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Unterschiedliche Bedürfnisse? So klappt es in der Partnerschaft

Ruhe oder Action, Gespräche oder Spaziergänge? Wie Paare unterschiedliche Bedürfnisse unter einen Hut bringen, erklären die Paar-Coaches Kim und Kristian Reschke.

Kennt ihr das Gefühl: Die Liebe ist da, der Alltag läuft – und trotzdem prägt eine innere Spannung das Miteinander? So ein Zustand kann uns jahrelang unterschwellig begleiten, bis er schließlich in eine Krise mündet. Häufig liegt der Grund darin, dass Bedürfnisse übersehen oder missverstanden werden. Sie bilden das unsichtbare Fundament unserer Partnerschaft. Werden sie ignoriert, entstehen Frust und Distanz. Werden sie ernst genommen, wird unsere Beziehung zum sicheren Ort. Vertrauen, Nähe und Hingabe wachsen.

Bedürfnisse wahrnehmen

Um Bedürfnisse besser zu verstehen, lohnt es sich, zwei Ebenen zu unterscheiden: Grundbedürfnisse und persönliche Bedürfnisse. Grundbedürfnisse gelten für alle Menschen gleich – etwa Sicherheit, Gesundheit, Schlaf, Nahrung oder Zugehörigkeit. Persönliche Bedürfnisse hingegen sind individueller: Der eine tankt Kraft durch Ruhe und Abgeschiedenheit, die andere blüht im Gespräch und im sozialen Miteinander auf. Einer braucht mehr körperliche Nähe, die andere sehnt sich nach kreativen Freiräumen, Spontaneität oder Abenteuer.

Erkennen wir diese Unterschiede, verstehen wir besser, warum Fehlannahmen und Beziehungsengpässe entstehen – und wie sie gelöst werden können.

Bei uns ist es so: Für Kim ist beispielsweise ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Flexibilität wichtig. Kristian hingegen bevorzugt klare Absprachen, ein enges Miteinander und Teamdenken. In den ersten Jahren führte das zu Spannungen und Unverständnis. Inzwischen haben wir gelernt, aufeinander einzugehen. Die Unterschiedlichkeit bedroht uns nicht mehr. Dennoch bleiben humorvolle Augenblicke, wenn unsere Vorstellungen von derselben Situation teils Welten auseinanderliegen.

Schritt 1: Wahrnehmen, was in mir vorgeht

Sind wir durch Sozialisation oder Umstände stark darauf trainiert, die Erwartungen anderer zu erfüllen, fällt es schwer, eigene Bedürfnisse zu spüren. Dieses Gespür können wir in schwierigen Beziehungszeiten regelrecht verlernen. Doch erst wenn wir wissen, was wir wirklich brauchen, können wir es auch mitteilen.

Wir erleben das unterschiedlich: Kristian ist meist klar darin, was er braucht. Kim dagegen tut sich manchmal schwer, sich selbst wahrzunehmen – geschweige denn ihre Wünsche zu formulieren. Für sie ist das eine ständige Lernkurve.

Eine Selbstklärung beginnt mit den ehrlichen Fragen: Was tut mir gerade gut – und was fehlt mir? Wer sich diese Fragen regelmäßig stellt, entdeckt Muster. Sind wir uns unsicher, kann es helfen, über ein bis zwei Wochen eine Liste zu führen und die Ergebnisse mit dem Partner zu teilen. Anfangs fällt uns vielleicht wenig ein, nach einigen Tagen aber immer mehr. Diese Übung braucht Mut – und die Ermutigung des Partners.

Schritt 2: Zuhören, was der andere braucht

Nachdem wir unsere eigenen Bedürfnisse wahrgenommen haben, geht es darum, die des Partners zu hören. Diese werden oft nicht direkt ausgesprochen, sondern zwischen den Zeilen – in Stimmung, Körpersprache oder kleinen Signalen.

Wer aufmerksam zuhört, lernt, den Partner liebevoll wie ein Buch zu lesen. Wichtig ist, dies ohne Wertung oder vorschnelle Ratschläge zu tun. Nur so entsteht beim Gegenüber das wohltuende Gefühl: Ich werde wirklich gesehen.

Allerdings dürfen wir vom Partner keine Hellseherei erwarten. Verantwortung tragen beide: sich verständlich zu machen – und den anderen wahrzunehmen. Denn unsere Fähigkeit, Bedürfnisse zu lesen, ist unterschiedlich ausgeprägt. Kim ist bei ihren eigenen Bedürfnissen eher zurückhaltend, dafür spürt sie die der anderen extrem fein. Bei Kristian ist es umgekehrt. Beides hat Vor- und Nachteile. Entscheidend ist, sich der eigenen Tendenz bewusst zu sein – und der des Partners.

Schritt 3: Respektvoll verhandeln, ohne zu verlieren

Nicht alle Bedürfnisse lassen sich sofort erfüllen. Und nicht alle müssen erfüllt werden. Manche stehen sogar im Widerspruch. Dann ist Aushandeln gefragt – respektvoll und auf Augenhöhe. Ein Nein kann genauso liebevoll sein wie ein Ja, wenn es klar ausgesprochen wird.

Für uns ist dabei wichtig: Wir sind Partner, aber keine Bedürfnis-Erfüllmaschinen. Ziel ist nicht, dass einer gewinnt und der andere verliert. Ziel ist, dass beide sich gesehen fühlen. Respektvolles Verhandeln stärkt Beziehung und Vertrauen: Wir können unterschiedliche Wünsche haben – und trotzdem den gleichen Weg gehen.

Unterschiedliche Lautstärken

Bedürfnisse werden mit unterschiedlicher Lautstärke kommuniziert. Manche Menschen äußern sie klar und direkt, andere eher leise. Häufig zeigt sich hier ein Unterschied zwischen Männern und Frauen – nicht, weil Frauen weniger Bedürfnisse hätten, sondern weil sie durch Sozialisation und gesellschaftliche Erwartungen so geprägt sind, die eigenen Wünsche um des Familienfriedens willen zurückzustellen.

Das bedeutet: In vielen Partnerschaften gibt es eine leise und eine lautere Stimme. Wenn der leisere Partner nicht aktiv ermutigt wird, die eigenen Bedürfnisse auszusprechen, besteht die Gefahr, dass sie übergangen werden. Ein bewusster Umgang mit dieser Dynamik ist entscheidend, damit keiner untergeht.

Bedürfnisdominanz

Gerade wenn wir die Kommunikationslautstärke unseres Partners nicht beachten, können sich die Bedürfnisse des einen so stark in den Vordergrund drängen, dass der andere kaum noch Raum hat. Das kann schleichend geschehen oder durch Veränderungen im Familiensystem – etwa durch Krankheit, Geburt oder einen Jobwechsel.

Verfestigt sich eine Bedürfnisdominanz, kippt das Gleichgewicht. Schlimmstenfalls mutieren wir zu Vater oder Mutter unseres Partners – und dies bringt Probleme mit sich, die wirklich niemand braucht!

Ein erster Schritt ist, dieses Ungleichgewicht wahrzunehmen und zu benennen. Danach braucht es ein offenes Gespräch: „Wie wirkt sich deine Dominanz auf uns beide aus?“ Entscheidend ist, dass nicht einer als Problemträger abgestempelt wird. Bedürfnisse sind nicht falsch – aber sie brauchen Balance. Eine Partnerschaft bleibt tragfähig, wenn beide erleben: Meine Stimme zählt, und deine auch.

Typische Fehlannahmen

Zum Abschluss möchten wir einige typische Fehlannahmen benennen, die wir selbst durchlebt haben oder in unserer Arbeit als Paar-Coaches häufig antreffen:

  • „Bedürfnisse zu äußern, ist egoistisch.“ Das Gegenteil ist wahr. Bedürfnisse sind vorhanden, ob wir sie benennen oder nicht. Schweigen lässt sie im Untergrund brodeln – und blockiert den Partner darin, Liebe auszudrücken. Wer klar benennt, was er braucht, macht es dem anderen leichter, gut zu reagieren.
  • „Wenn du mich wirklich liebst, solltest du wissen, was ich brauche.“ Das nennen wir das Hellseher-Phänomen. Doch niemand kann Gedanken lesen. Unausgesprochene Erwartungen führen fast immer zu Enttäuschung. Kommunikation hingegen schafft Klarheit – und eröffnet die Chance auf tiefere Verbundenheit.
  • „Wenn ich meine Bedürfnisse zurückhalte, bin ich stärker.“ In Wahrheit führt diese vermeintliche Stärke zu Distanz. Ja, vielleicht sind wir nun weniger verwundbar – aber auch weniger berührbar. Nähe geht verloren.
  • „Wenn ich meine Bedürfnisse äußere, müssen sie sofort erfüllt werden.“ Sichtbar machen heißt nicht automatisch erfüllt werden. Manchmal braucht es Kompromisse, manchmal Geduld, manchmal ein liebevolles Nein. In einer langfristigen Beziehung werden wir jede dieser Spielarten mal erleben müssen und an ihnen wachsen dürfen.
  • „Unsere Bedürfnisse sind sich sehr ähnlich.“ Nach zehn oder mehr gemeinsamen Jahren kennen wir uns gut – und übersehen leicht, dass Bedürfnisse sich verändern. Besonders in der Lebensmitte verschieben sich Prioritäten. Wer diese Neuausrichtung nicht mitteilt oder sie beim Partner nicht versteht, lässt zu, dass die Partnerschaft in gefährliche Gewässer gerät. Besonders der Midlife-Umbruch lässt Sandbänke entstehen, an denen etliche Beziehungen Schiffbruch erleiden.

Praktische Übungen

Wir geben euch vier Übungen mit, die helfen, beim Thema Bedürfnisse auf die Sonnenseite zu kommen:

1. Gewöhnt euch die Frage an: „Was brauchst du heute, damit dies ein toller Tag wird? Welche Rolle könnte ich dabei spielen?“

2. Macht einen wöchentlichen Rückblick. Fragt einander: „Was hat dir gutgetan? Was hat dir gefehlt?“

3. Achtet darauf, dem Partner mit kleinen Gesten zu signalisieren, dass ihr die jeweiligen Bedürfnisse wahrnehmt.

4. Nehmt euch bewusst Zeit für Konflikt-Aussprachen. Ein Spaziergang oder ein Glas Wein können als Herzens-öffner helfen. Besprecht Konflikte nicht nur auf der Sachebene, sondern fragt: Welches Bedürfnis von dir und mir steckt hinter unserem Konflikt?

Einander achten

Am Ende geht es nicht darum, einander alle Bedürfnisse perfekt zu erfüllen. Die Haltung zählt: Deine Bedürfnisse sind mir wichtig – und meine auch.

Wenn wir so miteinander umgehen, stehen wir auf einem Fundament, das trägt. Nicht, weil keine Stürme kommen, sondern weil wir gelernt haben: Wir hören einander zu, wir nehmen einander ernst, wir wachsen miteinander.

Kim und Kristian Reschke sind Autoren und begleiten als HerrUndFrauCoaching online Paare mit Mentoring und Coaching.

Mental Load: Was hinter dem neuen Stressbegriff steckt

Mental Load: Der Modebegriff lässt Familienarbeit hauptsächlich als Belastung erscheinen. Ist das gerechtfertigt?

Wenn unsere Kinder heranwachsen und als Erwachsene eine Partnerschaft gestalten, tauchen Themen aus unserem eigenen Leben plötzlich in einem anderen Licht auf. Ich erlebe, dass unsere Töchter über manches Arrangement zwischen meinem Mann und mir die Augen rollen. Sie werfen uns vor, dass wir in patriarchalen Strukturen festhängen und dass ich null feministische Entwicklung durchgemacht habe.

Ich kann das in der Regel wohlwollend als eigene Meinung einer neuen und selbstbestimmten Generation einordnen. Eine Diskussionsebene jedoch hat sich bei mir anders angefühlt: Schon länger lese ich in sozialen Medien vom Sichtbarmachen des Mental Loads. Und ich gebe zu: Für mich ist das beim ersten Betrachten totaler Quatsch. Wenn mein Mann und ich unseren Alltag mit dem dazugehörigen Mental Load sichtbar machen würden, wäre schnell klar: Ich habe viel. Er hat viel.

Ich habe nie verstanden, warum feministisch geprägte Frauen darum kämpfen, ihre Gedanken als „Load“, als Belastung zu beschreiben. Für mich ist diese Definition eine falsche Grundannahme. Es ist für mich kein „Load“, keine Belastung, wenn ich an Zahnarzttermine, Kindergeburtstagsgeschenke oder den Elternbrief für die Schule denken muss. Klar – es fordert mich. Aber ich habe mich in dieses Abenteuer Familie mit all den unsichtbaren und sichtbaren Aufgaben begeben. Sie gehören für mich dazu.

Erschöpfende Care-Arbeit

Wenn ich in den sozialen Medien von Mental Load lese, spüre ich, dass es mich piekst, wenn Familienarbeit und Care-Arbeit als Belastung, als Erschöpfungsquelle gesehen werden. Natürlich sind Nächte mit weniger als drei Stunden Schlaf und tägliche Diskussionen beim Anziehen eine große körperliche Aufgabe. Natürlich kostet es unglaublich viel Kraft, wenn ein vierjähriges Kind seine Emotionen trainiert. Ich habe oft heulend vor Wut auf mich selbst auf dem Badewannenrand gekauert und mich lieber in ein Meeting gewünscht. Aber mich stört die grundsätzliche Annahme, dass Alltagstätigkeiten in der Familie eine Belastung sind. Diese Annahme macht mich ratlos. Ich möchte am liebsten sofort, wenn jemand dieses Wort benutzt, ein kleines Grundsatz-Referat halten.

Während ich also meine Meinung über Mental Load ausplaudere, explodieren meine Kinder. Sie sind irritiert und entsetzt. Sie verstehen nicht, warum ich grundsätzlich so anders an dieses Thema herangehe, weil sie so viel Gutes daran finden. Meine Tochter und ihr Mann besprechen viele der für mich natürlich zugeordneten Aufgaben, um zu schauen, wer was erledigt. Da gibt es keine Zuordnung für Mülleimer, Abwasch, Geburtstagsgeschenke. Stattdessen werden diese Themen täglich oder wöchentlich besprochen und durchdacht. Für mich scheint das energiebindend, für sie nicht. In der Diskussion spüre ich ihren Eifer, und das bewegt mich. Liege ich so falsch mit meiner inneren Distanz zu dem Thema?

Keine echte Wahl

Ich hole mir Rat bei Priska Lachmann, die ihre Masterarbeit über Mental Load geschrieben hat. Sie gibt mir einiges zu bedenken:

  • Patricia Cammarata, eine der führenden deutschen Autorinnen zu Mental Load, betont in ihrem Buch „Musterbruch“, dass es auch Frauen gibt, die es als erfüllend empfinden, Mutter und Hausfrau zu sein. In einer gerechten Welt hätten die Menschen die Wahl, ob sie erwerbstätig sein oder sich um ihre Kinder kümmern wollten. Eine gerechte Welt würde aber auch dafür sorgen, dass Menschen unabhängig von ihrer Entscheidung nicht finanziell abhängig sind und auf Altersarmut zusteuern. Dann hinge die Wahl auch nicht davon ab, wer mehr verdient. Und es würde auch nicht der Eindruck entstehen, dass Pflegearbeit etwas Lästiges ist.
  • Die Philosophin Tove Soiland betont, Fürsorge sei ein Geschenk, das nicht in Handlungen besteht, sondern in der Beziehung: „Die Gebende gibt einen Teil von sich.“ Fürsorge brauche unverplante Zeiten, tiefe Gespräche, emotionalen Austausch, schreibt auch Patricia Cammarata. Sie könne nicht mit bloßer Versorgung gleichgesetzt und nicht zweitrangig neben der Erwerbsarbeit gesehen werden.
  • Wir halten es für erstrebenswert, uns auf die Erwerbsarbeit zu konzentrieren und dem männlichen Stereotyp zu folgen, führt Cammarata weiter aus. Doch damit werten wir Sorgearbeit ab und ignorieren, dass das männliche Stereotyp auch Nachteile haben kann

Scheinbar klassische Rollen

Ich verstehe neu in der Diskussion, dass es sowohl meinen Kindern als auch den Autorinnen darum geht, sichtbar zu machen, was unsichtbar ist. Sie wollen das Innerdynamische der Familie aufwerten. Und zwar nicht auf der Ebene der praktischen To-do-Liste, sondern tiefer und grundlegender. Es geht um eine Unsichtbarkeit, die in einer Ehe oder Beziehung zu einem Ungleichgewicht führen kann. Das hat nichts mit Begabung zu tun, sondern mit Bequemlichkeit oder gar mit sozialem und auch falsch verstandenem Druck.

Vielleicht sind mir diese Diskussionen auch deshalb fremd, weil bei meinem Mann und mir die scheinbar klassischen Rollen zu unseren Begabungen passen. Ich bin eine Chaotin, mir machen volle Mülleimer nichts. Mein Mann hingegen kann entspannt über mit Zahnpasta verzierte Spiegel hinwegsehen, was mich rasend macht. Während ich mir im Januar eines Jahres verschiedene Vorsorgetermine setze und immer auch gleich die der Kinder mitgeplant habe, erträgt mein Mann die Situation in einem Wartezimmer besser. Deshalb hat er sich mit den Kindern zu geplanten und ungeplanten Arztterminen begeben.

In einer Phase unserer Familie war ich 100 Prozent zu Hause und Henrik 100 Prozent in Erwerbsarbeit. Einige Jahre später war ich 100 Prozent erwerbstätig und Henrik hat neben seiner 50-Prozent-Stelle wichtige Fürsorgearbeit geleistet – unsichtbare Arbeit, die ihm keine Rentenpunkte ermöglichte. Ich finde unser Miteinander gut und fühle mich wohl darin. Unsere starken Töchter und unser empathischer Sohn zeigen mir jedoch: Im Leben heute wird eine Rollenneutralität verlangt, ja fast schon gefordert. Eine kochende, selbstbewusste junge Frau ist fast schon zu hinterfragen und ein handwerklich begeisterter junger Mann wird irritiert zur Kenntnis genommen.

Mental Load: Eine unsichtbare Last

Aber zurück zum Mental Load: Wenn ich an die Kleinkindphase unserer Familie zurückdenke, kann ich mir kaum vorstellen, wie ich die kleinen und unsichtbaren Aufgaben auf einer Tafel oder in einer Handy-App hätte benennen sollen. Wie wäre wohl mein junges Mama-Ich heute? Würde ich die Postkarte an meine Großmutter auf die To-do-Liste schreiben oder die Postkarte einfach schreiben und meinem Mann zur Unterschrift vorlegen? Würde ich Freunde zum Essen einladen und unsere Speisekammer durchchecken, ob Essbares da ist? Oder würde ich die Idee zur Einladung auf die To-do-Liste schreiben und mehr nicht?

Ich übe mich darin zu spüren, dass das Sichtbarmachen der Care-Arbeit keine Verkomplizierung bedeutet, sondern eine Aufwertung. Und dass es darum geht, dem anderen zuzutrauen, dass er sich auch kümmern will. Dass das Leben gemeinsam zu gestalten ist. Es soll nicht eine Person in der Partnerschaft über Gebühr erschöpft, sondern der Alltag gemeinsam gestaltet werden. Nun fallen mir mehr und mehr Beispiele ein, die den Wert von Fürsorge unsichtbar machen. Immer mehr Momente, in denen ich meinen Partner mehr einbinden will. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr merke ich: Es gibt tatsächlich eine Last, die ich trage. Ich empfinde es als Last, ein bezahlbares Urlaubsdomizil zu finden, die Beziehung zu den Kindern zu gestalten und als Paar den Glauben zu leben.

Nachdem ich mich ausreichend über das Wort aufgeregt habe, spüre ich, dass es auch in meinem Leben Mental Load gibt, den ich nicht teile. Bei manchen Aufgaben wünsche ich mir, dass wir gemeinsam darauf schauen und zusammen eine Lösung entwickeln: bei der Gestaltung des nächsten Erntedankfestes mit unseren Kindern oder der inneren Nähe zu Freunden. Ich wünsche mir, dass meine Fürsorgearbeit genauso wertvoll ist wie die Bankgeschäfte meines Mannes.

Wow! Wieder einmal haben meine Kinder mir etwas Neues beigebracht. Ich darf die kleinen Nuancen der Alltagsideen, die in meinem Kopf hin- und herspringen wie lustige Tischtennisbälle, auf die To-do-Liste schreiben. Und während Henrik morgens Zeitung liest, kann ich ihm diese Liste zeigen. Erstaunlicherweise hat er praktische und entlastende Ideen, wie aus meinen hüpfenden Gedanken eine sinnvolle Reihung von Alltagsperlen wird. Wie gut, dass wir darüber reden und zusammen unsere Jobs und Familie gut füllen wollen. Dass wir sichtbar machen wollen, was auch in unserem Alltag immer noch verborgen ist. So suche ich weiter nach einem Wort, das Familienarbeit mehr würdigt, und bin doch sensibler geworden durch die aktuelle Diskussion.

Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin und lebt mit ihrem Mann Henrik in Göttingen.

Mehr als im Haushalt helfen – Warum Mental Load das eigentliche Problem ist

Bei der Aufgabenteilung in der Beziehung geht es nicht nur darum, wer was macht, sondern wer woran denken muss. Hier liegt der Kern vieler Konflikte, aber auch eine Chance für ein ausgeglichenes Miteinander.

„Aber ich habe dir doch gesagt, dass du mir Bescheid geben kannst, wenn ich dir helfen soll“, sagt Sebastian frustriert. „Das ist es ja genau“, erwidert Katharina nach kurzem Zögern. „Was meinst du denn damit? Was ist das Problem an meiner Hilfsbereitschaft?“ Sebastian und Katharina sind einer der großen Fallen des Paaralltags auf der Spur – dem Mental Load. Beide haben ziemlich volle Kalender. Sie balancieren die Kinderbetreuung, den Haushalt, das Ehrenamt und ihren anspruchsvollen Teilzeitjob. Das alles wächst Katharina langsam über den Kopf, während sich Sebastian trotz langer Tage recht gut hält.

Frage der Verantwortung

Katharina wird das Gefühl nicht los, dass sie bei vielen gemeinsamen Aufgaben die Hauptlast trägt. Tatsächlich investiert ihr Mann aber gleich viel Zeit wie sie in die Kinder und den Haushalt. Sie haben in letzter Zeit mehrmals darüber diskutiert und sind dabei dem eigentlichen Problem immer nähergekommen. Beim Thema Abendessen ist der Groschen dann gefallen.

Abends kocht meistens Sebastian, während Katharina mit den Kindern Hausaufgaben macht. Sebastian fragt seine Frau, was er kochen soll, weil sie den Wochenplan im Kopf hat. Diese Aufteilung ist typisch für sie als Paar: Beide investieren Zeit, Katharina investiert aber zusätzlich mentale Kapazität, indem sie vorausdenkt und sich einen Plan zurechtlegt. Sie übernimmt die Verantwortung für die meisten Familienangelegenheiten. Dann delegiert sie gewisse Aufgaben an Sebastian, die er pflichtbewusst erledigt.

Sie denkt an Geburtstage und überlegt, was sie schenken könnten. Geschenke kauft er dann auf dem Nachhauseweg. Sie macht mit der Lehrerin einen Termin fürs Elterngespräch ab und organisiert einen Babysitter, er ist natürlich beim Elterngespräch dabei.

Meistens trägt Katharina den Mental Load; sie muss an alles denken. Das ist nicht per se schlecht. Aber es erklärt, weshalb Katharina an ihre Grenzen kommt. Wenn sie das ändern wollen, reicht es nicht, dass Sebastian Katharina seine Hilfe beim Erledigen der Aufgaben anbietet. Damit die Last tatsächlich anders verteilt wird, muss Sebastian die Verantwortung für einen bestimmten Bereich ganz übernehmen.

Eine faire Aufteilung

Katharina und Sebastian wagen einen Versuch. Sebastian will probeweise für ein Jahr die Verantwortung für alles übernehmen, was mit der Schule der Kinder zu tun hat. Damit verbinden sich zwei Herausforderungen: Sebastian muss sich diese Verantwortung zutrauen und sich reinknien, auch wenn seine Frau bis jetzt mehr Erfahrung damit hat und sich besser auskennt. Und Katharina muss Sebastian auf seine Art machen lassen, auch wenn sie es anders angehen würde. Sie muss loslassen und sich raushalten.

Beim Thema Mental Load geht es nicht darum, eine genaue Abrechnung zu machen. Wer seinen Einsatz ständig gegen den Einsatz des Gegenübers aufrechnet, ist auf dem Holzweg. Ein exakter Ausgleich ist weder möglich noch nötig. Eine gemeinsam abgesprochene, den individuellen Stärken entsprechende Aufteilung der Aufgaben und des Mental Load hingegen schon.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter familylife.ch/five

Erwachsene Kinder: Wie viel Neugier ist okay?

Sobald die Kinder aus dem Haus sind und ihr eigenes Leben führen, muss sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern neu ordnen. Wieviel Nähe und Nachfragen ist nötig oder gewünscht?

Die Eltern-Kind-Beziehung in dieser Lebensphase wandelt sich stark – und sollte dies auch, damit sie langfristig für beide Seiten als befriedigend erlebt werden kann.

Beziehung auf Augenhöhe

Der größte Unterschied liegt darin, dass kleine Kinder abhängig sind und ich sie erziehen, also in eine Richtung lenken will. Jetzt aber besteht kein Abhängigkeitsverhältnis mehr. So bin ich gefordert, in eine neue Rolle hineinzuwachsen. Bin aufgefordert, die Beziehung neu zu klären. Was macht mein Elternsein bei erwachsenen Kindern eigentlich aus? Eine besondere Form von Freundschaft über die Generationsgrenze hinweg? Was hilft beim Hineinwachsen in eine gleichberechtigtere Beziehung zwischen Erwachsenen, die auf Augenhöhe sind?

  • Ganz grundsätzlich ist, dass ich darauf vertraue und mir sicher bin, dass mein erwachsenes Kind sein Leben gut bewältigen wird. Wenn es diese Sicherheit von mir spürt, wird das schon die Beziehung entspannen.
  • Ich kann mir vornehmen, ab einem gewissen Alter Lebensentscheidungen (Beruf, Partnerschaft) des Kindes nicht mehr in Frage zu stellen. Und nachzufragen, ob es meine Meinung hören möchte.
  • Ich übe ein, mich auf eine lebendige Beziehung einzulassen. Lebendig bedeutet, dass das Nähe-Distanz-Verhältnis in Bewegung ist, wellenförmig verläuft. Deshalb bleibe ich wachsam und sensibel für mein Gegenüber mit seinen gegenwärtigen Bedürfnissen und seiner Offenheit für Nähe im persönlichen Austausch. Dieser persönliche Austausch sollte auf Gegenseitigkeit beruhen. Das heißt, die Fragen, die ich stelle, bin ich auch bereit, selbst zu beantworten.
  • Ich übe eine gleichberechtigte Beziehung ein, in der sich beide aktiv einbringen und die von beiden Seiten aus gepflegt wird. Eine Beziehung, in der Nachfragen Zeichen von gegenseitigem Interesse aneinander ist, nicht von Kontrolle.

Diese Wandlung hin zu einer Beziehung auf Augenhöhe ist ein Weg, ein Prozess. Es ist ein bewusstes Einüben, für das ich mich in jeder Begegnung neu aktiv entscheiden muss.

Zwei Problemfälle

Es gibt Eltern, die einen intensiven Kontakt einfordern, ungefragt Ratschläge erteilen und erwarten, dass diese befolgt werden. Solch ein Verhalten entspricht der alten, fürsorglichen und verantwortlichen Elternrolle, wird jetzt aber als bevormundend erlebt. Hier befindet sich die Beziehung in Schräglage, weil sie nicht mit der Unabhängigkeit des Kindes mitgewachsen ist.

Kinder, die große Probleme bewältigen müssen, zum Beispiel gesundheitlich oder psychisch, und deshalb nicht immer als Erwachsene agieren können, sind weiterhin auf unterstützende Eltern angewiesen. Um dem Kind aus seinen Schwierigkeiten wieder herauszuhelfen, bewegt man sich in einem Eiertanz zwischen Augenhöhe und Verantwortungsübernahme.

Und egal, an welchem Punkt man steht, man darf sich jederzeit zugestehen, dass man als Elternteil Unterstützung braucht. Man kann sich diese über den Austausch mit Freunden oder durch professionelle Hilfe holen. Wichtig ist, man holt sie sich.

Michaela Schnabel arbeitet als Sozialpädagogin und ist Mutter von drei erwachsenen Töchtern.