Hochsensibilität: So erkennen Eltern, wie ihr Kind tickt
Reagiert Ihr Kind empfindlich auf Reize, ist es schnell überfordert und zugleich kreativ, empathisch oder tiefgründig? Dann ist es vielleicht hochsensibel. Pädagogin Celina Fanous klärt auf.
Kennen Sie das? Sie müssen den Käse am Abendbrottisch ans andere Ende des Tisches legen, weil ihr Kind sonst nichts mehr isst? Dabei waren Sie gerade noch froh, ihr Kind überhaupt zum Esstisch bekommen zu haben, weil es nicht spürt, dass es hungrig ist. Sie konnten dies jedoch schon längst an seiner Stimmung, Körperspannung und seinem Verhalten ablesen.
Bekommen Sie Rückmeldungen aus der Schule, dass Ihr Kind eine hohe Auffassungsgabe und Begeisterungsfähigkeit hat und intellektuell gut mitkommt, aber auch unglaublich unruhig ist, manchmal abwesend und verträumt, manchmal aufgeregt wirkt und an Pulli oder Stift kaut?
Wundern Sie sich immer wieder, zu welch tiefgründigen Gedanken und Fragen Ihr Kind fähig ist? Sind Sie erstaunt, mit welch außerordentlicher Kreativität und mit welchem Detailreichtum es erzählt, malt oder spielt?
Wundern Sie sich immer wieder über die starke Intensität und Dauer von Gefühlsausbrüchen Ihres Kindes bei vermeintlichen Kleinigkeiten? Vielleicht fragen Sie sich, ob das alles normal ist oder doch besonders?
Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen, denn Menschen und ihr Verhalten sind immer individuell. Doch was ich hier beschreibe, ist ein unvollständiges Bild eines Kindes mit einer sogenannten Hochsensibilität.
Hochsensibilität verstehen
Mit Hochsensibilität ist ein messbares und nachweisbares Phänomen gemeint, das eine erhöhte Reizaufnahme und Reizverarbeitung im Gehirn und Nervensystem beschreibt. Hochsensible Menschen nehmen mehr wahr als nicht-hochsensible. Diese Besonderheit betrifft sowohl innere als auch äußere Wahrnehmungsbereiche und kommt bei etwa 20 Prozent der Menschen vor. Es handelt sich dabei um eine vererbte Veranlagung und nicht um erworbenes Verhalten oder eine Störung. Allerdings kommt es auf Grund von Unkenntnis über Hochsensibilität häufig zu Verwechslungen mit Störungsbildern wie ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Doch wie zeigt sich Hochsensibilität und wie wirkt sie sich aus?
1. Gründliche Verarbeitung von Informationen
Hiermit ist die erhöhte und komplexere Aufnahme und Verarbeitung von Reizen jeglicher Art gemeint. Das betrifft alle äußeren und inneren Reize – auch Gedanken, Schmerzen, den Herzschlag … Es werden mehr Feinheiten und Details wahrgenommen, die verarbeitet werden „müssen“. Diesen Prozess nennt man auch „Nachhallen“.
2. Rasche Übererregbarkeit
Aufgrund der Vielzahl an aufgenommenen Reizen erreichen Betroffene schneller die Grenze zur Überreizung. Dies kann zu allen denkbaren Stressreaktionen und Verhaltensweisen führen. Es kommt zu einem höheren Bedarf an Ruhe und Auszeiten.
3. Emotionale Intensität
Auch Gefühle werden intensiver erlebt und verarbeitet. Deshalb ist der Gefühlsausdruck besonders intensiv. Hochsensible reagieren verstörter auf gewaltvolle Filme, Ungerechtigkeiten, beunruhigende Ereignisse und Mobbing. Einige haben eine sehr hohe Empathiefähigkeit, weil ihre Spiegelneuronen so sensibel ausgeprägt sind.
4. Sensorische Empfindlichkeit
Häufig sind der Gehör- und Geruchssinn und die Lichtempfindlichkeit stark ausgeprägt. Taktile Empfindungen können als sehr unangenehm und störend empfunden werden. So möchten viele Hochsensible manche Materialien nicht berühren oder davon nicht berührt werden.
Wenn man weiterführende Literatur heranzieht, finden meines Erachtens auch Kinder, die als „gefühlsstark“ beschrieben werden, ihren Platz im Konstrukt der Hochsensibilität. Folgende drei Merkmale können die Definition von Hochsensibilität erweitern:
5. Erhöhte intellektuelle Sensitivität
Dieses Merkmal zeigt sich in Form von ausgeprägter Neugierde, im Problemlösen und im theoretischen Denken. Diese Menschen streben nach einem tieferen Verständnis der Wahrheit. Sie sind wissbegierig, stellen ausgesprochen viele Fragen, mögen Denkaufgaben, die eine hohe Fokussierung, Konzentration und Problemlösung erfordern. Auch befassen sie sich (früh) mit moralischen Fragen und Gerechtigkeit. Außerdem sind häufig von ihren eigenen Ideen begeistert, überzeugt und willensstark. Oft wissen sie in ihren Interessengebieten mehr als Erwachsene.
6. Erhöhte imaginäre Sensitivität
Dieses Merkmal ist gekennzeichnet von einer reichen Vorstellungskraft und einer Vorliebe für komplexe imaginäre Abläufe, die dramatisch in Szene gesetzt werden. Im Unterricht schweifen die Gedanken häufig in die eigene kreative Gedankenwelt ab. Kinder wirken weggetreten, abwesend und in ihrer eigenen Welt. Sie können sich Ereignisse sehr deutlich und lebhaft im Geiste vorstellen und sind meist ganz mit sich oder mit wenigen Freunden zufrieden.
7. Erhöhte psychomotorische Sensitivität
Dieses Merkmal beschreibt eine hohe Aktivität in der körperlichen und geistigen Bewegung. Das Denken ist besonders agil. Betroffene brauchen und lieben die Bewegung und haben ein Übermaß an Energie. Ihnen wohnt eine leidenschaftliche Begeisterungsfähigkeit inne. Sie sprechen oft sehr viel und schnell. Der Körper erscheint oft zappelig. Ruhigsitzen ist fast unmöglich. Sie ziehen aus dieser körperlichen und verbalen Aktivität große Freude – eher zum Leidwesen der Umgebung.
Das Potenzial der Hochsensibilität entfalten
Vielleicht konnten Sie Ihr Kind in einigen oder vielen Punkten wiedererkennen. Wichtig zu wissen ist, dass nicht alle Merkmale bei jedem (gleich stark ausgeprägt) vorhanden sein müssen. Trotzdem kann der Mensch hochsensibel sein. Doch was bringt Ihnen nun dieses Wissen?
Wenn man Wissen über Entwicklungspsychologie sowie die spezifischen Bedürfnisse eines Menschen (Persönlichkeitsmerkmale, bisher gemachte Erfahrungen) im Blick hat, kann man hilfreicher darauf reagieren. Dies ermöglicht wiederum den Erhalt oder Aufbau einer sicheren Bindung – was ein hervorragendes Fundament für alle weiteren Erfahrungen und Herausforderungen ist, aber auch für die Entfaltung des individuellen Potenzials. Ihr Kind kann sein Licht leuchten lassen!
Doch was heißt es nun praktisch, wenn sie Ihr Kind hier wiedererkannt haben? Es bedeutet, dass mehr Pausen und Rückzugsmöglichkeiten im Alltag eingeplant werden dürfen, um dem langen Nachhallen den notwendigen Raum zu geben. Bei besonderen Ereignissen und Übergängen sollten andere Aktivitäten vorübergehend ausgesetzt oder zurückgefahren werden. Also wenn ein Familienfest ansteht, sollte die Zeit danach ereignisarm geplant werden.
Erwartungen an Fremdbetreuung, Hobbys und gesellschaftliche Zusammenkünfte dürfen individuell überdacht und angepasst werden. Manches wird früher, manches später als bei anderen Familien gelernt und stattfinden. Meist sind auch mehrere Familienmitglieder von Hochsensibilität betroffen. Dies kann zu einem hohen Emotionspotenzial im Alltag führen, wofür eine reflektierte, weise und kreative Führung durch regulierte Erwachsene benötigt wird. Aber wie können die Eltern zu regulierten Lotsen für ihr Kind werden?
Hier kommt die Frage der Bedürfnisorientierung für alle Familienmitglieder ins Spiel. Um feinfühlig reagieren zu können, muss man selbst einigermaßen reguliert und entspannt sein. Dafür braucht es die Verantwortungsübernahme der Erwachsenen für ihre eigenen Bedürfnisse und deren Erfüllung, aber auch das Wissen um eigene Verletzungen und wunde Punkte.
Anregungen für Eltern in herausfordernden Situationen:
1. Als Erstes und Schwierigstes: Ruhe bewahren! Notfallstrategien anwenden, wenn nötig
- „478-Regel“: 4 Sekunden tief in den Bauch einatmen, anschließend 7 Sekunden Luft anhalten, dann 8 Sekunden ausatmen
- Situationswechsel mit oder ohne Kind (je nach Alter)
- Temperaturwechsel: ins Freie, kaltes Wasser ins Gesicht, Hände waschen
- körperliche Bewegung
- positiver innerer Monolog, z. B. „Wir schaffen das!“
- Situation niederschreiben
Damit dieser Schritt gelingt, ist ein gewisses Maß an stetiger Selbstfürsorge der Eltern notwendig. Aus einer leeren Schale kann man nicht schöpfen. Langfristig hilfreich können das Erlernen von Stopp-Techniken und Selbstregulation des Nervensystems durch wertfreies Wahrnehmen und Annehmen, Beten, Meditation etc. sein. Hier ist Ihr Vorbild von entscheidender Wichtigkeit. Denn Ihr hochsensibles Kind kämpft sehr häufig mit seinen überbordenden Gefühlen und braucht Hilfe, damit umzugehen. Bei wiederkehrenden Triggern macht es Sinn in einem ruhigen Rahmen zu schauen, was Sie so berührt.
2. Schwierigkeiten nicht persönlich nehmen und Gefühle wertschätzend spiegeln
Ihr Kind „stellt sich nicht an“. Es will Sie nicht ärgern oder testen, sondern es erlebt die Situation gerade wirklich so heftig. Es gilt herauszufinden, welche Gefühle und Bedürfnisse hinter dem gezeigten Verhalten stehen und diese dem Kind einfühlsam verbal und nonverbal zu spiegeln, um sie dann gemeinsam auszuhalten und nach passender Bedürfniserfüllung zu suchen. Diese gelungene Co-Regulation befähigt das Kind immer mehr zur Selbstregulation. Strafen sind bei keinem Kind sinnvoll. Insbesondere hochsensible Kinder reagieren darauf besonders verletzlich.
Es dauert jedoch Jahre, bis das kindliche Gehirn so weit herangereift ist, um Selbstkontrolle zuverlässig über das eigene Verhalten zu erlangen. Kinder sind vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft, aber sie sind noch im Entwicklungs- und Reifungsprozess und benötigen die Unterstützung von zugewandten Erwachsenen.
3. Kreative Lösungen entwickeln, die die Konventionen in der Gesellschaft hinten anstellen
Erforschen und überdenken Sie die Beweggründe für Ihre Erwartungen an Ihr Kind: Ist mir das wirklich selbst wichtig? Warum? Weil es einem Bedürfnis von mir entspricht oder weil ich denke, dass man das halt so machen muss? Oder weil ich vor etwas Angst habe?
4. Vorausschauend und realistisch planen
Beachten Sie bei Ihren Plänen, dass die Grenze zur Überreizung schneller erreicht wird. Berücksichtigen Sie das erhöhte Ruhebedürfnis auf Grund des Nachhallens. Familienrituale können hilfreich sein, um nicht immer wieder in die gleichen Überforderungssituationen zu geraten. Hier ist Kreativität und ein Anpassen von Ansprüchen notwendig, die sich stark von denen nicht hochsensibler Familien unterscheiden können. Mit zusätzlichen Ritualen werden die starken Bedürfnisse der Hochsensiblen nach Orientierung und Sicherheit befriedigt und wiederkehrende Stresssituationen minimiert.
5. Ein Spiel daraus machen
Kinder sind leidenschaftliche Spieler. Sie sind meist leicht für etwas zu gewinnen, wenn es in ein ansprechendes Spiel integriert wird. Besonders Hochsensible mit einer ausgesprochen starken Vorstellungskraft sind so gut zu erreichen.
6. Übergänge vorbereiten
Viele Kinder, insbesondere hochsensible, haben Probleme mit Übergängen. Hier gilt es, die kritischen Übergänge zu identifizieren und Entschärfung zu überlegen. Übergangsobjekte, Teilschritte, langsames (Ein-)Gewöhnen oder Übergangslieder können helfen.
7. Anspruch senken und Konflikte in Würde durchleben
Chaos ist normal bei mehreren Hochsensiblen. Sagen Sie sich immer wieder, dass es nicht auf die Abwesenheit von Konflikten ankommt, sondern auf die Art und Weise, wie damit umgegangen wird. Gelingt es Ihnen – in einem Verhältnis von 7 zu 3 –, Konflikte in Wertschätzung zu lösen? Dann ist das sehr gut!
8. Ein Gremium etablieren
Hochsensiblen ist Gerechtigkeit meist extrem wichtig, so dass es, je nach Alter der Kinder, hilfreich sein kann, ein Gremium zu etablieren, in dem die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Gehör finden und Kompromisse und Strategien zur Befriedigung entwickelt werden. Sie werden erstaunt sein, welch gute Ideen von Kindern kommen. Sie halten sich viel lieber an die erarbeiteten Strategien, wenn sie selbst daran mitgewirkt oder sie selbst vorgeschlagen haben.
Ich wünsche Ihnen viel Freude und Verbindung miteinander beim gegenseitigen Entdecken und Ausprobieren. Denken Sie immer daran: Sie und Ihr Kind sind wunderbar und einzigartig gemacht und von unserem Schöpfer geliebt und angenommen! Deshalb dürfen Sie sich und Ihr Kind annehmen und Ihre Einzigartigkeit feiern!
Celina Fanous ist Sozialpädagogin, Systemische Therapeutin (SG) und Fachpädagogin für Hochsensibilität mit Beratungspraxis in Reutlingen (beratung-blickwechsel.com)
Buchtipps
Für hochsensible/gefühlsstarke Kinder:
Nora Imlau, Lisa Rammensee: Und was fühlst du, Känguru? (Carlsen), ab 2
Elaine Thais: Tom hochsensibel und wundervoll, ab 7
Corinne Fischbacher: Hochsensibilität. Feinfühlige Kinder erklären ihre Welt (Vandenhoeck & Ruprecht), ab 5
Für Eltern hochsensibler Kinder:
Melanie S. Vita: Hochsensibilität bei Kindern (Bonifatius)
Nora Imlau: So viel Freude, so viel Wut (Penguin)
Stuart Shanker: Das überreizte Kind. Wie Eltern ihr Kind besser verstehen und zu innerer Balance führen (Goldmann)
Für hochsensible Erwachsene:
Brigitte Küster: Hochsensibilität. Den eigenen Weg finden (Hänssler)
Brigitte Schorr: Hochsensible Mütter (Hänssler)
Kathrin Borghoff: Hochsensibel Mama sein (Beltz)