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Archiv für die Kategorie: Artikel aus Family

Eingewöhnung bei der Tagesmutter

„Meine Tochter (2) soll bald zur Tagesmutter gehen. Wie können wir die Eingewöhnungsphase dort gut gestalten?“

Sowohl für Sie als Eltern als auch für Ihre Tochter bedeutet die Betreuung bei der Tagesmutter eine große Veränderung. Sie müssen lernen, Ihr Kind ein Stück weit loszulassen. Ihr Kind steht vor der Herausforderung, sich an eine neue Bezugsperson und eine neue Umgebung zu gewöhnen. Um Ihrem Kind Sicherheit zu vermitteln, sollten Sie die Eingewöhnung sanft gestalten. Eine aktuelle Studie zeigt, wie wichtig das ist: Drei Monate nach Beginn der Eingewöhnung zeigten die behutsam eingewöhnten Kinder mehr positive soziale Interaktionen, Heiterkeit, Selbstständigkeit, Kooperation und weniger Angst, Aggressionen und Unzufriedenheit als die schnell eingewöhnten Kinder. Selbst wenn Ihre Tochter sich scheinbar problemlos von Ihnen trennt, sollen Sie sie ein paar Tage lang begleiten. Bei den „pflegeleichten“ Kindern zeigen sich die Trennungsängste nur verzögert.

VORBEREITUNGEN
Sprechen Sie mit Ihrer Tochter einige Tage vor Beginn der Eingewöhnung in einfachen Worten über die Veränderung, zum Beispiel: „Mama wird bald wieder mehr arbeiten. Während ich bei der Arbeit bin, passt Anna auf dich auf. Du wirst sie bald kennenlernen – sie ist sehr lieb und hat tolle Spielsachen. Übermorgen besuchen wir sie gemeinsam.“ Oft hilft es, ein „Übergangsobjekt“, also ein Stofftier oder ein Schmusetuch, das ihr Kind gern hat, mitzugeben. Besuchen Sie in den ersten paar Tagen die Tagesmutter gemeinsam für ein bis zwei Stunden. Lassen Sie ihre Tochter keinesfalls direkt am ersten Tag dort allein. Ab dem zweiten Tag können Sie versuchen, sich immer mehr im Hintergrund zu halten.

DIE ERSTE TRENNUNG
Frühestens am vierten Tag findet die erste Trennung statt – das Münchner Eingewöhnungsmodell empfiehlt diesen Schritt sogar frühestens nach sechs Tagen. Folgende Kriterien sollten laut Münchner Modell erfüllt sein, bevor Sie die erste Trennung versuchen: Ihre Tochter erkundet entspannt den Raum, ohne ständig nach Ihnen Ausschau zu halten. Ihre Tochter kommuniziert mit der Tagesmutter/ anderen Kindern. Ihre Tochter reagiert positiv auf die Tagesmutter, lässt sich von ihr helfen, wickeln und füttern und wirkt dabei entspannt und aktiv. Ihre Tochter spielt mit gewisser Ausdauer, ohne ständig nervös die Aktivität zu wechseln. Sie sollen sich nicht heimlich „fortstehlen“. Gestalten Sie den Abschied kurz, aber liebevoll. Wenn Ihre Tochter weint, geben Sie der Tagesmutter die Chance, sie zu beruhigen. Bleiben Sie höchstens zehn bis zwanzig Minuten fort – sollte Ihre Tochter sich gar nicht beruhigen lassen, kann die Tagesmutter Sie anrufen. In diesem Fall sollten Sie am nächsten Tag zuerst wieder eine Weile anwesend sein. Hat die Trennung gut funktioniert, können Sie Ihre Abwesenheitszeiten Tag für Tag steigern.

Melanie Schüer ist Erziehungswissenschaftlerin und Gesundheitsberaterin für Schwangere. Sie bietet Onlineberatung für Eltern von Babys und Kleinkindern mit Schrei- und Schlafproblemen sowie für Schwangere (www.neuewege.me).

https://www.family.de/wp-content/uploads/2017/02/0-2.Tipps-für-Eltern.jpg 582 597 Julia Kallauch https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Julia Kallauch2017-03-07 09:04:562017-02-24 13:08:06Eingewöhnung bei der Tagesmutter

„Ich suche nicht nach Qualitäts-Kriterien“

Ein Interview mit Dr. Detlev Katzwinkel, Chefarzt der Gynäkologie im St. Martinus Krankenhaus in Langenfeld

Die pränatale Diagnostik wird immer ausgefeilter. Gibt es dadurch mehr Abtreibungen?
Wir vermuten, dass durch die Mehrdiagnostik mehr Abbrüche notwendig werden. Es lässt sich aber zahlentechnisch schwer beweisen. Allerdings gibt es auch ganz viele Abbrüche, die mit anderen Dingen zu tun haben, zum Beispiel mit so genannter „sozialer Unverträglichkeit“. Das geht von „Ich stecke gerade in einer persönlichen Notlage“ bis hin zu „Die Schwangerschaft passt mir jetzt nicht“.

Was raten Sie Schwangeren, die vor der Frage stehen, welche Diagnostik sie machen sollen?
Ich rate Schwangeren, darüber nachzudenken, was sie wirklich wissen wollen, und zwar bevor sie eine tiefergehende Diagnostik in Anspruch nehmen. Ich habe gerade eine Schwangere untersucht, eine Lehrerin. Sie und ihr Mann sind Christen. Ich habe ihnen bei der ersten Begegnung gesagt: „Ich kann Sie gern bei der Schwangerschaft begleiten, aber ich werde nicht nach Qualitätskriterien des Kindes suchen. Ich werde natürlich das Kind genauestens angucken. Und wenn ich Erkrankungen entdecke, bei denen das Kind eine Therapie bekommen kann, werde ich mit ihnen darüber reden. Aber eine Trisomie 21 zum Beispiel ist nicht therapierbar. Nach Hinweisen auf Trisomie 21 würde ich nicht suchen, und wenn ich zufällig welche fände, würde ich es Ihnen nicht sagen.“ Nach so einem Gespräch haben die werdenden Eltern erst einmal Zeit zu überlegen, ob sie eine weitergehende Pränataldiagnostik extern machen lassen wollen oder nicht. Dieses Paar hat gesagt: „Wir wollen nur gucken, dass sich das Kind gut entwickelt, dass es die bestmöglichen Optionen hat, unterstützt zu werden, aber das andere interessiert uns nicht.“

Aber die meisten Ärzte machen es nicht so wie Sie …
Das stimmt. Die meisten Ärzte würden sagen: „Sie wollen doch sicher ein gesundes Kind, dann müssen Sie zur Pränataldiagnostik gehen.“ Und dann kommen sie aus so einer Untersuchung heraus und haben plötzlich ein Ergebnis: „Die Nackenfalte ist um drei Millimeter größer als im Durchschnitt und das Nasenbein ist an dieser Stelle ein bisschen hypoplastisch entwickelt.“ Die Eltern fragen: „Ist mein Kind jetzt krank?“ Und der Arzt sagt: „Das könnte ein Hinweis sein, dass ein genetischer Defekt vorliegt. Um das rauszukriegen, müssen wir jetzt weitersuchen …“ Insofern finde ich meine Beratung viel ergebnisoffener, weil ich ja vorher sage, was auf sie zukommt. Aber viele Leute finden, ergebnisoffen würde heißen: Wir machen die Untersuchung und wenn wir wissen, was es ist, dann kann die Frau sagen, ob sie das Kind haben will oder nicht. Und das ist nicht richtig. Die Eltern bekommen vom ersten Tag der Untersuchungen an eine Skepsis gegen das eigene Kind: Ist das auch das Kind, das wir haben wollen? Diese Frage finde ich persönlich ethisch schon anmaßend.

Wie kann ich dem entgehen, wenn ich schwanger bin?
Indem man im Vorfeld mit seinem Partner spricht. Und wenn man zur Vorsorge geht, dass man dann sagt, was man wirklich will und was nicht, zum Beispiel: „Wir wollen keine Informationen über Krankheiten, die nicht therapierbar sind und die als Konsequenz nur den Abbruch der Schwangerschaft nach sich ziehen würden.“

Welche psychischen und körperlichen Folgen kann eine Abtreibung haben?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt sicher Frauen, die aufgrund der Abtreibung keine weiteren Folgen haben. Es gibt aber auch Frauen, die im Abstand dieses Kind vermissen. Ich kenne viele Frauen, die damit große Probleme haben und eine psychiatrische Betreuung brauchen wegen eines im Englischen als „Post Abortion Syndrom“ bezeichneten Trauma-Komplexes. Das darf man aber nicht so nennen in Deutschland. Da spricht man allgemeiner von einer „posttraumatischen Belastungsstörung“.

Interview: Bettina Wendland

 

*Weitere Artikel zum Thema Abtreibung gibt es in der Ausgabe 2/17.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2017/02/Interview-Katzwinkel-e1487685174782.jpg 459 553 Julia Kallauch https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Julia Kallauch2017-02-28 10:30:142017-02-22 17:27:34„Ich suche nicht nach Qualitäts-Kriterien“

Allein schwanger

Helen (25) war nicht mehr mit ihrem Freund zusammen, als sie ihre Schwangerschaft bemerkte. Also zog sie die Sache allein durch.

Irgendetwas war anders mit meinem Körper. Ich bemerkte ein Ziehen im Bauch und dachte: Entweder du bist schwanger oder du hast eine Zyste oder sowas. Ich machte einen Schwangerschaftstest. Der war positiv. Ich musste zuerst an meine Mutter und meine Tante denken. Beide haben ewig darauf gewartet, überhaupt schwanger zu werden und hatten mehrere Fehlgeburten. Und bei mir hat es einfach so geklappt – ohne dass ich es wollte. Bis dahin war ich eigentlich immer davon überzeugt, dass ich auch nur sehr schwer schwanger werden würde. Zu dem Zeitpunkt, als ich bemerkte, dass ich schwanger bin, war ich schon nicht mehr mit dem Vater meines Kindes zusammen. Und ich war mir auch ganz sicher, dass ich nicht mehr mit ihm zusammen sein will. Mir war klar, dass ich das allein schaffen musste. Eine Abtreibung war für mich keine Option, allein schon, weil es in meiner Familie so schwierig war, schwanger zu werden. Als ich meinem Ex-Freund von der Schwangerschaft erzählte, war er geschockt. Er hat gleich klargestellt, dass er mich, wenn überhaupt, nur finanziell unterstützen würde. Als Vater wollte er nicht auftreten.

EMOTIONALE BELASTUNG
Die Reaktion meines Umfelds war sehr unterschiedlich. Meine Familie hat sich gefreut. Sicher kamen Fragen nach dem Vater auf, aber sie haben die Situation schnell akzeptiert. In meinem Freundeskreis war es ähnlich. Auf der Arbeit war es schon ein bisschen anders. Viele haben sich für mich gefreut, aber es kamen auch kritische Fragen. Ich habe mich teilweise ganz schön bloßgestellt gefühlt. Ich habe erfahren müssen, dass andere schlecht über mich redeten. Das war furchtbar für mich. Allein schwanger zu sein, ist schon eine riesige emotionale Belastung. Man hat so viel, mit dem man klarkommen muss: die Angst vor der Geburt, die Fragen, warum der Papa nicht da ist … Und wenn man dann noch erfährt, dass andere einen schlechtmachen, ist das ein furchtbares Gefühl. Ein grauenhafter Moment war auch, als mich ein Kollege fragte, warum ich das Kind nicht einfach habe wegmachen lassen. Eine Abtreibung kam für mich nie in Frage. Auch wenn ich das Kind allein bekommen und großziehen würde. Das Kind allein zur Welt bringen zu müssen, war für mich zeitweise sehr schwer. Wenn man schwanger ist, gehen alle automatisch davon aus, dass man zu Hause einen liebenden Partner hat, der sich wahnsinnig darauf freut, Vater zu werden. Und der bei allen Vorsorgeuntersuchungen dabei sein möchte. Aber so ist es halt nicht immer. Eine Schwangerschaft an sich ist schon eine emotionale Achterbahn, aber wenn man allein ist, ist das Ganze noch viel heftiger.

Helen (Name geändert) ist inzwischen dreißig Jahre alt.
Protokoll: Priska Lachmann

 

*Weitere Artikel zum Thema Abtreibung gibt es in der Ausgabe 2/17.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2017/02/ThinkstockPhotos_AntonioGuillem.jpg 1500 2250 Julia Kallauch https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Julia Kallauch2017-02-25 15:05:072017-02-22 17:26:55Allein schwanger

Damit es nicht zum Patt kommt

Entscheidungen bestimmen die Richtung unseres Lebens. Sie beeinflussen, wie sich die Liebe entfaltet und welche Gestalt das gemeinsame Leben annimmt. Und manchmal fordern Entscheidungen die Kompromissbereitschaft eines Paares sehr heraus.

„Wir dürfen so vieles gemeinsam entscheiden.“ Myriam und ich standen ganz überwältigt vor diesem Privileg, als wir nach der Hochzeit in unsere erste gemeinsame Wohnung zogen. Von der Einrichtung und Organisation unseres Haushalts über die Freizeitgestaltung bis hin zu den Weichenstellungen, die bestimmt haben, wie sich unser Freundeskreis entwikkelt. Viele Entscheidungen haben eine Welt eröffnet, die wir dann gemeinsam betreten durften. Mit jeder Entscheidung haben wir entweder am Guten aus unseren Herkunftsfamilien festgehalten oder haben einen eigenen Weg eingeschlagen, der etwas aus unserer Vergangenheit hinter sich gelassen hat. In vielem haben wir so entschieden, wie es die meisten anderen auch tun, einfach weil das unkompliziert und kraftsparend ist. In anderem haben wir Wege gewählt, die selbst für Menschen, die uns nahe standen, erklärungsbedürftig waren. Und natürlich gab es auch umkämpfte Entscheidungen, wenn Prioritäten zunächst weit auseinander lagen. In unserer Beziehung, aber auch bei Paaren, die ich begleite, habe ich folgende Erfahrung gemacht: Unterschiedliche Wünsche und Werte lassen sich zusammenführen, manchmal geht es schnell, wenn die Unterschiede nicht allzu groß sind, manchmal dauert es länger. Wenn ein Paar aber bei einer Entscheidung nicht weiterkommt, ist es vielmehr der Entscheidungsprozess, der Probleme macht. Für diesen sind folgende Faktoren wichtig: die Motivation, das Urteilen und die Kompromissbereitschaft. Auf allen drei Ebenen gibt es nämlich jeweils zwei gegensätzliche Herangehensweisen. Das kann Paare in eine Pattsituation bringen.

DIE MOTIVATION: HOFFNUNG ODER FURCHT
Der Motivationspsychologe Heinz Heckhausen entdeckte zwei gegensätzliche Motivationen, die Menschen zu ihren Entscheidungen bewegen: Hoffnung auf Erfolg und Furcht vor Misserfolg. Manche Menschen haben vor allem das Schöne im Blick, das durch eine Entscheidung in ihr Leben kommen könnte. Andere sehen auf die Risiken und wollen diese so klein wie möglich halten. Sicher können Sie nachvollziehen, dass eine Entscheidungssituation völlig anders aussieht, je nachdem ob einer die Brille einer Erfolgshoffnung oder die Brille eines möglichen Misserfolges aufsetzt: Antje und Dirk überlegen, ob sie vielleicht einmal auf einer Nordseeinsel Urlaub machen. Antje riecht bereits den salzigen Wind, sieht die Dünen vor sich und spürt das überwältigende Gefühl, ganz von Meer umgeben zu sein. Dirk dagegen sieht die verregneten Tage, an denen die Kinder in der Ferienwohnung quengeln. Er ahnt die teuren Überraschungen, die einem der Einkauf auf einer Insel bescheren könnte. Gerne würde ich nun empfehlen: „Beides ist wichtig. Die Aussicht auf das Schöne und der Blick auf die Risiken, der vor bösen Überraschungen schützt.“ Nur würde das nicht dem Stand der Motivationsforschung entsprechen. Menschen, die durch Hoffnung auf Erfolg motiviert werden, geht es nicht nur besser, sie erreichen auch mehr. Wenn es hier Unterschiede gibt, lässt sich der ängstlichere Partner besser vom zuversichtlicheren leiten. Natürlich muss man bei Entscheidungen die Risiken prüfen. Sie sollten aber nicht zur ausschlaggebenden Motivation werden.

DAS URTEIL: KOPF ODER BAUCH
Jeder Mensch trägt zwei Systeme in sich, um Situationen zu beurteilen: ein intuitives und ein rationales. Das beschreiben zum Beispiel die Psychologin Maja Storch („Das Geheimnis kluger Entscheidungen“) oder der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman („Schnelles Denken, langsames Denken“). Unsere Intuition urteilt blitzschnell. Ihr Ergebnis teilt sich oft als Gefühl oder Körperempfindung mit. Dabei wird eine Situation mit vielen ähnlichen Situationen verglichen, die wir schon einmal erlebt haben. Das rationale Urteilen muss die Situation analysieren und Pro und Kontra gegeneinander abwägen. Das dauert länger und ist grundsätzlich nie abgeschlossen – wer könnte nicht durch weiteres Nachdenken noch andere Aspekte entdecken, die für die Entscheidung eine Rolle spielen? Auch hier kann ein Paar zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, wenn ein Partner mehr zum rationalen, der andere zum intuitiven Urteilen neigt. So könnte beispielsweise der Vermögensberater sagen: „Sie können sich das Haus leisten, aber es wird dann schon eng. Sie müssen sich das überlegen, ob Sie unter Umständen ein paar Jahre sehr sparsam leben wollen.“ Ihre Intuition sagt vielleicht: „Das packen wir.“ Sein rationales Urteil fühlt sich aber zu einer solchen Entscheidung außer Stande. Denn die Faktoren, die entscheiden, wie es finanziell wird, liegen in der Zukunft und sind der Analyse noch nicht zugänglich. Hier ist es die Entscheidungsforschung, die eine Empfehlung gibt: „Wenn es um eine wichtige Sache geht, dann triff nur eine Entscheidung, bei der sowohl deine Intuition als auch dein rationales Urteilsvermögen zum gleichen Ergebnis kommen.“ Paare können also ihr rationales und intuitives Urteilen zusammenführen, wenn sie hier unterschiedlich sind. Nach dieser Regel sollte sich das Paar in unserem Beispiel nur für das Haus entscheiden, wenn auch das rationale Urteil positiv ausgeht: „Wir sind bisher immer gut und entspannt mit Engpässen umgegangen. Das können wir wagen.“ Wenn es noch kein rationales „Ja“ gibt, kann sich das Paar für ein günstigeres Haus entscheiden oder die Entscheidung vertagen und vielleicht einmal ein Jahr lang besonders sparsam leben. Das steigert nicht nur das Eigenkapital, sondern schafft auch Erfahrungswerte, wie es einem Paar in einer finanziell knappen Situation geht.

DIE KOMPROMISSBEREITSCHAFT: SELBSTBEWAHRUNG ODER OPFER
Es gibt Entscheidungssituationen, die sich nur auflösen lassen, wenn einer ein Opfer bringt. Auch hier kann man auf beiden Seiten vom Pferd fallen. Manche Partner verhalten sich bei Entscheidungen selbstbezogen. Sie wollen ihre Komfortzone nicht verlassen und verstehen nicht, dass ein gemeinsames Leben manchmal Opfer erfordert. Andere dagegen bringen derart große Opfer, dass sie sich mit den Folgen überfordern, bitter werden oder sich selbst in der Beziehung verlieren. Führende Paartherapeuten wie zum Beispiel der Frankfurter Psychoanalytiker Michael Lukas Möller oder der amerikanische Paar- und Sexualtherapeut David Schnarch raten hier Folgendes: „Wo Sie ein Opfer bringen müssten, das Ihrer Persönlichkeit oder Ihren Überzeugungen Gewalt antut, sollten Sie das Opfer nicht bringen.“ In allen übrigen Entscheidungen kann es ein starker Ausdruck von Liebe sein, für den anderen ein Opfer zu bringen (und für den anderen ist es dann eine Kunst, das Opfer auch anzunehmen). In meiner Arbeit mit Paaren orientiere ich mich an der Faustregel: Veto vor Wunsch. Wenn sich der eine etwas wünscht (ein drittes oder viertes Kind, ein Pflegekind, eine kommunenartige Lebensform, ein Aussteigerjahr im Ausland) und sich der andere wirklich damit überfordert fühlt, schadet es der Beziehung weniger, wenn einer verzichtet als wenn der andere sich auf etwas einlässt, das ihn dauerhaft überfordert. Beides, ein Verzicht oder ein Opfer, kann ein Paar an die emotionalen Grenzen führen. Es kann dann entlastend sein, sich in einigen Gesprächen durch den Entscheidungsprozess begleiten zu lassen. Das Einnehmen unserer ersten Wohnung und unseres gemeinsamen Lebens ist inzwischen 18 Jahre her. Wir haben seither viel miteinander erlebt und aufgebaut, was wunderschön ist. Aber wir haben auch einiges nicht erreichen können, was uns heute manchmal schmerzt. Das Leben ist begrenzt, und unsere Entfaltungsmöglichkeiten sind es ebenfalls. Zum Entdeckermut haben wir im Laufe der Jahre eine weitere Fähigkeit gewonnen: die Fähigkeit zum Verschmerzen dessen, was nicht möglich war. Manche scheuen den Schmerz aus Furcht, er verderbe einem, was schön im Leben ist. Aber wir erfahren zusammen mit vielen anderen Paaren: Wer sich ab und zu schmerzlichen Gefühlen stellt und betrauert, was nicht möglich war, kann von Herzen loslassen.
Das vertieft das gemeinsame Glück.

 

Jörg Berger ist Psychotherapeut und Paartherapeut in eigener Praxis in Heidelberg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2017/02/Family_2_17_44.jpg 744 1053 Julia Kallauch https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Julia Kallauch2017-02-21 10:00:042017-03-22 16:15:53Damit es nicht zum Patt kommt

Dreimal Flöte üben = ein Eis?

Ein Sternchen fürs Aufräumen, ein Herzchen fürs Tischdecken …Machen Belohnungssysteme Sinn? Von Sonja Krebs

Die Idee, ein Belohnungssystem einzuführen, kommt Eltern meist dann in den Sinn, wenn etwas nicht reibungslos läuft. Wenn Hausaufgaben, Aufräumen oder Flötespielen nicht gut funktionieren und mancher Nerv schon blank liegt. Da werden Sternchen oder Herzchen geklebt. Es werden Zielvereinbarungen getroffen, wofür es sich lohnt, bestimmte Aufgaben motivierter zu erledigen. Manche Eltern berichten von positiven Verhaltensänderungen der Kinder, von mehr Struktur und harmonischeren Abläufen. Selbst in Kitas wird dieses Prinzip zeitweise umgesetzt. Also eine rundum geglückte Erziehungsstrategie – wirklich? Manchmal ist es notwendig, mal wieder Luft im hektischen Alltag mit seinen vielen Anforderungen zu bekommen. Man will schließlich nicht als „Nörgel-Mutti“ oder „Mecker-Vati“ enden. In solchen Situationen möchte ich den Versuch, durch ein Belohnungssystem zu mehr Harmonie in der Familie zu kommen, nicht abwerten. Dennoch bleibt es meines Erachtens eher ein Versuch. Wenn ich erreichen möchte, dass etwas reibungslos läuft, so kann dieses System vorübergehend eine Verschnaufpause geben.

REIBUNGSLOS?
Doch welche Grundhaltung habe ich meinem Kind gegenüber, wenn ich erwarte, dass „es“ reibungslos läuft? Und welchen Gedanken verknüpfe ich damit, dass mein Kind Aufgaben für einen Gegengewinn erledigt? Als Pädagogin und Mutter betrachte ich dieses System als nicht tragfähig. Tragfähig hingegen ist meine Beziehung zu meinem Kind. In diese Beziehung will ich ganz viel investieren. Ein reibungsloser Ablauf ist eine hohe Erwartung im Zusammenleben mit Kindern. Es ist einfach typisch für Kinder, die eine oder andere Pflicht schlichtweg zu vergessen oder nicht ernst zu nehmen. Kinder brauchen Zeit, Abläufe zu verinnerlichen und ihren Platz im sozialen Familiengefüge zu finden. Und wir Eltern brauchen Geduld und Ausdauer.

LEISTUNG ERBRACHT = BELOHNUNG
„Warum trödelt mein Sohn, wenn wir weg müssen?“ „Warum widersetzen sich die Kinder ständig, wenn ich ihnen eine Aufgabe gebe?“ Diese Fragen könnte man so beantworten: „Er ist in sein Spiel vertieft.“ Oder: „Sie brauchen Reibungsfläche und müssen und dürfen meine Grenze spüren.“ Das alles erzeugt Reibung, die aber bekanntlich ja auch wärmt. Und zum gemeinsamen Wachstum anregt. Natürlich sind die Fragen und Antworten im Zusammenhang mit Alter und Entwicklung der Kinder zu sehen. Daran sollte ich mein Erziehungsverhalten anpassen. Vielleicht sollte ich mehr Spielzeit einräumen und das Ende rechtzeitig ankündigen, um das Spiel nicht abrupt beenden zu müssen. Erziehen heißt auch beobachten, reagieren und mich letztlich selbst zu erziehen. Bei Belohnungssystemen bleiben diese inneren Fragen und Reflexionen und der Blick auf die Bedürfnislage der Kinder meist ausgesperrt. Der Blick richtet sich ausschließlich auf: „Leistung erbracht = Belohnung“. Das ist auf Dauer keine gute Motivation. Doch was tun, wenn eine Veränderung des Verhaltens notwendig ist?

KLARE VERABREDUNGEN
Eltern haben durchaus das Recht, auf gewisse Regeln und Pflichten hinzuweisen, um das Leben miteinander besser zu gestalten. Wir möchten uns ja auch wohlfühlen. Und wir möchten unsere Kinder zu Selbstständigkeit und Pflichtbewusstsein hinführen. Da sind klare Verabredungen hilfreich und Ausdauer und Geduld erforderlich. Es ist hilfreich, wenn Kinder zum Beispiel regelmäßig für bestimmte Aufgaben verantwortlich sind. Oder wenn bestimmte Wochentage für bestimmte Tätigkeiten vorgesehen sind, die dann ritualisiert werden. Zum Beispiel die Aufräumaktion am Freitag. Das ist dann einfach so und muss auch nicht ständig diskutiert werden. Es gehört zum Miteinander dazu und wird auch als solches wahrgenommen. Pläne mit Symbolen dienen gerade kleineren Kindern als Orientierung und Motivation: „Ach, heute ist Freitag, da muss ich meine Spielsachen aufräumen.“ Im Unterschied zum Belohnungssystem hat das einen anderen Charakter: Ich mache es um der Sache oder der Gemeinschaft und nicht um der Belohnung willen. Wenn wir zum Beispiel alle gemeinsam schnell aufräumen, haben wir mehr gemeinsame Zeit und sind folglich belohnt. Und ein gewisses Maß an Vokabellernen ist einfach notwendig zum Erlernen einer Sprache, auch ohne ein Computerspiel in Aussicht gestellt zu bekommen.

BEDINGUNGSLOSE LIEBE
Damit diese Motivation auch wirken kann, brauchen Eltern eine wertschätzende Grundhaltung gegenüber ihrem Kind. Leistung darf nicht über allem stehen. Meine Wertschätzung ist nicht gekoppelt an bestimmte Verhaltensweisen. Meine Liebe zum Kind sollte bedingungslos sein – was nicht heißt, dass ich alles gutheißen muss. Durch diese bedingungslose Liebe entfaltet sich auch Raum für besondere Leistungen, die aus eigenem Antrieb entstehen. Kleben Sie also lieber innerlich Herzchen für Ihr Kind – ganz bedingungslos. In Gott haben wir darin ein gutes Vorbild.

 

family_17_1-pdf-adobe-acrobat-pro-dcSonja Krebs ist Erzieherin und Heilpädagogin und Inhaberin des MalRaums in Königswinter (www.atelier-einmalig.de), wo Kinder, Jugendliche und Erwachsene kreativ werden können. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Jungs.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2016/12/Family_17_1_DS_Seite_19.jpg 495 700 Julia Kallauch https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Julia Kallauch2017-02-16 11:00:462017-01-13 17:19:48Dreimal Flöte üben = ein Eis?

Urlaub mit Freund

„Wir planen unseren Urlaub für nächsten Sommer. Da unser Sohn (12) ein Einzelkind ist, würden wir gern seinen Freund mitnehmen. Was müssen wir dabei beachten?“

Urlaub wird von den meisten Menschen als die schönste Zeit im Jahr angesehen. Klar, dass man diese so heiß ersehnten Ferien gerne mit Freunden verbringt. Warum sollte das für Kinder anders sein? Der Urlaub wird – aus dem Blickwinkel Ihres Sohnes – einfach doppelt so schön, wenn er seinen Freund in den Urlaub mitnehmen darf. Damit der Urlaub auch für Sie als Eltern in schöner Erinnerung bleibt, sollten Sie ein paar Dinge beachten:

KENNENLERNEN
Das Gastkind sollte in Ihre Familie passen. Wenn Sie die Eigenarten des Kindes kennen, das Sie in Ihre Familie einladen, werden Sie wissen, ob der jugendliche Gast Ihre Regeln und Ermahnungen annehmen oder ob er sich darüber hinwegsetzen wird. Das ist nicht ganz unwichtig, denn wenn Sie ein fremdes Kind anvertraut bekommen, geht auch die Aufsichtspflicht während dieser Zeit auf Sie über. Wenn Sie noch ein paar Monate Zeit haben, können Sie den Freund Ihres Sohnes gut kennenlernen. Sie könnten ihn auch mal über ein ganzes Wochenende zu sich einladen. So stellen Sie ganz schnell fest, wie sich der Umgang mit dem Freund im Alltag gestaltet.

VOLLMACHT UND PAPIERE
Eine Vollmacht mit der Unterschrift der Eltern des Freundes ist wichtig, vor allem dann, wenn Sie in ein anderes Land reisen. Sie sollten diese Vollmacht zusammen mit dem Ausweis des Gastes aufbewahren und jederzeit griffbereit haben. In manchen Ländern genügt die Vollmacht alleine nicht, sondern sie muss amtlich beglaubigt sein, wie in Mazedonien, Griechenland, Bosnien-Herzegowina und Serbien. Zur Ergänzung sollte eine Kopie der Geburtsurkunde vorgelegt werden können. Nehmen sie zusätzlich eine Ausweiskopie der Eltern des Kindes mit. Notieren Sie sich die Heimatanschrift des Freundes sowie die Telefonnummern der Eltern. Informieren Sie sich außerdem über die jeweiligen Formalitäten im Urlaubsland.

GESUNDHEITLICHE VERSORGUNG
Man hofft natürlich, dass nie etwas passiert. Aber auch in den Ferien besteht diese Möglichkeit. Und auch wegen einer simplen Erkrankung kann ein Arztbesuch notwendig werden. Für eine Behandlung beim Arzt oder in einer Klinik sollten Sie eine medizinische Vollmacht mitführen, die von den Eltern ausgestellt und unterschrieben wurde. Klären Sie außerdem den Versicherungsschutz für Ihr Gastkind. Fragen Sie die Eltern, ob der Freund an Allergien leidet oder ob er regelmäßig Medikamente einnehmen muss. Grundsätzlich ist ein Urlaub, bei dem das eigene Kind einen Freund dabei hat, für alle Beteiligten ein Gewinn. Denn der Sohn kann Aktivitäten mit einem Freund teilen, und den Eltern bleibt mehr Zeit für sich. So haben unterm Strich alle mehr Spaß und einen tollen Urlaub.

Ingrid Neufeld ist Erzieherin und Mutter von drei inzwischen erwachsenen Töchtern. Sie lebt in Mittelfranken.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2016/12/11-15-e1481212789634.jpg 597 637 Julia Kallauch https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Julia Kallauch2017-02-11 11:56:172017-01-13 17:20:12Urlaub mit Freund

Einen Freund mit 9?

„Meine Tochter (9) hat schon seit der Kindergartenzeit immer wieder einen Freund. Mehr als Händchenhalten und kleine Küsse läuft angeblich nicht. Aber mir fällt es schwer damit umzugehen. Gibt es Tipps, wie ich sie stärken und schützen kann?“

Das ist tatsächlich eine Herausforderung, und ich kann Ihr Gefühl, dass das alles sehr früh ist, nachvollziehen. Jedes Kind kommt als sexuelles Wesen mit Bedürfnissen und Empfindungen zur Welt und durchläuft in seiner Entwicklung einen Prozess, bis die Sexualität im Erwachsenenalter ausgereift ist. Mit etwa vier, fünf Jahren – in der so genannten „genitalen Phase“ – zeigen Kinder vermehrt Interesse an den eigenen Geschlechtsorganen und entdecken die Unterschiede der Geschlechter. So manche Kinder erleben schon im Kindergartenalter ein bisschen Kribbeln im Bauch und Herzklopfen, wenn „er“ oder „sie“ auftaucht. In der Grundschulzeit geht diese Phase in die „Latenzphase“ über, in der sich diese Gefühle wieder verändern. Die meisten Mädchen finden Jungs dann eher doof und umgekehrt.

AUSTAUSCH ANREGEN
Aber nicht alle Kinder sind gleich, und es gibt es auch Kinder, die weiter für ihren Freund oder ihre Freundin schwärmen. Auch wenn Freundschaften zwischen Jungs und Mädchen nicht die Regel sind, sollten sie nicht direkt als unnormal oder falsch eingestuft werden. Verhält sich Ihre Tochter grundsätzlich altersangemessen und erleben Sie keine weiteren Besonderheiten, kann ich Sie beruhigen. Dann sind die Küsschen und das Händchenhalten sicherlich harmlose Freundschaftsbekundungen. Sobald sich die Beziehung aber intensiviert oder Sie weitere Auffälligkeiten Ihrer Tochter wahrnehmen, sollten Sie genauer hinschauen und fachliche Beratung in Anspruch nehmen. Grundsätzlich möchte ich Ihnen Mut machen, einen natürlichen und entspannten Umgang mit ihrer Tochter zu haben. Kinder brauchen altersangemessene Informationen über Liebe, Freundschaft und Sexualität. Da Ihr Kind hier schon ein frühes Interesse zeigt, ist der Austausch absolut notwendig. Hierbei sollten Sie Ihrer Tochter vermitteln, dass Sie ihre Gefühle wertschätzen und dass Sie ihr diese Zuneigung gönnen. Gleichzeitig braucht Ihre Tochter aber auch die Information, dass sich „richtiges Verliebtsein“ später noch ganz anders anfühlen und eine ganz andere Dimension haben wird.

REGELN ABSPRECHEN
Und genau so sollten Sie in diesem Alter auch auf sanfte Art und Weise Einfluss darauf nehmen, wie intensiv diese Freundschaft gestaltet wird. Sprechen Sie als Mutter mit Ihrer Tochter einige Regeln ab. Es ist durchaus angemessen zu formulieren, dass es über das Händchenhalten und Küssen nicht hinausgehen soll. Und begründen Sie das. Es wäre auch ratsam, die Freundschaften zu anderen Freundinnen zu fördern. Geben Sie Ihrem Kind ein gutes Selbstwertgefühl mit auf den Weg, indem Sie als Eltern betonen, dass Ihre Tochter ein wertvolles und hübsches Mädchen ist. Und achten Sie darauf, dass der Liebestank ihres Kindes auf körperlicher und emotionaler Ebene im Elternhaus gefüllt wird. Kinder, die sich zu Hause geliebt fühlen, haben auf jeden Fall einen guten Schutz, sich nicht zu früh in Beziehungen zum anderen Geschlecht zu begeben.

 

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin und lebt mit ihrer Familie in Remscheid, www.sonja-brocksieper.de.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2016/12/6-10-e1481212515773.jpg 723 637 Julia Kallauch https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Julia Kallauch2017-02-02 11:52:052017-01-13 17:20:40Einen Freund mit 9?

Schwimmen lernen

„Ich überlege, ob ich meine Tochter (3) zu einem Schwimmkurs anmelden soll. Meine Freundin meint, es sei wichtig, früh damit anzufangen. Aber ist es nicht noch zu früh?“

Grundsätzlich sind die koordinativen Fähigkeiten fürs Schwimmenlernen etwa ab dem vierten oder fünften Lebensjahr vorhanden. Als Anzeichen nimmt man den Zeitpunkt, wenn das Kind ohne Stützräder mit dem Fahrrad fahren kann. Daher ist Ihre Tochter mit drei Jahren – wie Sie richtig vermuten – wahrscheinlich zu jung, um die Techniken perfekt zu lernen. Ihre Freundin hat allerdings recht: Auch jüngere Kinder sollten ans Wasser gewöhnt werden.

ÜBERLEBENSNOTWENDIG
In speziellen Wassergewöhnungskursen stehen nicht die Schwimmtechniken, sondern der Spaß und das Gefühl für das Element Wasser im Vordergrund. Diese Kurse gibt es bereits für sehr junge Kinder. Mit lustigen Spielen und Hilfsmitteln wie Reifen, Brettern und Schwimmnudeln werden die Kinder fürs Wasser begeistert und verlieren die Furcht davor. Im Anschluss daran kann ein Schwimmkurs besucht werden. Natürlich können Eltern ihren Kindern das Schwimmen auch selbst beibringen, vielen Kindern macht es in der Gruppe allerdings mehr Spaß. Wichtig ist: Schwimmen lernen ist überlebensnotwendig! Bereits eine geringe Wassertiefe kann zur tödlichen Gefahr werden. Das Tückische dabei: Kinder ertrinken leise, das heißt, sie gehen einfach unter, ohne wild um sich zu schlagen. Grund dafür ist die Verteilung ihres Körpergewichtes. Kinder können ihren im Verhältnis zu ihrer Körpergröße schweren Kopf nicht selbst aus dem Wasser ziehen. Daher ist es empfehlenswert, Kinder bereits im Vorschulalter zu einem Schwimmkurs anzumelden. Angebote gibt es beinahe in jedem Schwimmbad.

DER RICHTIGE KURS
Worauf sollten Sie bei der Auswahl der Schwimmkurse achten? Bei Kindern im Alter Ihrer Tochter sollte es erlaubt sein, dass Eltern anwesend sind. Schwimmen lernen hat viel mit Vertrauen zu tun, daher sollte sich Ihre Tochter sicher und geborgen fühlen. Auch die Chemie zwischen Kind und Schwimmlehrer muss passen. Freiwilligkeit und Spaß dürfen im Vordergrund stehen, keinesfalls Drill und Zwang! Jedes Kind braucht unterschiedlich lange, um sich mit dem Wasser vertraut zu machen. Eltern sollten von der Kompetenz und der Unterrichtsmethode des Schwimmlehrers überzeugt sein. Kinder merken es sofort, wenn Mama oder Papa unsicher sind. Haben Sie sich nach der Schnupperstunde für einen Kurs entschieden, halten Sie sich bitte im Hintergrund. Nicht vergessen: Beaufsichtigen Sie auch nach erfolgreich absolviertem Schwimmunterricht Ihre Tochter, wenn Wasser in der Nähe ist. Kinder können bis ins Schulalter die Gefahren rund ums Wasser nicht selbst einschätzen! Außerdem ist Schwimmen ein richtiger Familiensport. Gehen Sie mit Ihrer Tochter auch neben dem Schwimmkurs gemeinsam ins Bad: Schwimmbäder gibt es fast überall, die Ausrüstung ist günstig, und das Schwimmen ist gelenkschonend und relativ verletzungsarm.

Viel Spaß im kühlen Nass!

Roswitha Wurm arbeitet als Lerntrainerin und freie Redakteurin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2016/12/3-5.jpg 908 640 Julia Kallauch https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Julia Kallauch2017-01-28 11:48:222017-01-13 17:21:06Schwimmen lernen

Von der Brust zur Flasche

„Leider klappt bei uns das Stillen nicht, und ich möchte mit meiner vier Wochen alten Tochter auf die Flasche umsteigen. Was muss ich beachten?“

Vermutlich können Sie es schon nicht mehr hören: „Stillen ist das Beste für dein Kind.“ Ich mute es Ihnen trotzdem zu, weil ich weiß, dass viele Frauen durch eine fehlende, ungenügende oder frustrierende Begleitung in die Stillbeziehung hinein entmutigt werden. Sollten Sie zu diesen Frauen gehören, rate ich Ihnen – bevor Sie auf die Flasche umsteigen –, sich eine fachkundige Stillberaterin zu suchen, die Sie in Ihrem Wunsch zu stillen so unterstützt, dass es für Sie zu einem angenehmen Geschehen wird. Es kann aber auch Situationen geben, in denen das Umsteigen auf die Flasche sinnvoll ist und die familiäre Situation entspannt. Das Füttern mit der Flasche sollte genauso bindungsorientiert geschehen wie das Stillen. Nehmen Sie Ihr Kind liebevoll in den Arm, machen Sie es sich gemütlich, sprechen Sie mit ihm und schauen Sie Ihrem Kind in die Augen.

LANGSAME UMGEWÖHNUNG
Was gibt es nun zu bedenken beim Übergang von der Brust auf die Flasche? Insgesamt sollten Sie mit ca. sechs bis acht Wochen für den Wechsel rechnen, damit sich Ihre Brust und der Darm des Kindes langsam umgewöhnen können. Füttern Sie im ersten Lebensjahr grundsätzlich eine Pre-Nahrung. In Test-Zeitschriften werden die gängigen Nahrungen regelmäßig bewertet. Das hilft bei der Entscheidung für eine Marke. Wählen Sie einen schwergängigen Sauger, damit Ihr Kind auch an der Flasche „arbeiten“ muss und nicht zu schnell die Brust verweigert.

SCHRITT FÜR SCHRITT
Beginnen Sie eine Mahlzeit Schritt für Schritt zu ersetzen, indem Sie Ihr Kind zuerst an der Brust trinken lassen. Es sollte die Brust nicht ganz leer trinken. Bieten Sie ihm die Flasche an, nachdem der größte Hunger gestillt ist. Sollte Ihr Kind sich nicht von der Brust abnehmen lassen, können Sie auch erst die Flasche anbieten, dann die Brust. Durch dieses Vorgehen gewöhnt sich Ihre Brust langsam daran, dass weniger Milch gebraucht wird. Lassen Sie Ihr Kind immer kürzer an der Brust und dafür länger aus der Flasche trinken, bis diese Mahlzeit nur noch mit der Flasche gefüttert wird. Nach ca. einer Woche beginnen Sie mit der zweiten Mahlzeit, wobei die sich möglichst nicht direkt an die erste anschließen sollte. Bei allen anderen Mahlzeiten gehen Sie genauso vor.

HILFEN
Wenn Sie zwischendurch ein unangenehmes Spannungsgefühl auf der Brust haben, streichen Sie sie vorsichtig aus. Auch feuchte Wärme kann helfen, die überschüssige Milch abfließen zu lassen. Bitte nicht abpumpen, dadurch wird die Milchbildung angeregt. Zusätzlich können Sie die Brust kühlen und die Milchbildung durch das Trinken von Pfefferminz- oder Salbeitee reduzieren. Ein medikamentöses Abstillen sollte nur in Ausnahmefällen erfolgen, da die Medikamente zu einer depressiven Verstimmung führen können. Ich wünsche Ihnen und Ihrem Kind einen entspannten und kuscheligen Wechsel von der Brust zur Flasche.

Martina Parrish ist Hebamme und Stillberaterin und arbeitet in der Hebammenpraxis Fokus Leben in Berlin.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2016/12/0-2-e1481212033977.jpg 646 643 Julia Kallauch https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Julia Kallauch2017-01-17 11:42:212017-01-13 17:21:34Von der Brust zur Flasche

So was wie Stille

Bei Familie Diekmann geht es oft laut zu. Umso mehr sind sie bemüht, immer wieder Oasen der Ruhe für die ganze Familie zu schaffen.

Unser Tag ist laut, wild und bunt. Das macht uns als Familie aus. Jeder, der uns kennt, grinst über meine laute Art zu lachen, die schnellen Wortgefechte bei Diskussionen und den frotzeligen Ton zwischen uns. Nicht immer tut uns unser kraftfordernder Tag gut. Oft ächzen wir und sehnen uns nach einer Oase der Ruhe. Wir lieben daher Pausenzeiten – als ganze Familie. Nach jedem Mittagessen um 14 Uhr verschwinden wir alle in unseren Zimmern und ruhen eine Zeit lang. Die, die lange Schule haben oder berufliche Termine, verzichten darauf. Alle anderen atmen bewusst durch – bei einem spannenden Hörspiel, handyfrei beim Stillliegen, Schlafen oder Musikhören. Nur eine halbe Stunde später röchelt die Kaffeemaschine und wir treffen uns in der Küche. Nun werden Fragen aus der Schule oder zum weiteren Tag besprochen. Wir brauchen diesen kleinen Stopp am Tag, um zu spüren, wer wir sind. Um uns zu erinnern und zu vergewissern. Nicht selten ist das auch eine Chance, für die weiteren Schritte des Tages zu beten.

ATEMHOLEN BEI GOTT
Seit unsere Kinder im Grundschulalter sind, versuchen wir in unregelmäßigen Abständen, Neues über Gott zu entdekken. Wir sind keine Familie, die das einmal pro Woche tut. Immer wieder befinden wir uns aber an einem Punkt, wo wir fünf uns zum Kuscheln auf dem Sofa treffen. Zur Ruhe zu kommen, ist in Familien eine echte Aufgabe und auch bei uns ist es immer wieder Thema. Wir wollen uns bewusst für Gottes Kraft öffnen. Wir wollen gut über unsere Herausforderungen denken und reden, anstatt über Stress zu jammern. Immer wieder entscheiden wir uns für ein Frühstück im Schlafanzug mit Vorlesen und Rückenkraulen oder sogar ein Abendmahl als Familie. Ich vermisse dabei allerdings die „würdige Andacht“ unserer Kinder. Sie sind schnell wieder im Alltag. Ich aber sehne mich nach einem tiefen Atemholen mit ihnen bei Gott. Highlights gibt es dennoch: Als alle Kinder noch im Kindergarten- und Krabbelalter waren, haben wir als Familie gesungen. Manchmal fünf Minuten, manchmal fünfzehn. Henrik konnte sich diese Pause am frühen Abend einrichten und hat mit einem Kind auf dem Schoß Wunschlieder aus dem Family-Liederbuch gespielt. Nach einem kurzen Gebet gab es Abendbrot. Mir haben diese Zeiten bei Gott geholfen, mein aufgewühltes Ich für den Tagesendspurt ins Lot zu bringen.

BESONDERER MOMENT
Einmal haben wir eine Gebetsrunde gestartet und uns von Gott ein Wort für das neue Jahr gewünscht. Ein Experiment. Werden wir etwas hören oder spüren, wenn wir einige Minuten still sind? Können wir alle Gedanken zurückschieben, die nicht mit dem Gebet zu tun haben? Die Kinder haben sich auf das Wagnis eingelassen. Nach der Stille hat jeder einen Moment lang innegehalten und sein Wort notiert. In einer Austauschrunde hat jeder sein Wort vorgestellt. Es kamen einige Worte, die passend werden sollten in diesem Jahr. Ein Kind hatte nichts für sich entdecken können – auch über dieses Ergebnis haben wir gesprochen. Dieser kleine Moment war besonders, und wir Eltern hätten ihn gerne noch länger festgehalten. Diese Stille-Übung hat uns miteinander und mit Gott verbunden. Meine Ideale für Ruhe und Stille als Familie mit Gott loszulassen, ist bis heute schwer für mich. So sind unsere Kinder beim abendlichen Beten im Urlaub ratzfatz fertig. Da bin ich kaum mit meiner Wahrnehmung bei Gott angekommen.

DER LIEBEVOLLE BLICK GOTTES
Da wir zappelig sind, können wir leichter zur Ruhe kommen, wenn wir körperlich beteiligt sind. Im Kindergartenalter haben unsere Kinder beim Beten die Tennisballmassage geliebt. Da wurde ihr Körper von Fuß über Beine, Rücken, Kopf bis zurück zum anderen Fuß mit kräftigem Druck abgerollt. Die Vorgabe war, dabei nicht zu sprechen. Einfach die leisen Tönen des Atmens zu hören. Am Ende der Ruhephase habe ich oft einen Segen gesprochen, und nicht selten ist ein Kind dabei eingenickt. Was ich gerade gerne übe, ist der liebevolle Blick Gottes. Ich habe diesen Gedanken im Gebetshaus Augsburg kennengelernt. Ich atme bewusst ein und aus. Manchmal ist mein Sohn dabei, manchmal alle. Wir stellen uns vor, welche Blicke von Menschen auf uns ruhen. Welche Erwartungen von diesem Tag drängen. Es gibt einen Punkt in meiner Vorstellung, der wie durch einen Spot hell erleuchtet ist. Dort ist nun mein Platz. Ich stelle mir vor, dass Gott mich hier liebevoll ansieht als seine Tochter. Ich lasse mich von ihm ansehen. Von ihm. Voller Liebe. Ich trete nicht schnell und zappelig wieder aus dem Licht. Ich halte es aus. Ruhe ist Raum, das Innere zu spüren. Es gibt viele Wege, wie Familien diese Stille für sich entdecken können: in die Sternennacht schauen, beim Hören einer Geschichte oder beim schaumigen Vollbad in eine Kerze blicken … Stille ist ein spannender Weg voller Entdeckungen.

family_16_6_ds-pdf-adobe-acrobat-pro-dcStefanie Diekmann ist Diplom-Pädagogin und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ingelheim am Rhein.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2016/12/Family_17_1_DS_Seite_26.jpg 495 700 Julia Kallauch https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Julia Kallauch2016-12-12 11:54:142016-12-16 13:05:14So was wie Stille
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