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Hochsensibilität: So erkennen Eltern, wie ihr Kind tickt

Reagiert Ihr Kind empfindlich auf Reize, ist es schnell überfordert und zugleich kreativ, empathisch oder tiefgründig? Dann ist es vielleicht hochsensibel. Pädagogin Celina Fanous klärt auf.

Kennen Sie das? Sie müssen den Käse am Abendbrottisch ans andere Ende des Tisches legen, weil ihr Kind sonst nichts mehr isst? Dabei waren Sie gerade noch froh, ihr Kind überhaupt zum Esstisch bekommen zu haben, weil es nicht spürt, dass es hungrig ist. Sie konnten dies jedoch schon längst an seiner Stimmung, Körperspannung und seinem Verhalten ablesen.

Bekommen Sie Rückmeldungen aus der Schule, dass Ihr Kind eine hohe Auffassungsgabe und Begeisterungs­fähigkeit hat und intellektuell gut mitkommt, aber auch unglaublich unruhig ist, manchmal abwesend und verträumt, manchmal aufgeregt wirkt und an Pulli oder Stift kaut?

Wundern Sie sich immer wieder, zu welch tiefgründigen Gedanken und Fragen Ihr Kind fähig ist? Sind Sie erstaunt, mit welch außerordentlicher Kreativität und mit welchem Detailreichtum es erzählt, malt oder spielt?

Wundern Sie sich immer wieder über die starke Intensität und Dauer von Gefühlsausbrüchen Ihres Kindes bei vermeintlichen Kleinigkeiten? Vielleicht fragen Sie sich, ob das alles normal ist oder doch besonders?

Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen, denn Menschen und ihr Verhalten sind immer individuell. Doch was ich hier beschreibe, ist ein unvollständiges Bild eines Kindes mit einer sogenannten Hochsensibilität.

Hochsensibilität verstehen

Mit Hochsensibilität ist ein messbares und nachweisbares Phänomen gemeint, das eine erhöhte Reizaufnahme und Reizverarbeitung im Gehirn und Nervensystem beschreibt. Hochsensible Menschen nehmen mehr wahr als nicht-hochsensible. Diese Besonderheit betrifft sowohl innere als auch äußere Wahrnehmungsbereiche und kommt bei etwa 20 Prozent der Menschen vor. Es handelt sich dabei um eine vererbte Veranlagung und nicht um erworbenes Verhalten oder eine Störung. Allerdings kommt es auf Grund von Unkenntnis über Hochsensibilität häufig zu Verwechslungen mit Störungsbildern wie ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Doch wie zeigt sich Hochsensibilität und wie wirkt sie sich aus?

1. Gründliche Verarbeitung von Informationen

Hiermit ist die erhöhte und komplexere Aufnahme und Verarbeitung von Reizen jeglicher Art gemeint. Das betrifft alle äußeren und inneren Reize – auch Gedanken, Schmerzen, den Herzschlag … Es werden mehr Feinheiten und Details wahrgenommen, die verarbeitet werden „müssen“. Diesen Prozess nennt man auch „Nachhallen“.

2. Rasche Übererregbarkeit

Aufgrund der Vielzahl an aufgenommenen Reizen erreichen Betroffene schneller die Grenze zur Überreizung. Dies kann zu allen denkbaren Stressreaktionen und Verhaltensweisen führen. Es kommt zu einem höheren Bedarf an Ruhe und Auszeiten.

3. Emotionale Intensität

Auch Gefühle werden intensiver erlebt und verarbeitet. Deshalb ist der Gefühlsausdruck besonders intensiv. Hochsensible reagieren verstörter auf gewaltvolle Filme, Ungerechtigkeiten, beunruhigende Ereignisse und Mobbing. Einige haben eine sehr hohe Empathiefähigkeit, weil ihre Spiegelneuronen so sensibel ausgeprägt sind.

4. Sensorische Empfindlichkeit

Häufig sind der Gehör- und Geruchssinn und die Lichtempfindlichkeit stark ausgeprägt. Taktile Empfindungen können als sehr unangenehm und störend empfunden werden. So möchten viele Hochsensible manche Materialien nicht berühren oder davon nicht berührt werden.

Wenn man weiterführende Literatur heranzieht, finden meines Erachtens auch Kinder, die als „gefühlsstark“ beschrieben werden, ihren Platz im Konstrukt der Hochsensibilität. Folgende drei Merkmale können die Definition von Hochsensibilität erweitern:

5. Erhöhte intellektuelle Sensitivität

Dieses Merkmal zeigt sich in Form von ausgeprägter Neugierde, im Problemlösen und im theoretischen Denken. Diese Menschen streben nach einem tieferen Verständnis der Wahrheit. Sie sind wissbegierig, stellen ausgesprochen viele Fragen, mögen Denkaufgaben, die eine hohe Fokussierung, Konzentration und Problemlösung erfordern. Auch befassen sie sich (früh) mit moralischen Fragen und Gerechtigkeit. Außerdem sind häufig von ihren eigenen Ideen begeistert, überzeugt und willensstark. Oft wissen sie in ihren Interessengebieten mehr als Erwachsene.

6. Erhöhte imaginäre Sensitivität

Dieses Merkmal ist gekennzeichnet von einer reichen Vorstellungskraft und einer Vorliebe für komplexe imaginäre Abläufe, die dramatisch in Szene gesetzt werden. Im Unterricht schweifen die Gedanken häufig in die eigene kreative Gedankenwelt ab. Kinder wirken weggetreten, abwesend und in ihrer eigenen Welt. Sie können sich Ereignisse sehr deutlich und lebhaft im Geiste vorstellen und sind meist ganz mit sich oder mit wenigen Freunden zufrieden.

7. Erhöhte psychomotorische Sensitivität

Dieses Merkmal beschreibt eine hohe Aktivität in der körperlichen und geistigen Bewegung. Das Denken ist besonders agil. Betroffene brauchen und lieben die Bewegung und haben ein Übermaß an Energie. Ihnen wohnt eine leidenschaftliche Begeisterungsfähigkeit inne. Sie sprechen oft sehr viel und schnell. Der Körper erscheint oft zappelig. Ruhigsitzen ist fast unmöglich. Sie ziehen aus dieser körperlichen und verbalen Aktivität große Freude – eher zum Leidwesen der Umgebung.

Das Potenzial der Hochsensibilität entfalten

Vielleicht konnten Sie Ihr Kind in einigen oder vielen Punkten wiedererkennen. Wichtig zu wissen ist, dass nicht alle Merkmale bei jedem (gleich stark ausgeprägt) vorhanden sein müssen. Trotzdem kann der Mensch hochsensibel sein. Doch was bringt Ihnen nun dieses Wissen?

Wenn man Wissen über Entwicklungspsycho­logie sowie die spezifischen Bedürfnisse eines Menschen (Persönlichkeitsmerkmale, bisher gemachte Erfahrungen) im Blick hat, kann man hilfreicher darauf reagieren. Dies ermöglicht wiederum den Erhalt oder Aufbau einer sicheren Bindung – was ein hervorragendes Fundament für alle weiteren Erfahrungen und Herausforderungen ist, aber auch für die Entfaltung des individuellen Potenzials. Ihr Kind kann sein Licht leuchten lassen!

Doch was heißt es nun praktisch, wenn sie Ihr Kind hier wiedererkannt haben? Es bedeutet, dass mehr Pausen und Rückzugsmöglichkeiten im Alltag eingeplant werden dürfen, um dem langen Nachhallen den notwendigen Raum zu geben. Bei besonderen Ereignissen und Übergängen sollten andere Aktivitäten vorübergehend ausgesetzt oder zurückgefahren werden. Also wenn ein Familien­fest ansteht, sollte die Zeit danach ereignisarm geplant werden.

Erwartungen an Fremdbetreuung, Hobbys und gesellschaftliche Zusammenkünfte dürfen individuell überdacht und angepasst werden. Manches wird früher, manches später als bei anderen Familien gelernt und stattfinden. Meist sind auch mehrere Familienmitglieder von Hochsensibilität betroffen. Dies kann zu einem hohen Emotionspotenzial im Alltag führen, wofür eine reflektierte, weise und kreative Führung durch regulierte Erwachsene benötigt wird. Aber wie können die Eltern zu regulierten Lotsen für ihr Kind werden?

Hier kommt die Frage der Bedürfnisorientierung für alle Familienmitglieder ins Spiel. Um feinfühlig reagieren zu können, muss man selbst einigermaßen reguliert und entspannt sein. Dafür braucht es die Verantwortungsübernahme der Erwachsenen für ihre eigenen Bedürfnisse und deren Erfüllung, aber auch das Wissen um eigene Verletzungen und wunde Punkte.

Anregungen für Eltern in herausfordernden Situationen:

1. Als Erstes und Schwierigstes: Ruhe bewahren! Notfallstrategien anwenden, wenn nötig

  • „478-Regel“: 4 Sekunden tief in den Bauch einatmen, anschließend 7 Sekunden Luft anhalten, dann 8 Sekunden ausatmen
  • Situationswechsel mit oder ohne Kind (je nach Alter)
  • Temperaturwechsel: ins Freie, kaltes Wasser ins Gesicht, Hände waschen
  • körperliche Bewegung
  • positiver innerer Monolog, z. B. „Wir schaffen das!“
  • Situation niederschreiben

Damit dieser Schritt gelingt, ist ein gewisses Maß an stetiger Selbstfürsorge der Eltern notwendig. Aus einer leeren Schale kann man nicht schöpfen. Langfristig hilfreich können das Erlernen von Stopp-Techniken und Selbstregulation des Nervensystems durch wertfreies Wahrnehmen und Annehmen, Beten, Meditation etc. sein. Hier ist Ihr Vorbild von entscheidender Wichtigkeit. Denn Ihr hochsensibles Kind kämpft sehr häufig mit seinen überbordenden Gefühlen und braucht Hilfe, damit umzugehen. Bei wiederkehrenden Triggern macht es Sinn in einem ruhigen Rahmen zu schauen, was Sie so berührt.

2. Schwierigkeiten nicht persönlich nehmen und Gefühle wertschätzend spiegeln

Ihr Kind „stellt sich nicht an“. Es will Sie nicht ärgern oder testen, sondern es erlebt die Situation gerade wirklich so heftig. Es gilt herauszufinden, welche Gefühle und Bedürfnisse hinter dem gezeigten Verhalten stehen und diese dem Kind einfühlsam verbal und nonverbal zu spiegeln, um sie dann gemeinsam auszuhalten und nach passender Bedürfniserfüllung zu suchen. Diese gelungene Co-Regulation befähigt das Kind immer mehr zur Selbstregulation. Strafen sind bei keinem Kind sinnvoll. Insbesondere hochsensible Kinder reagieren darauf besonders verletzlich.

Es dauert jedoch Jahre, bis das kindliche Gehirn so weit herangereift ist, um Selbstkontrolle zuverlässig über das eigene Verhalten zu erlangen. Kinder sind vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft, aber sie sind noch im Entwicklungs- und Reifungsprozess und benötigen die Unterstützung von zugewandten Erwachsenen.

3. Kreative Lösungen entwickeln, die die Konventionen in der Gesellschaft hinten anstellen

Erforschen und überdenken Sie die Beweggründe für Ihre Erwartungen an Ihr Kind: Ist mir das wirklich selbst wichtig? Warum? Weil es einem Bedürfnis von mir entspricht oder weil ich denke, dass man das halt so machen muss? Oder weil ich vor etwas Angst habe?

4. Vorausschauend und realistisch planen

Beachten Sie bei Ihren Plänen, dass die Grenze zur Überreizung schneller erreicht wird. Berücksichtigen Sie das erhöhte Ruhebedürfnis auf Grund des Nachhallens. Familienrituale können hilfreich sein, um nicht immer wieder in die gleichen Überforderungssituationen zu geraten. Hier ist Kreativität und ein Anpassen von Ansprüchen notwendig, die sich stark von denen nicht hochsensibler Familien unterscheiden können. Mit zusätzlichen Ritualen werden die starken Bedürfnisse der Hochsensiblen nach Orientierung und Sicherheit befriedigt und wiederkehrende Stresssituationen minimiert.

5. Ein Spiel daraus machen

Kinder sind leidenschaftliche Spieler. Sie sind meist leicht für etwas zu gewinnen, wenn es in ein ansprechendes Spiel integriert wird. Besonders Hochsensible mit einer ausgesprochen starken Vorstellungskraft sind so gut zu erreichen.

6. Übergänge vorbereiten

Viele Kinder, insbesondere hochsensible, haben Probleme mit Übergängen. Hier gilt es, die kritischen Übergänge zu identifizieren und Entschärfung zu überlegen. Übergangsobjekte, Teilschritte, langsames (Ein-)Gewöhnen oder Übergangslieder können helfen.

7. Anspruch senken und Konflikte in Würde durchleben

Chaos ist normal bei mehreren Hochsensiblen. Sagen Sie sich immer wieder, dass es nicht auf die Abwesenheit von Konflikten ankommt, sondern auf die Art und Weise, wie damit umgegangen wird. Gelingt es Ihnen – in einem Verhältnis von 7 zu 3 –, Konflikte in Wertschätzung zu lösen? Dann ist das sehr gut!

8. Ein Gremium etablieren

Hochsensiblen ist Gerechtigkeit meist extrem wichtig, so dass es, je nach Alter der Kinder, hilfreich sein kann, ein Gremium zu etablieren, in dem die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Gehör finden und Kompromisse und Strategien zur Befriedigung entwickelt werden. Sie werden erstaunt sein, welch gute Ideen von Kindern kommen. Sie halten sich viel lieber an die erarbeiteten Strategien, wenn sie selbst daran mitgewirkt oder sie selbst vorgeschlagen haben.

Ich wünsche Ihnen viel Freude und Verbindung miteinander beim gegenseitigen Entdecken und Ausprobieren. Denken Sie immer daran: Sie und Ihr Kind sind wunderbar und einzigartig gemacht und von unserem Schöpfer geliebt und angenommen! Deshalb dürfen Sie sich und Ihr Kind annehmen und Ihre Einzigartigkeit feiern!

Celina Fanous ist Sozialpädagogin, Systemische Therapeutin (SG) und Fachpädagogin für Hochsensibilität mit Beratungspraxis in Reutlingen (beratung-blickwechsel.com)

 

Buchtipps

Für hochsensible/gefühlsstarke Kinder:

Nora Imlau, Lisa Rammensee: Und was fühlst du, Känguru? (Carlsen), ab 2

Elaine Thais: Tom hochsensibel und wundervoll, ab 7

Corinne Fischbacher: Hochsensibilität. Feinfühlige Kinder erklären ihre Welt (Vandenhoeck & Ruprecht), ab 5

 

Für Eltern hochsensibler Kinder:

Melanie S. Vita: Hochsensibilität bei Kindern (Bonifatius)

Nora Imlau: So viel Freude, so viel Wut (Penguin)

Stuart Shanker: Das überreizte Kind. Wie Eltern ihr Kind besser verstehen und zu innerer Balance führen (Goldmann)

 

Für hochsensible Erwachsene:

Brigitte Küster: Hochsensibilität. Den eigenen Weg finden (Hänssler)

Brigitte Schorr: Hochsensible Mütter (Hänssler)

Kathrin Borghoff: Hochsensibel Mama sein (Beltz)

Verhalten und Gefühle

Warum es manchmal hilft, zu handeln, als ob man sich anders fühlt.

Lisa hat verschlafen und ist zu spät zur Teamsitzung gekommen. Sie ist frustriert. An der Kaffeetheke drängelt sich ihr Kollege Max versehentlich vor. Normalerweise würde Lisa nichts sagen, aber heute fährt sie ihn gereizt an: „Hast du nicht gesehen, dass ich hier stehe?“ Max entschuldigt sich verdutzt.

Dass unsere Gefühle unser Verhalten beeinflussen, ist allen klar. Lisa hätte nicht so unfreundlich reagiert, wenn sie sich besser gefühlt hätte. Doch es funktioniert auch umgekehrt: Unser Verhalten beeinflusst unsere Gefühle. Tom ist nach einem langen Tag gestresst und schlecht gelaunt. Obwohl er keine Lust hat, geht er mit ein paar Freunden essen. Die Stimmung ist gut und im Laufe des Abends merkt er, wie seine Laune sich hebt und der Stress langsam verschwindet. Unsere Gefühle und unser Handeln beeinflussen sich also gegenseitig. Das kann auch hilfreich für die Partnerschaft sein.

Keine schnelle Lösung

Es ist schwierig, unsere Gefühle gegenüber dem Partner auf die Schnelle zu ändern. Wenn er den Abwasch nicht gemacht hat oder sie vor anderen eine abfällige Bemerkung über dich macht, fühlst du dich alleingelassen oder nicht wertgeschätzt. Da nützt es herzlich wenig, wenn du versuchst, dich jetzt anders zu fühlen.

In der Regel lassen wir in einem solchen Fall unsere Emotionen unser Handeln bestimmen. Unsere negativen Gefühle führen zu einer angriffigen oder schmollenden Reaktion, die uns direkt in einen Konflikt schlittern lässt.

Zum Glück ist es kein Naturgesetz, dass wir uns unseren Gefühlen entsprechend verhalten müssen. Im Gegenteil: Wir können unser Verhalten einsetzen, um unsere negativen Gefühle zu verändern. Wenn wir uns so verhalten, als ob wir ein bestimmtes Gefühl für unseren Partner oder unsere Partnerin hätten, wird sich dieses Gefühl oft auch einstellen. Wenn wir unseren Partner zum Beispiel freundlich behandeln, werden wir uns bald auch so fühlen, auch wenn wir vorher vielleicht wütend waren.

Wohlwollend und versöhnlich

Ich plädiere auf keinen Fall dafür, Gefühle zu übergehen und immer so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Das ist ungesund und vor allem nicht nachhaltig. Negative Gefühle sollen wahrgenommen und als Signale anerkannt werden, dass etwas nicht stimmt. Die Kunst besteht darin, sich dann nicht von ihnen leiten zu lassen, sondern sich trotzdem liebevoll, wohlwollend oder versöhnlich zu verhalten. Das wiederum wird dazu führen, dass unsere Gefühle nachziehen. Mit etwas Abstand können wir dann die Situation nochmals anschauen, die die negativen Gefühle ausgelöst hat.

Konkret könnte das so aussehen: Julia ist wütend auf ihren Partner Ben, weil er einen wichtigen Termin vergessen hat. Sie würde am liebsten distanziert bleiben und ihn ignorieren. Doch bewusst entscheidet sie sich, freundlich mit ihm zu reden und ihm von ihrem Tag zu erzählen. Während sie spricht und er ihr aufmerksam zuhört, merkt sie, wie ihr Ärger langsam abklingt und sie sich ihm wieder näher fühlt. Weil sich ihre Gefühle durch ihr Handeln verändert haben, kann sie nun auf eine konstruktive Art mit Ben ins Gespräch über die vergessene Verabredung kommen.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: www.familylife.ch/five

Ich handle mich glücklich: Experte verrät, wie das geht

Gefühle beeinflussen unser Handeln. Das gilt auch in der Partnerschaft. Aber funktioniert es auch andersherumg? Ja, sagt Paarexperte Marc Bareth!

Lisa hat verschlafen und ist zu spät zur Teamsitzung gekommen. Sie ist frustriert. An der Kaffeetheke drängelt sich ihr Kollege Max versehentlich vor. Normalerweise würde Lisa nichts sagen, aber heute gehen die negativen Gefühle mit ihr durch und sie fährt ihn gereizt an: „Hast du nicht gesehen, dass ich hier stehe?“ Max entschuldigt sich verdutzt.

Dass unsere Gefühle unser Verhalten beeinflussen, ist allen klar. Lisa hätte nicht so unfreundlich reagiert, wenn sie sich besser gefühlt hätte. Doch es funktioniert auch umgekehrt: Unser Verhalten beeinflusst unsere Gefühle. Tom ist nach einem langen Tag gestresst und schlecht gelaunt. Obwohl er keine Lust hat, geht er mit ein paar Freunden essen. Die Stimmung ist gut und im Laufe des Abends merkt er, wie seine Laune sich hebt und der Stress langsam verschwindet. Unsere Gefühle und unser Handeln beeinflussen sich also gegenseitig. Das kann auch hilfreich für die Partnerschaft sein.

Keine schnelle Lösung

Es ist schwierig, unsere Gefühle gegenüber dem Partner auf die Schnelle zu ändern. Wenn er den Abwasch nicht gemacht hat oder sie vor anderen eine abfällige Bemerkung über dich macht, fühlst du dich alleingelassen oder nicht wertgeschätzt. Da nützt es herzlich wenig, wenn du versuchst, dich jetzt anders zu fühlen.

In der Regel lassen wir in einem solchen Fall unsere Emotionen unser Handeln bestimmen. Unsere negativen Gefühle führen zu einer angriffigen oder schmollenden Reaktion, die uns direkt in einen Konflikt schlittern lässt.

Zum Glück ist es kein Naturgesetz, dass wir uns unseren Gefühlen entsprechend verhalten müssen. Im Gegenteil: Wir können unser Verhalten einsetzen, um unsere negativen Gefühle zu verändern. Wenn wir uns so verhalten, als ob wir ein bestimmtes Gefühl für unseren Partner oder unsere Partnerin hätten, wird sich dieses Gefühl oft auch einstellen. Wenn wir unseren Partner zum Beispiel freundlich behandeln, werden wir uns bald auch so fühlen, auch wenn wir vorher vielleicht wütend waren.

Wohlwollend und versöhnlich

Ich plädiere auf keinen Fall dafür, Gefühle zu übergehen und immer so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Das ist ungesund und vor allem nicht nachhaltig. Negative Gefühle sollen wahrgenommen und als Signale anerkannt werden, dass etwas nicht stimmt. Die Kunst besteht darin, sich dann nicht von ihnen leiten zu lassen, sondern sich trotzdem liebevoll, wohlwollend oder versöhnlich zu verhalten. Das wiederum wird dazu führen, dass unsere Gefühle nachziehen. Mit etwas Abstand können wir dann die Situation nochmals anschauen, die die negativen Gefühle ausgelöst hat.

Konkret könnte das so aussehen: Julia ist wütend auf ihren Partner Ben, weil er einen wichtigen Termin vergessen hat. Sie würde am liebsten distanziert bleiben und ihn ignorieren. Doch bewusst entscheidet sie sich, freundlich mit ihm zu reden und ihm von ihrem Tag zu erzählen. Während sie spricht und er ihr aufmerksam zuhört, merkt sie, wie ihr Ärger langsam abklingt und sie sich ihm wieder näher fühlt. Weil sich ihre Gefühle durch ihr Handeln verändert haben, kann sie nun auf eine konstruktive Art mit Ben ins Gespräch über die vergessene Verabredung kommen.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five

Das steckt hinter den Gefühlen

Starke Gefühle werden häufig von unerfüllten Wünschen und Bedürfnissen ausgelöst. Wie gehen wir damit um?

Die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und auszudrücken, fällt vielen Menschen schwer. Wenn Kleinkinder Bedürfnisse haben, äußert sich das in einem Ausdruck von Gefühlen. Es wird lautstark gerufen, geschrien oder geweint. Sobald wir Menschen sprechen lernen, fangen wir an, unsere Bedürfnisse verbal auszudrücken. Dennoch bleibt da auch immer eine gewisse Unfähigkeit, sie transparent in Worte zu fassen.

Die Maslowsche Bedürfnispyramide

Es gibt grundlegende Bedürfnisse, deren Erfüllung wir zum Überleben brauchen. Die sogenannte Bedürfnispyramide nach Maslow geht davon aus, dass bestimmte Grundbedürfnisse erfüllt werden müssen, bevor andere Arten von Bedürfnissen angestrebt werden können. Die Bedürfnispyramide besteht aus fünf Ebenen. Zur untersten und überlebenswichtigsten Ebene gehören die körperlichen Bedürfnisse. Sie beziehen sich auf grundlegende Dinge wie Schlaf und Nahrung. Auf der zweiten Ebene steht Sicherheit. Hier geht es um einen Zustand der Stabilität in Bezug auf unsere Umgebung, aber auch um finanzielle und seelische Sicherheit. Auf der dritten Ebene stehen soziale Bedürfnisse. Dazu gehören Freundschaften und ein gutes Beziehungsnetzwerk. Die vierte Ebene ist Anerkennung. Hier geht es darum, Respekt und Wertschätzung von anderen Menschen zu bekommen. Auf der fünften Ebene geht es schließlich um Selbstverwirklichung. Auf dieser Ebene möchten Menschen ihre Potenziale ausschöpfen, Ziele erreichen und Neues erschaffen.

Die ersten vier Ebenen werden als Defizitbedürfnisse bezeichnet und die höchste Stufe als Wachstumsmotiv. Werden Defizitbedürfnisse nicht befriedigt, kann der Mensch physischen oder psychischen Schaden erleiden. Hingegen wird das Wachstumsmotiv, also Selbstverwirklichung, nie vollkommen erfüllt werden. Wir brauchen Selbstverwirklichung also nicht zum Überleben, aber wir brauchen sie für unsere Zufriedenheit.

In meinem Nachdenken über Bedürfnisse möchte ich nicht vergessen, dass sich Selbstverwirklichung nur wenige Menschen auf der Erde leisten können. Viele Menschen werden durch Krieg, Flucht, Armut und aus weiteren Gründen niemals die Chance haben, sich um dieses Bedürfnis zu kümmern. Trotz aller Probleme in unserer Gesellschaft möchte ich niemals vergessen, dass es ein Privileg ist, sich um Selbstverwirklichung kümmern zu dürfen.

Gefühle nicht kleinhalten

Ich bin aufgewachsen mit Eltern und Großeltern, die mit dem Wahrnehmen von Bedürfnissen wenig anfangen konnten. Der Umgang mit Schwächen, Bedürfnissen und Gefühlen ist kulturell geprägt und abhängig von dem pädagogischen Mainstream der Zeit. Weder meine Großeltern noch meine Eltern durften als Kinder lernen, über ihre eigenen Bedürfnisse, Gefühle oder Schwächen zu sprechen. Seitdem hat sich viel verändert. Unsere Kinder erleben eine bedürfnisorientierte und gleichwürdige Erziehung. Uns ist es wichtig, was sie fühlen und was hinter ihren Gefühlen steckt. Bestenfalls bieten wir ihnen Wörter für ihre Gefühle an. Das bedeutet nicht, dass wir ihre Bedürfnisse immer erfüllen müssen. Aber wir möchten sie wahrnehmen, anhören und mit ihnen im Gespräch darüber bleiben.

Marshall B. Rosenberg hat mit dem Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation den Satz geprägt, dass hinter jedem Gefühl ein Bedürfnis steckt. „Ach so ist das“, dachte ich, als ich diesen Ansatz vor zehn Jahren kennenlernte. Dann steckt hinter meiner Wut also ein Bedürfnis. Aber welches? Zu Hause wurde mir keine Sprache dafür mitgegeben. Gefühle wurden kleingehalten und nicht akzeptiert. Wie soll ich denn jetzt an mein Bedürfnis herankommen?

Bedürfnisse herausfinden und anerkennen

Der erste wichtige Schritt dafür ist, das Bedürfnis hinter dem Gefühl herauszufinden. Der zweite ist, mich mit diesem Bedürfnis mitzuteilen. Unsere Gefühle zeigen uns, in welchem Maße unsere Bedürfnisse erfüllt werden oder auch nicht. Gefühle sind wichtige Boten. Wenn wir unser Bedürfnis hinter dem Gefühl erkennen und dieses mitteilen, dann gibt man dem Gegenüber die Möglichkeit, das Gefühl zu verstehen.

Als ich vor zehn Jahren auf eine Liste von Bedürfnissen blickte, wurde mir klar: „Ja, ich habe da einige Bedürfnisse, die nicht gestillt sind und die anfangen zu schmerzen. Aber ich kann ja sowieso nichts daran ändern.“ Außerdem hatte ich gelernt, dass ich nicht bedürftig zu sein habe und dass meine Bedürfnisse nicht wichtig sind. Inzwischen weiß ich: Das ist Blödsinn. Natürlich darf ich bedürftig sein und Bedürfnisse aussprechen. Nur so schaffe ich Nahbarkeit. Erst wenn mein Gegenüber weiß, was ich brauche und was mir wichtig ist, kann ein gesundes Gleichgewicht in einer Beziehung entstehen. Bedürfnisse können auch ausgehandelt werden: Können wir gerade umziehen? Kann ich meinen Job wechseln? Können wir etwas an unserer Partnerschaft verändern? Können wir weniger arbeiten? Kann ich in der Woche Zeit nur für mich allein haben? Bedürfnisse zu teilen, kostet Mut, denn ich zeige mein Inneres und mache mich verletzlich. Es besteht die Gefahr, dass mein Gegenüber die Bedürfnisse nicht versteht. Jeder von uns hat unterschiedliche Bedürfnisse. Das kann uns in Konflikte bringen. Aber es hat auch die Kraft, uns zu verbinden. Das Risiko, das damit einhergeht, wenn wir uns ehrlich mitteilen, lohnt sich. Denn am Ende steht die Chance einer tieferen Verbundenheit.

Sich von Wünschen nicht beherrschen lassen

„Ein Bedürfnis ist Hunger, ein Wunsch ist Pizza“, meinte neulich ein Freund zu mir. Wünsche resultieren aus Bedürfnissen. Dabei haben wir oft eine klare Vorstellung davon, wie unsere Bedürfnisse gestillt werden sollen. Ich war Gott schon ab und an dankbar, dass er mir meine Wünsche nicht erfüllt hat. Gleichermaßen habe ich schon oft gelitten, weil ich einen Wunsch hatte, wie jenes Bedürfnis gestillt werden sollte, und es ist ebenfalls nicht passiert. Das sind manchmal qualvolle Zeiten, in denen ein Wunsch nicht in Erfüllung geht und ein Bedürfnis nicht gestillt wird. Es ist ein Ringen. Und doch darf ich erleben, dass Bedürfnisse oft anders erfüllt werden als gedacht. Manchmal habe ich versucht, meine Bedürfnisse mit meiner Vernunft abzuschneiden. Erfolglos. Sie machen sich an anderer Stelle wieder bemerkbar. Bedürfnisse sind wichtig und können nicht einfach abgeschnitten werden. In ihnen liegt auch ein Teil meiner Persönlichkeit. Meine Bedürfnisse geben mir Antrieb für Veränderung. Ist etwas im Hier und Jetzt nicht gut, dann melden sich meine Bedürfnisse durch ein ungutes Gefühl. Bedürfnisse schaffen neue Ideen, Räume und Begegnungsflächen.

Sehnsüchte und Wünsche, wie ein Bedürfnis erfüllt werden soll, haben auch die Schlagkraft, mich zu beherrschen. Wenn mein ganzer Fokus auf der Erfüllung meines Wunsches liegt, dann wird er zerstörerisch und sorgt dafür, dass ich das Schöne, das neben dem unerfüllten Wunsch steht, nicht mehr wahrnehme. Dankbarkeit für das, was da ist, hilft gegen den Frust der unerfüllten Wünsche. Auch helfen weitere Perspektiven, wie Bedürfnisse gestillt werden könnten. Es gibt viele Wege dafür und wenn sie mir selbst nicht in den Sinn kommen, haben Freunde und Gott oft weitere kreative Ideen. Folgende Haltung hilft mir: Ich halte meine Handflächen nach unten und lasse los: Alles, was mich beschwert, gebe ich an Gott ab. Ich halte inne. Dann drehe ich meine Handflächen nach oben: Ich empfange. Ich bete mein persönliches Gebet. Mein Taufvers lautet: „Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen“ (Römer 8,28). Darauf will ich vertrauen.

Tamara von Abendroth arbeitet in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Berlin.

Wut im Bauch – So gehen Sie als Eltern damit um

In Konfliktsituationen mit kleinen Kindern geraten auch Eltern in Wut und werden laut. Psychologin Mara Pelt verrät, wie Mama und Papa damit umgehen und aus den Situationen lernen können.

Wut, so heißt es, sei ein schlechter Rat­geber – aber stimmt das wirklich? Gefühle wie Wut liefern wichtige Informationen über unsere Bedürfnisse und sind auch ein wesentlicher Bestandteil unserer Kommunikation. Sie äußern sich in unserer Mimik, Gestik, in unseren Worten und Handlungen. Auf all diesen „Kanälen“ werden Signale an unser Gegenüber gesendet und verraten, was gerade mit uns los ist. Dabei gibt es keine falschen Gefühle. Sie sind erst einmal einfach da und zu respektieren – was nicht meint, direkt nach ihnen zu handeln. Wer sich selbst mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen ernst nimmt, hat die Chance, Unangenehmes nicht wiederholen zu müssen und in den Rollen als Mama oder Papa weiter zu wachsen.

Wut heißt Grenzen spüren

Was also tun, wenn die Wut im Kontakt mit unseren Kindern aufkommt? Wenn Sie in der Situation sind, hilft es immer, einen Schritt zurückzugehen, tief durchzu­atmen, innezuhalten, eine andere Person zu bitten, kurz zu übernehmen, um sich einmal zu sammeln. Erklären Sie Ihrem Kind, was mit Ihnen los ist: „Ich merke, dass mich die Situation gerade wütend macht.“ Mit erklärenden Worten kann das Kind ein Gefühl verstehen lernen. Gleichzeitig bekommt es die wertvolle Information, dass dieses Gefühl zum anderen gehört, denn Kinder lernen erst schrittweise das Außen von sich selbst zu trennen. Durch ehrliche Erklärungen erfährt Ihr Kind, dass die Situation nicht bedeutet, selbst falsch zu sein – so wie es beim Schimpfen schnell passiert –, sondern, dass Sie als Mutter gerade an eine persönliche Grenze kommen. Persönliche Grenzen zu bewahren, heißt für Kinder, Halt in der Bindung zu erfahren. Es sichert, dass Eltern langfristig da sein können und dabei selbst gesund bleiben. Persönliche Grenzen häufig zu missachten, führt hingegen dazu, dass sich Belastungen und Gefühle wie Wut anstauen.

Gefühle hinter den Gefühlen

Nehmen Sie sich nach der Situation Zeit, um zu verstehen, was passiert ist und um daraus lernen zu können. Welches Gefühl war das genau? Wirklich ein Gefühl von Wut oder eher Frustration, Kränkung oder Empörung? Und steckt hinter diesem vordergründigen Gefühl womöglich ein ganz anderes? Etwa Traurigkeit, Erschöpfung, Schuld, Angst oder Fürsorge? Welcher Not sind Sie in der Situation ­begegnet? Um welche Bedürfnisse ging es auf beiden Seiten? Was fehlte? Wer kann helfen? Gibt es eigene negative Erfahrungen, die hier hineinspielen? Sich solche Fragen im Nachgang zu stellen, ist lohnenswert und ermöglicht, dass Eltern und Kinder schrittweise voneinander lernen.

Entschuldigung!

Nun sind Sie doch wieder laut gegenüber Ihrem Kind geworden? Eine Entschuldigung hilft immer. Eine sichere Bindung aufzubauen, heißt nicht, alles richtig zu machen, sondern vielmehr, dass Fehler und Vergebung möglich sind und man auch nach Differenzen wieder auf Augenhöhe zueinander finden kann. Zum Schluss sei gesagt, dass Eltern von Kindern in der Autonomiephase (meist beginnend um das dritte Lebensjahr) in Bezug auf das Aushandeln unterschiedlicher Bedürfnisse besonders auf den Prüfstand gestellt sind. Das ist schwer und zugleich eine wunderbare Gelegenheit, Kindern zu zeigen, dass man immer wieder Fehler machen muss, um an etwas zu wachsen.

Mara Pelt ist Psychologin M.Sc., Psychologische Psychotherapeutin i.A., Systemische Beraterin und Familientherapeutin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

3 bis 5 – Mamas Wut

Elternfrage: „Es kommt immer häufiger vor, dass ich meinem Kind (3) gegenüber laut werde und wütend reagiere. Hinterher tut mir das sehr leid und ich schäme mich dafür. Wie kann ich besser mit meiner Wut als Mama umgehen?“

Wut, so heißt es, sei ein schlechter Rat­geber – aber stimmt das wirklich? Gefühle wie Wut liefern wichtige Informationen über unsere Bedürfnisse und sind auch ein wesentlicher Bestandteil unserer Kommunikation. Sie äußern sich in unserer Mimik, Gestik, in unseren Worten und Handlungen. Auf all diesen „Kanälen“ werden Signale an unser Gegenüber gesendet und verraten, was gerade mit uns los ist. Dabei gibt es keine falschen Gefühle. Sie sind erst einmal einfach da und zu respektieren – was nicht meint, direkt nach ihnen zu handeln. Wer sich selbst mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen ernst nimmt, hat die Chance, Unangenehmes nicht wiederholen zu müssen und in den Rollen als Mama oder Papa weiter zu wachsen.

Wut heißt Grenzen spüren

Was also tun, wenn die Wut im Kontakt mit unseren Kindern aufkommt? Wenn Sie in der Situation sind, hilft es immer, einen Schritt zurückzugehen, tief durchzu­atmen, innezuhalten, eine andere Person zu bitten, kurz zu übernehmen, um sich einmal zu sammeln. Erklären Sie Ihrem Kind, was mit Ihnen los ist: „Ich merke, dass mich die Situation gerade wütend macht.“ Mit erklärenden Worten kann das Kind ein Gefühl verstehen lernen. Gleichzeitig bekommt es die wertvolle Information, dass dieses Gefühl zum anderen gehört, denn Kinder lernen erst schrittweise das Außen von sich selbst zu trennen. Durch ehrliche Erklärungen erfährt Ihr Kind, dass die Situation nicht bedeutet, selbst falsch zu sein – so wie es beim Schimpfen schnell passiert –, sondern, dass Sie als Mutter gerade an eine persönliche Grenze kommen. Persönliche Grenzen zu bewahren, heißt für Kinder, Halt in der Bindung zu erfahren. Es sichert, dass Eltern langfristig da sein können und dabei selbst gesund bleiben. Persönliche Grenzen häufig zu missachten, führt hingegen dazu, dass sich Belastungen und Gefühle wie Wut anstauen.

Gefühle hinter den Gefühlen

Nehmen Sie sich nach der Situation Zeit, um zu verstehen, was passiert ist und um daraus lernen zu können. Welches Gefühl war das genau? Wirklich ein Gefühl von Wut oder eher Frustration, Kränkung oder Empörung? Und steckt hinter diesem vordergründigen Gefühl womöglich ein ganz anderes? Etwa Traurigkeit, Erschöpfung, Schuld, Angst oder Fürsorge? Welcher Not sind Sie in der Situation ­begegnet? Um welche Bedürfnisse ging es auf beiden Seiten? Was fehlte? Wer kann helfen? Gibt es eigene negative Erfahrungen, die hier hineinspielen? Sich solche Fragen im Nachgang zu stellen, ist lohnenswert und ermöglicht, dass Eltern und Kinder schrittweise voneinander lernen.

Entschuldigung!

Nun sind Sie doch wieder laut gegenüber Ihrem Kind geworden? Eine Entschuldigung hilft immer. Eine sichere Bindung aufzubauen, heißt nicht, alles richtig zu machen, sondern vielmehr, dass Fehler und Vergebung möglich sind und man auch nach Differenzen wieder auf Augenhöhe zueinander finden kann. Zum Schluss sei gesagt, dass Eltern von Kindern in der Autonomiephase (meist beginnend um das dritte Lebensjahr) in Bezug auf das Aushandeln unterschiedlicher Bedürfnisse besonders auf den Prüfstand gestellt sind. Das ist schwer und zugleich eine wunderbare Gelegenheit, Kindern zu zeigen, dass man immer wieder Fehler machen muss, um an etwas zu wachsen.

Mara Pelt ist Psychologin M.Sc., Psychologische Psychotherapeutin i.A., Systemische Beraterin und Familientherapeutin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Empathisch

Was ist Empathie? Nicht das, was viele denken.

Wenn ich mit Menschen über ihre Partnerschaft spreche, sagen mir viele, dass sie sich wünschten, ihr Partner oder ihre Partnerin hätte mehr Empathie. Vor allem von Frauen höre ich, dass es ihren Männern schwerfällt, das Mitgefühl aufzubringen, das sie eigentlich bräuchten. Stattdessen bekommen sie viele gut gemeinte Hinweise, wie man die Situation lösen könnte. Auch Aufmunterungen im Sinne von „Du schaffst das schon!“ stehen hoch im Kurs.

Anknüpfungspunkte

Wenn uns der andere erzählt, was ihn bedrückt, ist es manchmal schwer, einfühlsam darauf zu reagieren. Wenn wir ehrlich sind, finden wir das Gehörte oft schwer nachvollziehbar, manchmal sogar haarsträubend. Meistens findet der Zuhörer keinen Anknüpfungspunkt an die Erfahrungen seines Gegenübers, weil er selbst die gleichen Ereignisse ganz anders wahrgenommen und interpretiert hätte. Wie kann man mitfühlen, wenn man selbst nie etwas Ähnliches erlebt hat? Und wahrscheinlich auch nie etwas Ähnliches erleben wird, weil man anders gestrickt ist und anders mit dem Leben umgeht?

Diesen Überlegungen liegt ein großes Missverständnis über Empathie zugrunde. Als Gesellschaft haben wir hier eine kollektive Bildungslücke. Empathisch zu sein, bedeutet nämlich nicht, dass ich das Erleben meines Partners/meiner Partnerin nachvollziehen kann. Vielmehr bedeutet es, dass ich ihm/ihr aufmerksam zuhöre und ihm/ihr glaube, wenn er/sie mir davon erzählt, was ein bestimmtes Erlebnis bei ihm/ihr ausgelöst hat. Auch wenn das nicht mit meinem Erleben zusammenpasst. Die Empathieforscherin Brené Brown bringt es auf den Punkt: „Empathie bedeutet nicht, sich mit einer Erfahrung zu verbinden, sondern mit den Gefühlen, die durch eine Erfahrung ausgelöst wurden.“

Ungerecht behandelt

Als empathische Zuhörerinnen und Zuhörer versuchen wir also, in uns selbst etwas zu finden, das das Gefühl kennt, das unser Gegenüber beschreibt, und daran anzudocken. Ein Beispiel: Nadine erzählt Tobias, wie schwierig es für sie ist, dass ihr Kollege alle Lorbeeren für ein Projekt erhält, zu dessen Erfolg hauptsächlich sie beigetragen hat. Gerade heute hat ihr Vorgesetzter wieder vor dem ganzen Team die hervorragende Arbeit des Kollegen gelobt und ihren Beitrag mit keinem Wort erwähnt.

Tobias liegt die Lösung auf der Zunge: „Dann musst du dich halt wehren.“ So hätte er es gemacht. Ist ja absurd, dass man sich so etwas bieten lässt. Doch stattdessen fragt er sich: „Gibt es etwas in mir, das mir helfen könnte, zu erkennen und mich mit dem zu verbinden, was Nadine fühlt?“ Und tatsächlich kennt auch Tobias Situationen, in denen er sich ungerecht behandelt fühlt oder das Gefühl hat, dass ihn niemand wahrnimmt. Und wenn er dort anknüpft, wird es ihm gelingen, einfühlsam auf Nadine zu reagieren.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five

Empathie – Was sich wirklich dahinter verbirgt

Gefordert und doch oft missverstanden: Empathie. Was das wirklich ist, erklärt Beziehungsexperte Marc Bareth.

Wenn ich mit Menschen über ihre Partnerschaft spreche, sagen mir viele, dass sie sich wünschten, ihr Partner oder ihre Partnerin hätte mehr Empathie. Vor allem von Frauen höre ich, dass es ihren Männern schwerfällt, das Mitgefühl aufzubringen, das sie eigentlich bräuchten. Stattdessen bekommen sie viele gut gemeinte Hinweise, wie man die Situation lösen könnte. Auch Aufmunterungen im Sinne von „Du schaffst das schon!“ stehen hoch im Kurs.

Anknüpfungspunkte

Wenn uns der andere erzählt, was ihn bedrückt, ist es manchmal schwer, einfühlsam darauf zu reagieren. Wenn wir ehrlich sind, finden wir das Gehörte oft schwer nachvollziehbar, manchmal sogar haarsträubend. Meistens findet der Zuhörer keinen Anknüpfungspunkt an die Erfahrungen seines Gegenübers, weil er selbst die gleichen Ereignisse ganz anders wahrgenommen und interpretiert hätte. Wie kann man mitfühlen, wenn man selbst nie etwas Ähnliches erlebt hat? Und wahrscheinlich auch nie etwas Ähnliches erleben wird, weil man anders gestrickt ist und anders mit dem Leben umgeht?

Diesen Überlegungen liegt ein großes Missverständnis über Empathie zugrunde. Als Gesellschaft haben wir hier eine kollektive Bildungslücke. Empathisch zu sein, bedeutet nämlich nicht, dass ich das Erleben meines Partners/meiner Partnerin nachvollziehen kann. Vielmehr bedeutet es, dass ich ihm/ihr aufmerksam zuhöre und ihm/ihr glaube, wenn er/sie mir davon erzählt, was ein bestimmtes Erlebnis bei ihm/ihr ausgelöst hat. Auch wenn das nicht mit meinem Erleben zusammenpasst. Die Empathieforscherin Brené Brown bringt es auf den Punkt: „Empathie bedeutet nicht, sich mit einer Erfahrung zu verbinden, sondern mit den Gefühlen, die durch eine Erfahrung ausgelöst wurden.“

Ungerecht behandelt

Als empathische Zuhörerinnen und Zuhörer versuchen wir also, in uns selbst etwas zu finden, das das Gefühl kennt, das unser Gegenüber beschreibt, und daran anzudocken. Ein Beispiel: Nadine erzählt Tobias, wie schwierig es für sie ist, dass ihr Kollege alle Lorbeeren für ein Projekt erhält, zu dessen Erfolg hauptsächlich sie beigetragen hat. Gerade heute hat ihr Vorgesetzter wieder vor dem ganzen Team die hervorragende Arbeit des Kollegen gelobt und ihren Beitrag mit keinem Wort erwähnt.

Tobias liegt die Lösung auf der Zunge: „Dann musst du dich halt wehren.“ So hätte er es gemacht. Ist ja absurd, dass man sich so etwas bieten lässt. Doch stattdessen fragt er sich: „Gibt es etwas in mir, das mir helfen könnte, zu erkennen und mich mit dem zu verbinden, was Nadine fühlt?“ Und tatsächlich kennt auch Tobias Situationen, in denen er sich ungerecht behandelt fühlt oder das Gefühl hat, dass ihn niemand wahrnimmt. Und wenn er dort anknüpft, wird es ihm gelingen, einfühlsam auf Nadine zu reagieren.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five

Wir sind alle so erschöpft

Das Familienleben ist häufig erschöpfend. Warum das so ist und wie Familien zu neuer Stärke finden, erklärt der Psychotherapeut Jörg Berger.

Erschöpft zu sein ist anders als müde oder erholungsbedürftig. Wer müde ist, schläft ein paar Nächte und fühlt sich wieder fit. Wer Erholung braucht, verbummelt ein Wochenende oder genießt einen Urlaub. Dann ist der Akku wieder geladen. Doch Erschöpfung geht tiefer. Man schläft und bleibt müde. Man ruht und wird nur antriebslos. Der Akku bleibt leer. Wer müde und erholungsbedürftig ist, kann es sich außerdem erklären: Vielleicht waren die Nächte schlecht oder ein Infekt hat den nächsten abgelöst. Oder einer steigt wieder in den Beruf ein und die Kinderbetreuung fällt aus. Das kostet Kraft. Doch wenn die Belastung nachlässt, kommt auch die Energie wieder. Das ist bei Erschöpfung anders. Man ist in normalen Lebensphasen k. o. und fragt: „Warum bin ich so erschöpft?“

Dann gibt es offenbar immer Dinge, die zu viel Energie kosten. Das betrifft erschreckend viele Menschen. Die Sozialforschungsgesellschaft Forsa hat 2019 im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse 1.000 Eltern mit Kindern unter 18 Jahren befragt. Über ein Drittel der Eltern hat angegeben, unter Erschöpfung und Burnout zu leiden. Etwa genauso viele haben auch Gereiztheit, Nervosität, Müdigkeit und Schlafstörungen erlebt. Jugendlichen und jungen Erwachsenen geht es nicht anders, wie die Befragung „Jugend in Deutschland“ 2022 zeigte: Von den 1.000 repräsentativ ausgewählten jungen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren berichteten 45 Prozent von Stress, 35 Prozent von Antriebslosigkeit und 32 Prozent von Erschöpfung. In der Forsa-Umfrage wurden gestresste Eltern auch gefragt, was ihnen helfen würde. Sie wünschen sich vor allem zweierlei: mehr Zeit (70 Prozent) und innere Gelassenheit (72 Prozent). Hier können vier Strategien ansetzen, die aus der Erschöpfung führen.

1. Den Selbstwert stärken

Selbstwert und Energie hängen eng zusammen. Menschen, die sich wertvoll fühlen, spüren Energie in ihrem Körper. Sie können sich auf den Augenblick einlassen, genießen ihre Lieben und ihre Aufgaben. Und sie können über sich lachen und nehmen selbst Dinge, die schiefgehen, gelassen. Wer sich dagegen oft hinterfragt, kritisiert und schuldig fühlt, hemmt sich bis in sein körperliches Energielevel hinein. Er nimmt Dinge schwer und persönlich. Wer über Erschöpfung nachdenkt, sollte daher zuallererst am Selbstwert ansetzen: einander ermutigen, einander vertrauen und zutrauen, geräuschlos vergeben, auch das annehmen, was unvollkommen ist.

Aber macht das nicht selbstbezogen und rücksichtslos? Im Gegenteil, Annahme und Ermutigung machen korrigierbar. Wer sich wertvoll fühlt, bei dem kommen Signale an: „Ups, damit fühle ich mich nicht wohl.“ – „Wolltest du nicht noch …?“ – „Ich glaube, du bringst XY gerade in eine unangenehme Situation.“ Wer sich einer Korrektur verschließt, hat meist das Gefühl, nicht zu genügen und dass es ohnehin nie gut genug ist.

Selbstwert brauchen wir vor allem, wenn wir uns gegen das Zuviel wehren, mit dem fast jede Familie zu kämpfen hat. Es ist schrecklich überfordernd, was wir alles wissen, können, tun, leisten, haben und schaffen müssen. Aber müssen wir das wirklich? Vieles nicht. Gerade Verpflichtungen gegenüber Verwandten, Freunden und Bekannten, gegenüber Institutionen wie Kindergarten, Schule, Verein und Kirche können wir überprüfen: Müssen wir wirklich alles tun, was von uns erwartet wird? Wo nicht, können wir lernen, uns fröhlich zu schämen. Doch wer sich wertvoll genug fühlt, kann Erwartungen enttäuschen. Ich könnte eine lange Liste mit Punkten schreiben, in denen ich hinter dem zurückbleibe, was man von einem gebildeten, rücksichtsvollen und engagierten Menschen erwartet. Wo das sichtbar wird, schäme ich mich. Manchmal lassen es mich andere auch spüren, dass sie mehr von mir erwarten. Das lässt mich nicht kalt. Es kränkt, es schmerzt. Aber niemals würde ich mir die Freiheit nehmen lassen, so zu leben, wie es mir entspricht und wie es auch denen guttut, die ich liebe. Dann schäme ich mich lieber fröhlich.

2. Gefühle und Konflikte willkommen heißen

Kennen Sie den Gedanken: „Auch das noch!“, wenn wir es mit Gefühlsausbrüchen oder Konflikten zu tun bekommen? Etwa bei einem Wutausbruch unserer Kinder, einer Sinnkrise unseres Partners oder einem Streit? Doch wenn wir so reagieren, offenbart das: Unser Leben ist so voll, dass für Gefühle und Konflikte keine Kraft mehr da ist. Schon Bücher über berufliche Zeitplanung empfehlen: „Planen Sie in Ihren Arbeitstag Zeit für unvorhergesehene Dinge ein, denn die kommen immer. Wenn Sie den ganzen Tag bereits verplant haben, bringt Sie alles, was unerwartet kommt, unter Druck.“ Was für die Arbeit gilt, trifft in ähnlicher Weise für unser Privatleben zu.

Für Gefühle und Konflikte etwas übrig zu haben, ist schon deshalb entlastend, weil sie sich nicht verhindern lassen. Es gibt aber noch einen besseren Grund. Gefühle tragen viel Energie in sich: Sie brechen aus, reißen uns mit, sie bewegen oder überwältigen uns. Wo wir unsere Gefühle und die unserer Lieben bekämpfen, versiegt eine Energiequelle. Wo wir Gefühle dagegen verstehen, liebevoll beantworten und deren Energie in eine gute Richtung lenken, erhöht sich unser Energielevel. Auch die unvermeidlichen Konflikte können wir unter diesem Gesichtspunkt betrachten: Wo wir verstehen, worum es geht und einen guten Kompromiss finden, setzen wir Motivation und Kraft frei. Das Gegenteil wäre der ungelöste Konflikt, in dem wir uns gegenseitig blockieren, beschneiden, zensieren und das Leben eng machen, damit an dieser Stelle nicht schon wieder ein Streit ausbricht. Das macht nicht nur gereizt und traurig. Es lähmt unsere Lebenskräfte, die wir doch für unseren Alltag brauchen.

3. Energieräuber ausladen

Nichts greift tiefer in unser Nervensystem als das, was sich in unseren Beziehungen abspielt. Hier erneuert sich unsere Kraft, hier verlieren wir sie. Menschen ermutigen uns zu einem Leben, wie es uns entspricht. Menschen versuchen, über uns zu bestimmen und uns zu verbiegen. Für unseren Kräftehaushalt ist es daher entscheidend, wen wir in unsere Nähe lassen und wem wir emotionale Macht über uns geben.

Sozial eingestellte und gläubige Menschen sind großzügig gegenüber den Eigenarten anderer Menschen. Sie übernehmen Verantwortung für das Gelingen von Beziehungen, zur Not einseitig. Sie suchen im Zweifelsfall den Fehler bei sich. Doch manchmal ist das schädlich. Denn wenn andere sich unfair oder ausnutzend verhalten, brauchen wir eine starke Liebe, die den Schwächen anderer Grenzen setzt. Sie stellt andere vor die Wahl: „Möchtest du eine liebevolle, gesunde Beziehung mit mir leben? Oder bestehst du darauf, dich weiterhin unfair zu verhalten? Dann aber ohne mich.“

Nur wer fair und vertrauenswürdig ist, darf in unsere Nähe kommen. Viele Beziehungen sind gesetzt: Verwandtschaft, Nachbarn, Kollegen. Doch wir bleiben frei darin, wie viel Zeit wir mit jemandem verbringen und ob wir uns öffnen. Auch in einer oberflächlichen Beziehung, die sich auf das unvermeidliche Miteinander beschränkt, kann man freundlich, wertschätzend und hilfsbereit sein. Christlich geprägte Menschen erinnere ich manchmal daran, dass selbst Feindesliebe keine seelische Nähe erfordert. Beispiele für Feindesliebe in der Bibel sind beten, ein Kleidungsstück überlassen, etwas zu trinken oder etwas zu essen geben. Das alles ist möglich, ohne einen bösen oder schädlichen Menschen in sein Leben zu lassen. Manchmal spreche ich mit Menschen auch über die Frage, wie sozial man sein muss. Denn wenn sich jeder von schwierigen Menschen abwenden würde, blieben sie ja ganz allein. Doch man sollte das Potenzial schwieriger Menschen nicht unterschätzen, sich auf eine gesündere Beziehung einzulassen. Die Motivation dafür entsteht aber erst, wenn es nicht mehr genug Personen gibt, die sich unfair und ausnutzend behandeln lassen. Wenn das schwierige Verhalten Ausdruck einer psychischen Erkrankung ist, schenkt man einer Person besser in einem kleinen Netzwerk Gemeinschaft – alles andere überfordert oft.

4. Glück ist analog

Als Werkzeug ist die digitale Welt unendlich nützlich, als Lebensform erschöpft sie uns. Denn einerseits überreizt sie, andererseits schneidet sie uns von dem ab, was Kraft gibt: Berührungen, persönliche Begegnungen, in der Natur sein, etwas mit den Händen tun, die Welt mit allen Sinnen erfahren, die Wohltat des Nichtstuns genießen, in der Langeweile erleben, wie sich kreative Kräfte entfalten. Was einem schon der gesunde Menschenverstand sagt, können Studien präziser fassen. In der BLIKK-Medien-Studie 2017 wurden zum Beispiel über 5.000 Familien zum Umgang mit digitalen Medien befragt. Gleichzeitig wurde die Gesundheit und Entwicklung von Kindern untersucht. Das Ergebnis: Die Nutzung digitaler Medien begünstigt Schlafstörungen, Fütterstörungen, motorische Entwicklungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, Sprachentwicklungsstörungen, Konzentrationsstörungen und anderes. Je früher der Mediengebrauch einsetzt und je intensiver er ist, desto ausgeprägter sind die Effekte. Sowohl für die betroffenen Kinder als auch für Eltern, die sich Sorgen machen, sind die Folgen des Medienkonsums kraftraubend. Ins Positive gewendet liegt hier ein großes Potenzial für Wohlbefinden. Es gibt zwar den Sog in die digitale Welt und oft auch einen sozialen Druck. Doch wir bestimmen, inwieweit wir dem nachgeben. Je glücklicher wir in der analogen Welt sind, desto leichter wird es.

Wenn ich erschöpfte Menschen begleite, wünschen sie sich nichts mehr, als wieder Kraft zu haben. Um dann so weiterzumachen wie bisher? Lieber nicht. Denn Erschöpfung hat eine Botschaft, die uns etwas Wichtiges zu sagen hat. Wir haben uns von dem abschneiden lassen, was uns Kraft gibt. Wir haben den falschen Menschen oder Dingen Macht über uns gegeben. Wer die Botschaft hört und beherzigt, wird seine Erschöpfung feiern. Denn sie führt auf einen Weg, der das Leben leichter und glücklicher macht. Sie bringt mehr in Übereinstimmung mit dem, was einem wirklich wichtig ist.

Jörg Berger ist Psychotherapeut und Paartherapeut in eigener Praxis in Heidelberg (psychotherapie-berger.de/family).

Erschöpfung in der Familie? 4 Tipps für mehr Resilienz

Das Familienleben ist häufig erschöpfend. Warum das so ist und wie Familien zu neuer Stärke finden, erklärt der Psychotherapeut Jörg Berger.

Erschöpft zu sein ist anders als müde oder erholungsbedürftig. Wer müde ist, schläft ein paar Nächte und fühlt sich wieder fit. Wer Erholung braucht, verbummelt ein Wochenende oder genießt einen Urlaub. Dann ist der Akku wieder geladen. Doch Erschöpfung geht tiefer. Man schläft und bleibt müde. Man ruht und wird nur antriebslos. Der Akku bleibt leer. Wer müde und erholungsbedürftig ist, kann es sich außerdem erklären: Vielleicht waren die Nächte schlecht oder ein Infekt hat den nächsten abgelöst. Oder einer steigt wieder in den Beruf ein und die Kinderbetreuung fällt aus. Das kostet Kraft. Doch wenn die Belastung nachlässt, kommt auch die Energie wieder. Das ist bei Erschöpfung anders. Man ist in normalen Lebensphasen k. o. und fragt: „Warum bin ich so erschöpft?“

Dann gibt es offenbar immer Dinge, die zu viel Energie kosten. Das betrifft erschreckend viele Menschen. Die Sozialforschungsgesellschaft Forsa hat 2019 im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse 1.000 Eltern mit Kindern unter 18 Jahren befragt. Über ein Drittel der Eltern hat angegeben, unter Erschöpfung und Burnout zu leiden. Etwa genauso viele haben auch Gereiztheit, Nervosität, Müdigkeit und Schlafstörungen erlebt. Jugendlichen und jungen Erwachsenen geht es nicht anders, wie die Befragung „Jugend in Deutschland“ 2022 zeigte: Von den 1.000 repräsentativ ausgewählten jungen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren berichteten 45 Prozent von Stress, 35 Prozent von Antriebslosigkeit und 32 Prozent von Erschöpfung. In der Forsa-Umfrage wurden gestresste Eltern auch gefragt, was ihnen helfen würde. Sie wünschen sich vor allem zweierlei: mehr Zeit (70 Prozent) und innere Gelassenheit (72 Prozent). Hier können vier Strategien ansetzen, die aus der Erschöpfung führen.

1. Den Selbstwert stärken

Selbstwert und Energie hängen eng zusammen. Menschen, die sich wertvoll fühlen, spüren Energie in ihrem Körper. Sie können sich auf den Augenblick einlassen, genießen ihre Lieben und ihre Aufgaben. Und sie können über sich lachen und nehmen selbst Dinge, die schiefgehen, gelassen. Wer sich dagegen oft hinterfragt, kritisiert und schuldig fühlt, hemmt sich bis in sein körperliches Energielevel hinein. Er nimmt Dinge schwer und persönlich. Wer über Erschöpfung nachdenkt, sollte daher zuallererst am Selbstwert ansetzen: einander ermutigen, einander vertrauen und zutrauen, geräuschlos vergeben, auch das annehmen, was unvollkommen ist.

Aber macht das nicht selbstbezogen und rücksichtslos? Im Gegenteil, Annahme und Ermutigung machen korrigierbar. Wer sich wertvoll fühlt, bei dem kommen Signale an: „Ups, damit fühle ich mich nicht wohl.“ – „Wolltest du nicht noch …?“ – „Ich glaube, du bringst XY gerade in eine unangenehme Situation.“ Wer sich einer Korrektur verschließt, hat meist das Gefühl, nicht zu genügen und dass es ohnehin nie gut genug ist.

Selbstwert brauchen wir vor allem, wenn wir uns gegen das Zuviel wehren, mit dem fast jede Familie zu kämpfen hat. Es ist schrecklich überfordernd, was wir alles wissen, können, tun, leisten, haben und schaffen müssen. Aber müssen wir das wirklich? Vieles nicht. Gerade Verpflichtungen gegenüber Verwandten, Freunden und Bekannten, gegenüber Institutionen wie Kindergarten, Schule, Verein und Kirche können wir überprüfen: Müssen wir wirklich alles tun, was von uns erwartet wird? Wo nicht, können wir lernen, uns fröhlich zu schämen. Doch wer sich wertvoll genug fühlt, kann Erwartungen enttäuschen. Ich könnte eine lange Liste mit Punkten schreiben, in denen ich hinter dem zurückbleibe, was man von einem gebildeten, rücksichtsvollen und engagierten Menschen erwartet. Wo das sichtbar wird, schäme ich mich. Manchmal lassen es mich andere auch spüren, dass sie mehr von mir erwarten. Das lässt mich nicht kalt. Es kränkt, es schmerzt. Aber niemals würde ich mir die Freiheit nehmen lassen, so zu leben, wie es mir entspricht und wie es auch denen guttut, die ich liebe. Dann schäme ich mich lieber fröhlich.

2. Gefühle und Konflikte willkommen heißen

Kennen Sie den Gedanken: „Auch das noch!“, wenn wir es mit Gefühlsausbrüchen oder Konflikten zu tun bekommen? Etwa bei einem Wutausbruch unserer Kinder, einer Sinnkrise unseres Partners oder einem Streit? Doch wenn wir so reagieren, offenbart das: Unser Leben ist so voll, dass für Gefühle und Konflikte keine Kraft mehr da ist. Schon Bücher über berufliche Zeitplanung empfehlen: „Planen Sie in Ihren Arbeitstag Zeit für unvorhergesehene Dinge ein, denn die kommen immer. Wenn Sie den ganzen Tag bereits verplant haben, bringt Sie alles, was unerwartet kommt, unter Druck.“ Was für die Arbeit gilt, trifft in ähnlicher Weise für unser Privatleben zu.

Für Gefühle und Konflikte etwas übrig zu haben, ist schon deshalb entlastend, weil sie sich nicht verhindern lassen. Es gibt aber noch einen besseren Grund. Gefühle tragen viel Energie in sich: Sie brechen aus, reißen uns mit, sie bewegen oder überwältigen uns. Wo wir unsere Gefühle und die unserer Lieben bekämpfen, versiegt eine Energiequelle. Wo wir Gefühle dagegen verstehen, liebevoll beantworten und deren Energie in eine gute Richtung lenken, erhöht sich unser Energielevel. Auch die unvermeidlichen Konflikte können wir unter diesem Gesichtspunkt betrachten: Wo wir verstehen, worum es geht und einen guten Kompromiss finden, setzen wir Motivation und Kraft frei. Das Gegenteil wäre der ungelöste Konflikt, in dem wir uns gegenseitig blockieren, beschneiden, zensieren und das Leben eng machen, damit an dieser Stelle nicht schon wieder ein Streit ausbricht. Das macht nicht nur gereizt und traurig. Es lähmt unsere Lebenskräfte, die wir doch für unseren Alltag brauchen.

3. Energieräuber ausladen

Nichts greift tiefer in unser Nervensystem als das, was sich in unseren Beziehungen abspielt. Hier erneuert sich unsere Kraft, hier verlieren wir sie. Menschen ermutigen uns zu einem Leben, wie es uns entspricht. Menschen versuchen, über uns zu bestimmen und uns zu verbiegen. Für unseren Kräftehaushalt ist es daher entscheidend, wen wir in unsere Nähe lassen und wem wir emotionale Macht über uns geben.

Sozial eingestellte und gläubige Menschen sind großzügig gegenüber den Eigenarten anderer Menschen. Sie übernehmen Verantwortung für das Gelingen von Beziehungen, zur Not einseitig. Sie suchen im Zweifelsfall den Fehler bei sich. Doch manchmal ist das schädlich. Denn wenn andere sich unfair oder ausnutzend verhalten, brauchen wir eine starke Liebe, die den Schwächen anderer Grenzen setzt. Sie stellt andere vor die Wahl: „Möchtest du eine liebevolle, gesunde Beziehung mit mir leben? Oder bestehst du darauf, dich weiterhin unfair zu verhalten? Dann aber ohne mich.“

Nur wer fair und vertrauenswürdig ist, darf in unsere Nähe kommen. Viele Beziehungen sind gesetzt: Verwandtschaft, Nachbarn, Kollegen. Doch wir bleiben frei darin, wie viel Zeit wir mit jemandem verbringen und ob wir uns öffnen. Auch in einer oberflächlichen Beziehung, die sich auf das unvermeidliche Miteinander beschränkt, kann man freundlich, wertschätzend und hilfsbereit sein. Christlich geprägte Menschen erinnere ich manchmal daran, dass selbst Feindesliebe keine seelische Nähe erfordert. Beispiele für Feindesliebe in der Bibel sind beten, ein Kleidungsstück überlassen, etwas zu trinken oder etwas zu essen geben. Das alles ist möglich, ohne einen bösen oder schädlichen Menschen in sein Leben zu lassen. Manchmal spreche ich mit Menschen auch über die Frage, wie sozial man sein muss. Denn wenn sich jeder von schwierigen Menschen abwenden würde, blieben sie ja ganz allein. Doch man sollte das Potenzial schwieriger Menschen nicht unterschätzen, sich auf eine gesündere Beziehung einzulassen. Die Motivation dafür entsteht aber erst, wenn es nicht mehr genug Personen gibt, die sich unfair und ausnutzend behandeln lassen. Wenn das schwierige Verhalten Ausdruck einer psychischen Erkrankung ist, schenkt man einer Person besser in einem kleinen Netzwerk Gemeinschaft – alles andere überfordert oft.

4. Glück ist analog

Als Werkzeug ist die digitale Welt unendlich nützlich, als Lebensform erschöpft sie uns. Denn einerseits überreizt sie, andererseits schneidet sie uns von dem ab, was Kraft gibt: Berührungen, persönliche Begegnungen, in der Natur sein, etwas mit den Händen tun, die Welt mit allen Sinnen erfahren, die Wohltat des Nichtstuns genießen, in der Langeweile erleben, wie sich kreative Kräfte entfalten. Was einem schon der gesunde Menschenverstand sagt, können Studien präziser fassen. In der BLIKK-Medien-Studie 2017 wurden zum Beispiel über 5.000 Familien zum Umgang mit digitalen Medien befragt. Gleichzeitig wurde die Gesundheit und Entwicklung von Kindern untersucht. Das Ergebnis: Die Nutzung digitaler Medien begünstigt Schlafstörungen, Fütterstörungen, motorische Entwicklungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, Sprachentwicklungsstörungen, Konzentrationsstörungen und anderes. Je früher der Mediengebrauch einsetzt und je intensiver er ist, desto ausgeprägter sind die Effekte. Sowohl für die betroffenen Kinder als auch für Eltern, die sich Sorgen machen, sind die Folgen des Medienkonsums kraftraubend. Ins Positive gewendet liegt hier ein großes Potenzial für Wohlbefinden. Es gibt zwar den Sog in die digitale Welt und oft auch einen sozialen Druck. Doch wir bestimmen, inwieweit wir dem nachgeben. Je glücklicher wir in der analogen Welt sind, desto leichter wird es.

Wenn ich erschöpfte Menschen begleite, wünschen sie sich nichts mehr, als wieder Kraft zu haben. Um dann so weiterzumachen wie bisher? Lieber nicht. Denn Erschöpfung hat eine Botschaft, die uns etwas Wichtiges zu sagen hat. Wir haben uns von dem abschneiden lassen, was uns Kraft gibt. Wir haben den falschen Menschen oder Dingen Macht über uns gegeben. Wer die Botschaft hört und beherzigt, wird seine Erschöpfung feiern. Denn sie führt auf einen Weg, der das Leben leichter und glücklicher macht. Sie bringt mehr in Übereinstimmung mit dem, was einem wirklich wichtig ist.

Jörg Berger ist Psychotherapeut und Paartherapeut in eigener Praxis in Heidelberg (psychotherapie-berger.de/family).