesund entwickeln zu können, brauchen sie Struktur, Sicherheit und Orientierung. Viele Eltern sind verunsichert, wie sie angemessene Grenzen setzen können. „Ich möchte meine Kinder nicht verletzen, sie sollen selbst entscheiden, was sie möchten“, sagt mir die Mutter von Max. „Ich habe eine sehr strenge Kindheit erlebt. Wer nicht parierte, bekam Schläge. Meine Kinder sollen es besser haben“, erklärt sie.

Liebevolle Grenzen setzen, aber wie?

Grenzen sind wie Wegweiser oder Leitplanken, mit denen Eltern ihren Kindern die Orientierung vermitteln, die sie brauchen. Ein Kind, das keine Grenzen kennt, fühlt sich unsicher, ausgeliefert und alleingelassen. Durch liebevolle Grenzen spürt ein Kind, dass Mama und Papa sich kümmern und Verantwortung übernehmen. Durch verlässliche und klare Grenzen entwickeln Kinder ein tiefes Vertrauen und fühlen sich sicher. Sie lernen auch, wie sie sich selbst angemessen begrenzen können und erlangen so eine gute Sozialkompetenz.

Liebevolle Grenzen zu setzen braucht Geduld. Nicht immer akzeptieren Kinder Grenzen sofort. Sie diskutieren, fangen an zu weinen und möchten ihre Wünsche durchsetzen. Dann hilft es, sich vor Augen zu führen, dass liebevolle Grenzen für die Hirnentwicklung nötig ist. Das Kind lernt dadurch: „Ich bin meinen Emotionen und Wünschen nicht ausgeliefert. Es gibt kluge Entscheidungen, die mir helfen, mein Leben gut zu gestalten. Ich kann Ziele erreichen, und mich selbst gesund abgrenzen.“ Das Kind bleibt nicht in einer Phase der Egozentrizität stecken. Liebevolle Grenzen  zu setzen ist sinnvoll und wichtig, wenn mit zwei Jahren die Autonomiephase beginnt. In der Säuglingsphase ist Grenzsetzung noch verfrüht!

Für Kinder ist es beispielsweise eine Hilfe, wenn es feste Zeiten in der Familie gibt, wie Schlafenszeiten und Essenzeiten. Aber auch die Begrenzung der Bildschirmzeit, ein respektvoller Umgangston, Aufräumzeiten, der Umgang mit Süßigkeiten oder Tischregeln gehören zu dem, was Kinder durch angemessene Grenzsetzung und Vorbild der Eltern erlernen können. Über manche Grenzen und Regeln kann man im Familienrat auch verhandeln. Sie können sich je nach Alter des Kindes verändern. Es gibt aber auch feste Grenzen, zum Beispiel dass ein Kind kein anderes Kind schlagen darf, egal wie wütend es ist. Grenzen, die das Zusammenleben sowie Leib und Seele schützen, sind unverzichtbar für ein harmonisches Miteinander.

Wir machen es gemeinsam

Mit Kindern im Grundschulalter bietet es sich an, gemeinsam Regeln zu entwickeln. Während es bei kleineren Kindern noch gut ist, Regeln kurz, souverän und einfach zu formulieren, nach dem Motto: „So läuft es bei uns“, haben Grundschulkinder das Bedürfnis, mitentscheiden zu dürfen. Es hat sich in vielen Familien bewährt, Familienkonferenzen einzuführen, um verschiedene Themen zu besprechen: „Wie können wir es schaffen, dass die Hausaufgaben gemacht werden, ohne dass wir uns ständig streiten? – Wer räumt an welchen Tagen den Geschirrspüler aus, ohne immer neu daran erinnert zu werden? – Wer hilft, das Abendbrot mit vorzubereiten?“

Solche und ähnliche Fragen beziehen Kinder ein und geben ihnen ein Mitspracherecht. Bei jüngeren Kindern kann es bei dem leidigen Zähne-Putz-Thema helfen, das Kind zu fragen: „Möchtest du zuerst die unteren und dann die oberen Zähne putzen? Soll ich dir helfen, oder schaffst du es schon allein?“ Die Regel, dass man ohne Zähneputzen nicht ins Bett geht, bleibt bestehen. Wenn wir mit Kindern altersgerecht und auf Augenhöhe kommunizieren, vermeiden wir viele Machtkämpfe. Auch Humor kann helfen, eine spannungsreiche Situation wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Statt lange mit dem Kind zu diskutieren, wirkt es oft Wunder, wenn man einen Scherz oder einfach mal Quatsch mit dem Kind macht. Auch ein Rollentausch oder ein Machtumkehrspiel kann Wunder wirken.

Teenager und ältere Kinder, die merken, dass ihre Meinung gehört wird, sind eher bereit, eine gemeinsame Lösung zu akzeptieren. Sätze wie: „Um 21 Uhr ist dein Handy aus“, klingen wie ein Befehl. Die Frage, „Wieviel Bildschirmzeit hältst du selbst für realistisch, damit noch genug Zeit für Freunde, Freizeit, Schule und Schlaf bleibt?“, drückt hingegen Wertschätzung und Respekt aus.

Eine Frage der Macht

Kommt es dennoch zu einem Machtkampf, müssen wir wissen, wie er entsteht. Unsere Kinder haben Bedürfnisse. Grenzsetzung von uns erleben sie oft als Bedrohung. Hier ist es wichtig, dem Kind dies liebevoll zu spiegeln. „Du möchtest noch gern weiterspielen. Das verstehe ich. Trotzdem ist es jetzt Zeit, ins Bett zu gehen.“ Hilfreich ist es, wenn wir uns mit dem Kind verbinden. Was läuft in ihm gerade ab? Welches Gefühl hat mein Kind? Kinder dürfen ihre Gefühle zeigen, aber gleichzeitig lernen, dass es auch Grenzen gibt. „Ich sehe, dass du ärgerlich bist, aber trotzdem ist jetzt die Zeit mit dem Smartphone vorbei.“

Klare Aussagen helfen unseren Kindern, ihre Gefühle wahrzunehmen. Drohungen hingegen zerstören die Beziehung und bewirken Einschüchterung. Das Kind gehorcht aus Angst und kann seine wahren Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen. Auch oppositionelles Verhalten kann auf diese Weise entstehen. Gefühle wollen gesehen und verstanden werden! Hierbei brauchen Kinder noch Unterstützung und Eltern oftmals Anleitung. Es lohnt sich, Hilfe in Form von Elterncoaching in Anspruch zu nehmen!

Wichtig ist aber auch zu wissen: Alle Eltern machen Fehler! Es gibt keine perfekten Eltern! Wir dürfen immer wieder aufstehen, unsere Verantwortung übernehmen und uns neu für den Weg der Liebe entscheiden. Und auch das hilft Kindern!

Um liebevolle Grenzen setzen zu können, müssen Eltern sich selbst daran erinnern, dass sie ihre Kinder wertschätzen und ihnen Respekt entgegenbringen. Kinder, die ihre Eltern als „Machthaber“ erleben, verbinden mit Grenzen Ablehnung, Strafe, Frust und Zwang.

Kinder, die beispielsweise mitentscheiden dürfen, wann sie ihre Hausaufgaben machen, fühlen sich respektiert. Sie erleben: „Meine Stimme wird gehört, meine Meinung ist wichtig.“

Kinder, die Eltern als Vorbilder erleben, die sich in einer liebevollen, wertschätzenden Beziehung zu ihnen sicher gebunden fühlen, spüren, dass die Eltern es gut mit ihnen meinen.

Papa und Mama zählen auch

Um Kindern Wertschätzung und Respekt entgegenzubringen, kann man einüben, dem Kind kein spontanes „Nein“ zu sagen, sondern erst einmal: „Ja, ich sehe, du wünschst dir … Das verstehe ich gut! Wir hatten aber vereinbart …“ Wenn wir das als Eltern einüben und praktizieren, helfen wir dem Kind ein „Ja-Gehirn“ zu entwickeln, was hilft, positiv, entspannt und offenherzig in die Welt gehen zu können.

Für Eltern ist es wichtig einzuüben, empathisch mit sich selbst umzugehen, für nötige Ruhe- und Entspannungspausen zu sorgen. Im hektischen und stressigen Familienalltag ist es oft nicht leicht, gelassen seinem Kind liebevoll Grenzen zu setzen. Manchmal ist man müde und überfordert und reagiert übermäßig harsch. Manche Eltern ertappen sich dabei, dass sie so reagieren, wie sie es selbst als Kind erlebt haben. Alte Muster werden in Stresssituationen wieder reaktiviert. Das zu wissen, kann helfen und Mut machen, für sich zu sorgen. Kinder können es verstehen, wenn wir ihnen unsere Gefühle mitteilen. „Ich bin müde und brauche mal eine Pause, danach spiele ich noch mit dir“, kann man einem Kind mitteilen. Kinder, die erleben dürfen, dass Mama und Papa ihre eigenen Grenzen kommunizieren und gleichzeitig ihren Kindern einen verlässlichen Rahmen geben, reifen zu erwachsenen Menschen heran, die in der Lage sind, Liebe und Verantwortung für sich und andere übernehmen zu können.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin, Spiel- und Bewegungstrainerin sowie Erziehungsberaterin mit eigener Praxis in Uelzen.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/05/Grenzen-setzten_GettyImages_skynesher_E.jpg 1446 2072 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-05-07 11:14:192026-05-07 11:14:19Liebevolle Grenzen setzen – Das sollten Eltern beachten

Ein Paar – zwei Perspektiven: Taschengeld

Müssen sie alles vom Taschengeld bestreiten?

Katharina Hullen möchte, dass ihre Kinder den Wert des Geldes lernen. Aber sie sollten auch Freiheiten haben.

Katharina: „Können wir noch ein Eis essen?“ Noch bevor ich zu einer Entscheidung kommen kann, tönt schon die klare Antwort aus Haukes Mund: „Ihr könnt euch gerne ein Eis von eurem Taschengeld kaufen!“ Lange Gesichter bei den Kindern: „Also kein Eis!“ Da sie aber feine Antennen für Unstimmigkeiten zwischen uns Eltern haben, nehmen sie doch noch einen kleinen Quengelanlauf bei mir. Am Ende bleibt es bei keinem Eis – aber der beste Ehemann von allen und ich sind uns nicht immer einig, was die Kinder von ihrem Taschengeld bestreiten müssen und was nicht.

Darum gab es in den letzten Monaten auch harte Tarifverhandlungen im Hause Hullen. Die Gewerkschaftsvertreter trafen auf einen eher unbeugsamen Arbeitgebervertreter, welcher die Haltung vertrat: „Die Getränke, die ihr in der Jugendstunde für kleines Geld kaufen könnt, könnt ihr gut vom Taschengeld bezahlen!“ und „Wenn du lange Schultage hast und darum dreimal die Woche mit deinen Freunden Pizza essen gehst, bezahlst du das vom Taschengeld.“

Ich kann beide Seiten sehr gut verstehen. Das Budget der Kinder ist nicht so umfangreich, als dass sie all diese Ausgaben einfach so tätigen könnten. Sie müssen sich gut überlegen, wie viele Getränke sie beim Jugendabend in der Kirchengemeinde trinken und wie oft sie mit den Freunden auswärts essen gehen können.

Aber wollen wir nicht eigentlich, dass sie die Jugendstunde genießen und vielleicht auch mal einen Freund auf ein Getränk einladen können? Sollen sie wirklich darüber nachdenken müssen, ob sie noch ein zweites Getränk nehmen? Andererseits ist das Taschengeld dafür da, den Wert des Geldes zu erkennen und den verantwortungsbewussten Umgang damit zu lernen. Wenn alles von Mama und Papa übernommen wird, entfällt dieser Effekt. Sie lernen erst später oder nie, gute Entscheidungen mit ihrem Geld zu treffen und mit Verzicht oder Mangel klarzukommen.

Am Ende der Verhandlungen kamen wir zu einem Kompromiss: Wir erhöhen das Taschengeld um ein Getränk pro Woche und geben dem Oberstufenkind etwas Verpflegungsgeld zusätzlich. Alles darüber hinaus wird vom Taschengeld bestritten.

Interessant finde ich hier wieder einmal die unterschiedlichen Prägungen. Hauke selbst hat als Jugendlicher einen guten Teil seines Taschengeldes in Pommes, Pizza und Co. investiert, da seine Eltern nicht bereit waren, dafür Geld herauszurücken. Vielleicht ist es ihm darum so wichtig, dass die Kinder selbst für ihr Eis und ihre Burger aufkommen.

Grundsätzlich fällt mir auf: Unsere Kinder fragen uns nach mehr Taschengeld, weil sie einerseits mehr ausgeben wollen, aber andererseits auch, weil sie erhalten wollen, was sie haben. Vor die Entscheidung gestellt, Eis vom eigenen Geld zu bezahlen oder zu verzichten, wählen sie stets „kein Eis“. Vielleicht haben sie ja doch schon was gelernt!

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

Immer schauen sie auf mein Portemonnaie!

Hauke Hullen ist genervt, wenn seine Kinder sparen wollen und gleichzeitig alle Ausgaben auf Papa abwälzen.

Hauke: „Können wir noch ein Eis essen?“ Wann immer wir als Familie einen Ausflug unternehmen, kommt irgendwann diese Frage aller Fragen. Jahreszeitlich bedingt mal abgewandelt in der Pommes- oder Crêpes-Version, aber immer verbunden mit großen hoffnungsvollen Kinderaugen, die schmachtend auf Pommes und Papas Portemonnaie schauen.

Nun stehe ich ungesunden Snacks durchaus nicht abgeneigt gegenüber – was mich aber stört, ist die Tatsache, dass ich den ganzen Spaß bezahlen soll. Natürlich ernähre ich meine Familie gerne und üppig, doch selbst wenn wir uns gerade erst von der heimischen Tafel erhoben haben, beginnen bei der nächsten Leuchtreklame die Sirenengesänge von der Rückbank, die mir die Spendierhosen andichten wollen.

„Klar kannst du dir ein Eis kaufen, dafür bekommst du ja Taschengeld“, ist meine Standard-Replik, welche ebenso standardisiert mit Augenrollen und Unverständnis quittiert wird. Als ob meine Kinder ihr Taschengeld für derlei Zeug ausgeben würden, wenn doch die elterliche Geldbörse mit ihren unendlichen Weiten in der Nähe ist!

Hier stoßen wir auf ein interessantes Phänomen: Laut Paragraph 110 des Bürgerlichen Gesetzbuches darf ein Minderjähriger den unsinnigsten Tand kaufen, „wenn der Minderjährige die vertragsmäßige Leistung mit Mitteln bewirkt, die ihm zu diesem Zweck oder zu freier Verfügung von dem Vertreter oder mit dessen Zustimmung von einem Dritten überlassen worden sind“. Also mit dem Taschengeld. Und obwohl Eltern den Kindern eigentlich nicht reinreden sollten in ihre Kaufentscheidungen, haben wir uns doch schon alle den Mund fusselig geredet, um das Kind davor zu bewahren, seine Ersparnisse in überteuerten Nepp zu investieren. Doch diese Zeiten sind bei meinen Töchtern vorbei – inzwischen bin ich derjenige, der sie zum Kauf von unnötigem Fastfood animieren muss! Aus reinem Selbstschutz!

Leider mit wenig Erfolg. Obwohl gerade erst im Teenager-Alter angekommen, sparen sie eisern für Führerschein und Eigenheim. Für die Finanzierung dekadenter Genüsse, auf die sie trotzdem nicht verzichten wollen, sollen aber die Eltern aufkommen. Problematischerweise werden sie dabei unterstützt von der besten Ehefrau von allen: Katharinas Mutterherz kann vermutlich die Vorstellung nicht ertragen, dass unsere Kinder unterzuckert vor sich hinleiden, weil sie ihr Taschengeld nicht ausgeben wollen. Um diese Not von Mutter und Meute zu lindern und um der ständigen Bettelei den Nährboden zu entziehen, gab es nun mehrfache außerplanmäßige Taschengelderhöhungen.

Die Kinder sind bislang sehr zufrieden. Sie können nun noch mehr sparen – und liegen mir weiterhin in den Ohren.

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/07/Hullen_Taschengeld_BN_Ann-Sophie-Bartholomaeus.jpeg 1668 2224 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-06-17 13:01:432023-07-06 13:02:13Ein Paar – zwei Perspektiven: Taschengeld

Seelische Gesundheit: Diese fünf Dinge braucht jedes Kind

Was braucht ein Kind, um sich seelisch gesund zu entwickeln? In fünf Grundbedürfnissen liegt der Schlüssel. Therapeutin Dorothea Beier erklärt, was Eltern tun können, um den Bedürfnissen gerecht zu werden.

Jeder Mensch hat Bedürfnisse, wie zum Beispiel Hunger und Durst, die rein körperlicher Art sind. Darüber hinaus gibt es wichtige seelische Bedürfnisse. Sie zu sehen und zu befriedigen, legt entscheidende Grundlagen für eine seelisch gesunde Entwicklung. Anhand eines fiktiven Beispiels sollen die fünf Grundbedürfnisse kurz erklärt werden.

Johann, gerade acht Monate alt, jauchzt vor Vergnügen. Mama beugt sich über seine Wippe, hat eine Quietscheente in der Hand und spielt ihm etwas vor. Das ganze Szenario geht nun schon fünf Minuten und der kleine Kerl ist immer noch begeistert. Nun greift er nach der Ente und wirft sie auf den Boden. Mama hebt sie auf, gibt sie zurück. Und aus Runterwerfen und Aufheben entsteht ein neues Spiel.

Johann spürt: „Mama kennt meine Bedürfnisse und antwortet darauf.“ In seinen ersten Lebensmonaten hat sie sogar prompt auf seine Laute reagiert und ist auf ihn eingegangen. Sie hat erspürt, was er braucht, das Bedürfnis ausgesprochen und seinen Wunsch erfüllt. Nicht immer war es die Brust, manchmal wollte er einfach beschäftigt werden.

Auf Bedürfnisse einzugehen, bedeutet nicht nur, sie zu erfüllen, sondern auch, sie verbal und nonverbal zu spiegeln. Das gibt Sicherheit und das Gefühl, verstanden zu werden. Johann hat bereits gelernt: „Meine Welt ist sicher, ich kann mich auf andere verlassen, ich bin liebenswert – ich bin wertvoll.“ Ein wichtiges Grundbedürfnis wurde bereits durch das feinfühlige Antworten der Mutter auf seine Signale gestillt: das Bedürfnis nach Bindung. Das Wahrund Ernstnehmen schafft eine Verbindung, die gleichzeitig hilft, ein gesundes Selbstwertgefühl auszuprägen.

Freiheit entdecken

Inzwischen hat Johann sich auf die Beine gestellt. Es war für ihn ein großer Tag, als er sich zum ersten Mal allein durch den offenen Türspalt bewegen konnte. Sein Lieblingswort ist nun: „leine“. Begeistert greift Johann zum Beispiel nach den Kartoffeln, Karotten, Nudeln und Wurststückchen auf seinem Teller, denn er möchte nicht mehr gefüttert werden.

In seinem Verhalten zeigt sich ein weiteres wichtiges Grundbedürfnis: das Bedürfnis nach Autonomie. Die Bedürfnisse nach Bindung und Autonomie stehen in einem Wechselverhältnis: Eine sichere Bindung ist für das Erkundungsverhalten (Autonomie) eines Kindes sehr wichtig. Hieraus schöpft es seinen Entdeckermut, braucht aber auch noch weiterhin den „sicheren Hafen“, zu dem es immer wieder zurückkehren kann.

Grenzen erfahren

Johann ist nun schon fast zwei Jahre alt und er entdeckt die Welt. Das Leben ist so schön! Er probiert vieles aus, doch manchmal sagen Mama und auch Papa „Nein!“. Das mag Johann nicht, aber es gehört dazu; denn auch angemessene Grenzen sind nötig, um sich gesund entwickeln zu können. Tatsächlich gehört es auch zu den fünf wichtigen seelischen Grundbedürfnissen: das Bedürfnis nach realistischen Grenzen und Selbstkontrolle. Die Entwicklungspsychologie spricht davon, dass Kinder (nicht Säuglinge!) hin und wieder auch die Erfahrung von „Vergeblichkeit“ machen müssen. Indem ein Kind manchmal etwas nicht (gleich) bekommt, lernt es, in gemischten Gefühlen zu denken und aus dem Schema des Schwarz-Weiß-Denkens herauszufinden. Das ist ein wichtiger Reifeschritt, der im späteren Erwachsenenleben viele Vorteile hat, zum Beispiel im Treffen von Entscheidungen. Auf der Basis einer sicheren Bindung kann ein angemessenes „Nein“ sogar helfen, einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt zu machen. Nicht zuletzt erlangt das Kind hierdurch auch eine gesunde Frustrationstoleranz.

In diesem Prozess ist es wichtig, sich immer wieder gut in das Kind einzufühlen und ihm seine Gefühle zu spiegeln. Kinder können erst ab dem fünften Lebensjahr ihre Gefühle allmählich selbst regulieren. Werden sie damit wiederholt alleingelassen, erschwert das die Emotionsregulation, was häufig zu unerklärlichen Gefühlsausbrüchen führen kann. Indem Eltern ihren Kindern Gefühle spiegeln, helfen sie ihnen, sie wahrzunehmen und einzuordnen. „Du bist gerade wütend, mein Schatz! Mama/Papa versteht dich, Mama/Papa ist bei dir …“ Solche und ähnliche Sätze helfen dem Kind und bringen das Gefühlschaos wieder zur Ruhe.

Spielen und Spaß haben

Johann ist jetzt drei Jahre alt. Er liebt es zu spielen und hat eine ausgeprägte Fantasie. Mama und Papa helfen ihm, in ein Spiel hineinzufinden, um ihn dann auch wieder vergnüglich allein spielen zu lassen. Manchmal sitzen sie auf dem Fußboden des Kinderzimmers, spielen mit Playmobil und Mama oder Papa denken sich dabei viele Geschichten aus. Johann liebt es, wenn die Eltern ihn in seiner Fantasiewelt anregen und abholen. Jeder Gegenstand beginnt zu leben: Der Ball wird Dickie, ein Buntstift ist Olga und eine Zahnbürste ist Jolante. Am Abend fällt das Zähneputzen gar nicht schwer, denn Jolante ist neugierig und möchte gern Johanns Zähne sehen.

Kinder haben in diesem Alter eine ausgeprägte Fantasie, die ihnen dabei hilft, sich in der Welt zurechtzufinden. Diese Fantasiewelt ernst zu nehmen und sie darin abzuholen bzw. anzuregen, ist sehr hilfreich und kann auch genutzt werden, um brenzlige Situationen im Alltag zu entschärfen, wie zum Beispiel das Zähneputzen oder Schuheanziehen.

Kindergartenkinder wie Johann lieben das Rennen, Balancieren und Klettern. Neben den körperlichen entwickeln sich auch die kognitiven Fähigkeiten. Kinder lernen, sich immer besser auszudrücken. Die beste Unterstützung dieser Fähigkeiten ist das Vorlesen – am Abend, aber auch zwischendurch.

Lob und Anerkennung

Mit fünf Jahren ist Johann nun schon richtig selbstbewusst. Er weiß, was er möchte, und kann das seinen Eltern mitteilen. Mama und Papa haben entdeckt, dass Johann sehr musikalisch ist. Er wünscht sich eine Geige und möchte gemeinsam mit den Eltern musizieren. Sie bestärken ihn darin und zeigen ihre Freude darüber. Auf solche Weise wird das Bedürfnis nach Autonomie, zu dem auch Identität und Kompetenz (Selbstwert und Anerkennung) gehören, gestärkt. Auch beim Fußballspielen mit Papa wird dieses Bedürfnis immer wieder befriedigt; denn Papa staunt jedes Mal über Johanns Geschicklichkeit mit dem Ball.

Resilienz durch Spiel und Spaß

Inzwischen geht Johann gern zur Schule. Er hat Freunde gefunden, mit denen er sich häufig trifft. Einmal in der Woche ist Geigenunterricht. Mama und Papa sorgen dafür, dass Johann neben den Schulaufgaben und dem Geige-Üben genug Zeit findet, um seinem Bedürfnis nach Spiel und Spontaneität nachgehen zu können. Das macht Kinder stark und fördert ihre Resilienz (Widerstandsfähigkeit). Kinder brauchen für ihre seelisch gesunde Entwicklung genug Ruhezeiten, in denen sie ganz bei sich selbst sein dürfen.

Bedürfnisse und schlechte Gefühle

Die Bedürfnisse sind ein Schlüssel zur Gefühlswelt unserer Kinder, denn hinter schlechten Gefühlen oder auch hinter auffälligen Verhaltensweisen stecken immer ungestillte Bedürfnisse. Indem wir auf die Bedürfnisse achten, sie benennen und anerkennen, können wir uns selbst und unsere Kinder besser verstehen lernen. Oft sprechen wir von „schwierigen Kindern“ und geben ihnen damit einen Stempel. Erkennen wir das Bedürfnis hinter einem offensichtlich auffälligen Verhalten des Kindes, können wir angemessen helfen.

Marshall Rosenberg, der Begründer der gewaltfreien Kommunikation GFK, zeigt Strategien auf, die besonders in konfliktreichen Situationen sehr hilfreich sind: In einem ersten Schritt ist es wichtig, auszusprechen, was ich als Erwachsener sehe, ohne dies zu bewerten. Im zweiten Schritt geht es darum, das Gefühl in der jeweiligen Situation zu benennen – das eigene oder das des Kindes. Im dritten Schritt hilft es, das Bedürfnis der Beteiligten zu verbalisieren. Ein vierter Schritt in der GFK ermutigt dazu, eine Bitte des Erziehenden zu äußern. Hiermit wird ein weiteres wichtiges Grundbedürfnis erfüllt: das Bedürfnis nach Freiheit im Ausdruck von Bedürfnissen und Emotionen. Diese Freiheit führt dazu, dass Kinder einen positiven Zugang zu sich selbst und zu ihren Gefühlen finden.

Unsere Kinder müssen übrigens nicht immer mit uns einer Meinung sein! Sie haben auch das Recht, Nein zu sagen. Dadurch nehmen sie nicht gleich eine Herrscherrolle in der Familie ein. Stattdessen entwickelt sich ein respektvoller Umgang im Miteinander, der die Selbstwirksamkeit fördert und das Bedürfnis nach Autonomie stillt.

In dem Beispiel von Johanns Entwicklung sehen wir, was Kinder brauchen. Natürlich läuft es nicht immer perfekt im oft stressigen Alltag. Da hilft es zu wissen: Auch Eltern dürfen Fehler machen! Ja, diese sind normal und sogar wichtig; denn hierdurch können Kinder lernen, wie man sich verhalten sollte, wenn man etwas falsch gemacht hat. Fehler anzuerkennen und sich dafür bei den Kindern zu entschuldigen, stärkt die Beziehung im Miteinander, schafft einen noch engeren Zusammenhalt und ein positives Familienklima.

Auch Erwachsene haben Bedürfnisse, die gestillt werden müssen. Daher ist ein achtsamer Umgang mit den Kindern genauso wichtig wie der achtsame Umgang mit sich selbst.

Dorothea Beier ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin, Spiel- und Bewegungstrainerin sowie Coach für Kinder und Jugendliche. Sie lebt und arbeitet in Uelzen. praxis-dbeier.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/02/Everste_GettyImages-1333736375-scaled-e1676471025117.jpg 1777 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-02-21 15:19:022023-02-21 15:19:02Seelische Gesundheit: Diese fünf Dinge braucht jedes Kind

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