Der Abschiedskuss: Wie eine kleine Geste unseren Liebes-Alltag bestimmen kann
Stell dir vor, es gäbe ein Wundermittel, das dein Leben um fünf Jahre verlängert, dich vor Autounfällen schützt und ganz nebenbei dein Gehalt um 30 Prozent steigert. Das Beste daran: Es ist ohne Nebenwirkungen, kostet nichts und dauert jeden Morgen nur ein paar Sekunden.
Ein Phantom-Doktor
In den letzten Jahren habe ich mehrmals von einer deutschen Studie gehört und gelesen, die genau dieses Geheimrezept gefunden hat. Die simple wie geniale Formel des Wissenschaftlers Dr. Szabo lautet: Männer, die ihren Frauen jeden Morgen einen Abschiedskuss geben, sind messbar erfolgreicher, gesünder und glücklicher.
Das Problem: Ich habe die Studie nie selbst gesehen, sondern immer nur aus zweiter oder dritter Hand davon gelesen. Deshalb ging ich der Sache nach. Der Artikel von Dr. Arthur Szabo von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel soll im westdeutschen Ärztemagazin „Selecta“ in den 60er oder 80er Jahren erschienen sein. Doch alle meine Recherchen führten in eine Sackgasse. Es stellte sich sogar heraus, dass es in der besagten Zeit an der Universität Kiel gar keinen Arthur Szabo gab.
Die Studie ist ein Mythos. Doch warum also hält sich diese Geschichte so beharrlich? Ich glaube, der Grund liegt darin, dass wir intuitiv spüren, dass ein Abschiedskuss tatsächlich positive Effekte hat. Die angeblichen Auswirkungen sind plausibel, wenn auch übertrieben.
Jenseits des Mythos
Wenn wir den morgendlichen Abschiedskuss zu einem täglichen Ritual machen, nutzen wir damit zwei Mechanismen, die positive Auswirkungen auf unsere Partnerschaft haben. Einerseits bauen wir damit eine kurze, verbindende Geste in unseren Alltag ein. Ein liebevoller Moment am Morgen ist eine Einzahlung auf das emotionale Beziehungskonto – für beide Partner.
Der zweite Mechanismus hat mit unseren Hormonen zu tun. Küssen und Umarmungen sorgen dafür, dass unser Gehirn das Bindungshormon Oxytocin ausschüttet, während gleichzeitig der Spiegel des Stresshormons Cortisol messbar sinkt. Das Resultat ist ein regelrechter biologischer Schutzpanzer gegen die Widrigkeiten des Alltags. Dr. Szabos Studie mag also erfunden sein, aber die heilende und beziehungsstärkende Wirkung eines Kusses ist eine biologische und psychologische Tatsache.
Damit ein Abschiedskuss größtmögliche Wirkung entfaltet, müssen diese beiden Mechanismen bestmöglich ausgenutzt werden. Der Abschiedskuss soll ein tägliches Ritual sein, wie das Zähneputzen. Und um die hormonelle Wirkung zu nutzen, braucht es einen Kuss, der lang genug ist, um den Autopiloten auszuschalten. Ein Kuss, der fünf Sekunden oder länger dauert, erfordert, wirklich innezuhalten, den Partner anzusehen und den Moment bewusst zu erleben. Genau dieses kurze, aber intensive Verweilen reicht bereits aus, um Oxytocin auszuschütten und den Stresslevel für den anstehenden Tag spürbar zu senken.
Und so behält der Mythos „Dr. Szabo“ am Ende trotzdem irgendwie recht: Ein täglicher, fünfsekündiger Abschiedskuss ist eine winzige Investition, die eine gewaltige Rendite abwirft.
Marc Bareth und seine Frau Manuela leiten gemeinsam FAMILYLIFE Schweiz. Sein Blog bietet wertvolle Impulse für die Partnerschaft: www.familylife.ch/five








