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„Weihnachten war Überleben“: Bruder nimmt sich an Heiligabend das Leben

Das Weihnachtsfest ist für den Gospelsänger Chris Lass mit einer Familientragödie verknüpft: Sein Bruder begeht am Heiligen Abend Suizid. Doch Chris findet einen Weg aus der Trauer – und bricht dabei mit allen Traditionen.

Das Weihnachtsfest 1999 war in vielerlei Hinsicht gewöhnlich. Das Wirtschaftsmagazin „Brand Eins“ titelte „Oh, My Holy Creditcard!“ und das Orkantief „Lothar“ verhagelte so manchem Feierwütigen die besinnlichen Abendstunden. Nicht so Familie Lass: In Bremen saß Chris mit seiner Familie im 17 Uhr-Weihnachtsgottesdienst, voller Vorfreude auf den Kartoffelsalat mit Bockwurst – den besten der Welt, klar! –, holte Oma zur Bescherung ab und zeigte, was er so im Klavierunterricht gelernt hatte. Christmas as usual also. So unbeschwert wie an diesem Abend sollte es trotzdem nicht wieder werden. Denn als sich Olli, Chris’ großer Bruder, an diesem Abend verabschiedete, ahnte noch keiner, dass sie ihn nicht mehr wiedersehen würden. Olli nahm sich in dieser Nacht das Leben.

Nie wieder so wie früher

Für den 15-jährigen Chris bedeutete es das Ende des kindlichen Weihnachten, wie er es kannte. Beim ersten Weihnachtsfest nach Ollis Tod hofften noch alle, es würde wie immer. Aber daran war angesichts der traurigen Erinnerung nicht zu denken. „So eine Situation verwirrt einfach alle“, sagt Chris heute mit Blick auf damals. Irgendwie hatte jeder seine Strategie, mit der Situation umzugehen. Die Familienrollen wurden neu verhandelt. Die Eltern kämpften mit der Trauer, Chris fühlte sich verantwortlich, für den „anwesenden Teil der Familie“ Atmosphäre zu schaffen. „Da fing ich an, zum jungen Erwachsenen zu werden und hab mir gesagt: Sorg dafür, dass es für deine Eltern angenehm wird. Für dich wird’s eh nicht geil.“

Einer fehlt immer

In den Folgejahren wurden die Rituale zu Ankern, an denen sich die Familie festhielt. Aber der Charakter von Weihnachten hatte sich ein für allemal gewandelt. „Weihnachten war kein fröhliches Fest mehr. Weihnachten war Überleben. Du kannst dich mental überhaupt nicht darauf einstellen, bis du das 2-3 Mal erlebt hast. Du guckst in die Runde und da fehlt halt jemand.“ Äußerlich änderte sich nicht viel, aber Olli war Jahr für Jahr mit im Raum – ob man über ihn sprach oder nicht. In dieser Zeit lernte Chris – eigentlich, wie er sagt, ein „sehr emotionaler Mensch“ –, seine Gefühle zu kontrollieren und den Raum zu geben, der ihnen zusteht. „Ich versuche mich da zu disziplinieren: Wenn ich nicht in dem Raum bin, in dem die Emotion wohnt, dann darf die auch nicht da sein. Also: Ende November ist noch nicht die Zeit, traurig zu sein. Denn es ist noch nicht Weihnachten.“ Den Advent über gibt er seinem Weihnachtsschmerz keinen Raum, spielt Gospelkonzerte und Firmenfeiern mit „Jingle Bells“ und „Chestnuts Roasting on an Open Fire“. An Weihnachten selbst sieht er den Schmerz in den Augen seiner Mutter. Weihnachten zerbricht in fröhliche Oberflächlichkeit und familiäre Traurigkeit.

Neuer Raum, neues Glück

Dann kommt Sandra in sein Leben und mit ihr der Wunsch, der bedrückenden Tradition ein Schnippchen zu schlagen. Der Wandel kommt mit einer Banalität: einem Raumwechsel. „Das ist ja einfachste Psychologie: Wenn du in den Raum gehst – also ganz im Sinne des Wortes –, dann hat dieser Raum Macht über dich. Du kannst nicht in die Kirche gehen und so tun, als wärst du in einer Disko. Der Raum diktiert dir, wie du dich benimmst. Da haben wir uns gedacht: Lass uns doch mal komplett diese Mechanik aushebeln und woanders hingehen.“

Bye Tradition

Weihnachten 2012 wird ihr Wendepunkt. Sandra und Chris entscheiden sich, Weihnachten diesmal anders zu feiern, und laden seine Eltern zum Abendessen in ein kleines Hotelrestaurant ein. Der Raum, der für gut 30 Personen Platz bietet, ist spärlich gefüllt. An einem zweiten Tisch sitzt ein Paar, außerdem noch ein Typ allein. Über allem der Geist der Weihnacht und Musik zwischen Sinatra und Remixes von Christina Aguilera. Die Stimmung: heiter. „Du beobachtest erstmal die anderen. Warum sind die denn wohl hier? Jeder, der Weihnachten in einem Hotel feiert, hat seinen Grund.“ Schnell kommt man ins Gespräch mit dem Kellner, der revanchiert sich mit einer 1A-Führung durchs Hotel. Chris isst Ente mit Rotkohl – wie der Papa. Und jeder fragt sich: Warum gab es über all die Jahre eigentlich Würstchen mit Kartoffelsalat? Familie Lass erlebt das erste Weihnachten in Freiheit.

Mehr tiefe Musik

Gleichzeitig häufen sich die Ereignisse, die Chris ins Nachdenken über den Wert des Weihnachtsfestes und der Weihnachtslieder bringen. Auf Betriebsweihnachtsfeiern spielt er als Chorleiter jahrelang „ganz stumpfe Weihnachtsmusik“, bis ihm einer aus dem Chor zurückschreibt: „Boah, ist aber schon ein bisschen flach, oder?“ Eine satte Ohrfeige. „Das tat mir richtig weh, weil mir bewusst war, dass die Songs, die wir spielten, mehr Entertainment als Theologie waren. Ich wusste gerade selbst nicht, wie ich diesen inneren Konflikt in mir auflösen sollte, und jetzt wurde voll mit dem Finger drauf gezeigt.“ Andererseits erlebt Chris die Kraft der Weihnachtshymnen, als eine Frau auf Umwegen erst in ein Gospelkonzert von Chris gelangt und dann in der Krise eben diesen Ort wieder aufsucht, an dem sie diese Form von Verbundenheit mit Christen erlebt hatte. Chris und sein Chor werden zu ihrer Taufe eingeladen, auf der sie dann die volle Story erfahren. „Da wurde mir bewusst: Die Frau kam in die Kirche, weil auf dem Plakat ganz schlicht ‚Weihnachtsgospel‘ draufstand. Das war nicht irgendwie tief, aber es war der Beginn ihrer Reise. Mir hat das Mut gemacht. Die Dinge müssen nicht immer ‚deep‘ sein, damit sie am Ende ‚deep‘ werden können.“

Weihnachten als Lebensthema

Für Chris ist das einer der Auslöser zu sagen: Weihnachten ist eines der Themen, zu denen er mehr beitragen kann, als er vermutet. Weil er sich an den Kern des „frohen Fests“ heranrobben musste. Und das tut er dann auch. So, wie es ihm am besten liegt: musikalisch. Seit 2010 ist er hauptberuflich im Musikbusiness unterwegs, arbeitet als Songwriter, Produzent, Sänger und Chorleiter. Zum Weihnachtsfest 2016 bringt er schließlich sein eigenes Weihnachtsgospelalbum heraus – teils mit bekannten Gospelsongs, aber es sind drei Eigenkompositionen dabei, in denen er sich mit dem Kern von Weihnachten auseinandersetzt. „Ein Kind wurde für dich und mich geboren“, heißt es im Song „Have you heard?“. Und: „Es bringt uns Hoffnung, die uns freimachen kann.“ Frei. Auch von der Trauer.

Weihnachten zelebrieren

Und jetzt? Chris und Sandra laden beide Eltern zu sich nach Hause ein. Chris wird vorher noch das Auto durch die Waschstraße schieben und den besten Anzug aus dem Kleiderschrank holen. „Früher dachte ich: Ich zieh mir doch jetzt keinen Anzug an, wenn ich gleich eh auf der Couch lande.“ Heute setzt er bewusst einen Kontrast zum Alltag. Kulinarisch bedeutet das Rehrücken oder Rumpsteak statt Bockwurst und Kartoffelsalat. „Damit werde ich mich nicht mehr zufrieden geben.“ Dafür aber mit „Feliz Navidad“. Denn Weihnachten ist inzwischen auch biografisch ein richtig frohes Fest.

Motorradunfall in Peru: „Ich habe meine Tochter verloren, aber nicht meinen Glauben.“

Vor einem Jahr starb Lara Barthel während eines Auslandsaufenthaltes. Ihre Mutter Anja schreibt darüber, wie sie diese schreckliche Zeit durchgestanden und was ihr geholfen hat.

Im Sommer 2018 empfinde ich eine ganz neue, ungewohnte Leichtigkeit. Meine Kinder sind jetzt 13, 17 und 18 Jahre alt. Im September möchte ich eine Ausbildung zur PTA beginnen, nachdem ich mich 18 Jahre lang außer Minijobs fast ausschließlich um Kinder und Haushalt gekümmert habe.

Alles ist gut

Ich bin stolz auf Lara, unsere älteste Tochter, die nun ihr Abitur, ihren Führerschein, große Lust auf das Leben und eine Menge Pläne hat. Am 23. August bringen wir sie zum Flughafen. Sie möchte für ein Jahr in einem Projektzentrum in Peru arbeiten. Dafür hat sie extra Spanisch gelernt. Sie wird sich dort für die Rechte der indianischen Völker, sozial benachteiligte Kinder und den nachhaltigen Umgang mit der Natur einsetzen und ist voller Vorfreude und Tatendrang. Lara kommt gut in Peru an, lebt sich prima in ihrer neuen Umgebung ein, hat weder Heimweh noch sonstige Schwierigkeiten. Sie meldet sich selten, schickt kaum Fotos, und ich möchte ihr nicht mit meiner Anhänglichkeit auf die Nerven gehen. Am 19. September, sie ist inzwischen seit vier Wochen in Peru, ruft sie mich zum ersten Mal per Videoanruf an. Auch ihre Geschwister sind da, und wir können über eine Stunde mit ihr sprechen. Es geht ihr ausgesprochen gut. Darüber bin ich sehr glücklich. Das Leben erscheint mir spannend und unbeschwert. Doch es sollte das letzte Mal sein, dass wir miteinander sprechen können.

Polizisten vor der Tür

Zwei Tage später ist es mit dieser Unbeschwertheit vorbei. Um 23:45 Uhr klingelt es an der Haustür. Mein Mann ist in Rom auf Klassenfahrt, die beiden Kinder schlafen schon. Ich öffne das Fenster und sehe zwei Polizisten. Im ersten Moment denke ich, dass ich falsch geparkt oder aus Versehen ein Auto angefahren habe. Sie fragen, ob ich Frau Anja Barthel sei und ob sie hereinkommen können.

Mir wird etwas komisch, aber noch befürchte ich nichts wirklich Schlimmes. Als sie im Hausflur stehen, fragen sie mich, ob ich eine Tochter namens Lara habe, die in Peru arbeitet. Vielleicht wurden bei Lara Drogen entdeckt, denke ich. Oder es gibt politische Unruhen. Aber mein Herz klopft schon gewaltig, und ich bekomme Angst. Dann sagen sie den fürchterlichen Satz, den ich nur aus Filmen kenne: „Wir haben eine traurige Nachricht für Sie …“ Es fängt in meinen Ohren an zu rauschen, meine Knie werden weich, ich hebe abwehrend die Hände und sage immer wieder „Nein, nein, nein …“ Ich weiß, was jetzt kommt. Nun weiß ich es sicher. Und da sagt der Polizist: „Ihre Tochter Lara hatte einen Motorradunfall. Sie ist tot.“

Im Schockzustand

Alles verschwimmt vor meinen Augen. Ich versuche, meine Augen aufzureißen, weil ich glaube, mich in einem Alptraum zu befinden. Ich fühle mich wie gelähmt und stumm. Ich kann mich nicht erinnern, was dann geschieht. Irgendwann sitzen meine Schwiegereltern bei uns im Wohnzimmer. Sie erscheinen mir um Jahre gealtert. Irgendwann kommen Nachbarn rüber, dann meine Freundin. Sie bleibt die ganze Nacht bei mir. Ich bin in einem absoluten Schockzustand. Die folgende Nacht ist die schlimmste meines Lebens. Ich schlafe nicht eine einzige Minute. Irgendwie erzähle ich es den anderen beiden Kindern. Ganz schonungslos.

Endlose Traurigkeit

Die folgenden Tage erlebe ich wie in Trance. Das Haus füllt sich, es kommen Freunde und Familie. Man stellt mir Essen und Trinken hin, sagt, ich solle schlafen. Aber ich kann nicht schlafen. Ich kann nicht essen. Ich kann nicht denken. Als mein Mann am Samstagmittag von der Klassenfahrt nach Hause kommt, wirft er sich auf den Boden und weint laut. Wir liegen uns mit den Kindern in den Armen und fallen in eine endlose Traurigkeit und Verzweiflung. Ich bin noch zu erstarrt, um richtig zu weinen. Man bringt mir Beruhigungsmittel, aber ich will sie nicht nehmen. Ich will alles, was jetzt kommt, ganz genau spüren, auch wenn es noch so weh tut.

Motorradunfall

Die ersten Tage übernehmen enge Freunde und Nachbarn Telefonate mit Versicherungen, Botschaft und Beerdigungsinstitut. Ich schaffe es auch nicht, entfernt wohnende Angehörige und Freunde über Laras Tod zu informieren. Meine Familie aus Süddeutschland trifft ein und kümmert sich. Mein Schwager findet über Facebook ein Video, in welchem von einem peruanischen Radiosender über den Unfall in Villa Rica berichtet wird. Lara befand sich als Beifahrerin auf einem Motorrad. Wegen eines entgegenkommenden LKWs wich die Fahrerin aus, wobei Lara gegen den LKW geschleudert wurde. Durch den Aufprall erlitt sie einen Genickbruch. Sie war sofort tot. Die Fahrerin überlebte schwerverletzt.

Ich sehe den riesigen LKW auf dem Bildschirm des Laptops, und ich sehe mein totes Kind auf der Straße liegen. Es ist furchtbar. Viele Menschen stehen dort herum, und mitten auf der Straße liegt mein Kind. Tot. Und ich kann nicht bei ihr sein. Wie soll ein Mensch das ertragen?

Zum allerletzten Mal

Die folgenden Tage lebe ich darauf hin, Lara noch einmal wiedersehen zu können. Am Abend des 2. Oktober kommt Laras Körper bei unserem Bestatter an. Wir wollen sie gern selbst ankleiden und in den Sarg betten. Doch nachdem der Bestatter den Zinksarg geöffnet hat, kommt er persönlich bei uns zu Hause vorbei und rät uns davon ab, Lara noch einmal zu sehen. Sie ist nun schon zwölf Tage tot, musste quer über die Anden transportiert werden und durch den Genickbruch und die anderen Verletzungen sei ihr Körper nicht in einem Zustand, den man uns zumuten möchte. Aber ich muss mein Kind sehen, um ihren Tod zu begreifen! Es ist mir egal, wie Lara aussieht. Wir einigen uns darauf, dass die Bestatter Lara ankleiden und sie so herrichten, dass wir uns am nächsten Tag von ihr verabschieden können.

Lara ist längt fort

Als ich Lara im Sarg liegen sehe, erkenne ich sie nicht wieder. Sie sieht nicht schlimm aus, nur ganz anders. Wir haben drei Tage hintereinander viel Zeit, um uns von ihr zu verabschieden. Ich kann sie sehen und anfassen und begreife, dass das der Körper meines Kindes ist. Aber Lara ist längst fort. Ich erkenne ihre Hände, ihr Muttermal am Bauch, ihre Augenbrauen. Aber ihr Körper ist mir fremd. Ich streichle über ihre wunderschönen, blonden Haare, ihr Gesicht. Es ist kaum etwas „kaputt“ an ihrem Körper, sie hat nur ein paar Schürfwunden und eine Verletzung am Ohr. Sie ist eiskalt. Alles an ihr ist schwer. Ich bin froh, dass ich mich so von ihr verabschieden kann, ihr noch mal nah sein kann. Dass ich sie noch mal berühren kann. Zum allerletzten Mal.

Und gleichzeitig ist so offensichtlich, dass Lara schon längst nicht mehr in diesem Körper ist, dass sie längst woanders ist, an einem schöneren Ort. Ich spüre, dass es ihr dort gut geht. Es wird mir nicht so schwerfallen, diese Hülle von ihr zu beerdigen. Die Vorstellung, mein Kind in die dunkle, kalte Erde hinunterzulassen, erschien mir zuvor unerträglich. Ich dachte, die Beerdigung könnte ich nicht überstehen. Doch nun weiß ich, dass ich es schaffen werde.

Ort des Trostes

Die nächsten Tage sind ausgefüllt mit den Vorbereitungen für die Beerdigung und den Abschiedsgottesdienst. Am Tag der Beerdigung bin ich ganz ruhig. Und ich bin überwältigt, als ich die vielen Menschen – etwa 500 – wahrnehme, die gekommen sind, um Lara auf ihrem letzten Weg zu begleiten.

Während des Abschiedsgottesdienstes vergieße ich keine einzige Träne. Danach wird Laras Sarg zu uns nach Hause gebracht. Von dort wird er von engen Freunden und Verwandten zum Friedhof getragen. Als der Sarg in die Erde hinuntergelassen wird, werde ich mir zum ersten Mal dieser Endgültigkeit bewusst. Der Schmerz ist kaum zu ertragen. Lara ist tot. Nie wieder wird sie zu uns nach Hause zurückkehren. Wir müssen uns nun von ihr verabschieden. Für immer.

Wir werden es gemeinsam durchstehen

Wir werfen Blütenblätter und Physalis hinunter auf ihren Sarg. Mein Mann, Mila, Silas und ich. Dann gehen wir zur Seite und bleiben neben Laras Grab stehen. Viele Menschen kommen zu uns, nehmen uns in den Arm und wünschen uns viel Kraft, diesen schweren Verlust zu überstehen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das durchstehen würde. Aber nun fühle ich mich getröstet. Jede einzelne Umarmung gibt uns Trost und Kraft, und ich bin zuversichtlich, auch wenn wir das Schlimmste erfahren müssen, was Eltern passieren kann: Wir werden es gemeinsam durchstehen.

Bei uns zu Hause hat die gesamte Nachbarschaft ein Zusammenkommen organisiert. Dort stehen Pavillons vor dem Haus, Tische und Bänke. Es gibt reichlich Essen und Trinken, und es sieht alles schön und einladend aus. Die Sonne wärmt uns mit ihren letzten, herbstlichen Sonnenstrahlen. Man meint, sie hätte ihre allerletzten Kräfte genau für diesen Tag aufgespart, um uns in unserer Trauer und unserem Schmerz zu wärmen. Es wird viel geredet und viel geweint. Und trotz all dieses ungeheuerlichen Schmerzes und der endlosen Trauer empfinden wir unser Zuhause mit all den nahestehenden Menschen und dieser liebevollen Nachbarschaft als einen Ort des Trostes und der Hoffnung.

Erinnerungen teilen

Was mir sehr geholfen hat, ist ein Buch von Roland Kachler („Meine Trauer wird dich finden“), der selbst einen Sohn durch einen Unfall verloren hat. Es erleichterte mich zu lesen, dass die Liebe niemals aufhört und ich weiter eine Beziehung zu Lara haben kann. Und so zweifle ich nicht mehr an meinen Gefühlen, sondern lasse sie zu, weil sie richtig sind. Außerdem hilft mir meine Familie, für die es sich lohnt, weiterzumachen. Ich habe noch zwei Kinder, die ich liebe und die mich brauchen. Und einen Mann, der mich liebt und den ich liebe. Außerdem freue ich mich über meine kleine Nichte Lina, die im Dezember geboren wurde und die zum Gedenken an unsere Tochter mit zweitem Namen Lara heißt.

Was mich trägt, ist die Hoffnung, dass wir Lara eines Tages wiedersehen. Ich habe meinen Glauben an Gott nicht verloren. Ich weiß nicht, warum Gott den Unfall nicht verhindert hat, aber ich vertraue ihm, dass er weiter für uns sorgt. Wenn alles nur glatt liefe auf dieser Welt, dann würde Gott uns nur wie Marionetten in einem Puppenspiel unsere Rollen spielen lassen. Ich habe mich für Gott entschieden, und ohne diese Entscheidung und ohne die Hoffnung, Lara wiederzusehen, könnte ich nicht weiterleben.

Menschen sind da

Was mich tröstet, sind all die lieben Menschen, die mich immer wieder anrufen und besuchen, die uns Mittagessen oder Kuchen vorbeibringen, die uns auf der Straße ansprechen und uns nicht aus dem Weg gehen. Die Verkäuferin aus dem Bioladen, die mich einfach in den Arm nimmt. Die Kieferorthopädin meiner Kinder, die mit einem Blumenstrauß vor unserer Tür steht und mir zum 42. Geburtstag gratuliert, den ich vergessen habe. Die Freundinnen von Lara, die mir so viel Schönes von Lara erzählen, was ich noch nicht wusste. Meine Nachbarin, die mir täglich eine Nachricht schreibt und mich mit guten Ratschlägen verschont.

Was es etwas leichter macht, ist, dass Lara keine Angst hatte, dass sie sofort tot war und nicht gelitten hat, und dass sie in den letzten Wochen ihres Lebens glücklich war.

An Laras Grab

Was mir gut tut, ist eine gute Balance zwischen Alleinsein und Zusammensein mit Menschen, die mir nahe stehen. Es hilft mir auch, über Lara zu sprechen und mich an schöne Erlebnisse mit ihr zu erinnern, auch wenn es gleichzeitig schmerzt. Ich bin auch gern an Laras Grab und mache dort alles schön. Nahe fühle ich mich Lara dort nicht. Ich kann auch nicht mit ihr reden. Aber ich zeige ihr meine Liebe, indem ich etwas einpflanze und schöne Blumen niederlege. Lara ist in meinem Herzen und überall um mich herum. Im Wind, in der Wärme der Sonne. Bei Gott. Eine konkrete Vorstellung davon habe ich nicht, aber ich habe das Vertrauen, dass es ihr bei Gott gut geht.

Was den Schmerz lindert? Der Schmerz kann durch nichts gelindert werden, er wird mich mein Leben lang begleiten. Ich will ihn auch gar nicht loswerden, weil ich mich durch ihn mit Lara verbunden fühle. Ich glaube nicht, dass ich einmal wieder richtig glücklich werde. Zu viel wurde mir genommen. Ich freue mich über Mila und Silas und meinen Mann und gute Freunde. Aber ich glaube nicht, dass ich jemals wieder tiefes Glück empfinden kann.

Ein besserer Mensch

Was sich verändert hat: Es kamen neue Menschen in unser Leben, und andere sind verschwunden. Zu sehr hat es mich verletzt, dass einige Menschen sich nie wieder gemeldet haben. Kleinigkeiten regen mich nicht mehr auf. Früher habe ich mich ständig geärgert oder aufgeregt, doch nun nehme ich diese Dinge gar nicht mehr wahr. Ich bin langsamer, aufmerksamer, geduldiger, demütiger, nachsichtiger und verständnisvoller geworden. Eigentlich bin ich ein besserer Mensch geworden und finde es tragisch, dass ich dies erst wurde, nachdem ich mein Kind verloren habe.

Was verletzt, sind Menschen, die uns aus dem Weg gehen, als hätten wir eine ansteckende Krankheit, und Leute, die meinen, uns Ratschläge geben zu müssen.

Briefe an Lara

Die Zukunft ist ungewiss. Ich habe zu viel verloren und habe niemals im Leben die Sicherheit, dass nicht noch ein weiterer Verlust folgt. Ich habe Angst. Wenn mein Sohn den Motorradführerschein hat, werde ich immer Angst haben, wenn er unterwegs ist. Aber ich will ihn mit meiner Angst auch nicht behindern, Dinge zu tun, die er gerne tun möchte. Ich habe Angst vor dem Zeitpunkt, an dem auch unsere jüngste Tochter auszieht und ihre eigenen Wege geht. Angst vor Einsamkeit. Aber ich vertraue weiter auf Gott, dass er mich trägt und mir einen Weg zeigt, den ich gehen kann. Meine Ausbildung zur PTA werde ich nicht fortsetzen. Mir fehlt die Kraft dazu. Ich brauche viel Zeit und Ruhe, schlafe und lese viel, und ich schreibe Briefe an Lara und schreibe meine Träume auf. Diese intensive Zeit der Trauer ist wichtig für mich. Ich möchte sie mir nehmen. Mein Mann hat fünf Wochen nach Laras Tod wieder angefangen zu arbeiten. Ihm tut die Ablenkung gut. Die Kinder sind eine Woche nach Laras Tod wieder zur Schule gegangen. Sie wollten das und es tut ihnen gut, eine Tagesstruktur und Aufgaben zu haben.

Die Liebe ist das Wichtigste

Der Glaube an Gott ist wichtig, und das Vertrauen, dass er es gut mit uns meint. Auch wenn wir manches nicht verstehen. Und die Hoffnung ist wichtig. Die Hoffnung auf ein ewiges Leben, und dass wir Lara eines Tages wiedersehen. Aber die Liebe ist das Wichtigste im Leben. Und das Füreinanderdasein. Das habe ich gelernt.

Für die Liebe lohnt es sich zu leben. Denn sie hört niemals auf. Sie bleibt bis in alle Ewigkeit.

Anja Barthel ist seit 20 Jahren verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie ist gelernte ländliche Hauswirtschafterin, zur Zeit Hausfrau und Mutter und lebt in Velbert.

„Meine Gefühle stritten mit meinem Glauben“

Ihr Kind zu begraben, hat Regina Neufelds Glauben an Gott, an einen guten, fürsorglichen Gott, stark erschüttert. Und dann gestärkt. Doch um zu dieser neuen Tiefe zu gelangen, musste sie den Zerbruch zulassen und sich den unangenehmen Fragen stellen, die sie als „gute Christin“ eigentlich nicht denken wollte.

Sechs Jahre ist es nun her. Wir hatten uns so auf unser drittes Kind gefreut. Und dann der Schock: Samuel hatte einen Herzfehler und andere Fehlbildungen. In der 34. Schwangerschaftswoche wurde er per Kaiserschnitt geholt und unsere Welt hörte auf, sich zu drehen. Er war zwar stabil, doch die Diagnose Trisomie 18 sagte uns, dass er nicht lange bei uns bleiben würde.

Wir haben gebetet. Viel gebetet. Und auch unsere Familien, Freunde, Bekannten und Menschen, die wir gar nicht persönlich kannten, haben für Samuel gebetet. Dass er gesund zur Welt kommen würde. Doch das ist er nicht. Dass er bald nach Hause kommen würde, um Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Doch auch diesen Wunsch hat Gott uns nicht erfüllt. An Tag 54 ist er vom Krankenhaus aus in den Himmel geflogen. Warum, Gott? Warum war Samuel krank? Warum hatten wir so wenig Zeit?

BETROGEN UND LEER

Ich kann die Menschen nur zu gut verstehen, die sagen, dass sie nach einer solchen Erfahrung nicht mehr an einen guten, liebenden Gott glauben können. Die Wahrheit ist: Wir sahen einfach keine Alternative. Wohin hätten wir gehen sollen? Wir wussten rein rational, dass Gott der Einzige war, der uns halten konnte, obwohl wir uns noch nie so von ihm im Stich gelassen fühlten. Meine Gefühle stritten mit meinem Glauben und ich musste entscheiden, welchen Weg ich einschlagen wollte.

Ich zog mich stark zurück in das dunkle Tal und wollte weder Menschen noch Gott an mich heranlassen. Enttäuschung, Verzweiflung und Wut konnten jedoch nicht meine Sehnsucht nach Gott auslöschen. Ich habe mich danach gesehnt, verstanden und gehalten zu werden. Mein Mann und unsere Kinder Benjamin und Hannah waren ein großer Trost für mich, aber sie konnten mich nicht dort erreichen, wo der Schmerz am größten war. Ich lag einfach da in dieser Dunkelheit, sah keinen Lichtstrahl und weinte und wurde dabei noch von meinem schlechten Gewissen geplagt, weil ich gegen Gottes Weg für mich rebellierte. Schließlich dienen denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten (nach Römer 8,28). Er weiß, was er tut. Er ist alles, was ich brauche. Und doch fühlte ich mich betrogen und leer.

IM DUNKLEN TAL DES TODES

Die Dunkelheit drohte, mir den letzten Lebensmut zu entreißen. Immer wieder versuchte ich, mich aufzurappeln und weiterzumachen mit dem Leben. Doch diesmal war nichts mehr da. Keine Kraft, keine Hoffnung. Plötzlich spürte ich einen starken Arm um meine Schultern. Eine warme Hand wischte mir die Tränen von den Wangen. Gott saß neben mir im Staub. Ich versuchte, mich aufzusetzen, doch ich war zu schwach. Trotzdem meinten meine geschwollenen Augen, dass es etwas heller geworden war. Gott wartete. Sagte nichts. Er hielt mich. Hielt mich aus. Mein Weinen, mein Schreien, mein Schweigen. Erst als ich mich etwas beruhigt hatte, umfasste er meine Hand und zog mich ein Stück höher. Mit der Zeit spürte ich mich wieder. Ich versuchte aufzustehen, und er stützte mich. Dann wagten wir den ersten Schritt. Wir kamen nur langsam voran, doch er drängte mich nicht. Er blieb dicht an meiner Seite und stützte mich. Der Weg hinaus aus diesem dunklen Tal war lang. Die Verzweiflung meldete sich wieder. Doch ich wusste: Mit Gott an meiner Seite würde ich es schaffen. Irgendwann würde ich wieder Licht sehen. Ich würde wieder leben. Ich würde wieder lachen.

Es ist meine Entscheidung, ob ich im Dunkel liegen bleibe oder mir aufhelfen lasse und dabei sage: „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“ (Psalm 73,23-26)

EIN LEBEN IN ALLEN FARBFACETTEN

Heute lebe ich mit einer tiefen Lebensfreude und mit Dankbarkeit im Herzen. Mein Glaube ist fester und weiter als vor Samuels Tod. Nicht aufgrund einer Leistung oder weil ich so stark wäre. Im Gegenteil. Ich hatte komplett aufgegeben, die Kontrolle losgelassen, meine Schwäche zugelassen. Und da war Gott. Mitten in meinem Leid. Gottes Gegenwart und Stärke in meiner Leere.

Kein strenger Blick, sondern mitfühlende Tränen. Als ich in seine Augen blickte, wurde das Warum immer kleiner, das Schwarz wurde – langsam – zu grau. Und heute ist mein Leben voller Farben – kräftige neben Pastelltönen, hier und da dunkle Schattierungen. Manchmal erlebe ich auch heute noch einen grauen oder tiefschwarzen Tag. Die Sehnsucht nach meinem Sohn raubt mir immer noch den Atem. Doch ich bin nicht allein. Gott versteht mich. Er hält mich. Und das genügt. Ich muss es nicht verstehen. Ich muss es nicht gut finden und ganz sicher nicht dafür dankbar sein. Stattdessen darf ich fühlen, was ich fühle und werde dabei ausgehalten, festgehalten und wieder hochgehoben.

GOTT IST GRÖSSER ALS MEIN WARUM

Ich glaube an Gott und seine grenzenlose Liebe. Nicht weil ich ihn verstehe oder es inzwischen leichter geworden wäre. Sondern weil er da ist, ohne mich zu drängen oder etwas von mir zu erwarten. Er gibt mir Zeit und hält meine Fragen und Klagen aus. Ich darf schwach sein. Ich darf wütend sein. Ich darf trauern. Meine Tränen sind Zeugen davon, dass die Liebe zu meinem Kind größer ist als der Tod. Und das ist auch mein Glaube, der sich auf das Wissen stützt, dass Gott auch dann bei mir ist, wenn ich ihn weder erlebe noch spüre. Er ist mitten in meinem Schmerz, tiefer als meine Wut und größer als mein Warum. Darum glaube ich noch immer.

Regina Neufeld

Regina Neufeld. Foto: Mel Erdmann

Regina Neufeld ist Autorin, Referentin und Bloggerin. Sie ist Ehefrau und Mutter von vier Kindern, drei auf der Erde und eins im Himmel. Über den Umgang mit Samuels Tod hat sie ein Buch geschrieben: Viel zu kurz und doch für immer. (Gerth Medien)

9 Jahre Loveparade-Tragödie: So erlebte ein Feuerwehrmann die Katastrophe

Branddirektor Jörg Helmrich hat Dienst, als bei der Duisburger Loveparade am 24. Juli 2010 eine Massenpanik ausbricht und 21 Menschen sterben. Zum Jahrestag kehrt er an den Katastrophenort zurück.

Möglichst schnell raus aus diesem Tunnel! Das ist der erste Impuls. Die Straße hindurch ist zweispurig, rund 300 Meter lang, die Decke flach und gewölbt. Es ist dunkel, Fahrzeuge rauschen vorbei, der Geräuschpegel enorm hoch. Dann kommt der Durchlass, nicht besonders groß, nur etwa zehn große Schritte breit, ungefähr die Distanz, die ein Fußball-Schiedsrichter zur Abmessung eines Freistoßes abschreitet. Hier war 2010 der Zugang zum Loveparade-Gelände.

Gleich links liegt die Gedenkstätte. Die Fläche, etwas mehr als 20 Meter lang, 10 Meter breit, Kopfsteinpflaster, läuft keilförmig zu. Eine große Menschenmenge auf engem Raum wurde 21 Menschen zum tödlichen Verhängnis und hat etwa 650 (namenlos) Verletzte hinterlassen. Rechts vor einer meterhohen Betonwand stehen zwei lange Bänke; gegenüber liegt die eigentliche Gedenkstätte. Ein abgeknicktes Verkehrsschild „Vorfahrt gewähren“. Geharkte Kiesrabatte, Gedenk-Steine, Kerzen, Blumen, Fotos. Eine Schrifttafel klagt die „profit- und konsumorientierte Spaßindustrie“ an. Treppenförmig sind Fotos und Namen der 21 Todesopfer auf einer rostbraunen Stahltafel angebracht; „Liebe hört niemals auf“ steht in 7 Sprachen darauf geschrieben. Rechts führt eine schmale Steintreppe nach oben – die für viele der letzte Fluchtweg, für die Opfer am Ende unerreichbar war. Auf jeder Stufe stehen ein Blumentopf und ein Holzkreuz. Ein paar Meter weiter noch einmal 21 Kreuze auf einer schwarzen Fläche, die auf einem Stück Metallzaun montiert ist – Teil des Trennelement-Systems, das die Menschenmassen hätte aufteilen und schützen sollen. Eigentlich.

Das Drama vor der Partymeile

Jörg Helmrich ist Branddirektor bei der Duisburger Feuerwehr. An diesem 24. Juli 2010, einem Samstag, hat er Dienst. Wie alle seine Kolleginnen und Kollegen. Urlaubssperre. Die Stadt rüstet sich für den Ansturm der riesigen Technoparty. Die Veranstalter sprechen von einer Million erwarteten Gästen – was nicht mehr als ein Werbe-Spruch ist, erklärt Helmrich (54): „Das wäre schier unmöglich gewesen: Duisburg hat nicht mal 500.000 Einwohner – die doppelte Menschen-Zahl auf einem überschaubaren Gelände, das war schlicht unvorstellbar.“ Tatsächlich kommen rund 200.000 Menschen zum Tanzen in die Ruhrstadt.

Immer noch eine schwer zu kalkulierende Großveranstaltung „mit hohem Lampenfieberpotenzial“, erinnert sich Helmrich. Bei der Lagebesprechung morgens im Stab der Feuerwehr sind einerseits alle „mit allen Nervenbündeln dabei“, sie wollen ihren „Job so gut wie möglich machen“. Andererseits klingt die „sehr detaillierte Vorplanung“ so durchdacht, mit verschiedenen Notfallszenarien, dass es wirkt, „als könnte es funktionieren“. Mehrere tausend Einsatzkräfte aus der Umgegend sind in Rufbereitschaft, die Duisburger erhalten massive Unterstützung aus Nachbarstädten: „Wir waren aus unserer Sicht sehr gut aufgestellt – bei einer allerdings ständig mitschwingenden Nervosität.“ Wäre die Loveparade wie geplant verlaufen, „wären wir alle in den frühen Morgenstunden mit High Five nach Hause gegangen, hätten uns gefreut – den Einsatz haben wir gerockt – und uns die nächsten vier Wochen ‚in die Eistonne‘ gelegt“, lächelt Helmrich nachdenklich. Es kam anders.

„Irgendwas läuft ganz gehörig aus dem Ruder!'“

Jörg Helmich

Branddirektor Jörg Helmrich vor den Silhouetten, die in Gedenken an die Opfer des Loveparade-Unglücks an Tunnelwände gemalt wurden. Foto: Jörg Podworny

 

An die heutige Gedenkstätte schloss sich früher die Rampe zum Festivalgelände, einem ehemaligen Güterbahnhof, an. Anstelle der Rampe folgt man heute einem kleinen Aufstieg, der zwischen gepflegten Kies- und Blumenbeeten hindurch führt und ein paar Meter weiter oben auf einer kleinen Freifläche an einem brusthohen Zaun endet, der den Blick auf die Partymeile von 2010 freigibt, die eingebettet ist zwischen Hauptbahnhof, ICE-Trasse und der Autobahn A 59.

Jörg Helmrich nimmt das Gelände am Unglückstag um 15 Uhr in der Nähe der ICE-Trasse selbst in Augenschein. Man kann dort dicht mit dem Pkw heranfahren und hat einen guten Überblick über das Gelände. „Die Besucherzahlen waren da noch sehr übersichtlich. Mit nicht viel Mühe hätte man alle einzeln zählen können.“ Das ändert sich in den nächsten anderthalb Stunden dramatisch. In der Stabsstelle blickt Helmrich auf einmal auf „Bilder, die mir sagten: Irgendwas läuft ganz gehörig aus dem Ruder!“

Um den Besucherstrom zu dirigieren, wurden die Partygäste vom Bahnhof über einen Umweg erstmal um das Gelände herumgeführt, um sie von beiden Tunnelköpfen aus auf das Festgelände zu leiten. Aus der Menschenmasse sollte – so der Gedanke – ein „Bandwurm“ werden, der die Menge so kanalisierte, dass es eigentlich „gar nicht zu einer Gedränge-Situation kommen durfte“, erzählt Helmrich, „trotzdem ist das Drama passiert“, schüttelt er immer noch ungläubig und ohne wirkliche Erklärung den Kopf.

Scham und Angst: Die Monate danach

Mit beiden Armen und schwankendem Oberkörper zeichnet er die wogende Menschenmasse nach, in der Einzelne nicht mehr Herr des eigenen Körpers sind, sondern im Rhythmus der Masse mitgehen müssen – und um Himmels willen nicht ins Straucheln geraten dürfen!

Er ist nicht oft hier, gesteht der Branddirektor, der heute in Zivil an der Gedenkstätte steht. „Ich meide den Platz – nicht aktiv, aber ich such auch nicht die Begegnung“, räumt er ein. Aber die Verantwortlichen der Stadt haben schnell erkannt, dass sie „der Trauer auch einen Raum geben“ und „einen Ort für Angehörige“ schaffen müssen, an dem sie Abschied nehmen und trauern können. Wenige Tage nach der Katastrophe sorgen Mittrauernde mit Kerzen für „ein Lichtermeer“ im Tunnel. Jedes Jahr zum 24. Juli gibt es hier eine Gedenkveranstaltung. Der Tunnel wird ab 23. abends gesperrt und ist für begrenzte Zeit nur für die Angehörigen offen, um ihnen einen angemessenen Rahmen zum Trauern und stillen Gedenken zu geben.

Für Jörg Helmrich war in den Monaten nach dem Unglückstag „Scham das vorherrschende Gefühl“: Er sieht sich als „Teil dieser Mannschaft, die es nicht hingekriegt hat, den Einsatz ohne Verletzte und Tote zu beenden“. Dazu kam Angst: die Furcht davor, selbst Gegenstand der Ermittlungen und „für das ‚Versagen‘ zur Rechenschaft gezogen zu werden“. Zwar war die Feuerwehr zu keiner Zeit Gegenstand polizeilicher Ermittlungen. Aber wenn es bei einem Anruf hieß „die Kripo ist am anderen Ende“, hatte Helmrich „viel zu hohen Puls“.

Ein Nachbar sagt in der Zeit mal zu ihm: „Als ihr kamt, da wurde der Einsatz doch gut!“ Er bekennt: „Das waren Momente, die mir gut getan haben.“ Auch seine Ehefrau Claudia ist eine wichtige Stütze. Sie stellt ihm die Frage, was er anders gemacht hätte, wenn er für jede Entscheidung eine Stunde Zeit zum Überlegen gehabt hätte. „Nichts“, antwortet er. Und doch: Am Ende standen 21 Tote – „da kann man nicht sagen: der Einsatz lief gut“.

Nach anderthalb Wochen Pause hat Helmrich damals die Arbeit wieder aufgenommen: „Das war auch gut.“ So konnten sie als Kollegen über das Erlebnis sprechen, nicht ständig, und auch mal „um unsere Wunden zu lecken“, räumt er ein. Vor allem aber, um in einer vertrauensvollen Atmosphäre über die Ereignisse sprechen zu können: „Das war auch ein Stück Familie und hat mit einigen Kollegen enger zusammengeschweißt, bis heute“, sagt er.

Anklage und Vergebung

Jetzt sitzt er ein paar Autominuten vom Tunnel entfernt in einem Park, Vögel zwitschern, und Helmrich denkt laut darüber nach, warum ihn der Besuch an der Gedenkstätte heute nicht so stark angefasst hat. „Weil ich jetzt in Zivil unterwegs bin“, überlegt er. Vor einem Jahr, im Juli 2018, war es anders: Spontan wollte er da – erkennbar – in Dienstkleidung zur Gedenkveranstaltung, ist aber umgedreht. „Auch heute hätte es mir in Dienstkleidung nicht behagt“, sinniert er. Kommt er also immer noch nicht ganz aus diesen Klamotten raus? Er nickt.

Wesentlich findet er allerdings eine Erfahrung, von der er auch erzählen will: Jörg Helmrich, der sich auf seinem Facebook-Profil als „Ehemann, Vater, Familienmensch, Christ und Firefighter“ charakterisiert, der Mitglied einer Baptistengemeinde in Mülheim ist, wo er seit diesem Jahr E-Bass spielt, der gern an der Ruhr spazieren geht, um den Kopf freizukriegen – er hat nach vielen, vielen Monaten, in denen er mit sich gerungen hat, „tatsächlich einen inneren Frieden gefunden, den Gott mir schenkt“. Seine Frau hat ihm in den Zeiten des Zweifelns den Satz gesagt, der schon viele Menschen getröstet und einen Halt gegeben hat: „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Wieder nickt er. Aber erst 2014, vier Jahre später, als er im Neuen Testament – zum x-ten Mal – den Bibelvers studiert, in dem von dem „Frieden Gottes“ die Rede ist, „der den menschlichen Verstand übersteigt“, da kapiert er: Ich muss „aus der Endlosspirale“ der Sorgen, zermürbenden Fragen und Selbstanklagen „aussteigen und Gott beim Wort nehmen – der meint das wirklich so“. Also hat er „einen Deal gemacht“ – und zu Gott gebetet: „Ich überlasse dir die Sorgen – den Rest musst du machen. Und Gott hat mir deutlich gemacht: Okay. Läuft!“, lacht Helmrich. „Ich bin ein nüchterner Typ, aber diese Aussage erzeugt in mir eine regelrecht wohlige Wärme.“

„Da ist mein Kind umgekommen – und die Leute werden freigesprochen?!“

Trotz der positiven Aspekte, die es gibt: Die Loveparade hat keine Chance auf ein Happy End. Als Anfang dieses Jahres sieben städtische Angeklagte im Prozess freigesprochen wurden, hat Helmrich das auch mit etwas Erleichterung aufgenommen. Zugleich versteht er, dass das für die Angehörigen der Opfer „überhaupt nicht vermittelbar“ ist; dass es furchtbar ist, wenn der Prozess – was gut möglich ist – ohne Verurteilungen beendet wird: „Da ist mein Kind umgekommen – und die Leute werden freigesprochen?!“ Nein, schüttelt er den Kopf, „was damals passiert ist, ist nicht ungeschehen zu machen“. Die Tragödie hat in der Stadt oft den Reflex ausgelöst: „Duisburg ist mehr als nur Loveparade!“ Regelmäßig zum 24. Juli „poppt das wieder hoch“, sagt Helmrich mit Verständnis. 2020 wird es wohl noch mal stärker werden, zum zehnjährigen Gedenken.

Er selbst hofft auf die heilsame Kraft der Vergebung. Besonders für die Angehörigen wünscht er sich, dass sie „für sich das schwierige Kapitel Vergebung bewältigen können“. Jörg Helmrich sagt das nicht ohne Grund. Er hat selbst Vergebung als „Heilmittel, das so einen schlimmen Verlust zumindest verkraftbarer macht“ erfahren. Kein leichter Satz. Und doch wünscht Helmrich sich, „dass Menschen den Gott kennenlernen, der Vergebung möglich macht“.

Totgeburt – Das berührende Tagebuch eines Papas

Als Emma zur Welt kommt, hat ihr Herz bereits aufgehört zu schlagen. Vater Oliver Helmers schreibt sich den Schmerz von der Seele.

7.1. Es ist absurd: Wir haben das süßeste Kind der Welt, aber niemand gratuliert. Wir halten unsere schwarzhaarige Emma auf dem Arm. Dass wir trotz allem in diesem Moment glücklich sind und Fotos machen wie andere Eltern auch, verstehen nur die, die ähnliches erlebt haben. Emma ist unser erstes Kind. Alles war in Ordnung, doch fünf Tage zuvor konnte die Ärztin keinen Herzschlag mehr finden. Unser Leben im falschen Film hatte begonnen.

13.1. Emmas Beerdigung: Fast 200 Menschen folgen uns zu Emmas Grab. Sie stehen hinter uns, im wahrsten Sinne des Wortes, und das tut gut. Genauso wie die Sonne, die an diesem eiskalten Wintermorgen auf den kleinen Holzsarg scheint.

DAS SCHWEIGEN DER MÄNNER

14.1. Mit Emmas Tod erlischt der Anspruch auf Elternzeit. Während meine Frau Mutterschutz hat und gerne wieder arbeiten würde, um wenigstens ein bisschen Normalität zu finden, geht für mich die Arbeit wieder los, obwohl ich lieber zu Hause bliebe. Natürlich hat jeder Verständnis, dass ich neben der Spur bin, fahrig und vergesslich wirke. Trotzdem: Bei der Arbeit muss ich als Pfarrer funktionieren. Aber wie soll man das, wenn das eigene Kind gestorben ist?

15.1. Im Internet: Ich schreibe „Totgeburt“ in die Suchmaske und sehe Bilder, die ich nicht sehen will: Bilder von toten Kindern und ihren unglücklichen Eltern. In einem amerikanischen Forum lese ich von Kurt, der zwanzig Jahre nach der Geburt seines Sohnes immer noch eine Kerze zu seinem Geburtstag anzündet, oder von Francis, der 72 Fotos von seiner Tochter gemacht hat und zehn Jahre später die schlechten Lichtverhältnisse im Kreißsaal verflucht. In diesen Geschichten fühle ich mich verstanden. Komischerweise schreiben in deutschen Internetforen nur Frauen. Doch Halt, die Beiträge von Micha sind richtig gut. Erst später merke ich, dass dies die Abkürzung für Michaela sein muss. Das Schweigen der Väter ist mir ein Rätsel. Warum wird Trauer totgeschwiegen?

EIN KOLLEGE OUTET SICH

17.1. Ein Kollege der obersten Führungsschicht schreibt mir eine Trauerkarte. Er kondoliert, aber nicht nur das: Auch er hat ein totgeborenes Kind. Seine Offenheit beeindruckt mich. Dass er während der Fahrt in seiner Dienstlimousine ausgerechnet mir schreibt, berührt mich. Und dann noch handschriftlich … Es gibt wenige Männer, die heute offen über Trauer schreiben: Im 19. Jahrhundert hat Friedrich Rückert 428 (!) Lieder über seine zwei toten Kinder Luise und Ernst geschrieben. „Kindertodtenlieder“ hat er sie genannt. Nicht gerade ein Liederbuch, zu dem man schmissige Griffe auf der Gitarre findet. Man könnte meinen, dass 1823 die Kindersterblichkeit so hoch war, dass der Verlust eines Kindes weniger ausgemacht hätte als heute – aber wie tief muss Trauer sein, wenn ein Mann 428 Gedichte über seine toten Kinder schreibt?

20.1. Ich gehe spazieren. Es beginnt zu regnen. „Emma weint“, denke ich allen Ernstes und frage mich schon im nächsten Moment, ob ich nun verrückt werde … Je zügiger ich durch den Regen gehe, desto stärker fühle ich mich auf der Suche nach unserer Tochter – als würde sie sich nur hinter einem Gebüsch verstecken oder am anderen Ende des Weges auf mich warten. Verliere ich den Verstand?

NIEMAND FRAGT, WIE ES MIR GEHT

21.1. Beim Hausarzt: „Nehmen Sie Platz. Was führt Sie zu mir?“ „Unsere Tochter ist gestorben.“ Schweigen. Mein Arzt hat selber ein totgeborenes Enkelkind. „Ich fühle mich vergesslich und weiß oft nicht mal, welchen Monat wir haben. Wie lange wird das noch andauern?“ Ein verständnisvoller Blick, ein Seufzen. „Das ist normal.“ Ich fühle mich verstanden.

8.2. „Wie geht es Ihrer Frau?“ Zu dieser Frage kann man als trauernder Vater nur eine Hassliebe entwickeln. Wie gut, dass niemand fragt, wie es mir geht. Mich hinter der Rolle des Beistands verstecken zu können, gibt mir den Hauch des Gefühls, stark zu sein. Aber warum muss man eigentlich immer stark sein?

ICH FÜHLE MICH WIE EIN AUSLÄNDER

20.3. Wir treffen uns mit Freunden und reden über Gott und die Welt, nur nicht über Emma. Tote werden totgeschwiegen – was für eine bittere Erkenntnis! Als hätte Emma für unsere Umwelt nie existiert. Unsere deutsche Sprache ist verräterisch: Wir sagen „Das Kind ist da“ und tun so, als sei es im Mutterleib noch nicht dagewesen.

21.3. Ich notiere mir: „Als Trauernder fühlt man sich wie ein Ausländer, der kein Deutsch spricht. Andere bemühen sich, einen zu verstehen, aber letztendlich verstehen sie die fremde Sprache nicht.“

EIN GOTTESDIENST FÜR EMMA

27.11. Während ich am Bodenseeufer zum Konstanzer Münster laufe, fühle ich mich, als hätte ich eine Verabredung mit Emma. Im Münster findet ein Gedenkgottesdienst für Verstorbene statt. Eigentlich hätte im Programmheft der Ablauf stehen sollen, doch im Druck ist etwas schiefgegangen. „Da sind leider nur die Namen drin“, sagt die Frau am Eingang und meint damit die Namen der Verstorbenen. Nur die Namen? Wenn sie wüsste … Dass der Name in diesem Heft steht, bedeutet mir unendlich viel. Als später die Pfarrerin in diesem großen Münster Emmas Namen nennt, bin ich gerührt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ihr Name in den letzten Monaten genannt wurde, obwohl ich jeden Tag an sie denke. Emmas Name, der niemals auf einer Ehrenurkunde oder Diplomarbeit stehen wird … Ich mache mehrere Fotos von der Kirche und fühle mich wie ein stolzer Vater.

2.12. In der Gruppe frühverwaister Eltern (ein schrecklicher Name!) sitzen wir bei Kerzenschein zusammen. Sogar ein paar Männer sind dabei, natürlich nur, um ihren hilfsbedürftigen Frauen beizustehen … Das Leid schweißt zusammen und verbindet uns mit unseren Kindern. Es klingt pathetisch, aber die Namen Noah, Leander, Gabriel, die Namen der anderen Kinder, klingen für mich, als seien sie Freunde von Emma. Freunde, die auf den Spielplätzen des Himmels miteinander toben und springen. Leider sehr weit weg von uns.

DIE TRAUER AUSHALTEN

Zwei Jahre später: Ich sitze im Café und frage mich, warum ich diesen Artikel schreibe. In unserer Kultur werden Tote totgeschwiegen und damit auch die Trauer um sie. Ich schreibe das nicht verbittert, ich kann es verstehen. Auch ich habe die Sprache der Trauernden wieder verlernt. Wenn man Trauernde aber fragt, was sie tröstet, dann ist es das: „Wenn andere meine Trauer aushalten.“ Zuhören, keine Tipps geben und nicht bewerten. Aber wer kann das schon? Den Namen einer Verstorbenen erwähnen und die Tränen des Gegenübers aushalten?

Meine Gedanken werden unterbrochen: „Alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragt mich die Bedienung. Alles in Ordnung … Das ist der Grund, warum ich schreibe; wir leben in einer Kultur, in der immer alles okay ist und jeder die Frage „Wie geht’s?“ mit „Gut“ beantwortet. Es braucht Frauen und Männer (!), die nicht so tun, als sei alles in Ordnung. Es braucht Menschen, die Trauer nicht unter den Teppich kehren, sondern der Trauer Raum geben. Denn wo wir der Trauer Türen öffnen, entsteht ein Trost, der nicht zu unterschätzen ist.

Oliver Helmers lebt mit seiner Frau Anne in einem kleinen Schwarzwalddorf, wo er als evangelischer Pfarrer arbeitet. Inzwischen haben sie drei Kinder: Benjamin, Daniel und natürlich Emma.

Der Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e. V. bietet unter veid.de Hilfe für Familien, die um ein Kind trauern.