Zum Auszug drängen?

„Unsere Tochter (21) ist nach ihrer Ausbildung von ihrer Firma übernommen worden. Sie möchte erst mal weiter bei uns wohnen bleiben. Wir glauben aber, dass es ihr gut tun würde, eine eigene Wohnung zu haben. Sollen wir sie drängen auszuziehen?“

Noch vor einer Generation war es gar nicht so selten, dass junge Frauen im Alter von 21 Jahren bereits eine eigene Familie hatten. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich diese Vorstellung vollkommen verändert. Junge Menschen finden später ihre Partner und sie brauchen länger Zeit, sich von ihrer Herkunftsfamilie abzunabeln. Die Gründe dafür sind vielfältig: Längere Ausbildungszeiten sind ein Grund dafür. Aber auch das harmonischere Miteinander in vielen Familien lässt junge Menschen lange zaudern, bis sie endlich den Schritt auf die eigenen Füße wagen.

ELTERNHAUS BEDEUTET SICHERHEIT
Das gilt für junge Männer genauso wie für die Frauen. Junge Menschen wollen heutzutage ihre eigene Kindheit möglichst lange hinauszögern und genießen. Das ist durchaus verständlich. Aber davon abgesehen, dass Ihre Tochter es sicherlich genießt, noch immer „beeltert“ zu werden, hat sie möglicherweise auch Angst davor, es allein nicht zu schaffen. Da ist die Miete, die sie künftig von ihrem Gehalt zahlen muss, dann die Kosten für den eigenen Lebensunterhalt. Bisher konnte sie wie selbstverständlich davon ausgehen, dass sie zu Hause versorgt wurde und vielleicht noch gar nichts von ihrem bisherigen Verdienst abgeben musste. Sie müssen Ihre Tochter nicht drängen auszuziehen. Manche junge Menschen brauchen einfach ein wenig mehr Zeit, bis sie innerlich bereit sind, sich vom Elternhaus räumlich zu trennen. Diese Zeit sollten Eltern ihren Kindern gönnen.

VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN
Ihre Tochter sollte allerdings – spätestens jetzt – die Verantwortung für ihren Lebensunterhalt übernehmen. Nach Beendigung ihrer Ausbildung bezieht sie ein volles Gehalt. Deshalb ist es folgerichtig, wenn sie nun auch ihren Beitrag zu den Lebenshaltungskosten beisteuert. Wie hoch dieser Beitrag sein soll, bemessen Sie individuell nach ihrem Verdienst und den Kosten, die Sie bisher für sie übernommen haben. Wenn sie Angst davor hat, nicht mit ihrem Geld auszukommen, sobald sie auf eigenen Füßen steht, dann rechnen Sie mit ihr aus, welche Kosten für sie entstehen werden, wenn sie auszieht. Machen Sie gemeinsam mit ihr einen Plan und zeigen sie ihr, wie sie mit ihrem Geld auskommen kann. Helfen Sie ihr eine günstige Wohnung zu finden, die nicht nur bezahlbar ist, sondern in der sie sich auch wohl fühlt. Sollte sich Ihre Tochter trotzdem emotional noch nicht von Ihnen lösen können, so kann es ihr helfen, wenn Sie viel mit ihr telefonieren. Bestimmt hilft es ihr, wenn die Eltern in der Nähe wohnen und sie im Notfall schnell vorbeikommen könnte. Richten Sie mit ihr gemeinsam die neue Wohnung ein. Das macht Spaß und gibt Ihrer Tochter ein wenig Nestwärme zurück. Begleiten Sie Ihre Tochter auf diesem wichtigen Weg in die Selbständigkeit. Es ist wie damals, als Ihre Tochter laufen lernte: Eltern müssen loslassen und Kinder müssen die eigenen Fähigkeiten entdecken und mobilisieren.

Ingrid Neufeld ist Erzieherin und Mutter von drei inzwischen erwachsenen Töchtern. Sie lebt in Mittelfranken.

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