UNVOLLKOMMEN GASTFREUNDLICH

Eine Gemeinde öffnet ihr Haus für Flüchtlinge. Unsicherheit und Sprachbarrieren behindern beide Seiten. Es kommt trotzdem zu Begegnungen. Einblicke von Jennifer Zimmermann.

 

Dienstagnachmittag. Ich erkunde das vertraute Gemeindecafé ganz neu. Auf einem Tisch liegen Namensschilder, ich schätze 50. Neben der Theke ein langer Buffettisch mit Kuchen, Keksen, Obst. In der Mitte des Raumes eine Traube von Menschen, die mir wohl bekannt sind, vorbereitend, beratschlagend, austauschend, Ideen wälzend, Tische schiebend. Ich merke meine eigene Anspannung. Zum ersten Mal bin ich hier, warte mit ihnen auf Gäste. Als die ersten eintreffen, ziehe ich mich in die letzte Ecke zurück. Die Luft schwirrt von der Musik unbekannter Sprachen, von den vielen vertrauten Berührungen, die ausgetauscht werden. Kinder begrüßen Erwachsene mit High Five. Und immer wieder hin und her klingend ein Satz, zusammengefügt aus den ersten gelernten deutschen Worten, den jetzt auch ein Mann – vielleicht so alt wie ich – mit ausgestreckter Hand auf mich zu spricht: „Guten Tag! Wie geht es Ihnen?“ Perplex starre ich in seine freundlichen Augen. Ich möchte sagen, dass ich aufgeregt bin und unsicher, dass ich all diese neuen Menschen kennenlernen möchte und nicht weiß, wie ich die unendlich große Distanz überbrücken soll, die sich auftut, wenn man eben auf diesen Satz nur eine einzige Antwort geben kann, die verstanden wird. „Danke, gut!“, höre ich mich sagen. „Und Ihnen?“

DIE GESCHICHTE EINES GANZEN LEBENS

Und Ihnen? Der junge Mann ist einen weiten Weg gegangen, um jetzt vor mir zu stehen und mir diese Frage nicht so beantworten zu können, wie es ihm vielleicht entspricht. Eine Geschichte von einem ganzen Leben könnte er erzählen, von einem Studium, einer Ausbildung, einer gut bezahlten Stelle als Anästhesist, als Lehrer, als LKW-Fahrer, einem sicheren Stand, seinen Erfolgen, seinen lieben Freunden, von Geschwistern, Eltern, Hochzeit und Geburten, von Freudenfesten und dem Alltag in einem mir vollkommen unbekannten Land. Und dann von Demonstrationen, vom Bürgerkrieg, von Schüssen in der Nacht, am Tag, von Toten, von der Angst um die Lieben, vom Verfolgtwerden, vom Überleben, von der Entscheidung, ein Leben zurückzulassen, sich aus der Heimaterde zu reißen, zu fliehen, von einem weiten Weg, von einem Kontingent, von Formularen. Oder von Schleppern, vom Meer, davon, wie Menschen werden können, die nicht zurück können, die man auf einem Boot zusammenpfercht ohne das Notwendige zum Leben, von Kindern im Delirium, von der Sehnsucht nach Wasser mitten auf dem Meer, vom Land. Endlich vom Land. Von Auffanglagern, Busfahrten, Verteilungen, von Längst-alles-egal. Davon, wie er landete, kurz vor Weihnachten, in einem hastig hingestellten Wohncontainer mit anderen Männern aus Syrien, aus Somalia, Familien mit kleinen Kindern aus Serbien, Albanien, aus dem Kosovo, der Ukraine – es ist ein Aufeinanderprallen der Kulturen, eine harte Landung in einem sicheren Land mit nahezu nichts im Gepäck und keinem Plan, keiner Aussicht auf die nächsten Schritte.

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