„Wir werden beobachtet“

Caro Moussa erlebt Anteilnahme und Fürsorge.

Die meisten Menschen, die in unserer Straße wohnen, tun das schon seit vielen Jahren; manche von ihnen sogar schon ein Leben lang. Frau Lüding von gegenüber zum Beispiel: Seit 84 Jahren lebt sie auf demselben Abschnitt zwischen Landgrafen- und Markgrafenstraße. Drei Häuser entfernt von ihrer jetzigen Wohnung ist sie geboren. Sie kennt jeden hier, weiß, wer wie lange in welchem Haus wohnt, wer einen Garten hat und wie sorgfältig er ihn pflegt. Sie gratuliert den Supermarktverkäuferinnen zum Geburtstag und kann berichten, wie es der Zahnarzttochter in Kanada geht.

Frau Lüding ist einer der Menschen, die seit ein paar Jahren zu meinem Leben dazugehören wie der Spielplatz um die Ecke. Sie ist eine meiner Nächsten. Und wenn vormittags die Jalousie bei ihr nicht hochgeht, dann mache ich mir Sorgen … Dabei könnte es auch ganz anders sein: Kurz nachdem wir hierher zogen, traf ich Frau Lüding beim Einkaufen. Sie schwärmte, wie süß mein Mann gestern Abend mit unserer Tochter im Wohnzimmer getanzt hätte. Ich war baff – nicht nur, weil wir von unseren Nachbarn beobachtet wurden, sondern vielmehr, weil Frau Lüding keinen Hehl daraus machte. Sie sagte es mir völlig frei ins Gesicht. Und genau das gab damals den Ausschlag dafür, dass ich mich bedankte (irgendwie war es ja wohl als Kompliment gemeint) und ihr erzählte, wie gern der Papa nach der Arbeit mit seiner Großen durch die Wohnung tobt.

Dass man beobachtet wird, mag verstörend sein für jemanden, der nicht gewohnt ist, sein Privatleben ohne den Facebook-Filter zu teilen. Auf der anderen Seite wirkte die Tatsache, dass Frau Lüding so offen damit umging, irgendwie auch beruhigend auf mich. Ganz so, als sei es normal zu wissen, was der Mensch im Haus gegenüber tut. Als einmal der Rettungswagen bei uns vorfuhr, waren die Lüdings die Ersten, die neben der Fahrertür standen und nach unserem Wohlergehen fragten. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass sie das nicht aus Sensationslust getan haben, sondern aus echter Sorge. Und das betrifft wohl die meisten Dinge, die meine Nachbarn von sich geben: Ihre Nachfragen und Kommentare sind nicht böse gemeint. So sieht gelebte Gemeinschaft nun mal aus: Jeder macht sein Ding. Wenn das Ding gut läuft, sind alle froh und beglückwünschen sich. Aber wenn dieses Ding irgendwem schaden könnte, dann macht man sich gegenseitig darauf aufmerksam. Man teilt seine Erfahrungen. Das kann ich nicht nervig oder belästigend finden (naja, manchmal …). Das ist soziale Fürsorge. Und die lerne ich von den Lüdings gegenüber.

Caro MoussaCaro Moussa lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in Dortmund.
Sie ist Redakteurin bei TEENSMAG.

 

 

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