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Schlagwortarchiv für: Beziehung

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Paartherapeut erklärt: Warum glückliche Paare nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen

Manchmal gehen Dinge einfach schief. Muss man deswegen gleich die Beziehung in Frage stellen? Beziehungsexperte Jörg Berger verrät, was wirklich auf die Goldwaage gehört.

„Lege deine Worte auf die Goldwaage“, rät Jesus Sirach in seinem Weisheitsbuch (Sirach 28,25). Heute hören wir eher das Gegenteil: „Lege nicht jedes Wort auf die Goldwaage.“ Offenbar macht es einen Unterschied, ob Worte schon ausgesprochen sind oder nicht. Die Goldwaage ist ein Gegenstand, der nur hilfreich ist, wenn wir ihn richtig gebrauchen. Was gehört nun darauf und was nicht? Das möchte ich für unsere Paarbeziehungen untersuchen.

Keinen Mist auf die Goldwaage legen

Wenn Paare zu mir kommen, versuche ich bald Verständnis für etwas zu wecken, was im Englischen entspannt klingt: „shit happens“ (etwa: „Mist passiert eben.“). Paare brauchen eine Kategorie für Ereignisse, mit denen man sich nicht beschäftigen muss – Ereignisse, die man eben besser nicht auf die Goldwaage legt. Es sind Situationen wie die folgenden:

Moritz (alle Personen und Situationen verfremdet) hat nicht bedacht, dass sein Meeting am Nachmittag länger dauern könnte. Nun kommt er eine Stunde später heim und war auch nicht erreichbar. Auf seinem Smartphone sieht er Sabrinas Versuche, ihn zu erreichen. Oh, oh. Tatsächlich ist Sabrina wütend, als Moritz die Wohnung betritt. Sabrina hatte einen Termin und konnte wegen der Kinder nicht los. Normalerweise sprechen sich die beiden gut ab. Lohnt es sich nun zu klären, wer schuld ist? Sollte man Dinge jetzt grundsätzlich anders regeln oder klären, was in der Beziehung nicht stimmt? Nein, es ist einfach dumm gelaufen. Das passiert.

Beate ist noch aufgewühlt von dem Konflikt mit ihren Eltern. Sie macht sich beim Abendessen Luft, Felix hört aufmerksam zu. Danach zieht sich Beate zurück. Sie hört Musik, betet und nimmt ein Bad, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Als Felix sie in der Wanne sieht, schlägt er für den späteren Abend Sex vor. „Was?“, denkt Beate. „Wie kann Felix so unsensibel sein? Ausgerechnet heute? An einem so dunklen Tag? Denkt er immer nur an sich?“ – „Was?“, denkt Felix, als Beate ihre Empörung ausspricht. „Ich war doch so einfühlsam und unterstützend. Muss ich hellsehen können, um niemals etwas vorzuschlagen, was für Beate nicht passt? Warum bin ich nie gut genug für sie?“

Gehört das auf die Goldwaage? Nein, besser nicht. Felix kann es akzeptieren, wenn Beate heute nicht nach Sex ist. Für Beate ist es normalerweise kein Problem, dass Felix andere Strategien hat, um mit Belastungen umzugehen, und er erstmal von dem ausgeht, was ihm selbst guttun würde. Es ist heute einfach dumm gelaufen.

Vor dem Wiegen sieben

Hobby-Goldsucher versuchen es am besten in Flüssen. Dort muss man keine Stollen graben und nichts aus Erzen lösen. Stattdessen siebt man den Schlamm im Flussbett. Die kostbaren Körnchen sind schwerer und setzen sich schneller ab. So können wir auch mit dem umgehen, was im Fluss unseres gemeinsamen Alltags aufgewirbelt wird.

„Jetzt weiß ich, wie du wirklich über mich denkst!“ Sanjas Stimme klingt kalt, ihr Gesicht drückt Schmerz und Fassungslosigkeit aus. Roger ist nicht stolz auf das, was ihm da herausgerutscht ist: „Warum brauchst du immer jemanden, der dir sagt, wie du entscheiden sollst? Oder jemanden, der dich anschiebt, damit du unangenehme Sachen erledigst?“ Das war nicht gerade eine Ich-Botschaft oder gewaltfreie Kommunikation. Trotzdem erschrickt Roger darüber, wie sein Vorwurf bei Sanja ankommt. Denn für sie wird es grundsätzlich: Hat Roger sie immer schon für etwas verachtet, was sonst niemanden stört? Wie soll sie seiner Liebe je wieder vertrauen?

Gehört es auf die Goldwaage, was uns im Streit herausrutscht? Zeigen wir am Ende in solchen Momenten unser wahres Gesicht? Nein, im Gegenteil. Was wir im Streit sagen, ist zugespitzt und übertrieben. Roger sieht Sanja nicht so, wie es in diesem Moment klingt. Außerdem gibt es keinen Streit, in dem nicht auch Erfahrungen aufgewirbelt werden, die älter sind als unsere Liebe. Rogers Mutter war überfordert mit einer chronischen Erkrankung, ihren drei Kindern und einem Mann, der sich wenig in die Familie eingebracht hat. Sie hat ihre Kinder oft machen lassen und sogar ihren Rat angenommen. Als Ältester hat sich Roger oft um seine Mutter gekümmert, eine verhängnisvolle Rollenumkehr. Er hat genug davon, Verantwortung für überforderte Frauen zu übernehmen. Aber Sanja ist nicht Rogers Mutter. Sie hat ihr Leben gut im Griff. Das sieht Roger auch so, wenn sich seine Emotionen beruhigt haben.

Sieben wir also besser die emotionalen Übertreibungen heraus und auch die Übertragungen aus der Kindheit. Dann bleiben einige Körnchen Wahrheit: Sanja tut sich manchmal mit Entscheidungen schwer und prokrastiniert ein wenig – Roger fühlt sich schnell verantwortlich und reagiert dann übertrieben abwehrend. Das darf man auf die Goldwaage legen: Wie wollen die beiden damit umgehen? Wie viel Unterstützung erwartet Sanja wirklich? Mit welcher Rolle könnte sich Roger wohlfühlen in solchen Situationen? Das dürfte gut zu lösen sein.

Dabei schürfen Paare Gold: Wenn wir an den Knackpunkten unser Liebe weiterkommen, vertiefen sich unsere Einfühlung und unser Verständnis füreinander. Wir fühlen uns tiefer geliebt, wenn wir uns auch an unseren wunden Punkten angenommen und unterstützt fühlen.

Finden, was auf die Goldwaage gehört

Der Mist, der im Alltag passiert, gehört also nicht auf die Goldwaage und auch nicht alles, was im Flussbett unserer Beziehung aufgewirbelt wird. Gibt es nicht auch etwas, das immer auf die Goldwaage gehört? Unbedingt! Es sind die kleinen Worte und Taten der Liebe, die wir auch dann austauschen, wenn viel los ist: ein Mitdenken, eine Hilfestellung, eine tröstliche Berührung, eine humorvolle Bemerkung, der Blick für das Schöne und so vieles mehr. Besonders, wenn wir gestresst und genervt sind, übersehen wir manchmal, was wirklich zählt. Wo wir unseren Blick für das Liebevolle verlieren, ist unser Lebenstempo zu hoch. Wir sind zu vielen anderen Reizen ausgesetzt. Hätten wir Spielraum, um Tempo rauszunehmen und uns von weniger wichtigen Dingen abzuschirmen? Dann sollten wir das unbedingt tun, bis wir wieder all das Gute spüren, was wir einander sind und schenken.

Doch nicht immer liegt es in unserer Hand, wie hoch das Lebenstempo ist und was uns alles beschäftigt. Dann können wir auch in wenigen Minuten unsere Aufmerksamkeit schärfen, wie das Achtsamkeitsübungen für Gestresste und Ausgebrannte tun. Man nimmt sich ein paar Minuten und führt sich all das Gute, was in der Liebesbeziehung gerade ist, bewusst vor Augen.

Anfangs wird unsere Wahrnehmung das Grobe erfassen, was unser Partner oder unsere Partnerin für uns tut und welche positiven Eigenschaften uns positiv berühren. Doch mit der Zeit verfeinert sich unsere Wahrnehmung. Wir spüren, wieviel Annahme und Wertschätzung in einer Berührung, einem Lachen oder einem Moment der Geduld des anderen liegen. Wieder erfahren wir, wie sehr der Partner mit seinem ganzen Wesen eine Antwort auf unsre tiefe Bedürfnisse ist. Davon fühlen wir uns wieder beschenkt, dass sich der oder die andere auf das gemeinsame Leben einlässt, was immer auch einen Preis hat und mit Loslassen verbunden ist.

Manchmal müssen wir sogar nachhelfen, damit der andere unsere Liebe wahrnehmen kann.

„Sie müssen Ihre Liebe besser verkaufen“, sage ich manchmal einem zurückhaltenden Partner im Paargespräch. Denn ich ahne: Viele der liebevollen Gedanken, Absichten und Handlungen hat der andere im Alltag gar nicht wahrgenommen. Dann darf man das Gold der Liebe ruhig ein wenig herausputzen. Das hat schon manchen Paaren gutgetan:

  • „Ich habe mir gedacht, so passt es besser für dich, stimmt das?“
  • „Das kostet mich echt Mut. Aber ich möchte dir das trotzdem ermöglichen.“
  • „Ich finde dich gerade richtig klasse!“

Sätze wie diese legen auf die Goldwaage, was wirklich darauf gehört: Wir legen eine liebevolle Absicht offen, die hinter unseren Handlungen steht. Wir sprechen aus, wenn uns die Liebe etwas kostet. Wir stellen sicher, dass unsere Gefühle beim anderen auch ankommen.

Jedes Paar wird seine Goldwaage etwas anders einsetzen. Manchmal ist sie auch ein umkämpfter Gegenstand:

  • „Lass uns das mal ernst nehmen!“ – „Nein, bitte nicht. Lass uns lieber locker bleiben.“
  • „Müssen wir daraus ein großes Thema machen?“ – „Wenn es nach dir ginge, würden wir überhaupt nicht reden.“

Beides hat Vorteile, Dinge ernst nehmen und Dinge leichtnehmen. Oft verlieben sich Menschen, die hier unterschiedlich sind. Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit ergänzen sich gut. Paare können diesen Unterschied wieder genießen, wenn sie einen Kompromiss finden: Den wenigen Dingen Gewicht geben, auf die es wirklich ankommt – und das übrige nicht auf die Goldwaage legen.

Jörg Berger ist Psychotherapeut in Heidelberg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/07/Zufriedenes-Paar_GettyImages-Studio4_E-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-07-28 15:46:162026-07-28 15:46:16Paartherapeut erklärt: Warum glückliche Paare nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen

Steter Tropfen höhlt den Stein – Warum Beziehungen Beständigkeit brauchen

Große Gesten in der Beziehung sind schön. Aber echtes Vertrauen wächst im täglichen Miteinander, verrät Paarberater Marc Bareth.

Als unser Guide die Stirnlampe ausschaltete, war es vollkommen dunkel und fast völlig still. Nur alle paar Sekunden löste sich ein Tropfen von der Felsdecke und klatschte auf den Höhlenboden. Es war das einzige Geräusch, das zu hören war. Da stand ich in diesem kilometerlangen Höhlensystem, von dem für Laien wie mich nur die ersten paar hundert Meter zugänglich sind, und starrte ins Dunkle. Ich war beeindruckt, dass ein wenig Wasser das Innere eines Berges so gestalten kann. Das Wasser war einfach da. Tag für Tag, über viele Jahre hinweg. Diese Beständigkeit bewirkte weitaus mehr als die Gewitter, die ein paar Mal im Jahr gewaltige Wassermassen brachten. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Beständigkeit zahlt sich aus

Mit unserer Partnerschaft verhält es sich genau gleich. Eine tragfähige Liebe entsteht nicht durch vereinzelte Großtaten, sondern durch die hunderttausend kleinen Dinge, die wir jeden Tag tun, ein ganzes Leben lang. Es ist ein grundlegendes Prinzip unserer Welt. Wenn ich für einen Marathon trainiere, muss ich über einen längeren Zeitraum hinweg mehrmals pro Woche die Laufschuhe schnüren. Und die Tomaten auf meinem Balkon brauchen jeden Tag ein bisschen Wasser und nicht einmal im Monat ganz viel.

Und doch neigen wir dazu, uns einzureden, dass in einer Beziehung vor allem die großen Gesten zählen: das pompöse Hochzeitsfest, der Urlaub auf den Malediven, der vierteljährliche Gourmet-Sex oder das teure Geburtstagsgeschenk.

Es wächst langsam

Tatsache ist jedoch, dass unsere täglichen, kleinen Handlungen viel bedeutsamer sind. An ihnen entscheidet sich der Erfolg unserer Beziehung. Mit jeder Umarmung bauen wir an unserer Liebe. Jedes Kompliment stärkt die gegenseitige Wertschätzung. Mit jedem angenommenen Beziehungsangebot wächst unsere Verbindung. Jedes Mal, wenn wir uns verletzlich zeigen, vertiefen wir unsere Beziehung. Immer, wenn wir unserer Partnerin Priorität geben, wächst das Vertrauen.

Liebe ist eine Lebensweise. Sie fällt uns nicht einfach zu, sondern ist vielmehr die Summe unserer Entscheidungen und Taten. Und wenn wir uns täglich für liebevolle Handlungen entscheiden, über viele Jahre hinweg, werden wir erleben, wie etwas Wundervolles heranwächst.

Marc Bareth und seine Frau Manuela leiten gemeinsam FAMILYLIFE Schweiz. Er bloggt unter: familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/07/Vertrautes-Paar_GettyImages_FG-Trade_E-Plus.jpg 1414 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-07-21 15:54:372026-07-21 15:54:37Steter Tropfen höhlt den Stein – Warum Beziehungen Beständigkeit brauchen

Narzisst, oder was? Warum Beziehungen Anerkennung brauchen

Wir streben ständig nach Bestätigung. Doch gerade in der Partnerschaft führt diese Erwartung nicht immer ans Ziel. Paarexperte Marc Bareth erklärt, warum das nichts mit Narzissmus zutun hat.

„Ich halte das nicht mehr aus. Er versteht mich einfach nicht. Er versucht nicht einmal, auf meine Bedürfnisse einzugehen. Je länger ich mit ihm zusammen bin, desto klarer wird mir, dass er so ist und immer so bleiben wird. Er ist ein Narzisst, der sich nur um sich selbst dreht.“

So klingt es heute in unzähligen Gesprächen unter Freundinnen, in Coachings und Therapiesitzungen. Vor zwanzig Jahren hätte das niemand so gesagt, heute ist es weit verbreitet. Als kleines Experiment habe ich ChatGPT gebeten, diese Klage zu datieren. Die Antwort war eindeutig: „Diese Art von Klage ist typisch 2020er.“ Was könnte dahinterstecken?

Wir sind großartig

Wir leben in einem Umfeld, das viel Bestätigung spendet. Kinder werden gelobt, wenn sie Regeln befolgen, und statt auf ihren Schwächen herumzureiten, werden ihre individuellen Stärken betont. Beim Halbmarathon gilt jeder Finisher als Sieger und bekommt eine Medaille. Im Mitarbeitergespräch erhalten wir Kritik nach dem Sandwichprinzip: eingepackt zwischen zwei Komplimenten. Und auf Social Media sammeln wir Likes. Immer wird uns vermittelt, wie großartig und einzigartig wir sind.

Und dann kommen wir nach Hause. Dort läuft es anders. In der Beziehung bekommen wir bei weitem nicht die Bestätigung, die wir uns erhoffen. Unsere Partnerin kann oder will nicht immer unsere Cheerleaderin sein. Anstatt bei uns selbst, suchen wir die Ursache für dieses Problem beim anderen. Wenn sie mich nicht genug lobt und nicht immer wunderbar findet, muss das daran liegen, dass sie mich nicht versteht. Und weshalb es zu wenig um mich und mein Ego geht, ist auch klar: Weil sie sich nur um sich selbst dreht. Und weil wir inzwischen alle schon den einen oder anderen Psychologie-­Podcast gehört haben, ist das Wort „Narzisst“ schnell zur Hand.

Zwei Wege

Natürlich ist dieses Bild überzeichnet. Aber die Tendenz ist unbestreitbar – nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern in jedem von uns: Da wir in einer Welt leben, die unseren Drang nach Anerkennung ständig nährt, ist der Aufprall im Beziehungsalltag umso härter. Ich schlage zwei Wege vor, um dem entgegenzuwirken. Erstens dürfen wir uns auf einen Weg des Wachstums begeben. Raus aus einer Abhängigkeit von der Bestätigung anderer, hin zu einer selbstbestätigten Identität. Für Christen geht es sogar noch weiter – eine gottbestätigte Identität. Das bedeutet, dass mein Selbstbild nicht an der Anerkennung anderer hängt, sondern aus eigenem Zuspruch und innerer Gewissheit lebt. Und mit einer gottbestätigten Identität meine ich, dass das Selbstverständnis nicht allein auf menschlicher Anerkennung beruht, sondern von Gott bestätigt und getragen ist.

Zweitens lohnt es sich, dem anderen das zu schenken, was wir uns selbst wünschen. Nicht nur du sehnst dich nach mehr Bestätigung von deinem Partner – er sehnt sich wahrscheinlich genauso nach deiner. Wir können nur begrenzt beeinflussen, wie wir behandelt werden. Aber wir haben es in der Hand, wie wir unseren Partner behandeln. Wenn beide anfangen, einander Anerkennung zu geben, entsteht etwas Gutes.

Marc Bareth und seine Frau Manuela leiten gemeinsam FAMILYLIFE Schweiz. Sein Blog bietet wertvolle Impulse für die Partnerschaft: familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/06/Bestaetigung_GettyImages_Jacob-Wackerhausen_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1413 2122 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-06-24 09:37:402026-06-24 09:37:40Narzisst, oder was? Warum Beziehungen Anerkennung brauchen

Glück nur zu zweit?

Marcus Beier ist überzeugt: Wer sich selbst nicht annehmen kann, wird durch die Ehe nicht glücklich.

Um es vorwegzusagen: Ich bin gern verheiratet. Und ich bin glücklich verheiratet. Aber bin ich nur glücklich, weil ich verheiratet bin? Mit anderen Worten: Ist meine Frau verantwortlich für mein Glück? Bin ich nur glücklich, weil ich sie habe?

Damit ich richtig verstanden werde: Ich bin maximal glücklich, dass ich meine Frau (und meine Kinder) habe und möchte das keineswegs missen! Das steht fest. Trotzdem mache ich meine Frau nicht für mein Glück verantwortlich. Einerseits wäre das eine völlige Überforderung. Andererseits würde es bedeuten, dass ich unglücklich gewesen wäre, bevor ich sie kennengelernt habe. Aber war ich unvollständig, als ich Single war? Konnte ich zu mir selbst erst Ja sagen, als ich endlich unter der Haube war?

Ein vollständiger Mensch

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass Menschen ihr Glück im Leben zu zweit suchen. Schließlich ist das der Stoff, aus dem Kitschromane und Liebesfilme gemacht sind. Emotional schließt sich das durchaus an unser Erleben an. Wir Menschen fühlen uns oft unfertig und mangelhaft. Biblisch gesehen ist das auch nicht falsch. Wir sind unvollkommen, erlösungsbedürftig, und ein Gegenüber ist eine wunderbare Ergänzung. Aber es kann eben nur das sein: ein Gegenüber. Erlösung? Nein, die gibt es nur bei Gott.

Wie ist das nun mit dem Glück? Meine knallharte These: Wenn ich allein nicht glücklich bin, werde ich es auch in der Ehe nicht. Ich kann von meiner Partnerin nicht erwarten, dass sie mich glücklich macht. Diese Last kann niemand tragen. Denn die Identität eines jeden Menschen liegt nicht in seinem Gegenüber. Er ist ein vollständiges, in sich geschlossenes Individuum. Sein Wert liegt in sich selbst begründet – denn Gott hat Wunderbares in jeden Menschen hineingelegt. Das kann niemand wegnehmen, und dem kann niemand etwas hinzufügen. Leider tendieren wir dazu, etwas anderes haben oder jemand anders sein zu wollen. Wir arbeiten gegen uns selbst.

Ehrlich gesagt kenne ich das sehr gut: Ich würde gern anders aussehen, wäre gern schlauer, witziger, schlagfertiger, belesener … Anstatt zu sein, wer ich bin, lehne ich mich ab und bemühe mich bestmöglich, jemand anderes zu sein. Das ist die Wurzel des Unglücks. Glücklich zu sein bedeutet, zu lernen, ich selbst zu sein und mich selbst zu lieben. Natürlich arbeite ich an mir und an meinen Schwächen. Ich will die beste Version meiner Selbst werden – aber nicht jemand anderes. Meine Frau kann mir auf diesem Weg helfen. Aber Ich-Sein ist meine Aufgabe! Wenn ich mich nicht selbst annehmen kann, wird auch ein Ehepartner das Problem nicht beheben. Wenn ich mich selbst annehme, ist ein Ehepartner eine wunderbare Ergänzung – aber nicht das Glück selbst.

Marcus Beier ist Redakteur bei Family und FamilyNEXT. Er lebt mit seiner Familie in Wiesloch bei Heidelberg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/06/Glueck-und-zu-zweit_GettyImages_Rowan-Jordan_iStock-Getty-Images-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-06-18 12:28:442026-06-18 12:28:44Glück nur zu zweit?

Warum der Liebestank über Ihr Beziehungsglück entscheidet

Fehlt die Wertschätzung, kann das die Partnerschaft ziemlich abkühlen. Der Liebestank ist leer. Therapeut Jörg Berger erklärt, wie die Beziehung zu Wärme und Wohlwollen zurückfindet.

Ursprünglich war der Liebestank ein Topf. Die amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir hat diesen nützlichen Gegenstand in den Sechzigerjahren eingeführt. Wird der emotionale Topf gefüllt, fühlen sich Menschen wertvoll und geliebt. Viele Probleme lassen sich durch einen leeren Topf erklären. Virginia Satirs Topf ist seither vielfach aufgegriffen worden. Im Deutschen hat er sich als Tank eingebürgert. Sind wir nicht alle Ingenieure? Nicht was satt macht, wird betont, sondern was den Motor am Laufen hält. Auch gut. Mit diesem nützlichen Gegenstand möchte ich Sie nun vertraut machen.

Treibstoff Wertschätzung

„Sie sind beide tolle Persönlichkeiten“, sage ich zu dem Paar, das von mir sitzt. „Würde das irgendjemand aus Ihrem Freundeskreis bezweifeln? Sie sind beide großzügig und haben das Wohl anderer im Blick. Trotzdem habe ich gerade den Eindruck, dass Sie sich in den Augen des anderen nicht wertvoll fühlen. Als würde jeder um seinen Wert in der Beziehung kämpfen. Im Kampf verletzt dann einer den Selbstwert des anderen.“

Wenn diese Diagnose stimmt, dann zeichnet sich auch die Therapie ab. Es geht darum, wieder Wertschätzung auszudrücken, und zwar so, dass sie beim anderen ankommt. Nötigenfalls vermittle ich Techniken, mit denen man sogar dann am eigenen Wert festhalten kann, wenn der andere sich einmal nicht wertschätzend verhält. So füllt sich der emotionale Tank. Die Liebe wird wieder spürbar. Plötzlich kann ein Paar wieder mit den kleinen Kränkungen umgehen, die sich in unserem Liebesalltag nicht ganz vermeiden lassen. Damit sind nicht alle Probleme gelöst. Doch mit einem vollen Tank sucht man zuversichtlich nach Lösungen. Man handelt Kompromisse aus, auch wenn sie beide etwas kosten.

Das Gefühl, in Ordnung zu sein

Nicht nur Wertschätzung ist wichtig. In der Liebe braucht jeder auch ein gutes Gewissen und das Gefühl, es gut genug zu machen. Auch das Gefühl, für den anderen in Ordnung zu sein, kann einem Paar ausgehen. Dann füllen entlastende Worte den Liebestank: „Danke, du hast dir so viel Mühe gemacht!“ – „Du machst schon mehr als genug, schau, dass du dir auch Zeit für dich nimmst.“ – „Es ist chaotisch gerade, aber ich bin so glücklich mit dir!“. Sollte Ihr Partner sein Ohr verschließen, wenn Sie Wünsche haben, dann denken Sie vielleicht an unseren nützlichen Gegenstand: Füllen Sie den emotionalen Tank Ihres Partners, indem Sie Ihrem Partner erstmal das Gefühl geben, in Ordnung zu sein. Füllen Sie nicht nur ein paar Tröpfchen ein. Volltanken, bitte! Wer weiß, was geschieht, wenn Sie dann über Ihre Wünsche sprechen.

Vielleicht ist es Ihnen in dem Beispiel aus meiner Praxis aufgefallen: Wenn es einem Paar noch nicht gelingt, einander den emotionalen Tank zu füllen, dann versuche ich, das überbrückend zu tun. Ich flute den emotionalen Tank mit dem, was fehlt, wenn es ein Paar zulässt. Manchmal sind es Freunde, die das leisten. Der Zuspruch sollte allerdings den Tank beider im Blick haben. „Du bist so toll, deine Frau hat dich nicht verdient.“ – „Du bist fleißig, dein Mann ist eine faule Socke.“ Den Tank des einen zu füllen, indem man den des anderen leert, würde natürlich nicht helfen.

Der Liebestank

Mit der Wertschätzung habe ich begonnen, weil Virginia Satir sie betont hat. Meiner Beobachtung nach fehlt häufiger etwas anderes im Tank: Liebe. Nicht eine Liebe in der Art: „Ich habe dir doch schon letztes Jahr gesagt, dass ich dich liebe.“ Vielmehr eine Liebe, die täglich fließt in zärtlichen Gesten, Worten der Zuneigung und Wertschätzung, Momenten voller Aufmerksamkeit, Zeichen der Unterstützung und in kleinen Geschenken. Nicht nur Frauen, auch Männer haben manchmal das Gefühl, auf Reserve zu fahren, was Liebe angeht. Im Gespräch muss ich dann den liebesvergessenen Partner überzeugen und fühle mich dabei beinahe wie ein Versicherungsvertreter: „Sie bekommen es so billig: Eine Umarmung zwischendurch oder ein ehrliches Kompliment kosten nur Sekunden. Sie heben so Ihre Ehe auf ein ganz anderes Level und haben wieder eine entspannte, großzügige Partnerin.“

„Ich weiß gar nicht mehr wie … Es fühlt sich so unnatürlich an“, zögert der liebesvergessene Partner manchmal. Dann greife ich zum Äußersten und liebkose den vernachlässigten Partner oder die Partnerin mit aufrichtigen Komplimenten: für das Outfit, für ein gewinnendes Lächeln, für die angenehme Art, sich ins Gespräch einzubringen, für das tolle Muttersein oder Vatersein, das durch den Bericht eines Paares durchscheint … Der so angesprochene Partner wird ganz verlegen, wenn die Zuneigung von mir kommt statt vom Ehepartner. Deshalb wende ich mich auch an diesen: „So ungefähr. Ich stelle es mir gar nicht schwer vor, Ihrer Frau/Ihrem Mann täglich Liebe zu zeigen. Es gibt so viel Liebenswertes.“ Es ist unglaublich, wie sich die Atmosphäre ändert, wenn das Paar beim nächsten Mal mit einem gefüllten Liebestank kommt.

Eine Frage der Motivation

Glauben Sie nicht, dass ich es in meiner eigenen Ehe besser mache als die Paare, die zu mir kommen. In meiner Praxis bin ich oft aufmerksamer als zu Hause. Experimente von William Ickes (2003) haben außerdem gezeigt, dass Männer besser kommunizieren, wenn sie dafür bezahlt werden. Sie ziehen dann sogar in der Einfühlungsleistung mit Frauen gleich. Kleine Geldbeträge, die den Ehrgeiz wecken, reichen dazu bereits. Doch eigentlich sollte es bessere Gründe geben, seiner Partnerin den emotionalen Tank zu füllen. Daran muss ich mich erinnern: Aus einem vollen Liebestank speist sich das Gefühl, wirklich geliebt zu werden, wertvoll zu sein und dem anderen auch im stressigen Alltag zu genügen. Am vollen oder leeren Tank liegt es, ob wir Wünsche als Forderungen hören oder eine berechtigte Kritik als Vorwurf. Machen Sie gern mit mir Gebrauch von diesem nützlichen Gegenstand: Lassen Sie den emotionalen Tank Ihres Partners überfließen. Es kostet nicht viel, hat aber überwältigende Auswirkungen.

Jörg Berger ist Psychotherapeut mit einer eigenen Praxis in Heidelberg.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/04/Vertrautes-Paar_GettyImages_Adene-Sanchez_E-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-04-28 14:31:132026-04-28 14:31:13Warum der Liebestank über Ihr Beziehungsglück entscheidet

Unterschiedliche Bedürfnisse? So klappt es in der Partnerschaft

Ruhe oder Action, Gespräche oder Spaziergänge? Wie Paare unterschiedliche Bedürfnisse unter einen Hut bringen, erklären die Paar-Coaches Kim und Kristian Reschke.

Kennt ihr das Gefühl: Die Liebe ist da, der Alltag läuft – und trotzdem prägt eine innere Spannung das Miteinander? So ein Zustand kann uns jahrelang unterschwellig begleiten, bis er schließlich in eine Krise mündet. Häufig liegt der Grund darin, dass Bedürfnisse übersehen oder missverstanden werden. Sie bilden das unsichtbare Fundament unserer Partnerschaft. Werden sie ignoriert, entstehen Frust und Distanz. Werden sie ernst genommen, wird unsere Beziehung zum sicheren Ort. Vertrauen, Nähe und Hingabe wachsen.

Bedürfnisse wahrnehmen

Um Bedürfnisse besser zu verstehen, lohnt es sich, zwei Ebenen zu unterscheiden: Grundbedürfnisse und persönliche Bedürfnisse. Grundbedürfnisse gelten für alle Menschen gleich – etwa Sicherheit, Gesundheit, Schlaf, Nahrung oder Zugehörigkeit. Persönliche Bedürfnisse hingegen sind individueller: Der eine tankt Kraft durch Ruhe und Abgeschiedenheit, die andere blüht im Gespräch und im sozialen Miteinander auf. Einer braucht mehr körperliche Nähe, die andere sehnt sich nach kreativen Freiräumen, Spontaneität oder Abenteuer.

Erkennen wir diese Unterschiede, verstehen wir besser, warum Fehlannahmen und Beziehungsengpässe entstehen – und wie sie gelöst werden können.

Bei uns ist es so: Für Kim ist beispielsweise ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Flexibilität wichtig. Kristian hingegen bevorzugt klare Absprachen, ein enges Miteinander und Teamdenken. In den ersten Jahren führte das zu Spannungen und Unverständnis. Inzwischen haben wir gelernt, aufeinander einzugehen. Die Unterschiedlichkeit bedroht uns nicht mehr. Dennoch bleiben humorvolle Augenblicke, wenn unsere Vorstellungen von derselben Situation teils Welten auseinanderliegen.

Schritt 1: Wahrnehmen, was in mir vorgeht

Sind wir durch Sozialisation oder Umstände stark darauf trainiert, die Erwartungen anderer zu erfüllen, fällt es schwer, eigene Bedürfnisse zu spüren. Dieses Gespür können wir in schwierigen Beziehungszeiten regelrecht verlernen. Doch erst wenn wir wissen, was wir wirklich brauchen, können wir es auch mitteilen.

Wir erleben das unterschiedlich: Kristian ist meist klar darin, was er braucht. Kim dagegen tut sich manchmal schwer, sich selbst wahrzunehmen – geschweige denn ihre Wünsche zu formulieren. Für sie ist das eine ständige Lernkurve.

Eine Selbstklärung beginnt mit den ehrlichen Fragen: Was tut mir gerade gut – und was fehlt mir? Wer sich diese Fragen regelmäßig stellt, entdeckt Muster. Sind wir uns unsicher, kann es helfen, über ein bis zwei Wochen eine Liste zu führen und die Ergebnisse mit dem Partner zu teilen. Anfangs fällt uns vielleicht wenig ein, nach einigen Tagen aber immer mehr. Diese Übung braucht Mut – und die Ermutigung des Partners.

Schritt 2: Zuhören, was der andere braucht

Nachdem wir unsere eigenen Bedürfnisse wahrgenommen haben, geht es darum, die des Partners zu hören. Diese werden oft nicht direkt ausgesprochen, sondern zwischen den Zeilen – in Stimmung, Körpersprache oder kleinen Signalen.

Wer aufmerksam zuhört, lernt, den Partner liebevoll wie ein Buch zu lesen. Wichtig ist, dies ohne Wertung oder vorschnelle Ratschläge zu tun. Nur so entsteht beim Gegenüber das wohltuende Gefühl: Ich werde wirklich gesehen.

Allerdings dürfen wir vom Partner keine Hellseherei erwarten. Verantwortung tragen beide: sich verständlich zu machen – und den anderen wahrzunehmen. Denn unsere Fähigkeit, Bedürfnisse zu lesen, ist unterschiedlich ausgeprägt. Kim ist bei ihren eigenen Bedürfnissen eher zurückhaltend, dafür spürt sie die der anderen extrem fein. Bei Kristian ist es umgekehrt. Beides hat Vor- und Nachteile. Entscheidend ist, sich der eigenen Tendenz bewusst zu sein – und der des Partners.

Schritt 3: Respektvoll verhandeln, ohne zu verlieren

Nicht alle Bedürfnisse lassen sich sofort erfüllen. Und nicht alle müssen erfüllt werden. Manche stehen sogar im Widerspruch. Dann ist Aushandeln gefragt – respektvoll und auf Augenhöhe. Ein Nein kann genauso liebevoll sein wie ein Ja, wenn es klar ausgesprochen wird.

Für uns ist dabei wichtig: Wir sind Partner, aber keine Bedürfnis-Erfüllmaschinen. Ziel ist nicht, dass einer gewinnt und der andere verliert. Ziel ist, dass beide sich gesehen fühlen. Respektvolles Verhandeln stärkt Beziehung und Vertrauen: Wir können unterschiedliche Wünsche haben – und trotzdem den gleichen Weg gehen.

Unterschiedliche Lautstärken

Bedürfnisse werden mit unterschiedlicher Lautstärke kommuniziert. Manche Menschen äußern sie klar und direkt, andere eher leise. Häufig zeigt sich hier ein Unterschied zwischen Männern und Frauen – nicht, weil Frauen weniger Bedürfnisse hätten, sondern weil sie durch Sozialisation und gesellschaftliche Erwartungen so geprägt sind, die eigenen Wünsche um des Familienfriedens willen zurückzustellen.

Das bedeutet: In vielen Partnerschaften gibt es eine leise und eine lautere Stimme. Wenn der leisere Partner nicht aktiv ermutigt wird, die eigenen Bedürfnisse auszusprechen, besteht die Gefahr, dass sie übergangen werden. Ein bewusster Umgang mit dieser Dynamik ist entscheidend, damit keiner untergeht.

Bedürfnisdominanz

Gerade wenn wir die Kommunikationslautstärke unseres Partners nicht beachten, können sich die Bedürfnisse des einen so stark in den Vordergrund drängen, dass der andere kaum noch Raum hat. Das kann schleichend geschehen oder durch Veränderungen im Familiensystem – etwa durch Krankheit, Geburt oder einen Jobwechsel.

Verfestigt sich eine Bedürfnisdominanz, kippt das Gleichgewicht. Schlimmstenfalls mutieren wir zu Vater oder Mutter unseres Partners – und dies bringt Probleme mit sich, die wirklich niemand braucht!

Ein erster Schritt ist, dieses Ungleichgewicht wahrzunehmen und zu benennen. Danach braucht es ein offenes Gespräch: „Wie wirkt sich deine Dominanz auf uns beide aus?“ Entscheidend ist, dass nicht einer als Problemträger abgestempelt wird. Bedürfnisse sind nicht falsch – aber sie brauchen Balance. Eine Partnerschaft bleibt tragfähig, wenn beide erleben: Meine Stimme zählt, und deine auch.

Typische Fehlannahmen

Zum Abschluss möchten wir einige typische Fehlannahmen benennen, die wir selbst durchlebt haben oder in unserer Arbeit als Paar-Coaches häufig antreffen:

  • „Bedürfnisse zu äußern, ist egoistisch.“ Das Gegenteil ist wahr. Bedürfnisse sind vorhanden, ob wir sie benennen oder nicht. Schweigen lässt sie im Untergrund brodeln – und blockiert den Partner darin, Liebe auszudrücken. Wer klar benennt, was er braucht, macht es dem anderen leichter, gut zu reagieren.
  • „Wenn du mich wirklich liebst, solltest du wissen, was ich brauche.“ Das nennen wir das Hellseher-Phänomen. Doch niemand kann Gedanken lesen. Unausgesprochene Erwartungen führen fast immer zu Enttäuschung. Kommunikation hingegen schafft Klarheit – und eröffnet die Chance auf tiefere Verbundenheit.
  • „Wenn ich meine Bedürfnisse zurückhalte, bin ich stärker.“ In Wahrheit führt diese vermeintliche Stärke zu Distanz. Ja, vielleicht sind wir nun weniger verwundbar – aber auch weniger berührbar. Nähe geht verloren.
  • „Wenn ich meine Bedürfnisse äußere, müssen sie sofort erfüllt werden.“ Sichtbar machen heißt nicht automatisch erfüllt werden. Manchmal braucht es Kompromisse, manchmal Geduld, manchmal ein liebevolles Nein. In einer langfristigen Beziehung werden wir jede dieser Spielarten mal erleben müssen und an ihnen wachsen dürfen.
  • „Unsere Bedürfnisse sind sich sehr ähnlich.“ Nach zehn oder mehr gemeinsamen Jahren kennen wir uns gut – und übersehen leicht, dass Bedürfnisse sich verändern. Besonders in der Lebensmitte verschieben sich Prioritäten. Wer diese Neuausrichtung nicht mitteilt oder sie beim Partner nicht versteht, lässt zu, dass die Partnerschaft in gefährliche Gewässer gerät. Besonders der Midlife-Umbruch lässt Sandbänke entstehen, an denen etliche Beziehungen Schiffbruch erleiden.

Praktische Übungen

Wir geben euch vier Übungen mit, die helfen, beim Thema Bedürfnisse auf die Sonnenseite zu kommen:

1. Gewöhnt euch die Frage an: „Was brauchst du heute, damit dies ein toller Tag wird? Welche Rolle könnte ich dabei spielen?“

2. Macht einen wöchentlichen Rückblick. Fragt einander: „Was hat dir gutgetan? Was hat dir gefehlt?“

3. Achtet darauf, dem Partner mit kleinen Gesten zu signalisieren, dass ihr die jeweiligen Bedürfnisse wahrnehmt.

4. Nehmt euch bewusst Zeit für Konflikt-Aussprachen. Ein Spaziergang oder ein Glas Wein können als Herzens-öffner helfen. Besprecht Konflikte nicht nur auf der Sachebene, sondern fragt: Welches Bedürfnis von dir und mir steckt hinter unserem Konflikt?

Einander achten

Am Ende geht es nicht darum, einander alle Bedürfnisse perfekt zu erfüllen. Die Haltung zählt: Deine Bedürfnisse sind mir wichtig – und meine auch.

Wenn wir so miteinander umgehen, stehen wir auf einem Fundament, das trägt. Nicht, weil keine Stürme kommen, sondern weil wir gelernt haben: Wir hören einander zu, wir nehmen einander ernst, wir wachsen miteinander.

Kim und Kristian Reschke sind Autoren und begleiten als HerrUndFrauCoaching online Paare mit Mentoring und Coaching.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/04/Beduerfnisse_GettyImages_FreshSplash_E-Plus.jpg 1414 2120 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-04-23 11:57:522026-04-23 11:57:52Unterschiedliche Bedürfnisse? So klappt es in der Partnerschaft

Beziehungsentwicklung: So hilft ein Tagebuch für’s Versagen

Ist man Beziehungskrisen machtlos ausgeliefert? Nein, sagt Paarexperte Marc Bareth und verrät einen Trick für eine gesunde Beziehungsentwicklung.

Wenn sich zwei Menschen aufeinander einlassen, passieren nicht nur wunderbare, sondern auch schwierige Dinge. Und das ständig. Das gehört zur natürlichen Beziehungsentwicklung. Wir treffen einander an wunden Punkten. Der andere enttäuscht uns, weil er einen tiefen Wunsch von uns nicht erfüllen kann oder nicht will. Konflikte tauchen auf, wenn Bedürfnisse und Meinungen nicht übereinstimmen. Wir verändern uns, und nicht immer geschieht das im gleichen Tempo oder in dieselbe Richtung. Es gibt Missverständnisse, und wichtige Dinge bleiben unausgesprochen. Oder es entwickeln sich Ungleichgewichte, beispielsweise wenn eine Person mehr Verantwortung übernimmt oder Entscheidungen dominiert.

Machtlos ausgeliefert?

Die Frage ist nicht, ob diese Dinge in unserer Partnerschaft geschehen, sondern wie wir damit umgehen. Ich beobachte oft drei destruktive Reaktionen. Die eine ist, dass wir in Selbstmitleid baden, weil uns das alles passiert. Eine andere ist, dass wir uns selbst zerfleischen, weil wir es wieder und wieder nicht auf die Reihe kriegen. Und die dritte ist, dass wir unseren Partner mit Vorwürfen überhäufen, weil es ja offensichtlich an ihm liegen muss – ohne ihn hätten wir diese Probleme nicht.

Das Problem bei diesen drei Umgängen ist, dass wir so tun, als wären wir den Tatsachen machtlos ausgeliefert, ohne Gestaltungsraum. Das führt dazu, dass wir nichts aus unseren Schwierigkeiten lernen und Hoffnung verlieren.

Zwei leere Zeilen

Um das zu verhindern, schlage ich einen anderen Umgang mit schwierigen Situationen vor, den ich vom Harvard-Professor Arthur C. Brooks abgekupfert habe. Immer, wenn etwas Schwieriges in deiner Partnerschaft geschieht, schreibst du es in ein Beziehungs-Failure-Journal auf. Unter jedem Eintrag lässt du zwei Zeilen frei und setzt dir zwei Reminder, einen nach einem Monat und einen nach sechs Monaten. Nach einem Monat schreibst du auf die erste leere Zeile, was du aus dieser schlimmen Erfahrung gelernt hast. Und nach sechs Monaten schreibst du auf die zweite leere Zeile, was daraus Gutes entstanden ist. Solche Erinnerungen helfen der Beziehungsentwicklung

Nehmen wir zum Beispiel an, ihr habt euch nach einem Familienbesuch gestritten, weil einer von euch das Gefühl hatte, vom anderen nicht unterstützt worden zu sein. Du schreibst das mit Datum in dein Beziehungs-Failure-Journal. Nach einem Monat schlägst du die Seite erneut auf und notierst darunter etwas, was du daraus gelernt hast, zum Beispiel: „Ich habe gelernt, dass es mir wichtig ist, in solchen Situationen klar zu sagen, wenn ich mich überfordert oder alleingelassen fühle.“ Nach sechs Monaten, schreibst du darunter, was sich daraus Positives ergeben hat, wie: „Seitdem sprechen wir vor Familientreffen darüber, wie wir uns gegenseitig den Rücken stärken können – das hat unsere Beziehung spürbar gestärkt.“

Durch das Führen eines solchen Journals lernst du mehr, lebst hoffnungsvoller und gehst mit der Zeit schwierige Situationen aktiver an, statt sie zu vermeiden. Das sind entscheidende Grundlagen für eine gesunde, lebendige Beziehung.

Marc Bareth und seine Frau Manuela leiten gemeinsam FAMILYLIFE Schweiz. Sein Blog bietet wertvolle Impulse für die Partnerschaft: familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/03/Tagebuch_Versagen_GettyImages_Natalia-Bodrova_iStock_Getty-images-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-03-24 09:13:412026-03-24 09:13:41Beziehungsentwicklung: So hilft ein Tagebuch für’s Versagen

Empathie braucht Distanz! So fühlen Sie mit, ohne mitgerissen zu werden

Empathie ist eine wichtige Fähigkeit in der Partnerschaft. Dennoch gibt es ein Zuviel. Beziehungsexperte Marc Bareth erklärt den schmalen Grat.

Als Sophie die Tür hinter sich zuzieht, kann sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. So etwas Hinterhältiges hat sie noch nie erlebt. Ihr Vertrauen wurde ausgenutzt. Und das von einer vermeintlich guten Freundin. Gerade hat sie erfahren, dass diese Freundin anderen von der Krankheit ihrer Tochter erzählt und dabei sogar noch angedeutet hat, dass sie als Mutter schuld daran sei. Ein Schwall von Wut, Angst und Ohnmacht überkommt sie.

Der Geruch der Angst

Ihr Mann Thomas, der im Home-Office arbeitet, hört das Schluchzen seiner Frau. Sofort eilt er herbei. Während sie ihm die ganze Geschichte erzählt, merkt er, wie in ihm die gleichen Gefühle wie bei seiner Frau hochsteigen. Er fragt sich, wie er reagieren soll.

Wie ansteckend Gefühle sein können, zeigt eine im Jahr 2009 publizierte Studie. Dafür sammelten Forscher den Schweiß von 64 Menschen, die zum ersten Mal mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug sprangen. Sie hatten also echte Angst. Zum Vergleich wurde ihr Schweiß auch nach 20 Minuten Laufen auf einem Laufband gesammelt. Andere Versuchsteilnehmende rochen später daran, ohne zu wissen, was sie riechen.

Das Ergebnis: Beim Riechen von Angstschweiß reagierte ihr Gehirn im Gegensatz zum Riechen von Sportschweiß vor allem in den Arealen, die für Angst zuständig sind. Sie bekamen also selbst Angst. Angst ist also hochansteckend und sogar allein durch Geruch übertragbar. Unser Körper nimmt sie unbewusst wahr und schlägt Alarm.

Nicht nur Angst, sondern alle Gefühle sind ansteckend. Besonders dann, wenn uns eine Person wichtig ist. Diese emotionale Ansteckung hat sowohl Vorteile als auch Nachteile. In einer Partnerschaft unterstützt sie beispielsweise unsere Empathiefähigkeit. Empathie ist ein wertvoller Bestandteil einer gesunden Beziehung, weil sie uns verbindet.

Präsent und verbunden

Doch es gibt auch ein Zuviel an Empathie. Das ist dann der Fall, wenn wir die Gefühle unseres Gegenübers so stark übernehmen, dass wir selbst davon überwältigt werden. Anstatt sich vollständig von den Gefühlen des anderen anstecken zu lassen, ist es hilfreicher, liebevoll nachzufühlen. Also präsent und verbunden zu sein, indem wir uns mit den Gefühlen des anderen verbinden, ohne selbst emotional mitgerissen zu werden.

Die Haltung dahinter ist: Ich kenne ähnliche Gefühle auch, deshalb kann ich nachempfinden, wie es dir gerade geht. Und es tut mir leid, dass du das gerade durchmachst. Ich möchte an deiner Seite bleiben, während du das durchmachst. Aber es sind und bleiben deine Gefühle.

Wenn wir empathisch bleiben, ohne unseren eigenen emotionalen Boden zu verlieren, können wir mitfühlend handeln und klar denken – und gemeinsam gute Entscheidungen treffen. Die größte Hilfe für Sophie ist Thomas, wenn er so auf sie eingeht. Wenn er ihr zuhört, Verständnis und Mitgefühl zeigt und keine vorschnellen Lösungen vorschlägt. Und wenn er sich dabei nicht von ihren Gefühlen anstecken und mit überwältigen lässt.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Gemeinsam leiten sie diese Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/01/Empathie_GettyImages_Weedezign_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1414 2121 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-01-26 12:15:482026-01-26 12:15:48Empathie braucht Distanz! So fühlen Sie mit, ohne mitgerissen zu werden

Täter und Opfer? Paarexpertin verrät, warum es nicht so einfach ist

In Krisensituationen weisen sich Paare gegenseitig die Schuld zu: Wer ist Täter, wer Opfer? Paartherapeutin Piroska Gavallér-Rothe zeigt, wie wir Verantwortung übernehmen und zu tiefer Versöhnung finden können.

Ein Paar kommt zu mir in die Praxis. Er ist tief verletzt und stellt den Fortbestand der Ehe infrage: Auf einer Dienstreise hatte seine Frau ein einmaliges erotisches Intermezzo mit einem Kollegen – entgegen ihrer gemeinsamen Vereinbarung, sich sexuell treu zu sein. Als er davon erfährt, ist er tief enttäuscht, wütend und verzweifelt und hat das Gefühl, von seiner Frau betrogen worden zu sein. Und tatsächlich: Wer diesen Vorfall isoliert betrachtet, findet die Rollen von Opfer und Täter schnell verteilt. Ganz offensichtlich war es die Frau, die den Mann zum Opfer ihrer Untreue machte. Oder anders ausgedrückt: Sie hat gesündigt und Schuld auf sich geladen.

Schuld – schafft Ordnung und klare Verhältnisse

Schuld ist ein tragender Bestandteil unserer Kultur – tief verankert in rechtlichen und sozialen Denkmustern, aber auch als moralisches Konzept in der christlichen Tradition. Sie strukturiert unsere Vorstellung von richtig und falsch, schafft Ordnung, verlangt Ausgleich. Wer Opfer ist, darf Strafe fordern. Wer Täter ist, muss büßen.

In meiner Praxis nutze ich gerne mein 4-Stühle-Modell, um zu veranschaulichen, welche Auswirkungen das Denken in Schuld auf den einzelnen Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen hat:

Stuhl 1: Ich bin schuld. Ich bin falsch. Ich habe versagt. Das ist der Ort der Selbstvorwürfe, der Selbstabwertung und der Scham. Die Folge ist oft der Rückzug ins Schneckenhaus – oder ins Büßerhemd.

Stuhl 2: Du bist schuld. Du bist falsch. Du hast mich verletzt. Wer dort sitzt, ist überzeugt: Mich trifft keine Schuld! Wenn jemand schuld ist, dann bist das du! Menschen auf Stuhl 2 klagen an, zeigen mit dem Finger auf andere – und fühlen sich moralisch im Recht. Die Rollen sind klar verteilt: Der oder die andere ist Täterin oder Täter – man selbst ist fein raus.

Weil sich die Schuldfrage in der Regel auf ein einzelnes moralisch oder rechtlich zu verurteilendes Verhalten fokussiert, ist es einfach, in Schuld zu denken. Doch sie verengt auch den Blick: Wie die Situation entstanden ist, bleibt unerheblich. Die Frage: „Wer ist schuld?“ spaltet zusammengehörendes Beziehungsgeschehen und reduziert das Geschehen auf Opfer und Täter.

Obwohl ich es im Grunde weiß, bin ich doch immer wieder überrascht – und erschrocken zugleich –, wie viele Menschen in den Haltungen von Stuhl 1 und Stuhl 2 verhaftet sind. Das zeigt, wie sehr Schuld- und Täter-Opfer-Narrative unser Denken und unsere Gesellschaft prägen. Und wie sehr ein solch vereinfachtes Denken Versöhnungsprozesse bremst oder sogar verhindert.

Schuld oder Beitrag zum Beziehungsgeschehen?

Zurück zu meinem Paar. Wie so häufig verändert sich der Blick auf die Situation, als es ausführlicher zu erzählen beginnt: Es stellt sich heraus, dass die Sexualität zwischen den beiden seit einigen Jahren nur noch auf Sparflamme läuft. Die drei Kinder, die berufliche Selbstständigkeit der beiden und die zahlreichen sozialen Aktivitäten fordern Kraft, Zeit und körperliche Ressourcen. Während der Mann mit der gegebenen Situation „den Umständen entsprechend zufrieden“ ist, sieht die Frau die Situation nicht so entspannt. Ihre insbesondere in den letzten Monaten zunehmende Unzufriedenheit hatte sie ihrem Mann bereits mehrfach explizit zum Vorwurf gemacht – ohne damit aber wesentliche Veränderungen der Situation bewirkt zu haben.

In der Welt von Stuhl 1 und Stuhl 2 wird es mit diesen neuen Informationen kurzfristig recht ungemütlich, denn hinsichtlich der dort alles entscheidenden Schuldfrage ergibt sich durch die Erzählungen ein neues Bild:

Wenn es tatsächlich so ist, wie die beiden erzählen – ist dann die Frau immer noch schuld? Oder liegt die Schuld nun doch eher beim Mann, der offenbar so geflissentlich die Bedürfnisse seiner Frau ignorierte? Und auch wenn damit die Ahnung von der Mitverantwortung des Mannes „um die Ecke weht“, wird häufig am Ende doch die „moralische Keule“ gezückt. Der finale Schlag klingt in der Welt von Stuhl 1 und Stuhl 2 etwa so: Auch wenn der Mann sich sicherlich im Hinblick auf die sexuellen Bedürfnisse seiner Frau „nicht ganz richtig“ verhalten habe, so könne man ihm ja nicht den „Vorwurf“ machen, dass er jetzt „schuld“ sei, wenn ihn seine Frau am Ende betrüge. Mit diesem Denken in schwarz und weiß kommt schnell wieder Ordnung in die Welt, denn so bleibt es einfach auszumachen, wer letztlich die Schuld an der ganzen Misere trägt.</p>

Verantwortung übernehmen – eine Haltung der Reife

Anders gestaltet sich auf Stuhl 3 und Stuhl 4 der Blick auf die Welt: Während Stuhl 1 und Stuhl 2 den Fokus auf die Schuldfrage legen, eröffnen Stuhl 3 und Stuhl 4 den Raum für neue Perspektiven:

Stuhl 3: Worum geht es mir im Grunde? Statt Rückzug oder Vorwurf richtet sich der Blick auf Stuhl 3 nach innen: Welche Bedürfnisse wurden verletzt? Welche Sehnsucht steht hinter meinem Schmerz? Und nicht zuletzt: Was ist mein Anteil daran, dass sich dieses Bedürfnis nicht erfüllt hat?

Stuhl 4: Worum geht es dir im Grunde? Stuhl 4 ist der Raum, in dem auch das Gegenüber Platz bekommt. Wer hier sitzt, hört zu, fragt nach, lässt sich berühren vom Erleben des oder der anderen – von seiner Not oder ihrer Sehnsucht.

Ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit als Paartherapeutin ist es, Menschen zu sich selbst – und damit auf Stuhl 3 – zu begleiten. Für unser Paar bedeutet das:

Er erkannte, wie wichtig ihm Vertrauen und Ehrlichkeit sind – aber auch Würdigung, Wertschätzung sowie der achtsame Umgang mit der Exklusivität ihrer sexuellen Beziehung. Statt sich weiter auf die Schuld seiner Frau zu fokussieren, begann er zu spüren, wie sehr ihn das Geschehene schmerzt – ohne ins Drama eines Opfer-Narrativs zu fallen.

Sie wiederum begann zu begreifen, wie groß ihre eigene Not eigentlich war und wie sehr sie sich danach sehnt, von ihrem Mann nicht nur als Mutter und Alltagsbewältigerin, sondern auch als Frau gesehen und begehrt zu werden.

Stuhl 4 wiederum ermöglicht es, das Gegenüber einfühlsam aufzunehmen und emotional mit dem Gesagten in Verbindung zu kommen. Wenn Menschen nicht nur Argumente verstehen, sondern innere Beweggründe auf der Gefühls- und Bedürfnisebene nachvollziehen können, kann sich auch die Bedeutung eines ursprünglich verletzenden Verhaltens verändern.

Eine neue Perspektive

Diese einfühlsamen und bedürfnisorientierten Sichten auf sich selbst und das Gegenüber sind wichtig, damit die Beteiligten sich aus Schuldzuweisungen und Vorwürfen lösen und stattdessen nach und nach den Blick auch auf die eigene Verantwortung für das Geschehene richten können. Das eröffnet nicht nur Räume des persönlichen Lernens, sondern ebnet auch den Weg zu einer tiefgreifenden Versöhnung.

Nicht: Wer hat recht?

Sondern: Was ist geschehen – und was lernen wir daraus?

Nicht: Wer ist Täter, wer Opfer?

Sondern: Welche Verantwortung trage ich – und welche trägst du?

Für das Paar bedeutete das:

Auf Seiten der Frau:

  • Wie klar und eindeutig habe ich meine „Bedürfnisse in Not“ an meinen Mann herangetragen?
  • Habe ich mich und meine Bedürfnisse – jenseits meiner Ausbrüche im Streit – wirklich ernst genommen und sie nachhaltig zum Ausdruck gebracht?
  • War ich mir selbst überhaupt bewusst, wie sehr ich mit meinen unerfüllten Bedürfnissen in Not war?

Auf Seiten des Mannes:

  • Wie ernst habe ich die geäußerte Unzufriedenheit meiner Frau genommen?
  • Wie sehr habe ich es mir in unserer Beziehung bequem eingerichtet – und darauf vertraut, dass „es schon passt“, egal, was meine Frau sagt?
  • Was hält mich davon ab, mit meiner Frau regelmäßig und für beide erfüllend intim zu werden?

Erst durch die Auseinandersetzung mit diesen Fragen konnte ein Bewusstsein dafür wachsen, wo jeweils die eigene Verantwortung für das oberflächlich sichtbare Problem („erotisches Intermezzo“) liegt. So entstand ein gemeinsames Lernfeld. Darin konnten beide Seiten miteinander und aneinander wachsen – im Blick auf die Ursachen der Krise ebenso wie auf ihren persönlichen Umgang damit.

So kann Entwicklung entstehen – persönlich wie gemeinsam. Das 4-Stühle-Modell lässt sich auf viele andere Situationen übertragen und ermöglicht Menschen, das zu bewirken, was uns innerlich Frieden schenkt: Versöhnung, die verbindet.

Piroska Gavallér-Rothe ist Paartherapeutin und Autorin von „Wertschätzend Klartext reden“. In Vorträgen und Seminaren vermittelt sie zudem ihr 4-Stühle-Modell als praxisnahes Werkzeug für gelingende Kommunikation und reife Beziehungsgestaltung.

 

Das 4-Stühle-Modell: Wege aus der Schuldspirale

Stuhl 1: Ich bin schuld.

Selbstvorwürfe, Scham, Rückzug – oft verbunden mit Hilflosigkeit.

Stuhl 2: Du bist schuld.

Vorwürfe, Rechthaberei, moralische Überlegenheit – oft mit viel Wut.

Stuhl 3: Was brauche ich?

Selbstverbindung, Klärung der eigenen Bedürfnisse und Anteile.

Stuhl 4: Was brauchst du?

Empathie, Zuhören, Bereitschaft, das Gegenüber wirklich zu sehen.

Wer tiefer einsteigen möchte: In ihrem Buch „Wertschätzend Klartext reden“ beschreibt Piroska Gavallér-Rothe ausführlich, wie der Wechsel von Stuhl 1 und Stuhl 2 in die Welt von Stuhl 3 und Stuhl 4 gelingt – von der inneren Selbst(bewusst)werdung bis zur Kunst des einfühlsamen, bedürfnisorientierten Zuhörens.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/11/Taeter-Opfer_BN_GettyImages_Delmaine-Donson_E.jpg 1341 2236 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2025-11-13 09:21:372025-11-13 09:21:37Täter und Opfer? Paarexpertin verrät, warum es nicht so einfach ist

Bindung in der Paarbeziehung: Expertin verrät, wie das gelingt

Die Bindung ist der entscheidende Faktor für eine glückliche Paarbeziehung. Im Interview verrät Paartherapeutin Ira Schneider ihre Tipps.

Unser Auto bringen wir regelmäßig in die Inspektion und zum TÜV, viele andere Geräte, die wir benutzen, werden regelmäßig gewartet, nur bei der Beziehung sind wir oft nachlässig. Warum ist das so?

Das kann unterschiedliche Gründe haben. Es kann sein, dass ein Paar so betriebsam ist, dass das gegenseitige emotionale Nähren gar nicht möglich ist. Es kann auch daran liegen, dass man das Gegenüber vielleicht nicht mehr so richtig spürt oder nicht mehr den Zugang dazu hat, wie schön es ist, gemeinsam innezuhalten, sich anzuschauen und sich Raum zu geben. Manche Paare scheuen sich, innezuhalten, weil das auch ein gewisses Maß an Konfrontationen bedeuten könnte. Das Innehalten zu vermeiden, kann unbewusster Widerstand sein, weil da etwas bedrohlich sein und ungemütliche Gefühle wecken könnte.

Man darf nicht vergessen, dass das Leben einfach auch viel fordert. Berufliches, Krankheiten, Übergänge, Umzüge und so weiter. Da sind die meisten Paare und Eltern froh, wenn sie den Alltag überleben.

Da ist dann eine stabile Bindung wichtig. Denn Bindung hat nicht nur etwas mit Erziehung zu tun, sondern betrifft auch Erwachsene. Was macht das Thema Bindung besonders relevant in der Paarbeziehung?

Eine Bindung zu den Fürsorgepersonen ist für Kinder im Grunde eine Lebensversicherung. Kinder können gar nicht anders, als sich zu binden. Eine Kollegin von mir sagt immer: „Kinder binden sich, weil sie nicht anders überleben können. Sie überprüfen dabei ihre Eltern nicht auf pädagogische Eignung.“ Im besten Falle ist das Kind sicher gebunden. Das ist aber nichts, was das Kind beeinflussen kann. Der Bindungsstil ist immer die bestmögliche Strategie, sich der Umwelt anzupassen. Für eine möglichst sichere Bindung braucht es Feinfühligkeit und Responsivität seitens der Fürsorgepersonen. Für das Kind ist wichtig, dass die Fürsorgepersonen überwiegend in der Lage sind, Bedürfnisse zu erspüren und darauf angemessen und versorgend einzugehen.

Das ist bei Paaren nicht viel anders. In der Paartherapie sprechen wir von der sicheren Paarbindung. Das Ziel, auf das ich mit den Paaren hinarbeite, ist, dass sie beieinander emotional sicher sind und sich verletzlich zeigen können. Ein Indikator für eine sichere Paarbindung ist die Responsivität. Dabei geht es darum, ob das Paar tendenziell innerlich bereit ist, auf das Gegenüber einzugehen und emotional verfügbar und aufgeschlossen ist. Paare strecken sich nach Bindung aus und versuchen einander zu erreichen. Im besten Falle haben beide Partner das Gefühl, sich gegenseitig mit positiven Bindungssignalen zu erreichen. Wer sich fallen lassen kann, spürt, dass die Paarbeziehung ein sicherer Ort, ein Bindungshafen ist.

Solche Bindung ist besonders wichtig, auch in Krisensituationen. Was sind die häufigsten Krisenherde, die Ehen erleben?

Leidensdruck entsteht, wenn die Paarbindung erschüttert ist und nicht mehr ganz sicher ist. Dann geraten Paare immer häufiger in bestimmte Interaktionszyklen. Das sind oft schmerzliche Reaktionskreisläufe, die sich dauernd wiederholen, die oft zu Rückzugsverhalten führen oder zu einem emotionalen Protestverhalten. Es kann sein, dass der eine Teil immer vehementer, immer beharrlicher, immer lauter wird und der andere Teil immer verschlossener und sich immer mehr zurückzieht. Das Rückzugsverhalten wird in der Paartherapie oft als Schutzverhalten vor dem Druck, nicht zu genügen, verstanden. Das Protestverhalten wird als Kampf gegen das Gefühl des Unverbunden- und Abgeschnitten-Seins eingeordnet. Manchmal schluckt der Rückzügler länger viel Frust und explodiert dann. Oder der protestierende Teil ist so erschöpft vom Versuch, Bindung wiederherzustellen, dass er oder sie sich abspaltet und aussteigt.

Was können kleine Rituale sein, die der Beziehung und der Bindung dienlich sind?

Was ich wichtig finde, ist beispielsweise Blickkontakt. Den anderen bewusst anzuschauen. Manchmal bitte ich Paare in der Therapie, einander einfach anzuschauen. Ich gehe dafür kurz raus aus der Sitzung. Und viele sagen mir anschließend, dass es das erste Mal seit Monaten sei, dass sie sich wieder ansehen. Einige weinen vor Ergriffenheit und spüren wieder etwas Wärme füreinander.
Eine Idee ist, auch tagsüber in Kontakt zu bleiben. Vielleicht durch einen kurzen Anruf, eine kurze Nachricht oder einfach durch ein kleines Liebes-Emoji. So ist die Kommunikation nicht nur funktional im Sinne der Absprachen, sondern schafft auch eine Herzensverbindung.

Manchmal ist die Belastung durch Kinder, Job und andere Dinge so groß, dass man als Ehepaar zu zerbrechen droht. Was hilft in solchen Situationen, den Partner nicht aus dem Blick zu verlieren?
Es kann hilfreich sein, das große Ganze im Blick zu behalten und sich immer wieder daran zu erinnern, dass es Phasen gibt, die wirklich intensiv sind. Alle Phasen haben ein Anfang und ein Ende. Wichtig ist, dass eine Phase nicht in einen langanhaltenden Zustand übergeht. Deshalb sollte man Frühwarnzeichen nicht ignorieren und feinfühlig bleiben.

Der zweite Punkt ist, daran festzuhalten, dass das Band der Liebe stark ist, auch wenn ein Paar nicht jeden Tag die Zeit hat, die es gerne miteinander hätte. Sich das gegenseitige Vermissen dann zuzusprechen, kann guttun. Und sich so viel Wertschätzung entgegenzubringen wie möglich, für all die Dinge, die das Paar gerade miteinander wuppt. So entsteht ein Grundgefühl von: „Ich sehe dich und du siehst mich.“

Welchen Stellenwert hat aus deiner Sicht die gemeinsame Verbindung zu Gott?

Für mich persönlich ist das sehr wichtig. Ich glaube, dass es wohltuend ist, als Paar zu wissen, dass man nicht allein mit den Herausforderungen ist. Wir haben einen Gott an unserer Seite, der wohlwollend ist und wir können uns zu ihm immer wieder hinwenden und mit seiner Unterstützung rechnen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Family-Redakteur Marcus Beier.

Ira Schneider ist Paartherapeutin, Autorin und Referentin. In Ihrem Podcast „Voll Liebe! Der Beziehungspodcast“ spricht sie ausführlich über Bindung in der Partnerschaft. Zu hören unter erfplus.de oder überall, wo es Podcasts gibt. schneider-ira.com

https://www.family.de/wp-content/uploads/2025/10/Paar-kuesst-sich.jpg 1414 2121 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2025-10-17 12:55:122025-10-17 13:00:35Bindung in der Paarbeziehung: Expertin verrät, wie das gelingt
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