„ADHS wird manchmal zu schnell diagnostiziert“

Der amerikanische Kinderarzt und Neurologe Richard Saul behauptet in seinem Buch „Die ADHS-Lüge“, ADHS sei keine Krankheit. Den Symptomen, die normalerweise mit ADHS erklärt werden, lägen andere Erkrankungen oder Störungen zugrunde. Family hat die Lerntherapeutin Melanie Santa Vita gefragt, was sie von dieser These hält.

 

Hat Professor Saul recht, dass es ADS und ADHS gar nicht gibt?

Grundsätzlich denke ich, dass man das Thema Diagnostik bei ADS und ADHS viel differenzierter sehen muss, als es derzeit praktiziert wird. In Teilen schneidet Richard Saul Themen an, die durchaus kritisch zu sehen sind und kontrovers diskutiert werden können. Die Existenz des Störungsbildes grundsätzlich in Frage zu stellen, halte ich allerdings für den falschen Weg.

Was ist denn so kritisch bei der Diagnostik?

Die Diagnostik sollte auf der Basis von Forschungskriterien und anhand bestimmter Leitlinien geschehen: Demnach sollte eine ausführliche Anamnese erfolgen, eine körperliche Untersuchung stattfinden, ein störungsspezifischer Fragebogen ausgefüllt und Testungen durchgeführt werden, wie zum Beispiel ein Konzentrationstest und ein Intelligenztest. Empfohlen wird eine umfangreiche Diagnostik, bei der klinisch relevante Informationen auf mehreren Ebenen eingeschätzt werden. Dieser Empfehlung wird leider nicht immer nachgegangen. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass Eltern in der Anamnese viele Schilderungen sehr subjektiv wiedergeben und auch die Fragebögen dementsprechend ausfüllen. Das heißt, und das spricht Herr Saul in seinem Buch auch an: Wenn Eltern im Vorfeld davon ausgehen, dass bei ihrem Kind eine ADHS vorliegt, könnte die Diagnostik durch gezielt ausgesuchte Berichte in der Anamnese und durch das entsprechende Ausfüllen der Fragebögen in die gewollte Richtung gelenkt werden. Auch die Tests haben ihre Tücken: Der Tester sitzt dem Kind in der Regel unmittelbar gegenüber. Manche Kinder sind in dieser Situation gehemmt, sie können ihre Leistung nicht abrufen. Andere Kinder geben wiederum ihr Bestes, auch wenn sie sich sonst nicht konzentrieren können. Außerdem dauert ein Konzentrationstest, je nach Testauswahl, zwischen zehn und zwanzig Minuten. Damit ist immer nur ein kleiner Konzentrationsausschnitt zu beobachten. Ein Diagnostiker, der sich ausschließlich auf Fragebögen und Testergebnisse verlässt, wird unter Umständen entsprechend schneller ADS oder ADHS diagnostizieren können als ein Diagnostiker, der die Begebenheiten differenzierter beleuchtet und auch persönlichkeitsrelevante Aspekte in die Entscheidung mit einfließen lässt.

6 Kommentare
  1. K. Schulze says:

    AD(H)S wird manchmal zu schnell diagnostiziert? Na klar, und am schnellsten darin bin ganz klar ICH! Ich komme, sehe und diagnostiziere: „ADS, klarer Fall, und ein bisschen H dabei, nicht zu übersehen… “ Jemand zeigt so ein typisches Verhalten: „Hat der AD(H)S, oder was?!“ DAS sind SCHNELLDIAGNOSEN! In den meisten Fällen absolut harmlos und eher nett gemeint und stammen nicht selten von AD(H)S-lern in höchsteigener Person, die haben ein Näschen dafür! Mit einer ärztlichen Diagnose haben solche Sprüche natürlich nichts gemein! Also, mal im Ernst: mag ja sein, dass das in Amerika anders ist, aber hat irgendjemand, der in Deutschland von ADS mit oder ohne H betroffen ist, erlebt, dass irgendetwas (zu) schnell geht? Z.B. einen Termin beim Facharzt bekommen, beim Facharzt weitere Termine für die Tests, die von den Lehrern auszufüllenden Fragebögen zurückbekommen, usw. bis zu dem Zeitpunkt, an dem das ganze Zeug augewertet ist und man schon wieder einen Termin braucht? Und davor? Wie viele Jahre mit Besonderheiten liegen bereits hinter Kindern und Erwachsenen, bis es überhaupt zu einer Diagnostik kommt, wieviele schwierige Situationen, wieviele Gespräche mit Erziehern und Lehrern, wieviele Einträge in Hausaufgabenheften, wieviele berufliche Probleme, wieviel Leid und Ängste…? Ich denke, wenn ADS-Betroffene eine Sorge nicht haben, dann die, dass die Diagnose, die den Schlüssel für mögliche Hilfe darstellt, zu schnell erfolgte! Diese Sorge haben wohl eher die Nichtbetroffenen. Jemand könnte meinen, sie und/ oder ihr Kind hätten ADS, nur weil sie vielleicht manchmal etwas schusselig sind oder ihr Kind ein etwas überschiessendes Temperament besitzt, oder was auch immer. Liebe ADSler, lasst euch nicht kirre machen von all den Unsicherheiten, die in den Medien geschürt werden. Liebe Family-Redaktion, was haltet ihr davon, mal was handfestes zum Thema AD(H)S zu bringen, anstatt auf dieser „Könnte-hätte-sollte-vielleicht-mal-sehen“ -Welle mitzureiten?

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  2. T.Wirths says:

    Als Mutter eines 11jährigen AD (H)S – Kindes hätte ich mir im Artikel mehr Klarheit gewünscht. Bei uns hat es bis zur Diagnose Jahre gedauert… und wie oft wird man mit Vorurteilen und Besserwissereien konfrontiert. „Gebt eurem Kind nur kein Medikament!“ „Kinder sollten mehr draußen spielen und sich austoben – dann haben sie auch kein ADHS!“ … Unglaublich …unser Kind schaut kein fern und ist fast jede freie Minute draußen toben und kicken. Die Lehrerin sagt, sie habe viele solche Kinder in der Klasse – ihr mussten wir erstmal erklären wie ausführlich unsere Diagnostik war! Auf der Titelseite Ihrer Zeitschrift steht die Frage „Alles nur Lüge?“ Und die Antwort? Ein klares „Jein!“ Über
    AD (H)S gibt es noch so viel Halbwissen, so viele scheinbare „Experten“ und Theorien. Auch wünsche mir mal einen fundierten Bericht in der family! Vielleicht sogar mit Interviews betroffener Familien?

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  3. S. Kistner says:

    Hut ab vor der Redaktion das Thema ADHS in Angriff zu nehmen. Der Artikel in family ist mir dann doch etwas zu „süßlich“ ausgefallen. Zu ADHS gibt es knallharte Fakten. Sie sind nachzulesen in dem Buch: „Die Kinderkrankmacher“. Die Autorinnen Beate Frenkel und Astrid Randerath haben das „Geschäft mit den Kindern“ erschreckend schonungslos offengelegt.

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  4. Gardiners-Seychellenfrosch says:

    Bei Autismusspektrum sieht es auch nicht besser aus. *seufz* Meine Diagnose hat 22 Jahre gedauert vom ersten Verdacht bis zur schriftlichen Diagnose. Von Diagnostikterminvereinbarung bis zum Erstgespräch Wartezeitminimum 1 Jahr. Bis man alle Hilfen Schulbegleiter etc. bewilligt hat geht auch wieder Zeit ins Land…

    Liebe Family, ihr könntet auch mal was Fundiertes über Autismus bringen, aufräumen mit dem Mythen über ABA, MMS und Autismus+Impfen.

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    • Bettina Wendland says:

      Hallo, wir hatten schon öfter mal was zu Autismus in Family. Was genau würden Sie sich wünschen? Zum Thema Impfen planen wir bereits einen fundierten Artikel, da wird es auch über die Mythen in Bezug auf Autismus gehen.

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  5. Michael Röstel says:

    Mein Sohn war schon immer ein sehr nerviges Kind. Immer hat er seinen Zwillingsbruder geärgert. Er konnte nicht still sitzen, war eigentlich immer unterwegs. Seine Erzieherin im Kindergarten sprach mit uns und mit dem Kinderarzt waren wir uns einig: wenn die verhaltenstherapeutische Maßnahme nicht funktioniert müssen wir uns mit dem Gedanken an Ritalin anfreunden. Doch da gab es eine Heilpraktikerin, die in unserer Bank einen Vortrag über Ausleitungstherapie hielt. Ich hörte mir das an und beschloss mit unserem Jungen mal bei dieser Heilpraktikerin aufzutauchen. Gut, die Ausleitungstherapie haben wir zwar ausprobiert und geholfen hat´s nur bedingt. Aber diese Heilerin machte sich mit uns auf den Weg, um nach dem eigentlichen Grund für sein Nervosität zu suchen. Und sie fand diesen Grund. Er hatte einen entzündeten Darm, unter Umständen von Schmerzzäpfchen,. Sie verordnete dem jungen Mann eine Diät, die seinen Darm entlastete, gab ihm spezielle Medikamente, die er gerne nahm, weil er auch schon unter einem gewissen Leidensdruck stand. Und siehe da: seit dem ersten Schultag ist er ein sehr williger Schüler, der gerne lernt.

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