Ein perfekt unperfektes Zuhause: Warum es kein Idyll braucht
Kinder brauchen kein rosarotes Idyll. Sie brauchen das Recht, sich zu streiten und wütend zu sein, meint Familienberaterin Marina Hoffmann.
„Ich will nicht mehr zu dieser blöden Familie gehören!“ Diesen Satz schrie mein siebenjähriger Sohn mir entgegen und rannte weg. Total perplex hielt ich inne, um zu begreifen, was gerade passiert war. Mein Sohn wollte einen neuen Fußball haben. Nicht, dass wir ihm keinen Fußball gönnen, aber er hatte schon drei gute Fußbälle, die in der Ecke seines Zimmers lagen.
„Wieso sagt er sowas? Das hätte ich mir als Kind nicht erlaubt! Kann er nicht dankbar sein für das, was er hat? Immer will er mehr und mehr, jetzt muss damit mal Schluss sein.“ Am liebsten wäre ich ihm hinterhergelaufen und hätte ihm all diese Gedanken entgegengeworfen. Aber ich blieb stehen. Und in diesem Moment stellte sich mir eine Frage, die mich seitdem immer wieder begleitet: Was macht ein Zuhause aus, in dem sich ein Kind wirklich willkommen fühlt?
Friede, Freude, Harmonie?
Wenn wir Eltern gefragt werden, was Kindern ein gutes Zuhause schenkt, denken wir oft zuerst an Geborgenheit, gemeinsame Rituale, harmonische Zeit miteinander. Das klingt nach vielen schönen Gefühlen und sollte natürlich auch Teil eines Zuhauses sein. Aber es gibt einen Aspekt, der in christlichen Familien besonders leicht übersehen wird: das Recht, auch die unbequemen Gefühle zeigen und in eine Auseinandersetzung gehen zu dürfen.
Wir tragen die Vorstellung in uns, dass eine friedvolle Familie bedeutet, dass es keinen Streit gibt, jeder immer Rücksicht aufeinander nimmt und Konflikte friedlich im Gespräch ausgetragen werden. Und mit dieser Vorstellung entwickeln wir eine Erwartungshaltung, die, wie ich finde, viel Druck auslösen kann.
Denn die Realität ist: In einer Familie, wo viele Menschen mit eigenen Grenzen auf engem Raum miteinander leben, wird und darf es auch mal krachen. Aber solange wir Konflikte, Geschwisterstreit und Gefühlsausbrüche als etwas Schlechtes, etwas von Gott Verbotenes einordnen oder glauben, wir seien keine guten Eltern, wenn dies bei uns zu Hause passiert, werden wir versuchen, diese Reibereien mit allen Mitteln zu verhindern oder zu unterdrücken. Wir werden versuchen, Wut zu unterbinden und „Ruhe und Frieden“ zu erzwingen, indem wir unsere elterliche Macht gebrauchen – oder vielleicht sogar missbrauchen.
Bin ich willkommen?
Ein Kind sollte nicht nur willkommen sein, wenn es dankbar, freundlich und angepasst ist. Es sollte genauso willkommen sein, wenn es sagt: „Das finde ich gerade blöd.“ „Ich bin wütend auf dich.“ „Das ist nicht fair.“ Und auch wenn es Ausdrücke verwendet, die wie bei meinem Sohn nicht besonders elegant daherkommen.
Kinder können ihre Gefühle noch nicht so formulieren, wie wir Erwachsenen uns das wünschen. Ein siebenjähriges Gehirn, das gerade mitten in der Wut steckt, ist schlicht noch nicht so weit entwickelt, dass es Enttäuschung sauber in Worte packen kann, ohne dabei über das Ziel hinauszuschießen. Was mein Kind eigentlich sagen wollte, war vermutlich: „Ich bin sauer und enttäuscht, dass ich den Fußball nicht bekomme. Und in diesem Moment fühlt sich das an, als würde ich gar nichts von euch bekommen.“ Das ist etwas anderes als Undankbarkeit. Es ist eine unreife Gefühlsäußerung.
Prägung fürs Leben
Wenn wir auf so einen Ausbruch mit Strafe, Konsequenz oder einer Moralpredigt reagieren, lernt unser Kind zwar etwas, aber nicht das, was wir eigentlich vermitteln wollen. Es lernt: „Meine unangenehmen Gefühle sind hier nicht willkommen, ich muss sie allein für mich behalten. Wenn es mir schlecht geht, darf ich das nicht zeigen. Ich werde nicht gehört, sondern zurechtgewiesen.“ Diese Erfahrungen prägen seine innere Stimme und seine Beziehungen bis ins Erwachsenenalter.
Und genau das erlebe ich in meiner Familienberatung immer wieder – bei erwachsenen Menschen. Sie erzählen mir, dass sie oberflächlich betrachtet eine gute Beziehung zu ihrer Herkunftsfamilie haben. Doch wenn wir tiefer schauen, wird deutlich: Sie wissen genau, was sie ansprechen dürfen und was nicht. Sie wissen, was von ihnen erwartet wird, und haben früh gelernt, sich anzupassen. Die Beziehungen sind vielleicht freundlich und wirken harmonisch, aber sie sind nicht tief. Es fehlt die Vertrautheit, die entsteht, wenn man auch die eigenen Ecken und Kanten zeigen durfte und trotzdem gehalten und ernst genommen wurde.
Kein Zeichen von Scheitern
Wir dürfen als christliche Eltern neu lernen: Konflikte sind keine Angriffe auf den Familienfrieden, die es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Werden Konflikte erlaubt und nicht im Namen der Harmonie unterdrückt, lernen Kinder etwas sehr Wertvolles: Sie lernen, über ihre Grenzen zu sprechen und auszudrücken, wie es ihnen geht. Und sie machen die Erfahrung: „Hier werde ich ernst genommen, auch wenn ich es noch nicht besonders freundlich sagen konnte. Mir wird geholfen, Worte für meine Gefühle und Bedürfnisse zu finden.“
Dabei ist mir wichtig zu betonen: Es gibt einen Unterschied zwischen echtem Frieden und einem Frieden, der nur so aussieht. Wir können Streit im Keim ersticken, mit einer Drohung wie: „Wenn du mit diesen frechen Sätzen nicht sofort aufhörst, nehme ich die ganze Legokiste weg!“ Oder wir beenden Geschwisterstreit mit Manipulation: „Schämt ihr euch nicht, ihr macht mich ganz wütend und traurig, wie ihr euch verhaltet. Vertragt euch jetzt sofort.“ Oder wir erheben unsere Stimme so laut und streng, dass die Kinder aus Angst verstummen.
Es wird dann still zu Hause. Aber es ist kein Friede, der da entsteht. Der Konflikt ist nicht gelöst, er ist nur nicht mehr hörbar. Und unsere Kinder lernen dabei etwas anderes, als wir eigentlich vermitteln wollen: dass der Stärkere gewinnt, dass Gefühle gefährlich sind und dass es sicherer ist zu schweigen, als sich ehrlich und echt zu zeigen.
Ein offenes Herz
An jenem Tag bin ich meinem Sohn nicht direkt nachgegangen, um ihm meine Vorwürfe an den Kopf zu werfen. Stattdessen habe ich selbst erstmal tief durchgeatmet, mich hingesetzt und mir folgende Fragen gestellt: „Wie geht es meinem Kind gerade? Ist es wirklich der Fußball oder steckt dahinter noch etwas anderes? Wie ist unser Alltag in letzter Zeit? Ist er zu vollgepackt? Gibt es genug Raum für Bindungsmomente, für Zeiten ohne Agenda, fürs Spielen und Lachen? Bin ich selbst eher angespannt unterwegs? Was könnte mein Kind aktuell vielleicht noch belasten oder frustrieren?“
Diese kurze Reflexion half mir, die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Nicht mit dem Blick: „Welche negative Konsequenz braucht mein Kind, damit es sowas nicht mehr sagt?“ Sondern mit dem Blick: „Wie kann es ihm und uns gemeinsam wieder besser gehen?“
Ich habe mich anschließend zu ihm gesetzt und gesagt: „Du bist gerade richtig enttäuscht, dass du den Fußball nicht bekommst, oder?“ Er nickte. Seine Augen schimmerten feucht. Ich fragte: „Gibt es noch etwas, was dich gerade stört?“ Und ja, da gab es noch einige Punkte, die mein Sohn nun äußern durfte und die ihn schon seit Tagen nervten und belasteten. Jetzt durfte alles raus. Tränen liefen. Er öffnete mir sein Herz. Das wäre nicht passiert, wenn ich mit einem drohenden Zeigefinger auf ihn zugekommen wäre.
Schlussendlich lagen wir uns in den Armen, und mein Sohn sagte: „Ich hab‘ unsere Familie lieb.“ Und ich sagte: „Ja, wir sind schon ein ziemlich gutes Team, auch wenn wir streiten. Du kannst immer zu mir kommen, wenn dich was beschäftigt. Nächstes Mal kannst du vielleicht sagen: Ich find es grad richtig doof, wie es hier läuft!“
Kein Ort ohne Reibung
Dieses Erleben, willkommen zu sein, löst tatsächlich etwas in Körper und Nervensystem unserer Kinder aus. Wenn ein Gefühl Raum bekommt, statt weggedrückt zu werden, kann das Kind zur Ruhe kommen. Es atmet durch. Und genau daraus wächst über die Zeit Vertrauen – die Basis für eine sichere Bindung.
Ein Zuhause, in dem sich Kinder wirklich wohlfühlen, ist kein Ort ohne Reibung. Es ist ein Ort, an dem Reibung sein darf mit dem Wissen: Unsere Beziehung hält das aus. Ein Ort, an dem ein Kind auch sagen darf: „Das war heute blöd“, ohne dafür bestraft zu werden. Und ein Ort, an dem es erfährt: „Ich werde geliebt, nicht weil ich immer freundlich und dankbar bin, sondern weil ich dazugehöre, so wie ich bin, mit allem, was gerade in mir los ist.“
Und falls dir das nicht immer gelingt: Auch das darf sein. Du musst nicht immer perfekt verstehen, was in deinem Kind vorgeht. Es reicht, wenn du es immer wieder versuchst. Genau daraus wächst über die Jahre ein perfekt unperfektes Zuhause, in dem sich dein Kind willkommen fühlt.
Marina Hoffmann ist verheiratet, Mama von zwei Söhnen und systemische, bindungsorientierte Familienberaterin. Infos zu ihren Angeboten und Onlineevents: www.das-weiche-herz.de







