Werte und wir: Wenn man als Paar unterschiedlich denkt
Was uns wichtig ist, zeigt sich oft erst im Konflikt. Wie Paare mit unterschiedlichen Werten umgehen können, erklären die Paar-Coaches Kim und Kristian Reschke.
Es ist schon ein paar Jahre her: Kim kommt mit einer Tapetenrolle aus dem Keller und legt sie mit ein paar Stiften auf unseren Esstisch: „So, jetzt schauen wir unsere Werte an!“ Ich bin überrascht, aber erstmal zuzustimmen, hat in den letzten 20 Jahren gut funktioniert. Sie gibt mir eine Einführung ins Thema und drückt mir eine Liste mit 100 Werten in die Hand. Ich soll 25 davon, die mir wichtig erscheinen, einkreisen. Anschließend davon die 15 wichtigsten. Dann die 10 wichtigsten, dann 5. „Das sind deine Kernwerte“, erklärt sie. „Die Sachen, die dir am wichtigsten sind. Finde deine 5 – dann vergleichen und besprechen wir, warum sie uns wichtig sind.“
Die folgende Auseinandersetzung bleibt über Jahre prägend. Unter anderem finden wir heraus, dass „Sicherheit“ für mich ein hoher Wert ist. Gern versorge ich Kim mit Absprachen und Plänen. Das kommt nicht immer gut an: Denn einer von Kims stärksten Werten wird so direkt angegriffen: „Selbstbestimmtheit“. Für sie gibt es keine größere Freude als einen Tag ohne Plan. So entstehen wunderbare Ideen: ein Buch schreiben, eine Reise planen, den Job wechseln oder herausfinden, mit wie vielen Menschen frau an einem Tag plaudern kann. Nichts davon muss umgesetzt werden. Allein der Gedanke an die Möglichkeiten wirkt auf sie wie ein Energy-Drink. Ich hingegen schätze ein Geländer: nachdenken, Plan machen, umsetzen.
Ein innerer Kompass
Manche Werte sind offensichtlich, andere liegen tief verborgen, steuern dennoch unser Denken und Handeln. Vielleicht Ehrlichkeit: Merken wir nach dem Einkauf, dass ein Joghurt nicht abgerechnet wurde, gehen wir zurück, um die Schulden von 39 Cent zu begleichen. Oder Gerechtigkeit: Wird jemand schlecht oder ungerecht behandelt, sind wir da, stehen zum Opfer oder sprechen den Missstand offen an.
Das sind nur zwei Beispiele, in denen uns Werte führen. Sie bilden das Fundament unseres Handelns, und wir reagieren mit Feingefühl, wenn sie kompromittiert werden. Doch woher kommen diese ungeschriebenen, inneren Gesetze?
Woher Werte kommen
Werte und ihre Herkunft zu kennen, ist für die Partnerschaft relevant, weil ihre Ablehnung oder Missachtung Verletzungen triggern und erhebliche Wellen verursachen kann.
Zwar lässt sich kein direkter Zusammenhang zwischen der frühen Kindheit und bestimmten Werten feststellen. Dennoch lohnt sich ein Blick auf das Erlebte, um die Werte besser zu verstehen. Verhalten, das belohnt wurde, wie Fleiß oder Ordentlichkeit, wird als „gut“ abgespeichert. Mangelerlebnisse können ebenso prägen. War eine Kindheit sehr beengt, kann das zu großer Freiheitsliebe führen. Fehlte Sicherheit, kann diese ein großer Wert sein. Wurde ein Kind übersehen, wird es möglicherweise Wertschätzung als sehr wichtig empfinden. Auch Vorbilder wie Eltern, Ausbilder oder historische Personen können Werte formen. Oft entscheidend sind unsere Beobachtungen als Kind.
Jedoch können zwei Menschen Ähnliches erleben und dennoch völlig unterschiedliche Werte entwickeln. Während der eine nach einer chaotischen Kindheit Ordnung sucht, entwickelt der andere gerade deshalb einen hohen Wert für Freiheit und Unabhängigkeit.
Allerdings entwickeln sich Werte nicht nur aus dem Erlebten. Eine starke Vision davon, wer wir werden möchten, kann unsere Werte in diese Richtung verschieben. Außerdem können Werte im Lauf des Lebens ihre innere Rangliste oder ihren Auftritt verändern. Als junge Eltern spüren wir unsere Verantwortung für das Kind intensiv und vorrangig. Verlassen die Kinder das Elternhaus, rückt unsere persönliche Freiheit wieder mehr ins Zentrum. Krisen und andere Erlebnisse können unseren Fokus und unsere Prioritäten verschieben und nehmen Einfluss auf unsere Werte.
Werte und Konflikte
Manche Konflikte lassen sich erst lösen, wenn wir unter die Oberfläche schauen. Zum Beispiel kommt ein Partner wiederholt zu spät. Der andere ist genervt. Geht es um Pünktlichkeit oder ist der eigentliche Konflikt Verlässlichkeit gegen Freiheit? Respekt gegen Spontaneität? Planung gegen Flexibilität? Oder: Ein Partner gibt 300 Euro aus, und der andere wird nervös. Geht es um das Geld? Oder geht es um Großzügigkeit gegen Sicherheit? Genuss gegen Vorsorge? Gegenwart gegen Zukunft? Je härter wir solche Konflikte austragen, desto wichtiger ist uns der Wert, der angegriffen wurde. Hier müssen wir aufpassen. Denn Werte können uns verleiten, die Welt nur noch durch ihre Brille zu betrachten. Sie geben uns Sicherheit und gaukeln uns gern Wahrheit vor. Wir folgern nicht: „Ich hätte das anders gemacht“, sondern: „So macht man das nicht!“ Deswegen werden solche Werte-Konflikte schnell persönlich und emotional.
Im Streit über das Zuspätkommen oder bei ungeplanten Ausgaben haben eigentlich beide recht. Solche Konflikte sind schwierig auf der Sachebene zu lösen. Wir müssen die Etage wechseln, um gemeinsam weiterzukommen. Entscheidend ist die Frage: „Welcher Wert steht hinter der Aussage meines Partners, und warum ist dieser ihm wichtig?“ Erst wenn wir den Wert hinter unserem Handeln erkennen, verstehen wir, worüber wir streiten. Und was helfen kann, den Kreislauf zu verlassen.
Eine Möglichkeit, solche festgefahrenen Konflikte zu entschärfen, besteht darin, sich bewusst zu machen, welche Werte wir als Paar teilen und welche uns individuell antreiben.
Welche Werte tragen uns als Paar?
Als Kristian und ich uns kennenlernten, träumten wir über die gemeinsame Zukunft. Was soll uns ausmachen? Wofür wollen wir gemeinsam als Paar stehen? Damals benannten wir Säulen, die seither unsere gemeinsame Reise tragen. Folgende Fragen haben wir uns gestellt: Was ist uns offensichtlich wichtig, ohne dass wir darüber sprechen müssen? Welche Lebensweisen fallen uns natürlicherweise leicht? Die Liste war kurz, aber klar: Nah sein. Ehrlich sein. Liebevoll sein. Im Gebet legten wir diese drei Jesus vor und fühlten, dass der Wert Großzügigkeit sich ihnen anschloss. Dieses Fundament prägt uns. Teils intuitiv, teils als praktische Orientierungshilfe. Die gemeinsamen Werte sind jedoch nicht mit unseren individuellen Werten deckungsgleich. Es ist gut zu unterscheiden, was uns als Paar trägt und was die Individualität des anderen ausmacht.
Wie finden wir unsere Werte heraus?
Jedes Paar teilt bereits Werte. Fragt euch: Was fällt uns leicht? Was ist für uns selbstverständlich? Was bedenken wir zuerst? Macht einzelne Listen, vergleicht sie und kommt ins Gespräch. Am Schluss einigt euch auf drei bis fünf Kernwerte. Wenige bieten euch mehr Klarheit. Dazu lohnt es sich, sie alle paar Jahre zu überprüfen. Spiegeln sie noch eure Prioritäten? Kann man etwas wegnehmen oder ergänzen?
Unsere gemeinsamen Werte zu kennen, verhindert keine Konflikte, aber klärt, wie wir leben wollen. Sie tragen durch Entscheidungen, Krisen, Veränderungen und neue Lebensphasen. Sie geben einer Beziehung Richtung, wenn der Weg unübersichtlich wird.
Unterschiedliche Werte respektieren
Nicht jeder Wertekonflikt in einer Partnerschaft muss aufgelöst werden, und manche Unterschiede begleiten uns ein Leben lang, sorgen für Vielfalt und bringen uns langfristig sogar voran. Kim wird Selbstbestimmtheit vermutlich immer wichtig sein, genauso wie mir Verbindlichkeit und Absprachen. Früher habe ich versucht, sie zu verändern. Heute gelingt es mir besser, unsere Eigenarten auszuhalten, einzuplanen und auch zu feiern. Denn obwohl ihre Freiheitsliebe mich herausfordert, fördert sie mich. Sie fordert Vertrauen und einen positiven Blick in die Zukunft.
Außerdem hilft Humor uns beiden, um die Unterschiedlichkeit zu würdigen. Treten wir einen Schritt zurück, sehen wir nicht mehr Kim und Kristian miteinander diskutieren. Dann sitzen Freiheit und Verbindlichkeit oder Vertrauen und Vorsorge am Tisch. Dieser Perspektivwechsel löst die Schwere.
Partnerschaftliche Reife heißt, dem anderen Raum für Eigenarten zu geben. Nicht jede Andersartigkeit muss korrigiert werden. Verständnis beginnt, wo wir überlegen, warum jemand so handelt. Denn hinter dem Auftreten steht eine Geschichte. Kennen wir sie, begegnen wir ihm oder ihr mit mehr Nachsicht und weniger Urteilen. Als langjähriger Partner verstehe ich heute, dass Kim ihre ersten Jahre extrem fremdbestimmt und eingeengt verbringen musste. Sie hat beim Thema Freiheit Nachholbedarf.
Hingabe aneinander kann also heißen, auf das Durchsetzen der eigenen Werte zu verzichten. Aufgeben müssen wir sie deswegen nicht. Manchmal entscheide ich mich bewusst für Kims Freiheit, obwohl ich mir etwas anderes wünschen würde. Und mal entscheidet sich Kim für Verbindlichkeit, obwohl sie lieber spontan wäre. Denn die Beziehung in diesem Moment ist wichtiger als unsere Vorlieben.
Die Schönheit einer langfristigen Partnerschaft besteht genau darin: Die Werte des anderen nicht als Bedrohung zu erleben, sondern als Teil der Person, die wir lieben und als Wachstumschance für uns selbst. Denn nach vielen Jahren miteinander stellen wir auch fest, wie sehr die Werte des anderen uns geprägt haben. Vielleicht liegt darin einer der Gründe, warum wir uns insgeheim gerade diesen Partner ausgesucht haben.
Kim und Kristian Reschke begleiten als HerrUndFrauCoaching Paare und Einzelpersonen in allen Lebenslagen.







