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Artikel aus den Heften

Ein Paar, zwei Perspektiven – Neuland

An Veränderungen gewöhnen

Katharina Hullen ärgert sich darüber, dass ihr Mann der großen Tochter mehr erlaubt, als sie es tun würde.

Katharina: Nun ist es also so weit: Das Jüngste unserer fünf Kinder wurde eingeschult, die hullensche Kindergartenzeit ist nach 12 Jahren endgültig vorbei. Der Alltag muss umstrukturiert werden. Neue Zeiten, neue Regeln, neue Diskussionen. Bei so viel Neuem schnappe ich mir unseren Erstklässler und gönne ihm – und mir – ein Wochenende zu zweit.

Doch bevor wir aufbrechen, setzt mich unsere Älteste zwischen Tür und Angel noch darüber in Kenntnis, was sie an diesem Wochenende so vorhat. Sie ist mit dem neuen Schuljahr in die Oberstufe aufgestiegen und ist – irgendwie plötzlich – unglaublich beschäftigt und ständig unterwegs. Und, wie mir auffällt, mit völlig neuen Freunden, deren Namen nie zuvor gefallen sind. Und Partyeinladungen – die sind irgendwie auch neu. Also nicht mehr so Kindergeburtstagsfeiern am Samstag um 15 Uhr, sondern Partys mit Jungs und Mädels und ja, auch mit etwas Alkohol. Eben zu so einer Party von einem neuen Freund wollte unsere frische Oberstufen-Tochter an diesem Wochenende.

Als ich von meinem sommerlichen Mutter-Sohn-Wochenende zurückkehre, erfahre ich dann Folgendes: Irgendwann Samstagnacht hatte unsere Tochter den besten Ehemann oder passenderweise den besten Vater der Welt angerufen und ihm erklärt, es sei so schön und es würden spontan ein paar Schulfreundinnen und Schulfreunden über Nacht bleiben, und ob sie denn nicht auch bitte dort schlafen dürfe? Auf den Gartensofas auf der Terrasse?

Und, was glauben Sie, war seine Antwort? „Ich weiß, Mama würde dir das jetzt sicher nicht erlauben, aber ich kann dich gut verstehen – Oberstufenzeit ist toll! Ja, übernachte ruhig dort!“

Soll ich lachen oder schreien? Ich könnte mich ärgern darüber, dass er sich wissentlich und öffentlich in dieser Sache gegen meine vermutliche Entscheidung gestellt hat. Andererseits war er zuständig in dieser Situation und hat eben aus dem Bauch heraus voller Empathie und Liebe seiner Großen einen Wunsch erfüllt. Nicht ohne zu betonen, dass selbstverständlich alle Bedenken, die gegen diese Übernachtung sprächen, sicher von mir vorgetragen worden wären, aber zum Glück ist Mama ja jetzt nicht da – ein zweifelhaftes Bündnis, wie ich finde. Ich meine, natürlich hat Hauke weniger Probleme mit dieser Veränderung (Neuerungen, neuen Ideen), schließlich wusste er auch schon zu Kindergeburtstagszeiten die Namen der Freundinnen nicht.

Ich weiß auch: Diese Entwicklung ist völlig normal und richtig so. Es ist auch schön zu sehen, wie unsere Große an der geöffneten Tür in die große weite Welt steht. Klug, vernünftig, begabt, mit Träumen und Zielen und Fragen – es gibt faktisch nur Grund zur Freude. Und doch spüre ich: Mein Herz muss sich noch und immer wieder gewöhnen an all die großen und kleinen Veränderungen.

Freude über den Neustart

Hauke Hullen ist zwar genervt vom Elterntaxi, aber freut sich auch über neue Freiheiten.

Hauke: „Du, Papa, wir treffen uns heute Abend noch mit Freunden, kannst du mich später abholen?“ Wenn ich diese Worte von meiner frisch in die Oberstufe eingetauchten Tochter höre, dann flattern die verschiedensten Gedanken durch meinen Kopf. Zum Beispiel: „Toll, meine Tochter hat Freunde!“ Oder: „Super, dann können die beste Ehefrau von allen und ich endlich unsere Serie weitergucken!“ – denn in unserer dicht besiedelten Wohnung haben wir nur selten die Gelegenheit, mal alleine vor dem Bildschirm zu sitzen. Und drittens denke ich seufzend: „Uff, wieder eine lange, mitternächtliche Fahrt durch die Vorort-Steppen des Rheinlandes …“

Denn das ist der Nachteil des Lebens am Stadtrand – die nächste Schule ist weit weg, auf der anderen Seite der Stadtgrenze. Busse wagen sich nur am helllichten Tage und nur zu Stoßzeiten in das Revier des rivalisierenden Verkehrsbetriebes, sodass es nur schwer möglich ist, Sozialkontakte anzubahnen – eben weil kaum eine Bahn fährt.

Also Elterntaxi. Was einem immerhin die Gelegenheit verschafft, einen Blick auf die Jugendlichen zu werfen, mit denen unsere Tochter neuerdings noch viel lieber Zeit verbringt als mit uns. Das schmerzt natürlich ein wenig. Andererseits wollen diese Jugendlichen auch lieber Zeit mit unserer Ältesten statt mit ihren eigenen Eltern verbringen – und das werte ich einfach mal als Kompliment für die langen Jahre unserer aufopferungsvollen Erziehung.

Allerdings ist noch nicht ganz geklärt, was von unserer Erziehung übrig bleiben wird, wenn die von uns geprägten Werte und Normen erst einmal den Erosionskräften der Peergroup ausgesetzt sind. Erstes Indiz: „Ich habe gar nichts getrunken“, versicherte unsere Tochter, die bislang ja auch keinerlei Interesse an Alkoholika gezeigt hatte, nach der letzten Party. Kurze Pause. „Nur ein Glas Wein.“ Aha. Hm. Soso.

Die Kleine trinkt jetzt also Wein – dabei ist sie doch gefühlt gerade erst eingeschult worden. Aber so ist halt der Lauf der Zeit, und so freue ich mich einfach mit über den guten Start meiner Tochter in die Oberstufe, wo sich neue Bekannt- und Freundschaften ergeben, wo das Musizieren in der Schülerband großen Spaß macht und wo neue Freiheiten auf dem Weg zum Erwachsenwerden ausgelotet werden. Statt sich an die Vergangenheit zu klammern, sollten wir uns lieber pragmatisch auf die Möglichkeiten freuen, die in Zukunft auf uns warten. Während ich mich also hinters Lenkrad klemme, wirft mein inneres Auge einen raschen Blick auf die nächsten Etappen der Abnabelung und ich gewöhne mich schon mal an den Gedanken, dass nach den nächsten ein, zwei Partys wahrscheinlich der Auszug dran ist. Sehen wir’s positiv: Dann haben wir endlich die Chance auf ein Kino-Zimmer!

 

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/02/Hullen_Illustration_23-1_BN_Ann-Sophie-Bartolomaeus.jpeg 1668 2224 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-02-14 13:38:482023-05-12 11:12:36Ein Paar, zwei Perspektiven – Neuland

Schlechte Noten? 5 Tipps für besorgte Eltern

In den meisten Bundesländern wurden bereits die Halbjahreszeugnisse vergeben. Doch nicht immer sind die Ergebnisse ein Grund zur Freude. Dabei müssen schlechte Noten nicht automatisch ein Grund zum Verzweifeln sein.

Der Andrang von Familien, die Nachhilfe benötigen, sei kurz nach der Zeugnisvergabe gerade enorm, berichtet Fredrik Harkort, Gründer des Online-Lern-Angebots Cleverly. Besonders für Mathe und Deutsch gäbe es gerade viele Anfragen. Mittlerweile würden auch immer mehr Kinder aus der Grundschule die Online-Nachhilfe buchen – eine neue Entwicklung. „Das sind noch die Nachwirkungen von Corona, hier fehlen oft Grundlagen“, erklärt Fredrik Harkort. Kinder, die Nachhilfe bei ihnen buchen, haben oft große Schwierigkeiten in einem Fach: „Da geht es in der Regel nicht darum, mal schnell für eine Prüfung zu üben, sondern ein Kind ist in einem Fach auf eine fünf abgerutscht und vielleicht versetzungsgefährdet. Das sind schon keine Nebensächlichkeiten.“ Schlechte Noten würden nicht nur die Kinder, sondern die ganze Familie unter Druck setzen.

Keine Panik

Doch was können Eltern tun, wenn ihr Kind in einem Fach eine besonders schlechte Note erhält? Elternbegleiterin und Familientherapeutin Stefanie López rät Eltern, sich erst einmal zu entspannen. „Eltern kommen oft mit dieser Angst zu mir, dass ihr Kind abgehängt wird, wenn es jetzt eine schlechte Note auf dem Zeugnis hat. Dass es später keinen guten Beruf findet und unglücklich wird.“ Doch wenn Eltern aus dieser Angst heraus Druck auf ihr Kind ausüben, würde das oft zu Abwehr und Ermüdung beim Kind führen. Im schlimmsten Fall könne es sogar zu einer Schulverweigerung kommen. Je älter ein Kind werde, desto wichtiger wäre es, dem Kind Raum zu geben, um selber herauszufinden: Was für ein Schüler, was für eine Schülerin möchte ich sein? Kann ich mit meinen jetzigen Noten später das beruflich machen, was ich machen möchte? Zu viel Druck von den Eltern kann sich auch negativ auf die Beziehung zum Kind auswirken, erklärt Stefanie López. „Das Leben findet nicht erst statt, wenn das Kind sein Studium oder seine Ausbildung beendet hat und im perfekten Job ist – es passiert jetzt. Möchte ich, dass mein Kind später einen Einser-Abschluss hat, dafür aber unglücklich ist und nicht mehr mit mir redet?“

Gemeinsames Gespräch

Auch Fredrik Harkort empfiehlt, gelassen zu bleiben und das Gespräch mit dem Kind zu suchen. „Eltern können zum Beispiel fragen: ‚Was glaubst du, woran liegt es, dass es aktuell nicht so läuft?‘ Es ist wichtig, dass es Raum für eine unbelastete Situationsaufnahme gibt.“ Dann könnten Eltern gemeinsam mit dem Kind weiter über die nächsten Schritte nachdenken: „Sind wir uns einig, dass das so nicht weitergehen kann? Sind wir uns einig, dass du dich in diesem Fach verbessern möchtest? Dann lass uns doch mal zusammen schauen, wie wir das hinbekommen.“ Das gemeinsame Sprechen über die Situation, das Formulieren von Wünschen und Gefühlen – all das sei eine gute Grundlage für weitere Schritte. Es sei übrigens auch in Ordnung, wenn ein Kind nicht in allen Fächern gut ist, meint Fredrik Harkort: „Eine Vier in Mathe ist kein Weltuntergang.“

Nachhilfe

Haben Kind und Eltern beschlossen, dass die Note in einem Fach sich deutlich verbessern soll, gibt es unterschiedliche Ansatzpunkte. Ein erster Schritt kann sein, nach passenden Nachhilfe-Angeboten zu suchen. Angebote gibt es viele: Private Nachhilfe von älteren Schülern der eigenen Schule, professionelle Nachhilfe-Institute, Vermittlungsplattformen für Nachhilfe-Lehrkräfte oder Online-Tutorials, die den gesamten Lernstoff abdecken. Egal welche Form Eltern wählen, wichtig ist, dass die Verträge nicht langfristig sind. Denn guter Nachhilfeunterricht macht sich möglichst schnell wieder überflüssig. Für Familien mit knappen Einkommen, die zum Beispiel Wohngeld oder Kinderzuschlag erhalten, gibt es staatliche Unterstützung durch das Bildungs- und Teilhabepaket des Bundesministeriums für Familie. Hier können Familien Lernförderung beantragen. Dazu muss die Lehrerin oder der Lehrer den Förderbedarf bescheinigen, akut versetzungsgefährdet muss das Kind aber nicht sein.

Lernen lernen

Bei Cleverly gibt es neben klassischer Nachhilfe zusätzlich auch ein Mentoring-Angebot. In den 1:1 Sitzungen, die dazugebucht oder eigenständig genutzt werden können, sprechen die Kinder mit Pädagoginnen und Pädagogen über Themen wie Selbstvertrauen, Lern-Motivation oder Prüfungsangst. Denn Erfolg in der Schule ist nicht nur vom Lernstoff abhängig, der vielleicht verpasst wurde, sagt Fredrik Harkort. „Es geht auch um das Thema Lernen lernen. Wie kann mein Kind lernen, selbst zu lernen? Wie lernt es, seinen Arbeitsplatz zu organisieren?“ Auch Lernmotivation und Prüfungsangst sind Themen der Mentorings. Bei Cleverly wird eine dreiviertel Stunde freies Spiel vor den Hausaufgaben empfohlen, damit die Kinder nicht von der Schule gleich wieder an den Schreibtisch müssen. „Dann gibt es etwas, was wir Gedankenbox nennen. Die Eltern setzen sich mit den Kindern hin und fragen: Was beschäftigt dich gerade? Das Kind schreibt seine Gedanken auf einen Zettel und steckt es in eine Box. Nach der Hausaufgabensession schauen sich Eltern und Kind dann gemeinsam den Zettel an und sprechen darüber.“ So kommen Eltern und Kinder miteinander ins Gespräch und die Kinder lernen, sich zu fokussieren. Es wird im Mentoring auch über den Platz, an dem die Hausaufgaben gemacht werden, gesprochen. Ist er übersichtlich? Oder liegen dort viele Dinge rum, die ablenken?

Es gibt nicht die eine Methode

Stefanie López betont, dass es nicht die eine Methode gibt, die für alle Kinder funktioniert. Eltern können gemeinsam mit dem Kind ausprobieren, was gut klappt, in welcher Umgebung es gut lernen kann und welche Lernmethoden ihm helfen. Immer wieder sollten Eltern gemeinsam mit dem Kind auswerten, welche Art von Unterstützung es von ihnen braucht und ob ihre Hilfe wirklich hilfreich ist. „Ich habe mal eine Mutter beraten, die sich jeden Tag mit ihrem Kind laut wegen der Hausaufgaben stritt. Da sagte ich zu ihr: ‚Guck mal, das machst du jetzt seit zwei Jahren immer auf dieselbe Weise. Hast du den Eindruck, dass sich etwas verbessert hat?‘ Sie meinte: ‘Nein, irgendwie nicht‘.“ Eltern würden manchmal an bestimmten Dingen festhalten, die einfach nicht funktionieren. Statt immer weiterzumachen, würde es helfen zu fragen: „Wie kriegen wir das besser hin? Was brauchst du, damit es besser wird?“

Sarah Kröger ist Journalistin und Projektmanagerin, bloggt unter neugierigauf.de und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in Berlin.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/02/Schlechte-Noten_Getty-Images_AndreaObzerova_iStock.jpg 999 2997 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-02-14 12:35:122023-02-14 12:35:12Schlechte Noten? 5 Tipps für besorgte Eltern

Jetzt müssen die Kinder selbst entscheiden

Gut gemeinte Ratschläge der Eltern kommen nicht immer gut an. Denn die Kinder müssen ihren Weg finden – nicht die Eltern. Von Birgit Ortmüller

Als die Kinder klein waren und unseren täglichen Alltag bestimmten, habe ich immer wieder den Satz gehört: „Die Kinder werden so schnell groß.“ Im Stillen habe ich mich dann müde und erschöpft gefragt: „Wann wird das denn endlich sein?“ Ich fühlte mich Lichtjahre von diesem Zeitpunkt entfernt und spürte gleichzeitig eine gewisse Sehnsucht nach Freiheit. Und dann ging doch alles so schnell. Und ich komme gedanklich und emotional kaum hinterher. Ich weiß, es ist an der Zeit. Wenn ich unsere Kinder so betrachte, dann überragen sie mich längst mit ihrer Körpergröße. Sie sind zu jungen Menschen herangewachsen, von Kindern keine Spur mehr. Meine jüngste Tochter meinte kürzlich: „Mama, wir sind doch beide aus dem Alter raus!“ Ehrlich, deutlich und unmissverständlich.

Steine aus dem Weg räumen

Ein neues Lebenskapitel für uns Eltern und auch für die Kinder beginnt. Sie suchen ihren Lebensweg und ihre berufliche Zukunft. Viele Entscheidungen sind abzuwägen und zu treffen. Welche Ausbildung, welcher Studiengang ist richtig? An welchem Ort kann man eine selbstbestimmte Heimat finden? Das Bildungsangebot ist vielfältig und die Fragen berechtigt. In so manchen Gesprächen versuche ich, eine Antwort zu finden und weiterzuhelfen. Mehr geht nicht, entscheiden müssen die Kinder selbst. So mancher gut gemeinte Ratschlag trifft auf Unverständnis. Ich muss lernen, ruhig zu bleiben. Eigene Erfahrungswerte können wertvolle Lebensbegleiter der Kinder sein. Es fällt mir nicht leicht, ihre Gedanken und Ziele anzunehmen. Zu gern möchte ich auch jetzt mögliche Steine aus dem Weg räumen und mich schützend vor sie stellen. Doch ich kann sie nicht mehr vor allem bewahren.

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, sagte Søren Kierkegaard. Ich spüre: So manche Entscheidung meiner Lieben könnte in die falsche Richtung gehen. Das kann nicht gut gehen, denke ich. Die gesteckten Ziele und Vorstellungen der Kinder sind nur schwer realisierbar. Mein Herz sagt ziemlich laut „Nein“. Doch dann schreit mein Verstand ein lautes „Ja“. Ich muss es einfach aushalten! Die Kinder müssen ihren Weg finden, nicht ich.

Ohne Groll und Vorhaltungen

In diesen Situationen kommt mir immer meine Lieblingsgeschichte aus der Bibel vom „verlorenen Sohn“ in den Sinn (nachzulesen in Lukas 15). Der Vater lässt seinen Sohn ziehen. Er versorgt ihn finanziell und materiell mit allem, was er benötigt, er ist großzügig im Geben. Ein letztes Mal nimmt er ihn fest in die Arme. Welche Gedanken werden ihm durch den Kopf gegangen sein? Ob er da schon ahnte, dass dieser Weg der falsche ist? Dennoch macht er keine Vorhaltungen, er lässt seinen Sohn ziehen. Lange schaut er ihm nach und schickt seine Liebe und seinen Segen mit auf dessen Lebensreise. Nach vielen Wochen kehrt der Sohn heim, er ist nicht mehr der, der er bei der Abreise war. Abgemagert, am Ende und mit leeren Händen kehrt er zurück. Wie oft wird der Vater nach seinem Sohn bereits Ausschau gehalten haben, vielleicht sogar täglich? Und dann ist der Tag da und er sieht ihn von ferne. Ohne Groll und Vorhaltungen läuft er ihm mit offenen Armen entgegen, so schnell seine alten Beine ihn noch tragen. Der geschundene und gezeichnete Körper seines Sohnes hindert ihn nicht, er drückt ihn fest an sein Herz. Diese tiefe Vaterliebe überstrahlt alle Vorwürfe und Fehler. Der Sohn ist auf- und angenommen. Ein großes Festmahl mit feierlicher Kleidung bringt die Freude des Vaters über diesen verlorenen und wiedergefundenen Sohn zum Ausdruck.

Offene Arme und Türen

Von dieser bedingungslosen Annahme und Liebe will ich lernen, auch wenn alles „schiefgelaufen“ ist und die Befürchtungen des Vaters sich bewahrheitet haben. Und auch wenn unsere Kinder Wege einschlagen, die wir als Eltern nicht befürworten oder bei denen wir Zweifel haben, will ich sie fürsorglich verabschieden, sie ziehen lassen. Im Gebet befehle ich sie meinem Gott an, halte Ausschau nach ihnen und erkundige mich. Und egal, wie sich ihr Weg und ihre Entscheidung gestalten, möchte ich sie stets aufnehmen. Ohne ein „Ich habe es doch gewusst …“ stets die Türen offenhalten und meine Arme entgegenstrecken.

Wir alle leben täglich von der Vergebung und Annahme unseres himmlischen Vaters. Auch er lässt uns laufen, selbst wenn er wie kein anderer unseren Lebensweg schon lange kennt. Er lässt seine Kinder ziehen, selbst wenn wir gar nicht nach seinem Rat fragen. Gott bleibt ruhig, bedrängt nicht und drängt sich nicht auf. Doch er verliert uns nicht aus seinem Blick. Er ist aufmerksam, wenn wir ihn suchen, und er liebt uns bedingungslos. Mit Freude und tiefer Liebe öffnet er seine Arme und drückt uns an sein Vaterherz.

Dieses Bild will ich mir immer wieder vor Augen halten. Auch wenn mein Herz anders denkt und fühlt, möchte ich ebenso wie der Vater den Weg frei machen. Und egal, wie sich die Kinder entscheiden und welche Erfahrungen sie auf ihrem Lebensweg machen: Die Türen und Arme sind immer geöffnet.

Birgit Ortmüller ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Buchenau. Sie ist als Dozentin an der Hochschule und in der Erwachsenenbildung tätig.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/02/Tempura_GettyImages-847669950-scaled-e1676540669112.jpg 2000 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-02-14 10:45:442023-02-16 10:47:15Jetzt müssen die Kinder selbst entscheiden

6 bis 10 – Kinderbibeln zum Selbstlesen

Elternfragen: „Mein Kind liest eifrig und würde jetzt gern mal die Bibel lesen. Welche Kinderbibeln eignen sich für Grundschulkinder?“

Dies ist eine sehr wertvolle Frage bei der Fülle an Kinderbibeln, die sich in der Textauswahl, in ihrer Illustration und Gestaltung unterscheiden. In diesem Angebotsspektrum wird deutlich, dass unterschiedliche Wege gewählt werden, Kindern ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprechend biblische Geschichten nahezubringen. Ich stelle vier sehr unterschiedliche Kinderbibeln vor, in denen die biblischen Geschichten kindgemäß nacherzählt werden. Abschließend gehe ich auf die bisher einzige Bibelübersetzung für Kinder ein.

Zwei erste Fragen, die mir zur Auswahl einer Kinderbibel in den Sinn kommen: Ist die Gestaltung der Bibel für mein Kind so ansprechend, dass es die Bibel gern in die Hand nimmt? Welche Lesevorliebe hat mein Kind: Liest es lieber Bücher im Comicstil oder liest es von Beginn an gern Bücher mit mehr Fließtext?

Die große Kinderbibel

In dieser Bibel fallen die großen, kindgerechten und zum Teil sehr humorvollen Illustrationen direkt ins Auge. Die Erzählungen werden auf kindgemäße Weise nacherzählt und sind in leicht verständlichen Worten geschrieben. Die Schriftgröße und Textlänge ist für Kinder im Erstlesealter geeignet. (Deutsche Bibelgesellschaft)

Die Kinderbibel

Ein Klassiker ist diese Bibel von Eckart zur Nieden. Er erzählt die biblischen Geschichten so, dass die Charaktere der Personen für die Kinder auf besondere Weise lebendig werden. Nicht zu jeder Erzählung gibt es Illustrationen. Hervorzuheben ist, dass in dieser Bibel am Ende jeder Erzählung die Bibelstelle steht. Es gibt die Texte des Neuen Testamentes von Eckart zur Nieden auch als Bible Art Journaling Bibel für Kinder. Hier wird ihnen die Möglichkeit gegeben, sich kreativ vertiefend mit den biblischen Erzählungen auseinanderzusetzen. Dies ermöglicht ihnen einen ganz persönlichen Zugang zu ihnen wichtig gewordenen Versen oder Geschichten. (SCM R.Brockhaus)

Die Bibel kreuz und quer

Für Kinder, die gern Bücher im Comic-Stil wie „Gregs Tagebücher“ oder „Mein Lotta-Leben“ lesen, ist diese Bibel von Bob Hartmann passend. Mein 10-jähriger Sohn beschreibt sie so: „Sie ist gut verständlich formuliert, mit witzigen schwarz-weißen Comics. Die Bibelgeschichten werden anschaulich erzählt. Sie ist sehr gut zum Selberlesen.“ Interessant ist, dass in den Geschichten mit Querverweisen gearbeitet wird, sodass ein Einblick in Gottes große Geschichte ermöglicht wird. (Herder Verlag)

Die Bibel – Übersetzung für Kinder

Dies ist die bisher einzige Bibelübersetzung für Kinder. Sie ist dem Wortschatz und der Lesegewohnheit von Grundschulkindern angepasst. Diese ansprechend gestaltete Bibel enthält die wichtigsten Texte aus dem Alten und Neuen Testament, die nach kindgemäßen Vorgaben Wort für Wort übersetzt wurden. Mithilfe vieler Begriffserklärungen und erklärenden Bildern am Rand können Kinder ab acht Jahren die Texte eigenständig erforschen und verstehen. (SCM R.Brockhaus)

Extra-Tipp: Die Deutsche Bibelgesellschaft hat gute Kriterien zur Auswahl einer Kinderbibel zusammengestellt: www.die-bibel.de/bibeln/bibel-in-der-praxis/bibelfuer-kinder

Claudia Rohlfing ist Referentin für Kindergottesdienst im Bund Freier evangelischer Gemeinden.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/02/kinderbibel.jpg 1872 2356 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-02-13 10:07:572023-05-12 11:13:226 bis 10 – Kinderbibeln zum Selbstlesen

Mutter erkennt: „Die Kinder müssen ihren Weg finden, nicht ich.“

Wenn Kinder erwachsen werden, müssen sie ihre Entscheidungen selbst treffen. Das ist ein Lernprozess für die Kinder und ihre Eltern. Eine Mutter berichtet von ihrem Weg.

Als die Kinder klein waren und unseren täglichen Alltag bestimmten, habe ich immer wieder den Satz gehört: „Die Kinder werden so schnell groß.“ Im Stillen habe ich mich dann müde und erschöpft gefragt: „Wann wird das denn endlich sein?“ Ich fühlte mich Lichtjahre von diesem Zeitpunkt entfernt und spürte gleichzeitig eine gewisse Sehnsucht nach Freiheit. Und dann ging doch alles so schnell. Und ich komme gedanklich und emotional kaum hinterher. Ich weiß, es ist an der Zeit. Wenn ich unsere Kinder so betrachte, dann überragen sie mich längst mit ihrer Körpergröße. Sie sind zu jungen Menschen herangewachsen, von Kindern keine Spur mehr. Meine jüngste Tochter meinte kürzlich: „Mama, wir sind doch beide aus dem Alter raus!“ Ehrlich, deutlich und unmissverständlich.

Steine aus dem Weg räumen

Ein neues Lebenskapitel für uns Eltern und auch für die Kinder beginnt. Sie suchen ihren Lebensweg und ihre berufliche Zukunft. Viele Entscheidungen sind abzuwägen und zu treffen. Welche Ausbildung, welcher Studiengang ist richtig? An welchem Ort kann man eine selbstbestimmte Heimat finden? Das Bildungsangebot ist vielfältig und die Fragen berechtigt. In so manchen Gesprächen versuche ich, eine Antwort zu finden und weiterzuhelfen. Mehr geht nicht, entscheiden müssen die Kinder selbst. So mancher gut gemeinte Ratschlag trifft auf Unverständnis. Ich muss lernen, ruhig zu bleiben. Eigene Erfahrungswerte können wertvolle Lebensbegleiter der Kinder sein. Es fällt mir nicht leicht, ihre Gedanken und Ziele anzunehmen. Zu gern möchte ich auch jetzt mögliche Steine aus dem Weg räumen und mich schützend vor sie stellen. Doch ich kann sie nicht mehr vor allem bewahren.

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, sagte Søren Kierkegaard. Ich spüre: So manche Entscheidung meiner Lieben könnte in die falsche Richtung gehen. Das kann nicht gut gehen, denke ich. Die gesteckten Ziele und Vorstellungen der Kinder sind nur schwer realisierbar. Mein Herz sagt ziemlich laut „Nein“. Doch dann schreit mein Verstand ein lautes „Ja“. Ich muss es einfach aushalten! Die Kinder müssen ihren Weg finden, nicht ich.

Ohne Groll und Vorhaltungen

In diesen Situationen kommt mir immer meine Lieblingsgeschichte aus der Bibel vom „verlorenen Sohn“ in den Sinn (nachzulesen in Lukas 15). Der Vater lässt seinen Sohn ziehen. Er versorgt ihn finanziell und materiell mit allem, was er benötigt, er ist großzügig im Geben. Ein letztes Mal nimmt er ihn fest in die Arme. Welche Gedanken werden ihm durch den Kopf gegangen sein? Ob er da schon ahnte, dass dieser Weg der falsche ist? Dennoch macht er keine Vorhaltungen, er lässt seinen Sohn ziehen. Lange schaut er ihm nach und schickt seine Liebe und seinen Segen mit auf dessen Lebensreise. Nach vielen Wochen kehrt der Sohn heim, er ist nicht mehr der, der er bei der Abreise war. Abgemagert, am Ende und mit leeren Händen kehrt er zurück. Wie oft wird der Vater nach seinem Sohn bereits Ausschau gehalten haben, vielleicht sogar täglich? Und dann ist der Tag da und er sieht ihn von ferne. Ohne Groll und Vorhaltungen läuft er ihm mit offenen Armen entgegen, so schnell seine alten Beine ihn noch tragen. Der geschundene und gezeichnete Körper seines Sohnes hindert ihn nicht, er drückt ihn fest an sein Herz. Diese tiefe Vaterliebe überstrahlt alle Vorwürfe und Fehler. Der Sohn ist auf- und angenommen. Ein großes Festmahl mit feierlicher Kleidung bringt die Freude des Vaters über diesen verlorenen und wiedergefundenen Sohn zum Ausdruck.

Offene Arme und Türen

Von dieser bedingungslosen Annahme und Liebe will ich lernen, auch wenn alles „schiefgelaufen“ ist und die Befürchtungen des Vaters sich bewahrheitet haben. Und auch wenn unsere Kinder Wege einschlagen, die wir als Eltern nicht befürworten oder bei denen wir Zweifel haben, will ich sie fürsorglich verabschieden, sie ziehen lassen. Ich bete für sie, halte Ausschau nach ihnen und erkundige mich. Und egal, wie sich ihr Weg und ihre Entscheidung gestalten, möchte ich sie stets aufnehmen. Ohne ein „Ich habe es doch gewusst …“ stets die Türen offenhalten und meine Arme entgegenstrecken.

Dieses Bild aus der Geschichte vom verlorenen Sohn will ich mir immer wieder vor Augen halten. Auch wenn mein Herz anders denkt und fühlt, möchte ich ebenso wie der Vater den Weg frei machen. Und egal, wie sich die Kinder entscheiden und welche Erfahrungen sie auf ihrem Lebensweg machen: Die Türen und Arme sind immer geöffnet.

Birgit Ortmüller ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Buchenau. Sie ist als Dozentin an der Hochschule und in der Erwachsenenbildung tätig.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/01/Tempura_GettyImages-847669950-scaled.jpg 2000 3000 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-01-31 14:59:212023-01-31 14:59:21Mutter erkennt: „Die Kinder müssen ihren Weg finden, nicht ich.“

DIE GOLDENE FRAGE

Im Gespräch von Paaren gibt es zwei Möglichkeiten: Verständnis oder Kampf. Eine Frage ist der Schlüssel zu einem gelingenden Gespräch.

„Gibt es noch mehr, das du zu diesem Thema sagen möchtest?“ Diese unscheinbare und noch fast unbekannte Frage kann Beziehungen retten.

Wenn ein Paar ein tiefes Gespräch führt, kann dies entweder im Kampfmodus oder im Verständnismodus geschehen. Im Kampfmodus sammle ich Gegenargumente, während meine Partnerin redet. Und weil ich um Redezeit kämpfen muss, nutze ich die erstbeste Möglichkeit, um ihr ins Wort zu fallen, mich zu verteidigen und ihr meine Argumente um die Ohren zu hauen.

Im Verständnismodus versuche ich hingegen, meine Frau zu verstehen und ihre Gedanken nachzuvollziehen. Ich will wissen, wie sie die Situation erlebt und was sie bewegt. Ich spiegle das Gesagte und frage nach, ob ich es richtig verstanden habe. Es ist offensichtlich, dass die meisten Menschen natürlicherweise zum Kampfmodus neigen. Doch genauso offensichtlich ist es auch, dass der Verständnismodus deutlich erfolgversprechender ist.

Eine Frage ebnet den Weg

Ein Schlüssel, um vom Kampfmodus in den Verständnismodus zu gelangen, ist die eingangs genannte goldene Frage: „Gibt es noch mehr, das du zu diesem Thema sagen möchtest?“ Wer diese Frage stellt, verlässt mit einem Schlag das partnerschaftliche Schlachtfeld und steigt aus dem Kampf um Redezeit aus. Wenn die Frage mit aufrichtigem Interesse gestellt wird, überlässt man damit dem Gegenüber freiwillig mehr Redezeit, was die Situation sofort entspannt. Sobald sich die sprechende Person verstanden fühlt, ist sie auch bereit, selbst zuzuhören. Dadurch wird aus dem Gegeneinander der Partner ein Miteinander.

Abmachungen treffen

Fabian beschwert sich: „Ich bin enttäuscht, dass wir es nicht pünktlich ins Kino geschafft haben. Ich habe mich auf den Film gefreut. Du weißt ja, dass ich nicht gerne zu spät komme.“ Mirjam fasst zusammen, was sie verstanden hat, und stellt dann die goldene Frage: „Ich verstehe, dass du genervt bist, dass wir zu spät ins Kino gekommen sind. Du hast dich auf den Film gefreut und kommst nicht gerne zu spät. Habe ich das richtig verstanden und gibt es noch mehr, das du zu diesem Thema sagen möchtest?“ Ihr Mann fühlt sich verstanden und sagt: „Ja, es ist mir einfach sehr peinlich, vor allen Leuten meinen Platz suchen zu müssen, wenn der Film schon läuft.“ Mit diesem Gesprächsbeginn ist das Paar gleich im Verständnismodus und die Tür steht weit offen für eine Abmachung, wie man in Zukunft besser mit ähnlichen Situationen umgehen kann.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: www.familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/02/Paar-Gespraech_GettyImages_LukaTDB_1187483277.jpg 1299 2309 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-01-31 11:54:392023-02-16 11:54:52DIE GOLDENE FRAGE

Wenn Liebende Grenzen überschreiten

Grenzüberschreitungen sind in der Partnerschaft keine Seltenheit. Psychotherapeut Jörg Berger erklärt die Hintergründe und gibt Tipps, um Konflikte gut zu gestalten.

Liebende öffnen ihre Grenzen. Sie geben einander immer mehr von sich preis und beeinflussen sich gegenseitig. Irgendwann teilen sie Bad und Bett, Geld und Gegenstände. Und doch haben auch Liebende in alledem ein Gespür dafür, ob sie frei bleiben oder ihrer Freiheit beraubt werden. Wo die Freiheit verloren geht, hat ein Partner eine Grenze überschritten. Wie leicht das geschieht, zeigen folgende Beispiele.

Grenzüberschreitung: 4 Beispiele

 

  1. Aus Mangel Grenzen überschreiten. Wenn Ilva etwas fehlt, wird sie schnell von ihren Gefühlen überwältigt. Dann überredet sie Gerd. Sie zeigt ihre Wut oder ihre Sorgen so stark, bis Gerd schließlich mehr auf ihre Wünsche eingeht, als ihm eigentlich recht ist. Dass Gerd Belastungsgrenzen hat, zum Beispiel in Konflikten, kann Ilva nicht immer akzeptieren. Sie hindert ihn daran, sich zurückzuziehen, und hält ihn in Aussprachen fest, die Gerd eigentlich viel zu lange dauern. Aber Ilva kann nicht locker lassen, bis das Gespräch zumindest irgendein Ergebnis hat, das sie zufriedenstellt. Gerd würde seine Ehe als glücklich bezeichnen, denn mit der gleichen Leidenschaft, mit der Ilva manchmal Grenzen überschreitet, liebt, lobt und begehrt sie ihn auch. Trotzdem wirken sich Ilvas Grenzüberschreitungen auf das gemeinsame Leben aus. Gerd ist im Lauf der Beziehung immer passiver geworden und überlässt Ilva die meisten Entscheidungen. Manche Gedanken behält Gerd einfach für sich, wenn er ahnt, dass Ilva gegen seine Vorstellungen ankämpfen würde.
  2. Aus Überverantwortlichkeit Grenzen überschreiten. Ingo war der Älteste unter vier Geschwistern. Er hat früh Verantwortung übernommen, wohl zu früh und zu viel. Patrizia dagegen war die zweite und damit die Kleine, neben den Eltern und der älteren Schwester. Sie kann die Dinge auch einmal laufen lassen, im Augenblick leben und ihn genießen. Patrizias Leichtigkeit war sicher ein Grund dafür, warum Ingo sich in sie verliebt hat. Aber im Alltag setzt ihn Patrizia unter Stress, wenn sie zum Beispiel die Zeit aus dem Blick verliert, Aufgaben nicht effizient erledigt und Verpflichtungen anderen gegenüber lockerer sieht. Dann gibt ihr Ingo knappe Anweisungen, nimmt ihr Aufgaben aus der Hand oder trifft Entscheidungen, die eigentlich beide angehen, einfach allein. Damit überschreitet er aber Patrizias Grenzen, die der Respekt vor ihrer Freiheit setzt. Wenn Patrizia entspannt ist, lässt sie Ingo einfach machen. Schließlich meint er es ja gut. Manchmal fühlt sich Patrizia aber auch entmündigt.
  3. Aus Angst Grenzen überschreiten. Martina war schon immer anhänglich und verschmust. Als sie sich kennengelernt haben, hat man Martina und Klaus nur im Doppelpack gesehen. Klaus kommt aus einer kühlen Familie und hat sich als Junge manchmal einsam gefühlt. Martinas Herzlichkeit und Nahbarkeit haben Klaus eine wunderbare Welt eröffnet. Nur wenn er sehr aufgewühlt ist, muss sich Klaus manchmal zurückziehen. Dann bemerkt er, wie schwierig das für Martina ist. Auch wenn er sich freundlich verabschiedet, kommt sie bald in sein Arbeitszimmer und vergewissert sich, ob wirklich alles in Ordnung ist. Wenn Klaus auf Geschäftsreise ist, erwartet sie regelmäßig Anrufe. Er fühlt sich dann verfolgt, wenn er auf sein Hotelzimmer zurückkehrt und drei WhatsApp-Nachrichten von Martina erhalten hat. Er kommt sich auch ausgefragt vor, wenn sich Martina erkundigt, ob seine Kollegin hübsch ist, ob diese in einer Beziehung lebt und ob Klaus noch in der Hotelbar mit ihr zusammensitzt. Klaus hat ihr noch nie einen Grund gegeben, an seiner Treue zu zweifeln. In solchen Situationen ist Klaus schon wütend geworden, hat Zärtlichkeiten zurückgewiesen und nichts mehr gesprochen.
  4. Aus Scham Grenzen überschreiten. Jenny kommt aus einer Arbeiterfamilie. Sie ist geradeheraus und hat das Herz auf dem rechten Fleck. Sie ist eine aufregend attraktive Frau, die das auch weiß. Philipp, der aus einer gebildeten Familie stammt, gelingt es meist, zu seiner Liebe zu stehen. Doch es gibt Momente, die ihn aus seinem inneren Gleichgewicht bringen: wenn Jenny zu sexy gekleidet zum Gottesdienst geht, wenn sie Fremdwörter falsch verwendet oder den beruflich erfolgreichen Freunden ausschweifend erzählt, wie sie das Sortiment ihres Drogeriemarktes umorganisiert hat. Philipp belehrt und korrigiert Jenny dann häufig. Wenn er ehrlich ist, muss er zugeben, dass er eine Art Erziehungsprogramm für sie auflegt, um ihr den Schliff zu geben, den sie für das jetzige Umfeld benötigt. „Du denkst wohl, du bist etwas Besseres?“, konfrontiert ihn Jenny dann. Philipp wird dann traurig. Er nimmt Jenny in den Arm, die das widerstrebend zulässt. „Ich weiß“, sagt Philipp, „ich habe nicht das Recht, dich so zu kritisieren.“

Grenzüberschreitungen folgen unterschiedlichen Gefühlen: dem Drängen ungestillter Bedürfnisse, einem Druck, den Überverantwortlichkeit erzeugt, einer Verlustangst oder einer Scham, die kaum erträgt, dass sich der andere eine Blöße gibt. Doch immer schränken Grenzüberschreitungen die Freiheit des Partners ein. Außerdem entsteht ein Machtgefälle in der Beziehung: Partner, die Grenzen überschreiten, verhalten sich, als hätten sie mehr Rechte, wie ein Elternteil gegenüber einem Kind oder der Chef gegenüber einem Mitarbeiter. Oft sind es gerade die veränderten Machtverhältnisse, die sich auf das gemeinsame Leben auswirken.

Die Folgen von Grenzüberschreitungen

Unsere Stressreaktionen folgen unseren angeborenen biologischen Möglichkeiten: Unterwerfung, Flucht oder Kampf. Im zwischenmenschlichen Bereich kann man auch von Anpassung, Vermeidung und Kampf sprechen. Eine dieser drei Stressreaktionen aktiviert sich meist, wenn wir auf den Stachel unseres Partners treffen. Je nachdem, welche Reaktion Sie bevorzugen, hat das für die Liebe verschiedenartige Folgen.

  • Anpassung. Bei dieser Stressreaktion lassen Partner Grenzüberschreitungen einfach zu und gewöhnen sich daran. So entstehen keine Konflikte. Nur Außenstehende machen manchmal Bemerkungen, weil sie es für sich selbst nicht akzeptieren könnten, wenn ihre Freiheit derart
    beschnitten würde. Denn ein Partner, der sich immer wieder einmal erziehen, bestimmen oder vereinnahmen lässt, macht sich damit auch klein. Er gibt ein Stück seiner Persönlichkeit und seiner Lebensart auf. Das hemmt das Wachstum der Liebe, die am besten gedeiht, wenn beide
    Partner ihre ganze Persönlichkeit in der Beziehung entfalten. Partner, die zulassen, dass der andere ihre Grenzen überschreitet, haben dann manchmal das Gefühl, sich selbst in der Beziehung zu verlieren.
  • Kampf. Manche Partner werden zornig über die Grenzüberschreitung und wollen sich diese nicht bieten lassen. In einer Überreaktion richten sie dann manchmal Grenzen auf, die viel enger sind, als sie normalerweise in einer Liebesbeziehung verlaufen. Sie reagieren zum Beispiel gereizt, wenn sie etwas allein unternommen haben und der andere dann fragt, wie es war. Der Partner, der ab und zu Grenzen überschreitet, fühlt sich dann zu Recht abgewiesen und kämpft gegen die überstarke Grenzsetzung an. Solche Situationen können Anlass für Streit werden.
  • Vermeidung. Diese Stressreaktion entzieht sich dem Kampf, will sich aber auch nicht unterwerfen. Nicht selten weichen daher Partner, denen Freiheit genommen wird, in die Heimlichkeit aus: Wenn die Ehefrau nichts vom Treffen mit der Studienfreundin weiß, wird sie keine
    misstrauischen Fragen stellen. Partner teilen auch weniger von ihren Gedanken mit, denn je weniger der andere weiß, desto weniger kann er oder sie sich einmischen. Solche Entwicklungen schwächen aber die Nähe und das Vertrauen, das ein Paar zueinander hat.

Alle drei Schutzmechanismen – Anpassung, Vermeidung und Kampf – haben also auch ihre Nebenwirkungen. Deshalb zeigt dieser Artikel Möglichkeiten auf, wie Sie den Stachel der Grenzüberschreitung entschärfen können. Der nächste Abschnitt richtet sich an Partner, die manchmal Grenzen überschreiten. Sie lernen, wie sie aus Liebe Freiheit schenken. Der darauf folgende Abschnitt wendet sich dann an Partner, die mit Grenzüberschreitungen konfrontiert sind. Sie lernen, wie Sie die Grenzen in der Beziehung liebevoll befrieden.

Selbstkorrektur: Loslassen und Freiheit schenken

Wenn Sie gelegentlich Grenzen überschreiten, finden Sie hier einen Weg, auf dem Sie sich selbst korrigieren können. Dabei müssen Sie Grenzüberschreitungen nicht durch Willenskraft unterdrücken. Sie entdecken positive und faire Einflussmöglichkeiten. Sie erfahren, wie selbst ein Verzicht zum Gewinn werden kann, und lernen schließlich, wie Sie aufgewühlte Gefühle beruhigen können.

Liebevoll beeinflussen

Womöglich haben Sie schon einen verhängnisvollen Kreislauf in Gang gesetzt: Sie haben vielleicht Gefühle gezeigt und dann Grenzen überschritten. Dann deutet Ihr Partner schon Ihre Gefühle als ein Vorzeichen einer drohenden Grenzüberschreitung. Sie haben vielleicht Ihre Meinung vertreten und sind bei Widerstand immer bestimmender geworden. Dann könnte Ihr Partner bereits abwehrend reagieren, wenn Sie nur Ihre Meinung aussprechen. In diesem Fall muss Ihr Partner erst wieder ein Vertrauen aufbauen, dass Sie zwar Ihre Gefühle zeigen oder Ihren Standpunkt vertreten, ihr oder ihm aber trotzdem ihre oder seine Freiheit lassen.

Im Folgenden stelle ich Ihnen Möglichkeiten vor, wie Sie Ihre Partnerin oder Ihren Partner liebevoll beeinflussen. Ein Gefühl von Einfluss ist für Sie besonders wichtig, damit Sie den Stachel der Grenzüberschreitung überwinden können. Was ich im Folgenden empfehle, gelingt vielleicht in einer Weise, die Sie überraschen wird. Falls das Vertrauen schon ein wenig angegriffen ist, braucht Ihr Partner jedoch etwas Zeit, um sich wieder Ihrem Einfluss zu öffnen.

  • Gefühle beschreiben. Offenbaren Sie Ihre Gefühle ohne Rechtfertigung und ohne Forderungen. Benennen Sie möglichst genau, was Sie fühlen. Beschreiben Sie zum Beispiel, wie Sie eine Situation empfunden haben, die Ihre Gefühle ausgelöst hat. Verwenden Sie Vergleiche und Bilder, um Ihre Gefühle anschaulich zu machen.
    Beispiel: „Wenn ich nach einem harten Arbeitstag nach Hause komme, dann sehne ich mich nach einer Belohnung. Wenn du ausgerechnet dann Zeit für dich selbst brauchst, fühle ich mich alleingelassen und um das betrogen, was den Tag für mich schön macht.“
  • Bedürfnisse ausdrücken. Beschreiben Sie, was Sie brauchen und auf welche Weise Ihr Bedürfnis gestillt werden könnte.
    Beispiel: „Ich kann mich nicht so schnell von einer Aufgabe lösen wie du. Ich brauche immer eine Weile, um wirklich bei dir anzukommen. Wenn du dann ungeduldig wirst und dich zurückziehst, komme ich unter Druck. Ich bräuchte einfach etwas Zeit, bis mein Kopf frei wird und ich mich entspannen kann.“
  • Wünsche offenbaren. Es gehört zu den Realitäten unseres Lebens, dass sich unsere Wünsche nicht immer erfüllen lassen. Trotzdem fühlen wir uns von Menschen geliebt, wenn sie unsere Wünsche verstehen und akzeptieren.
    Beispiel: „Ich weiß, vielleicht ist es unrealistisch, aber ich würde unwahrscheinlich gerne einmal aus unserem Alltag ausbrechen und etwas erleben, was wir noch nie erlebt haben.“
    Vielleicht beschäftigt sich Ihr Partner mit Ihrem Wunsch und kommt auf Ideen, wie er zu verwirklichen wäre. Wenn nicht, können Sie selbst einen Schritt weitergehen.
  • Vorschläge machen. Vorschläge sind konkret und haben daher eine gute Chance auf eine Umsetzung. Außerdem sind sie eine gute Verhandlungsgrundlage. Oft führen sie zu Kompromissen, die etwas anders sind als der ursprüngliche Vorschlag.
    Beispiel: „Wie wäre es, wenn wir uns einmal zu einem Malkurs in der Provence anmelden, im Juli, wenn der Lavendel blüht?“
  • Für Überzeugungen einstehen. Wenn Werte ins Spiel kommen, üben wir schnell Macht über das Gewissen des anderen aus. Gerade hier können wir leicht Abwehrreaktionen hervorrufen. Entsprechend behutsam sollten wir vorgehen, wenn sich kein moralischer Druck aufbauen soll.
    Beispiel: „Ich würde gerne mehr von unserem Wohlstand abgeben. Es geht uns so gut. Lass uns ruhig klein anfangen. Wir könnten uns nach sozialen Projekten erkundigen und sehen, was uns wirklich überzeugt, und dann überlegen, wie viel uns das wert ist. Was meinst du?“
    Wenn Sie behutsam für eine gute Sache einstehen, haben Sie gute Chancen, den Partner zu gewinnen.
  • Loben. Nichts ist motivierender, als wenn unser liebevolles Verhalten auch wahrgenommen und geschätzt wird. Deshalb ist Wertschätzung eine starke Motivation für Ihren Partner, auf Sie einzugehen, vielleicht sogar häufiger als bisher.
    Beispiele: „Ich liebe die Art und Weise, wie du mir gerade zuhörst. Ich fühle mich total verstanden.“ Oder: „Als du mir so intensiv zugehört hast, habe ich erst richtig verstanden, wie es mir eigentlich mit der Sache geht.“
  • Ein Vorbild sein. Paare werden sich im Lauf der Jahre ähnlicher. Wie der eine sein Leben gestaltet, prägt den anderen. Ihr Vorbild ist daher eine unaufdringliche Möglichkeit, den anderen zu beeinflussen. Wenn Sie Ihren Partner zu mehr Ordnung motivieren wollen, dann leben Sie am besten eine ansprechende, zeitsparende Ordnung vor und vertrauen drauf, dass dies im Laufe der Zeit auch Ihren Partner prägt. Mit liebevollen Einflussmitteln schenken Sie Ihrem Partner täglich die Chance, Liebe zu zeigen. Zugleich lassen Sie ihm die volle Freiheit. In den Beispielen hat sich auch schon angedeutet, dass ein liebevoller Einfluss manchmal auch Loslassen bedeutet.

Liebe heißt loslassen

Manchmal zeigt sich der Effekt sofort: Wir hören auf zu drängen und unser Partner öffnet sich. Wir fordern nicht mehr und unser Partner geht plötzlich auf unsere Wünsche ein. Während unser Kämpfen einen Widerstand hervorgerufen hat, hat unser Loslassen den Widerstand gelöst. Folgende Einstellungen helfen dabei.

  • „Lieber will ich weniger nehmen, weiß aber, dass mein Partner dies gerne gibt. Das ist besser, als wenn er mir mehr gibt, nur weil ich ihn dazu gedrängt habe.“
  • „Ich darf meine Wünsche immer mal wieder in Erinnerung bringen. Dann aber lasse ich los und warte ab.“
  • „Auch wenn ich enttäuscht bin, werde ich dem anderen weiter vertrauen. Ich glaube, dass es mein Partner gut mit mir meint und gibt, was sie/er im Augenblick geben kann. Manches braucht vielleicht noch Zeit.“

In der Ehetherapie habe ich schon viele Partner überzeugt, die Grenzen des anderen zu akzeptieren und loszulassen. Mit der Zeit hat sich der Widerstand des andern verringert. Dadurch wurden wieder tiefere Gespräche und mehr Intimität möglich. Jeder setzte sich wieder mehr für den anderen ein. Natürlich wird man auch einmal an einen Punkt kommen, an dem das Loslassen schmerzhaft wird. Denn nicht jeder Partner kann jedes Bedürfnis stillen. Auch in der Liebe gehen nicht alle Wünsche in Erfüllung. Das Bedürfnis nach Sexualität zum Beispiel kann bei einem
Paar sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Dann bleiben manche Wünsche auf Dauer unerfüllt. Einen Partner kostet es vielleicht viel Überwindung, sich auf tiefere Gespräche einzulassen, sodass diese nur selten möglich sind. Andere Partner brauchen ihren Rückzug – einen ganzen Tag lang alles zusammen zu machen, das geht mit ihnen einfach nicht.

Liebe bedeutet dann, nicht nur die guten Eigenschaften des anderen zu genießen, sondern auch den anderen in den Grenzen anzunehmen, die die Persönlichkeit des anderen steckt. Hier kann das Loslassen wie ein Trauerprozess verlaufen: Wellen von Schmerz und innerer
Auflehnung schwellen an und ebben ab, bis sie im Lauf der Monate allmählich schwächer werden. Doch der Verzicht verändert auch Ihre Persönlichkeit und Ihre Bedürfnisse. Sie richten Ihre Bedürfnisse und Sehnsüchte mit der Zeit anders aus. Oft lässt sich dann ein Mangel gut bewältigen und ausgleichen. Dann wird auch die Freude an dem, was ist, wieder stärker.

Ungestillte Bedürfnisse kann man vielleicht in Freundschaften einbringen, andere Wünsche kann man mit den eigenen Kindern verwirklichen, wenn diese alt genug sind. Ungestillte Bedürfnisse können auch ein starker Antrieb dafür sein, die eigene Gottesbeziehung zu vertiefen, eine Leidenschaft für eine gute Sache zu entwickeln oder kreativ zu werden. Am Ende kommt vielleicht sogar etwas Besseres heraus, als wenn ein Bedürfnis einfach so gestillt worden wäre oder sich ein Wunsch erfüllt hätte. Die Grenzen unseres Partners können wir als einen Wink vom Himmel verstehen und daraufhin zu einem leidenschaftlichen, schöpferischen und einsatzbereiten Leben aufbrechen.

Abschließend möchte ich Ihnen noch eine weitere Hilfe zum Loslassen geben. Dazu müssen Sie sich vor Augen führen, dass jeder Mensch zwei unterschiedliche, ja gegensätzliche Möglichkeiten hat, mit denen er seine Gefühle reguliert. Zurückhaltende Menschen reagieren innerlich, wenn ihre Gefühle zu stark werden. Oft ziehen sie sich zurück oder distanzieren sich von den Menschen und Dingen, die die Gefühle auslösen. Erst wenn sich ihre Gefühle beruhigt haben, zeigen Sie, was in ihnen vorgeht, oder setzen etwas in ihrem Leben in Bewegung. Beziehungsorientierte Menschen dagegen regulieren ihre Gefühle durch Handlungen. Sie versuchen etwas bei anderen Menschen zu bewegen. Sie treffen Entscheidungen oder verändern die Situation, die Gefühle verursacht. Beide Strategien haben ihre Stärken und Schwächen.

Wenn Sie gelegentlich Grenzen überschreiten, gehören Sie sicher zum zweiten Typ beziehungsorientierter Menschen, die Gefühle durch Handlungen regulieren. Wenn Sie zum Beispiel wütend sind und den anderen dazu bringen, dass er nachgibt, sind Sie damit Ihre Wut los. In manchen Fällen führt eine schnelle Reaktion zu den besten Ergebnissen für beide. In anderen Fällen würde eine impulsive Reaktion die Grenzen des anderen überschreiten. Daher hilft es, wenn Sie es lernen, Gefühle auch so zu regulieren, wie es zurückhaltende Menschen tun.

  • Schauen Sie erst einmal nach innen: Was ist mit Ihnen gerade los? Was empfinden Sie genau? Was fehlt Ihnen? Wenn Sie verstehen, was in Ihnen vorgeht, dann beruhigen sich die Gefühle oft schon ein wenig und Sie können planvoller vorgehen, also in einer Weise, die sowohl Ihre Bedürfnisse als auch die Grenzen Ihres Partners berücksichtigt.
  • Führen Sie ein Selbstgespräch und beruhigen Sie sich selbst: „Ja, ich komme mir im Stich gelassen vor und habe damit bestimmt auch recht. Mein Partner versteht einfach noch nicht, dass er mich gerade hängen lässt. Wenn ich mich beruhigt habe, werde ich mit ihr/ihm einfach noch einmal darüber reden. Bestimmt finden wir einen Kompromiss, mit dem ich einigermaßen zufrieden bin.“
  • Ziehen Sie sich zurück und bauen Sie starke Gefühle durch Aktivitäten ab, zum Beispiel durch Sport, Haus- oder Gartenarbeit, Musik hören oder selbst musizieren, Beten, Tagebuch schreiben oder kreativ sein. Wenn Sie Ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden haben, treffen Sie bessere Entscheidungen und können auch in Ihrer Beziehung gezielter für das eintreten, was Sie brauchen.

Auch mit fairen Mitteln gewinnen Sie Ihren Partner. Sie können ihn einladen, seine Liebe so zu zeigen, wie Sie es brauchen. Wenn es Ihnen dann noch gelingt, ab und zu einen unerfüllbaren Wunsch zu verschmerzen, sind Sie bereits auf dem besten Weg. Auf diesem Weg kann Sie auch Ihr Partner unterstützen.

Den Partner befrieden

Konflikte um Grenzen würden wir am liebsten ein für alle Mal regeln: mit klaren Vereinbarungen, an die sich dann auch beide Seiten halten. Doch unser Leben ist vielfältig und verändert sich. Bestimmte Fragen stellen sich immer wieder neu, oft in einer Weise, die man nicht vorhergesehen hat. Was haben wir gemeinsam und wo hat jeder seinen eigenen Bereich? Welche Freiheiten lassen wir einander? Wie treffen wir Entscheidungen? Deshalb lässt sich nur ein kleiner Teil des gemeinsamen Lebens durch dauerhafte Absprachen regeln. Außerdem gehört es ja gerade zur Schwäche Ihres Partners, dass sie oder er gelegentlich gute Gründe findet, um Vereinbarungen außer Kraft zu setzen. Die Auseinandersetzung um Grenzen gehört daher zu Ihrer Beziehung wie das Aufräumen zur Haushaltsführung, das Waschen zur Körperpflege oder das Tanken zum Autofahren. Gerne würde man es sich sparen, es gehört aber nun einmal dazu.

Diese Sichtweise hilft Ihnen auch, Grenzüberschreitungen Ihres Partners nicht persönlich zu nehmen. Die meisten Menschen reagieren auf Grenzüberschreitungen mit Angst. Denn diese dringen in ihr Territorium ein und bedeuten tatsächlich eine Art Kriegserklärung, auch wenn diese selten bewusst und auch nicht böse gemeint ist. Nicht wenige fühlen sich durch Grenzüberschreitungen auch beschämt: „Bin ich dir so wenig wert, dass du meine Freiheit nicht achtest und über mich bestimmen willst? Wen oder was siehst du in mir? Ein Kind? Einen Diener? Einen Menschen zweiter Klasse?“ Auch wenn es sowohl für die Angst als auch für die Beschämung gute Gründe gibt, führt es weiter, wenn Sie die Grenzüberschreitungen nicht persönlich nehmen.

Denn Grenzüberschreitungen wollen keine Aussagen über Ihre Person machen. Sie sind eine Überreaktion Ihrer Partnerin/Ihres Partners, die von bestimmten Gefühlen ausgelöst wird und automatisch abläuft. Daher bauen Sie am besten eine liebevolle Routine auf, wie Sie mit
Grenzüberschreitungen umgehen. Dieser Artikel hilft Ihnen dabei.

Lernen Sie den Nahkampf lieben

Konflikte, Diskussionen, Streit – wenn wir uns auseinandersetzen müssen, erleben wir das oft als negativ. Es kostet Energie und macht nicht gerade gute Laune. Tatsächlich fühlen sich die meisten Menschen in Beziehungen am wohlsten, in denen die nötigen Abstimmungen ohne Streit und schwierige Verhandlungen gelingen.

Aber wo sich die Auseinandersetzung nicht vermeiden lässt, möchte ich für ihren Wert werben. Für Kinder zum Beispiel ist es wichtig, dass sie sich an ihren Eltern reiben und mit ihnen auseinandersetzen dürfen. Wenn Eltern Konflikte vermeiden, können Kinder keine starke
Persönlichkeit entwickeln. Sowohl nachgiebiges als auch übertrieben autoritäres Verhalten nimmt Kindern die Möglichkeit, sich auseinanderzusetzen. Sie spüren dann weder ihrer eigene Position noch die ihrer Eltern. Sie lernen nicht, für ihre Interessen zu kämpfen, und genießen nicht das gute Gefühl, sich etwas erkämpft zu haben. Sie erleben auch nicht die Geborgenheit, die entsteht, wenn Eltern in ihren Grenzen festbleiben, ihre Kinder überzeugen und sie auch einmal in die Schranken weisen. Manchmal haben wir dieses Bedürfnis auch als Erwachsene: unseren eigenen Standpunkt in der Auseinandersetzung spüren oder vielleicht erst finden zu dürfen; ein Gegenüber haben, an dem man sich reiben kann; einen starken Partner haben, der um seine Position weiß und der nicht umfällt, wenn wir einmal emotional und kämpferisch werden.

Vielleicht hilft Ihnen diese Sichtweise dabei, in der Auseinandersetzung nicht nur eine lästige Notwendigkeit zu sehen. Sie schenken Ihrem Partner damit die Erfahrung, sich selbst und auch Sie zu spüren. Sie vermitteln die Geborgenheit, die eine klare Position und ein starkes
Gegenüber bedeuten. Auch Sie werden dabei gewinnen. Zunächst wird Ihnen Ihr Standpunkt klarer werden. Sie werden immer deutlicher spüren, wo Sie flexibel sind und welche Position für Sie unaufgebbar ist, wo Sie tolerant sind und was Sie nicht akzeptieren können. Auf diese Weise gewinnen Sie Profil. Sie werden immer mehr zu dem, was wir meinen, wenn wir von einer starken Persönlichkeit sprechen. Sie gewinnen außerdem an Autorität, je mehr Sie zu Ihren Überzeugungen und Grenzen stehen und diese zur Not auch mit klaren Worten vertreten.

Sehen Sie das Kind im anderen

Wenn wir unseren Stachel ausfahren, schützen wir damit einen wunden Punkt. Wo genau unsere wunden Punkte liegen, hängt mit unserer Lebensgeschichte zusammen und vor allem mit den Erfahrungen, die wir in unserer Kindheit gemacht haben. Grenzüberschreitungen sind in der Regel eine Reaktion auf die folgenden Kindheitserfahrungen.

  • Das vernachlässigte Mädchen, der vernachlässigte Junge. Manche Kinder haben immer wieder Momente eines emotionalen Mangels erlebt. Ihre Eltern waren zu abgelenkt, zu gestresst oder zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihrem Kind die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Mangelgefühle können ein Kind sehr verzweifelt machen. Es sucht dann unter Umständen immer drastischere Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen. Auch bei Erwachsenen können alte Mangelgefühle wieder aufbrechen, oft sind nur kleine Unaufmerksamkeiten des anderen der Auslöser dafür. Dann greifen Partner zu den Strategien, die als Kind geholfen haben, und drücken zum Beispiel Gefühle sehr intensiv aus, lassen sich nicht abwimmeln oder verhalten sich fordernd. Der Partner wird dies allerdings als Druckmittel empfinden, weil er ja einem Erwachsenen gegenübersteht. Wenn Sie ein Mangelgefühl hinter der Grenzüberschreitung erkennen, können Sie auf das vernachlässigte Mädchen oder den vernachlässigten Jungen eingehen. Schenken Sie ein Zeichen der Liebe und Zuwendung, hören Sie aufmerksam zu, bieten Sie einen Kompromiss oder eine Unterstützung an. Das wird es Ihnen leichter machen, wenn Sie auf der einen oder anderen Grenze bestehen müssen.
  • Das überverantwortliche Mädchen, der überverantwortliche Junge. Viele Partner, die heute gelegentlich Grenzen überschreiten, haben als Kind früh Verantwortung getragen. Sie haben sich um jüngere Geschwister gekümmert oder ein Elternteil gestützt, dem es nicht gut ging. Manche Kinder wurden unter starkem Druck zu Ordnung, Anstand oder Leistung angehalten. Diese Überverantwortlichkeit kann auch im Erwachsenenalter aktiviert werden. Partner geraten dann unter Druck, wenn es darum geht, Bedürfnisse anderer zu stillen oder einem Maßstab gerecht zu werden. Sie geben den Druck weiter und überschreiten dabei Grenzen. Wenn Sie ein überverantwortliches Mädchen oder einen überverantwortlichen Jungen hinter dem Verhalten Ihres Partners spüren, können Sie eine Entlastung anbieten: „Entspanne dich. Es passiert überhaupt nichts, wenn das jetzt nicht auf Anhieb klappt.“
  • Das alleingelassene Mädchen, der alleingelassene Junge. An kleinen Kindern können wir es beobachten: alleingelassen werden verursacht zuerst Unbehagen und schließlich Verzweiflung. Wenn ein Kind das zu früh und zu oft erlebt, prägt sich Verlassenheit als emotionale Reaktionsbereitschaft ein. In der Paarbeziehung zeigt sich das oft als anklammerndes Verhalten. Wenn das geschieht, sollten Sie zunächst das alleingelassene Mädchen oder den alleingelassenen Jungen beruhigen. Dann nehmen Sie nach einer anstrengenden Aussprache Ihren Partner zum Beispiel in den Arm und sagen: „Ich habe dich lieb, aber ich kann gerade nicht mehr. Lass uns morgen noch einmal darüber reden.“
  • Das beschämte Mädchen, der beschämte Junge. Hier geht es vor allem um Kinder, die sich für andere geschämt haben, zum Beispiel für einen alkoholabhängigen Vater, ein unschönes Zuhause armer Eltern oder für einen verhaltensauffälligen Bruder. Sich nicht mehr zu schämen, wird dann zu einem starken Motiv. Entsprechend intensiv reagieren Erwachsene mit dieser Prägung auf alles, was peinlich werden könnte. Sie selbst achten sehr darauf, sich keiner Peinlichkeit mehr auszusetzen. Wenn der andere das lockerer sieht, wirken Partner manchmal in grenzüberschreitender Weise auf den anderen ein. Auch das beschämte Kind in Ihrem Partner können Sie beruhigen: „Stimmt, das war peinlich. Aber auch nicht peinlicher als das, was anderen auch hin und wieder passiert. Daran, dass mich andere schätzen, wird das sicher nichts ändern. Da bin ich mir sicher.“

Wenn Sie das Kind in Ihrem Partner verstehen und unterstützen, dann haben Sie bereits für Entspannung gesorgt. Sie können Ihre Grenzen nun leichter behaupten.

Setzen Sie liebevoll Grenzen

Aus Ihren Erfahrungen können Sie sicher bestätigen: Es ist gar nicht einfach, dem Partner Grenzen zu setzen. Sie bewegen sich hier wie bei einer Wanderung auf einem schmalen Grat, zu beiden Seiten geht es steil bergab. Wenn Sie die Grenzüberschreitung einfach hinnehmen, fühlen Sie sich immer unfreier. Wenn Sie aber Grenzen setzen, wirkt das für Ihren Partner wie eine Zurückweisung. Sie oder er gerät dann aus dem Gleichgewicht und reagiert darauf unter Umständen mit weiteren Grenzüberschreitungen.

Wenn Sie liebevoll Grenzen setzen, dann behalten Sie den wunden Punkt Ihres Partners im Blick: die Erfahrung, nicht genug Zuwendung, Schutz und Unterstützung zu bekommen. Zwar dürfen Sie Ihre Grenzen standhaft verteidigen, Ihre Begründung sollte aber eine Verbundenheit und Wohlwollen ausdrücken. Dafür stehen Ihnen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung.

„Das tut uns nicht gut.“

Alles, was sich in einer Liebesbeziehung abspielt, wirkt sich auf beide aus. Damit können Sie argumentieren.

  • „Wenn du einfach alleine planst, was wir am Wochenende machen, dann fühle ich mich nicht mehr auf Augenhöhe mit dir. Ich werde dann wütend. Das tut uns nicht gut. Deshalb möchte ich mit dir gemeinsam planen, wie das Wochenende laufen soll.“
  • „Wenn du mich so oft korrigierst wie heute, dann komme ich mir vor wie ein Kind, das erzogen wird. Klar, du hast auch immer einen guten Grund dafür. Aber wollen wir als Paar wirklich so miteinander umgehen? Würde dir nicht etwas fehlen, wenn ich mich mehr wie ein Kind verhalte, das es dir recht machen will? Deshalb ist es mir viel lieber, dass du mich nur korrigierst, wenn es wirklich ganz wichtig ist. Ansonsten brauche ich die Freiheit, die Dinge auf meine Art und Weise zu tun, auch wenn ich dabei Fehler mache.“

Aus dieser Quelle können Sie immer wieder gute Gründe schöpfen, warum Sie eine Grenze verteidigen: Liebe gedeiht, wenn ein Paar auf Augenhöhe miteinander umgeht, wenn Entscheidungen gemeinsam getroffen werden, wenn beide ihre Vorstellungen verwirklichen können und sich so beide im gemeinsamen Leben zu Hause fühlen.

„Ich bin dir ein besserer Partner, wenn …“

Wir wollen für den anderen ein guter Partner sein: aufmerksam, warmherzig, humorvoll, kreativ und unterstützend. Aber um so sein zu können, müssen wir uns einigermaßen wohl und sicher fühlen. Unsere Fähigkeit, ein guter Partner zu sein, nimmt dagegen ab, wenn uns unsere Freiheit genommen wird. Auch mit diesem Argument können Sie Ihre Grenzen begründen, wie folgende Beispiele zeigen.

  • „Ich erzähle dir gerne von unseren Messetagen und ich beruhige dich auch gerne, dass mein Umgang mit Sandra distanziert ist. Aber wenn du so nachfragst wie jetzt, fühle ich mich wie in einem Verhör. Ich werde dann trotzig und würde am liebsten ganz dichtmachen. Aber das möchte ich nicht. Ich will offen dir gegenüber bleiben.“
  • „Du, wir haben darüber jetzt bestimmt schon eine halbe Stunde gesprochen. Und ich habe schon zweimal angedeutet, dass es mir für heute erst mal reicht. Wenn du mich jetzt aber weiter festhältst, dann fühle ich mich eingesperrt. Ich bekomme dann Panik. In solchen Situationen habe ich dich sogar schon angeschrien. So will ich dich aber nicht behandeln. Dann musst du aber auch einfach akzeptieren, wenn es für mich genug ist. Wir können ja dann später weiterreden, zum Beispiel morgen Abend.“

Darüber hinaus können Sie Ihren Partner auch an eigene Werte und Überzeugungen erinnern.

„Das möchtest du doch selbst nicht.“

Dies ist ein unschlagbares Argument für Grenzen. In entspannten Momenten weiß Ihr Partner ja, welche Freiheit jedem zusteht, was im Streit in Ordnung ist und was nicht, wie man gemeinsame Entscheidungen trifft. Auf diese Grundlage können Sie zurückkommen:

  • „Schatz, in entspannten Momenten würdest du nie so über meine Familie urteilen. Lass es uns doch auch dann so halten, wenn unser Gespräch etwas hitziger wird.“
  • „Den Termin hast du ausgemacht, ohne mich zu fragen. Deshalb fühle ich mich daran nicht gebunden. Es ist dir doch auch wichtig, dass keiner den anderen bei Entscheidungen übergeht.“

Wenn Ihr Partner gerade emotional bewegt ist, wird er Ihnen natürlich nicht unbedingt sofort zustimmen. Aber er/sie wird sich durch Ihre Grenze nicht missachtet oder abgelehnt fühlen.

„Wenn …, dann …“

Wenn nichts anderes hilft, dann bleibt eine letzte Möglichkeit. Sie können Konsequenzen einsetzen und begründen. Diese Maßnahme ist heikel und ihr Einsatz erfordert Fingerspitzengefühl. Denn Konsequenzen gehören normalerweise in den Bereich der Kindererziehung. Unter Erwachsenen sind sie eine Notlösung, ein letztes Mittel. Aber natürlich müssen wir auch als Erwachsene mit Konsequenzen leben, wenn wir zum Beispiel unsere Arbeit nicht ernst nehmen, zu schnell fahren, Freundschaften vernachlässigen oder ungesund leben. Wir akzeptieren, dass unser Handeln Konsequenzen hat.

Liebevoll sind Konsequenzen dann, wenn sie nicht der Durchsetzung, sondern nur Ihrem Schutz dienen. Manchmal schützen Konsequenzen auch beide Partner, weil sie auf etwas reagieren, was der Liebe nicht guttut. Sie lassen stets eine Tür zu einem besseren Miteinander offen. Folgende Konsequenzen werden in aller Regel akzeptiert.

  • „Es ist völlig okay, dass du wütend bist. Aber der Vorwurf, dass ich dich nicht liebe, ist mir zu heftig. So möchte ich nicht mit dir streiten. Kannst du dich ein wenig beruhigen? Wenn nicht, gehe ich jetzt und wir können die Sache später austragen.“
  • „Ich bin nicht einverstanden, dass du persönliche Dinge von mir erzählst, ohne mich zu fragen. Wenn du das nicht respektierst, dann erzähle ich vorerst nur noch Dinge, die ich auch bei Facebook posten würde.“

Auch wenn diese Konfrontationen entschlossen klingen, spürt der andere, dass sie fair sind. Denn Ihr Gegenüber behält die Kontrolle über die Situation. Es muss nur den Stachel ein wenig zurückziehen und schon kann das Gespräch weitergehen. Dadurch erübrigt sich auch die Konsequenz. Vielleicht finden Sie es gar nicht so einfach, auf gute Weise Grenzen zu setzen. Denn dazu muss man geistesgegenwärtig und auch ein wenig schlagfertig sein. Daher wird Ihnen sicher nicht immer eine Möglichkeit einfallen, wie Sie eine Grenze behaupten können. Das ist aber auch nicht weiter schlimm. Denn in einer Liebesbeziehung wiederholen sich Situationen ja häufig. Für das nächste Mal kann man sich dann Sätze zurechtlegen, die einem Gespräch oder einer Begegnung eine andere, bessere Richtung geben.

Wenn Sie die positiven Seiten von Konflikten schätzen lernen und liebevoll Grenzen setzen, dann befrieden Sie Ihre Paarbeziehung auch in hitzigen Momenten. Das wird Ihnen vielleicht noch leichter gelingen, wenn Sie sich auf einen spirituellen Weg begeben.

Aus den Quellen des Glaubens schöpfen

Jedes Thema der Liebe hat auch eine spirituelle Seite. Sie wird sichtbar, wenn wir das, was ein Paar miteinander austrägt, zu Gott hin öffnen. In der christlichen Tradition fügen sich Grenzüberschreitungen in folgenden existenziellen Rahmen ein.

Der Einzige, der ein Recht hat, über einen Menschen zu bestimmen, ist Gott als Schöpfer des Menschen. Er teilt dem Menschen seine Freiheit zu und setzt zugleich die Grenzen seiner Freiheit. Er nimmt Menschen in Verantwortung und weist ihnen ihre persönliche Bestimmung zu. Nach biblischer Auffassung liegt Gottes Recht dazu nicht allein in seiner Schöpfermacht, sondern vor allem darin, dass Gott das einzige Wesen im Universum ist, das wirklich selbstlos lieben kann. Nur bei Gott selbst ist sicher, dass seine Herrschaft über Menschen nicht missbräuchlich oder ausbeutend ist.

Umgekehrt folgt daraus auch: Kein Mensch hat das Recht über einen anderen zu bestimmen und ihm seine Freiheit zu rauben. (Wo Menschen das im Rahmen der Erziehung, als Vorgesetzte oder Politiker tun, dürften sie es eigentlich nur, soweit es anderen dient.) Jesus entfaltet den Glauben als einen Weg der Freiheit. Allein die Liebe zu Gott und zum Nächsten setzen dieser Freiheit Grenzen. Wenn Sie gelegentlich Grenzen überschreiten, dann lädt Sie der Glaube zu einem Vertrauen ein. Zugleich entdeckt Ihr Partner einen höheren Grund, die eigene Freiheit zu wahren.

Grenzen annehmen und Gott vertrauen

Wenn Sie Freiheit als ein Geschenk Gottes an Ihren Partner akzeptieren, bleiben Sie an den Grenzen stehen, die die Freiheit Ihres Partners setzt. Manchmal müssen Sie dafür vorübergehend Wünsche loslassen oder einen Mangel aushalten. Dabei können Sie auch spirituelle Mittel
einsetzen. Eine sehr alte Glaubenserfahrung könnte Sie hier auf einen guten Weg führen. Sie drückt sich im Alten Testament aus: In Psalm 23 betet der israelische König David, dessen Leben etwa auf das Jahr 1.000 v. Chr. datiert wird:

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“

David beschreibt eine umfassende Fürsorge, die Körper und Seele einschließt, aber auch den Geist, also den Teil in uns, der sich auf Gott beziehen kann. Manche Menschen erleben in Momenten des Mangels tatsächlich eine unbegreifliche Geborgenheit und Freude, nachdem sie sich an Gott gewandt haben. Andere entdecken in dem, wie ihr weiterer Tag verläuft, Zeichen von Gottes Freundlichkeit und Versorgung. Vielleicht versuchen Sie das auch einmal: Vertrauen Sie sich der Fürsorge Gottes an, wenn in Ihrer Beziehung einmal etwas Wichtiges fehlt. Beten Sie den Psalm und beobachten Sie in den nächsten Stunden, was geschieht. Die Erfahrung, dass Gott in Momenten des Mangels da ist und hilft, macht Sie in der Liebe gelassen. Grenzüberschreitungen werden Ihnen dann ganz unpassend vorkommen.

Aber auch Situationen der Überverantwortlichkeit können zum Anlass spiritueller Erfahrungen werden. Hier hat Jesus eine berühmte Einladung ausgesprochen:

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“ (Matthäus 11,28-30).

In unserer heutigen Sprache könnte man vielleicht sagen: „Bürde dir nicht zu viel auf. Ich treibe dich nicht an und setze dich nicht unter Druck. Übernimm nur, was ich dir auferlege, das kannst du tragen. Den Rest lass liegen und lass los. Das wird ich entspannen.“ Auch diese Sätze können Sie einmal betend nachvollziehen, wenn Sie das nächste Mal unter Druck kommen. Vielleicht hilft Ihnen Ihr Glaube auch, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und so die Last der Verantwortung zu erleichtern. Sie geraten seltener unter Druck und lassen sich dann sicher auch seltener zu Grenzüberschreitungen hinreißen.

So führt die Grenzüberschreitung zum existenziellen Thema von Mangel und Überverantwortlichkeit und die wiederum auf einen Weg des Glaubens.

  • Karina und Paul sind diesen Weg gegangen. Ihre Tochter war noch in der Grundschule, als Karina bereits den Bruch gespürt hat. Auf vieles, was Karina sagte oder tat, reagierte ihre Tochter mit Rückzug, Abwehr oder sogar Ablehnung. Das hat Karina in ihren Muttergefühlen verletzt und es war ihr kaum möglich, die Ablehnung zu ertragen. Karina hat natürlich vieles versucht, um wieder einen Zugang zu ihrer Tochter zu finden. Aber je mehr sich Karina bemühte, desto schlimmer schien es zu werden. Das hat sich auch auf die Ehe ausgewirkt. Karina hat sich von Paul im Stich gelassen gefühlt und ihren Mann damit stark konfrontiert. Sie hat von ihm gefordert, er solle mehr hinter ihr stehen und dies auch der Tochter zeigen.
    Irgendwann hat Karina sich mit ihrem Schmerz in ihre Gottesbeziehung fallen lassen. Die Verantwortung, der sie in ihrer Familie nicht gerecht geworden ist, hat sie einfach losgelassen. Sie hat Momente von tiefem Trost erfahren, auch wenn sich an der Familiensituation zunächst nichts verändert hat. Sie versuchte, in den alltäglichen Begegnungen mit ihrer Tochter zurückhaltend, aber doch freundlich, wertschätzend und fürsorglich zu sein. Irgendwann spürte sie Anzeichen eines Neubeginns. Ihre Tochter konnte sich mehr öffnen und reagierte auf die Erziehung nicht mehr so abwehrend. Heute kann sich Karina weder erklären, wie es zu dem Bruch kam, noch was diesen wieder überbrückt hat. Sie nahm es einfach als Geschenk.

Freiheit durch Gehorsam

Wenn Ihr Partner gelegentlich Grenzen überschreitet, dann sieht Ihr spiritueller Weg etwas anders aus, auch wenn er von der gleichen Frage ausgeht, nämlich der Ihrer Freiheit. Natürlich kann man seine Freiheit verteidigen, einfach weil man ein Recht auf sie hat. Doch das haben wir in diesem Artikel trotzdem vermieden. Denn es klingt schnell nach einer kleinlichen Selbstbezogenheit, die sich selbst wichtiger nimmt als die Liebe. Stattdessen haben wir uns darauf berufen, dass die Liebe nur gedeihen kann, wenn keiner seine Freiheit verliert.

Aus einer spirituellen Perspektive gibt es einen weiteren Grund, die eigene Freiheit zu schützen. Zum Wesen des christlichen Glaubens gehört es nämlich auch, sich in einem Akt freiwilliger Liebe der guten Herrschaft Gottes unterzuordnen. „Die Herrschaft Gottes ist nahe herbeigekommen“, das ist die Kernbotschaft Jesu, wie sie in den vier Evangelien überliefert ist. Seine Lehre widmet sich hauptsächlich der Frage, wie Gottes Herrschaft aussieht: dass sie unsere religiösen Vorstellungen auf den Kopf stellt und warum sie ganz anders ist als das, was wir als menschliche Herrschaft erfahren. Wie sich Glaubende in diese Herrschaft einfügen, dazu leitet jede Konfession etwas anders an und stützt diesen Vorgang mit unterschiedlichen Ritualen. Auf verschiedenen Wegen machen Glaubende aber den Willen Gottes für sich verbindlich, wie er sich ihnen in der biblischen Überlieferung offenbart. Glaubende bitten darüber hinaus, dass Gott seine guten Absichten für ihr Leben auch ganz individuell zeigt, und üben sich im Gehorsam demgegenüber, was ihnen als Gottes Wille erscheint.

Wer die Erfahrung menschlicher Herrschaft auf Gott überträgt, für den wäre es ein abstoßender Gedanke, die eigene Freiheit in einem Willen Gottes aufgehen zu lassen. Weil Gottes Wille aber ein Ausdruck seiner selbstlosen Liebe ist, entfaltet Gehorsam die menschliche Persönlichkeit, statt sie einzuengen. Wer sich in Gottes Willen fügt, vergrößert die Freiheit, was die wesentlichen Dinge des Lebens angeht: die Freiheit, Liebe zu geben und zu empfangen, die Freiheit, glücklich zu machen und glücklich zu sein, die Freiheit, schöpferisch tätig zu sein und auch das schöpferische Potenzial anderer Menschen freizusetzen. Glaubende erfahren also ein Paradox: Die Bindung an Gott vergrößert ihre Freiheit. Das wirkt sich auch auf eine Paarbeziehung aus. Lassen Sie uns an einigen Beispiele betrachten, wie das praktisch wird.

  • Leonhard hat als introvertierter Mensch seine kontemplative Gabe entdeckt. Wenn er sich für einige Tage in ein Kloster zurückzieht, einen Tag allein in der Natur verbringt oder abends ein gehaltvolles Buch liest, fühlt er sich Gott sehr nahe. Sein Inneres wird wie von einer guten Kraft geordnet, danach fühlt er sich gelassener, fröhlicher, liebevoller und kann sich ganz neu auf Beziehungen einlassen. Marga dagegen, ein Beziehungsmensch und gelegentlich grenzüberschreitend, plant gerne. Sie würde Leonhard von seinen Rückzugsräumen abschneiden und seinen inneren Raum mit einem Übermaß an Erlebnissen füllen. Ganz ohne Kampf konnte Leonhard seine stillen Stunden nicht verteidigen. Aber je mehr er Marga von seinen kontemplativen Erfahrungen anvertraute und je mehr sie die positiven Auswirkungen erlebte, desto leichter konnte sie Leonhards Grenzen annehmen, wenn er sich einmal zurückziehen muss.
  • Sven hat ein Gespür für Qualität. Oder ist er bereits perfektionistisch? Jedenfalls spannt er Anke gewohnheitsmäßig ein, wenn er das Haus umbaut, eine Party organisiert oder den Garten neu anlegt. Anke kann durchaus genießen, was Sven alles auf die Beine stellt, aber manchmal fühlt sie sich in ihrem durchgestylten Leben nicht mehr richtig zu Hause. Ihre Gegenwehr ist immer zaghaft ausgefallen, denn Sven trägt seine Pläne einfach überzeugend vor. Das hat sich geändert, seit sie ihr Herz für die Obdachlosenarbeit ihrer Kirchengemeinde entdeckt hat. Anke findet einen Zugang zu den Männern, die sich ihr gegenüber respektvoll verhalten. Sie gibt es nicht vielen Menschen preis, doch sie fühlt sich dann wie ein „Werkzeug der Liebe Gottes“, wie es in dem Friedensgebet heißt, das Franz von Assisi zugeschrieben wird. Sven hat zunächst getobt, als Anke auch in einer Bauphase an ihrem Ehrenamt festgehalten hat. Inzwischen hat er ein anderes Maß gefunden und plant Anke nicht mehr so stark ein. Er hat sogar Respekt für Ankes Einsatz: „Ich könnte das nicht.“

Auf einem spirituellen Weg nähern sich beide von unterschiedlichen Ausgangspunkten dem Thema Freiheit. Einer bleibt aus Gottesfurcht an der Grenze stehen, die nicht nur die zwischenmenschliche Fairness setzt, sondern für die auch Gott selbst einsteht. Wo die menschliche Überreaktion ausbleibt, öffnet sich ein Raum für neue Erfahrungen mit Gott, die von Mangel und Überverantwortlichkeit entlasten. Die andere Seite findet in der Hingabe an Gottes Willen einen höheren Grund, die eigene Freiheit vor Vereinnahmung zu schützen.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch „Stacheln in der Partnerschaft – Wie Sie Ihre Liebe vor Verletzungen schützen“ von Jörg Berger. Er ist Psychotherapeut in Heidelberg. Persönlich sowie mit Büchern und Videokursen begleitet er Paare.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/01/Paar-1.jpg 1235 1920 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-01-29 14:53:072026-01-30 14:45:55Wenn Liebende Grenzen überschreiten

Plötzlich Mama und Papa! – So versinkt ihr nicht im Chaos

Mit der Geburt des ersten Kindes beginnt ein wundervoller und bereichernder neuer Lebensabschnitt. Aber nicht alles klappt auf Anhieb. Coach Julia Otterbein gibt hilfreiche Tipps.

„Egal, wie sehr du dich auf das Elternsein vorbereitet hast und es auch vielleicht noch täglich tust: Es kommt doch immer anders als erwartet. Denn es gibt keinen Plan, den du auf dieser Reise abarbeiten kannst. Keinen Fahrplan oder Ratgeber, an dem du dich zu 100 Prozent orientieren kannst. Jedes Kind, jede Mutter, jede Familie ist individuell.“ (Claudia P., dreifache Mama)

Ein gemeinsames Bild von Familie

Dass jeder Partner eigene Vorstellungen und Wünsche für das Familienleben mitbringt, ist selbstverständlich. Jeder von uns hat individuelle Erfahrungen in seiner Ursprungsfamilie gemacht – positive wie negative. Darüber lohnt es sich als Paar ins Gespräch zu kommen, um beiden Perspektiven Raum zu geben, Verständnis füreinander zu entwickeln und ein neues, gemeinsames Bild von Familie zu skizzieren. Mit welchen Farben diese Skizze im Lauf der Zeit gefüllt wird oder ob einzelne Linien noch einmal korrigiert werden wollen, wird sich später zeigen. Mögliche Themen dieses Findungsprozesses als Familie können sein: Planung und Aufteilung der Elternzeit, Aufteilung von Care-Arbeit und Lohnarbeit, aber auch Werte und Erziehungsziele.

Vom Paar zur Familie

Das Allerwichtigste in der ersten Zeit ist und bleibt es, eure Dreisamkeit zu genießen. In dieser Zeit passiert eure sichtbare Verwandlung vom Paar zur Familie – quasi ein neues Level in eurer Partnerschaft. Ihr dürft gemeinsam in eure neuen Rollen hineinwachsen und euer kleines Wunder bestaunen.

Wenn diese erste Zeit eurer Elternschaft schon hinter euch liegt, könnt ihr auch im Rückblick die Schwangerschaft, die Geburt und das Wochenbett gemeinsam reflektieren. Themen wie die Aufteilung von Care-Arbeit und Lohnarbeit bleiben für lange Zeit aktuell und dürfen im Erleben regelmäßig nachjustiert werden. Besonders dann, wenn weitere Veränderungen anstehen, wie die Geburt von weiteren Kindern oder berufliche Veränderungswünsche.

Aufgaben teilen

Am besten wächst man von Anfang an gemeinsam an den neuen Aufgaben als junge Familie, aber eine gewisse Schieflage an Zuständigkeiten ist auch nicht ungewöhnlich. Die alten patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft sind immer noch sehr mächtig. Als Mutter darfst du loslassen, und als Vater darfst du dir etwas zutrauen. Versuche nicht, die perfekte Mutter zu sein, die immer allen Erwartungen entspricht. Du bist die beste Mutter für deine Kinder, weil du ihre Mutter bist und nicht, weil du einem Ideal hinterherhechtest, das zutiefst unmenschlich und nicht zeitgemäß ist.

Väter machen Dinge oft anders als Mütter und das ist okay! Anders heißt nicht schlechter. Kinder lernen durch diese unterschiedlichen Vorbilder, dass es verschiedene Wege zum Ziel und keine festgefahrenen Strukturen zwischen Männern und Frauen gibt. Einzig das Stillen bleibt natürlich die Kernkompetenz von Müttern.

Das Rad nicht neu erfinden

Weil Frauen das eher intuitiv tun, richtet sich dieser Appell speziell an die Väter: Sucht euch Mentoren oder Vorbilder, mit denen ihr euch austauschen könnt! Ihr müsst das Rad nicht neu erfinden, sondern könnt euch Ideen und Impulse bei anderen Vätern holen. Das gilt selbstverständlich auch für beide gemeinsam: Im Kontakt mit anderen Paaren, die bereits ältere Kinder haben, findet man häufig ein offenes Ohr und Verständnis für die aktuellen Herausforderungen, in denen man gerade steckt. Und man profitiert von ihren Erfahrungen und der weitsichtigeren Perspektive. Ich persönlich bin verschiedenen Menschen in unserem Umfeld sehr dankbar für ihre ermutigenden Worte und ihre mit uns geteilten Weisheiten, die uns immer wieder einen wertvollen Perspektivwechsel ermöglichen.

Rituale schaffen Verbindung

Wenn der Alltag kommt, gilt es, den Kontakt zueinander nicht zu verlieren. Vorhandene Rituale als Paar könnt ihr weiterpflegen oder weiterentwickeln. Der Eheabend im Kino wird dann eben ins Wohnzimmer verlegt, solange das Kind noch zu klein ist, um von einem Babysitter betreut zu werden. Bleibt im Gespräch über das, was sich ändert, und das, was gleich bleiben soll. Manche Veränderungen sind nach außen deutlich sichtbar, andere spielen sich eher in unserem Inneren ab und bleiben damit für den Partner oder die Partnerin verborgen. Hier ist eine offene Kommunikation unabdingbar, um ein Auseinanderdriften zu verhindern. Schafft euch Rituale für diesen Austausch – dann ist die Hürde nicht so groß, wenn es „schwierige“ Themen gibt, die besprochen werden wollen. Dann ist es wichtig, Verständnis zu entwickeln, zuzuhören und aufeinander einzugehen.

Ihr braucht Freiraum und ein Dorf

Ermöglicht euch gegenseitig, am besten täglich, Freiräume ohne Verantwortung für Kind oder Haushalt, damit die Fremdbestimmung nicht zum Dauerzustand wird. Aber Vorsicht: Was dem einen guttut, muss noch lange nicht die passende Strategie für die andere sein. Tauscht euch aus über eure individuellen Bedürfnisse und findet gemeinsam Möglichkeiten, wie diese Bedürfnisse erfüllt werden können.

Dabei dürft ihr auch euer sprichwörtliches Dorf nutzen und euch unterstützen lassen. So ein modernes „Dorf“ kann heute ganz anders aussehen als früher. Statt der Großfamilie im gleichen Haus oder in der direkten Nachbarschaft bilden heute evtl. die Tagesmutter, die Kita, andere Eltern, Babysitter, Leihomas oder Menschen aus der Gemeinde oder dem Sportverein euer persönliches Dorf. Haltet bewusst Ausschau nach Kontakten, die euch durch geteiltes Wissen, gemeinsam verbrachte Zeit und gegenseitige Unterstützung bereichern. Davon profitiert ihr als Eltern, aber auch eure Kinder.

Julia Otterbein ist Diplom-Sozialpädagogin und Selbstfürsorge-Coach und lebt mit ihrer Familie in Süderbrarup/ Schleswig-Holstein. familywithlove.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/01/Familie-nach-der-Geburt_Getty-Images_StefaNikolic_E.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-01-26 11:05:562023-01-26 11:05:56Plötzlich Mama und Papa! – So versinkt ihr nicht im Chaos

Ohne Body Shaming und Beziehungsängste: Wie Jugendliche einen gesunden Umgang mit digitalen Medien lernen

Digitale Medien können die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen schädigen. Der Psychologe und Psychotherapeut Johannes Hepp gibt Anregungen, wie Eltern zu einem gesunden Umgang helfen können.

Sorgt die Digitalisierung für mehr psychische Erkrankungen?
Wirkliche Studien und Erhebungen gibt es dazu nicht, soweit ich weiß. Das sind auch immer fließende Übergänge. Ab wann reden Sie von einer psychischen Erkrankung? Das ist nicht so leicht zu bestimmen. Aber ich habe den Eindruck, dass die psychischen Belastungen mannigfacher und stärker geworden sind.

Und was sind dabei die größten Belastungen?
Bei Kindern und Jugendlichen stark verbreitet ist eine Abhängigkeit vom Smartphone und von Social Media. Hier gibt es Körperbild-Verzerrungen und Body Shaming. Und wir haben weniger reale Begegnungen. Die zwischenmenschliche Kommunikation und Dinge, die früher selbstverständlich waren im Umgang miteinander, führen immer häufiger zu Problemen bis hin zu Beziehungsängsten, weil vieles nur noch virtuell erlebt wird und im realen Alltag nicht trägt.

Aber war es in der harten Pandemiezeit nicht auch gut für die seelische Gesundheit gerade von Kindern und Jugendlichen, dass sie digitale Möglichkeiten hatten, um Kontakt mit Freunden zu halten?
Das war extrem wichtig. In den Lockdowns wären die psychischen Belastungen ohne die Möglichkeit, wenigstens digital miteinander zu kommunizieren, viel größer gewesen. Aber meine Patienten haben im Lockdown auch erkannt, wie irrsinnig es war, sich nicht mehr wirklich zu begegnen, als man es noch konnte. Nur stelle ich jetzt wieder einen schnellen Rückgang zur Norm, also zu dem Zustand vor der Pandemie fest. Und ich sehe ein weiteres Fortschreiten der Virtualisierung.

Was wäre denn Ihrer Meinung nach eine gute Strategie, mit digitalen Geräten umzugehen?
Das ist je nach Altersgruppe unterschiedlich zu betrachten. Bei Kindern und Jugendlichen geht es um die Begrenzung der Zeit, die sie sich in virtuellen Welten bewegen im Verhältnis zu dem, was sie real erleben und selbst erkunden. Der virtuelle Anteil ist ja auch gut. Kinder lernen viel online und haben da neue Möglichkeiten, aber es sollte nur ein kleiner Teil der Wachzeit sein. Sonst beeinträchtigt das die gesunde Entwicklung unserer Kinder. Aber das muss man schon sehr differenziert betrachten. Ich sehe das eine nicht nur als gut und das andere nicht nur als schlecht.

Haben Sie konkrete Tipps für Eltern?
Es braucht die intensive inhaltliche Auseinandersetzung der Eltern mit den Themen. Nicht alles ist schlecht und belastend. Instagram zum Beispiel ist für Töchter eine gefährliche Geschichte. Dass sie nicht ein Body Shaming, sondern ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln. Es gibt ja auch andere Möglichkeiten, virtuell zu kommunizieren, die nicht so bildhaft, nicht so körperorientiert sind. Die Eltern kommen heutzutage nicht mehr durch, indem sie sagen, du darfst nur zwei Stunden ins Internet. Auch zwei Stunden können zu viel sein, wenn ich auf den falschen Seiten bin. Deswegen braucht es eine Begleitung unserer Kinder und Jugendlichen durch Eltern, die die Unterschiede verstehen und auch die Mechanismen dahinter. Das war auch das Anliegen meines Buches, das Hintergrundwissen zu vermitteln, um differenzieren zu können: Was ist gut, was ist schlecht? Die Offenheit der Kinder und Jugendlichen ist viel größer, wenn sie das Gefühl haben, die Eltern können auch inhaltlich mitdiskutieren. Kinder müssen zum Beispiel wissen, welche Videospiele sie sich runterladen dürfen und welche nicht. Da kommen Sie mit reiner Altersbeschränkung nicht weiter. Ich musste mich auch inhaltlich damit beschäftigen. Ich habe bei meinen Jungs – 9 und 10 Jahre alt – festgestellt: Wenn das ein Spiel ist, wo es kein wirkliches Ende gibt, also nicht eine Runde, die man fährt und dann ist sie vorbei, sondern wenn das eine Level-Struktur hat, dann fällt es ihnen schier unmöglich schwer, aufzuhören. Am Ende hilft es nur, wenn unsere Kinder und Jugendlichen kompetent werden. Wenn Eltern selbst die ganze Zeit am Handy hängen, dann verhallt sowieso alles, was sie sagen. Zuerst müssen die Eltern das Thema für sich klären, dann können sie es verkörpern. Und es funktioniert längerfristig nur, wenn irgendwann die Jugendlichen das verinnerlicht und verstanden haben und anwenden können. Als Eltern können Sie denen ja nicht die ganze Zeit über die Schultern schauen und sehen, was sie mit ihrem Smartphone machen.

In Ihrem Buch verweisen Sie auch auf das Perfektionismus-Problem und den Wettstreit auf Social Media unter Eltern. Wie können sie gut damit umgehen, ohne sich von allem komplett auszuschalten?
Eltern müssen ihren eigenen Stil finden. Darin sehe ich das Hauptproblem an diesen Erziehungsforen und dem Austausch online. Da wird sehr viel behauptet, und man kann es nicht überprüfen. Wenn Sie das alles glauben, dann können Sie sich natürlich sehr verrückt machen. Wir müssen weniger vergleichen und vor allem weniger online vergleichen – Jugendliche beispielsweise in puncto Figur und Eltern in puncto Erziehungsperfektionismus.

Am Ende müssen wir alles glaubhaft verkörpern können und auch im eigenen Leben realisieren und vorleben lernen. Und die Außenwirkung weniger wichtig nehmen. Es geht nicht darum, wie toll andere meine Erziehung und meine Kinder finden, sondern darum, wie es allen geht.

Haben Sie jenseits des digitalen Themas Anregungen, was Eltern tun können, damit ihre Kinder und Jugendlichen seelisch gesund aufwachsen?
Jedes Kind braucht etwas anderes, deswegen kann ich diese Frage nicht allgemein beantworten. Der eine braucht einfühlende Förderung, dem anderen müssen stärker Grenzen gesetzt werden und so weiter. Darum sollte es den Eltern gehen. Also nicht: Was macht man und was sagt man in Chats und Foren, sondern: Was braucht mein Kind?

Vielen Dank für das Gespräch.
Interview: Bettina Wendland

Johannes Hepp ist Psychologe und Psychotherapeut mit eigener Praxis in München. Er ist Autor des Buches: Die Psyche des Homo Digitalis (Kösel)

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/01/Jugendliche-am-Smartphone_Getty_Giuseppe-Lombardo_Getty-Plus-e1674224426169.jpg 975 2099 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-01-24 11:40:502023-01-24 11:40:50Ohne Body Shaming und Beziehungsängste: Wie Jugendliche einen gesunden Umgang mit digitalen Medien lernen

Secondhand am Straßenrand

Kleidung neu zu kaufen ist oft teuer und wenig nachhaltig. Anna Koppri berichtet, wie sie es schafft, auf neue Kleidung zu verzichten.

In den letzten Jahren habe ich mich vermehrt mit meiner Verantwortung für unseren Planeten und meine Mitgeschöpfe beschäftigt. Ich finde, dass uns die Themen „Schöpfung bewahren“ und „unseren Nächsten lieben“ gerade als Christen ganz viel angehen. Jesus sprach vom „Reich Gottes“, das auf der Erde bereits angebrochen ist. Daran möchte ich gerne mitbauen. Mit jeder kleinsten Konsumentscheidung, die ich treffe, entscheide ich auch über das Wohlergehen der Natur und meiner Mitgeschöpfe. Ich trage mit meinem Lebensstil dazu bei, ob die endlichen Ressourcen dieser Erde weiter schonungslos geschröpft, Menschen ausgebeutet und Lebensräume für Tiere zerstört werden. Ich war ganz schön geschockt, als ich erfahren habe, dass etwa 40 Menschen in Entwicklungsländern ausgebeutet werden, um meinen westlichen Lebensstil zu ermöglichen. Das ist fast so, als würde ich 40 Sklaven für mich schuften lassen (https://slaveryfootprint.org). Später habe ich noch gehört, dass nicht nur Näherinnen in Asien meine günstige Kleidung nähen, sondern für die Herstellung eines einzigen T-Shirts ca. 15 Badewannenladungen voll Wasser verbraucht werden. Wow, das ist heftig. Vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Millionen Menschen auf der Welt keinen Zugang zu ausreichend Trinkwasser haben.

Keine Shopping-Queen

Ich bin ehrlich: Ich war noch nie die begeisterte Klamotten-Käuferin. Ich kenne Frauen, die nach einem stressigen Arbeitstag shoppen gehen, um sich zu entspannen. Oder Frauen, die sich freiwillig am Wochenende zum Bummeln verabreden. So war ich noch nie. Kleidung kaufen war für mich immer schon vor allem Stress, wegen viel zu vieler Reize: helles Licht, viele Menschen und viel zu viel Auswahl.

Deshalb fiel es mir nicht sonderlich schwer, als ich vor etwa acht Jahren den Entschluss gefasst habe: „Ich werde nicht mehr dazu beitragen, dass Näherinnen sich 14 Stunden täglich die Finger blutig nähen und trotzdem nicht genug zu essen für ihre Kinder mit nach Hause bringen können. Ich werde auch nicht verantworten, dass zig Tonnen kostbaren Wassers verbraucht werden, weil ich jeden Monat ein neues T-Shirt haben möchte. Ich steige aus diesem System aus und betrete fortan keine Bekleidungsgeschäfte mehr.“

Was war das für eine Befreiung, als ich angefangen habe, mir den Blick in die Schaufenster von H&M und C&A zu sparen, weil ich sie sowieso nie wieder betreten würde. Ich habe das die ersten Jahre auch sehr konsequent durchgehalten, bis auf ungefähr einmal im Jahr, um Unterwäsche zu kaufen.

Ansonsten habe ich in den Zu-verschenken-Boxen gewühlt, die hier in Berlin überall am Straßenrand stehen, und nicht selten neue Lieblingsstücke mit nach Hause genommen. Da bin ich als Großstädterin natürlich verwöhnt. Ab und zu gehe ich auch in ein Secondhand-Geschäft, oder ich stöbere auf diversen Plattformen im Internet (Vinted, eBay Kleinanzeigen etc.). Meine Mutter hat mir eine Nähmaschine geschenkt, und ich habe festgestellt, dass Nähen nun wirklich kein Hexenwerk ist. Mit ein paar einfachen Nähten lässt sich problemlos ein neues Shirt zaubern oder ein altes aufhübschen. Außerdem habe ich mich auf Baby-Pumphosen spezialisiert und jedem neuen Erdenbürger in meinem Umfeld eine genäht.

Tauschen statt kaufen

Inzwischen habe ich selbst zwei dieser neuen Erdenbürger bei mir wohnen, für deren Einkleidung ich zuständig bin. Ich nähe immer noch, wenn es die Zeit zulässt. Allerdings achte ich dabei nicht konsequent darauf, woher der Stoff kommt (Notiz an mich: Das sollte ich tun!). Oft tut es tatsächlich auch eine alte Strickjacke oder ein Pulli, denen ich zu einem neuen Leben als Kinderhose oder Mütze verhelfe. Hier auf dem Markt gibt es ein Tauschmobil. Das ist toll. Man kann dort hinbringen, was man nicht mehr möchte, und findet immer wieder genau die Sachen für die Kinder, die man gerade braucht. In der Kita habe ich eine Tauschbox ins Leben gerufen, deren Reste ich entweder zum Tauschmobil oder in den Altkleidercontainer bringe.

Ich bin beim Einkaufen inzwischen nicht mehr ganz so dogmatisch, sondern genehmige es mir manchmal sogar, einen der „verbotenen“ Läden zu betreten, um mir auch mal ein neues Kleidungsstück zu gönnen. Am liebsten natürlich Fairtrade, doch immer klappt das nicht.

Und dann gibt es ja auch noch diverse Freundinnen, die regelmäßig ihre Kleiderschränke aussortieren und mir mitbringen, was mir gefallen könnte. Oder jemand organisiert eine Kleidertauschparty. Ich genieße es selbst total, wenn ich mit den heiß geliebten Klamöttchen, aus denen meine Kinder herausgewachsen sind, einer Freundin oder Cousine eine Freude machen und ihr Kindlein dann darin bewundern kann. Es ist also nicht nur wesentlich ressourcenschonender, wenig neue Kleidung zu kaufen, sondern macht auch glücklich, entlastet das Konto und fördert Gemeinschaft.

Noch finden meine Kids es total cool, mit mir in den Kisten am Wegesrand oder beim Tauschmobil zu wühlen und sich etwas auszusuchen. Ich hoffe natürlich, das hält noch eine Weile an. Doch ich mache mir keine Illusionen, dass nicht auch sie in den nächsten Jahren angesagte neue Sneakers und Shirts mit den richtigen Markennamen haben wollen. Ich werde ihnen dann erklären, weshalb ich ihnen die gern, allerdings zum Großteil secondhand besorge. Und auch, wie sie ihren Freunden klarmachen können, weshalb das wesentlich cooler ist, als neu zu kaufen.

Anna Koppri arbeitet für die Berliner Stadtmission, wo monatlich mehrere Tonnen Altkleider sinnvoll umverteilt oder upgecycelt werden.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2023/01/Secondhand-Shopping.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2023-01-20 15:55:192023-01-20 15:55:19Secondhand am Straßenrand
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