Das Liebessparbuch: Wie die Ehe reich wird
Lächeln oder ignorieren, umarmen oder abblocken, wertschätzen oder kritisieren – unser Verhalten prägt unsere Ehe. Psychotherapeut Jörg Berger erklärt, wie auf das Beziehungs-Konto eingezahlt wird.
In die Liebe zu investieren und einen Ertrag zu bekommen – das klingt nicht gerade romantisch. Doch weil es auch zu unserem Glück beiträgt, nehme ich das Liebessparbuch als nützlichen Gegenstand in diese Serie auf. Als Junge habe ich noch die Faszination eines Sparbuchs erlebt: Mit einem Heftchen in der Größe eines Reisepasses bin ich zur Bank gegangen. Nach einer Einzahlung oder Abhebung wurde ein neuer Betrag eingedruckt. Immer habe ich mich dabei reich gefühlt: entweder durch die größer werdende Zahl oder durch das Gefühl, mir schon als kleiner Mensch etwas leisten zu können.
Auch in Beziehungen können wir reich werden oder verarmen. Paarpsychologen sprechen auch von einem Beziehungskonto, auf das Paare einzahlen und von dem sie abheben. Positive Verhaltensweisen sind Einzahlungen, negative Abhebungen. Positiv sind zum Beispiel lächeln, Verständnis zeigen, Unterstützung anbieten, eine Spannung mit Humor auflösen, um Entschuldigung bitten, eine schöne Unternehmung initiieren oder nach einem Streit wieder auf den anderen zugehen.
Als negatives Verhalten gilt, wenn man den anderen abblockt, kritisiert, Vorwürfe macht, beschämt oder abwertet. Überwiegen die positiven Verhaltensweisen, dann fühlen sich Paare zufrieden und glücklich. Von der „Gottman-Konstante 5:1“ haben Sie vielleicht schon gehört. Mit ihr hat der amerikanische Psychologe John Gottman seine Forschung zusammengefasst: Fünf positive Verhaltensweisen wiegen eine negative auf. Ganz so konstant ist die Konstante allerdings nicht. In einer anderen Studie waren sogar 15 positive Verhaltensweisen nötig, um eine einzige negative auszugleichen. Es hängt davon ab, wie Forscher positives und negatives Verhalten in ihrer Studie definieren und natürlich reichen fünf Nettigkeiten nicht aus, um eine schwere Verletzung auszugleichen.
Warum es mehr Positives als Negatives braucht
Bevor wir überlegen, wie wir das Liebessparbuch füllen, führe ich Sie in die Psychologie des Negativen ein. Sie zeigt eine Besonderheit unseres Menschseins. Wir sind verletzbare Wesen in einer gefährlichen Welt. Eine giftige Beere schadet uns mehr als uns zehn leckere und vitaminreiche Beeren nutzen. Aus gutem Grund reagiert unser Gehirn stärker auf das, was uns bedroht, als auf das, was wir Gutes empfangen. Doch nicht immer und überall ist das nötig. Dann ist die Gefahrenorientierung unseres Gehirns ein Nachteil, zum Beispiel wenn eine Kränkung tiefere Spuren hinterlässt als ein Kompliment. Psychologen sprechen von einer Negativitätsverzerrung unserer Wahrnehmung.
Ein ähnliches Phänomen wird als Verlustaversion bezeichnet: Wenn wir 10 Euro verlieren, berührt uns das mehr, als wenn wir 10 Euro auf der Straße finden. In einem klassischen Experiment hat man Versuchspersonen eine Kaffeetasse geschenkt (Kahneman u. a., 1990). Etwas später hat man sie gefragt, für welchen Preis sie die Kaffeetasse wieder verkaufen würden. Andere Versuchspersonen, denen man keine Kaffeetasse geschenkt hat, hat man gefragt, für welchen Preis sie eine Tasse kaufen würden.
Wäre es nicht logisch, dass der Geldbetrag, den beide Gruppen nennen, etwa gleich ist – so wie es dem Wert der Tasse entspricht? Doch der Verkaufspreis, den die einen verlangten, war höher als der Kaufpreis, den die anderen zu zahlen bereit waren. Das illustriert die Psychologie von Gewinn und Verlust: Sobald etwas mir gehört, steigt dessen Wert. Es ist mein. Ich hege und pflege es. Es tut weh, wenn ich es verliere – mehr als mich gefreut hat, es zu bekommen.
Die Psychologie des Negativen wirkt auch in der Liebe. Bedrohliche Erfahrungen berühren uns tiefer als schöne. Wenn uns unser Selbstwert, unsere Freiheit, unsere Sicherheit oder unsere gute Stimmung geraubt werden, spüren wir das meist intensiver, als wenn wir diese geschenkt bekommen. Wir brauchen deshalb einen positiven Überfluss, damit wir uns glücklich fühlen.
Reichlich einzahlen
In der Liebe sollte es doch nicht so schwer sein, das Positive überwiegen zu lassen. Überschütten wir einander nicht mit Gutem? Anfangs schon, deshalb ist die erste, verliebte Phase für viele so überwältigend. Sie setzt die Negativitätspsychologie außer Kraft. Doch irgendwann verändert sich unser Fokus. Der Alltag stresst und bindet unsere Kräfte. Paare müssen Kompromisse finden und damit leben, dass sie in manchem unterschiedlich sind. Nicht alles, was unser Partner tut oder lässt, erfüllt uns mit Freude. Wie können wir trotzdem unser Sparbuch füllen?
Bewährt hat es sich, einerseits Höhepunkte zu schaffen, in denen ein Paar viele schöne Erfahrungen erlebt, und den Alltag andererseits mit kleinen Aufmerksamkeiten zu füllen. Wo Paare in einen negativen Kreislauf geraten sind, fördert eine Paartherapie genau das. Höhepunkte können Abende zu zweit sein, ein Ausflug, ein Kurzurlaub oder andere Zeiten zu zweit in einer schönen Umgebung oder mit einer schönen Aktivität. Auch wenn sie nicht so oft stattfinden können, wirken Höhepunkte nach. Sie haben das Liebessparbuch wieder gefüllt.
Im Alltag konzentriert man sich am besten auf Verhaltensweisen, die einen selbst nicht viel kosten, beim anderen aber viel bewirken. Vieles erfordert wenig Kraft und Mühe, wir müssen es nur tun: Wertschätzung und Komplimente, Kuscheln und kleine Zärtlichkeiten, ein Abschiedskuss, Aufmerksamkeiten wie ein Blümchen oder eine ermutigende Karte, ein Mitdenken und Hilfsbereitschaft, Nachfragen und ein paar Minuten aufmerksames Zuhören. Das folgt der Erfahrung junger Sparer, die noch nicht viel einzahlen können. Immer wieder ein bisschen lässt auch einen Betrag anwachsen.
Was wie Geiz aussieht, aber keiner ist
Oft müssen Liebende Blockaden überwinden, die sie geiziger wirken lassen, als sie in Wirklichkeit sind. Eine Blockade besteht in überhöhten Ansprüchen an sich selbst. Dann erwartet man vielleicht von sich, dass Komplimente einem authentischen Gefühl entspringen und zu einem günstigen Zeitpunkt platziert werden müssen. Darauf wartet man lange und hält sich mit der Wertschätzung zurück. Eine zweite Blockade kann entstehen, wenn ein Partner mehr braucht, als wir gerade geben können. Sollte man küssen, wenn es heute nur dazu und nicht zum Sex reicht? Was macht man, wenn der andere dann mehr will? Sollen wir zuhören, wenn wir nur für eine Viertelstunde Kraft haben, unsere Partnerin aber eine Stunde erzählen müsste, um alles loszuwerden? Wäre es nicht besser, es ganz zu lassen, als den anderen mit etwas abzuspeisen, was nicht ausreicht?
Für das Liebessparbuch jedenfalls wäre es nicht besser. Denn auch kleine Einzahlungen zählen. Die Blockade kann sich auflösen, wenn ein Paar darüber spricht, wie es Situationen gestalten möchte, in denen ein Partner ein Bedürfnis nur ein wenig stillen kann, aber nicht ganz. In aller Regel geht das so aus: Ein wenig ist im Alltag besser als nichts, solange ein Bedürfnis ab und zu voll gestillt wird. Wenn das vereinbart ist, kann der Partner, der mehr bräuchte, sogar ein Gefühl von Frustration oder Bedauern zeigen, obwohl er gerade etwas bekommen hat. Denn die oder der andere weiß: „Es ist in Ordnung. Wir haben es so besprochen. Umgekehrt ist es ja auch so, dass meine Bedürfnisse nicht immer voll gestillt werden. Was ich geben kann, zählt trotzdem.“
Klug abheben
Wir können nicht zusammenleben, ohne auch etwas vom Liebessparbuch abzuheben. Es gibt einfach Situationen, in denen wir etwas ansprechen müssen, was den anderen vielleicht herausfordert, verletzt oder verunsichert. Manchmal müssen wir uns gegen eine Schwäche des anderen wehren oder einen Wunsch zurückweisen, der nicht erfüllbar ist. Doch je nachdem, wie wir das tun, entsteht eine kleine oder eine gewaltige Abhebung von unserem Liebessparbuch. Wenn wir Verständnis vorausschicken und sanfte Worte wählen, bleibt die Abhebung klein. Es reicht außerdem, wenn wir ein Verhalten hinterfragen. Den Charakter unseres geliebten Menschen müssen wir nicht kritisieren („Du bist immer so …“). Wir können auf Augenhöhe bleiben statt besserwissend, belehrend oder beschämend aufzutreten. Dann gehen wir mit unseren Worten so um wie wir mit unserem Geld umgehen wollen: Wir lassen uns nicht zu unnötigen Ausgaben hinreißen.
Vielleicht motivieren Sie diese Gedanken, ab und zu einen Blick auf Ihr Liebessparbuch zu werfen. Dann gehen Sie bewusster mit den Einzahlungen und Abhebungen um. Man muss das nicht ängstlich tun, wie es die weitere Forschung zur Gottman-Konstante gezeigt hat. Manchmal reduziert negative Kommunikation zwar die augenblickliche Zufriedenheit mit der Beziehung, steigert aber die künftige (Woodin, 2011). Offenbar gibt es manchmal auch etwas zu klären, was zwar das Liebesguthaben belastet, sich aber in einer entspannteren Zukunft auszahlt. Manche Entscheidungen machen uns vorübergehend unausgeglichen, tun uns aber gut und damit auch der Beziehung. Wer gespart hat, kann ins Risiko gehen und auch einmal in Entwicklungen investieren, bei denen man vorher nicht weiß, wann und wie sie sich auszahlen.
Jörg Berger ist Psychotherapeut in eigener Praxis in Heidelberg. Die nicht genannten Quellen dieses Artikels finden sich in seinem Buch „Liebe, die immer noch schöner wird“.








