Keine falsche Scham

Ingrid Jope plädiert dafür, dass Frauen sich gegenseitig unterstützen.

Jahrelang haben wir uns nicht gesehen. Meine Freundin ist in der Zwischenzeit dreifache und ich bin zweifache Mutter geworden. Sie lebt mit ihrer Familie in Dänemark und arbeitet dort als Lehrerin. Während unsere Männer sich um die Rasselbande kümmern, können wir zwei uns für einen Spaziergang durch den Winterwald ausklinken. Ich komme ins Erzählen – von den Stolpersteinen, die unserer Tochter den Einstieg in ihre schulische Laufbahn erschwert haben. Von unseren Erlebnissen mit verschiedenen Lehrkräften und von wertvoller Förderung, die wir in Person einer Motopädin gefunden haben. Durch spontan geäußerte Kommentare von Linda bekomme ich eine bessere Sicht auf die Perspektive der Lehrerin. Später schreibt sie mir, wie wertvoll sie es findet, dass ich ihr von unseren Schwierigkeiten erzählt habe. Nach ihrer Erfahrung haben Mütter es schwer, über Nöte und Sorgen zu reden, die mit der Entwicklung ihrer Kinder einhergehen. Allzu oft führe eine falsche Scham dazu, dass Mütter letztlich furchtbar allein bleiben mit dem, was sie bedrückt. Dann fügt sie noch an: „Das muss aber nicht so bleiben! Schreib doch dazu mal was in Family.“ Recht hat sie!

Scham würde ich es nicht direkt nennen. Aber einen Anflug von deprimierter Hilflosigkeit kann ich schon nachvollziehen, wenn ein Kind mit den durchschnittlichen Anforderungen nicht klarkommt. Auch das Gefühl „Erdboden, tu dich auf!“ ist mir nicht unbekannt, wenn Kinder sich ganz anders verhalten, als es unseren Erziehungszielen entspricht. Gedankenlos hingeworfene Urteile wie „Das kann ich überhaupt nicht verstehen, dass ein Kind sich so benimmt!“ machen die Sache nicht leichter. Eltern können sich gegenseitig das Leben manchmal ziemlich schwer machen.

Aber sie können einander auch aufbauen. Zum Beispiel, wenn wir eine oder zwei Freundinnen haben, mit denen wir uns offen über das austauschen können, was uns im Blick auf die Entwicklung unserer Kinder Sorgen macht. Wenn wir uns gegenseitig nicht mit der Fassade eines vorbildlichen Familienlebens zu beeindrucken versuchen, können wir stattdessen einen ehrlichen Einblick gewähren. Manchmal tröstet es schon, zu hören, dass die andere Familie auch ihre Kampffelder und Nöte hat. Ein anderes Mal hat mein Gegenüber für meine Situation einen Geistesblitz, auf den ich selbst nicht gekommen wäre. Ich entdecke durch die Erfahrung der anderen Mutter eine Fördermöglichkeit, die mir ohne dieses Gespräch entgangen wäre. Und schließlich tut es oft einfach gut, Verständnis statt Verurteilung zu erfahren, einander den Rücken zu stärken und zum Durchhalten zu ermutigen.

Mit einer anderen Freundin, die in der Nähe wohnt, treffe ich mich möglichst einmal im Monat, um noch mehr als miteinander auszutauschen. Wir erzählen uns nicht nur gegenseitig unsere Sorgen, sondern geben sie danach gemeinsam im Gebet an Gott ab. Gerade bei Problemen, die wir selbst nicht aus eigener Kraft bewältigen können, tut es unwahrscheinlich gut, auf die Worte von Jesus zu vertrauen: „Wenn zwei von euch auf der Erde gemeinsam um irgendetwas bitten: Mein Vater im Himmel wird ihnen ihre Bitte erfüllen.“ (Matthäus 18,19)

Ingrid Jope ist Theologin und Sozialpädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wetter/Ruhr.

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