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Trotz Corona – Familienberaterin ist überzeugt: „Eltern tun ziemlich viel Heldenhaftes“

Fehler machen gehört für die Eltern- und Familienberaterin Daniela Albert zum Elternsein dazu. Warum Eltern sich trotzdem als Heldinnen und Helden fühlen dürfen, erklärt sie im Interview.

Das letzte Jahr war für viele Eltern sehr anstrengend. Was waren deinem Eindruck nach die größten Herausforderungen?

Eltern mussten Rollen einnehmen, die nicht ihre sind. Gerade im ersten Lockdown, als viele Schulen noch keine digitalen Formate hatten, mussten sie im Homeschooling Lehrerrollen übernehmen. Das oft zusätzlich zur eigenen Berufstätigkeit, vielleicht noch zur Betreuung von kleineren Kindern. Herausfordernd war auch, dass dabei viele verschiedene Rollen gleichzeitig ausgefüllt werden mussten.

Haben sich die Beratungsanfragen von Eltern an dich von denen vor Corona unterschieden?

Es werden keine anderen Fragen gestellt. Es sind schon immer ähnliche Themen. Sie sind aber zugespitzter, sie sind drängender. Wenn vorher schon eine Situation in der Familie schwierig war, dann ist es durch Corona wie durch ein Brennglas extremer geworden. Oder die Kräfte sind einfach weniger da, um es selbst zu Hause zu steuern.

Notendruck rausnehmen

Was brauchen Eltern jetzt am dringendsten?

Sie brauchen Entlastung von den verschiedenen Rollen. Auf der einen Seite finde ich es gut, dass es jetzt vermehrt digitale Formate gibt und auch Möglichkeiten, Kinder im Wechselunterricht in die Schule zu schicken, sodass Eltern aus der Lehrerrolle herauskommen. Es ist auch weiterhin wichtig, dass Eltern Befreiungsmöglichkeiten haben, zusätzliche Urlaubstage und Möglichkeiten, sich im Job zurückzunehmen, um nicht in diese starke Überlastung zu kommen. Und was Familien auch bräuchten: Dass man den Druck herausnimmt – natürlich da, wo es geht. Es ist mir klar, dass man bei jemandem, der kurz vor dem Schulabschluss steht, nicht sagen kann: Wir machen nichts mehr. Aber überall, wo es geht, würde ich mich freuen, wenn man den Notendruck und den Versetzungsdruck herunterfahren könnte.

„Ich glaube schon, dass meine Eltern Helden sind. Sie kümmern sich um mich und sind immer für mich da, wenn ich sie brauche oder eine Frage habe. Besonders jetzt in der Corona-Zeit ist das wichtig für mich, weil ich mich nicht so viel mit Freunden treffen kann. Meine Eltern versuchen, mir so viel, wie es geht, zu ermöglichen, damit es mir trotzdem gut geht.“
Johanna (10)

Wir finden, dass viele Eltern Heldenhaftes leisten – nicht nur, aber besonders in Corona-Zeiten. Viele Eltern sehen sich selbst aber nicht als Heldinnen und Helden …

Das ist traurig. Ich glaube, das liegt daran, dass sie ihren eigenen Ansprüchen oft nicht gerecht werden können. Und weil sie das Gefühl haben, sie machen das nicht richtig oder sie machen das nicht gut genug. Aber es ist jetzt wichtig, dass Eltern einen realistischen Blick auf die Situation und sich selbst werfen und sehen, dass sie viel und Großartiges leisten und dass sie ihre Rolle nicht daran festmachen dürfen, dass alles so klappt, wie sie es idealtypisch gern hätten. Die Eltern, die ihre Kinder durch die Pandemie begleiten und ihnen Stabilität geben, tun ziemlich viel Heldenhaftes.

„Ich finde, dass meine Eltern Helden sind, weil sie sich, obwohl sie so viel arbeiten müssen, gut um meine Schwestern und mich kümmern. Sie gehen auch immer mit uns nach draußen.“
Adam (10)

Du hast erwähnt, dass viele Eltern hohe Ansprüche an sich haben. Wie geht man damit um, wenn man ihnen nicht gerecht wird?

Ich finde es wichtig zu überlegen: Wo kommen die Ansprüche her? Warum glaube ich, dass ich das so und so gut machen muss? Warum glaube ich, dass mein Kind nur dann gut ins Leben kommt, wenn ich das mache, was ich mir als idealtypisch vorgenommen habe oder was man auf Instagram sieht oder in Büchern liest? Es ist wichtig, genau zu gucken, was hinter diesem Anspruch steckt. Und sich klarzumachen, dass sehr viel schieflaufen darf und anders laufen darf, als man das eigentlich gern hätte. Und dass trotzdem kein bleibender Schaden entsteht. Viele Ideale sind gut und wichtig, aber das heißt nicht, dass man sie zu 100 Prozent leben muss. Es reicht auch, wenn man sie zu 50 Prozent oder in Krisenzeiten auch nur zu 20 Prozent lebt.

In den allermeisten Familien läuft es gut

Du hast gerade den Begriff „Schaden“ benutzt. Das ist ja eine Angst, die Eltern haben. Aber welchen Schaden können Kinder nehmen, wenn Eltern etwas falsch machen?

Natürlich gibt es Sachen, die können richtig schieflaufen, und die können auch Spuren hinterlassen. Eine von Gewalt oder sehr wenig Zuneigung geprägte Erziehung hinterlässt Spuren. Und sie hinterlässt Schäden. Nur ist das in den allermeisten Familien ja gar nicht der Fall. In den allermeisten Familien läuft es aus dieser Sicht recht gut, und es sind eher die Kleinigkeiten, die mal schiefgehen. Oder es sind Phasen, in denen die Bedürfnisse der Kinder vielleicht nicht gut erfüllt werden können, wie jetzt in der Pandemie, wo sicher auch etwas hinten runterfällt.

Und wenn viel hinten runterfällt und es längerfristig ist, kann es natürlich dazu kommen, dass ein Ungleichgewicht und eine Auffälligkeit auf Seiten der Kinder entsteht. Oder dass die Kinder Probleme bekommen, auch psychischer Natur. Nur ist auch das nicht in Stein gemeißelt für das weitere Leben. Wir haben ja gerade als die Eltern, die nah an ihren Kindern dran sind, die viel Zuneigung leben und sich Mühe geben, das Familienleben instandzuhalten, immer noch Möglichkeiten, einzugreifen. Wir schreiben keine Geschichte, die wir für immer festschreiben und die dann so bleibt.

„Meine Eltern sind stark! Sie beschützen mich, und sie helfen mir immer.“
Aurelia (8)

Wann sollten sich Eltern externe Hilfe holen?

Wenn man bei seinem Kind merkt, dass ein totaler Rückzug stattfindet – nicht ein pubertätstypischer Rückzug. Wenn man gar nicht mehr ans Kind herankommt, wenn das Kind nicht mehr ansprechbar ist oder gar nicht mehr bereit ist, zu kommunizieren. Wenn es sich zurückzieht und alltägliche Dinge nicht mehr schafft. Ein Punkt, sich Hilfe zu suchen, ist immer, wenn man individuell feststellt: Ich beherrsche es nicht mehr. Ich weiß nicht mehr weiter und bin in einer Situation, wo ich dermaßen schwimme, dass es für alle Beteiligten belastend ist. Da ist es immer gut, jemanden von außen draufgucken zu lassen. Das heißt ja nicht sofort, dass man eine Therapie anfangen muss. Manchmal reicht es auch, dass einer von außen mal schaut und sagt: So und so könnte es gehen.

Keine Gefühle runterspielen!

Was ist deiner Meinung und Erfahrung nach das Wichtigste, das Eltern in herausfordernden Zeiten wie diesen tun sollten?

Aufmerksam sein! Ohne die Kinder total zu bedrängen und gerade bei größeren Kindern ständig zu gucken, was sie machen. Aber aufmerksam sein für die Signale, die Kinder senden. Und es ernst nehmen und nicht herunterspielen, wenn ein Kind sagt: „Mir geht es total schlecht.“ Oder: „Ich bin so traurig.“ Wir neigen manchmal dazu, das zu relativieren: „So schlimm ist es doch gar nicht. Du hast noch so viel im Vergleich zu anderen.“ Was objektiv stimmt, die Kinder aber subjektiv nicht weiterbringt. Wir sollten es aushalten, dass wir das als Eltern gerade nicht ändern können. Und wir sollten auf jeden Fall einen Raum geben, wo Gefühle Platz haben.

„Meine Eltern machen ganz viel für mich: alles im Haushalt, Frühstück und so weiter. Sie unterstützen mich beim Lernen. Sie machen auch besondere Sachen mit mir, zum Beispiel in Freizeitparks gehen.“
Moritz (9)

Und was sollten Eltern lassen?

Wie ich schon gesagt habe, dieses Herunterspielen von Gefühlen. Ich finde aber auch wichtig, dass wir nicht unnötig Probleme an die Kinder herantragen. Je nach Alter der Kinder finde ich es auch gut, sie vor zu vielen Informationen zu schützen. Sie sollten zwar grundsätzlich Bescheid wissen, was in der Welt passiert, aber sie müssen nicht jede neue Studie kennen und jede neue Horrormeldung. Und mit älteren Kindern, die eigene Handys oder Tablets haben, sollte man darüber sprechen, dass es zwar viele schreckliche Meldungen gibt, aber dass schlechte Nachrichten eher publiziert werden als gute Nachrichten.

Weg von der Strenge

Du hast gerade ein Buch für Eltern geschrieben: „Unperfekt, aber echt“. Was möchtest du damit erreichen?

Ich hoffe, dass Eltern durch dieses Buch ermutigt werden, sich weniger unter Druck zu setzen und es weniger perfekt machen zu wollen. Dass sie sich selbst und anderen gegenüber fehlertoleranter werden und ein Vergebungsmanagement sich selbst und ihrer Familie gegenüber etablieren. Und wirklich mal von den hohen Ansprüchen wegkommen, mit denen viele Eltern durch die Welt gehen.

„Mama und Papa erlauben mir manchmal, Filme zu gucken. Sie machen mir was zu essen. Bei den Schulaufgaben unterstützen sie mich. Für mich sind sie Helden!“
Leon (9)

Was hast du für dich in den letzten Monaten gelernt?

Ich habe für mich gelernt, dass das, was ich schon immer theoretisch geglaubt habe, wirklich okay ist. Dass es okay ist, im Familienalltag unperfekt zu sein und als Eltern Schwächen zu zeigen, übers Ziel hinauszuschießen, Fragen nicht beantworten zu können oder Fehler zu machen. Und dass es auch keinen Schaden anrichtet. Ich habe das in dieser Corona-Phase ganz besonders von meinen großen Kindern gespiegelt bekommen. Sowohl was schiefgelaufen ist und blöd war – gerade unser großes Kind ist da sehr ehrlich – als auch, dass es okay ist. Und das finde ich wunderbar, auch in dieser schwierigen Zeit so eine Rückmeldung zu bekommen und zu merken: Ich weiß nicht nur theoretisch, dass es gut ist und dazugehört, Fehler zu machen, sondern ich darf es gerade auch praktisch erleben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Bettina Wendland, Redakteurin bei Family und FamilyNEXT.