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Anders als erwartet: Eltern berichten über ihr erstes Baby-Jahr

Zwischen Erwartung und Wirklichkeit: Fünf Mütter und ein Vater erzählen, was sie im ersten Baby-Jahr erlebt haben – ehrlich, herausfordernd und ermutigend.

Lena, 32, Redaktionsleiterin, bekam ihren ersten Sohn im ersten Corona-Lockdown. Die Geburt war traumatisch: Ihr Sohn kam direkt auf die Intensivstation, das gemeinsame Kennenlernen blieb aus. „Statt Kuscheln und Bonding saß ich auf der Station und konnte nur hoffen. Ich war mit der Situation überfordert, zumal mein Mann nicht ins Krankenhaus kommen durfte.“

Corona hat ihre Erwartungen an das erste Baby-Jahr auf den Kopf gestellt. Statt Krabbelgruppen gab es Abstand, statt Familie viel Alleinsein. „Am Ende hat das Zuhause-Sein unserem Sohn sogar gutgetan, um seine Geburt zu verarbeiten, aber es war anders als zunächst geplant.“ Besonders deutlich wurde Lena, dass sich Kinder in ihrem eigenen Tempo entwickeln. Sie machte sich anfangs viele Gedanken, wann ihr Sohn trocken wird oder den Schnuller abgibt. Letztlich meisterte er alles in seinem Tempo und auf seine Art.

Seit anderthalb Jahren ist Lena alleinerziehend. „Ich habe unterschätzt, was ein Kind mit der Paarbeziehung macht. Wir hätten uns mehr um die Ehe kümmern müssen.“ Umso wichtiger wurde ihr das Thema Selbstfürsorge: „Kinder können emotionale Knöpfe drücken. Sie halten uns den Spiegel vor. Das fordert heraus, eröffnet aber auch die Chance, viel über sich selbst zu lernen, persönlich zu wachsen und Generationsmuster zu durchbrechen.“

Lenas Glaube wurde durch das Muttersein nicht erschüttert, sondern vertieft. „Ich habe gelernt, dass ich mein Leben nicht kontrollieren kann. Ich darf es Gott überlassen und seinem Plan vertrauen.“ Anderen Eltern empfiehlt sie: „Stellt euch darauf ein, dass ihr regelmäßig an eure Kapazitätsgrenzen kommt. Das ist normal. Doch wenn ich meine Situation von außen betrachte und mich frage: ‚Was würde ich jetzt meiner besten Freundin raten?‘, dann hilft mir das, Prioritäten richtig zu setzen und mir weniger Druck zu machen.“ Daneben sei es wichtig, der Paarbeziehung und eigenen Interessen, die vor den Kindern gutgetan haben, genügend Raum zu geben, um genug Energie für den Familienalltag zu haben.

Zwischen Erwartung und Erschöpfung

Zoe, 33, typografische Gestalterin, erlebte ihr erstes Baby-Jahr als eine Serie von Herausforderungen: „Ich hatte erst Panik vor der natürlichen Geburt, war dann aber bereit dazu. Und dann musste doch ein Kaiserschnitt her – nach 28 Stunden.“ Auch das Stillen war anders als erwartet: „Das Stillhütchen war Fluch und Segen zugleich. Ohne hätte es nicht geklappt, aber es wieder loszuwerden, war mühsam. Und die Schmerzen – niemand hatte mich auf so etwas vorbereitet. Ich hatte erwartet, Stillen würde ohne Schmerzen klappen, und deshalb das Gefühl, ich mache etwas falsch.“ Die Nächte waren hart: Stillen im Zwei-Stunden-Takt. „Diese ständige Müdigkeit – zum Glück hat mir vor dem Kind keiner gesagt, wie hart das ist.“ Ihr fehlte für alles die Energie – vor allem für Sport, den sie früher gern gemacht hatte. Nach sechs Monaten fing Zoe wieder an zu arbeiten – in der Schweiz gibt es keine Elternzeit. Der Papa brachte ihren gemeinsamen Sohn mittags zum Stillen vorbei, weil er zunächst die Flasche verweigerte. „Diese totale Abhängigkeit und das permanente Gefühl, dass es nicht ohne mich geht, waren belastend.“

Was ihr geholfen hat? Der Austausch mit anderen Müttern: „Echter Real Talk, nicht verklärte Erinnerungen.“ So merkte sie, dass sie nichts falsch macht und nicht allein ist mit ihren Herausforderungen. Die Erfahrungen im ersten Baby-Jahr forderten auch Zoes Glauben heraus. Dennoch: „Ich schaffe das nur mit Gott. Wenn ich denke, ich kann nicht mehr, dann ist er da.“ Trotz allem wünscht sich Zoe ein zweites Kind. „Ja, es ist anstrengend. Aber es gibt einem so viel. Das erste bewusste Lächeln, das fröhliche Lachen – das kann man nicht rational erklären.“

Zwischen Ratgebern und Bauchgefühl

Anders als gedacht war das erste Baby-Jahr auch für Robert, 29, Postzusteller. Der inzwischen zweifache Vater hatte sich mit vielen Ratgebern auf das erste Baby-Jahr vorbereitet. Durch ein übersehenes KiSS-Syndrom trank sein erster Sohn jedoch fast nichts. Roberts Frau litt dadurch an starken Selbstzweifeln und Versagensgefühlen. „Ich musste meine Frau ständig aufbauen. Ich habe in dieser Zeit nur für sie existiert.“ Als das Kind später die Flasche bekam, konnte auch er sich mehr einbringen und die Beziehung zu seinem Sohn vertiefen. Sein Rat: „Wenn das Bauchgefühl bei Aussagen von Ärzten nicht stimmt – holt euch eine zweite Meinung.“

Für Robert war besonders wertvoll, die Kinder als gleichwürdige Persönlichkeiten zu sehen – und sich als Paar gemeinsame Erziehungsziele zu setzen. Auch der Austausch mit anderen Eltern war entscheidend: „Ob Hebamme, PEKiP-Kurs oder Onlinegruppen – das hat uns sehr geholfen.“

Zwischen Grenzerfahrung und Dankbarkeit

Diana, 30, IT-Fachkraft und zweifache Mutter, hat ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Bereits ihre Schwangerschaft war geprägt von Vorfreude und Liebe einerseits sowie Sorge und Angst andererseits. Familiäre Probleme verursachten zusätzlichen Stress. Das Gefühlschaos blieb auch nach der schwierigen Geburt: „Ich war voller Liebe, aber auch voller Angst, das Baby zu verlieren.“ Ihr Kind schrie ununterbrochen. Widersprüchliche Tipps von außen, ständige Erschöpfung, Schlaflosigkeit und Gefühle der Überforderung mündeten in starke Selbstzweifel. „Manchmal dachte ich, ich werde vor Erschöpfung einfach umfallen und sterben. Dennoch wollte ich für mein Kind um jeden Preis überleben.“

Erst nach sechs Monaten konnte Diana die Babyzeit genießen. Eine empathische Nachsorgehebamme, die Unterstützung durch ihren Mann, ehrliche Gespräche und kleine Momente des Lichts – angenehme Besuche, ein Lächeln oder die Nähe beim Tragen – brachten neue Kraft. „Manchmal hilft es schon, wenn jemand sagt: Du bist nicht allein.“ Ihr Tipp für andere Eltern: „Geht gut mit euch selbst um, achtet aufeinander und lasst Fehler zu. Und seid euch sicher: Egal, wie dunkel und schwer es gerade aussieht – irgendwann kommt wieder Licht.“

Zwischen Unverständnis und Gelassenheit

Christin (Name geändert), 33, freie Grafikerin, hat zwei Kinder – und zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen. Ihre erste Tochter litt unter heftigen Schreianfällen, oft stundenlang. „Es hat mich an meine Grenzen gebracht. Wir wussten nicht mehr, was wir tun sollten. Von außen kam oft Unverständnis oder sogar Vorwürfe.“ Die stressige Geburt und ihre eigene Hochsensibilität ließen sie lange zweifeln, ob sie Schuld an der Situation trug. Der Rückbildungskurs musste ausfallen, soziale Isolation verstärkte die Belastung. „Ich hätte gern vorher gewusst, dass so etwas passieren kann – und dass man sich Hilfe holen darf.“

Beim zweiten Kind verlief alles anders: eine ruhige Wassergeburt im Geburtshaus, ein Baby, das deutlich weniger weinte. „Ich durfte eine neue Seite erleben – mit mehr Leichtigkeit, Gelassenheit und Ruhe.“ Die Schreianfälle ihres ersten Kindes forderten ihren Glauben heraus. Doch der Glaube half ihr auch, durchzuhalten – und dankbar zu sein: „Ich schätze umso mehr all die schönen Momente mit meinen Kindern. Und Gott ist gnädig und kann auch wieder Zeiten der Ruhe schenken.“

Christin hat gelernt, Prioritäten anders zu setzen. Beim ersten Kind war sie überfordert mit allem, was neben dem Baby noch zu tun war. Heute lässt sie sich unterbrechen, genießt kleine Momente mit ihren Töchtern: „Ich weiß jetzt, dass ich vieles nicht kontrollieren muss – und dass soziale Teilhabe auch mit Kindern möglich ist, wenn man sich auf ihren Rhythmus einlässt.“ Anderen Eltern rät sie: „Nehmt jede Phase für sich und stellt euch darauf ein, dass sich die Dinge – und auch der Schlafrhythmus – jederzeit wieder ändern können. Meistert Herausforderungen als Team, freut euch an den schönen Momenten und seid gewiss, dass ihr mit Schwierigkeiten nicht allein seid.“

Zwischen Unsicherheit und Verbundenheit

Auch Mandy, 34, medizinische Dokumentations­assistentin in Elternzeit, hatte sich das erste Jahr mit Baby einfacher vorgestellt. „Ich dachte, man weiß als Mutter intuitiv, was zu tun ist, und alles funktioniert automatisch. Stattdessen war ich oft überfordert.“ Ihre Tochter war sensibel, nahm Reize stark wahr. „Ich wusste oft nicht, warum sie schrie. Ich liebte sie sehr, aber ich kannte ihre Persönlichkeit und Bedürfnisse noch nicht. Die Erwartungen meiner Schwiegereltern: ‚Das weiß man doch als Mutter!‘, machten alles schlimmer.“

Ein Schlüsselmoment war eine Babymassage, in der ihre Tochter nur weinte. „Die Hebamme nahm sie hoch, und sie hörte sofort auf. Das war mir peinlich. Aber die Hebamme war verständnisvoll. Sie erklärte mir, dass mein Kind meine Unsicherheit spürt.“ Mandy blieb dran. Trotz Scham, Angst und dem Gefühl, keine gute Mutter zu sein, ging sie in Kurse, suchte den Austausch in Mama-Gruppen und lernte ihre Tochter besser kennen. „Nach und nach wusste ich, was sie brauchte. Die Bindung zu ihr ist gewachsen.“

Ein Schmerzpunkt bleibt der Konflikt mit den Schwiegereltern. „Ich dachte, wir wachsen als Familie enger zusammen. Aber sie hielten an unrealistischen Idealvorstellungen fest. Als unsere Tochter zu fremdeln begann, zeigten sie wenig Verständnis. Das hat das Verhältnis zu ihnen und auch die Beziehung zu meinem Mann belastet.“ Am meisten geholfen hat Mandy ihre Hebamme: „Mein Rat: Sucht euch eine Hebamme, die zu euch passt. Und: Haltet nicht an Idealvorstellungen fest. Plant nicht zu viel, sondern gebt euch Zeit und vertraut darauf, dass ihr in Situationen reinwachst.“

Lisa-Maria Mehrkens ist Psychologin und freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Chemnitz.

Überall Spielzeug? Nein Danke!

Spielzeug türmt sich, es ist ständig unaufgeräumt und chaotisch. Madeleine Ramstein hat einen kreativen Weg gefunden, die Spielzeugberge abzubauen.

Meine Kinder lieben es, zu spielen und ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Doch trotz des vielfältigen Angebots an Spielzeugen in unserem Zuhause greifen sie oft zu Dingen, die sie in unserem Haushalt finden: Töpfe, Decken, Stühle … Wenn ein neues Spielzeug seinen Weg zu uns findet, geht es bald in dem Berg an vorhandenen Spielsachen unter. Es ist ein Phänomen, das wohl viele Eltern kennen: Das Interesse an einem Geburtstagsgeschenk verblasst schnell. Und wenige Wochen später findet sich das Spielzeug in einer verstaubten Schublade wieder.

Ich erinnere mich noch lebhaft an die fesselnden Werbespots in meiner Kindheit, welche die neuesten Spielsachen präsentierten: Flugzeuge, bei denen man das Gefühl hatte, wirklich fliegen zu können. Kleine Puppen, die zur Musik tanzten und mich in fremde Welten voller Abenteuer eintauchen ließen. Die Werbung suggerierte, dass ich mich mit genau diesem Spielzeug in eine wunderbare Welt voller Möglichkeiten begeben konnte. Doch die Realität sah oft anders aus: Das Spielzeug konnte dieses Versprechen nicht halten.

Kein Spielzeug und ein schlechtes Gewissen

Ähnliches beobachtete ich bei meinen Kindern: Ihre Spielsachen dienten in erster Linie dazu, den Fußboden zu bevölkern. Meine Kinder schafften es in kürzester Zeit, ein riesiges Chaos zu verursachen. Das anschließende Aufräumen dauerte oft länger als das Spielen selbst. Manchmal herrschte tagelang Unordnung und meine Nerven lagen blank. Als ich schließlich mit unserem dritten Kind schwanger und überfordert von der Spielzeugflut war, entschied ich mich für eine Challenge: Ich packte alle Spielsachen in Schachteln und Kisten und verstaute sie oben in unseren Schränken. Nur ihre Lieblingsstofftiere durften sie behalten. Falls sie gern mit einem bestimmten Spielzeug spielen wollten, würde ich es aus der Kiste hervorholen und ihnen geben. Mir war wichtig, dass sie nur mit den Spielsachen spielten, die sie bewusst verlangten und an die sie sich erinnern konnten. Mein Plan war, nach drei Monaten alles Spielzeug, das nicht zurückverlangt worden war, zu verkaufen oder zu verschenken.

Weshalb meine Kinder bei dieser Aktion mitmachten? Mein Mann und ich versprachen ihnen, dass wir nach Ablauf der drei Monate für zwei Tage in den Europapark fahren würden. Den Erlös der verkauften Spielsachen dürften sie im Park ausgeben. Mit dieser Challenge hoffte ich, ein für alle Mal Ruhe in unser Chaos zu bringen. Die Umstellung war für mich allerdings schwerer als gedacht. Zwar war ich das Chaos los, nicht aber das schlechte Gewissen: „Die armen Kinder! Sie haben keine Spielsachen mehr!“ Solche und ähnliche Gedanken schwirrten in meinem Kopf herum. Im Chaos zu leben, war nicht einfach gewesen. Nun aber die Leere auszuhalten, war zu Beginn sehr herausfordernd.

Freiheit und Leichtigkeit

Der erste Tag ohne Spielsachen brachte überraschend wenig Beschwerden. Ich erwartete insgeheim, ständig zu den Kisten rennen zu müssen, um gewünschte Spielsachen hervorzuholen. Doch es kam anders: Der leere Raum fiel meinen Kindern auf, aber sie störten sich nicht daran. Im Gegenteil: Sie stellten Musik an und tanzten voller Freude. Sie bewegten sich unbeschwert, ohne Gefahr zu laufen, über Bausteine und anderes zu stolpern. Danach widmeten sie sich ihrem Lieblingsspiel: Sie bauten Hütten mit Vorhängen, Stühlen und Tüchern. In meinem Vorratsschrank „kauften“ sie für ihre Hütte ein. Sie spielten ungezwungen und waren sehr zufrieden. Nach einer Weile bat die Jüngste mich um eine Geschichte, woraufhin ich sie Bücher aus dem Schrank auswählen ließ und sie ihr erzählte. Der erste Tag ging vorüber. Die Kinder schienen nichts zu vermissen.

Zu Weihnachten erhielten sie Bastelsachen, ein Xylophon, einen Zählrahmen, Plüschhunde und Spielfahrzeuge. Die Geschenke hielten sich in Grenzen. Wir hatten unseren Eltern im Vorfeld mitgeteilt, dass wir mit weniger Spielsachen leben und mehr Wert auf Erfahrungen legen möchten. Deshalb waren Eintrittskarten in den Zoo ein beliebtes Geschenk. Die Kinder waren zufrieden – und ich auch. Gelegentlich wurde nach einem bestimmten Spielzeug verlangt. Die Aufräumarbeiten waren nun im Vergleich zu den Zeiten mit vielen Spielsachen deutlich einfacher. Ich genoss die neu gewonnene Freiheit und Leichtigkeit im Alltag. Gleichzeitig lernte ich meine Kinder besser kennen. Ihr Spielverhalten erschien mir nun deutlicher. Puppen waren ihnen wichtig, und sie kümmerten sich sehr gut um sie: Täglich pflegten und versorgten sie ihre Puppen, gingen mit ihnen spazieren und wechselten ihre Windeln. Nebenbei wurde viel zur Musik getanzt, gebastelt und Hütten gebaut.

Strahlende Augen

Ich verkaufte einige Spielsachen, die ich in unseren Schränken gestapelt hatte. Und schließlich war der ersehnte Tag für unseren Ausflug in den Europapark gekommen. Die strahlenden Augen unserer Kinder und ihre überbordende Begeisterung waren nicht zu übersehen. Wir genossen zwei Tage mit neuen Eindrücken, leckeren Snacks und vielen Achterbahnfahrten. In einem der Shops sagte ich zu den Kindern: „Ihr habt euer eigenes Geld dabei, sucht euch etwas aus und bezahlt es.“ Das hatten sie noch nie zuvor gemacht. Begeistert suchten sie sich jeweils ein kleines Spielzeug aus. Das restliche Geld investierten sie in Schokolade und andere Süßigkeiten.

Dieses Experiment und die Zeit im Europapark waren für unsere Familie ein voller Erfolg. Die Kinder lernten die Freude daran, ihr eigenes Geld zu verdienen und auszugeben. Bei uns zu Hause ist es wesentlich ruhiger und entspannter geworden. Wir besitzen noch etwa ein Drittel aller Spielsachen, die die Kinder zuvor zur Verfügung hatten. Dadurch hat sich unsere Lebensqualität deutlich verbessert. Auf keinen Fall möchte ich zu den Spielzeugbergen zurückkehren. Deshalb haben wir unserem Umfeld mitgeteilt, dass wir uns von nun an lieber Gutscheine und Ausflüge für die Kinder wünschen oder etwas Bestimmtes, das sie gerade gebrauchen können. Gemeinsame Erlebnisse und die Zeit zusammen als Familie sind für uns viel kostbarer als ein Haufen Spielsachen.

Madeleine Ramstein ist Theologin und Seelsorgerin. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Schweiz.

Nicht einfach, aber doch schön: Familienalltag mit Autismus

Autismus ist bekannt, aber mit vielen Klischees behaftet. Wie groß die Bandbreite der Krankheit ist, wissen nur Wenige. Am 2. April ist Welt-Autismus-Tag. Eine vierköpfige Familie erzählt, wie sie ihren Alltag mit zwei autistischen Teenagern erlebt.

Schon beim morgendlichen Anziehen gehen die Schwierigkeiten los: Wenn an einem Kleidungsstück ein Schildchen oder eine Naht drückt, fühlt sich der 13-jährige Daniel (Namen geändert) nicht wohl. Eine Zeit lang mussten Hosen und Schuhe bei ihm aber auch ganz eng geschnürt werden. „Damit er sich besser spürt“, erklärt Mutter Katja. Daniels Schwester Laura (15) mag es nicht, wenn man sie mit nassen Händen anfasst und auch sonst mag sie es kaum, berührt zu werden. Beide haben Autismus.

Autismus-Spektrum-Störung (ASS), so lautet die Diagnose von Daniel und Laura, die sie vor zwei Wochen von einer Psychotherapeutin bekommen haben. Eins von hundert geborenen Kindern ist heute von dieser komplexen neurologischen Entwicklungsstörung betroffen. Menschen mit Autismus nehmen Dinge anders wahr und haben Schwierigkeiten im sozialen Miteinander. Viele sind zum Beispiel besonders empfindlich gegenüber Licht, Geräuschen oder Berührungen. Oft können sie sich nicht gut in ihre Mitmenschen einfühlen und es fällt ihnen schwer, Beziehungen aufzubauen. In der Kommunikation verstehen sie das Gesagte häufig wörtlich, Zwischentöne oder sogar Ironie sind für sie schwer zu deuten.

Schnelle Überforderung

Dass Daniel und Laura Autismus haben, hatte die Familie schon seit Jahren geahnt. Jetzt endlich haben sie es auch schwarz auf weiß. Das macht es für sie einfacher, ihre Kinder zu erklären, zum Beispiel gegenüber der Schule oder Verwandten. Denn ihr Alltag ist auch so schon herausfordernd genug. Zum Beispiel beim gemeinsamen Essen: Die Teenager essen kein Fleisch, Gemüse nur roh. Laura bekommt bei der Konsistenz von Kartoffelbrei Würgereiz, Salzkartoffeln gehen wiederum. Vater Jark, der für die Familie kocht, ist bei der Essensauswahl sehr eingeschränkt. Und so wiederholt sich der Familienspeiseplan alle zwei Wochen.

Auch Ausflüge als Familie sind nicht spontan möglich, sondern müssen vorher gut geplant werden. Denn wenn die Kinder nicht wissen, was auf sie zukommt, macht sie das nervös. Ein Besuch im Freizeitbad oder bei Ikea geht eher nur selten – die vielen Menschen und die wenigen Ruhe-Oasen führen bei Laura und Daniel schnell zu Überforderung. Und der Besuch von neuen Städten kann auch herausfordernd sein. Letztens waren sie am Wochenende in Oldenburg. „Da hat Daniel mitten in der Stadt einen Zusammenbruch bekommen und losgeheult, weil ihm alles zu viel war – er ließ sich kaum beruhigen“, erzählt Jark. Woanders übernachten sei für Daniel schlimm. Das andere Bett, die fremden Gerüche – alles große Herausforderungen für ihn.

Das ist häufig so bei Menschen mit Autismus: Sie haben feste Rituale und brauchen geregelte Abläufe und Strukturen im Alltag. Die genauen Ursachen von Autismus sind bis heute nicht geklärt. „Klar ist: Autismus ist hochgenetisch, aber auch biologische Umweltfaktoren können einwirken und mit Genen interagieren“, sagt Sven Bölte, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Seit dem Jahr 2000 steigen die Autismus-Spektrum-Störungen weltweit. Sven Bölte vermutet, dass das unter anderem mit der besseren und schnelleren Diagnostik zusammenhängt, die es heute gibt. Und mit unserer Anforderung an Gesundheit: „Die Menschen haben heute unglaublich hohe Ansprüche daran, was es heißt, gesund zu sein.“ Auch in den Schulen würden die Ansprüche an die Kinder steigen. So würden Autismus-Spektrum-Störungen früher auffallen.

Wer passt sich wem an?

Dass sie anders war als die anderen, bemerkte Laura schon in der ersten Klasse: „In der Schule war ich oft abgelenkt und bin häufig allein über den Schulhof gegangen, weil ich eine Pause von den ganzen Reizen brauchte“, sagt sie. Der Lehrerin fiel auf, dass sie nicht mit anderen Kindern spielte. Laura war auch oft verträumt, sie brauchte zum Beispiel lange, um ihren Schulranzen einzuräumen. Bald darauf bekam sie eine ADHS-Diagnose. Die Medikamente, die sie verschrieben bekam, hätten ihr zwar geholfen, sich besser zu konzentrieren, erzählt Katja. Aber sie hätten auch dazu geführt, dass Laura immer trauriger wurde. Das ging den Eltern zu weit, sie setzten die Medikamente ab. „Für uns war klar: Wir versuchen nicht unser Kind um jeden Preis an sein Umfeld anzupassen,“ sagt Katja. Stattdessen wechselte Laura an eine andere Schule.

Wegen Autismus: Keine passende Schule für Daniel

Als Daniel auf das Gymnasium kam, versuchte er lange Zeit, sich anzupassen. Es kostete ihn unheimlich viel Kraft, die unzähligen Reize – Geräusche, Licht, Gerüche – auszuhalten. Ständig befand er sich nervlich in einer Ausnahmesituation. Nachmittags zog er sich in sein verdunkeltes Zimmer zurück. Morgens mussten Katja und Jark mit Engelszungen auf ihn einreden, um ihn wieder herauszulocken. Eines Tages fanden sie statt des selbstbewussten 12-Jährigen einen 5-Jährigen vor, erzählt Jark: „Er weinte, wimmerte und bat darum, dass wir ihn nicht wieder zur Schule schickten.“ Daniel war total erschöpft, hatte keinen Antrieb mehr und nur wenig Freude am Leben.

Eine Kinder- und Jugendpsychiaterin diagnostizierte ihm eine Anpassungsstörung, er wurde krankgeschrieben. Seit einem Jahr beschulen ihn die Eltern zuhause. Die Schule und die Behörden halten an der Präsenz-Schulpflicht fest. Deswegen sei neulich auch das Jugendamt unangekündigt vorbeigekommen. „Anfang März hat die Bezirksregierung einen Bußgeldbescheid über 1.500 Euro an uns verschickt“, erzählt Jark. Der Druck ist groß. Doch in der Heimatstadt gibt es keine geeignete Schule für Daniel. Nun reisen sie an den Wochenenden durch ganz Deutschland, um nach passenden Schulen für ihn zu schauen.

Dass autistische Kinder vorübergehend nicht zur Schule gehen, ist nicht selten. Verschiedene internationale Studien geben an, dass zwischen 23 und 72% der autistischen Kinder und Jugendliche ab und zu oder langfristig nicht in die Schule gehen. Für Deutschland gibt es keine repräsentativen Daten. Die Gründe für die Nicht-Beschulung sind unterschiedlich: Mal schaffen es die Kinder und Jugendlichen nicht mehr in die Schule, mal sollen sie zu Hause bleiben, weil Fachpersonal fehlt. „Unser Schulsystem ist auf neurotypische Schülerinnen und Schüler ausgerichtet und nicht autismus-sensibel“, sagt Stephanie Meer-Walter, Pädagogin und Autismus-Beraterin. Sie wünscht sich, dass die Lehrkräfte durch Weiterbildungen besser auf autistische Kinder vorbereitet werden und Schulen dafür besser ausgestattet werden. Zum Beispiel durch Ruheräume als Rückzugsmöglichkeit bei Überreizung oder durch feste Strukturen und klare Kommunikation im Unterricht.

Gemeinsam Kompromisse finden

Für viele Schwierigkeiten hat die Familie inzwischen Lösungen gefunden. Zum Mittagessen gibt es wenige, ausgewählte Mahlzeiten, wie Pellkartoffeln oder Chili sin Carne. Sehr gut funktioniert auch das Salatbuffet oder Raclette, bei dem die Teenager selbst auswählen, was sie essen. Laura besucht jetzt ein Gymnasium, von der Klassenlehrerin fühlt sie sich unterstützt. „Heute komme ich ganz gut mit meinem Autismus klar“, sagt sie. Wenn sie Anschluss zu Freundinnen suche, nerve sie ihr Autismus schon. Es falle ihr schwer, zu entschlüsseln, was sie von ihr erwarten. „Im Endeffekt gibt es aber für alles eine Lösung.“

Daniel schaffe es im Alltag immer besser, sich selbst zu helfen, sagt Katja. Früher hätte er Wutanfälle bekommen, wenn sich die Klamotten falsch anfühlten. „Mittlerweile schneidet er die Schilder selbst heraus oder sagt uns klar, wie wir ihm helfen können.“ Und auch wenn die Beschulung zu Hause für Daniel nur eine Notlösung ist, geht es Daniel damit besser als noch zu Schulzeiten. „Er kommt jetzt wieder mehr aus sich heraus und nimmt sich auch mal das Skateboard, um auf den Skateplatz zu gehen“, sagt Jark. Er brauchte die Pause, sagt Katja. „Jetzt kann er sich wieder auf eine neue Schule einlassen“. Beide Kinder wirken auf die Eltern im Alltag inzwischen ausgeglichen.

Katja und Jark wünschen sich, dass andere Menschen in ihrem Umfeld mehr Offenheit und Verständnis für ihre Kinder zeigen und ihre Bedürfnisse nicht klein reden. Und sie wünschen sich mehr Aufklärung: Wenn sie anderen erzähle, dass ihre Kinder Autismus haben, seien diese oft erschrocken, sagt Katja. Die würden dann wahrscheinlich gleich an Filme wie „Rain Man“ denken. „Aber Autismus ist ein riesiges Spektrum. Ich wünsche mir, dass sich die Menschen mehr darüber informieren, wie vielfältig Autismus ist.“

Manche Menschen mit Autismus lernen in ihrem Leben nie zu sprechen und sind auch als Erwachsene auf eine Rundumbetreuung angewiesen. Andere haben studiert und führen ein selbständiges Leben. „Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten“, fasst Jark zusammen. „Jeder Mensch bringt seine individuelle Persönlichkeit mit und niemand will in eine Schublade gesteckt werden.“ Auch Kitas, Schulen und Arbeitgeber müssten aus der Sicht der Familie besser auf den Umgang mit autistischen Menschen vorbereitet werden.

Janna Degener-Storr und Sarah Kröger

Einzelfallhilfe für ein autistisches Kind: Eine Mutter nimmt es selbst in die Hand

Um einen Kitaplatz für ihre autistische Tochter zu bekommen, braucht Anja eine Einzelfallhilfe. Als die Suche scheitert, hängt Anja ihren Job an den Nagel und begleitet ihr Kind selbst. Und sie stellt fest: Das ist eine wirklich erfüllende Aufgabe.

Es ist Sommer. Der Wasserspielplatz ist voll mit planschenden Kindern. Ruby liebt Wasser. Immer wieder geht sie zu ihrer Mutter Anja (Namen geändert). Sie soll ihre Hände zu einer Schale formen. In diese gießt Ruby dann Wasser und juchzt vor Freude. Stundenlang könnte sie das so machen. Ruby ist sechs Jahre alt. Mit vier Jahren wurde bei ihr frühkindlicher Autismus diagnostiziert. Das ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die bei Ruby dafür sorgt, dass sie bisher nicht spricht und im Alltag viel Unterstützung und eine Einzelfallhilfe braucht.

„Ruby braucht Hilfe beim An- und Ausziehen oder wenn sie zur Toilette geht“, sagt ihre Mutter. Der soziale Kontakt mit anderen fällt ihr schwer, sie kann ihre Grenzen nicht einschätzen. Zum Beispiel zieht sie fremden Menschen an ihrer Kleidung oder fasst sie an. Besonders schwer fällt es ihr, Sinneseindrücke zu verarbeiten. Ist es ihr zum Beispiel zu laut oder zu turbulent, zieht sie sich vollständig in sich zurück oder schreit laut. Sie braucht deshalb eine überschaubare Anzahl fester Bezugspersonen und tägliche Routinen, um sich im Alltag zu orientieren.

Nicht erwünscht in der Regel-Kita

Anja ist freie Journalistin, nach der Geburt wollte sie bald wieder arbeiten. Mit neun Monaten kam Ruby zu einer Tagesmutter. Je älter und agiler sie wurde, desto schwieriger wurde es für die Tagesmutter, sie zu betreuen. Wollte sie mit den Kindern beispielsweise malen oder basteln, landeten die Bastelmaterialien regelmäßig auf dem Boden, wurden zerrissen oder in den Mund gesteckt. Es stellte sich heraus: Ruby war entwicklungsverzögert.

Mit vier Jahren sollte Ruby in eine Regel-Kita wechseln. Als die Kita aber von ihrer Diagnose erfuhr, war sie nicht mehr willkommen. „Sie sagten nicht direkt, dass Ruby nicht kommen darf“, berichtet Anja. „Aber sie rieten dringend davon ab. Bei ihnen wäre Ruby nicht gut aufgehoben.“ So erging es Anja und ihrem Mann auch bei der weiteren Suche nach einer Kita für Ruby – überall bekamen sie Absagen. Oft wurden sie auf die örtliche Inklusions-Kita verwiesen. Doch die war keine Option: Mit 34 Kindern waren die Gruppen für Ruby viel zu groß, dort würde sie untergehen. Außerdem stimmte der Gesamteindruck für Anja nicht: „Es wurde hier mehr beaufsichtigt als gefördert. Die Kita wirkte für mich wie ein Auffangbecken für alle Kinder, die aus irgendwelchen Gründen durch das Raster fallen.“

Suche nach einer Einzelfallhilfe

Nach langem Suchen fanden sie endlich eine Kita mit kleinen Gruppen, die bereit war, Ruby aufzunehmen. Die Erzieherinnen hatten zwar kaum Erfahrungen mit Kindern mit Behinderung, die Leiterin wollte es aber gerne probieren. Anja und ihr Mann waren über diese guten Nachrichten erleichtert. Jetzt brauchten sie nur noch eine Einzelfallhilfe, da Ruby mittlerweile Pflegegrad 4 hatte und ohne Unterstützung nicht in die Kita gehen durfte. Sie suchten also nach einer Person, die Ruby mit dem Auto in die Kita fährt, wieder nach Hause bringt und vor allem in der Kita begleitet. Um zum Beispiel aus der Gruppe mit ihr zu gehen, wenn es ihr zu trubelig wird. Oder um sie auf die Toilette zu begleiten und aufpassen, dass sie nichts durcheinanderbringt.

Gleichzeitig sollte Ruby aber auch bewusst mit anderen Kindern in Kontakt gebracht und individuell gefördert werden. Zum Beispiel sollte sie üben, sich selbstständiger an- und auszuziehen. „Wir waren damals noch sehr naiv“, erzählt Anja, „Wir dachten: Wenn wir eine Einzelfallhilfe haben, dann ist das Problem gelöst. Dann haben wir diese eine Person, die Ruby bei allem unterstützt, das sie braucht.“

Nur noch Stress

Doch so einfach war es nicht: Nach neun Monaten mussten sie die Zusammenarbeit mit der ersten Einzelfallhilfe beenden. Sie weigerte sich zum Beispiel plötzlich, die Fahrten zur Kita und nach Hause zu übernehmen – obwohl das genauso abgesprochen war. Danach blieb Ruby drei Monate zu Hause. Die zweite Einzelfallhilfe bekam nach ein paar Wochen völlig überraschend von der Kita Hausverbot, weil sie nicht ins Team passe. Wieder musste Ruby zu Hause bleiben. Einige Wochen später fanden sie eine Tagesmutter mit älteren Kindern, die bereit war, Ruby aufzunehmen. Sie war sogar Autismus-Expertin. „Das war ein Sechser im Lotto“, sagt Anja. Ruby wechselte mit der alten Einzelfallhelferin zur Tagesmutter und gewöhnte sich dort ein. Die Gruppe verbrachte viel Zeit im Wald, die Ruhe und die Reizarmut dort taten Ruby sehr gut.

Bald kam die nächste Enttäuschung: Die zweite Einzelfallhelferin ließ sich wochenlang krankschreiben, auch mit ihr mussten sie die Zusammenarbeit beenden. Eine weitere Einzelfallhelferin wollte an ihrem Probetag Ruby nicht auf die Toilette begleiten, weil ihr das zu unangenehm war. „Die meisten Einzelfallhelferinnen, mit denen wir im Vorfeld gesprochen haben, hatten keine Ausbildung und waren vorher lange arbeitslos gewesen“, erzählt Anja. Es gäbe in diesem Job viele unqualifizierte Quereinsteiger und vielleicht wären ihre Erwartungen an sie auch zu hoch gewesen.

„Die vielen Zeiten, in denen Ruby zu Hause war, haben uns emotional total fertig gemacht“, erzählt Anja. Immer wenn es mit einer Einzelfallhelferin schwierig wurde, konnte sie Nächte lang nicht richtig schlafen und machte sich viele Gedanken. Beide ihre Jobs waren davon abhängig, dass die Betreuung von Ruby funktioniert. Mal blieb ihr Mann zu Hause und ließ sich krankschreiben, damit Anja arbeiten konnte. Doch oft blieb auch Anja zu Hause und versuchte ihre Aufträge nach hinten zu schieben oder am Abend abzuarbeiten. Denn Ruby musste rund um die Uhr beaufsichtigt werden. Außerdem ist sie kein Einzelkind: Im Haushalt leben noch ihre drei Jahre jüngere Schwester und ihr älterer Bruder, mittlerweile ein Teenager. Dass diese angespannte Situation nicht lange gut gehen konnte, war allen klar. „Irgendwann waren wir so erschöpft und haben gemerkt: Alles leidet darunter. Wir haben nur noch Stress.“

Entspannteste Zeit seit langem

War es denn wirklich ein so schwieriger und undankbarer Job, ihre Tochter in die Kita zu begleiten? Das hatte sich Anja in den letzten Monaten oft gefragt. Eigentlich musste es doch Spaß machen, gemeinsam mit den anderen Kindern in den Wald zu gehen. Immer wenn sie Ruby brachte, fühlte sie sich bei der Tagesmutter und den Kindern sehr wohl. „Irgendwann hat es dann bei mir Klick gemacht“, erzählt Anja. „Mir kam der Gedanke: Warum werde ich nicht einfach selbst Einzelfallhelferin?“ Sie schlug diese Idee der Tagesmutter, dem Sozialamt und dem Träger für Einzelfallhilfe vor – rechnete aber fest mit einer Absage. Denn all ihre bisherigen Lösungsvorschläge wurden immer abgelehnt. Doch zu ihrer Überraschung stimmten alle Beteiligten zu. So wurde Anja im März 2024 die Einzelfallhelferin ihrer Tochter. Leicht fiel ihr es nicht, ihren Job vorübergehend aufzugeben: „Meine Arbeit war mir immer sehr wichtig. Das war ein Riesenschritt für mich.“

Doch schon die ersten Tage genoss sie, es war richtig entschleunigend, berichtet Anja. Sonst saß sie tagsüber am Schreibtisch, schrieb Texte und produzierte Ergebnisse. Jetzt saß sie die meiste Zeit im Wald und war einfach nur da. Ohne dass sie etwas auf einer To-Do-Liste abhaken musste. Im Vergleich zu ihrem sonstigen Familienalltag mit Ruby war der Tagesablauf sehr entspannt. Die Tagesmutter kümmerte sich um Tagesprogramm und -struktur, Anja konnte sich auf Ruby konzentrieren. So wurde auch ihre Beziehung zu Ruby gestärkt: Zeit mit Ruby allein kam im Familien-Alltag mit den anderen Kindern sonst oft zu kurz. Es berührte Anja, wenn sie sah, wie Ruby in die Gruppe integriert wurde. Da Ruby nicht spricht, sollte sie lernen, über Bildkärtchen zu kommunizieren. Beim gemeinsamen Liedersingen suchte sie sich zum Beispiel eine Liederkarte aus, die Kinder sangen dann das Lied für sie.

Ihre Zeit als Einzelfallhelferin brachte Anja eine wichtige Erkenntnis: „Ich konnte nicht verstehen, warum es so schwierig sein soll, mit Ruby regelmäßig zur Tagesmutter zur gehen. Jetzt weiß ich: Es ist ein wirklich schöner Job.“ Ihr sei schon klar, dass sie als Mutter eine spezielle Perspektive hätte, weil sie mit Ruby sehr vertraut sei. Aber trotzdem seien die Rahmenbedingungen nicht schlecht, auch im Vergleich zu ihrer sonstigen Arbeit: „Aufgrund meines Hochschulabschlusses bekam ich 21 € pro Stunde. Vorbereitungsstunden, die ich zu Hause machte, konnte ich mir aufschreiben.“ Zudem sei es ein sehr sinnstiftender Job: Als Einzelfallhilfe könne man einen einzelnen Menschen unterstützen und intensiv kennen lernen.

Endlich willkommen

Seit September 2024 ist Anja wieder in ihren alten Job zurückgekehrt. Ruby besucht nun eine Förderschule, an der Kinder mit Behinderung willkommen geheißen und gezielt gefördert werden. Drei ausgebildete Fachkräfte betreuen sie hier in einer Gruppe mit sechs weiteren Kindern. Zusätzlich hat sie noch eine Einzelfallhelferin, die sie sich mit einem anderen Kind teilt. Ruby fühlt sich hier sehr wohl. Jeden Morgen freut sie sich auf die Schule, erzählt Anja. „Als ich sie morgens hingebracht habe, ist sie jauchzend ins Klassenzimmer gelaufen.“ Und auch wenn Ruby nachmittags gegen vier Uhr wieder zurückkommt, sei sie nach dem langen Schultag erstaunlich ausgeglichen.

Die Förderschule ist eine christliche Schule. Sie selbst sei keine Christin, sagt Anja. Doch schon oft habe sie positive Erfahrungen mit christlichen Einrichtungen gemacht, wenn es um ihre Tochter ginge. Auch die engagierte Tagesmutter, bei der Ruby zuletzt war, ist Christin. „Oft sind das Personen, die jeden Menschen einfach so nehmen wie er ist und ihn willkommen heißen“, stellt Anja fest. Das gehe ihr mit Ruby nicht immer so.

Für die nächste Zeit wünscht Anja sich, dass Ruby weiterhin gerne in die Schule geht und die Einzelfallhilfe bleibt. Denn wenn sie irgendwann mal länger ausfallen sollte, sagt die Lehrerin, müsse Ruby zuhause bleiben. Doch sie versucht gelassen zu bleiben, meint Anja: „Wir haben sehr engagierte Lehrerinnen, die sich für Ruby verantwortlich fühlen und gut mit uns kommunizieren.“ Ruby sei gerade gut versorgt.

Sarah Kröger ist Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Familie im digitalen Zeitalter? Eltern berichten von ihren Erfahrungen

Der Umgang mit digitalen Medien sorgt regelmäßig für Spannungen in Familien. Wie finden Eltern die Balance zwischen den Wünschen und Interessen der Kinder und guten Regeln? Drei Familien geben einen Einblick in ihre Erfahrungen.

Alternativen anbieten

Letztens hatte mein fünfjähriger Sohn eine schlaue Frage, auf die ich keine Antwort wusste. „Dann google doch mal“, war seine Reaktion darauf. Meine Tochter fragt mehrmals pro Woche, wann denn endlich Freitag sei, damit sie sich eine Kinderdoku aussuchen können. Puh, da sind wir also als Familie – angekommen in der digitalen Welt. Und dabei hatte ich doch, bevor ich überhaupt Kinder hatte, immer gedacht, wir würden unsere Kinder komplett medienfrei erziehen.

Als ich mit unserem dritten Kind schwanger war, musste ich mich dringend mittags hinlegen. Ich brauchte kurz meine Ruhe und habe den anderen beiden Kids oft etwas zum Schauen angemacht. Schnell haben wir gemerkt: Das ist zu viel. Die Kinder waren hinterher oft sehr aufgebracht, teils wütend, und die Zeit danach war dadurch ziemlich anstrengend. Seit einiger Zeit haben wir die Regel, dass die Kinder nur freitags etwas schauen dürfen. Das gibt uns als Familie Struktur und die Kinder empfinden es wieder als besonders, etwas sehen zu dürfen. Uns als Eltern ist hierbei wichtig, dass sie „nützliche“ Dinge schauen. So dürfen sie nicht wahllos aussuchen, was ihnen gefallen könnte, sondern wir geben die Auswahlmöglichkeiten. Und so wird meistens „Anna und die wilden Tiere“ oder „Checker Tobi“ geschaut. Hier kann man viel lernen und die Kids wissen hinterher mehr als wir.

Digitalität prägt unser Familienleben immer mehr. Unsere Kinder sind gerade noch klein und wir versuchen bei Nachfragen zur Medienzeit schöne Alternativen anzubieten, gemeinsam zu spielen und Zeit miteinander zu verbringen. Bisher klappt das ganz gut, allerdings mache ich mir oft Gedanken, wie es sein wird, wenn die Kinder größer werden. Wird mein Kind in der Schule mithalten können, wenn es keine Filme kennt oder noch kein Handy hat?

Doch eine Sache nehme ich mir immer wieder neu vor: Ich möchte für meine Kinder ein Vorbild sein. Denn wie soll ich ihnen vermitteln, dass sie sich doch lieber ein Buch oder Duplo-Steine schnappen sollen, wenn ich immer wieder mein Smartphone in der Hand habe? Seit ein paar Tagen lege ich immer öfter mein Handy bewusst in den Flur. Außerhalb meiner Reichweite und raus aus meinem Blickfeld. Und siehe da, ich kann wieder viel mehr im Hier und Jetzt sein und habe sogar angefangen, ein neues Buch zu lesen. Digitalität und die Nutzung von Medien sind nicht mehr wegzudenken. Und doch wünsche ich mir für meine Kinder und für uns als Familie, dass sie uns nicht bestimmen, wir immer wieder neu einen guten Mittelweg finden und Zeit miteinander immer noch den größten Reiz hat!

Maria Elter ist derzeit in Elternzeit und zu Hause als Vollzeitmama. Nebenbei engagiert sie sich in ihrer Gemeinde. Mit ihrem Mann und drei kleinen Kindern wohnt sie in Wetter.

Beim Zocken ins Gespräch kommen

Vor circa vier Monaten hatte ich die Gelegenheit, auf einem Digitalforum einen spannenden Vortrag der Schulleiterin Silke Müller zu hören. Darin wies sie eindrücklich auf die Gefahren hin, denen unsere Kinder heutzutage ausgesetzt sind. Dieser Vortrag hat mich in eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Thema digitale Medien gebracht. Klar weiß ich, dass ich mich und meine Kinder nicht der Nutzung in Gänze entziehen kann. Trotzdem habe ich gemerkt, dass ich im Alltag allzu schnell den Blick darauf verliere.

Als unser ältester Sohn sein erstes Handy bekam, begann unsere Auseinandersetzung damit, welches Endgerät das geeignete ist. Da bei Apple-Geräten schon von Haus aus eine gute Administration der Endgeräte auch für Kinder innerhalb der Familie möglich war, haben wir uns dafür entschieden. Über die Family Link-App kann man aber auch andere Endgeräte recht gut administrieren. Wir haben gemeinsam mit unserem Sohn in kleinen Schritten die Möglichkeiten des Handys entdeckt und erweitert.

Wenn ich jetzt auf diese Zeit zurückblicke, bin ich erschrocken, wie schnell der Wandel in der digitalen Welt ist. Da ist es für eine Familie, die ihre Kernkompetenz nicht im digitalen Bereich hat, nicht so einfach, Schritt zu halten. Ich versuche, immer wieder Zeit gemeinsam mit meinen Kindern mit den Medien zu verbringen, zum Beispiel beim Minecraft-Spielen. Oder ich lasse mir erklären, was bei EA Sports Neues passiert oder bei Animal Crossing oder Super Mario. Da ich auch gern mal zocke, fällt mir das nicht so schwer. Ich bin meiner Frau dankbar für die Zeit, die sie mir dafür einräumt. Es geht weit über das eigentliche Spielen hinaus, wenn ich beim Minecraft-Zocken an den Twitch-Sessions meines Sohnes teilhaben kann oder beim Spielen mit meinen Kids ins Gespräch komme. Diese Zeit empfinde ich als unendlich wertvoll.

Was mich in letzter Zeit allerdings aufhorchen lässt, ist die Tatsache, dass die jungen Menschen mit Hilfe der digitalen Welt mehr und mehr eine Parallelwelt erschaffen. Leute wie Trymacs oder Monte, Knossi oder Sascha hatten ihren Start in der digitalen Welt, haben jetzt aber mehr und mehr Einfluss auf unsere Gesellschaft. Oder die Baller League: Die Jungs stellen sich Fußballvereine zusammen und erschaffen einfach mal eine neue Fußball-Liga – nicht mehr nur in der digitalen, sondern in der realen Welt.

Wir als Eltern können nicht vor der Digitalisierung davonlaufen, sondern müssen uns die Zeit nehmen, gemeinsam mit unseren Kids in die digitale Welt einzutauchen, um den Anschluss nicht nur an die Digitalisierung, sondern auch an unsere Kids nicht zu verlieren. Nur so werden wir eine Atmosphäre schaffen, in der unsere Kids auch mit Themen, die sie beschäftigen oder bedrücken, zu uns kommen, um diese mit uns zu besprechen.

Peter Diehl ist Diplom-Sozialpädagoge und arbeitet als Bereichsleitung in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Mit seiner Frau und seinen vier Kindern lebt er in Ostfriesland.

Inspiration für das wirkliche Leben

Digital – wenn ich dieses Wort höre, merke ich, wie die Wut in mir aufsteigt. „Zeitfresser!“, denke ich mir. „Beziehungsräuber! Suchtfalle!“ Scheinbar jeder ist von diesem Virus befallen – ich mit eingeschlossen. Und schon sehe ich mich gedanklich in Alaska, in den Bergen im Wald, ein kleines Häuschen mit Garten, ein prasselndes Kaminfeuer. In der Natur wie die Amish leben. Ganz einfach ohne Technik, ohne Lärm, Hektik, Cancel Culture und Co. – back to the roots eben.

Ich ertappe mich dabei, wie ich wehmütig auf Zeiten zurückblicke, in denen digitale Medien nicht so viel Raum einnahmen. Bis mir wieder auffällt: „Ich bin hier. Im Hier und Jetzt!“ Dadurch sehe ich das viele Positive, das mit der Technik einhergeht: ermutigende Sprachnachrichten an Freunde in Not, die ins Ausland ausgewandert sind. Oder das wöchentliche Mama-Gebets-Treffen per WhatsApp, das live undenkbar wäre. Hörbücher, Predigten und Lobpreis im Auto, vor dem Einschlafen oder bei der Gartenarbeit sind kaum mehr wegzudenken.

Gerade vor Kurzem haben unsere Mädels eine tolle Stelle am Bach entdeckt. Inspiriert von Outdoor- und Survival-Serien, die wir als Familie gern gemeinsam schauen, wurden kurzerhand Handschuhe, Säge und Klappmesser eingepackt. Voller Eifer wurde gesägt, zu dritt wurden Baumstämme getragen und nach Dingen zum Zusammenbinden gesucht. Voller Freude (und auch ein bisschen Stolz) dachte ich daran, was wohl die Real Life Guys sagen würden, wenn sie unser tolles Shelter sehen könnten! Ein unvergessliches Erlebnis für alle. Eine Idee, deren Umsetzung und Erfolgserlebnis dank digitaler Inspiration möglich war.

Schon als unsere erste Tochter klein war, entschieden wir uns, Medienzeiten einzuführen. Filme, Serien und Ähnliches gibt es bei uns am Wochenende. Und wir schauen vorrangig gemeinsam. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. Mit der Oma schauen die Kinder gern dienstags die Naturdokus der ORF-Reihe „Universum“. Und auch das Binge-Watching der Serie „The Chosen“ erlauben wir. Ein ebenso wichtiger Punkt ist das gemeinsame Essen. Bei Tisch gibt es weder Handy, Radio oder Bücher. Dafür wird geplaudert, erzählt und nicht selten gelacht, geblödelt und gereimt.

Am Ende handhaben wir es so wie mit allen Dingen: Wir nutzen die Medien bedacht. Und wir reflektieren: Hast du das Handy? Oder hat es dich?

Astrid Magerle lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern (7 und 10) im Lavanttal in Österreich.

Patchwork-Papa: So gelingt das Leben in der kniffligen Konstellation

Benjamin Funk hat mit seiner Frau Alexandra eine ganze Familie geheiratet. Zu Alexandras drei Kindern kamen später noch drei gemeinsame hinzu. Er verrät, was ihm und seiner Familie in der Patchwork-Herausforderung hilft.

Ich knallte die Tür unseres Schlafzimmers mit voller Wucht zu. Mein Puls raste, mein Kopf glühte vor Wut. Unser damals 13-jähriger Ältester und ich hatten uns heftig in die Wolle bekommen. Auch er war stinksauer. Er hatte es geschafft, jede einzelne meiner Nerven zu strapazieren und jeden denkbaren Knopf bei mir zu drücken, bis ich schließlich explodierte. Meine Frau kam dazu, versuchte, mich zu beruhigen. „Wie konnte ich nur so die Kontrolle verlieren? Was denkt er sich eigentlich?“, schrie ich quer durchs Schlafzimmer, laut genug, dass es jeder im Haus hören konnte. Nein, so hatten wir uns das nicht vorgestellt. Ich war damals nach Israel ausgewandert, um eine Familie zu heiraten. Eine klassische Patchwork-Familie: Meine Frau brachte drei Kinder mit in die Ehe. „Du bist jetzt Vater von null auf hundert“, sagte sie mir liebevoll und mit einem Lächeln. 2016 war das Jahr meines Aufbruchs nach Israel. Ich wollte eine Familie gründen und hatte durch den Aufbau eines Kinder- und Familienzentrums in einem herausfordernden Bezirk in Salzgitter viele Erfahrungen sammeln können. Das gab mir Rückenwind. Zugleich hatte ich Respekt davor, eine Frau mit drei Kindern zu heiraten – besonders, weil es sich um eine komplett fremde Kultur und ein fremdes Land handelte. Ich hatte meinen Job in Deutschland aufgegeben, mein Haus und mein Auto verkauft. Der eigentliche Plan war der, dass wir alle zusammen zwei bis drei Jahre später nach Deutschland ziehen würden.

Dauerkämpfe statt gütlicher Einigung

Doch die Realität machte uns einen Strich durch die Rechnung. Unsere Beziehung wurde auf eine harte Probe gestellt. Der Ex-Mann und Vater der Kinder, gewalttätig und mit seinem narzisstischen Wesen eine Belastung für alle, hatte tiefe Narben hinterlassen. Bis heute kämpft er immer wieder erfolglos vor Gericht gegen uns, indem er falsche Geschichten mit fingierten Zeugenaussagen gegen uns hervorbringt. Keines der Kinder hat mehr Kontakt zu ihm.

Eins möchte ich an dieser Stelle einwerfen: Du wirst das Wort „Stiefkinder“ nicht finden. Denn für mich gibt es keinen Unterschied. Unsere Großen und die drei Jüngeren, die noch dazugekommen sind, sind für mich eins – meine Kinder. Nur wenn ich bereit bin, alle Kinder so anzunehmen, kann Patchwork gelingen. Wenn ein Ehepaar getrennte Wege geht oder ein Elternteil verstirbt, stellt das auch die Kinder vor riesige Herausforderungen. Oft kommt hinzu, dass die Kinder sich bereits an die Lebensumstände mit einem Elternteil gewöhnt haben, bis ein neuer Partner ins Leben kommt. In unserem Fall hatte der Älteste unbewusst väterliche Verantwortung übernommen. Das passiert oft, wenn der Vater wegfällt. Das machte mein Ankommen und den Start unserer Beziehung nicht einfacher. Hier kamen die schlimmen Erfahrungen aus seiner Kindheit, der Bruch mit seinem Vater und die Pubertät zusammen. Unsere Konflikte gingen oft an unsere Grenzen. Warum unsere Beziehung nicht an diesen Baustellen zerbrach, lag unter anderem an den klaren Absprachen, die wir als Ehepartner getroffen hatten. Auch hatten wir uns keiner Illusion hingegeben.

Kein Plan B

Alles begann mit klaren Entscheidungen ohne einen Plan B. Wenn wir Klarheit leben, nehmen die Kinder das genauso wahr. Als jemand, der in eine Patchwork-Familie eintritt, muss mir eines bewusst sein: Ich heirate nicht nur meine Partnerin, sondern auch ihre Kinder. Eine klare Entscheidung zu treffen, bietet zwar keine Garantie gegen ein mögliches Scheitern, hilft aber, größere Probleme zu vermeiden.

Ein wesentlicher Faktor für uns war, dass meine Frau mich während unserer Fernbeziehung, als ich nur in Abständen nach Israel reisen konnte, schon als ihren zukünftigen Ehemann vorgestellt und so klar Stellung bezogen hatte. Diese klare Positionierung war entscheidend dafür, dass ich in der Familie ankommen und in die Rolle als Teil dieser neuen Patchwork-Konstellation hineinwachsen konnte. Man muss sich aber im Klaren sein, dass die Kinder in der Regel keinen neuen oder anderen Elternteil haben wollen. Das ist nicht schlimm, sondern ganz normal.

Patchwork: „Du bist nicht mein Vater“

Dass ich nicht der Vater sei, musste ich regelmäßig am Anfang hören. Es kann verletzend sein. Aber als erwachsener und mündiger Mann kann ich das aushalten. In solchen Momenten galt es, Ruhe zu bewahren. Meine Antwort war dann: „Das stimmt, aber ich bin der Erwachsene und ich möchte, dass du jetzt aufräumst.“ Hierbei gingen meine Frau und ich Hand in Hand. In der Anfangszeit liefen die Kinder oft schnurstracks zu meiner Frau, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlten.

Es war mir aber auch wichtig, mich in das Kind hineinzuversetzen. Je nach Vorgeschichte ist in dem Kind eine Welt zerbrochen. In vielen Fällen trauern Kinder der Vergangenheit nach. Kinder haben eine Gabe: Sie können Konflikte verdrängen. Ein Vater bleibt ein Vater, auch wenn er ein schlechter Vater ist. In meiner Zeit in Salzgitter habe ich mit vielen Kindern zu tun gehabt, die von Vätern geschlagen und misshandelt wurden. Dennoch besuchten diese Kinder immer wieder ihre Väter, getrieben von der Hoffnung, dass sich diese eines Tages ändern würden. Das mitzuerleben war erschütternd. Deshalb kann ich ein Kind, das mir Ablehnung entgegenbringt, nicht verurteilen oder abweisen. Denn es hat vielleicht die Hoffnung, dass der Vater doch wieder zurückkommt oder sich ändern könnte.

Klare Entscheidung

Ein weiteres Geheimnis unseres Weges liegt darin: War ich zu streng oder hatte ich eine umstrittene Entscheidung getroffen, fiel meine Frau mir nie in den Rücken. Stattdessen besprach sie, wenn nötig, Dinge unter vier Augen mit mir. So stärkte sie meine Position und Autorität und half mir, in meine Rolle als Vater hineinzuwachsen.

Die Liste der möglichen Konflikte in einer Patchwork-Situation ist lang. Es ist offensichtlich, dass Kinder nur ungern ihre Mutter und deren Aufmerksamkeit mit einer neuen Person teilen wollen. Wenn zusätzlich Kinder vom neuen Partner hinzukommen, verstärken sich die Veränderungen noch deutlicher. Es ist ein Drahtseilakt zwischen Verständnis und Empathie einerseits und klarer Linie andererseits. So herausfordernd die Vergangenheit war: Wir als Eltern müssen eine Perspektive und Vision für unsere Familie finden.

Familien-Vision

Hand aufs Herz, Familie unter „normalen“ Umständen ist bereits eine Herausforderung. Deshalb haben wir als Ehepaar mit einem Bild gearbeitet, das uns half, unsere eigene Vision zu erkunden: Uns war es nicht gegeben, ein deutsches, stylishes Reihenhaus mit klaren Linien und solider Ausstattung zu gestalten. Wir kamen zusammen, als das Haus bereits im Bau war, durch Jahre geprägt und geformt, in guten wie in schlechten Zeiten. Deshalb ergab sich für uns ein Bild mit verschiedenen Wänden, großen und kleinen Fenstern, Rundungen – ein Kunstwerk, das in einer normalen Siedlung auffallen würde.

Dieses Bild half uns, unsere Erwartungen an uns und die Kinder in einem gesunden Rahmen zu halten. Ich kann von Kindern, die deutsch-israelisch sind, nicht erwarten, dass sie deutsche Tugenden erlernen und leben, nur weil ich in dieser Richtung gut konditioniert bin. Es gibt eine Menge Anekdoten, bei denen ich mit meinen Versuchen diesbezüglich kläglich scheiterte. Ich möchte aber auch nicht unerwähnt lassen, dass wir viele geniale Zeiten erleben.

Vorbilder für Vaterschaft

Auch wenn ich es erst jetzt anspreche: Wir sind Christen und sind überzeugt, dass wir nur mit Gottes Hilfe den Weg bis heute geschafft haben. In der Bibel finden wir nur wenig gute väterliche Vorbilder. Doch in Jesus finde ich ein Vorbild, wie Vaterschaft aussehen sollte. Gute Führung hat in der Familie immer Liebe als Grundlage und das Wohl meiner Nächsten zum Ziel. Dabei ist wichtig zu wissen: Meine Taten wiegen immer mehr als meine Worte. Besonders als Männer neigen wir dazu, den Part von Regeln und Vorschriften besonders ausgeprägt zu leben. Mir wurde erst mit der Zeit klar, was wirkliche Führung bedeutet. Dazu gehört, gemeinsame Erlebnisse und Qualitätszeiten zu schaffen, manhmal fünf gerade sein zu lassen, authentisch zu leben und vor allem den Kindern alle Zeit zu geben, auf mich zuzukommen. Auch liegt es in meiner väterlichen Verantwortung, Lebensqualität in die Familie zu bringen.

Eine Erkenntnis, die alles verändert

Ein Artikel, der eigentlich nichts mit Patchwork zu tun hatte, veränderte meine Sichtweise grundlegend. Es ging um die Herausforderungen, mit denen Pflege- und Adoptivkinder konfrontiert sind. Oft fühlen sich diese Kinder in ihren neuen Familien fremd. Sicher, die Prägung von klein auf ist entscheidend, aber auch genetische Faktoren spielen eine Rolle. Studien zeigen, dass leibliche Kinder eine natürliche Neigung haben, nonverbale Signale besser zu verstehen. Viele Pflegeeltern sind sich dessen nicht bewusst, wodurch die Kinder sich fehl am Platz fühlen. Da sie scheinbar nicht in das familiäre Gefüge, die gestellten Anforderungen passen, kämpfen sie ständig damit, Erwartungen zu erfüllen. Diese Erkenntnis hat mich zum Umdenken bewegt. Ich verstand, warum so mancher Konflikt entstanden ist.

Die härtesten Momente sind und bleiben jene, in denen ich scheitere und an meine Grenzen stoße. Manchmal wähle ich die falschen Worte, bin zu pedanktisch, wo Gelassenheit angebracht wäre, und zögere, wenn Handeln gefragt ist. Was soll ich sagen: Wir sind Menschen, und Fehler gehören dazu, auch wenn sie schmerzen. Vergebung ist dabei der Schlüssel – das beinhaltet auch, meine Kinder um Entschuldigung zu bitten, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Ebensowichtig ist es, mir selbst zu vergeben.

Patchwork-Papa zu sein ist ein Weg, der sich lohnt. Es ist eine ganzheitliche Aufgabe, herausfordernd und erfüllend. Als wir letztes Jahr Weihnachten mit unseren Kindern feierten und in die Runde fragten, wofür wir besonders dankbar sind, anworteten alle einstimmig, dass wir eine tolle und starke Familie sind. Jede Anstrengung, jede schlaflose Nacht, jeder Muskelkater vom Kinder-in-den-Schlaf-Schaukeln, jede Träne und der einelne Moment sind lohnenswert.

Bejamin Funk lebt mit seiner Frau Alexandra unf sechs Kinddern im Nordosten Israels.

Das Glitzerkind: Wenn ein Kind mit Begabung herausragt

Wenn eins der Kinder eine besondere Begabung hat, ist es für die Eltern nicht immer leicht, allen gerecht zu werden. Was es zu bedenken gilt, erklärt Pädagogin Stefanie Diekmann.

Wenn Julian (13) seinen Sportrucksack packt, hat er schon einen langen Schultag hinter sich – und noch viel vor sich. Während seine Geschwister Anne (10) und Lina (5) sich mit Freundinnen verabreden, kaut er an einem Müsliriegel und ruft ungeduldig: „Wer fährt mich heute?“ Lina brüllt: „Niemand! Ich will, dass Mama weiter mit mir Uno spielt!“ Schnell entspinnt sich ein Wortgefecht zwischen den Geschwistern. Ohne das Ende der Diskussion abzuwarten, werden Anne und Lina angetrieben, sich zu ihren Freundinnen aufzumachen, damit Mama Heidi sich ins Auto setzen kann. Papa Sascha kann dienstags nie. Und ausgerechnet am Dienstag haben die Mädchen keine Termine und eigentlich Zeit zum Spielen und Zuhause-Sein. Draußen dreht sich Anne um und zwinkert Julian versöhnlich zu: „Viel Spaß! Heute kein Foul, okay?“

Ungleichgewicht durch Begabung

Julians Fußballbegabung ist in den letzten zwei Jahren immer mehr zum Thema in der Familie geworden. Mittlerweile trainiert er viermal pro Woche in einem Stützpunkt – zusätzlich zum normalen Training. Und die ersten Vereine von weiter weg haben schon angefragt, ob Julian zum Probetraining kommen möchte.

Eine Begabung, die viel Organisation und Einsatz verlangt. Eine Begabung, die zwischen den Geschwistern ein Ungleichgewicht herstellt. Nicht weil die Schwestern nicht begabt sind, sondern weil ihre Gestaltung des Alltags und ihre Entwicklung der Persönlichkeit alltagskompatibler sind. Natürlich haben Julians Schwestern auch Hobbys, diese sind allerdings nur ein wöchentlicher Termin ohne große Folgen für das Familienleben. Ein Termin, der die Eltern nicht herausfordert, über weitgreifende Entscheidungen nachzudenken. Julians Eltern grübeln viel über seine Begabung. Ist es nicht ihre Pflicht, diese zu fördern? Was würde in ihrer Beziehung zum Sohn passieren, wenn sie ihn nicht unterstützen?

Sascha war früher Handballer. Er kann sich noch an das Gefühl erinnern, seinen Eltern unwichtig zu sein. In seinen 12 Jahren Handball-Leidenschaft haben sie nie auf der Tribüne gesessen. Seine Frau Heidi versucht, diesen Schmerz als Antrieb für Julians Unterstützung zu verstehen und gleichzeitig den Blick auf alle zu weiten: Wie geht es Anne? Was empfindet Lina, wenn der Alltag so stark auf Julian ausgerichtet ist? Was empfindet Julian, wenn seine Schwestern Neid ausdrücken und die Eltern durch die Mehrbelastung angespannt sind? Manchmal wird Lina weinerlich und klammert sich an Heidi. Nach einigen unschönen Szenen wird klar: Lina drückt so aus, dass ihr das Tempo zu hoch ist. Anne wird immer stiller und unsichtbarer. Sie hilft viel, ist verständnisvoll, räumt auf und es braucht viel Sensibilität, zu spüren: Das Kindliche verschwindet und ihre Bedürfnisse werden zurückgestellt.

Familien-Oasen

Die Eltern sind mehr und mehr zur Überzeugung gekommen, dass sie für alle drei Kinder Förderer sein wollen. Sie wollen bewusst hinsehen: Was beschäftigt unser Kind – unabhängig von Leistung und Leistungsbereitschaft? Und wie werden Werte, für die sie als Christinnen und Christen einstehen, sichtbar – in unseren Gesprächen, unserem Handeln und Gebeten? Was gelingt uns nicht und wo brauchen wir einander? Was, wenn Julians Begabung dazu führt, dass er fast keine Zeit mehr hat, in unsere Kirche zu gehen? Da ist Julian nun so ein Glitzerkind mit einer starken Begabung. Und es ist wie bei jeder Bastelarbeit mit Glitzerpulver: Alles andere bekommt Spuren vom Glitzer ab – unweigerlich.

Was hilfreich ist: Die Eltern planen immer wieder Oasen als gesamte Familie, in denen das Thema Fußball keine Rolle spielt. Das kann ein Schwimmbadbesuch sein. Oder ein Kochduell, bei dem die jüngste Schwester wegen des tollen Namens ihrer Punsch-Erfindung gewinnt. Und wenn es kracht oder der Alltag ein zu hohes Tempo hat, gibt es gemeinsame Gespräche am Tisch: Was brauchen wir als Familie, um gut miteinander leben zu können? Nach den ersten Monaten des Stützpunkttrainings wurde der Tonfall in der Familie immer gereizter und liebloser.

Bei einem Spaziergang wurde den erschöpften Eltern klar: Wir brauchen ein Unterstützernetzwerk – Menschen, die Julian fahren. Andere, die mal ein Abendbrot sicherstellen, wenn sowohl Sascha als auch Heidi bei einem Elterngespräch benötigt werden. Oder eine Anlaufstelle für die Mädchen, wenn mal niemand zu Hause ist. Erst schien es fast aussichtlos. Aber nach und nach trauten sich Sascha und Heidi, offener mit ihrer Suche zu sein. Der Opa blühte im Gespräch mit Julian auf. Für ihn sind die Zeiten im Auto keine Belastung – im Gegenteil. Den gelegentlichen Abendbrotdienst übernahm Dagmar, eine alleinstehende Frau aus der Gemeinde. Natürlich war es zunächst fremd, seinen Kühlschrank jemandem außerhalb der Familie anzuvertrauen. Aber Dagmar gehörte mit ihren Rezepten aus einer anderen Generation bald zum Familieninventar.

Das Loben neu lernen

Neben all den praktischen Themen wurde auch klar, dass Leistung ein sensibles Thema ist. Natürlich muss sich Julian anstrengen, seine Fitnessübungen machen und ja, ein Sieg ist großartig. Den zerknirschten Sohn liebevoll anzusehen, wenn die Mannschaft wegen seines Fehlpasses verloren hat, war für den sportbegeisterten Sascha zuerst eine Herausforderung. Gerade Anne möchte von ihren Eltern oft hören und spüren, wo sie richtig gut ist. Was sie kann. Wo sie sichtbarer ist als ihr Bruder. Die Balance zwischen dem Kleinreden von sportlichen Erfolgen – was Julian schmerzt – und dem Überhöhen der Flötenaufführung – was Anne sofort als Fake spürt – ist für Heidi besonders schwer. Sie musste das Loben neu lernen. Wem bringt ein „Gut gemacht!“ etwas? Will sie nicht eher vermitteln, dass alle von Gott Gesehene sind? Genau hinzusehen und nicht einfach kurz zu loben, hat das Bewusstsein für den anderen verändert.

Manchmal ist es nötig, im Auto vor dem Haus der Großeltern zu sagen: „Ihr wisst: Opa liebt Fußball und wir werden heute viel darüber reden!“ Lina nickt dann und sagt: „Ich weiß – heute ist Julians Glitzer-Stunde. Ist okay!“ Aber das Glitzerkind ist nicht mehr nur noch Julian, sondern jeder in der Familie schimmert schön!

Stefanie Diekmann ist Pädagogin und arbeitet als Gemeindereferentin in Göttingen. Sie hat drei erwachsene Kinder.

Experten erkären: Warum Kinder nicht nerven wollen!

Auch wenn es manchmal so scheint: Kinder haben nicht die Absicht, ihre Eltern zu ärgern. Aber sie setzen sich für sich selbst und ihre Bedürfnisse ein. Eva-Mareile und Hannsjörg Bachmann erklären im Interview das Prinzip der Gleichwürdigkeit.

Was verstehen Sie unter Gleichwürdigkeit?

Eva-Mareile Bachmann: Unter Gleichwürdigkeit verstehen wir eine innere Haltung, zu der wir uns als Erwachsene bewusst entscheiden. Es geht darum, jedem Menschen, egal welchen Alters, mit demselben Respekt zu begegnen, ihm dieselbe Würde zuzugestehen – von Geburt an. Das ist für viele eine neue Sichtweise. Traditionellerweise wird einem Erwachsenen in unserer Gesellschaft deutlich mehr Achtung entgegengebracht als einem Kind.

Hannsjörg Bachmann: Eine gleichwürdige Eltern-Kind-Beziehung beruht auf einer Liebes- und Vertrauensbeziehung. Sie beinhaltet, dass Eltern ihr Kind mit echtem Interesse, Wohlwollen und Empathie begleiten, fest davon überzeugt, dass ihr Kind immer sein Bestes gibt und sie nicht ärgern, nerven oder provozieren will – auch wenn es manchmal auf den ersten Blick so aussehen mag. Und dass auch schon kleine Kinder in vielen Bereichen kompetent sind und sich wünschen, in ihrer Individualität und als ganze Person gesehen, gehört und ernst genommen zu werden. Hier geht es ihnen ganz genauso wie den Erwachsenen.

Unterschiedliche Bedürfnisse

Haben Sie dafür ein praktisches Beispiel?

EMB: In vielen Familien gibt es morgens Streit. Die kleinen Kinder sind nicht rechtzeitig für den Kindergarten fertig, möchten sich in ihrem eigenen Tempo aber unbedingt selbst anziehen. Die Eltern fühlen sich unter Druck, weil sie pünktlich bei der Arbeit sein müssen. Alle elterlichen Ermahnungen, endlich schneller zu machen, verhallen scheinbar ungehört. Das Kind schreit und wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Bemühungen der Eltern, das Anziehen zu beschleunigen. Und die Eltern sind wütend oder enttäuscht, weil der Start in den Tag mal wieder so nervenaufreibend war. Das Kind ahnt nicht, dass sein Bedürfnis nach Selbstständigkeit mit den Bedürfnissen der Erwachsenen nach Effizienz oder Pünktlichkeit kollidiert. Außerdem fehlt ihm noch jegliches Zeitgefühl. Für Kinder sind deshalb elterliche Wut- oder Ärger-Reaktionen oft überhaupt nicht nachvollziehbar.

HB: Es lohnt sich zu fragen – und dann auch gut zuzuhören: Warum warst du eben so ärgerlich? Auch kleine Kinder können oft schon erstaunlich gut ausdrücken, was sie wütend gemacht hat. Im Kleinkindalter geht es oft um das Thema Selbst-Machen oder Allein-Machen. In dieser Lebensphase erleben Kinder oft mit großem Stolz, wie ihre Kompetenz in vielen Bereichen rasch zunimmt – und natürlich möchten sie diese neuen Fähigkeiten unbedingt weiter erproben, zum Beispiel beim selbstständigen Anziehen. Sie wehren sich, wenn sich Erwachsene hier einmischen. Sie kämpfen für sich und ihre Selbstständigkeit und nicht gegen ihre Eltern. Wir sprechen deshalb heute vom Selbstständigkeitsalter, nicht vom Trotzalter. Die Situation entspannt sich oft schon merklich, wenn man von diesen Bedürfnissen des Kindes weiß und ihnen Rechnung trägt, indem man beispielsweise mehr Zeit für das Anziehen einplant und sich nicht ungebeten in diese Prozesse einmischt.

Prinzip Gleichwürdigkeit

Worin unterscheiden sich Gleichwürdigkeit und Gleichberechtigung?

HB: Kinder und Eltern sind überhaupt nicht gleichberechtigt. Die Führung in der Familie liegt eindeutig und immer bei den Eltern. Nur sie verfügen über den notwendigen Überblick und die Erfahrung, um die Familie in eine gute Zukunft zu führen. Die Eltern tragen somit auch die erste Verantwortung für die Gestaltung der Eltern-Kind-Beziehung.

Gilt Gleichwürdigkeit für Kinder jeden Alters?

HB: Die Haltung ist immer dieselbe. Sie gilt für die Neugeborenen ebenso wie für die Kinder im Kita- und Grundschulalter, genauso für die jugendlichen oder erwachsenen Kinder. Das ist das Praktische: Wenn Eltern diese Haltung verinnerlicht haben, benötigen sie nicht für jedes Lebensalter neue Ratgeber. In jeder Situation geht es immer wieder neu um das echte Interesse am anderen – die Fähigkeit, sich in die Schuhe des anderen zu stellen, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und die Bereitschaft, aufmerksam zuzuhören und verstehen zu wollen.

EMB: Herausfordernde Äußerungen des Kindes oder des Jugendlichen – sie oder er ist wütend, rennt weg, schreit, erscheint aggressiv – müssen dechiffriert werden. Wenn ich den anderen mit Wohlwollen betrachte und davon ausgehe, dass er oder sie mir nichts Böses will, bleibt die Frage: Warum sonst könnte er sich so verhalten? Es braucht oft viel Geduld und Einfühlungsvermögen, um die Botschaft dahinter zu verstehen. Wichtig ist, in solchen Situationen in Beziehung zu bleiben und nicht aus dem Kontakt zu gehen. Ärger und Aggressivität sind oft Hinweise dafür, dass das Kind oder der Jugendliche davor verletzt, gekränkt, übersehen oder ungerecht behandelt worden ist.

Wünsche und Bedürfnisse

Bedeutet Gleichwürdigkeit, jedem Wunsch des Kindes nachzugeben?

HB: Nein. Auf keinen Fall! Eltern lernen gewöhnlich rasch, gut hinzuhören und auch zwischen Wunsch und Bedürfnis des Kindes zu unterscheiden. Wichtig ist, sich für die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes echt zu interessieren, sie verstehen zu wollen. Das bedeutet nicht, sie auch erfüllen zu müssen. Kinder sind oft schon zufrieden, wenn Mutter oder Vater klar signalisieren: Ich habe verstanden, was du gesagt hast, dein Wunsch ist bei mir angekommen, auch wenn sich diese Antwort mit einem Nein verbindet: „Heute Abend kannst du nicht mehr draußen spielen.“

EMB: Wie in jeder anderen Beziehung ist auch für Eltern Nein-Sagen erlaubt und unbedingt erforderlich. Jeder darf und muss Grenzen äußern. Und jeder hat unterschiedliche Ideen, Gefühle, Befindlichkeiten und Bedürfnisse – auch wenn sich daraus Konflikte ergeben und man damit umgehen lernen muss. Wichtig ist aber, dass sich jeder gesehen, gehört und verstanden fühlt und das Wohlwollen des anderen spürt. Dann ist die gefundene Lösung oft zweitrangig.

Eigene Prägung hinterfragen

Ist ein gleichwürdiger Umgang miteinander erlernbar?

EMB: Erfreulicherweise ja. In unserer Gesellschaft werden die meisten Kinder in Familien groß, in denen Eltern und Kinder nicht gleichwürdig miteinander umgehen. Viele der heutigen Eltern sind selbst noch eher autoritär erzogen worden und geben diese Haltung als das ihnen vertraute Erziehungsmodell an ihre Kinder weiter. Insbesondere in Konfliktsituationen, wenn bei allen die automatisierten Muster greifen. Dabei geht es zentral um Gehorsam, Funktionieren und Anpassung. Der Erwachsene definiert, was richtig oder falsch ist, und sorgt dafür, dass das Kind diesen Vorgaben folgt. Schimpfen, Kritisieren, Strafen oder manipulatives Belohnen oder Loben sind gängige Erziehungsmethoden. Die Erziehung steht im Vordergrund, nicht die gleichwürdige Beziehung. Viele Kinder erleben, dass sie klein gemacht werden – ein gesundes Selbstwertgefühl kann sich so nicht entwickeln. Und natürlich leidet auch die Beziehung zwischen Eltern und Kindern unter diesen Erfahrungen.

HB: Dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul ist es zu verdanken, dass die Haltung der Gleichwürdigkeit in den vergangenen Jahrzehnten eine Renaissance erlebt hat. Diese Haltung ist ja nicht wirklich neu. „Geh mit dem anderen so um, wie du selbst behandelt werden möchtest“, ist die alte biblische Formulierung von Gleichwürdigkeit. Trotz dieser Verankerung in der Bibel hat sich die gleichwürdige Haltung jedoch noch nicht durchgesetzt.

Wie kann man Gleichwürdigkeit in familiären Beziehungen umsetzen?

HB: Sehr einfach. Die Eltern beginnen damit, sie machen es vor. Sie reflektieren ihre eigenen – oft autoritären – Prägungen, Einstellungen und Verhaltensmuster kritisch und entscheiden sich für eine neue Haltung. Indem sie selbst erproben und vorleben, wie ein gleichwürdiger Umgang in den Erwachsenen-Beziehungen und in der Eltern-Kind-Beziehung aussieht, haben die Kinder ein neues Vorbild, an dem sie sich orientieren und das sie übernehmen können. Gleichwürdige Beziehungen fühlen sich warm, angenehm, herzlich und lebendig an, die Beziehungen bekommen eine ganz neue Qualität. Gleichwürdigkeit schafft Vertrauen und Offenheit. Wer gleichwürdige Beziehungen kennengelernt hat, möchte nie mehr darauf verzichten.

Das Interview führte Lisa-Maria Mehrkens. Sie ist Psychologin und Journalistin.

Dr. Eva-Mareile Bachmann ist Psychotherapeutin in eigener Praxis und Mutter von zwei Zwillingspaaren.

Prof. Dr. Hannsjörg Bachmann, geboren 1943, war 20 Jahre lang Leiter einer Kinderklinik in Bremen. Er machte Ausbildungen bei Jesper Juul und Karl-Heinz Brisch und ist Mitbegründer der „Familienwerkstatt im Landkreis Verden e. V.“.

Schicksal Sandwichkind?

Wie stark prägt die Geschwisterkonstellation die Persönlichkeit von Kindern? Daniela Albert räumt mit einigen Missverständnissen auf.

„Mama, ich habe es eigentlich am besten! Ich hatte immer irgendwen zum Spielen. Ich bin voll froh, das mittlere Kind zu sein!“ Na also, geht doch, denke ich mir, als mein Sandwichkind mir die Vorteile seiner Position inmitten seiner Geschwister erklärt. Normalerweise führe ich nämlich ganz andere Gespräche, wenn es um die Vor- und Nachteile geht, die dieses Kind, das gleichzeitig kleine und große Schwester ist, mit ins Leben nimmt.

Sandwichkindern haftet die Vorstellung an, dass sie von ihren Eltern oft übersehen oder vernachlässigt werden. Die Aufmerksamkeit der Eltern, so die These, wird eher vom ältesten und vom jüngsten Kind beansprucht. „Die Arme“, habe ich schon das eine oder andere Mal in Bezug auf unser mittleres Kind gehört. Doch wie arm sind Sandwichkinder wirklich? Und wie führungsstark und extrovertiert die Großen? Eine rebellische, unternehmungslustige Kleine hätte ich hier bei uns im Haushalt definitiv im Angebot – die Frage ist nur, ob das Zufall ist oder tatsächlich der Geburtenreihenfolge geschuldet.

Die fürsorgliche große Schwester

Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick in die Geschwisterforschung. Lange Zeit galten dort bestimmte Charaktereigenschaften, die sich durch die Position innerhalb der Familie ergeben, als erwiesen. Verschiedene Studien haben bestimmte Typen identifiziert. So scheinen die kleinen Brüder in einer reinen Jungs-Familie besonders wettbewerbsfreudig und ehrgeizig zu sein und eigentlich immer darauf aus, andere zu übertrumpfen. Große Schwestern hingegen gelten als besonders mütterlich und fürsorglich. Kleine Schwestern, besonders, wenn sie mit großen Brüdern aufwuchsen, sollen besonders weiblich sein und bei Männern zeitlebens einen Beschützerinstinkt wecken.

Du ahnst es: Solche Typen mögen zwar einst in Studien aufgefallen sein, doch sie eignen sich nicht besonders gut als Aussage über die Auswirkung der Konstellation der Geschwister. Vielmehr sind sie Kinder ihrer Zeit gewesen – denn viele dieser Erkenntnisse sind bereits 30 oder 40 Jahre alt, einige sogar noch älter. Erziehung fand in unserer eigenen Kindheit und besonders in der der Generation davor noch stark entlang von Geschlechtergrenzen statt. So war es zum Beispiel sehr wahrscheinlich, dass eine große Schwester von der Mutter auch Aufgaben im Bereich der Betreuung und Versorgung jüngerer Geschwister zugeteilt bekommen hat und sich so auch für diesen Bereich mitverantwortlich fühlte. Daraus ist eine prägende Erfahrung für das weitere Leben entstanden.

Die Erziehung von Jungs hingegen erfolgte wettbewerbsorientiert. Schon früh wurden sie dazu ermutigt, miteinander ihre Kräfte zu messen und sich bei Sport und Spiel zu übertrumpfen. Kleinere Brüder mussten sich hier doppelt und dreifach anstrengen. Meistens gelang es ihnen nicht, mit den Großen mitzuhalten. Es trotzdem immer wieder zu versuchen, kann für sie ein starker Antrieb gewesen sein – und darin gemündet haben, dass sie Zeit ihres Lebens mithalten oder besser sein wollten.

Der entscheidende Faktor

Heute haben wir eine größere Achtsamkeit entwickelt, was Rollenzuschreibungen und Aufgabenverteilungen innerhalb der Familie angeht. Jungs haben immer häufiger Väter als Vorbilder, die sich ebenfalls in der Kindererziehung und der Hausarbeit einbringen. Und Mädchen werden zu Hause genauso ermutigt, Leistung zu erbringen und sich etwas zuzutrauen, wie ihre Brüder dies seit jeher wurden. Doch bedeutet das, dass es im Kontext von moderner Erziehung egal ist, in welcher Reihenfolge wir geboren werden?

Nicht ganz. Denn zum einen mögen wir heute viele Klischees hinterfragt haben und uns in unserer Erziehung nicht mehr so sehr von traditionellen Rollenverständnissen leiten lassen – frei davon sind wir aber noch lange nicht. Auch heute noch müssen Töchter weit häufiger im Haushalt helfen oder die Betreuung der kleinen Geschwister übernehmen als Söhne. Bei Jungen werden Leistungs- und Wettbewerbsgedanken noch immer stärker gefördert, während wir Mädchen noch immer unbewusst beibringen, lieber bescheiden und zurückhaltend zu sein. Wir können aber festhalten, dass das Erziehungsverhalten von uns Eltern der entscheidende Faktor ist, wenn es darum geht, wie sich unsere Kinder entwickeln.

Geschwister – die längste Beziehung

Neben den eher geschlechtsspezifischen Eigenschaften, die durch Erziehung und den Platz in der Geschwisterkonstellation geprägt werden, gibt es ja auch noch die allgemeineren Vorstellungen davon, wie Kinder aufgrund ihrer Geburtsreihenfolge sein können. Was ist denn nun dran an den führungsstarken Ältesten, den teamfähigen Sandwichkindern und den rebellischen Kleinen?

Selbstverständlich hängt unsere Entwicklung auch davon ab, wie wir aufwachsen und welchen Platz wir in unserer Familie und unter unseren Geschwistern einnehmen. Die Geschwisterbeziehungen sind in der Regel die längsten und intensivsten Beziehungserfahrungen, die wir machen. Anders als die Beziehung zu unseren Eltern, die von einem starken Machtgefälle geprägt ist, sind Geschwisterbeziehungen mehr auf Augenhöhe. Unterschiede, die vor allem in den frühen Jahren bestehen, gleichen sich mit zunehmendem Alter mehr und mehr an. Und Hierarchien werden im Lauf des Lebens mehrfach neu verhandelt.

Ältere Kinder übernehmen in der Interaktion mit ihren jüngeren Geschwistern oft automatisch die Führung. Sie erklären Spiele, leiten ihre kleinen Brüder und Schwestern in sozialen Situationen an und sind Vorbilder. Die Jüngeren sind in diesem Konstrukt immer bestrebt, mit den Großen mitzuhalten, hinterherzukommen, dabei zu sein. Sie versuchen, das Gefälle, das es oft zwischen ihnen gibt, weil die Großen nun einmal mehr können und mehr dürfen, wettzumachen, indem sie sich besonders anstrengen. Manchmal machen sie Entwicklungsschritte dadurch deutlich früher, als es bei ihren großen Geschwistern der Fall war. Natürlich prägt auch all das die Persönlichkeit.

Die mittleren Kinder sind – wie meine Tochter es so schön beschrieben hat – die, die immer mit jemandem eng verbunden sind. Je nachdem, in welcher Entwicklungsphase sie sich gerade befinden, fühlen sie sich mal mehr den Älteren und dann wieder den Jüngeren zugehörig. Sie können auch als Bindeglied zwischen den Großen und Kleinen dienen, weil sie sich aufgrund ihrer Position in beide hineinversetzen können. Die ihnen zugeschriebenen positiven Eigenschaften Teamfähigkeit, Verhandlungsgeschick, Kompromissbereitschaft konnten gut erlernt werden.

Nicht in Schubladen stecken

Nur: Pauschalisieren kann man all dies nicht. Geschwisterkonstellationen haben einen Einfluss darauf, wie wir uns entwickeln, aber dieser ist weit weniger von der Geburtsreihenfolge abhängig, als lange Zeit angenommen. Vielmehr kommt es darauf an, was für Persönlichkeiten in unserer Familie miteinander leben und wie wir als Eltern mit unseren Kindern umgehen. Welche Rolle jemand in einer Familie einnimmt, ist von vielen verschiedenen inneren und äußeren Faktoren abhängig. Auch kann sich die Rolle der jeweiligen Kinder im Lauf des Lebens verändern. Wir sind nicht auf einen bestimmten Platz im Familiensystem festgeschrieben.

Als Eltern können wir einen großen Teil dazu beitragen, dass unsere Kinder nicht in Schubladen geraten, die vermeintlich an ihrem Platz in der Geschwisterreihenfolge hängen. Beispielsweise können wir Rollenklischees, die wir mit uns herumtragen, reflektieren und bewusst aufbrechen. Auch diese Fragen können wir uns stellen: Sehen wir unsere Kinder so, wie sie sind, und gehen wir entsprechend auf sie ein? Wie werden bei uns zu Hause Probleme besprochen, wie darf Streit ausgetragen werden, wo werden wir selbst als Vermittler zwischen unseren Kindern tätig? Schlagen wir uns unbewusst oft auf die Seite eines bestimmten Kindes? Haben wir Erwartungen an eines unserer Kinder, die wir an die anderen nicht haben? Fördern wir Konkurrenz zwischen den Geschwistern oder Kooperation?

Wichtig ist, dass wir im Hinterkopf behalten, dass wir es mit kleinen Menschen zu tun haben, die jenseits ihres Alters und der Frage, als wievielter sie in unsere Familie gekommen sind, gesehen und wertgeschätzt werden wollen. Mit kleinen Menschen, die in unserer Familie Übungsfelder brauchen, in denen sie ihre Fähigkeiten und Talente entfalten dürfen und auf denen ihre ganz eigene Persönlichkeit einen sicheren Platz hat.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin (familienberatung-albert.de). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel und bloggt unter eltern-familie.de

Geschwister – Warum die Konstellation nicht unser Schicksal ist

Wie stark prägt die Konstellation der Geschwister die Persönlichkeit von Kindern? Familienberaterin Daniela Albert räumt mit einigen Missverständnissen auf.

„Mama, ich habe es eigentlich am besten! Ich hatte immer irgendwen zum Spielen. Ich bin voll froh, das mittlere Kind zu sein!“ Na also, geht doch, denke ich mir, als mein Sandwichkind mir die Vorteile seiner Position inmitten seiner Geschwister erklärt. Normalerweise führe ich nämlich ganz andere Gespräche, wenn es um die Vor- und Nachteile geht, die dieses Kind, das gleichzeitig kleine und große Schwester ist, mit ins Leben nimmt.

Sandwichkindern haftet die Vorstellung an, dass sie von ihren Eltern oft übersehen oder vernachlässigt werden. Die Aufmerksamkeit der Eltern, so die These, wird eher vom ältesten und vom jüngsten Kind beansprucht. „Die Arme“, habe ich schon das eine oder andere Mal in Bezug auf unser mittleres Kind gehört. Doch wie arm sind Sandwichkinder wirklich? Und wie führungsstark und extrovertiert die Großen? Eine rebellische, unternehmungslustige Kleine hätte ich hier bei uns im Haushalt definitiv im Angebot – die Frage ist nur, ob das Zufall ist oder tatsächlich der Geburtenreihenfolge geschuldet.

Die fürsorgliche große Schwester

Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick in die Geschwisterforschung. Lange Zeit galten dort bestimmte Charaktereigenschaften, die sich durch die Position innerhalb der Familie ergeben, als erwiesen. Verschiedene Studien haben bestimmte Typen identifiziert. So scheinen die kleinen Brüder in einer reinen Jungs-Familie besonders wettbewerbsfreudig und ehrgeizig zu sein und eigentlich immer darauf aus, andere zu übertrumpfen. Große Schwestern hingegen gelten als besonders mütterlich und fürsorglich. Kleine Schwestern, besonders, wenn sie mit großen Brüdern aufwuchsen, sollen besonders weiblich sein und bei Männern zeitlebens einen Beschützerinstinkt wecken.

Du ahnst es: Solche Typen mögen zwar einst in Studien aufgefallen sein, doch sie eignen sich nicht besonders gut als Aussage über die Auswirkung der Konstellation der Geschwister. Vielmehr sind sie Kinder ihrer Zeit gewesen – denn viele dieser Erkenntnisse sind bereits 30 oder 40 Jahre alt, einige sogar noch älter. Erziehung fand in unserer eigenen Kindheit und besonders in der der Generation davor noch stark entlang von Geschlechtergrenzen statt. So war es zum Beispiel sehr wahrscheinlich, dass eine große Schwester von der Mutter auch Aufgaben im Bereich der Betreuung und Versorgung jüngerer Geschwister zugeteilt bekommen hat und sich so auch für diesen Bereich mitverantwortlich fühlte. Daraus ist eine prägende Erfahrung für das weitere Leben entstanden.

Die Erziehung von Jungs hingegen erfolgte wettbewerbsorientiert. Schon früh wurden sie dazu ermutigt, miteinander ihre Kräfte zu messen und sich bei Sport und Spiel zu übertrumpfen. Kleinere Brüder mussten sich hier doppelt und dreifach anstrengen. Meistens gelang es ihnen nicht, mit den Großen mitzuhalten. Es trotzdem immer wieder zu versuchen, kann für sie ein starker Antrieb gewesen sein – und darin gemündet haben, dass sie Zeit ihres Lebens mithalten oder besser sein wollten.

Der entscheidende Faktor

Heute haben wir eine größere Achtsamkeit entwickelt, was Rollenzuschreibungen und Aufgabenverteilungen innerhalb der Familie angeht. Jungs haben immer häufiger Väter als Vorbilder, die sich ebenfalls in der Kindererziehung und der Hausarbeit einbringen. Und Mädchen werden zu Hause genauso ermutigt, Leistung zu erbringen und sich etwas zuzutrauen, wie ihre Brüder dies seit jeher wurden. Doch bedeutet das, dass es im Kontext von moderner Erziehung egal ist, in welcher Reihenfolge wir geboren werden?

Nicht ganz. Denn zum einen mögen wir heute viele Klischees hinterfragt haben und uns in unserer Erziehung nicht mehr so sehr von traditionellen Rollenverständnissen leiten lassen – frei davon sind wir aber noch lange nicht. Auch heute noch müssen Töchter weit häufiger im Haushalt helfen oder die Betreuung der kleinen Geschwister übernehmen als Söhne. Bei Jungen werden Leistungs- und Wettbewerbsgedanken noch immer stärker gefördert, während wir Mädchen noch immer unbewusst beibringen, lieber bescheiden und zurückhaltend zu sein. Wir können aber festhalten, dass das Erziehungsverhalten von uns Eltern der entscheidende Faktor ist, wenn es darum geht, wie sich unsere Kinder entwickeln.

Geschwister – die längste Beziehung

Neben den eher geschlechtsspezifischen Eigenschaften, die durch Erziehung und den Platz in der Geschwisterkonstellation geprägt werden, gibt es ja auch noch die allgemeineren Vorstellungen davon, wie Kinder aufgrund ihrer Geburtsreihenfolge sein können. Was ist denn nun dran an den führungsstarken Ältesten, den teamfähigen Sandwichkindern und den rebellischen Kleinen?

Selbstverständlich hängt unsere Entwicklung auch davon ab, wie wir aufwachsen und welchen Platz wir in unserer Familie und unter unseren Geschwistern einnehmen. Die Geschwisterbeziehungen sind in der Regel die längsten und intensivsten Beziehungserfahrungen, die wir machen. Anders als die Beziehung zu unseren Eltern, die von einem starken Machtgefälle geprägt ist, sind Geschwisterbeziehungen mehr auf Augenhöhe. Unterschiede, die vor allem in den frühen Jahren bestehen, gleichen sich mit zunehmendem Alter mehr und mehr an. Und Hierarchien werden im Lauf des Lebens mehrfach neu verhandelt.

Reihenfolge der Geschwister

Ältere Kinder übernehmen in der Interaktion mit ihren jüngeren Geschwistern oft automatisch die Führung. Sie erklären Spiele, leiten ihre kleinen Brüder und Schwestern in sozialen Situationen an und sind Vorbilder. Die Jüngeren sind in diesem Konstrukt immer bestrebt, mit den Großen mitzuhalten, hinterherzukommen, dabei zu sein. Sie versuchen, das Gefälle, das es oft zwischen ihnen gibt, weil die Großen nun einmal mehr können und mehr dürfen, wettzumachen, indem sie sich besonders anstrengen. Manchmal machen sie Entwicklungsschritte dadurch deutlich früher, als es bei ihren großen Geschwistern der Fall war. Natürlich prägt auch all das die Persönlichkeit.

Die mittleren Kinder sind – wie meine Tochter es so schön beschrieben hat – die, die immer mit jemandem eng verbunden sind. Je nachdem, in welcher Entwicklungsphase sie sich gerade befinden, fühlen sie sich mal mehr den Älteren und dann wieder den Jüngeren zugehörig. Sie können auch als Bindeglied zwischen den Großen und Kleinen dienen, weil sie sich aufgrund ihrer Position in beide hineinversetzen können. Die ihnen zugeschriebenen positiven Eigenschaften Teamfähigkeit, Verhandlungsgeschick, Kompromissbereitschaft konnten gut erlernt werden.

Nicht in Schubladen stecken

Nur: Pauschalisieren kann man all dies nicht. Geschwisterkonstellationen haben einen Einfluss darauf, wie wir uns entwickeln, aber dieser ist weit weniger von der Geburtsreihenfolge abhängig, als lange Zeit angenommen. Vielmehr kommt es darauf an, was für Persönlichkeiten in unserer Familie miteinander leben und wie wir als Eltern mit unseren Kindern umgehen. Welche Rolle jemand in einer Familie einnimmt, ist von vielen verschiedenen inneren und äußeren Faktoren abhängig. Auch kann sich die Rolle der jeweiligen Kinder im Lauf des Lebens verändern. Wir sind nicht auf einen bestimmten Platz im Familiensystem festgeschrieben.

Als Eltern können wir einen großen Teil dazu beitragen, dass unsere Kinder nicht in Schubladen geraten, die vermeintlich an ihrem Platz in der Geschwisterreihenfolge hängen. Beispielsweise können wir Rollenklischees, die wir mit uns herumtragen, reflektieren und bewusst aufbrechen. Auch diese Fragen können wir uns stellen: Sehen wir unsere Kinder so, wie sie sind, und gehen wir entsprechend auf sie ein? Wie werden bei uns zu Hause Probleme besprochen, wie darf Streit ausgetragen werden, wo werden wir selbst als Vermittler zwischen unseren Kindern tätig? Schlagen wir uns unbewusst oft auf die Seite eines bestimmten Kindes? Haben wir Erwartungen an eines unserer Kinder, die wir an die anderen nicht haben? Fördern wir Konkurrenz zwischen den Geschwistern oder Kooperation?

Wichtig ist, dass wir im Hinterkopf behalten, dass wir es mit kleinen Menschen zu tun haben, die jenseits ihres Alters und der Frage, als wievielter sie in unsere Familie gekommen sind, gesehen und wertgeschätzt werden wollen. Mit kleinen Menschen, die in unserer Familie Übungsfelder brauchen, in denen sie ihre Fähigkeiten und Talente entfalten dürfen und auf denen ihre ganz eigene Persönlichkeit einen sicheren Platz hat.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin (familienberatung-albert.de). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel und bloggt unter eltern-familie.de