Ein Werkzeugkasten fürs Leben – Was Eltern ihren Kindern für das Glück mitgeben können
Eltern können ihre Kinder nicht glücklich machen. Aber sie können ihnen Tools mitgeben, die helfen, das Glück zu finden. Von Sandra Geissler
Als die freundliche Anfrage zu diesem Artikel in mein Postfach flatterte, zuckte ich kurz zusammen. „Kann ich meine Kinder glücklich machen?“, „Bin ich für das Glück meiner Kinder verantwortlich?“ und „Wie kann ich ihnen eine glückliche Kindheit schenken?“ „Huch“, dachte ich. „Das wird ein kurzer Artikel. Nein, nein und nochmals nein. Fertig.“
Dann dachte ich daran, wie oft ich schon alles dafür tun wollte, dass aus dem „Nein“ irgendwie ein „Ja“ werden möge. Elternherzen sehnen sich danach, bei der Geburt ihrer Kinder eine Glücksgarantie mitgeliefert zu bekommen. Und wenn schon keine Garantie, dann zumindest eine Betriebsanleitung für die glückliche Kindheit, die schlussendlich in ein glückliches Erwachsenenleben mündet.
Bullerbü und Zimtschnecken
Es ist ein Sehnen gegen jede Vernunft. Übermächtig groß kann es werden, gespeist aus überwältigender Liebe und der großen Verantwortung für das Menschenkind, das uns anvertraut wurde. Kaum ist der erste Herzschlag auf einem Monitor sichtbar, kommt bei den meisten Eltern mit der Freude auch das Gefühl auf, ab jetzt alles – aber auch wirklich alles – richtig machen zu wollen für dieses winzig kleine Lebewesen. Dem Glück soll bloß kein Hindernis in den Weg gelegt werden.
Ziegenkäse wird umgehend zur potenziellen Waffe, Folsäure muss her und die Katze dafür weg. Von Anfang an wartet ein ganzer Dschungel an Möglichkeiten und Ratschlägen für die Baby- und Kinderpflege, für Lebensgestaltung und Erziehung. Und mit jedem Jahr scheint er größer zu werden. „Nimmst du die falsche Abzweigung“, nagt eine Stimme im Kopf, „dann wird es Folgen haben!“
Eltern wollen in der Regel das Beste für ihre Kinder, wollen sie glücklich sehen, wollen Bullerbü und Sicherheit und Gesundheit und Zimtschnecken und Rituale und Versicherungen, ein „woom“-Bike und liebevolle Lehrer und, und, und … Da kann man schon mal atemlos werden. Vor allem aber spürt man die ganze Schwere der Verantwortung auf den eigenen Schultern.
Die Krux an der Sache: Egal, wie sehr wir uns abmühen, egal, wie wohlhabend, gut oder gläubig wir sind – es wird uns keine goldene Garantiekarte fürs Kinder- und Familienglück ausgestellt. Das Glück lässt sich nicht bei Amazon bestellen, es ist flüchtig und ein wenig eigenwillig. Und es verspricht niemals, dauerhaft im Leben unserer Kinder zu bleiben.
Das ganze Paket
Diese Erkenntnis hat etwas sehr Befreiendes. Stell dir vor, du wärst tatsächlich verantwortlich für das Glück deiner Kinder. Wärst du auch verantwortlich für Krankheiten, die keiner kommen sah, für Schicksalsschläge, das Scheitern von Beziehungen oder einen garstigen Mathelehrer? Wärst allein du verantwortlich, wenn der Schulabschluss nicht gelingt, eine Depression dein Kind umfängt, die große Liebe auf sich warten lässt? Hättest du dich einfach mehr anstrengen müssen? Nein, natürlich nicht. Das wäre fast schon anmaßend.
Denn auch Eltern sind nur Menschen. Auf die meisten Umstände haben wir so viel Einfluss wie auf das Wetter. Schließlich gehören Scheitern und Verlust, Grenzerfahrungen und sogar Ungerechtigkeit zu jedem Menschenleben dazu – auch zu dem unserer Kinder. Wir können sie davor nicht bewahren, so sehr wir es uns auch wünschen.
Das Leben in Fülle beinhaltet das ganze Paket: Freude und Leid, Gelingen und Scheitern, Verlieren und Finden, Leichtigkeit und Schwere. Es wäre schade, wenn diese Fülle an einer glatten, kantenfreien Kindheit abgleiten würde. Kinder sind ganze Menschen und zum ganzen Menschen gehören Herausforderungen genauso wie ein schlagendes Herz.
Geschenke an der Straßenecke
Ich glaube fest daran, dass Glück nicht die Abwesenheit von Unglück bedeutet. Glück lässt sich auch in den dunkelsten Zeiten entdecken. Es blitzt unverhofft im Alltag auf, klopft leise an die Tür, wenn du es eigentlich nicht erwartest, streicht dir unvermittelt übers Haar. Du kannst es suchen und ihm still die Hand hinhalten, auch wenn der Sturmwind um dich tobt und Steine in deinem Herzen liegen.
Wir können als Eltern kein umfassendes Glück garantieren. Aber wir können unseren Kindern die hohe Kunst beibringen, das Glück zu entdecken. Es will in den kleinen Dingen gefunden werden – egal, was der Tag bereithält. Es versteckt sich auch an dunklen Regentagen in einer warmen Decke und einer Tasse Kakao. Es lässt sich trotz der Fünf in Mathe finden: in einer festen Umarmung, in einem freundlichen Wort, in einem befreienden Fußballspiel. Vielleicht muss dein Kind damit leben lernen, eine Niete in Sport zu sein, aber es findet das Glück im Ausdenken von Geschichten und als Experte für Dinosaurier.
Du kannst lehren, hinzuhören: auf das erste Vogelzwitschern nach einem langen Winter, auf den richtig guten Witz, auf das Pladdern des Sommerregens. Du darfst lehren, hinzusehen und zu entdecken, welche Wunder und Geschenke das Leben an jeder Straßenecke bereithält. Die meisten sind völlig kostenfrei.
Wir sollten es gemeinsam üben, wie Schuhe binden und Zähneputzen. Denn wenn es hart auf hart kommt, kann das Suchen nach dem kleinen Glück die Rettungsleine sein. Dann kann dein Kind auch an traurigen Tagen die Wärme der Sonne auf seinem Gesicht spüren und mit der Wärme die Hoffnung fühlen.
Ein dickes Bündel Gewissheit
Es ist nicht unser Auftrag, unsere Kinder glücklich zu machen. Aber es ist unser Auftrag, ihnen einen Werkzeugkasten mit an die Hand zu geben. Einen Werkzeugkasten fürs Leben und für alles, was es unseren Kindern vor die Füße wirft.
Liebe und Geborgenheit dürfen nicht fehlen, und das Wissen um Menschen, die bedingungslos da sind und Rückhalt bieten. Annahme muss hinein, Gnade und die Fähigkeit, gemeinsam Lösungen zu finden. Selbstbewusstsein und eine Portion praktische Intelligenz. So viel Gottvertrauen wie möglich, gemeinsame Erinnerungen und ganz viel Zutrauen. Ein dickes Bündel Gewissheit, dass Scheitern nie das Ende ist, Eigenverantwortung und Gemeinschaft.
Ich glaube, dass ein solcher Werkzeugkasten ein guter Begleiter für ein Leben ist, das zwar kein dauerhaftes Glück garantiert, aber reich an Erfahrungen in allen Farben ist. Du kannst nicht alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Aber mit dieser Grundausrüstung ist dein Kind in der Lage, über sie zu klettern oder die Extrameile zu laufen.
„Ich bin nicht Gott“
Leider gibt es keine Garantie und keine Betriebsanleitung für ein glückliches Leben. Obwohl ich das weiß, sehne ich mich immer wieder danach, alles zu tun, damit meine Kinder ungetrübt glücklich sein dürfen. Dann gerate ich in Versuchung, Probleme zu lösen, die nicht meine sind, Schmerz wegzureden, der ausgehalten werden will und unter der Last meines Pflichtgefühls zu schwanken.
Kürzlich hörte ich in einem Podcast einen Satz, der mich sehr berührt hat: „Es gibt einen Gott. Du bist es nicht!“ Ich kann einen Werkzeugkasten packen, ich kann das kleine Glück mit meinen Kindern an der Hand suchen gehen, aber mehr kann ich nicht. Und mehr muss ich auch nicht. Es gibt einen Gott, und ihm darf ich alles andere überlassen. Mit dieser Gewissheit darf ich mich aufrichten, die Last abschütteln, und wir nehmen das Leben, wie es eben kommt.
Sandra Geissler ist katholische Diplomtheologin und arbeitet als Lehrerin und Schulseelsorgerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Nierstein am Rhein.