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Artikel aus den Heften

5 Tipps: So überlebt die Beziehung in der Kleinkindphase

Die Kleinkindphase ist eine Herausforderung für die Beziehung der Eltern. Familienberaterin Isabelle Bartels erklärt, wie die Partnerschaft trotzdem aufblühen kann.

„Mir wächst hier alles über den Kopf und ich wäre froh, einfach mal wieder eine Nacht durchzuschlafen. Wo bleibt da noch Zeit für die Beziehung?“ Das höre ich oft von jungen Eltern. Und ganz ehrlich: Ich kann das gut verstehen! Denn diese Zeit ist extrem herausfordernd.

Meinem Mann und mir ging es während unserer Familiengründungsphase immer wieder genauso. Und gleichzeitig haben wir uns gefragt, wie wir als Paar in Verbindung bleiben können – auch im Alltag mit Kleinkindern. Denn wir wollten unsere Beziehung nicht dem Zufall überlassen und es auch nicht glauben, dass es vorbei ist mit Zweisamkeit und Nähe, wenn die Kinder klein sind. Doch wie genau können wir Einfluss nehmen auf die Resilienz unserer Partnerschaft? Was hält sie lebendig, wenn wir Eltern werden und als Paar wenig Exklusivzeit haben? Aus meiner eigenen Lebenserfahrung und als Ergebnis meiner Beratungen sind es vor allem fünf Bausteine, die wir als Paar kultivieren dürfen, um unserer Beziehung weiterhin Raum zur Entfaltung geben zu können.

1. Annehmen, was ist

Letztens bei uns: Wir hatten uns seit Tagen auf einen Restaurantbesuch zu zweit gefreut – und eine Stunde vorher sagt uns das Kindermädchen ab. Puh! Die Vorfreude weicht der Enttäuschung und dem Frust. Statt gemütlich essen zu gehen nun das normale Ich-will-nicht-schlafen-gehen-Programm mit den Kindern. Ich merke: Ich habe keine Lust! Früher habe ich mir Gedanken wie „Ich habe gerade keine Lust auf meine Kinder!“ nicht erlaubt. Doch dann habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Annahme von allem, was ist, die Grundlage ist, um überhaupt wieder heraus aus dem Opfermodus in die Handlungsfähigkeit zu kommen.

Was bedeutet das konkret für die Situation? Solange ich glaube, ich müsse immer Lust auf meine Kinder haben, komme ich nicht weiter. Ich bin weiterhin genervt, habe ein schlechtes Gewissen und bin unzufrieden mit mir, weil ich es nicht schaffe, dankbarer zu sein. Hier hilft die Annahme aller Anteile in mir mit ihren widerstreitenden Gefühlen. Ich gestehe mir ein, dass ich manchmal am liebsten meinen Mann für mich allein hätte und so nicht meinem Bild eines perfekten Elternteils entspreche. Und plötzlich wird mir klar, dass ich nicht falsch bin, sondern dass meine Gefühle einfach menschlich und ein Ausdruck für meinen Wunsch nach mehr Zweisamkeit und Selbstbestimmung sind. Ich komme raus aus dem inneren Kampf und kann stattdessen nach Lösungen für die veränderte Situation suchen.

Als Paar könnt ihr euch gegenseitig helfen, den täglichen Kampf zu erkennen, und euch liebevoll aus den Gedankenschleifen herausholen. Dazu reichen oft ein einfaches „Stopp“ und eine Umarmung. Macht es euch immer wieder leicht und entscheidet euch bewusst dafür, nicht irgendeinem Ideal zu entsprechen. Und wenn es die Situation erfordert, wiederholt ihr das alle fünf Minuten.

2. Selbstfürsorge – Raum für mich und meine Interessen

Den Kindern geht es nur so gut, wie es den Eltern als Paar miteinander geht. Der Beziehung als Paar wiederum geht es nur so gut, wie es jedem Einzelnen geht. Das sind zwei meiner Lieblingsgrundsätze für beziehungsstarkes Familienleben. Doch es ist oft ein riesiger Schritt, sich diesen Raum für sich selbst zu erlauben und ihn wirklich einzunehmen.

Deshalb ist der erste Schritt immer: die Selbsterlaubnis. Erlaube dir, Raum und Zeit mit dir selbst zu genießen und dich zu fragen: Was brauche ich? Wie kann ich mir selbst Gutes tun, um dann wieder die Mutter oder der Vater, die Partnerin oder der Partner zu sein, die oder der ich sein möchte?

Der zweite Schritt ist hier die klare Kommunikation: Rede mit deinem Partner darüber. Formuliere deinen Wunsch klar und spreche mit ihm darüber, dass du dir mehr Raum für dich nehmen willst.
Als wir angefangen haben, Räume für uns selbst in unseren Alltag einzubauen, kamen oft Bedenken von einem von uns wie: „Unsere tägliche To-do-Liste ist jetzt schon nicht zu schaffen, wie soll ich da noch Zeit für mich einbauen?“

Uns ist klar geworden: Ohne Selbstfürsorge geht es nicht. Mir hilft da immer das Bild aus dem wunderbaren Gedicht von Bernhard von Clairvaux: Die Schale der Liebe. Nur, wenn wir so gefüllt sind, dass wir überfließen wie eine Schale voller Wasser, können wir unsere Liebe und unsere Kraft weitergeben. Da sind wir wieder beim Thema Erlaubnis: Erlaube dir, deine Schale aufzufüllen. Hierzu reichen manchmal schon ein paar Minuten täglich.

Der dritte Schritt ist: Umsetzung! Schnappt euch den Kalender und tragt euch Alleinzeiten ein. Und plötzlich merkst du, dass der Alltag leichter wird, wenn du lernst, gut für dich selbst zu sorgen! Du erlebst dich viel gelassener mit den Kindern. Und die lange To-do-Liste kannst du ebenfalls besser annehmen, weil du spürst, dass du immer genug Kraft haben wirst, um alle Herausforderungen des Alltags zu bestehen.

3. Zeit für Beziehung – kleine Oasen im Alltag schaffen

Es ist wichtig für die Beziehung als Paar, dass auch sie Raum hat, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen. Die Frage ist also nicht, ob wir Zeit zu zweit haben, sondern wie. Deshalb habe ich mir im Folgenden Fragen überlegt, die helfen können, auch in der Kleinkindphase Paarzeiten zu etablieren:

  • Wie können wir ohne Druck und so, dass es sich für uns leicht und entspannt anfühlt, Zeiten für kleine Paar-Oasen im Alltag freihalten?
  • Was dient uns jetzt gerade mehr auf unserem Weg – viel Paarzeit? Oder lieber mehr Zeit allein?
  • Welche Aufgaben können wir auch anderen Menschen übergeben, sodass dadurch neue Freiräume für uns entstehen?

Und hier kommen noch drei Ideen für Mikro-Oasen! Schnell und einfach umgesetzt – Babysitter wird nicht benötigt!

  • Stellt den Wecker auf 5 Uhr morgens. Zieht eure Kleidung aus und kuschelt Haut an Haut. Spürt die Verbindung! Da muss gar kein Sex heraus entstehen – sondern es geht erst einmal darum, in Verbindung zu sein. In dieser Atmosphäre können auch die schönsten Gespräche entstehen. Probiert’s mal aus! PS: Der Jüngste wird auch in aller Frühe wach? Na, dann kuschelt er halt mit. Was für eine schöne Erinnerung ans Wochenbett, als ihr auch Haut an Haut mit ihm gekuschelt habt!
  • Ihr arbeitet im Home-Office? Macht ein Mittagessen für die Hand und verbringt die Mittagspause draußen! Nehmt euer Kind in die Trage und macht einen Spaziergang. Redet nicht über organisatorisches Kleinklein, sondern fragt bewusst und interessiert: „Wie geht es dir gerade?“
  • Nehmt euch einen späten Nachmittag Zeit für ein Familienpicknick: im Sommer im Garten oder im Park, im Winter am gemütlichsten Ort in der Wohnung. Dann setzt ihr euch allesamt auf den Boden und esst gemeinsam. In dieser entspannten Atmosphäre schwärmen die Kinder meistens nach dem Essen zum Spielen aus oder kuscheln sich einfach an, sodass ihr entspannt reden könnt.

4. Streiten & vergeben

Wie fühlen sich Konflikte für euch an? Wie seid ihr geprägt? Und wie freigiebig seid ihr beim Thema Vergebung? Die Antwort auf diese Fragen beeinflusst maßgeblich eure aktuelle Konfliktkultur. Kaum ein Paar streitet gern. Doch die gute Nachricht lautet: Konflikte gehören dazu! Und wir können lernen, sie zu lösen. Mein Mann und ich sind das beste Beispiel. Am Anfang unserer Beziehung dachten wir, wir würden niemals konstruktiv streiten lernen. Während ich alles ausdiskutieren musste, wollte er als Harmonietyp so schnell wie möglich raus aus dem Konfliktgespräch. Bevor eine Lösung für den akuten Konflikt in Sicht war, haben wir uns schon darüber gestritten, wie wir streiten.

Mittlerweile schaffen wir es zu 90 Prozent, unsere Konflikte zu lösen. Und wenn wir das können, könnt ihr das auch. Ich kann jetzt aus ganzem Herzen sagen: Konflikte sind wichtig und sind Chancen, um zu wachsen! Konflikte eskalieren häufig dann, wenn ein Anteil in uns durch die aktuelle Situation an eine schmerzhafte Erfahrung aus der Vergangenheit erinnert wird. Wenn wir bereit sind, unsere eigenen alten Verletzungen anzuschauen, werden Konflikte konstruktiv. Es ist ein toller Erfolg, wenn du in einem Konflikt selbst erkennst, dass du gerade in einen alten Schmerz gerutscht bist. Die Basis für einen solchen Moment sind die Bausteine 1 und 2: Annehmen, dass dieser Schmerz gerade da ist, und so gut wie möglich für dich sorgen.

Der nächste Schritt ist erst dran, wenn die hochgekochten Gemüter sich wieder beruhigt haben. Vergib deinem Partner oder deiner Partnerin freigiebig und vor allem auch dir selbst. Für mich als Christin hilft die Gewissheit, dass Gott mir vergibt. Immer wieder. Er liebt mich und nimmt mich an. Also lasst uns täglich sagen und signalisieren: „Ich vergebe dir.“

5. Gemeinsam träumen

Dieser Baustein hat unglaublich viel Potenzial, den Alltag zu durchbrechen und über das Chaos hinweg Verbindung zu schaffen. Fragt euch regelmäßig: Was ist unsere gemeinsame Perspektive? Was ist noch alles möglich hinter dem Tellerrand des Alltags? Worauf leben wir gemeinsam hin? Es lohnt sich, die Paar-Oasenzeiten zum gemeinsamen Träumen zu nutzen und auch mal einen Träumertag einzulegen! Das heißt, dass ihr beide euch einen Tag Zeit nehmt und gemeinsam so viel wie möglich von euren „Wie schön wäre es, wenn wir …“-Ideen da hineinpackt. Die Energie, die ihr daraus mitnehmt, wird euch durch die nächste Durststrecke tragen und euch inspirieren, viel öfter zu fragen: Was tut uns in unserem Alltag gut? Wie wollen wir eigentlich leben? Und wovon können wir jetzt sofort noch mehr in unseren Alltag bringen?

Ja, es gibt immer wieder diese Phasen, in denen wir das Gefühl haben, dass alles über uns hereinbricht und wir nur noch reagieren können. Doch wir haben immer die Möglichkeit, als Individuen und als Paar gemeinsam zu entscheiden, wie wir darauf reagieren wollen. Ich wünsche euch viel Kreativität und gute Ideen, die genau zu euch und eurem Alltag passen.

Isabelle Bartels ist Pädagogin und familylab-Familienberaterin, lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ostwestfalen und bloggt unter isabellebartels.com.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/10/Gestresste-Eltern.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-10-27 11:54:142022-10-27 12:21:255 Tipps: So überlebt die Beziehung in der Kleinkindphase

Hilfe, mein Baby schläft nicht! Expertin erklärt, wann Hilfe nötig ist

„Schläft dein Baby schon durch?“ Allein diese Frage kann schon für Unmut sorgen. Denn junge Eltern fragen sich: Was ist normal? Mache ich etwas falsch? Schlafcoach Aniko Siegel erklärt im Interview, worauf Eltern achten sollten und wann Hilfe angebracht ist.

Elternfrage: „Mein Baby ist inzwischen fast ein Jahr alt und schläft weder allein ein noch die Nacht durch. Ich dachte, das sei nur in den ersten Lebensmonaten so. Ist das normal?“

 

Es gibt kein normal oder unnormal. Das Schlafverhalten ist so unterschiedlich wie die Kinder selbst. Dass Kinder, die sonst lange geschlafen haben, plötzlich kürzer schlafen, nachts öfter wach werden, vielleicht auch mehr kuscheln möchten oder abends mehr Zeit zum Einschlafen brauchen, kann total normal sein. Grund dafür können Entwicklungsschübe sein, die sich häufig auf das Schlafverhalten auswirken. Wenn das Kind aber schon seit Langem sehr schlecht schläft und man nicht wirklich weiß, aus welchem Grund das so ist, kann man sich natürlich mal anschauen, ob man gegebenenfalls etwas ändern kann.

Können Eltern auf das Schlafverhalten ihrer Kinder einwirken?
Ja, schon im Säuglingsalter können Eltern anfangen, eine Abendroutine einzuführen, die dem Baby hilft, sich zu entspannen. Auch ein strukturierter Tagesablauf, dass also Essen, Spielen und Schlafen in etwa zu gleichen Zeiten ablaufen, dient dem Kind zur Orientierung und gibt ihm Sicherheit. Es muss aber nicht immer exakt die gleiche Uhrzeit sein, sondern die Tageszeiten sollten ungefähr gleich sein. Bei all dem ist es aber auch wichtig, sich ein gewisses Maß an Flexibilität und Spontaneität zu erhalten, vor allem dann, wenn es mal nicht nach Plan läuft.

Was raten Sie Eltern, die wegen des Schlafmangels am Limit sind?
Wenn Eltern und Kinder am Limit sind, die Mutter also gar nicht mehr in den Schlaf findet und das Kind nachts jede halbe Stunde oder Stunde an die Brust will und auch tagsüber überhaupt nicht zur Ruhe kommt und nörgelig ist, wenn Familien an dem Punkt sind, dass sie nicht mehr weiterwissen und auch nicht mehr weiter können, dann rate ich, sich Hilfe zu suchen. Zum Beispiel bei einem Schlafcoach.

Was wird bei einem Schlafcoaching vermittelt?
Erst mal alles Wissenswerte rund ums Thema Schlaf. Die Eltern legen dann fest, was sie erreichen wollen, also zum Beispiel: Wir wünschen uns, dass unser Baby in seinem eigenen Bett schläft. Oder: Wir wünschen uns, dass das Baby abends gut und vielleicht sogar allein einschläft, damit wir mal wieder einen ruhigen Abend haben können. Der Coach unterstützt die Eltern dabei, dieses Ziel zu erreichen – immer ganz langsam und liebevoll auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt. Ein Schlafcoaching wird im Alter zwischen sechs Monaten und drei Jahren empfohlen.

Aniko Siegel ist Schlafcoach und lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in der Nähe von Hamburg. nachtruhe-babycoaching.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/10/Vater-haelt-schreienedes-Baby.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-10-25 16:54:332022-10-25 16:54:33Hilfe, mein Baby schläft nicht! Expertin erklärt, wann Hilfe nötig ist

Wochenbettdepression: Auch Papas kennen den Babyblues

Wenn Väter nach der Geburt ihres Kindes an einer Wochenbettdepression erkranken, steht die Welt doppelt Kopf.

Der ganze Stolz der Familie ist da, ein Grund zum Feiern! Es ist schon befremdlich, wenn diese Freude getrübt wird – wenn schon, dann höchstens durch ein Stimmungstief der Frau. Aber der Mann? Sein Körper hat sich nicht verändert und muss sich folglich nicht zurückbilden. Darf, kann er überhaupt an einer Wochenbettdepression erkranken? Er kann – und das geschieht gar nicht so selten. Das Team des Forschers James Paulson wertete 43 internationale Studien aus. Das Ergebnis ist überraschend: Rund 10,4 Prozent der Väter sind während der Schwangerschaft und innerhalb des ersten Jahres nach der Geburt von einer Depression betroffen, am häufigsten drei bis sechs Monate nach der Geburt.

Überforderung

Ist das wirklich so verwunderlich? Die Zeit mit einem Baby ist wunderschön, aber auch sehr anstrengend. Das Gleichgewicht der jungen Familie gerät aus dem Lot. Schlafmangel und Unvorhersehbarkeit bestimmen den Alltag. Mann und Frau müssen ihre Paarbeziehung neu gestalten und in ihre Rollen als Eltern hineinfinden. Vieles, was bisher problemlos möglich war, geht nicht mehr.

Geraten Frauen nach der Geburt in Stress oder ein Stimmungstief, erhalten sie oft Verständnis, praktische Hilfe und Zuwendung. Der Vater hingegen ist meist wieder in den Arbeitsalltag zurückgekehrt – und steht nun doppelt seinen Mann. Vieles läuft nicht rund, er übernimmt Aufgaben, die zuvor die Frau erledigt hatte. Ist sie noch dazu von einer Depression betroffen, steht er vor der Herausforderung, das System Familie aufrechtzuerhalten und sich um das Wohl des Kindes zu sorgen. Langfristig droht die Überforderung.

Doch solange die Symptomatik bei Vätern nicht bekannter ist, schlägt ihm wenig Verständnis entgegen. Und das Eingestehen von Schwäche, das Bekanntmachen psychischer Krankheiten ist gesellschaftlich wenig angesehen, bei Männern noch viel weniger. Wer möchte nicht lieber ein Lob für das Bewältigen großer Aufgaben, als zuzugeben, dass man diese nicht mehr stemmen kann?

Das Wohl des Kindes

Eine Wochenbettdepression ist kein Schnupfen. Wenn Sie selbst oder andere in Ihrem Umfeld davon betroffen sind, ist eine kompetente und fachkundige Hilfe entscheidend – auch um zu vermeiden, dass die Partnerin erkrankt und dass sich die Depression der Eltern auf das Neugeborene auswirkt. Vielleicht liegt hier sogar ein Schlüssel, Väter zu überzeugen, eine Behandlung wahrzunehmen: Es geht um das langfristige Wohl ihres Kindes und ihrer Familie.

Grundsätzlich muss klar sein: Niemand ist vor Depressionen gefeit. Das erfordert viel Barmherzigkeit – und einen aufmerksamen Blick. In einer Zeit, in der Großfamilien kaum noch existieren und jeder sein eigenes Fertig-Süppchen kocht, geraten immer mehr Menschen unerkannt unter die Räder. Überlegen Sie doch einmal, wie Sie Betroffenen vielleicht schon vorbeugend hilfreich zur Seite stehen können: ein offenes Ohr, ein Mittagessen, praktische Hilfe und zuallererst das Gefühl: „Du bist wertvoll – und nicht allein!“

Dr.med. Ute Buth ist Frauenärztin und Weißes-Kreuz- Fachberaterin. Die Sexualberaterin nach DGfS (Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung) leitet die Weißes- Kreuz-Beratungsstelle „herzenskunst“ in Bochum.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2013/06/photo-1517669375942-946a1f02d705.webp 759 1273 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2022-10-25 15:37:372022-10-25 15:41:59Wochenbettdepression: Auch Papas kennen den Babyblues

„Ich wünsche mir, dass mehr Frauen ihr Potenzial leben“

Jennifer Pepper ist Moderatorin, Mentorin und Mutter zweier Kleinkinder. Sie ist überzeugt: Berufung beginnt im Kleinen. Im Interview erlaubt sie einen Blick hinter die Kulissen ihres Online-Kongresses, der Mütter ermutigt, ihren Herzensthemen nachzugehen.

Seit wann lebst du bewusst in deiner Berufung?
Für mich ist das Thema Berufung nichts Statisches, sondern eher etwas Fließendes. Mittlerweile würde ich schon sagen, dass ich mehr darin angekommen bin. Gleichzeitig erlebe ich mich aber immer noch auf dem Weg. Es gab also nicht diesen einen Moment, in dem ich wusste: Jetzt bin ich drin. Viel eher erlebe ich: „Ok, ich fühl mich gerade wie ein Fisch im Wasser.“ Da kommt es mir zugute, dass ich unterschiedliche Rollen einnehmen durfte, als Musikerin, als Moderatorin und jetzt auch als Coach. Es gibt in meinem Leben immer Phasen, in denen ich merke: Hier bin ich gerade richtig – oder: Jetzt steht etwas Neues an.

Hast du manchmal Schwierigkeiten, einzuordnen, ob du gerade Gottes „Ruf“ folgst oder deinen eigenen Vorstellungen?
Du meinst, dass sich das gegenseitig ausspielt?

Eher dass es verschwimmt und manchmal erschwert, Gottes Wegweisungen im Alltag herauszuhören. Kennst du solche Situationen?
Ja, klar. Aber ich gehe davon aus, dass Gott uns Leidenschaften ins Herz gelegt hat. Und aus einer Verbindung dieser Leidenschaften, unserer Erfahrungen, Begabungen und Fähigkeiten, mit denen Gott uns ausgestattet hat, fließt für mich das Thema Berufung – ein Leben, durch das ich eine Segensspur hinterlassen werde. Die Bibel sagt: „Der Mensch plant seinen Weg, aber der Herr lenkt seine Schritte.“ Das bedeutet für mich, dass ich gestalten, planen und vor allem in die Umsetzung kommen darf. Und als Christ kann ich darauf vertrauen, dass Gott meine Schritte lenkt. Gott beruft uns nicht dazu, alles richtig zu machen. Er beruft uns zur Freiheit. Diese Freiheit impliziert, dass wir Risiken eingehen dürfen. Es ist okay, Fehler zu machen oder Niederlagen einzustecken. Wir haben den Auftrag, in dieser dunklen Welt zu leuchten. Anstatt mit einem ewigen Fragezeichen durch die Welt zu gehen, weil wir Angst haben, an unserer Berufung vorbeizuleben und an falscher Stelle zu leuchten, lautet mein Credo: Vertrau auf Gott und bleib in der Verbindung zu ihm. Er hat dich freigesetzt, um loszugehen, und dich mit allem ausgestattet, was du brauchst, um in dieser Welt aufzuleuchten.

Glaubst du, dass es für jeden die eine Berufung gibt?
Nein, das glaube ich nicht. Es gibt sicherlich Menschen, die eine einzigartige Berufung haben, und das sind oft auch die, die auf der Bühne stehen und von diesem sehr eindrücklichen Erlebnis erzählen, als Gott sie ihnen gezeigt hat. Ich finde das manchmal herausfordernd, weil diejenigen, die das nicht so erleben, das Gefühl bekommen, irgendetwas falsch zu machen. Für manche mag Berufung das eine ganz Spektakuläre sein, aber für die meisten von uns ist es, treu zu sein in dem, was wir gerade vor unserer Nase haben.

Du richtest dich in deiner Arbeit insbesondere an Frauen. Dir ist wichtig, dass sie nicht den Eindruck gewinnen, Muttersein sei das Einzige, in dem sie berufen sein können oder gar dürfen. Wie meinst du das genau?
Grundsätzlich habe ich überhaupt kein Problem damit, Vollzeitmutter zu sein und komplett darin aufzugehen. Ich spreche die Frauen an, und ich glaube, davon gibt es einige, die spüren, dass über das Muttersein hinaus noch etwas anderes auf sie wartet – eine Aufgabe, ein Thema, ein Herzensanliegen, dem sie Raum geben möchten. Ich trete da nicht nur offene Türen ein. Gerade im christlichen Bereich sagen immer noch viele, das sei doch das Rollenbild der Frau, dass sie als Hausfrau und Mutter mit ihren Kindern zu Hause ist. Das finde ich schade. Es gibt viele Bereiche, in denen ich über meine Mutterrolle hinaus wirken möchte und kann. Dinge, die mich begeistern und von denen ich glaube, dass sie mir wiederum helfen, eine bessere Mutter zu sein – weil ich als Person anders im Leben stehe und durch diesen Ausgleich meinen Kindern mit mehr Freude begegnen kann.

Du schreibst auf der Kongress-Website aber schon: „Noch bevor ich selbst Mutter geworden bin, habe ich beobachtet, dass viele Mütter ihren Kindern insgeheim vorhalten, dass sie nicht ihren eigentlichen Träumen nachgehen können.“
Als Mutter gewöhnt man sich schnell daran, fremdbestimmt von den Wünschen und Bedürfnissen der eigenen Kinder zu sein und zu funktionieren. Das lädt dazu ein, sich selbst aus dem Blick zu verlieren. Man merkt sicher selbst am besten, wann Raum und vor allem Kapazitäten da sind, um sich auch anderen Bereichen zu widmen. Die Beobachtung in meinen Coachings ist: Wenn man diesem Impuls nicht bewusst nachgeht, verlernen viele Frauen mit der Zeit, sich selbst und das, was in ihnen lebendig ist, wahrzunehmen. Ich möchte mit meiner Arbeit insbesondere christliche Frauen dafür gewinnen, den Teil des höchsten Gebotes – Liebe dich selbst! – ernst zu nehmen, um dem auf die Spur zu kommen, was sie ganz persönlich lebendig macht und mit welchen Besonderheiten sie ihrem Umfeld bestmöglich dienen können. Die Rolle der Mutter darf nicht als Ausrede vorgeschoben werden, sich selbst und seine Berufung über das Mamasein hinaus komplett aus dem Blick zu verlieren.

Ist es nicht auch eine Frage des Support Systems, ob man diese Chancen ausschöpfen kann?
Ich würde sagen, dass es zumindest in Deutschland eine Frage der inneren Einstellung und der Prioritätensetzung in der entsprechenden Familienkonstellation ist. Ich erlebe immer wieder: Wenn ich mir darüber klar werde, wo Gott mich neben dem Muttersein gebrauchen möchte, finden sich Zeiten, Mittel und Wege, um dem auch einen Raum zu geben. Wir können nicht alle im gleichen Tempo gleich viel erreichen, da jeder andere Grundvoraussetzungen mit sich bringt, aber wir können uns entscheiden, Schritt für Schritt auf Dinge zuzugehen.

Zum Beispiel durch den „Lass es leuchten“-Kongress. Was ist das Anliegen dahinter?
Ich möchte Frauen zum Aufblühen bringen. Klingt jetzt etwas kitschig, aber ich trage dieses starke Anliegen in mir, ihnen durch diese Arbeit den Mut zuzusprechen, zu träumen und ihr Leben bewusst zu gestalten. Ich glaube, dass wir Frauen unglaublich viel zu geben haben, aber oft eingeschüchtert, mutlos oder erschöpft sind. Die Kongresswoche gibt Müttern einen Motivationsschub. Da entsteht ein Sog, weg vom Vor-sich-hin-Vegetieren hin zum Selbst-gestalten-Dürfen, in dem starken Vertrauen darauf, dass Gott sie dazu beruft, in dieser Welt zu leuchten. Ich wünsche mir, dass mehr Frauen ihr Potenzial leben und am Ende ihres Lebens sagen können: Ich habe nicht nur so funktioniert, wie es das Umfeld von mir erwartet hat. Ich habe mutig gelebt, viele Fehler gemacht, bin Risiken eingegangen und habe in all dem erlebt, wie Gott meine Schritte lenkt und sich verherrlicht.

Wie funktioniert so ein Online-Event?
Der Kongress dauert eine Woche. Jeder Teilnehmerin wird per E-Mail ein Link zu den Interviews geschickt. Ich interviewe etwa 16 Sprecherinnen und Sprecher zum Thema „Lass es leuchten“. Der nächste Kongress beschäftigt sich insbesondere damit, wie wir uns von negativen inneren Blockaden lösen können. Denn um seine Berufung zu leben, sind oft die Gedanken entscheidend, gar nicht so sehr die äußeren Umstände. Und wenn wir anfangen, uns mit unseren inneren Blockaden zu beschäftigen und sie zu lösen, kommt das Umfeld hinterher. Über den Link in der E-Mail kann man das jeweilige Interview 24 Stunden kostenlos anschauen. Wenn man das nicht schafft, kann man sich eins der Kongresspakete holen. Das kostet zwischen 40 und 50 Euro. Dann hat man Zugriffauf alle Interviews plus verschiedene Online-Produkte wie einen digitalen Kurs zum Thema, damit es nicht bei dem einen Impuls bleibt, sondern in den Alltag hinein begleitet.

Das klingt nach einer aufwendigen Vorbereitung. Stemmst du das alles allein?
Mit jedem Kongress werden die Abläufe etwas leichter. Ich habe zudem zwei treue Freelancer. Einen, der mir technisch zur Seite steht und eine, die mich in Sachen Grafik, Konzeption und Social Media unterstützt.

Was war die größte Herausforderung beim letzten Kongress?
Beim letzten Kongress wohl die, die Interviews durchzuführen, wo meine Tochter erst ein paar Monate alt war und noch keinen richtigen Ess- oder Schlaf-Rhythmus hatte. Ich habe mir die Gespräche so gelegt, dass ich genügend Pausen hatte, um meine Tochter zwischendurch zu stillen und mich um sie zu kümmern. Trotzdem mussten einige Interviewpartnerinnen auch mal warten. Aber das Verständnis war sehr groß, dass trotz der Liebe für meine Arbeit für mich immer die Familie vorgeht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Ann-Sophie Bartolomäus

Falls du neugierig geworden bist: Der nächste „Lass es leuchten“-Kongress findet vom 27. Oktober bis zum 3. November 2022 statt. Über diesen Link ndest du alle wichtigen Infos und kannst dich direkt anmelden:
lassesleuchten.kongress.me

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/10/Jennifer-Pepper-B-1.jpg 1080 1920 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-10-24 15:44:292022-10-24 15:56:54„Ich wünsche mir, dass mehr Frauen ihr Potenzial leben“

Wenn die Eltern altern – und meine Hilfe brauchen

Schlaganfall, Parkinson oder Altersschwäche – irgendwann brauchen die Eltern Hilfe. Besonders herausfordernd ist das für Einzelkinder. Kerstin Wendel berichtet, was stärkt und was hilft.

Wir Einzelkinder stehen allein da. Wieder mal. So sind wir es gewöhnt aus dem geschwisterlosen Leben. Dabei wartet eine Fülle von Herausforderungen auf uns, die ansonsten auf mehrere Schultern hätten verteilt werden können. Was kommt jetzt auf uns zu? Und schaffen wir das allein?

Wenn Eltern unterstützt werden müssen, ist manches zu organisieren. Wie ist dies oder das zu machen? Welche Hilfe bietet man an? Was muss delegiert werden? Wie geht es einem selbst mit den schwächer werdenden Eltern? Austausch mit Geschwistern über all diese Fragen gibt es nicht. Wenn vorhanden, können wir mit dem Ehepartner sprechen. Eventuell reicht uns das nicht. Wir fühlen uns zunächst allein und eventuell auch überfordert mit allem.
Idee: Gibt es Freundinnen oder Freunde, mit denen wir über unsere Herausforderungen sprechen können?

Konflikte mit den Eltern

Unterschiedliche Vorstellungen von Eltern und Kind prallen aufeinander. Es ist natürlich, dass Eltern und Kindern manches unterschiedlich handhaben im Alltagsleben. Kein Problem, solange jeder „nur“ für sein eigenes Leben zuständig ist. Jetzt aber heißt es, den Eltern und ihrer Alltagsgestaltung näherzurücken.

Ein Freund von mir musste sehr plötzlich die Krankenhaustasche seines Vaters packen. Er empfand Scham, weil die Kleidung nicht in Ordnung war. Eigentlich hätte er am liebsten erst einmal passende, saubere Schlafanzüge bestellt.

Anna* litt darunter, dass ihre Mutter so unbeweglich war. Jede Idee, den Alltag zu verändern, wurde abgelehnt. Alles sollte so sein wie immer. Da war kein Interesse, es sich leichter zu machen. Das alles sind Konfliktfelder.
Fragen: Was kann ich als Einzelkind anregen? Welche Entscheidung der Eltern muss auch einfach hingenommen werden?

Kommunikation ist manchmal nicht erwünscht. Manchen Eltern fällt es schwer, Vorkehrungen für das eigene Alter zu treffen. Sie möchten nicht darüber nachdenken oder darauf angesprochen werden. Da keine Geschwister da sind, kann man niemand anderen bitten, ein Gespräch zu übernehmen.
Idee: Ein Freund von mir hat deshalb den Hausarzt mit eingeschaltet, als er nicht mehr weiterwusste. So konnte im Dreiergespräch Wichtiges auf den Tisch kommen.

Alte Konflikte können belastend nachwirken, denn manche Familiengeschichte ist beschwert von früher. Vielleicht war es nie leicht, über Persönliches zu sprechen? Oder es wurden Grenzen überschritten? Vielleicht gab es nicht zu lösende Konflikte? Vielleicht haben Kind oder Eltern etwas nicht vergeben können? Diese Probleme werden unterschwellig mitlaufen. Wenn wir Kinder durchschauen, welche Themen „von früher“ noch mitschwingen, können wir versuchen, konstruktiv damit umzugehen.
Idee: Wir sollten abwägen, was wir überhören müssen. Wir werden außerdem lernen müssen, wie wir gut für unsere Seele sorgen können, damit wir innerlich frei helfen können. Unter anderem sicher dadurch, indem wir uns fokussieren auf die aktuell nötige Unterstützung.

Schatten der Vergangenheit – (un)ausgesprochene Vorwürfe

Manchmal ergibt es sich, dass das pflegende Kind zum Buhmann wird. Das liegt weder am jeweiligen Einzelkind noch an den Eltern, sondern häufig einfach an der Situation. Denn der alte Mensch muss sich sehr umstellen. Plötzlich mischt „das Kind“ sich in Alltagsentscheidungen ein. Das kann zu Wut, Ärger oder Ohnmachtsgefühlen bei den Eltern führen. Vielleicht tauchen Gedanken auf wie folgende: „Mir wird nichts erlaubt! Immer soll ich so viel bezahlen. Alles geht nach deiner Nase.“ Die werden vielleicht offen angesprochen und stehen als Vorwurf im Raum oder sie wirken unterschwellig. Da sich die Hilfestellungen nicht auf Geschwister verteilen können, landet alles auf der Einzelkind-Schulter. Das kann wehtun und frustrieren.
Frage: Wo und wie kann ich Dampf ablassen? Das eingeschränkte Einzelkind ist besonders herausgefordert. Einige meiner Einzelkinderfreunde sind wie ich nur begrenzt belastbar. Entweder sind sie selbst chronisch krank oder verheiratet mit einem chronisch kranken Menschen. Deshalb ist es nicht einfach, weise Entscheidungen zu treffen. Natürlich geht der eigene Ehepartner vor, aber die Verantwortung für die Eltern bleibt bestehen. Eventuell spürt das Einzelkind deshalb auch Enttäuschungen der Eltern, weil mehr an Hilfe nicht zu leisten ist.
Frage: Wie können wir uns als Paar und evtl. parallel die Eltern durch Hilfe von außen unterstützen lassen? (Tipps dazu siehe „Praktische Hilfen“)

Niemand redet mir rein

An einigen Stellen haben wir es auch leichter ohne Geschwister:
Es sind keine Absprachen nötig: Langwierige Telefonate mit den Geschwistern? Eventuell sogar Konflikte über unterschiedliche Ansichten, Geldausgaben oder Notwendigkeiten? All das kennen wir nicht. Das spart eine Menge Nerven und Zeit. Ich kenne einige Familien, in denen das Thema Elternpflege zur Belastung der Geschwisterbeziehungen wurde. Davon sind wir Einzelkinder verschont.

Neues Gemeinschaftsgefühl kann wachsen: Klaus* hätte gern schon viel früher seinen Vater unterstützt. Aber der lehnte ab. Erst als er zu schwach für vieles war, durfte Klaus ran: den Schuppen aufräumen, Unnötiges ausmisten. Nachdem die ersten Dinge erledigt waren, bekam Klaus einen dankbaren Vater zu spüren. Eine neue Erfahrung für ihn. Oder Ilse*. In ihrer Elternbeziehung war nicht alles rundgelaufen. Es gab unlösbare Konflikte. Die Schwäche eines Elternteils erwies sich als Entlastung. Plötzlich wurden andere Fragen wichtig, lenkten von früheren Auseinandersetzungen ab. In beiden Fällen wurde Familie wieder positiver erlebt. Dieses Gemeinschaftsgefühl kann Einzelkinder und Eltern stärken. Auf der letzten gemeinsamen Wegstrecke geht plötzlich noch etwas.
Keine Rivalitäten aufgrund dankbarer Eltern: Vielleicht zeigen sich Eltern plötzlich sehr dankbar für Hilfe und Unterstützung. Sie zeigen es verbal oder finanziell. Das könnte Neid unter Geschwistern hervorrufen. Dem Einzelkind tut es einfach nur gut.

Was praktisch hilft

Wie schon deutlich wurde: Es gibt Hilfen und Ideen, um sich in dieser Zeit unterstützen zu lassen. Neben den bereits genannten Anregungen gibt es weitere grundsätzliche Hilfen:
Emotionale Unterstützung: Seit meine Eltern schwächer werden, tut es mir gut, mit engen Freunden zu sprechen. Unter ihnen sind ebenfalls manche Einzelkinder. Manche Last wird plötzlich leichter, Gebetsanliegen werden ausgetauscht, hilfreiche Infos geteilt. Und es darf gelacht werden! Das baut Spannung ab, schenkt neue Kraft, manchmal auch den nötigen Abstand und macht vieles leichter.

Praktische/pflegerische Unterstützung: Das kann für Einzelkinder, die vor Ort leben, wichtig sein, erst recht aber für auswärtige. Schon lange, bevor meine Eltern pflegebedürftiger wurden (ich bin auswärtiges Einzelkind), haben wir uns zu dritt dafür entschieden, eine Ansprechperson vor Ort zu haben. Sie hat einen Schlüssel zum Haus meiner Eltern, weiß, wo die gepackte Krankenhaustasche steht und wo wichtige Dokumente liegen.

Nicht immer wird man sofort „springen“ können. Für diesen Fall ist vorgesorgt. Außerdem kann man die Infrastruktur des Ortes ausschöpfen: Welche Geschäfte können etwas liefern? Wo finde ich Unterstützung für Haus, Technik oder Garten? Hier helfen Kleinanzeigen in Zeitungen oder Geschäften sowie Kontakte über die Ortsgemeinde oder die Diakonie. Außerdem ist wichtig zu wissen: Welche Pflegedienste gibt es vor Ort? Wer bietet „Essen auf Rädern“ an?

Klar und eindeutig kommunizieren: Mir ist es wichtig, klar auszudrücken, was ich leisten kann und was nicht. Das schenkt Eltern Sicherheit und bewahrt das Einzelkind vor zu großen Schuldgefühlen.
Vorausdenken lernen: Wie schon angedeutet fällt es manchen Eltern schwer, über ihr Älterwerden nachzudenken. Sie verdrängen lieber. Andere denken häufig ängstlich und besorgt darüber nach. Für beide kann es entlastend sein, wenn das Einzelkind bereits Dinge durchdacht hat, am besten, bevor eine zu große Notlage entsteht. Das kann sich auf kleine Dinge wie Fensterputzen beziehen oder auf größere. Manche reservieren deshalb bereits einen Platz im Betreuten Wohnen oder Pflegeheim vor.
Loslassen lernen: Ich weiß um Zeiten in meinem Leben, in denen mir die Situation „Eltern brauchen Hilfe“ zu einer großen seelischen Belastung geworden war. Das liegt Jahre zurück. Als Christ hat es mir geholfen, diese Last zusammen mit meiner Seelsorgerin an Gott abzugeben. Das war ein längerer Prozess, aber ich habe erlebt, wie der Glaube mir Halt gegeben und in mir Heilung bewirkt hat.

Kerstin Wendel ist Autorin, Sprecherin und Seminarleiterin und lebt mit ihrem Mann in Wetter/Ruhr.

*Alle Namen geändert.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/10/Alte-Eltern.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-10-20 12:13:122022-10-20 12:13:12Wenn die Eltern altern – und meine Hilfe brauchen

Dauerthema: Schnuller statt Daumen? Was hilft, weiß das Kind selbst

Darf ein Baby den Daumen benutzen, um sich zu beruhigen, oder muss es der Schnuller sein? Überlasst es dem Kind, rät Stillberaterin und Hebamme Martina Parrish.

„Mein Baby (5 Monate) verweigert partout den Schnuller und benutzt stattdessen lieber seinen Daumen, um daran zu nuckeln, wenn es müde ist oder sich beruhigen möchte. Ist der besser oder sollte ich es weiterhin mit dem Schnuller versuchen?“

Vor dieser Fragestellung stehen viele junge Eltern – und das schon seit Jahrzehnten. Allein daran erkennt man, dass es keine einheitliche Position zu diesem Thema gibt. Tendenziell neigen Kinderärzte, Logopäden, Zahnärzte und Kieferorthopäden dazu, den Schnuller zu empfehlen, und haben dabei auch gute Argumente an der Hand.

Schnuller oder Daumen – Für und Wider

Als Vorteile des Schnullers findet man immer wieder folgende Argumente aufgeführt: Er ist weicher, führt also zu weniger Zahnfehlstellungen. Seine Formen werden den anatomischen Gegebenheiten des Gaumens und Kiefers immer neu angepasst. Die Eltern können (zumindest über einen langen Zeitraum) entscheiden, wann und wie oft das Kind nuckeln darf. Und last but not least: Er kann leichter abgewöhnt werden als der Daumen.

Um vom Daumennuckeln abzuraten, wird häufig ins Feld geführt, dass der Daumen sehr viel härter und schmaler als ein Nuckel ist. Dadurch kann es zu falschen Schluckmustern, Aussprachefehlern und einer stärkeren Verformung des Kiefers bzw. Gaumens kommen.

Aus Neuseeland allerdings wurde eine Studie bekannt, die besagt, dass Daumenlutscher weniger Allergien gegen Gras, Wolle, Schimmelpilze und Katzenhaare haben. Ein weiterer eindeutiger Vorteil des Daumens liegt darin, dass er immer parat ist, nie gesucht und nie desinfiziert werden muss. Das Kind kann autonom entscheiden, wann es diesen Begleiter benötigt. Beide Arten des Saugens sollen allerdings im „Dauerbetrieb“ vermehrt zu Mittelohrentzündungen führen.

Das Kind weiß am besten, was es will

Sicher gibt es noch eine ganze Reihe anderer Für und Wider in dieser Diskussion, die sich auf Studien und wissenschaftliche Fakten beziehen. Für mich spielen andere Dinge aber eine sehr wesentliche Rolle. Das Saugen ist eines der Grundbedürfnisse eines Babys und spendet ihm häufig Trost, lässt es zur Ruhe kommen, hilft beim Einschlafen und erleichtert generell die Selbstregulation. Deswegen brauchen viele Babys mehr Möglichkeit zum Saugen, als das während einer Mahlzeit möglich ist. Dieses Saugbedürfnis ist am Anfang des Lebens besonders ausgeprägt und lässt mit dem Älterwerden langsam nach, da die Kinder nach und nach andere Mechanismen erlernen, die ihnen helfen, zur Ruhe zu kommen. Außerdem wird die Welt immer bunter für sie und es werden so viele andere Dinge interessant, die es zu erobern gilt.

Für mich steht ein Argument in vielen Bereichen über allen anderen: Trauen wir unseren Kindern doch einfach öfter zu (bis zu einem gewissen Grad natürlich!), selbst zu entscheiden, was sie brauchen und was ihnen guttut. Häufig klären sich dadurch sehr angespannte Situationen ganz von allein. Und zum Schluss sei noch meine eigene Erfahrung angeführt: Ein Baby, das sich für die Daumen-Variante entschieden hat, wird davon nur unter großen Anstrengungen abzubringen sein. Also freuen Sie sich an Ihrem kleinen, willensstarken Kind. Es weiß, was es will!

Martina Parrish war viele Jahre lang Hebamme und Stillberaterin und lebt in Berlin.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/10/Kind-mit-Daumen.jpg 1415 2119 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-10-18 14:08:262022-10-18 14:08:26Dauerthema: Schnuller statt Daumen? Was hilft, weiß das Kind selbst

Offene Kommunikation statt Zwickmühle und Opferrolle

In der Paarkommunikation können sich schädliche Muster einschleichen. Eheberater Marc Bareth empfiehlt: Lieber konstruktiv gestalten als in die Opferrolle flüchten

Fußball ist ein großes Thema im Hause Müller. Irgendein Spiel läuft immer und Michael schaut gerne zu. Seine Frau Maike hält das für Zeitverschwendung. Nun steht Michaels Lieblingsverein überraschend im Champions League-Achtelfinale. Ein Freund hat Michael zum gemeinsamen Fernsehabend eingeladen. Michael weiß, dass die Lieblingstante von Maike an diesem Abend ihren Geburtstag feiert. Also fragt er seine Frau: „Schatz, ich weiß, dass wir bei deiner Tante eingeladen sind, aber heute Abend ist auch das Achtelfinale, kannst du nicht alleine gehen?“

Die Opferrolle delegiert und gewinnt

Michael schafft mit dieser Frage eine Situation, in welcher seine Frau nur verlieren kann – eine Zwickmühle. Er weiß, dass ihr die Tante wichtig ist und dass diese enttäuscht sein wird, wenn Maike alleine kommt. Wenn seine Frau nachgibt, hat er sein Ziel erreicht. Wenn seine Frau hingegen darauf besteht, dass er mitkommt, wird Michael seine Rolle als Opfer zelebrieren. In dieser kann er dann missmutig sein, sich ungerecht behandelt fühlen und Wiedergutmachung nach dem Motto: „Ich durfte ja schon nicht Fußball schauen“ einfordern. So oder so also ein Gewinn für Michael.

Das Opfer delegiert die Entscheidung, damit es Opfer bleiben kann. Ein solches Verhalten ist nicht geschlechterspezifisch und kommt in allen möglichen Lebenssituationen vor, in denen sich zwei unterschiedliche Bedürfnisse gegenüberstehen. Das kann Themen wie Finanzen, Sexualität, Ferien, Familienplanung oder viele andere betreffen. Immer nach dem Leitsatz: Du entscheidest und ich darf unzufrieden sein – ein Dilemma in der Kommunikation und in der Beziehung.

Michaels Opferverhalten ist recht offensichtlich, aber manche stellen es so geschickt an, dass man es kaum wahrnimmt. Tatsache ist, dass es in vielen Beziehungen vorkommt. Wer es durchschaut und durchbricht, wird mit einer für beide Seiten befriedigenderen Partnerschaft belohnt.

Konstruktiv gestalten statt erleiden

Wie könnte Michael die Situation besser angehen um schädliche Kommunikationsmuster zu durchbrechen? Indem er die Entscheidung nicht ganz an seine Frau delegiert. Er sollte seine Bedürfnisse äußern, dann aber auch einen konstruktiven Vorschlag machen, wie sie damit umgehen könnten. Zum Beispiel so: „Schatz, ich weiß, dass wir heute bei deiner Tante eingeladen sind. Ich würde trotzdem gerne Fußball schauen, weil mich dieses Spiel sehr interessiert. Die Party beginnt ja schon um sieben. Ich schlage vor, dass wir zusammen zu deiner Tante gehen und ich mich gegen neun dort verdrücke. Was meinst du? Ist das für dich denkbar oder hast du einen anderen Vorschlag, wie wir beides unter einen Hut bringen können?“

Marc Bareth und seine Frau stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. 2020 ist sein Buch „Beziehungsstark“ erschienen. Er bloggt unter familylife.ch/five.

 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/10/Paar-Streitet-Opferrolle.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-10-13 13:22:132022-10-13 13:22:13Offene Kommunikation statt Zwickmühle und Opferrolle

Unfallfrei durch das letzte Schuljahr – Wie Eltern helfen können

Das letzte Schuljahr kann sowohl Eltern als auch Kinder sehr fordern. Die Pädagogin Stefanie Böhmann gibt Tipps, wie Eltern die Kinder unterstützen können.

Unsere älteste Tochter hat ihr Abi in der Tasche. Für unsere Zweite steht es im nächsten Jahr an – sie befindet sich aktuell im letzten Schuljahr. Beide sind sich einig, dass gute Verpflegung und leckere Snacks das Lernen erheblich unterstützen. „Und Mama, bitte gut ausgewogen, gesund, aber auch immer wieder lecker.“ Auch die moralische Unterstützung ist ihnen wichtig. Diese zu definieren, ist schon etwas schwieriger. „Du weißt doch, was uns guttut!“ Das heißt, Abfrageangebote in den Raum zu stellen, aber nicht zu penetrant nachzufragen. Sie wollen spüren, dass wir Eltern an sie glauben und ihnen den Abschluss zutrauen. Die Hilfe holen sie sich, wenn sie sie wirklich brauchen.

An Ausgleich und Fristen erinnern

Eine Tagesstruktur hilft beim Lernen. Diese Struktur im letzten Schuljahr liefern natürlich auch regelmäßige Essensangebote, wo wir wieder beim Ausgangspunkt wären, der von den beiden immer wieder betont wurde. Aber auch Sport- und Ausgleichsangebote unterstützen das Lernen, weil man so den Kopf für die nächste Lern- oder Schreibeinheit freibekommt und Entspannung ebenfalls möglich ist.

Beim Lernen verlieren die Jugendlichen das manchmal aus dem Blick und werden von uns Eltern gern daran erinnert, genauso wie an die Abgabefristen für die berufliche Zukunft nach dem Abi. Dann fragt man eben zum 25. Mal nach, ob die Bewerbung eingereicht ist, nervt, aber sorgt dafür, dass Dinge vorangehen und der Weg nach dem Abi geebnet ist. Das soll aber nicht heißen, dass man seinem fast volljährigen Kind die Bewerbung schreiben soll.

Das Rundum-Liebes-Paket von den Eltern

Unserer Großen haben aber tatsächlich To-do-Listen und Tagespläne geholfen, um eine Struktur zu bekommen und den Überblick zu wahren. Da ist aber jedes Kind unterschiedlich.

Genauso ist es hilfreich, als Korrekturleserin im Zweifel um kurz vor zwölf parat zu stehen, wenn eigentlich schon fünf Minuten vorher die Präsentation hätte abgegeben werden sollen. Und ist mal eine Note außer der Reihe, dann sollte man als Tröster und Hoffnungsgeberin moralisch aufbauen und nicht noch auf Tochter oder Sohn rumhacken, denn dafür sorgen sie in ihrem Inneren schon selbst.

Kurz gesagt: Einmal das Rundum-Liebes-Paket bitte, und unsere Kinder kommen gut durch das Prüfungsjahr!

Stefanie Böhmann ist Pädagogin und individual-psychologische Beraterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/10/GettImages_gestresste-Schuelerin.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-10-11 13:09:112022-10-11 13:09:11Unfallfrei durch das letzte Schuljahr – Wie Eltern helfen können

Guter Sex trotz Kleinkindern? Mit diesen 10 Tipps klappt es mit der Zweisamkeit

Tagsüber Theater und Zirkus am Abend – das Leben mit Kleinkindern ist oft stressig. Wie kann trotzdem das Sexleben gelingen? Eine Paartherapeutin klärt auf

Eltern mit Kleinkindern merken schnell, dass sich in ihrer Partnerschaft und vor allem in ihrem Sexleben einiges ändert. Obwohl sie sich ein Leben ohne die süßen Kleinen nicht mehr vorstellen können, wünschen sie sich in turbulenten Zeiten insgeheim die Tage zurück, wo sie leidenschaftlich und spontan miteinander schlafen konnten. Kein Türenverschließen aus Furcht vor kleinen, ungewollten Besuchern, die fragen: „Mama, Papa, was macht ihr da?“ Kein Zeitdruck aus Furcht vor kleinen Zaungästen.

Kein ruhige Minute

„Ich fühle mich nur noch fremdgesteuert! Sexuell läuft schon seit der Geburt unseres zweiten Kindes wenig. Wie denn auch?“, fragt Kristin (Name und Umstände geändert), als sie in meine Sprechstunde kommt. Dass ihr Mann sich mehr wünscht, ist ihr sehr wohl bewusst, doch „wenn ich mal ein bisschen Lust verspüre, dann liegt eines der Kinder zwischen uns oder schreit nach mir.“ Kristin bringt auf den Punkt, was viele Eltern von Kleinkindern erleben. Sie haben ihre eigenen Bedürfnisse selbstlos hinten angestellt und sich dabei selbst aus den Augen verloren.

Das Focus Magazin veröffentlichte vor einigen Jahren einen Artikel mit dem Titel: „Wie viel Sex braucht der Mensch?“ Der Text bezog sich auf eine Studie, in der Forscher herausfinden wollten, was unsere Libido beeinflussen kann. Sehr eindeutig fiel das Ergebnis bei der Frage aus, was Stress mit der Sinnlichkeit macht: „Das Stresshormon Cortisol, das in den Nebennieren bei erhöhter körperlicher und psychischer Belastung ausgeschüttet wird, vermindert den Sextrieb. Hektik, Müdigkeit und Sorgen stören die Liebe empfindlich. Männer wie Frauen reagieren auf die Störfaktoren ähnlich.“

Stress von innen und außen

Die Kleinkindphase stellt hohe Anforderungen an die Eltern, die sich im Sexualleben der Paare bemerkbar machen. Was kann ich Kristin und anderen Müttern und Vätern raten? Zunächst legen wir den Fokus darauf, wie sie es in ihrer momentanen herausfordernden Zeit schaffen kann, zu sich selbst zu finden.

Es geht darum, kleine Auszeiten zu erkennen und einzubauen, in denen sie sich erholen kann, um gelassener mit Alltagssituationen umgehen zu können. Wir nehmen erst einmal Kristins Stresssituation in den Blick. Diese ist von den äußeren und den inneren Stressfaktoren beeinflusst oder sogar gesteuert. Um hier klarer zu sehen, erhält sie die Aufgabe, in den nächsten vierzehn Tagen aufzuschreiben, welche Situationen ihr besonders Stress bereiten. Weiterhin soll sie beobachten, welche Gedanken sie dabei wahrnimmt, welche Gefühle entstehen, welche Körpersignale sich anmelden und welches Verhalten sie zeigt.

In einem zweiten, anschließenden Schritt erforschen wir ihre inneren Stressfaktoren. Das ist zum Beispiel ihr erhöhter Perfektionismus, ihr Bedürfnis, es allen recht machen zu wollen oder ihr Anspruch, immer stark zu sein. Anhand praktischer Beispiele besprechen wir, wo ihr die inneren Stressfaktoren nützlich sind und wo sie ihr im Wege stehen. Gleichzeitig erlernt sie ein Entspannungsverfahren mit einer zusätzlichen Körperwahrnehmungsübung.

Dies soll ihr helfen, wieder entspannen zu können, ihren eigenen Körper wieder besser wahrzunehmen, damit sie Stresssignale des Körpers frühzeitig erkennt und somit entgegenwirken kann.

Zweisamkeit fördern

Man kann mit einer solchen Herangehensweise sicher nicht alle schwierigen Faktoren ausschalten. Es ist normal, sich in manchen Phasen überfordert und fremdbestimmt zu fühlen und es ist auch normal, dass darunter das Sexualleben leidet. Das muss aber nicht zu einem chronischen Zustand werden. Wichtig ist, dass Mütter und Väter sich immer wieder Freiräume schaffen, in denen sie sich selbst und einander auf entspannte Weise erleben können. Dann wird auch wieder die Lust zurückkehren und man kann das Leben insgesamt genießen. Auf der nächsten Seite gibt es einige Ideen, wie das gelingen kann:

10 Ideen für mehr Zweisamkeit

1. Euch ist wichtig, dass eure Kinder in einem liebevollen Umfeld aufwachsen. Ihr wollt auf ihre Bedürfnisse eingehen und das ist gut so! Vergesst dabei nicht, dass ihr als Eltern auch Bedürfnisse habt. Wenn ihr euch selbst oder einander verliert, haben eure Kinder nichts gewonnen. Andersherum formuliert: Wenn es den Eltern gut geht, geht es auch den Kindern gut.

2. Nehmt euch deshalb als Paar ganz bewusst hier und da Auszeiten. Vielleicht könnt ihr euch auch mal irgendwann wieder ein Wochenende zu zweit gönnen, aber selbst, wenn es nur ein paar Stunden ohne Kinder sind: Das zu tun, was euch gemeinsam Spaß macht, und euch mal wieder als Paar zu erleben, kann Wunder wirken!

3. Nehmt dafür die Unterstützung von Familie, Freunden oder anderen möglichen Babysittern in Anspruch. Eure Kinder freuen sich, wenn sie Oma und Opa einmal für sich alleine haben oder durch einen Babysitter betreut werden.

4. Macht euch klar, dass ihr immer noch ein Paar seid. Ihr habt keine Familie gegründet, weil das euer Beruf ist, sondern weil ihr euch gefunden und ineinander verliebt habt. Warum eigentlich? Was war so attraktiv? Was war so toll an ihr? Was fand sie anziehend an ihm? Was damals toll war, ist sicher auch heute noch vorhanden, ihr müsst vielleicht nur ein bisschen den Staub des Alltags wegpusten.

5. Gönnt euch gegenseitig kleine Auszeiten, damit jeder für sich einmal wieder auftanken kann. Es muss nicht immer etwas Großes sein. Ein gemütliches Bad nehmen, ohne Kind zum Friseur, zwei Stunden Sport mit Freunden – das alles kann einen den Alltagstrott für kurze Zeit vergessen lassen.

6. Planung tut gut! Spontaner Sex während der Kleinkindphase bleibt wahrscheinlich eher ein Wunschtraum. Verabredet euch zum Liebesspiel. Weshalb nicht einmal die Zeit nutzen, wenn die Kinder ihre Lieblingssendung sehen oder ihren Mittagsschlaf halten? Das gibt euch als Paar etwas Zeit füreinander. Was ihr aus der Ruhezeit macht, ist euch überlassen.

7. Das mag seltsam klingen, aber Sex hat ähnlich wie Sport oder ein Musikinstrument spielen mit Gewohnheit zu tun. Manche Paare haben es sich abgewöhnt, miteinander zu schlafen. Das war keine bewusste Entscheidung, es ist einfach so passiert. Jetzt tun sie sich umso schwerer, wieder zueinander zu finden. Paare, die beispielsweise auch während der Schwangerschaft Sex hatten, tun sich leichter, ihr Liebesleben einige Wochen nach der Geburt zu reaktivieren.

8. Gewohnheit heißt auch: Es muss nicht immer das ganz große Feuerwerk sein. Macht euch keinen Druck, wenn sich die Lust nicht wie gewünscht einstellt. Streicheln, schmusen, im Bett nebeneinander liegen und über Gott und die Welt reden – Intimität kann auch ohne Sex sehr schön sein. Manchmal stellt sich gerade dann die Lust ein, wenn man den Druck rausnimmt.

9. Freut euch darüber, dass ihr einander habt! Wie ihr Familie lebt und welche Herausforderungen ihr mit eurem Kleinkind tagtäglich meistert, das ist einzigartig. Notiert euch am Abend, was ihr am Tag so alles hingekriegt habt. Ihr werdet staunen, was ihr alles so nebenbei erledigen konntet!

10. Wenn man mittendrin steckt, kann man es nicht glauben, aber die Kleinkindphase geht auch einmal vorüber!

 

Andrea Kronester arbeitet als Heilpraktikerin für Psychotherapie und ist Therapeutische Seelsorgerin (TS) und Entspannungspädagogin im mittelfränkischen Petersaurach (praxis-kronester.de).

0 0 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-10-06 15:30:022022-10-06 15:30:02Guter Sex trotz Kleinkindern? Mit diesen 10 Tipps klappt es mit der Zweisamkeit

Erziehungscoach klärt auf: Wutausbruch ist wie ein Nervenzusammenbruch

Die Wutausbrüche ihres Sohnes brachten Coach Marina Hoffmann an ihre Grenzen. Im Interview verrät sie, wie es ihr gelang, ihn zu begleiten und zu verstehen.

Wie hast du die bindungsorientierte Erziehung für dich entdeckt?
Es begann mit einer Krise mit meinem Sohn. Ich hatte vorher immer gedacht, dass ich schon weiß, wie ich erziehen werde und wie sich meine Kinder dann benehmen werden. Aber in der Autonomie-Phase meines Sohnes ist alles aus dem Ruder gelaufen. Es gab täglich Machtkämpfe. Das war sehr frustrierend. Ich habe Erziehungsbücher rausgekramt und versucht, die Tipps darin konsequent umzusetzen. Aber das hatte weder einen Effekt auf die Wut meines Sohnes, noch haben sie unserer Beziehung gutgetan. Mein Sohn war immer sehr enttäuscht von mir. Und ich habe mich auch sehr unwohl gefühlt, wenn ich ihn zum Beispiel ins Zimmer geschickt habe und dann von außen die Tür zugehalten habe, damit er drinbleibt. Ich war ratlos und unzufrieden mit meinem Mamasein. Ich habe verzweifelt nach neuen Ansätzen gesucht. Und ich habe auch um Inspiration gebetet.

Wie ging es weiter?

Ich habe über Instagram einige Profile kennengelernt. Das war mein erster Berührungspunkt mit bindungsorientierter Erziehung. Es hat mich völlig überrascht, wie viel dieser Erziehungsansatz mit meinem christlichen Glauben zu tun hat.

Der Perspektivwechsel: Wie kann ich als Mutter dem Kind helfen?

Was sind für dich die wesentlichen Elemente der bindungsorientierten Erziehung?
Für mich war der erste Wendepunkt das Verständnis über die kindliche Unreife. Es ist wichtig zu wissen, dass ein Kind in solchen Wutausbrüchen eigentlich einen Nervenzusammenbruch erlebt. Dass es uns nicht absichtlich ärgern möchte, sondern dass es überfordert und auf Hilfe angewiesen ist. Es handelt wegen seiner Unreife so impulsiv, weil es Gefühle noch nicht so ausgleichen kann wie ein Erwachsener. Wenn uns das bewusst ist, sehen wir unser Kind mit anderen Augen. Vorher hatte ich eher eine verurteilende Haltung: Was soll das? Wieso machst du das jetzt? Das hat sich entwickelt zu den Fragen: Wie kann ich dir helfen? Wie kann ich jetzt mit dir in Verbindung bleiben?

Hat sich dadurch die Situation für dich und deinen Sohn verändert?
Ja, es hat sich sehr viel verändert, auch wenn das nicht bedeutet, dass ich jetzt alles perfekt mache und immer verständnisvoll reagiere. Ich habe eher entdeckt, wie viele unreife Anteile ich an mir habe. Ich merke zum Beispiel: Wenn mein Sohn wütend wird, werde ich auch wütend und kann gar nicht mehr empathisch auf ihn eingehen. Deshalb habe ich angefangen, mich mit mir selbst mehr zu beschäftigen: Was triggert mich und woher kommt das? Und es hat auch meine Beziehung zu meinem Kind verändert, vor allem in den Momenten, wo ich in seinem Wutausbruch da sein konnte und in der Verbindung zu ihm bleiben konnte. Das hat eine große Veränderung in ihm bewirkt, dass er gesehen hat: „Mama verlässt mich jetzt nicht mehr, wenn ich etwas Blödes mache, und schickt mich nicht wieder allein aufs Zimmer, sondern sie ist für mich da.“ Das hat bei ihm eine Ruhe und eine Dankbarkeit entwickelt, dass er sagt: „Mama, danke, dass du da bist.“ Dabei habe ich mich auch an Psalm 23 erinnert gefühlt. Dort heißt es: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal bist du bei mir.“ Das hat auch meinem Glauben gutgetan, denn ich spürte, dass auch ich nicht allein bin.

Wie waren denn die Reaktionen bei deinem Mann, als du angefangen hast, anders zu erziehen?
Das war genial, weil wir gleichzeitig diesen Weg gegangen sind. Er war ja genauso frustriert. Er sagte: „Ich habe mir das Vatersein anders vorgestellt. Das ist alles so stressig und so nervig und anstrengend mit den Kindern.“ Ich habe ihm dann von meinen Entdeckungen der bindungsorientierten Erziehung erzählt, und wir haben zusammen ein Buch gelesen. Er war total offen, etwas zu ändern.

Bindungsorientiert bedeutet nicht antiautoritär

Es gibt ja die Kritik an der bindungsorientierten Erziehung, dass Kinder dadurch verwöhnt und verzogen werden …
Dann hat man sich damit vielleicht nicht gut genug beschäftigt und verwechselt bindungsorientierte mit antiautoritärer Erziehung. In der bindungsorientierten Erziehung ist es ja nicht so, dass es keine Grenzen gibt. Kinder sind täglich mit Grenzen konfrontiert, mit Dingen, die sie nicht hinkriegen oder nicht haben können. Es ist nicht unsere Aufgabe, alle Grenzen zu vermeiden, sondern ihnen zu helfen, sich mit diesen Grenzen zu versöhnen. Und wenn die Kinder mit Grenzen konfrontiert werden und entsprechend reagieren, gehen wir nicht aus der Beziehung heraus. Das ist ein großer Unterschied. Ich vermittle meinem Kind: „Ich gehe mit dir gemeinsam durch die Wut, wenn du an deine Grenze kommst.“

Du wolltest deine Entdeckung nicht für dich behalten. Deshalb bietest du Online-Kongresse an.
Genau, ich möchte, dass es alle erfahren. Im März habe ich meinen ersten „Erziehe mit Herz“-Online-Kongress organisiert. Wir hatten 6.000 Teilnehmende. Das war wunderbar. Viele hat angesprochen, dass ich die bindungsorientierte Erziehung mit dem christlichen Glauben verbinde, weil sie das so noch nicht gehört haben. Ich hatte erst einmal das Ziel, christliche Mütter zu erreichen. Der nächste Kongress richtet sich an beide Elternteile.

Interview: Bettina Wendland

 

Marina Hoffmann ist Sozialarbeiterin, Veranstalterin von mittlerweile zwei „Erziehe mit Herz“ Onlinekongressen, Christin und bindungsorientierter Erziehungscoach für Eltern. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder (6 und 3). Weitere Informationen zu ihren Angeboten unter: das-weiche-herz.de

https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/10/Kind-Wut.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2022-10-04 16:00:002024-11-04 08:41:52Erziehungscoach klärt auf: Wutausbruch ist wie ein Nervenzusammenbruch
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