Family Sexleben

GIBT ES EIN SEXLEBEN NACH DER GEBURT?

Wenn sich der Nachwuchs einstellt, dreht sich erst mal alles ums Kind. Doch die frischgebackenen Eltern sollten die Romantik nicht aus den Augen verlieren, rät Sexualtherapeutin Veronika Schmidt.

Nur wenigen Paaren ist wirklich bewusst, wie stark ein Kind ihre Beziehung und ihr Sexleben durcheinanderbringen kann. Doch eigentlich ist es gar
nicht so schwer, die entsprechenden Vorsorgemaßnahmen zu treffen, um ein Auseinanderdriften der frischgebackenen Eltern zu verhindern. Am leichtesten finden Paare in den Wochen nach der Geburt im Bett wieder zueinander, wenn sexuelle Begegnungen im positiven Sinne selbstverständlich sind und ein beständiger Teil der Beziehung bleiben.

Aber nicht erst die Zeit nach der Geburt kann für ein Paar zur Zerreißprobe werden. Auch schon davor sind Hürden für ein entspanntes Sexleben zu überwinden. Wenn der Kinderwunsch lange Zeit unerfüllt bleibt, ist Sex möglicherweise über Monate oder sogar Jahre nach Zyklusplan angesagt und zu einer Pflicht geworden. Manche Paare kapitulieren dann angesichts einer Art Überdosis. Eine ungeplante oder zu schnelle Schwangerschaft zu Beginn der sexuellen Beziehung versetzt das Paar in Stress und beeinträchtigt häufig auch die Entwicklung eines befriedigenden Sexlebens.

Auch Paare ohne solch eine Leidensgeschichte „vergessen“ manchmal einfach den Sex in der Schwangerschaft. Andere Paare werden übervorsichtig und ängstlich und gehen nicht mehr miteinander ins Bett, um das Baby nicht zu „stören“. Dazu scheitern manche Paare daran, dass sie die Frau nur in Extremen sehen können – als „Hure oder Heilige“. Diese verdrehte Perspektive kann auch nach der Geburt weiter wirken. Also müssen Frauen sich ihrer mütterlichen und ihrer erotischen Seite widmen, Männer in sich das Bild von ihrer Frau als Mutter und Liebhaberin vereinen können. Dass dies nicht allen Paaren gelingt, ist sicherlich ein Grund dafür, dass die Zahl der Seitensprünge in der heiklen Zeit von Schwangerschaft und Geburt so hoch ist.

KEINE ANGST VOR SEX IN DER SCHWANGERSCHAFT

Wenn es keine medizinischen Vorbehalte zum Beispiel wegen einer Risikoschwangerschaft oder Frühwehen gibt, braucht der schwangere Körper keine Sexabstinenz. Die gesundheitlichen Vorteile des regelmäßigen Sexlebens tun Körper, Seele, Geist und der Paarbeziehung gut. Es gibt Frauen, die ihre Sexualität während einer Schwangerschaft mehr genießen, weil sie jetzt nicht ungeplant schwanger werden können. Im ersten Drittel der Schwangerschaft ist die Lust oft nicht sehr groß, sie steigt im zweiten Drittel bei vielen Frauen aber wieder an. Weil die Geschlechtsorgane durch die Schwangerschaft besser durchblutet sind, erreichen Frauen sogar leichter einen Orgasmus. Gegen Ende der einzelnen Schwangerschaftsdrittel setzen die körperlichen Veränderungen der Lust auf Sex Grenzen. In dieser Phase könnten Paare mit schonenden Sexstellungen experimentieren oder auch andere erotische Möglichkeiten ausloten. Leider suchen viele Paare, die kaum Sex während der Schwangerschaft miteinander haben, auch sonst oft keinen Körperkontakt. Dabei tun sich Paare, die einander regelmäßig auf zärtliche Weise berühren, deutlich leichter, nach längerer Sexabstinenz wieder zueinander zu finden.

Es schadet der Beziehung, wenn man aufhört, sich erotisch zu begegnen. Egal, in welcher Beziehungsphase – Paare sollten sich beständig auch als erotisches Liebespaar sehen und dafür Sex „rationalisieren“. Das heißt, Sex als ganz natürlichen und normalen Bestandteil der Beziehung betrachten und ihn nicht einfach einstellen. So, wie sie weiterhin essen und trinken, schlafen und Sport treiben … Am wichtigsten ist dabei die Erkenntnis: Lust auf Sex fängt nicht bei der Lust an, sondern beim sexuellen Spiel, bei dem die Lust sich einstellen wird. Dass wir im Bett tun, was uns Spaß macht, ist eine wichtige Voraussetzung. Und das kann man erlernen (mehr dazu in meinem Buch „Alltagslust“).

MÄNNER MIT „GEBURTSTRAUMA“

Mit der Geburt beginnt dann ein neuer Lebensabschnitt für die Eltern. Heutzutage sind die Väter im Kreißsaal meistens dabei. Für viele ist das auch eine unglaublich schöne Erfahrung, aber nicht für alle. Immer wieder begegnen mir Männer in der Praxis, für die die Geburt ihres Kindes ein traumatisches Erlebnis war. Sie kriegen die Bilder nicht mehr aus dem Kopf vom Blut, den Verletzungen, dem Anblick der leidenden Frau, der Hektik im Gebärsaal. Manche tun sich dann schwer mit der Vorstellung, in diese Vagina wieder eindringen zu wollen und kämpfen mit dem Impuls „nie mehr Sex zu wollen“. Paare sollten darüber unbedingt im Vorfeld der Geburt sprechen. Ob er dabei sein will, welche Bedenken und persönlichen Grenzen er hat, wie er damit umgehen kann. Zum Beispiel: am Kopfende der Frau bleiben, sich keinen Spiegel in die Hand drücken lassen, den direkten Blick auf den Geburtsvorgang vermeiden. Werden Männer im Nachhinein ihre Eindrücke nicht mehr los, sollten sie sich unbedingt Hilfe holen. Besser auch schon davor. Es gibt einige Kliniken oder Anlaufstellen, die sich den Fragen der Männer zum Vaterwerden annehmen.

DEPRESSIONEN UND KÖRPERHASS

Offiziell leidet etwa eine von sechs Frauen an postnataler Depression. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Eine verständnisvolle Umgebung kann helfen, dass die Verstimmung nach ein paar Wochen von selbst wieder verschwindet. Doch wenn Unglücklichsein über die Mutterschaft und zwiespältige Gefühle dem Kind gegenüber anhalten, ist professionelle Hilfe angezeigt. Manchmal braucht es dazu den nachdrücklichen Anstoß von der nächsten Umgebung. Depressionen haben negative Auswirkungen auf die Partnerschaft, aber noch häufiger lösen schon bestehende Schwierigkeiten und unzufriedene Beziehungen die Depressionen aus – bei beiden Partnern. Auch das Körperbild trägt seinen Teil zur Unzufriedenheit bei. Der Bauch ist schlaff, die Brust überbeansprucht und das Übergewicht hartnäckig. Dass Männer ihre Frauen nach der Schwangerschaft nicht mehr attraktiv finden, oder dass Frauen unter ihrem Körper leiden, spielt bei der Sexver- drossenheit vieler Paare eine Rolle.

Die Hauptursache für die Unzufriedenheit sind oft unrealistische Vorstellungen, geprägt von Bildern Prominenter. Diese beenden ihre Schwangerschaft häufig per Kaiserschnitt, bevor der Körper die extremsten Veränderungen durchmacht. Und sie bringen sich mit teurem Personal Training innerhalb kürzester Zeit wieder in Bestform. Doch der Körper braucht mindestens neun Monate, um sich hormonell ans Nichtschwangersein wieder anzupassen. Damit ist der Körper rein äußerlich aber noch nicht zwingend im Ursprungszustand. Versöhnung mit dem „neuen“ Körper ist also angesagt. Ein befriedigendes Sexleben kann das Vertrauen in den eigenen Körper durchaus wachsen lassen.

WIE BEIM ERSTEN MAL

Wie der Körper verändert sich auch die Sexualität mit jeder Geburt. Der Sex muss neu ausprobiert werden. Einige Paare schlafen so schnell wie möglich wieder miteinander, bei anderen dauert es Monate, aus denen dann manchmal Jahre werden, wo Sex nur noch ab und zu stattfindet. Diesen Paaren rate ich sehr, das sexuelle Gleichgewicht wieder herzustellen. Denn der Kinderalltag ist zwar stressig und herausfordernd er kann aber der Beziehung auch neue Tiefe geben. Viele Frauen erleben zudem Sexualität nach der ersten Geburt viel ganzheitlicher und empfinden mehr dabei.

Manchmal kommt die Lust erst nach einiger Zeit zurück. Man sollte sich hier nicht unter Druck setzen. Aber man sollte trotzdem das Ziel „Lust“ auf dem Radar haben. Die Angst, gleich wieder schwanger zu werden, kann die Lust beeinträchtigen. Also lohnt es, über Verhütung zu sprechen. Stillen ist kein zuverlässiges Verhütungsmittel. Weil sich der Zyklus noch nicht wieder eingependelt hat, sind Verhütungsmethoden, die sich danach richten, ungeeignet. Kondome schützen nicht nur vor einer neuen Schwangerschaft, sondern auch vor Keimen, die eine Infektion verursachen könnten.

Der Körper braucht etwa sechs bis acht Wochen, um sich von der großen Umstellung von Schwangerschaft und Geburt zu erholen. Die Ablösung der Plazenta hat im Körper eine große Wundfläche hinterlassen. Ist di se abgeheilt und der Wochenfluss versiegt, kann man wieder miteinander schlafen. Die Lust der Frau auf Sex ist aber oft weniger ausgeprägt, weil sie durch das Stillen und die damit ausgeschütteten Hormone bereits Befriedigung erlebt. Geburtsverletzungen oder Schei- dentrockenheit wegen des Stillens können beim Geschlechtsverkehr zudem Schmerzen verursachen. Ein hochwertiges Vaginalgel kann Abhilfe schaffen. Der erste Sex nach der Geburt ist wie das erste Mal – nur leider ohne die Aufregung der Verliebtheit. Für die Zeit nach der Geburt kann es helfen, sich über Küssen und Petting der Sexualität wieder anzunähern, aber auch, sich emotional auszutauschen.

EIN KIND KANN PAARE UNGLÜCKLICH MACHEN

Nach der Geburt wird in der Partnerschaft vieles anders. Das Baby steht im Mittelpunkt, die Mutter muss sich erholen, der Alltag neu erfunden werden. Zum ersten Mal Eltern werden ist oftmals nicht nur reine Freude, sondern auch ein Schock. Untersuchungen zeigen: Viele Paare fühlen sich mit Baby unglücklicher als ohne. Gleichzeitig haben sie den Eindruck, sie müssten jetzt eigentlich rundum glücklich sein und setzen sich damit zusätzlich unter Druck. Doch nicht nur das Seelenleben, auch der Alltag muss neu geordnet werden.

Kinderbetreuung, Job, Hausarbeit, Hobbys, Gemeindeengagement, Paarzeit – das alles muss neu eingespurt werden. Ein Baby beansprucht etwa ein Viertel der verfügbaren Zeit. Vor der Geburt haben viele Paare den Haushalt einigermaßen fair aufgeteilt, die Mehrheit möchte dies beibehalten. Doch sobald Paare Eltern werden, wird die innerfamiliäre Aufgabenverteilung oft traditionell – auch entgegen der eigenen Ideale. Dieses Ungleichgewicht frustriert vor allem Frauen, denn sie müssen die persönlichen Bedürfnisse deutlich stärker einschränken.

Die Aufgabenteilung, die Beziehung, das Liebes- und Sexleben neu aushandeln klingt nicht sehr poetisch, ist aber eine Notwendigkeit. Wenn es nicht gelingen will, ist Beratung angezeigt. Denn es lauert die Gefahr der Unachtsamkeit. Die Kommunikation des Paares verändert sich nämlich. Oft wird der Umgangston mit dem Baby rauer, sogar gehässig. Paare sind kürzer angebunden und die Gesprächsthemen verändern sich. Die Verbundenheit bleibt nur bestehen, wenn man auch über Gefühle spricht, darüber, wie man sich fühlt bei dem, was passiert.

Es ist für die Paarzufriedenheit zudem entscheidend, regelmäßig ohne Kind etwas zu unternehmen, je früher, desto besser. Fehlende Zweisamkeit schadet. Am besten trägt man schöne Termine schon vor der Geburt in die Agenda ein. Denn man ist nicht nur Eltern, sondern auch Liebes- paar, und will es hoffentlich bleiben.

 

Veronika Schmidt arbeitet als Paar- und Familienberaterin und Sexualtherapeutin in eigener Praxis in Schaffhausen am Rhein. Im vergangenen Jahr ist ihr Buch „Alltagslust – ganz entspannt zu gutem Sex“ erschienen. Sie bloggt unter www.liebesbegehren.ch