Null-Bock-Stimmung: Wie die Pubertät zu Desinteresse führt
Elternfrage: „Seit meine Tochter (13) in der Pubertät ist, zeigt sie an nichts mehr Interesse, obwohl sie früher so begeistert von vielem war. Das macht mich wahnsinnig. Wie kann ich mit dieser Null-Bock-Stimmung umgehen oder etwas daran ändern?“
Es gibt diesen Moment, den viele Eltern kennen: Man schaut sein Kind an und sucht darin das Kind, das man großgezogen hat. Das begeisterte, stets neugierige Menschlein, welches die Welt kennenlernen will. Jenes Kind, das einen ständig mit lebenswichtigen Fragen überhäuft hat. Das morgens schon sehr früh am Bett stand und voller Tatendrang den Tag kaum erwarten konnte.
Mit der Pubertät ändert sich das. Jetzt sitzt da ein junger Mensch auf dem Sofa, das Handy in der Hand. Und auf die Frage: „Hast du heute Lust …?“ kommt nur ein Grummeln, das kein Ja und kein Nein ist. In vielen Eltern steigt dann ein Gefühl zwischen Ratlosigkeit und Ohnmacht auf. Viele haben Angst, die Beziehung zu ihrem Kind zu verlieren. Die totale Verweigerung eines gemeinsamen Lebens ist schwer zu ertragen. Das familiär geknüpfte, enge Band, getragen aus Liebe, Fürsorge, Aufmerksamkeit, Sicherheit und gemeinsamen Werten, wird durch das Kind scheinbar aktiv aufgelöst.
Gehirn im Umbau
Was wir als Desinteresse erleben, ist in den meisten Fällen keines. Das Gehirn unserer Kinder befindet sich in einem der aufreibendsten Umbauprozesse des Lebens. Alles wird neurologisch neu verdrahtet. Natürlich hilft es, das zu wissen – aber nur bedingt, wenn man abends am Küchentisch sitzt und das Gefühl hat, mit einer Fremden zusammenzuleben. Es bleiben zwei Möglichkeiten: Eltern können in dieser Phase in den Widerstand gehen, klagen und sich ihr kleines Kind zurückwünschen. Oder sie entscheiden sich, ihr „neues Kind“ so anzunehmen, wie es ist: mit der Krise, die die Pubertät mit sich bringt und auch der Null-Bock-Phase.
Genau hinschauen
In Wahrheit ist diese Null-Bock-Phase gar keine, denn die Pubertierende hat schon Interessen. Unsere Kinder schauten sich auch bei schönstem Sonnenschein stundenlang YouTube-Videos im abgedunkelten Zimmer an, über Themen, die ich nicht nachvollziehen konnte. Die Pubertät lädt uns Eltern dazu ein, genau hinzuschauen und nicht zu bewerten. Es geht nicht darum, plötzlich Fan derselben Dinge zu werden, sondern dem Kind Aufmerksamkeit zu schenken, auch wenn es gerade schwer zugänglich ist. Kinder in der Pubertät stellen im Grunde eine einzige große Frage: „Liebst du mich noch, wenn ich deine Welt verlasse und eigene Wege gehe?“
Bedingungslose Liebe ist kein pädagogisches Rezept. Sie ist eine Haltung, die wir praktisch an unsere Kinder weitergeben dürfen: Durch Zuhören, auch wenn uns das Gesagte nicht interessiert oder die Themen komplett fremd für uns sind. Es geht darum, der Pubertierenden die Sicherheit zu geben, dass man immer da ist, auch wenn die Welt im Moment im Chaos versinkt. Den Rest können wir wie bei Wehen einfach wegatmen, denn im Prinzip wird in dieser Phase der erwachsene Mensch geboren, der dann mit Zuversicht in die Zukunft blickt. Und wir dürfen ein Teil von dieser Zukunft sein.
Sonja Linde ist pädagogische Fachkraft und systemische Kinder- und Jugendlichen-Therapeutin. Sie ist Mutter zweier Jugendlicher.
Stella vom Meer ist pädagogische Fachkraft und unterrichtet an einer inklusiven Schule. Sie hat zwei erwachsene Söhne.








