Wie ich mit mir tanzen lernte

Jennifer Zimmermann lässt sich auf einen Selbstversuch mit ihrem Spiegelbild ein.

Meine Geschichte mit meinem Körper gleicht der zweier Tanzschüler, die verzweifelt die Leichtfüßigkeit ihrer Vorbilder imitieren, ohne ihren eigenen Stil zu kennen. Mit der unumgänglichen Pubertät fing ich an, meinen Körper als ungelenke Partnerin zu betrachten, die mich ständig zum Stolpern brachte. Meinen Verstand, mein Wesen konnte ich schätzen lernen, nicht aber die Hülle, in der sie lebten. Wunderbar weiblich nannte ich die Gebräunten, Kurvenreichen, Lockenmähnigen. Mich nannte man androgyn und sprach mich auf meine (nicht vorhandene) irische Herkunft an. Bis zum Ende meines Studiums brauchte ich, um meinem Spiegelbild eine freundliche Milde entgegenzubringen, meine helle, dünne Haut als Abbild meiner Persönlichkeit schätzen zu lernen und liebevoll als feenhaft zu beschreiben. Wir begannen sogar, einige Schritte im gleichen Takt zu gehen, ich und mein Körper, manche noch krampfhaft abgezählt, von Leichtfüßigkeit keine Rede, aber mit versöhnlichem Lächeln und Lernbereitschaft.

EIN GUTER METER BAUCHUMFANG
Und dann wurde ich schwanger. Als zweite Pubertät empfand ich das erneute Ausgeliefertsein an die weiblichen Hormone und den harten Zusammenprall mit der unromantischen Realität von monströsen Wassereinlagerungen und einem guten Meter Bauchumfang. Beide gingen nach neun Monaten. Die Dehnungsstreifen, die Kaiserschnittnarbe und ein rundum aus der Form geratenes Körpergefühl blieben. Mein Körper und ich ließen uns erschöpft zurück in unser altbekanntes Muster fallen und zerrten wieder einmal mit grimmigen Gesichtern aneinander herum.

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