Auf dem Weg zum guten Sex: So klappt es mit der schönsten Nebensache der Welt
Auch wenn in Hollywood alles so einfach aussieht und dort immer alles zu klappen scheint, ist Sex kein Selbstläufer. Sexualtherapeut Marvin Leu gibt Tipps für mehr Schwung im Bett.
Unsere Sexualität ist schon eine interessante Sache. Obwohl sie oft als schönste Nebensache der Welt bezeichnet wird, kann sie doch den ganzen Alltag beeinträchtigen, uns steuern und uns mit lauter Stimme rufen. Es gibt kaum etwas in unserem Leben, was so viel Bedeutung hat und doch so wenig Sprache findet. Die komplette Beziehung kann durch Sex verbessert, verändert oder mit Konflikten belagert werden. Obwohl uns Sex und Erotik ständig umgeben, finden wir kaum Worte dafür. Und der Weg in eine gelingende Intimität ist schwierig.
Wenn es um das Intimste geht, macht man sich angreifbar und verletzlich. Aber genau diese Facetten machen den Sex so umwerfend. Verknüpfen wir das körperliche Erleben mit der emotionalen Intensität, wird der Sex besser. Aber wie bekomme ich das hin? Wie kann ich mich fallen lassen und meinem Gegenüber in einer Tiefe begegnen?
Zurückhaltung ist fehl am Platz
Es kursiert leider die Meinung, dass man entweder „gut im Bett“ ist oder eben nicht. Das ist ein großer Irrtum, denn wie das Erlernen eines Instrumentes, ist auch Sex lernbar. Niemand muss alles können. Sondern wir dürfen es lernen. Diesen Grundsatz finde ich sehr entspannend!
Ich kann Dinge kennenlernen und ausprobieren. Und wenn ich ein wenig übe, werde ich erfahrener, kompetenter und handlungsfähig. Das Gelernte fängt an Spaß zu machen. Egal ob es dabei um Berührungen, Sexstellungen oder Oralverkehr geht.
Im Umkehrschluss muss ich der eigenen Sexualität eine gewisse Bedeutung geben, mir Zeit nehmen zum Üben und offen sein für Neues. Denn wenn über Jahre hinweg immer alles gleich bleibt, dann funktioniert das zwar meist reibungslos. Es kann jedoch auch eintönig und langweilig werden.
Ich stelle immer wieder in der Beratung fest, dass viele christliche Paare ihr sexuelles Potential nicht annähernd ausnutzen aus Angst, Grenzen zu überschreiten. Nach dem Motto, Lust und Begehren zu spüren gehört sich nicht oder ist sündhaft. Doch ist im gemeinsamen Ehebett religiös bedingte Zurückhaltung fehl am Platz.
Ich darf mich ausprobieren, mich selbst berühren und dabei Erregung spüren. Ich darf laut atmen oder sogar stöhnen. Ich darf mich zeigen und alles probieren, was für uns als Paar stimmig ist – sei es wild, sanft, kraftvoll, bestimmt, einfühlsam, zögernd, schnell oder langsam.
Verführung wagen
Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich meine Frau für ein sexuelles Projekt gewinnen möchte und verfalle unbewusst in Vorwürfe. Im Nachhinein fällt mir auf: Ich hätte sie einfach verführen können.
Wichtig ist: Verführen bedeutet, mein Gegenüber für ein sexuelles Projekt zu gewinnen, ohne den Ausgang zu kennen. Ich muss also davon ausgehen, dass meine Verführung nicht immer gelingt und muss mich auch auf Zurückweisung einstellen. Wie reagiere ich, wenn meine Idee nicht gut ankommt? Bin ich dann beleidigt oder versuche ich es später nochmal? Vorwürfe zu machen ist einfacher, aber ein absoluter Lustkiller. Verführung dagegen entfacht Leidenschaft und Erotik.
Meine Frau und ich machen regelmäßig Eheabende. Als ein solcher Abend näher rückte, versprach ich, etwas Besonderes vorzubereiten. Ich habe eine Menge Essen organisiert. Obst, Snacks, Antipasti, Brötchen – ein richtiges kleines Buffet. Ich habe alles auf dem Tisch verteilt. Dann habe ich mich mitten auf den Tisch zwischen die Speisen gelegt, quasi als Teil des Buffets.
Bei den Vorbereitungen hatte ich, ehrlich gesagt, Angst, wie es meine Frau finden würde. Ich dachte: „Das ist doch lächerlich!“ Als sie ins Zimmer kam, strahlte sie. Die Idee war also gut, die Verführung hat geklappt.
Die Angst und die Aufregung haben sich gelohnt. Das Prickeln setzte ein. Aber es hätte auch schiefgehen können. Das war mir im Vorfeld bewusst. Aber ich bin überzeugt: Wenn man sich mutig für ein Verführungsprojekt entscheidet, sind die Chancen gut, dass man gewinnt und am Ende beide gewinnen. Also nur Mut – das Projekt lohnt sich!
Leidenschaft entfachen
Leidenschaft ist kein Selbstläufer. Manchmal kommt sie schwer in Gang, manchmal geht sie sogar verloren. Aber was hilft dabei, die Leidenschaft zu entfachen? Die Antwort lautet: Berührung.
Berührungen können Wunder vollbringen. Ich kann meinem Gegenüber etwas Gutes tun oder es selber genießen und den anderen Körper erkunden. Dabei kann ich mir vorstellen, meine Finger und Handflächen würden eine Landschaft erforschen. Jeden Millimeter. Stück für Stück. Ich kann dabei hauchzart berühren, streichen, kräftig drücken, massieren oder sogar zupacken. Eine zarte Berührung löst unweigerlich eine Reaktion beim Partner oder der Partnerin aus. Hoffentlich eine positive. Denn die meisten Menschen möchten berührt und liebkost werden. Es kann aber sein, dass dabei der negative oder gar vorwurfsvolle Gedanke kommt, dass das Gegenüber „ja nur Sex will“. Da empfehle ich, zu fragen, warum es so schwierig ist, dies zuzulassen. Und weiter ist die Frage, ob es besser wäre, wenn das Gegenüber Sie nicht mehr auf diese Art berühren sollte? Über solche Gedanken sollten Paare in jedem Fall kommunizieren.
Kommunikation
Es gibt jede Menge Ratgeber, wie ich am besten meine Anliegen kommuniziere. Beim Reden über Sex ist es sehr wichtig zu wissen, dass jede Kritik mein Gegenüber tief treffen kann. Gerade Männer verknüpfen ihre Sexualität oft mit ihrer Identität. Da können unbedachte Äußerungen sehr verletzend sein.
Versuchen Sie ihr Anliegen in einer ruhigen, angenehmen Atmosphäre zu besprechen. Nehmen Sie sich Zeit für das Gespräch. Bereiten Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin auf das Thema vor, indem Sie ankündigen, über das Thema Sex reden zu wollen. Äußern Sie Ihr Anliegen in Ich-Botschaften. „Ich fühle mich …“, „Ich wünsche mir …“, „Ich habe das Gefühl …“ und so weiter.
Wir alle haben hin und wieder Wünsche, was den gemeinsamen Sex angeht. Oft ist es schwierig, diese anzusprechen, da unser Gegenüber ja mit Ablehnung reagieren könnte. Ich möchte dazu ermutigen, Anliegen und Wünsche zu äußern. Denn es ist wichtig, dass meine Partnerin, mein Partner weiß, wie ich mir die Sexualität vorstelle. Auf der anderen Seite darf ich versuchen, für Vorschläge offen zu sein und nicht zu verurteilen.
Selbstannahme
Wie stehe ich eigentlich zu meinem eigenen Körper? Kann ich ihn so annehmen, wie er ist – mit allen Macken und Fehlern? Denn kein Körper ist perfekt. Körperliche Selbstannahme beginnt mit wohlwollenden Selbstberührungen. Das fördert meine erotische Kompetenz. Jedes Mal, wenn ich mich berühre, lerne ich, was sich gut anfühlt, was ich mag und was weniger interessant ist. Und wenn ich weiß, was mir guttut, kann ich dies auch besser kommunizieren.
Eng verbunden ist die Frage, ob ich mich als erotische Person nicht nur fühlen, sondern auch zeigen darf. Und darf mein Gegenüber meine Erregung sehen? Darf eine Frau stolz sein auf ihre Brüste, ihre Vulva, ihre Vagina? Und darf ein Mann stolz auf seinen Penis oder seine Rundungen sein? Unbedingt!
Denn wenn ich meinen Genuss zeigen kann, löst dies auch ein angenehmes Gefühl bei meinem Gegenüber aus. In der Beratung habe ich noch nie erlebt, dass jemand es störend fand, wenn seine Partnerin oder sein Partner seine Erregung zeigt.
Damit ich mich jedoch mit Stolz zeigen kann, brauche ich einen wohlwollenden Blick für mich selbst und einen guten Bezug zu meinem eigenen Körper. Und den erlange ich, wenn ich mich immer wieder und mit Freude berühre. Zusätzlich schule ich zudem meine Körperwahrnehmung und schaffe einen positiven Einfluss auf meine Gesundheit.
Gemeinsam einen Weg finden
Damit Sex immer wieder stattfinden kann, muss ich ihn auf meiner Prioritätenliste weiter hochschieben. Das braucht immer wieder bewusst eingeplante Zeit. Damit Sex regelmäßig stattfindet, darf man nicht warten, bis eines Tages die Lust auf Sex spontan entsteht. Denn es ist keinesfalls so, dass nur spontaner Sex guter Sex ist. Und wer auf den spontanen Sex wartet, kann unter Umständen sehr lange warten.
Nehmen Sie sich Zeit für Sex und zelebrieren Sie ihn. Reduzieren Sie Stress, indem Sie Internet, Telefon und Smartphone ausschalten. Suchen Sie einen Ort, an dem Sie sich wohlfühlen. Und wenn der Kontext passt, kann auch der Sex schön werden. Auch bei geplantem Sex.
Jedes Paar ist anders. Jeder Partnerteil bringt eine andere Geschichte in die Beziehung mit. Egal was gerade im Bett läuft, können Sie sich gemeinsam entwickeln. Es braucht Mut, Wohlwollen und ein bisschen Einsatz, um am Thema Sex zu arbeiten.
Es erfüllt mich immer wieder mit Freude, wenn ich daran denke, was noch alles vor mir liegt. Ich darf immer wieder neue Facetten entdecken und die Früchte meiner Sexualität genießen.
Marvin Leu ist Sexualtherapeut. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.
