Wenn der Hecht beisst

Christof Matthias lässt beim Angeln am See alles hinter sich.

Auf dem einstündigen Weg zum See, den wir gemeinsam im Auto zurücklegen, werfe ich meine Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten erst mal meinem Freund hin. Das muss er in den ersten 40 Minuten schlucken und verdauen – und macht das wie immer gern. Der Rest der Fahrt gehört ihm, denn auch er hat etwas auf der Seele, heute allerdings nur Erfreuliches.

Jetzt am See zur Ruhe zu kommen gelingt mir nicht so einfach. Zu vieles schwingt und klingt noch nach. Auch deshalb stellen wir uns erst einmal noch zusammen und bringen all das voneinander Erfahrene unserem Vater im Himmel. Wir danken gemeinsam für die wunderbare Natur, die uns empfängt, für das Geschenk der Auszeit und bitten den, der uns am besten versteht, um seine Ruhe und seinen Frieden. Das tut gut.

Erst als ich auf meinem Klappstühlchen sitze und der Köder im Wasser ist, bemerke ich, wie leer mein Tank ist. Die Reichweitenanzeige steht auf null. Hm, das heißt, ich muss schon länger auf Reserve gefahren sein, ohne es so richtig bemerkt zu haben.

Ich bin definitiv 60 Kilometer von zu Hause entfernt, meine Seele scheint jedoch noch immer auf dem Bürostuhl zu Hause zu sitzen. Aber dann irgendwann ist sie wohl doch unbemerkt hinterhergekommen. Denn als ich auf die Uhr schaue, sind volle zwei Stunden vergangen. Ich habe nicht geschlafen, aber ich kann mich nicht erinnern, was ich während der Zeit gedacht habe. Getan habe ich auch nichts. Schön, dass in der Zeit auch kein Fisch Interesse am Köder hatte. Das erlebe ich bei mir immer wieder, wenn ich so zur Ruhe komme: Mein Bewusstsein scheint sich zu verabschieden, um dem Unbewussten den Zugang zur Tankstelle freizumachen.

Während ich jetzt eine Runde um den See drehe, fühlt es sich so an, als wenn die Reserveanzeige nicht mehr leuchtet. Jetzt bin ich wieder da, wach und anwesend in mir. Erstaunt sehe ich unzählige Gänge, die sich die Mäuse am Uferrand gegraben haben, erkenne tausende kleine Fische, die sich in der Abendsonne an der Wasseroberfläche zeigen. Ich erschrecke auch immer wieder, wenn direkt vor mir ein dicker Frosch ins Wasser klatscht oder das Schilf raschelt, wenn sich eine Ente vor mir gestört fühlt. Spaziergänge in der Natur und dann noch am Wasser – das liebe ich und ich merke, dass sie mir richtig gut tun.

Bevor wir die Heimreise antreten, versuche ich mein Glück noch einmal abwechselnd mit einem anderen Köder. Wow, da haut ein Hecht direkt vor mir seine Zähne in den Gummifisch. Leider ist an der Stelle kein Haken am Köder und so bleibt es bei tiefen Bissspuren. Kein Problem, die Gefriertruhe ist noch voll vom letzten Mal. Aber allein das Erleben, Empfinden und Spüren der wunderbaren Natur in der hier gebotenen Dichte weckt die Lebensgeister und füllt meinen Tank.

Als ich am späten Abend mein Zuhause wieder erreiche, wartet meine Frau schon mit einem wunderbaren Abendessen in einem mit Teelichtern und Fackeln herrlich beleuchteten Garten auf mich. Glücklicherweise kann der emotionale Tank nicht überlaufen.

Christof Matthias ist freiberuflicher Supervisor und Regionalleiter von Team.F, Vater von drei leiblichen Söhnen, einem mehrfach behinderten Pflegesohn, zwei Schwiegertöchtern und Opa von zwei Enkeltöchtern.

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