„Niemand mehr da“ – Väter im Empty Nest
Das „Empty Nest“ trifft Väter besonders hart. Im Interview erklärt der Journalist und Autor Tillmann Prüfer, warum das so ist und worauf es in der Beziehung zu erwachsenen Kindern ankommt.
Wenn die Teenager-Jahre enden und die Kinder flügge werden, gehen sie ihre eigenen Wege. Sie beginnen eine Ausbildung, ein Studium, ziehen aus. Wie verändert sich dann die Rolle der Eltern?
Tillmann Prüfer: In dieser Zeit erleben wir eine Umkehrung der bisherigen Dynamik und auch eine Umkehrung der emotionalen Machtverhältnisse. Bis dahin waren die Kinder von den Eltern materiell abhängig. Gleichzeitig waren die Eltern für sie auch das Vorbild. Und wenn die Kinder flügge werden, eine eigene Existenz gründen, beginnt man als Eltern Bilanz zu ziehen, nämlich mit der Frage, inwiefern wir für unsere Kinder vorbildhaft waren. Waren wir verfügbar, waren wir da, um mit ihnen in Auseinandersetzungen zu gehen?
Das ist für Eltern nicht einfach. Gerade wenn wir Väter betrachten, die eher eine traditionelle Rolle gelebt haben, waren sie in der Kindheits- und Jugendphase oft gar nicht da, sondern in der Erwerbsphase. Dann wird es im Beruf langsam ruhiger und man hat mehr Zeit für die Kinder. Aber das Kind beginnt ein eigenes Leben. Und ich als Vater bin davon abhängig, dass mein Kind für mich ansprechbar oder verfügbar ist, dass es bei mir anruft, mich um Rat oder um meine Meinung fragt.
Veränderte Familie
Sie haben vier Töchter, von denen zwei schon ausgezogen sind. Wie hat sich das Familiengefüge bei Ihnen geändert?
Prüfer: Ja, zwei meiner Töchter sind ausgezogen, eine noch nicht ganz. Sie macht zur Zeit ein Freiwilliges soziales Jahr in Bolivien. Meine vierte Tochter wohnt noch zu Hause, und das wird auch noch eine Weile so bleiben. Deswegen sind wir jetzt oft zu dritt zu Hause, als hätten wir ein Einzelkind. Aber auch sie wird schon bald ihre Unabhängigkeit genießen wollen. Das hat dazu geführt, dass Familie eher wie ein Netzwerk geworden ist, in dem wir gegenseitig Kontakt aufnehmen oder einander besuchen.
Haben Sie Rituale oder bestimmte Zeiten, die Sie bewusst als Familie nutzen?
Prüfer: Wir haben natürlich Familienfeste, Geburtstage, Feiertage, Weihnachten, Ostern. Wir haben Urlaube, zu denen wir zusammenkommen. Mit meiner ältesten Tochter telefoniere ich eigentlich jeden Tag. Wir haben einen Familien-WhatsApp-Kanal, in dem wir kommunizieren. Es gibt also vielfältige Kontakte. Aber das ist nichts mehr, was ich jetzt als Vater allein in der Hand habe. Sondern ich bin abhängig davon, ob das meine Familienmitglieder auch wichtig finden. Man muss als Elternteil auch damit zurechtkommen, dass sich ein Kind mal drei Wochen nicht meldet, weil es in seinem Leben gerade andere Sachen zu tun hat.
Nicht mehr Nummer eins
Kinder haben unterschiedliche Kontaktbedürfnisse. Manche wollen viel Kontakt, andere weniger. Einige empfinden Anrufe der Eltern als Signal von Interesse, andere als Einmischung. Wie kann man da einen Weg finden?
Prüfer: Eltern tun gut daran, sich daran zu erinnern, wie sie es selbst empfunden haben, als sie ausgezogen sind. Dann hat man ja meistens nicht angefangen, die eigenen Eltern zu hassen oder zu verachten oder vor denen zu fliehen. Sie waren einfach nicht mehr so wichtig, weil in der Orientierungsphase andere Dinge wichtiger werden. Da müssen sich die Kinder in alltäglichen Dingen orientieren, ein Netzwerk fürs Leben aufbauen, und man muss sich mit Autoritäten anfreunden, die eben nicht die Eltern sind. Mit Arbeitgebern, Ausbildern, an der Universität, mit Vermietern. Das ist alles sehr fordernd und prägt die Persönlichkeit.
In der Persönlichkeitsforschung stellt man fest, dass große Veränderungen in wesentlichen Persönlichkeitsmerkmalen durch den Arbeitsplatz entstehen. Also durch Menschen, die mir sagen, dass ich entweder pünktlich kommen oder wegbleiben soll. Das sind große Entwicklungsaufgaben, bei denen die Eltern nicht unbedingt die Nummer eins sind. Das war, glaube ich, bei uns allen so. Deswegen waren die Eltern aber nicht plötzlich unwichtig oder keine Referenzpunkte mehr, sondern sie können nicht überall helfen.
Was brauchen, Ihrer Erfahrung nach, junge Erwachsene von ihren Eltern?
Prüfer: Neben finanzieller Unterstützung, die oft eine ganze Weile nötig ist, brauchen sie Interesse. Keine Bewertung, sondern echtes Interesse. Meiner Erfahrung nach beobachten Eltern den Entwicklungsweg ihrer Kinder und haben Probleme, wenn die Entwicklung nicht so läuft, wie sie sich das vorgestellt haben. Manchmal fühlen sich Eltern um das, was sie für ihre Kinder getan zu haben glauben, betrogen.
Die richtige Passung finden
Haben Sie manchmal nachts wachgelegen und sich gefragt, ob Sie als Vater irgendwo falsch abgebogen sind, weil sich eines Ihrer Kinder anders entwickelt hat, als Sie es gewünscht hätten?
Prüfer: Diese wachen Momente und Sorgen haben alle Eltern, ich auch. Das zeichnet das Elternsein mit aus. Aber ich würde für mich verbuchen, dass mein Vertrauen in meine Kinder immer größer war als meine Sorge um sie. Ich störe mich allerdings ein bisschen an der Formulierung, dass sie sich nicht so entwickelt haben, wie man es sich gewünscht hat. Denn das Kind, das man hat, war ja schon da. Es hat schon eine eigene Persönlichkeit.
Was mich daran stört, ist so ein gewisser Eltern-Narzissmus, der manchmal dahintersteckt, nämlich der Gedanke, das Kind wäre es mir schuldig, sich so zu entwickeln, wie ich es mir vorgestellt habe. Und wenn es das nicht tut, ist etwas schiefgelaufen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass das Kind jemand ist, mit dessen Persönlichkeitsmerkmalen ich Schwierigkeiten habe. Einen guten Erziehungsweg zu gehen, hat vielmehr damit zu tun, eine gute Passung zwischen mir und der Persönlichkeit des Kindes zu finden und einen guten Weg, wie man miteinander vernünftig durchs Leben gehen und voneinander lernen kann.
Meistens, wenn man über Erziehung spricht, redet man davon, wie Eltern auf Kinder einwirken. Aber viel interessanter wäre ja die Frage, wie unsere Kinder uns als Eltern verändern.
Prüfer: Das wird oft unterschätzt, denn die Kinder wirken erheblich auf die Eltern ein. Wenn ich als Elternteil ein Kind habe, dessen Persönlichkeit mir näher ist, werde ich wunderbare Erziehungserlebnisse haben. Dann werden all mein Wirken und meine Inspiration super aufgenommen. Aber wenn mein Kind anders ist als ich, wird das nicht so gehen. Dann muss ich mich anders auf mein Kind einlassen, damit wir einen gemeinsamen Weg finden. Das ist für mich als Elternteil eine große Entwicklungsmöglichkeit. Ich muss ein anderes Denken, eine andere Weltsicht und Gefühlswelt in mich aufnehmen und lernen, sie empathisch zu verstehen, und darin einen wertvollen Schatz entdecken. Wenn es mir gelingt, die Welt aus den Augen meines Kindes zu sehen, habe ich einen großen Entwicklungsgewinn gezogen. Persönlich habe ich das Gefühl, dass meine Kinder mir viel mehr vermittelt haben, als ich ihnen.
Zum Beispiel?
Prüfer: Vor allem haben mich meine Kinder mit großer Demut ausgestattet. Wenn man jünger ist, vielleicht um die dreißig, hat man eine Vorstellung davon, wie alles zu laufen hat und wie man sich die Welt nach den eigenen Vorstellungen ordnen kann. Aber dann bekommt man es mit Kids zu tun, die ihren eigenen Weg gehen. Dann hat man die Wahl, dagegen anzugehen oder zu sagen: Wir lassen das so und lernen es zu schätzen. Wenn man mit einem Kind zusammenlebt, das andere Persönlichkeitsprägungen hat als man selbst, zum Beispiel sehr viel sorgfältiger oder ruhiger ist als man selbst oder viel offener, unternehmungslustiger, introvertierter, muss man sich darauf einstellen.
Väter im Empty Nest
Wenn die Kinder schließlich ausziehen, ist das auch für Eltern eine große Herausforderung. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Väter schwieriger damit klarkommen. Warum ist das so?
Prüfer: Man muss sich erstmal anschauen, warum es Müttern im Durchschnitt anders damit geht. Die gesellschaftliche Erwartung ist, dass Mütter kinderorientierter und häuslicher sind und Väter eher in der Arbeitswelt orientiert sind. Da müsste es doch eigentlich für die Mütter schwieriger sein, wenn die Kinder ausziehen, weil ihre Aufgabe wegfällt, während sich für die Väter gar nicht so viel ändert. Interessanterweise ist der Effekt gegenteilig. Mütter können sich auf diese Phase viel besser vorbereiten, weil sie das realistischer sehen und sich besser darauf einstellen.
Väter sind eher überrascht davon, was passiert und dass sie das leere Nest gar nicht als Beruhigung oder Befreiung erleben, sondern als emotionale Verarmung. Es stellt sich die Frage, was haben die Mütter davor anders gemacht? Sie haben schon vorher wesentlich bessere Netzwerke innerhalb und außerhalb der Familie geknüpft. Sie haben sich mehr mit den Kindern beschäftigt und wissen viel mehr, was bei den Kindern gerade läuft, zum Beispiel bei Partnerwahl, Berufswahl, Umgang mit Freunden, im Alltag, in der Mode oder in Fragen des eigenen Körpers. Da sind Mütter viel eher für die Kinder ansprechbar, weil die Väter diese Dinge gern den Frauen überlassen. Und wenn Väter wissen wollen, wie es dem Kind geht, fragen sie eher die Frau.
Vielen Vätern ist es zu anstrengend, den Kontakt zu halten, weil sie andere Aufgaben haben. Mütter haben oft die privaten Netzwerke mehr im Blick und können besser Probleme mit Freundinnen besprechen und sich Hilfe organisieren. Väter leiden im Empty Nest nicht nur, weil die Kinder weg sind, sondern weil auch ihr Arbeitsleben, das bisher die Droge war und motiviert hat, ruhiger wird, man dort an Bedeutung verliert. Das ist eine Kränkung, mit der sie gern ins häusliche Nest gehen würden, um dort andere Aufgaben, Nähe und soziale Wärme zu finden. Aber dann ist niemand mehr da. Die Kinder meinen das nicht böse, ihnen fällt nur nichts ein, was sie mit ihrem Vater besprechen könnten, weil ihr Vater ihnen selbst nur wenig von sich erzählt hat und sie nur wenig gefragt hat. Da fehlt schlicht die Basis.
Wie kann man als Vater damit umgehen oder das vermeiden?
Prüfer: Am besten ist, die emotionalen Aufgaben in der Familie nicht nur der Frau zu überlassen. Also interessiert bleiben, ansprechbar sein, von sich selbst erzählen und Anknüpfungspunkte finden. Und wenn man schon in dem Loch drinsteckt, ist es wichtig, offen auf die Kinder zuzugehen, darüber zu sprechen, was einem selbst gefehlt hat und wie man über das eigene Leben nachdenkt. Das bedarf einiger Demut und Anerkennung der Lebensleistung und der Persönlichkeit des Kindes. Ich glaube, auch ein erwachsenes Kind hat Interesse daran, zu erfahren, wie es dem Vater geht und was er gerade seelisch zu verarbeiten hat.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte FamilyNEXT-Redakteur Marcus Beier
Tillmann Prüfer ist Leiter des Ressorts „Familie“ für die ZEIT und ZEIT Online und Autor mehrerer Bücher. Er ist verheiratet und hat vier Töchter. Sein aktuelles Buch „Was Sie (wirklich) über Erziehung wissen müssen“ ist bei dtv erschienen.








