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„Ihr Freund ist viel älter“

Unsere Tochter (17) hat einen Freund, der zwölf Jahre älter ist. Wir haben den Eindruck, dass die Beziehung der beiden nicht auf Augenhöhe ist. Sollen wir mit ihr darüber reden? Oder ist das zu viel Einmischung?“

Ich kann die Fragestellung sehr gut verstehen und glaube, dass es für eine Mutter oder einen Vater nicht einfach ist, die Tochter in einer Beziehung zu sehen, bei der man Bedenken hat. Der Altersunterschied ist dabei nur ein Aspekt. Auch die nationale Herkunft, politische Einstellungen oder Drogen- und Alkoholmissbrauch können Dinge sein, die uns an den Partnern unserer Kinder stören. Aber die Grenzen zu einer guten Entscheidung sind in Ihrem Falle fließend.

Der juristische Aspekt wird sich schon bald biografisch lösen: Mit dem 18. Geburtstag haben Sie keine Erziehungsverantwortung mehr für Ihre Tochter. Es bringt also nichts, auf Ihre elterliche Fürsorgepflicht zu verweisen. Ihre Tochter muss Sie auch nicht um Erlaubnis fragen, mit wem sie befreundet ist. Die Zeiten, in der ein blumenbeschmückter Bräutigam an der Haustür um die Hand Ihrer Tochter anhält, sind vorbei. Trotzdem sollten Sie sie nicht sehenden Auges in eine Beziehung gehen lassen, bei der Sie Bedenken haben.

DAS GESPRÄCH SUCHEN

Deshalb ist der Beziehungsaspekt wichtiger. Sprechen Sie mit Ihrer Tochter über Ihre Bedenken, ohne zu bewerten und fragen Sie sie auch, wie es ihr in ihrer Beziehung geht und wie sie mit dem Altersunterschied zu ihrem Freund zurechtkommt. Hören Sie ihr gut zu! Mit guten Fragen und aktivem Zuhören können Sie mehr erreichen als mit Vorwürfen und Kritik. Verständnis ist wichtiger als Einverständnis.

Versinken Sie also nicht in Sorge und Bedenken, sondern sprechen Sie ganz offen und ehrlich über Liebe, Partnerschaft, Erwartungen und über Aspekte einer „Beziehung auf Augenhöhe“. Grundvoraussetzung dafür ist natürlich, dass Sie diese Augenhöhe auch im Blick auf Ihre Tochter wahren. Wie schnell sehen wir uns als Ältere und als Eltern in einer überheblichen Ankläger- und Besserwisserrolle, die jegliches offene Gespräch erstickt.

SICH IN LIEBE ÜBEN

Es kommt auch noch ein geistlicher Aspekt hinzu: Die Bibel spricht davon, dass ein Mann (und heute sicher auch eine Frau) Vater und Mutter verlassen muss, um in eine gelingende Beziehung eintreten zu können. Uns als „Verlassene“ bleibt dann vor allem, uns in einer positiven Grundhaltung zu üben: Wir dürfen lieben.

Den Mann, den Ihre Tochter liebt, den dürfen Sie auch lieben lernen. Eine Erinnerung an die eigene Unvollkommenheit in der jungen Beziehungssuche macht uns dabei barmherzig. Der Satz: „Dein Freund ist uns willkommen, weil du uns immer willkommen bist. Wenn du ihn liebst, wollen wir ihn auch lieben“, sollte gedanklich über der Tür stehen.

Wir können als Eltern unheimlich viel dazu beitragen, ob und wie eine Beziehung unserer Kinder gelingt, indem wir eine gute Willkommenskultur entwickeln und in liebevoller Barmherzigkeit leben.

Gottfried Muntschick ist Geschäftsführer der CVJM Familienarbeit Mitteldeutschland e.V.

 

 

Der einsame Wolf hat ausgedient

Männer kommen schon alleine klar? Christof Matthias hat festgestellt, dass er nur in Beziehungen wachsen kann.

Die ersten Anmeldungen für unseren Männertag kommen immer von Frauen. Sie wollen ihren Männern etwas Gutes tun und ihnen Begegnungen und Beziehungen ermöglichen. Der Leidensdruck scheint bei ihnen höher zu sein als bei ihren Männern selbst. Eine Anruferin fragte, ob sie ihren Mann denn schicken dürfe, denn er hätte ja gar keine Freunde. Viele Männer, die ich kenne, mich selbst eingeschlossen, kommen ganz gut alleine klar und empfinden das auch nicht als Mangel. Manche wünschen sich auch Freunde, wissen aber nicht, wie sie es anstellen können. Aber warum sollte Mann etwas ändern, wenn er doch scheinbar gar nicht leidet? Aus meiner Sicht gibt es dafür drei Gründe: Der Horizont erweitert sich, Freundschaften bieten Chancen zu persönlichem Wachstum und machen das Leben schöner. Wo immer ich den Weg des einsamen Wolfes verlassen und die Gemeinschaft zu anderen Männern gesucht habe, konnte ich mich mit anderen Sichtweisen auseinandersetzen und dazulernen. Jedermann erlebt und beschreibt die Welt aus anderen Augen und hat persönliche Erfahrungen gemacht. Die Geschichten, die dahinter liegen, sind immer spannend und bereichernd. Ich habe den Kontakt und den Austausch mit anderen Männern noch nie bereut. Ganz egal, ob es dabei um das Gespräch mit einem Nachbarn auf der Straße ging oder den Austausch am Lagerfeuer nach einer Motorradtour in der Wüste Arizonas. Wenn wir bei unseren Eheseminaren die Paare in Männer- und Frauenrunden aufteilen, reden die Männer meist länger als die Frauen. Ich habe den Eindruck, dass alle froh sind, ihrer inneren Einsamkeit zumindest für diese Zeit entflohen zu sein. Mir fällt es nicht zu, mein Herz sofort für andere zu öffnen. Aber wenn es gelingt, empfinde ich Entlastung, Freude und inneren Frieden. Hier scheint das innere Bedürfnis nach Anteilnahme und Verständnis befriedigt zu werden. Das ist für mich ein Stück Lebensqualität. Dazu kommt, dass uns die Bibel dazu auffordert, charakterlich zu reifen und geistlich zu wachsen (Epheser 4,13+14). Wäre es nicht bedauerlich, wenn dich ein alter Freund nach vielen Jahren mit den Worten begrüßt: „Du bist ganz der Alte geblieben“? Wo erfährt der einsame Wolf eine Reflexion seiner Schwächen? Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, ist jede meiner Veränderungen in einem Beziehungskontext begründet. Wir sind aufgefordert, einander zu ermutigen, zu korrigieren und zu ermahnen. Korrigieren lasse ich mich aber eher von Menschen, denen ich vertrauen kann. Ich musste und muss mich deshalb immer fragen: Wo sind denn meine Vertrauten? Vertraute wachsen nicht an Bäumen, Vertrauen muss vorsichtig und langsam entwickelt werden, braucht Zeit und Pflege. Ich habe für mich entschieden, dass ich nicht einsam alt werden möchte und nicht als Wolf Angst und Schrecken verbreiten will. Deshalb nehme ich den Kalender in die Hand, schaue frühzeitig nach freien Zeiten, schreibe Einladungsmails oder telefoniere. Wenn ich die Pflege von Beziehungen nicht bewusst einplane, ist am Ende oft keine Zeit mehr übrig. Ich weiß gewiss: Gott hat mich nicht als Einzelgänger geschaffen, aber um mit jemandem zusammen ein Stück zu gehen, muss ich auf ihn zugehen.

 

Christof Matthias ist in der Leitung von Team.F und freiberuflicher Supervisor, Vater von drei leiblichen Söhnen, einem mehrfach behinderten Pflegesohn, zwei Schwiegertöchtern und Opa von zwei Enkeltöchtern.

„Alles gut?“

Christof Klenk mag keine Emojis in der mündlichen Sprache.

Die Frage „Wie geht es dir?“ ist ein bisschen aus der Mode gekommen. Sie wird von einem lapidaren „Alles gut?“ abgelöst. Das ist prägnanter, hipper und klingt irgendwie nach Facebook oder WhatsApp. Man kann darauf nur mit dem mündlichen Gegenüber eines Emojis antworten: Alles super! Daumen hoch! Smiley!

Das ist glatt gelogen. Bei mir ist nie alles gut. Irgendwo zwickt’s immer, läuft etwas schief, wäre Luft nach oben. Ganz abgesehen davon, dass die Weltlage mit „Smiley, Smiley, Smiley“ wohl kaum umschrieben ist. Aber niemand will auf „Alles gut?“ eine differenzierte Antwort hören. In den meisten Fällen würde ein „Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden“ meine Gefühlslage ganz gut auf den Punkt bringen. Das klingt aber irgendwie altklug, nach Spaßbremse oder Besserwisser.

Zugegeben: Auf die Frage „Wie geht’s dir?“ antworte ich in den allermeisten Fällen auch nur mit „gut“. Das hat keinen hohen Informationswert, aber es kommt der Wahrheit trotzdem näher als „Daumen hoch! Alles bestens! Rundum glücklich!“ Da ist viel Schönes dabei, aber dass alles gut ist, kann ich eben nicht behaupten.

„Christof, halt mal den Ball flach. Hier geht’s doch nur um Smalltalk!“, mag mancher hier einwenden.  Letztlich geht es, wende ich ein, um das Wertvollste, was wir haben, nämlich um Beziehungen. Ich will bei einem zufälligen Treffen auf der Straße sicherlich kein Therapiegespräch, aber ein klein wenig die Chance eröffnen, dass Begegnung stattfindet und dass wir einander wahrnehmen, das wäre schon schön. Dann wäre schon eine Menge gut.

Christof Klenk ist Redakteur bei Family und FamilyNEXT und lebt mit seiner Familie in Witten.

Grenzenloses Vertrauen

Auch wenn nicht alles wie geplant lief: Hiltrud und Rüdiger freuen sich, dass sie immer wieder einen gemeinsamen Weg gefunden haben, selbst in einer Phase der beruflich bedingten Trennung.

 

Eine Sandkastenliebe verbindet die beiden nicht, dazu ist der Altersunterschied von fünf Jahren wohl zu groß. Aber Hiltrud und Rüdiger kennen sich schon lange. Sie waren Nachbarskinder und sangen gemeinsam im Kinderchor der Gemeinde. Danach verloren sie sich aus den Augen, doch das Singen hat sie dann wieder zueinander geführt. Nach Studienende und Rückkehr in die Heimatstadt sahen sie sich im Chor wieder und verliebten sich. Eine besondere Rolle hat dabei sicher die uneingeschränkte Offenheit in ihren Gesprächen über Gott und die Welt gespielt – in DDR-Zeiten keine Selbstverständlichkeit, weil man nie sicher sein konnte, wem man etwas anvertrauen konnte.
Das Verlieben war ein längerer Prozess, doch dann stand sehr schnell fest, dass sie heiraten wollten. Das war unumstößlich! Nach ihrer (heimlichen) Verlobung 1982 auf einer Wanderung im Harz hat sich etwas voreilig vor der geplanten Hochzeit ihr erstes Kind angekündigt. So wurde schnell das Standesamt „dazwischen“ geschoben und die geplante kirchliche Hochzeit dann als „Traufe“ (Trauung + Taufe) gefeiert. Die beiden haben das Fest noch in sehr guter Erinnerung und freuen sich auch an den drei Jahrzehnten danach: „Unser gemeinsames Leben war begleitet von vielen wunderschönen Erlebnissen, von Höhen und aber auch von Tiefen: Unsere Hochzeit, die Geburt unserer drei gesunden Kinder, die erste richtig schöne und große Wohnung im geliebten Stadtgebiet, der wundervolle Mauerfall, der erste gemeinsame ‚Westurlaub‘ … Dass wir so viel zusammen erlebt haben, das ist das Schönste und Wichtigste!“, schwärmen beide.

HARTE PROBE
Das tiefste Tal in ihrem Eheleben durchschritten sie nach der Wende, als sich Rüdigers Arbeitsstandort plötzlich um 500 Kilometer gen Westen verlagerte, obwohl er in Leipzig noch angestellt war. „Die langen Abwesenheitsphasen, das Alleinsein mit den drei Kindern, die Sehnsucht nach dem Familienleben, das hat uns auf eine harte Probe gestellt, besonders unsere drei pubertierenden Kinder. Letztlich mussten wir dann aufgrund des wirtschaftlichen Zwanges die geliebte Heimat verlassen und auch das war hart“, erzählt Hiltrud. Durch eigenen Mut und Zuversicht, Vertrauen in- und abgrundtiefe Liebe zueinander, tapfere Kinder, helfende Familie, eine neue Gemeinde, ein neuer Chor, treue alte und neue Freunde haben sie geschafft, die schmerzhafte Veränderung auszuhalten und durchzustehen.
Für die beiden ist grenzenloses Vertrauen in den Partner eine der wichtigsten Grundlagen ihrer Partnerschaft. Sie legen Wert auf offene und ehrliche Kommunikation. „Schwierig in unserer Ehe ist bei uns wohl vor allem die Diskrepanz zwischen weiblicher Emotionalität und männlicher Rationalität, wenn es um grundlegende Entscheidungen geht. Aber auch dann hilft es, miteinander zu reden! Es fällt uns leicht, uns unsere Liebe durch kleine Gesten bewusst zu machen und es ist wichtig, das auch immer wieder in Worte zu fassen“, meint Rüdiger.
Wichtig ist ihnen auch ihnen auch ihr Trauspruch, der ihnen oft Wegweiser und immer wieder Hoffnungssignal geblieben ist: „Christus spricht: Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ (Johannes 14/27)

Priska Lachmann ist verheiratet, zweifach Mama, Theologin, freie Redakteurin und Bloggerin von www.leipzigmama.com

 

Willkommen in der Familie!

„Unser Sohn (17) hat zum ersten Mal eine feste Beziehung. Wir sind etwas unsicher, ob wir seine Freundin eher wie einen Gast oder wie ein neues Familienmitglied behandeln sollen. Diese Frage stellt sich vor allem bezüglich des Urlaubs oder diverser Familienfeiern.“

Sie als Eltern können viel machen, damit Ihre heranwachsenden Kinder den Start in das Beziehungsleben positiv erleben. Vertrauen und Selbstbestimmtheit sind die Voraussetzung, um Verantwortung für sich und den Partner oder die Partnerin zu übernehmen. Das bedeutet aber nicht, dem Jugendlichen das Gefühl zu geben, dass es den Eltern egal sei, was er tut. Alle Freiräume zuzugestehen, wird häufig als Gleichgültigkeit empfunden und nicht als Vertrauensbeweis verstanden. Sie machen es Ihrem Sohn am leichtesten, wenn Sie seiner Freundin aufgeschlossen gegenübertreten und sie in der Familie willkommen heißen. Sie sollten den Gast als Freundin des eigenen Kindes ernstnehmen und dies auch im Miteinander spüren lassen, ihr jedoch Zeit lassen, in der Familie anzukommen. Jugendliche mögen es nicht, wenn man sie überfällt. Neugierige Fragen sind nicht angebracht und verschrecken eher. Gemeinsames Kochen oder ein „Spieleabend“ laden dazu ein, die neue Freundin zu integrieren. Bei Einladungen zu Familienfeiern und zu gemeinsamen Aktivitäten wie Urlauben ist es gut, sich und der Freundin des Kindes Zeit zu lassen. Am besten ist es, die Einladung frühzeitig mit Ihrem Sohn und seiner Freundin zu themat i s ieren und gemeinsam zu überlegen, ob die neue Partnerin sich wohlfühlen würde. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, das Tempo der Beziehung die Kinder selbst bestimmen zu lassen. Und abgewartet, bis die Beziehung sich so gefestigt hatte, dass dieser Schritt denkbar und machbar war.

 

Ute Wegend ist verheiratet und Mutter von vier bereits ausgeflogenen und zum Teil verheirateten Kindern. Sie ist Multiplikatorin des Glaubenskurses „Stufen des Lebens“ in Berlin und Brandenburg.

 

MAMA HAT URLAUB

Ein freies Wochenende ganz allein, ohne Ansprüche und Aufgaben. Von Kathrin D. Weber

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Schlucken, nörgeln oder ignorieren?

Britta liebt ihren Mann Thorsten, aber es nervt sie, dass er viele Aufgaben im Haushalt nicht so richtig zu Ende bringt. Sie hat das schon häufig thematisiert, geändert hat sich nichts. Thorsten geht das Genörgel seiner Frau mittlerweile auch ziemlich auf die Nerven. Er empfindet sie als sehr kleinlich und hat das Gefühl, er kann es ihr nicht recht machen. Britta will nicht dauernd an ihrem Mann herumkritisieren, aber auch nicht alles schlucken. Thorsten hätte gerne mehr Anerkennung für das, was er tut. Wie können die beiden einen gemeinsamen Weg finden? Oder gibt es den nicht?

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„Wie ein Zaun, der den Garten der Liebe schützt“

Wenn Mann und Frau eine Beziehung eingehen und heiraten, bilden sie eine neue Einheit. Warum innerhalb dieser Einheit Grenzen entscheidend wichtig sind, damit die Liebe gedeihen kann, erklärt der Psychotherapeut Jörg Berger im Interview.

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Ein wenig Freund – ein wenig Eltern

Wie eine ganz besondere Beziehung entstehen kann

„Wenn alles gut geht, dann investierst du gut zehn Jahre in dein Kind, und anschließend hast du einen lebenslangen Freund an deiner Seite.“ So ähnlich habe ich es neulich gelesen. Auf dem Weg zu dieser außergewöhnlichen Freundschaft ist die Pubertät eine besondere Zeit. Im Miteinander mit den Kindern kommt dort beides zum Zug: mein Freundin-Werden und mein Mama-Sein.

Meine Kinder haben mit 13 und 17 Jahren diese Schwelle der „gut zehn Jahre“ bereits überschritten. Ich spüre an vielen Stellen, dass wir langsam Freunde werden. Neulich sitze ich am Küchentisch mit meiner Großen, sie erzählt etwas und plötzlich sagt sie: „Mama, ist was passiert? Du guckst so traurig.“ Eigentlich hatte ich gedacht, ich könne ihr meinen Kummer verheimlichen, aber das ging dann nicht mehr. Mit kurzen Worten konnte ich sie mit hineinnehmen, ihr das sagen, was ich preisgeben wollte. Und sie? Stand auf, drückte mich und sagte ihren Kommentar. Es war das erste Mal, dass mein fast erwachsenes Kind mich in dieser Tiefe getröstet hat. Eine völlig neue Erfahrung!

„Stolz auf dich“

Einige Monate zuvor: Wir sind in unserer alten Heimat, in der ich eine Lesung aus meinen Büchern halte. Mein Sohn macht den Büchertisch. Als alles vorbei ist und wir wieder nach Hause fahren, kommt vom Rücksitz eine Stimme: „Du, Mama, ich bin richtig stolz auf dich!“ Ich schlucke, wende den Kopf nach hinten, ob ich mich vielleicht verhört habe. Denn das ist ja nun nicht das Übliche, was man von einem 13-Jährigen zu hören bekommt. Aber ich habe mich nicht verhört. Selten hat mich ein Lob so beflügelt wie dieses.

Natürlich ist diese Freundschaft anders als meine anderen Freundschaften; das wird vielleicht auch so bleiben. Meine Kinder und mich trennen viele Jahre und auch viele Welten. Aber trotzdem wächst hier ein neues Miteinander, in dem Kinder nicht nur Empfangende sind. Es steht uns als Eltern gut an, wenn wir den neuen Ton bemerken und darauf eingehen. Denn das wünschen sich doch die Teens, wenn sie so auf uns zukommen. Letztlich wird es darum gehen, auf einer neuen Ebene miteinander umzugehen.

Verantwortung übertragen

Trotzdem bin ich natürlich „Mama“ meiner jugendlichen Kinder. Beispielsweise versorgen wir als Eltern unsere Kinder mit dem, was sie brauchen. Vor allem bin ich eine Mama, an der man sich reiben kann: Ich setze Grenzen, wann jemand nach Hause kommen soll oder wie lange die Medien benutzt werden können. Ich möchte Halt geben in so manchen Auseinandersetzungen, die mitunter auch keinen Spaß machen. Ich muss Konsequenzen einfordern, wenn Dinge, die wir besprochen haben, gar nicht gut gelaufen sind.

Außerdem muss ich meinen Teens Verantwortung übertragen: Sie sollen lernen, Termine selbst im Kopf zu behalten oder sich mit Bus und Bahn allein und sicher zu bewegen. Ich möchte sie ermutigen, weil sie vielen Anforderungen gerecht werden müssen in unserer hektischen Welt. Ich möchte sie loben, weil ich immer wieder über ihre Gaben und Eigenschaften staune und mich daran freue.

Einige dieser Mama-Aufgaben machen richtig viel Spaß. Wer genießt es nicht, wenn der eigene Sprössling in einem Konzert Erfolg hat oder einen Gottesdienst super moderiert? Andere Mama- Aufgaben sind nicht so lustig. Die gehören halt dazu.

Manchmal kann ich sie umso leichter ausfüllen, weil ich eben auch das andere miterlebe: Wir werden langsam ein wenig Freunde! Mal sehen, wohin das noch führt …

Kerstin Wendel ist Autorin und Referentin und lebt mit ihrer Familie in Wetter an der Ruhr.

„Jetzt bin ich mal dran!“

Wenn Ehepartner einen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen finden, sind sie glücklicher. Das muss aber erst einmal gelingen …

Bestimmt passiert das in Ihrer Ehe nicht: Unter Stress geraten meine Frau und ich ins Aufrechnen. In verantwortungsschweren Worten schildere ich meinen Einsatz für die Steuererklärung, das Auto, Reparaturen und PC-Probleme. Myriam kontert mit ihrem größeren Anteil an der Hausarbeit, dem Besorgen von Kinderkleidung, Geschenken und Schulsachen.

Nach dieser Eröffnung werfen wir die Vorteile in den Ring, die sich aus unseren unterschiedlichen Begabungen ergeben. Ich bin etwas effektiver, wofür ich schnell Beispiele finde, von denen Myriam profitiert. Daran knüpfen sich allerdings Situationen, die mir Myriams größere Ausdauer vor Augen führen. Wenn diese Runde ausgekämpft ist, legen wir harte Bandagen an, die auf das Gewissen des anderen zielen.

Dann beschreibe ich Tätigkeiten, die mich frustrieren, und Situationen, in denen ich für die Familie zurückstelle, was für mich schön und wichtig ist. Aber auch Myriam kann leistungsmasochistische Verdienste für sich in Anspruch nehmen. Schlauer sind wir nach solchen Auseinandersetzungen nicht. Sie laufen eigentlich immer nach demselben Schema ab. Sie zeigen aber, wie wichtig uns Gerechtigkeit in unserer Beziehung ist.

Es gibt wohl keinen Blick auf die Liebe, der nüchterner ist als der sozialpsychologischer Paarforscher. Liebe – so die Theorie des sozialen Austauschs – bedeutet einen Austausch von Ressourcen: Informationen, Status, Zuneigung, Dienstleistungen, Güter und Geld. Muss man sich in einen solchen Ansatz vertiefen? Man müsste es nicht, würden Liebesbeziehungen nicht sehr sensibel auf Ungerechtigkeit reagieren. Gerechtigkeit zeigt sich Paarforschern als wichtiger Baustein einer tragfähigen Paarbeziehung.

Glücksformel Ausgewogenheit

Ausgewogenheit in Paarbeziehungen wird mit einem einfachen Ansatz erforscht. In einem ersten Schritt werden Paare nach dem Geben und Nehmen in ihrer Beziehung befragt. Manche Studien fragen nach dem Gesamteindruck, andere durchleuchten bis zu 24 verschiedene Bereiche der Beziehung, in denen Geben und Nehmen eine Rolle spielt.

In einem zweiten Schritt suchen die Paarforscher nach Größen, auf die Ausgewogenheit oder Unausgewogenheit einen Einfluss haben könnten: die Zufriedenheit mit der Partnerschaft, das Gefühlsleben, die Sexualität und die Trennungsrate. Tatsächlich finden sich viele Zusammenhänge: Paare, die ihre Beziehung als ausgewogen erleben, sind zufriedener mit ihrer Partnerschaft, erleben mehr positive Gefühle und weniger Ärger.

Sogar auf die Sexualität wirkt sich Ausgewogenheit aus, die erleben Paare im Schnitt als erfüllter, wenn ihr Geben und Nehmen sich ausgleicht. Überraschenderweise ist auch der Partner unzufrieden mit der Beziehung, der von sich sagt, dass er mehr nimmt, als er gibt. Das mag daran liegen, dass Geben genauso zum Glück beiträgt wie Nehmen, außerdem können sich an der Unausgewogenheit Konflikte entzünden.

Schließlich kann Unausgewogenheit auch zur Gefahr für die Liebe werden. Paare, die ihre Beziehung unausgewogen finden, blicken weniger optimistisch in die gemeinsame Zukunft und trennen sich häufiger. In unausgewogenen Beziehungen gehen Partner häufiger fremd und zwar meist diejenigen, die mehr geben als nehmen.

Offenbar sind Menschen von Natur aus mit einem Gespür für Gerechtigkeit ausgestattet und mit einem Bedürfnis nach fairen Beziehungen. Unausgewogenheit löst negative Gefühle aus und lässt die Beziehung weniger wertvoll erscheinen. Weil Gerechtigkeit ein so wichtiger Baustein für das Liebesglück ist, verdient sie ein besonderes Augenmerk. Die folgenden Anregungen können helfen, Gerechtigkeit zu stärken und mit einem Rest an Ungerechtigkeiten zu leben.

Den anderen erwischen, wie er mir etwas Gutes tut

So heißt eine Übung, die zum Standardprogramm verhaltenstherapeutischer Paartherapie gehört: aufmerksam wahrnehmen und aufschreiben, was der Partner alles tut, das angenehm, beglückend und hilfreich ist. Je bewusster ich wahrnehme, was mir meine Frau alles schenkt, desto mehr habe ich davon und desto mehr Punkte gehen in meine Beziehungsbilanz ein. Ein Beispiel dafür ist die Verteilung der Hausarbeit, ein Politikum der Geschlechtergerechtigkeit, das gut erforscht ist.

Unbestritten ist, dass Frauen auch dann den größeren Teil der Hausarbeit erledigen, wenn beide berufstätig sind. Interessant ist aber auch der folgende Befund: Wenn man ein Paar fragt, wie viel Prozent der Hausarbeit jeder erledigt und die beiden Angaben addiert, kommt man auf mehr als 100 %.

Frauen wie Männer überschätzen ihren Anteil an der Hausarbeit. Diesen Effekt dürfte es auch auf anderen Ebenen geben: Der eigene Einsatz steht einem deutlicher vor Augen als der des Partners. Hier kann das Aufrechnen eine positive Wendung bekommen: ein wertschätzendes Aufzählen dessen, was der Partner in die Liebe und in das gemeinsame Leben investiert. Wie wichtig die Wertschätzung ist, zeigt ein Befund, der aus männlicher Sicht zwar peinlich, aber entlastend ist: Es schadet der Liebe nicht, wenn der Mann im Haushalt etwas schuldig bleibt, solange er die Hausarbeit der Frau schätzt und lobt.

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Jörg Berger
ist Psychotherapeut in Heidelberg.