Rechtschreibung

UMZINGELT VON LEHRERN

Katharina Hullen muss sich in ihrer Familie mit Sprachfetischisten herumschlagen.

Katharina: Kennen Sie das? Fünf Jahre im Büro, auf dem Bau oder im Verkauf und schon denkt, fühlt und glaubt man wie alle anderen der Branche. Man wird scheinbar völlig betriebsblind für die „normalen“ Verhaltensweisen der restlichen Welt. Der Bankangestellte kann nicht verstehen, was so kompliziert am Ausfüllen von Formularen sein soll. Und die Sprechstundenhilfe kann sich nicht vorstellen, dass der neue Patient den Weg zum Laborraum nicht kennt, obwohl sie ihn heute doch schon zwanzigmal erklärt hat. Jeder Experte scheint im täglichen Kampf mit der völligen Unwissenheit seines Umfeldes zu sein, und das nervt offenkundig. Aber vielleicht ist es auch andersherum. In unserer Familie ist es so, dass wir umgeben – ich würde sogar sagen: umzingelt! – sind von Lehrern. Ich komme auf zehn Personen im unmittelbaren Freundes- und Familienkreis, die es von Berufs wegen immer besser wissen. Die zwei unausweichlich nächsten Lehrer sind Hauke und seine Mutter! Beide haben einen stark ausgeprägten Sprach-Fetisch, worunter jeder hier manchmal zu leiden hat. Nichts Schriftliches in diesem Haus entgeht ihren zwanghaften Rechtschreibkorrekturen. Vielleicht kommen die Kinder deshalb gern zu mir oder dem Opa, um ihre kindlichen Aufsätze inhaltlich würdigen zu lassen, bevor Papa und Oma mit dem Text ins Gericht gehen. Selbst Untertitel im Fernsehen, die jeder normale Mensch kurz überfliegt und ignoriert, lassen Hauke und Rosi stereo zusammenzucken, wenn sich dort ein Rechtschreibfehler eingeschlichen hat: Das geht doch nicht! Im Fernsehen! Wie peinlich! Das lesen doch Hunderttausende! Sie sehen überall buchstäblich rot! Irgendwo fehlt immer ein Komma oder eine Endung! Unsere geknechteten Grundschulkinder wissen bereits alle Zeitformen fachsprachlich auszudrücken und selbstverständlich darüber hinaus auch, was eine Alliteration und ein Palindrom ist. Ich wundere mich, dass sie immer noch so gerne Geschichten schreiben, obwohl ihnen die Rechtschreibung schon so oft um die Ohren geflogen ist. Bei unseren Mädchen ist es eindeutig – sie haben das Deutschlehrer-Gen! Wortwitze, Kalauer und sprachliche Spitzfindigkeiten, wo auch immer die Hullens beisammen sind. Am Tisch, im Auto, im Bett (!) – überall lauert eine sprachliche Pointe. Ich danke Gott, dass er mir so viel Humor geschenkt hat, denn sonst wäre das nicht lebenslang zu ertragen. Und wie gut, dass wir Menschen so anpassungsfähig sind. Ich konnte in den letzten 20 Jahren meine Aussprache durch die liebevolle Korrektur meines großartigen Privatlehrers auf hochsprachliches Niveau emporwuchten. Die Kommas in diesem Text hat übrigens meine Schwiegermutter gesetzt, und ab und an rutscht mir auch noch ein „Helf mir bitte mal …“ heraus. Aber dat sind de Gene – da machste nix!

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

DER DEPPENAPOSTROPH UND DER UNTERGANG DES ABENDLANDES

Hauke Hullen leidet unter einer Berufskrankheit.

Hauke: Als Lehrer, zumal als Deutschlehrer, lebt man auf der Sonnenseite des Lebens: Vormittags hat man recht, ab 12 Uhr frei, das fürstliche Gehalt verprasst man in zwölf Wochen Ferien, und einmal im Jahr gibt’s sogar eine Woche Extra-Urlaub, den man mit der 8d in der Jugendherberge Kleinstrupp-Wüsthausen verbringt! Doch es gibt als Lehrer, zumal als Deutschlehrer, leider auch einen Aspekt, der diesen paradiesischen Zustand immer wieder stört: Man entdeckt ständig Rechtschreibfehler! Nicht nur in Schülertexten, nein, auch in freier Wildbahn! Für Menschen, die mit einer, nun ja, hohen Toleranz gegenüber sprachlichen Normverstößen gesegnet sind, mag meine Pein unverständlich sein. Doch für mich ist ein falsch gesetztes Komma wie ein Pickel, der ein hübsches Antlitz verunstaltet und der die Aufmerksamkeit gerade deshalb auf sich lenkt, weil man krampfhaft versucht, ihn nicht wahrzunehmen. Es geht hier wohlgemerkt nicht um Schüleraufsätze, sondern um Texte, die Erwachsene verunstalten. Zum Beispiel der Aushang beim Arzt, demnach die Praxis „mittwoch’s von 9-12 Uhr“ geöffnet hat. Oder suchen Sie mittels Internet-Bildersuche nach dem „Deppenapostroph“! Die Ergebnisse dürften Sie ausgiebig erheitern oder zutiefst frustrieren. Und wenn Sie nichts Außergewöhnliches sehen, dann leben Sie bitte einfach zufrieden weiter. Sie sind ja nicht alleine – selbst eine Partei, deren Name hier nicht genannt werden soll, forderte im Wahlkampf eine „Schule für’s Leben“, in der offenbar liberal mit Rechtschreibung umgegangen werden sollte. Ein Hort zwiespältiger Freuden ist auch die Kommasetzung. Viele halten sie für unwichtig, dabei ist sie lebensrettend: „Komm wir essen Opa!“. Setzen Sie bitte Kommas nach Belieben. Aber auch bei „Max sein bester Freund und Moritz griffen nach den beiden Fallschirmen“ oder beim Befehl „Tötet ihn nicht freilassen!“ ist der Beistrich von größter Bedeutung. Ein geradezu tragikkomisches Beispiel lieferte auch eine große Baumarktkette. Sie plakatierte: „Geht nicht, gibt’s nicht!“ Ich bin geneigt, hinzuzufügen: „Kriegen wir auch nicht wieder rein.“ Und auf die zahlreichen unfreiwilligen Mehrdeutigkeiten durch unklaren Satzbau à la „Freund von Prinz William getötet“ (Süddeutsche Zeitung) kann ich aus Platzgründen an dieser Stelle leider gar nicht erst eingehen. Doch was bedeutet das für unser Familienleben? Ich will es etwas anders machen als meine Mutter damals. Als ich ihr nach dem Abi stolz meinen ersten Artikel in der Lokalzeitung zeigte, war ihr erster Kommentar: „Hier fehlt aber ein Komma.“ Sie hatte natürlich recht, hätte an dieser Stelle aber diskret am Pickel vorbei auf meinen ersten Bericht gucken sollen. Ich möchte die beste Ehefrau von allen und unsere Kinder nicht mit meiner Besserwisserei frustrieren. Ich will aber auch nicht für den Untergang des Abendlandes verantwortlich sein, dessen sicherstes Merkmal bekanntermaßen die Verlotterung der Sprache ist. Meiner Frau ist dieses Dilemma egal. Sie würde sagen: „Es ist schwer für Deutschlehrer eine Lösung zu finden.“

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

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