Auch mal fünf gerade sein lassen

Nicht nur junge Paare wie Madeleine und Daniel stehen immer wieder vor der Herausforderung, ihren Alltag zu organisieren. Rollen müssen geklärt, Vorstellungen und Wünsche aufeinander abgestimmt und Aufgaben aufgeteilt werden. „Keine leichte Aufgabe“, meint Paartherapeutin Christina Roseman. „Doch die Mühe lohnt sich, denn gerade in der Gestaltung des Alltags werden die Weichen für eine gelingende Partnerschaft gelegt.“

Seit fünf Stunden rödelt Madeleine wie eine Weltmeisterin: Wohnzimmer aufräumen, Bad und Küche putzen, schmutzige Wäsche waschen, saubere Wäsche bügeln, einkaufen, kochen – das volle Programm. Was während der Woche liegen bleibt, muss am Wochenende erledigt werden. Und dann ist es passiert: Im Eifer des Gefechtes haben sich ihre Füße im Kabel des Staubsaugers verheddert. Die frisch gebügelte Wäsche fällt im hohen Bogen durch das Wohnzimmer und landet im Putzeimer. Madeleine lässt sich frustriert auf den Teppich fallen. Was macht der Staubsauger mitten im Wohnzimmer? Daniel sitzt mit dem Rücken zum Geschehen. Große Kopfhörer schützen ihn vor Geräuschen von außen. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt dem Bildschirm seiner Playstation. Dort muss er gerade einen ganz anderen Kampf ausfechten. Madeleine zieht den Stecker aus der Steckdose und schreit ihren Mann an: „Warum machst du eine Aufgabe im Haushalt nicht einfach mal konsequent zu Ende?“ Daniel schreckt zusammen. Gott sei Dank, Madeleine hat sich nicht ernsthaft verletzt. Doch was soll das Theater? Daniel fühlt sich zu Unrecht beschuldigt. Er hat die ganze Wohnung gesaugt, den Müll entsorgt und das Auto durch die Waschanlage gefahren. Wo ist das Problem? Es tut ihm leid, dass sie über den Staubsauger gestürzt ist. Aber muss sie ihn gleich mit Vorwürfen überschütten? Es ist doch nicht seine Schuld, dass sie immer wie eine Furie durch die Wohnung läuft.

VOM ALLTAG EINGEHOLT

Ein ganz normaler Samstag. In der Woche fliegt die Zeit dahin. Beide Partner sind voll berufstätig und engagieren sich in der Gemeinde. Und so bleibt es nicht aus, dass die Arbeit im Haushalt zum größten Teil am Wochenende erledigt werden muss. Seit fünf Jahren sind sie ein Paar, vor drei Jahren haben sie geheiratet. Madeleine und Daniel haben sich riesig gefreut, als sie eine schöne Wohnung gefunden haben. Sie haben viel Zeit und Energie in die Renovierung ihres neuen Zuhauses gesteckt. Damals haben sie sich wunderbar ergänzt und Hand in Hand gearbeitet. Daniel ist der Techniker, und Madeleine hat den Sinn für das Schöne. Mit dem Start in die neue Lebensgemeinschaft musste das Paar eine Fülle alltäglicher Aufgaben mit den Anforderungen im Beruf unter einen Hut bringen. Die Verantwortung sollte auf beiden Schultern lasten, darüber war sich das Paar einig. Dass es Sinn ergibt, die verschiedenen Aufgaben untereinander aufzuteilen, auch das hatten sie gemeinsam geklärt. Aber wann und in welchem Tempo die Arbeit getan wird und wie ordentlich die Aufgaben erledigt werden sollten, darüber gerät das Paar immer wieder in Streit. Nachdem sie der Alltag eingeholt hat, werden diese Unterschiedlichkeiten zunehmend zum Problem.

EINFACH MAL ENTSPANNEN?

Daniel ist ohne Geschwister aufgewachsen. Seine Mutter hat immer viel Wert auf Sauberkeit und Ordnung gelegt. Doch seine Eltern haben ihn meistens in Ruhe gelassen. Er war es gewohnt, dass ihm zu Hause alles abgenommen wurde. Madeleine würde vielleicht sagen: „Daniel ist ein verwöhntes Einzelkind!“ Auch Daniel sieht heute vieles kritisch. Allerdings hat er auch gelernt, gut für sich zu sorgen. Er braucht seine Ruhe und den Ausgleich zum Stress im Beruf. Und er hat Strategien entwickelt, sich gut abzuDossier 16 1/16 grenzen. An der Playstation zu spielen, ist für ihn die beste Möglichkeit, sich abzuschotten und Stress abzubauen. Madeleine kommt aus einer großen Familie. Jeder musste mit anpacken. Früh hat sie gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Als große Schwester war sie es gewohnt, Aufgaben an die jüngeren Geschwister zu delegieren. Es gab immer etwas zu tun, und nur selten hatte sie das Gefühl, einfach mal entspannen zu können. Madeleine neigt zum Perfektionismus. Von daher ist sie im Beruf auch so erfolgreich. Und wenn sie nach Hause kommt, könnte sie übergangslos weiterschuften. Es ist nie genug! Dieses Grundgefühl begleitet sie schon lange.

MACHTKAMPF
Daniel fällt es wirklich schwer, zu verstehen, was das Problem ist. Aus seiner Sicht ist die Wohnung perfekt. Im Großen und Ganzen ist doch alles recht ordentlich. Wenn jeder seinen Mist aufräumt, kann der Hausputz am Wochenende auf ein Minimum reduziert werden. Madeleine hat viel zu hohe Ansprüche. Und statt die Zeit zu zweit zu genießen, geraten sie jedes Mal in Streit. Soziologen würden vielleicht sagen, Madeleine und Daniel befinden sich in der sogenannten Machtkampfphase. Beide sind bewusst oder unbewusst damit beschäftigt, den jeweils anderen in seiner Andersartigkeit in Frage zu stellen und von der eigenen Vorstellung zu überzeugen. Gerade junge Paare stehen am Anfang des Zusammenlebens oftmals vor der großen Herausforderung, einerseits die Fülle der Aufgaben im Alltag zu bewältigen und andererseits die eigenen Wünsche und Vorstellungen vom Leben in Eigenständigkeit und vom Zusammenleben als Paar mit denen des Partners abzustimmen. Und vielleicht liegt gerade darin die Lösung ihres Problems? Unterschiedlichkeit als Chance zu nutzen und als wunderbare Ergänzung zu erleben, ist die besondere Herausforderung jeder Paarbeziehung. Madeleine schaut aus dem Fenster. Die Sonne strahlt und reflektiert unübersehbar den Schmutz auf den Scheiben. Die Fenster müssen geputzt werden. Auch das noch! Madeleine könnte heulen, und sie spürt, dass es so nicht weitergehen kann. Daniel räumt den Staubsauger zur Seite und setzt sich ihr gegenüber auf den Teppich. „Vielleicht sollten wir das Pferd mal von der anderen Seite aufzäumen?“ Madeleine schaut ihren Mann erwartungsvoll an. „Pass auf! Ich sehe das so. Wir streiten uns so viel, weil wir permanent damit beschäftigt sind, möglichst viel von dem, was wir kennen und was uns wichtig ist, in unser gemeinsames Leben hinüberzuretten.“

BEDÜRFNISSE ABSTIMMEN
Im Laufe des Lebens entwickelt jeder Mensch eigene Werte. Unsere Herkunftsfamilie spielt dabei eine entscheidende Rolle. In unserer Kindheit machen wir also unsere ersten Erfahrungen im Zusammenleben als Familie. Je nach Herkunftsgeschichte und Geschwisterkonstellation entwickeln wir eigene Glaubenssätze und individuelle Rollenvorstellungen. Diese inneren Antreiber können dazu führen, dass Paare die gleiche Situation ganz unterschiedlich bewerten und erleben. Das führt verständlicherweise zu Konflikten. Und genau darin liegt die Chance jeder Paarbeziehung. Konflikte sind dazu da, unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse aufeinander abzustimmen und eine gemeinsame Lösung miteinander auszuhandeln. Was sich in der Konfliktsituation wie ein Widerspruch anfühlt, ist in Wirklichkeit nur die unterschiedliche Bewertung ein und desselben Sachverhaltes. Paare sind herausgefordert, die unterschiedlichen Bereiche einer Partnerschaft so zu gestalten, dass sie im besten Fall den höchstmöglichen gemeinsamen Konsens finden, letztlich mit dem Ziel, selbst und in der Beziehung glücklich und zufrieden zu sein. Und das bedeutet: Rücksicht nehmen, Absprachen treffen, Konflikte lösen, Kompromisse finden. Das wiederum erfordert Höchstleistung. Und wer Höchstleistung bringen möchte, der braucht eine Menge Energie und Willenskraft. Junge Paare sind besonders herausgefordert, miteinander im Gespräch zu bleiben, sich gegenseitig zu unterstützen und immer wieder den anderen in seiner Not und den damit verbundenen Bewältigungsstrategien zu akzeptieren und zu verstehen.

FÜNF GERADE SEIN LASSEN
Es geht darum, die eigenen inneren Glaubenssätze kritisch zu hinterfragen, nach gemeinsamen Werten zu suchen, in der Unterschiedlichkeit die Chance zu sehen, Neues zu entdecken und das Beste in eine gemeinsame Zukunft zu retten. Für Madeleine könnte es vielleicht bedeuten, fünf einfach mal gerade sein zu lassen. Und Daniel ist womöglich herausgefordert, mehr Verantwortung für das gemeinsame Leben zu übernehmen. Wenn Madeleine es schafft, Verantwortung abzugeben und beim Anspruch auf Perfektionismus Abstriche zu machen, hat Daniel die Möglichkeit, Aufgaben im Haus auf seine eigene Art und Weise zu erledigen. Für beide gilt: Alles hat seine Zeit, und alles braucht seine Zeit. Und nach getaner Arbeit einfach mal zu entspannen und die Zweisamkeit zu genießen – auch das braucht seine Zeit und macht das Leben als Paar erst richtig lebenswert.

 

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